Hinweis: Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit, Klett-Cotta 2020

Dem neuen Philosophiemagazin ist als Werbung eine Leseprobe eingeklebt. Auf 16 Seiten erhalten wir hier einen guten Einstieg in das neue Buch von Wolfram Eilenberger. Er versteht es, anschaulich und kunstvoll auf den Kontext des philosophischen Denkens und Schreibens hinzuweisen. Wenn Philosophie ein Lebensereignis ist, dann müssen wir uns den Kontext immer noch dazu denken. Der Zeitraum, um den es hier geht, ist die Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1943. Hier geht es um Jean-Paul Satre, der mit Simone de Beauvoir zusammenlebt, der ein Sachbuch über die menschliche Psyche schreibt und zugleich einen Roman entwirft, „Melancholia“. Die Feministin Simone ist eher in einer Krise. Hinzu kommt nun eine junge Studentin russischer Herkunft, die hier schlicht Olga genannt wird. Die Dreierbeziehung hat für Simone de Beauvoir den Vorteil, Jean-Paul Satres auf dem Weg in den Wahnsinn herauszuholen, in den er sich durch Meskalinexperimente gebracht hat.

Der nächste Abschnitt beschreibt Ereignisse fast 10 Jahre später, 1943. Simone Weil, die zuerst den Eltern nach New York gefolgt ist, siedelt nach England über, um sich der Befreiungsarmee des General Charles de Gaulle anzuschließen. Sie möchte einen militanten Frauenverband gründen, um als Krankenschwester der Front möglichst nahe zu sein, im Geist der Jungfrau von Orleans. Da sie aber für diesen Auftritt den Generalen zu schwach erschien, wurde sie mit Denkarbeit beauftragt und bezog ein Hotelzimmer in London.

Schon diese kleine Zusammenfassung macht deutlich, dass das Schreiben philosophischer Text in einen politischen wie einen persönlichen Kontext gehört, der nacherzählt werden soll. In der Nacht der tiefsten ideologischen Verdunklung wurde der Weg zu einem neuen Denken geebnet der sich vor allem mit Namen von Philosophinnen verbindet: Simone de Beauvior, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand.

Rezension: Christoph Fleischer, Welver 2020

Predigt Genesis 2, 4-9 u. 15 , Der Mensch als Teil einer großen Ordnung, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Liebe Gemeinde,

es gibt Geschichten, die wir Menschen brauchen, um nicht an den nackten Wahrheiten der Wissenschaften zu Grunde zu gehen. Es gibt Erzählungen, die bleiben, wohingegen sich die Erkenntnisse der Wissenschaften wandeln und zu immer neuen Wissensgeschichten führen. Glauben und Wissen schließen sich nicht aus, sondern bleiben notwendig aufeinander bezogen. Die Wissenschaft braucht den Glauben als Begrenzung, damit sie nicht selbst zum Glauben wird und der Glaube braucht Sprache: Verstehen, Vernunft und Wissen, damit er kommunizierbar ist.

Der Glutkern der biblischen Geschichte von der Erschaffung des Menschen wärmt, brodelt und glüht bis heute. Der Mensch ist Teil einer großen Ordnung, Teil eines großen Ganzen und hat darin eine besondere Aufgabe.

 

Gott macht den Menschen aus Staub von der Erde

„Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub.“

Wir sind aus Erdenstaub gemacht. Wir sind irdisch, wir sind Teil der Erde. Unser Körper ist aus Elementen der Erde zusammengesetzt. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Unsere Existenz ist leiblich, ist irdisch, ist bedürftig, ist vergänglich. Wir sind Leib. Den Menschen gibt es nur im Plural. Wir brauchen Nahrung, Berührung, das soziale Miteinander. Da wir leiblich sind, sind wir wie die Erde den äußeren Bedingungen der Umwelt ausgesetzt. Wir wachsen, wir blühen, wir vermehren uns, wir werden geprägt durch Wind und Wetter, durch Erziehung und Teilhabe und am Ende vergehen wir wie eine Blume auf dem Feld. Der Leib ist uns als Existenzform vorgegeben.

