„Todtnauberg“ – das Gedicht, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

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Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg, Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung, dtv Verlagsgesellschaft, München 2020, gebunden mit Lesebändchen, 350 Seiten, ISBN: 978-3-423-28229-1, Preis: 24,00 Euro

Link: https://www.dtv.de/buch/hans-peter-kunisch-todtnauberg-28229/

 

Durch Zufall finde ich in einem öffentlichen Bücherschrank einen kleinen Reiseführer über den Schwarzwald, erschienen bei Bertelsmann, Gütersloh 1972, also in etwa der Zeit, in die das Buch von Hans-Peter Kunisch die Leserinnen und Leser führt. Der Eintrag Todtnauberg besteht nur aus drei kurzen Sätzen: „Todtnauberg (1021m, 900 Einwohner), das 3 km abseits der Talstraße liegt. Das hübsche Bergdorf mit seiner unverkennbaren Schwarzwaldszenerie am Südhang des Feldbergs liegt nebelfrei und ruhig über ein weites Wiesengelände verstreut. Bis zu den Schweizer Alpen reicht die Sicht.“ Die Landschaft auf dem Buchcover passt zu dieser Beschreibung.

Sieht man zusätzlich kurz ins Internet, muss man das hier genannte „Wiesengelände“ als Ski- und Wintersportgebiet bezeichnen, mit Loipen und Liften durchzogen, heute eher vom Tourismus geprägt, als von der Landwirtschaft. Es gibt z. B. einen Wanderweg, der nach Martin Heidegger benannt ist. Obwohl von Freiburg aus recht gut erreichbar, ist die Lage am Südhang des Feldbergs schon recht abgelegen.

Nun zur Lektüre: Im Mittelpunkt der Erzählung von Hans-Peter Kunisch steht ein Ausflug zur Hütte Heideggers, wobei der Weg hin mit zwei VW-Käfern zurückgelegt worden ist. Er bedient sich was den Ausflug angeht bei diversen Aufzeichnungen zweier Augenzeugen. Die Literatur ist im Literaturverzeichnis des Buches belegt.

Dabei soll es auf der Rückbank zwischen Heidegger und Celan recht schweigsam zugegangen sein. Stellt man sich dann aber den recht steilen und in zahlreichenden Serpentinen verlaufenden Fahrweg vor, der zudem an einigen Stellen ein beachtliches Panorama bietet, so ist es schonverständlich, dass die Zeit für tiefgehende philosophische Gespräche hier noch nicht gekommen ist.

Wann sollte aber das von Celan im Gedicht anvisierte Gespräch stattfinden, bei dem das „auf eines Denkenden kommendes Wort im Herzen“ ausgesprochen worden wäre (Gedicht „Todtnauberg“, hier S. 172)?

Bezeichnend ist allerdings an der Erzählung von immerhin 350 Seiten, dass die Biographie Paul Celans in etlichen Facetten geschildert wird. Bei seiner Lesung am 24. Juli 1967 in Freiburg sollen an die tausend Besucherinnen und Besucher anwesend gewesen sein und der prominente Philosoph Heidegger habe in der ersten Reihe gesessen. Im Vorfeld habe Heidegger den Dichter und Übersetzer Celan regelrecht protegiert, indem er die Buchhandlungen der Stadt gebeten hat, im Schaufenster Bücher von Celan zu dekorieren.

Das Gedicht „Todtnauberg“ entstand quasi in Auswertung des auf die Lesung folgenden Ausflugs in den Schwarzwald. Der kurze Besuch in Heideggers Hütte, der aber nicht ohne einen kleinen Fußmarsch zu haben war, hatte wohl den Hintergrund, seitens Heidegger Celan um den bereits genannten Eintrag ins Gästebuch zu bitten. Der anschließende Besuch ins Moor musste wegen eintretenden Regens und unpassenden Schuhwerkes abgebrochen werden.

Das Buch ist hier sehr ausführlich und schildert auch einige Details der Ausflüge, auch des zweiten Besuchs im Moor, das dann