 

Vom Odem des Lebens beseelt

Wir sind nicht nur Leib. Wir sind beseelter Leib. Mit dem Odem Gottes wird der Leib zum Leben erweckt und bleibt lebendig. Solange wir atmen sind wir lebendig, aber Atmen allein als lebenswichtige Funktion des Körpers beschreibt den Vorgang des zum Leben erweckten Menschen rein mechanisch. Dadurch, dass Gott seinen Odem in die Nase des Menschen bläst, wird der Leib aus Erde beseelt. Die Seele des Menschen ist sein Geist. Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes aus Leib, Seele und Geist. Wir sind leib-seelische- geistige Wesen.

 

In den Garten gesetzt

Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden. Das sollte sein Lebensraum sein.

Ein Garten ist ein Stück befriedeter Natur. Es wächst und blüht. Alles hat seine Ordnung. Der Garten ist geschützt. In diesem geschützten Garten Gottes ist der Mensch zu Hause. Von Anfang an gehört zum Menschsein schöpferische Arbeit. Die Schönheit des Gartens soll erhalten bleiben. Der Garten wird gehegt und gepflegt. Kultur und Kunst gehören zum Menschsein. Die besondere Aufgabe des Menschen als Teil der Schöpfung ist es, den Garten zu bebauen und zu bewahren.

 

Liebe Gemeinde,

wie aktuell diese Geschichte ist, dass Gott dem Menschen die Aufgabe zugeteilt hat, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, brauch ich gar nicht ausführen.

Wir leben zwar nicht mehr im Garten Eden (im Paradies) und der geographische Ort des Garten Edens, der im heutigen Irak und Syrien liegt, ist  von Panzerspuren durchfurcht, liegt in Trümmern und ist zerstört, – genau das Gegenteil von einem blühenden Garten! –, der Pflanzen, Bäumen, Tieren und Menschen Schutz gewährt, doch der Auftrag bleibt, auch dieses Stück Land wieder zum Blühen zu bringen. In der Erzählung vom Anfang liegt auch eine Verheißung für heute und morgen.

 

Sein zum Tode

Der Mensch, eingedenk seiner Sterblichkeit und der Gefahren des Todes, eingedenk auch der Gewalt, der Machtspiele, der Ungerechtigkeit, lebt in Sorge. Für den Philosophen Martin Heidegger ist die Sorge die Existenzform des Menschen. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, der um seine Endlichkeit weiß. Diese Sorge wird von Martin Heidegger herausgearbeitet als „Sein zum Tode“. Diese Sorge macht ihn nicht nur produktiv, um Gefahren abzuwehren, sondern lähmt ihn auch, blockiert sein Bewusstsein, lässt ihn resignieren.

Wie sehr die Sorge um sich greift und Menschen besetzt, erleben wir gegenwärtig in der Corona-Pandemie. Unabhängig davon, wie wir die Gefahren der Pandemie einschätzten und abzuwehren versuchen, streben wir eine Sicherheit an, die möglichst absolut sein soll. Es gibt aber nur relative Sicherheit. Es gab noch keine Zeit im Leben der Europäer, die so sicher war wie heute. Doch durch vermeintliche Steigerung der Sicherheit im Namen der Gesundheit wird die Sorge nicht kleiner, sondern immer größer. Was das für langfristige Folgen für uns als Gesellschaft hat, ist noch gar nicht abzusehen.

 

Sein zum Leben

Unsere Erzählung von der Erschaffung des Menschen erinnert uns an den Anfang und an die Bestimmung des Menschen. Der Mensch ist eine leib-seelisch-geistiges Wesen und lebt in den guten Ordnungen Gottes. Dass es Tag und Nacht gibt, die Jahreszeiten, dass die Welt sich weiterdreht und Gott das Leben erhält ist ein unendlicher Trost in aller Sorge, Trauer und Angst. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko dichtet:

Die Nacht

In der das Fürchten

Wohnt

Hat auch

Die Sterne und den Mond

 

Der christliche Glaube setzt der Sorge das Vertrauen in Gottes Treue entgegen. Es ist das Vertrauen, dass Gott, der gute Schöpfer, seine Schöpfung erhalten wird. Jetzt ächzt, stöhnt und seufzt die ganze Schöpfung, wenn aber die Kinder Gottes offenbar werden (Paulus), die, die heute gegen allen Augenschein bauen und bewahren, dann wird eine neue Schöpfung geboren: Das Alte wird vergehen, Neues wird werden und das nicht erst am Ende der Zeiten, wo Gott seine ganze Schöpfung heimholt, wo wir in Einheit und Frieden leben werden, sondern schon heute, hier und jetzt, wo Menschen die Sorge hinter sich lassen und ihre Bestimmung schöpferisch tätig zu sein, leben.

 

Wir sind begrenzt und haben Grenzen. Wir sind irdisch und haben für die Erde eine Verantwortung. Wir sind himmlisch, mit Seele und Geist ausgestatten – in Verbindung mit Gott – wir können vertrauen. Amen

 

 

 

Predigt Apostelgeschichte 6,1-7, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis: Wie eine Gemeinde funktioniert

 

Liebe Gemeinde,

die Frage, wie die Aufgaben in einer Gemeinde verteilt werden, stellt sich uns dringend. Jetzt, wo die Finanzen unserer Gemeinde coronabedingt eingebrochen sind, aber auch auf längere Sicht strukturell weniger werden, stellt sich diese Frage umso drängender. Die Frage ist auch damit verbunden, was gerecht ist. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Mehrzahl Kirchenbeamte und als erstes fein raus. Wir müssen nicht um Reduzierung unserer Arbeitszeit oder gar um unseren Arbeitsplatz fürchten, anders sieht es schon bei den Angestellten unserer Gemeinde aus. Lässt sich Arbeit umschichten, können Arbeitsbereiche aufgegeben werden, müssen Arbeitszeiten und Verträge wegen Geldmangels gekürzt werden? Eine hochbrisante Frage, die uns umtreibt, die zu Konflikten führt, weil es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt, wenn es um Menschen und die Frage nach Gerechtigkeit geht. Schnell kommt es zu Verletzungen, Resignation und Rückzug. Dazu kommt noch, dass die Menschen, die um eine Lösung ringen, unterschiedliche Ansichten und Bilder von Gemeinde haben. In der Tat müssen wir uns bewegen – alle – und manches Liebgewordene anders organisieren oder uns gar davon trennen. Allein schon der Druck zur Veränderung macht Angst und verunsichert. Auch die Frage der Macht spitzt sich zu. Wer schmiedet mit wem Pläne und versucht diese durchzusetzen?

In der Tat finde ich es tröstlich, dass uns in der Apostelgeschichte schon von der ersten Gemeinde in Jerusalem von einem Konflikt berichtet wird. Auch in dem so oft verklärten Leben der Urgemeinde – wenn wir nur so glaubten und lebten  wie die ersten Christen, würde alles besser sein – ging es von Anfang an nicht ohne handfeste Konflikte ab. Kirche und Gemeinde sind keine konfliktfreien Räume, so sehr wir uns das wünschten. Die große Sehnsucht danach in einer Gemeinschaft zu leben, die sich versteht und gut miteinander umgeht, hat vielmehr in vielen Gemeinden dazu geführt, möglichst Konflikte zu vermeiden oder gar nicht erst anzusprechen. Es gibt kaum mehr öffentliche Auseinandersetzungen, schon gar nicht auf Synoden.  Es ist gar nicht so einfach, den Finger in die Wunde zu legen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Oft ist geäußerter Unmut ein erster Hinweis, dass Veränderungen nötig sind.

Zuerst geht es also um das Hören – und das Aufeinander hören – wie so oft. Und da fängt die Schwierigkeit schon an. Können wir wirklich noch hören, hinhören, was der Einzelne oder eine Gruppe sagt oder sind wir schon bei den Antworten und Lösungen und übertreffen uns darin?

Jedenfalls ist in der Jerusalemer Gemeinde das Wunder des Hinhörens geschehen. Die griechischen Witwen wurden erhört. Sie wurden bei der Versorgung mit Lebensmitteln übergangen. Sie wurden gegenüber den einheimischen hebräischen Witwen benachteiligt.

Das zweite Wunder in Jerusalem war, dass die Gemeinde erkannt hat, hinter dem Übersehen liegt ein strukturelles Problem. Die Apostel, die auch die Lebensmittel in der Gemeinde verteilten, waren überfordert. Das lag weniger an ihnen als Personen als an der übergroßen Aufgabe, allen bedürftigen Gemeindegliedern gerecht zu werden.

Wenn wir das nur in den Blick bekämen, dass bei allen Mängeln, die Personen mit sich bringen, es Strukturen sind, die überfordern, die zu Ungerechtigkeiten führen, die demotivieren und oft in den Burnout führen, dann wären viele Aufgabe immer noch eine große Herausforderung, aber wir wären ein Stück leichter und würden uns nicht offen oder unbewusst mit Schuldvorwürfen überhäufen.

Liebe Gemeinde,

ich habe in meiner langen Gemeindetätigkeit leider schon viele Menschen erlebt, die sich als Ehrenamtliche oder als Mitarbeitende sehr engagiert haben, dann aber sich wegen anhaltender Konflikte zurückgezogen haben, enttäuscht waren, dass in einer christlichen Gemeinde ungerecht miteinander umgegangen wird. Sie konnten Ideal und Realität nicht mehr zueinander bringen. Es ist viel leichter Menschen für Konflikte verantwortlich zu machen, als hinter den streitenden und oft verletzten Personen die Macht von strukturellen Problemen in den Blick zu nehmen.

Das Wunder geschieht in Jerusalem und es kommt zu einer Arbeitsteilung. Die Apostel werden entlastet. Sie sollen vorranging im Gebet und „beim Dienst des Wortes“ bleiben, wie es Martin Luther so treffend übersetzt. Daraus ist später in vielen Kirchenordnungen die Formulierung für Pastoren als „Diener am Wort“ geworden. Leider ist diese schöne Formulierung aus unserer rheinischen Kirchenordnung verschwunden, als die Synode eine gendergerechte Überarbeitung der Kirchenordnung verabschiedet hat. Die Sache aber bleibt hochaktuell wie der Prozess „Zeit fürs Wesentliche“ zeigt. In diesem Prozess sollen die Presbyterien mit den Pfarrpersonen vereinbaren, wie Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Zeit für das Wesentliche ihres Berufes verwenden können. Dazu gehört dann auch, dass sie bereit sind Aufgaben abzugeben und gegenüber der Gemeinde, gemeinsam mit dem Presbyterium vertreten wird, warum eine Pfarrerin oder ein Pfarrer nicht mehr alles macht, sondern ihren/seinen Dienst fokussiert.

Nichts anderes ist in der Jerusalemer Gemeinde geschehen. Die Apostel sollten beim Wesentliche bleiben. Damit die Ungerechtigkeit bei der Essensverteilung unter den Witwen aufhört, wurde das Amt des Diakons geboren. Sieben Männer wurden gewählt, die diesen Dienst übernahmen. Ihnen wurden durch die Apostel die Hände aufgelegt. Sie wurden für ihren Dienst gesegnet.

Später im 19. Jahrhundert, in Zeiten der sozialen Verelendung durch die beginnende Industrialisierung, wurde dieser gemeindlich diakonische Dienst – den, ich betone es hier, besonders oft Frauen ausgeübt haben – durch Johann Wicherns Rede auf einer Kirchenkonferenz mit den Worten: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ zur Wesensäußerung der Kirche. Die ersten Schritte zu einer strukturellen Armenfürsorge wurden geschaffen unter dem Namen Innere Mission, im 20. Jahrhundert wurde daraus das Diakonische Werk.

Liebe Gemeinde,

ich bin froh, Mitglied eines Presbyteriums zu sein, dass sich mit aller Kraft und viel Kreativität den Herausforderungen unserer Zeit stellt. Wir ringen um Lösungen. Das ist nicht konfliktfrei. Es würde uns allen guttun, zuerst hinzuhören und wahrzunehmen – wirklich zu hören – zu gewichten und abzuwägen und erst dann zu entscheiden. Beten Sie mit uns für gerechte und zukunftsfähige Weichenstellungen.

Gottes Geist leite uns und öffne uns allen die Ohren

Amen

Rezension als Interview mit Rakì, Christoph Fleischer, Welver 2020

Lieber Herr Rakì,

Ѕibenik ist eine schöne Stadt und, wie überhaupt Dalmatien, sehr reizvoll. Wir sind 1987 zu einer Jugendfreizeit in Vodice gewesen und dabei mit dem Boot an Sibenik vorbei zu den Krk-Wasserfällen gefahren. Ich stand barfuß mitten im Bach unter einem Feigenbaum und dachte, ich sei im Paradies.

Dieses Bild hat für mich das Büchlein wachgerufen. Dafür danke ich Ihnen.

Die Durchweg kurz gehaltenen Sprüche sind aber schon eher sachlich und fragen nach Sprachlogik: Ludwig Wittgenstein schrieb den Satz: „Die Welt ist was der Fall ist.“

Ich denke, dass Ihre Sprüche so ähnlich verstanden werden. Dazwischen steht die Konjunktion. Sie fragt also nach dem Dazwischen, dem Zwischenraum, der Raum läßt und doch zu einer Aussage findet.

Sie bestätigen meine Assoziation zu Nietzsche. In einem kleinen Ausstellungskatalog aus Weimar wird die Arbeit an den Aphorismen in einem Notizbuch dokumentiert. Aphorismen sind so gesehen nah am Alltag.

Die Weisheit verbindet Alltag und Wissen, Gefühl und Logik. Dieser Weg muss weitergehen sorgen Sie mit dem zeitlosen Notizbuch, alphabetisch geordnet.

Liebe Grüße

Christoph Fleischer,

Lieber Herr Fleischer, 

herzlichen Dank für Ihre Worte. 

Die kleine Lebensweisheit für jedermann, kürzest möglich und unabhängig von Kulturraum und Bildungsniveau … und ein gewisser Zauber, der das Herz des Lesenden trifft … Das vor allem war mein Anliegen bei meinen Kleinen Wahrheiten. Auf dass sie das Herz des Menschen erfüllen und sich durch den strengen Alltag mit ihm wagen. Eine kleine Stütze dem Menschen an die Hand geben, einen Ratgeber mit menschlichem Blick … Zeitlos sein, was bedeuten kann: Die Möglichkeit des Überzeitlichen zu schaffen. Ob mein Büchlein in zweihundert Jahren gelesen wird, ist fraglich … – doch möglich. An manchen Tagen, aber ja, schielt es bei einem Regal nach oben, zu den Büchern von Publilius Syrus und La Rochefoucauld. „Ob ich von ihnen aufgenommen werde“, fragt es sich. Und träumt, dass sie ihn warmherzig empfangen. Eines Tages …

Herzlichst,

Rakì 

 

Lieber Herr Rakì,

schmunzelnd muss ich an die Persees denken oder an so manches Goethewort. Heinrich Heine verpackt die Sprichwörter in seine Lyrik, z. B. „den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“ (Wintermärchen). 

Doch noch eine Frage. Der Buchtitel erinnert mich in einer Hinsicht an das Motto meiner Homepage: Der schwache Glaube: „Das Buch der kleinen Wahrheiten.“ So wie ich den starken Glauben meide, weil er selbstsüchtig macht, so meidest Du die großen Wahrheiten. Doch was genau ist hier der Unterschied zwischen groß und klein? Ich glaube es geht darum, die Referenz nicht von außen zu erfragen, von Gott, dem Volk und anderen Größen, sondern die Referenz im Klang der eignen Worte zu finden und in deren Kontext. Kleine Kritik daran wäre, dass die Einprägsamkeit des Pathos fehlt. Aber es lohnt sich, hier immer wieder nach Resonanz zu fragen.

Ach, fast vergessen: Karl Rauch Verlag, das steht für mich für den kleinen Prinzen. Was hältst Du von de Exupery?

Herzlichen Grüße und Danke für das Interview.

Lieber Herr Fleischer, 

in der kurzen Zeit auf diesem Erdballen, mit den unscharfen Sinnen, die uns gegeben sind … der Abhängigkeit vom Lebensrhythmus … durch das schlagende Herz, den pochenden Puls, die Rippchen, die sich mit der Atmung auf- und abbewegen … Ach, was ist da der Mensch? Zu wie viel Wahrheit ist er im Stande? Vor allem sind seine Wahrheiten klein und bescheiden, und dienen ihm, seine Welt zu ordnen, zu strukturieren, mit ihr zu spielen. Die Wahrheit scheint ein kleines Spiel unseres Geistes; wir glauben an sie, und doch: Sie scheint bei jedermann ein wenig anders, und bald zu verschwinden. In der Jugend habe ich andere Wahrheiten wie im Alter. Und vor der Geburt? Und nach der Geburt? Ach, eine kleine Wahrheit … keine grosse, keine aufdringliche Wahrheit … daran mag ich mich gerne halten. Ein Zuckerbrot für den Geist, keine Peitsche … das macht die Kleinen Wahrheiten süss und bekömmlich. Ob der „Kleine Prinz“ ein Klassiker geworden wäre, hätte er sich „Großer Prinz“ genannt? Vor allem die Bescheidenheit, die Kurzlebigkeit unserer Gedanken, die Zurückhaltung im Allgemeinen … das könnte eine nette Haltung, eine Bedingung für manches Glück und Wohlwollen sein … Und doch: Eine „Grosse Ehre“ mit dem „Kleinen Prinzen“ abgelichtet zu werden (siehe Anhang). Mal schauen, wie viele Jahre wir uns die Hand geben dürfen … bevor der erste von uns im Nichts verschwindet …  

Wärmstens, 

Rakì

War Hölderlin ein Pantheist? Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2020

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen, legenda Q, o.O. 2020, ISBN 978-3-948206-03-1, € 16,90 (Hardcover).

„Wer ist Friedrich Hölderlin?“, fragt Vf. (S. 8, 44) in seiner Neuerscheinung zum 250. Geburtstag des Dichters. Die Frage ist zugleich Programm, stellt sie doch nicht eine Einleitung in eine weitere der zahlreichen Hölderlin-Biographien dar, sondern sie versucht anhand vielfältiger Texte aus dem Werk und Schaffen des Dichters dessen Denken, seine Botschaft und Visionen und ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit zu erschließen. Hölderlin war wie sein Zeitgenosse Ludwig van Beethoven durch die Ereignisse der Französischen Revolution geprägt. Der Zusammenbruch der Alten Welt (54, 99, 180) und der Silberstreif der Freiheit am Horizont weckten Hoffnungen und Sehnsüchte, die aber im Blutrausch der Revolution nicht zum Ziel kamen. Die Frage nach dem Verhältnis von Chaos und Ordnung stellte sich in einem völlig neuen Kontext, ja sie entwickelte sich zur Herausforderung auch für das eigene Sein. Als Mensch und als Dichter war Hölderlin auf der Suche nach Sinn und Orientierung wie so viele seiner Zeitgenossen. Im Rückgriff auf den antiken griechischen Geist verstand er sich als priesterlicher „Sänger des Heiligen“ (10, 180) und „Sprachrohr der Götter“ (180). Die alten Götter sind vergangen. Es gilt vielmehr eine neue Epiphanie (213, 235) des Göttlichen zu verkünden. Apoll, der Gott der Heilung, des Lichtes und der Künste, „der Gott der Dichter, der Stifter der guten Ordnung, der Sachwalter der Schönheit“ (60), wird zum Prinzip der Ordnung, Dionysos repräsentiert das „ heilige Chaos“ (215), oder anders: die dunkle Nacht, in der alle Unterscheidungen verwischt sind, „ist der Uterus, aus dem ein neuer Tag geboren wird, von dem aber noch niemand sagen kann, was er bringen wird“ (198, vgl. 210). In dieser Spannung sieht sich Hölderlin, hat aber zugleich als Ziel die Vergöttlichung des Menschen vor Augen (142). Nicht eine rational-philosophische Religion kann dies bewirken, sondern eine neue Mythologie (55), durch die „eine lebendige, menschliche und freie Ordnung“ (193) Gestalt gewinnt. Hölderlins Roman Hyperion liest sich wie ein Entwurf dieser neuen Religion, die nicht in eine Jenseitigkeit entführt, sondern in die „liebende Hingabe an diese physische, lebendige Welt“ (121). Hölderlin versucht, den unseligen Hiatus des neuzeitlichen Menschen zwischen res cogitans und res extensa (Descartes) zu heilen, der Vernunft, Wille und Tugend auseinanderfallen lässt (118). Freiheit des Geistes kann nicht in der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen bestehen, noch darin, dass kantianisch Verstand und Gefühle gegeneinander ausgespielt werden, sondern nur darin, dass „die Entfremdung des Geistes von der Natur rückgängig“ gemacht wird (107). Es geht um das platonische hen kai pan, das Eine, das sich in allem in unterschiedlicher Weise manifestiert (244, 239), dass im Naturerleben das „Ich“ konkret wird (117).

War Hölderlin also ein Pantheist? Zweifellos hat er Anteil am idealistischen Freiheitsdenken. Aber es geht ihm nicht darum, das autonome menschliche Subjekt aus der Rückbindung zu der Welt, in der er lebt, zu lösen, sondern es sprachfähig zu machen (202) für das Sein in dieser Welt (122), für das, was uns im Kern anrührt (202), oder mit den Worten Tillichs, für „das, was uns unbedingt angeht“ (139). Karl Marx hat diese Entfremdung des Menschen von sich selbst kurz darauf in ökonomischer Hinsicht thematisiert. Gerade darin sieht Vf. aber die wegweisende Bedeutung Hölderlins für unsere moderne Welt: „Wir sind in der urbanen Zeit des Marktes, des Rauschens der Wagen, des künstlichen Lichte“ (196) im Bann einer grenzenlosen Technik- und Ökonomiegläubigkeit (104) mit verheerenden Folgen wie Umweltzerstörung und Klimawandel (169), Dinge, die der späte Heidegger bereits 1947 im Humanismusbrief voraussah und kritisierte, die aber auch angesichts der Fridays-for-Future-Bewegung und der Corona-Pandemie brandaktuell sind.

Kann Hölderlin uns sprachfähig machen, damit wir das Ziel unseres Strebens in den Dienst einer neuen „Ordnung des Lebens“ (112) stellen)?

Hölderlin selbst bleibt freilich eine tragische Figur in seinem visionären Anliegen. Vf. sieht Hölderlins psychische Erkrankung als eine „Krankheit…spiritueller Art“ (86) an, denn „er sah zu viel von dem, was niemand sonst zu sehen vermochte“ (90), woran er ver-rückt wurde, oder anders: woran sein Ich zerbrach (92). Sinnbildlich dafür mag seine leidenschaftliche und letztlich doch gescheiterte Liebe zu Susette Gontard, der er einst sein Gedicht Diotima gewidmet hatte (63). Diotima, eine Figur aus Platons Dialog Symposion, wird zur Metapher für die unauflösliche Verbindung von „Glück und Schmerz, Liebe und Leid“ (77). Sie, die „im Einklang mit der sie umgebenden Natur“ (138) lebt, erwächst neben Apoll und Dionysos zum Idealbild „heilsame[r] Transformation des Menschen“ (140), in der der Mensch, von Liebe und Schönheit getragen, seine Rückbindung (religio) zu sich selbst und damit grenzenlose Freiheit erfährt. Dieses Ziel hat Hölderlin nicht erreicht, vielleicht bleibt es auch gänzlich unerreichbar.

Abschließend beantwortet Vf. die eingangs gestellte Frage so:

„Wer ist Friedrich Hölderlin? Nun wissen wir es: Er ist ein Sohn der Erde – zu lieber gemacht, zu leiden. Und eben deshalb ein Dichter, dessen Herz durch Leid und Liebe so gefestigt und gereift war, dass er sich befugt wusste, unter Gottes Gewittern zu bestehen und vom Göttlichschönen der Natur zu künden: zu erleuchten wie Apoll.“ (74).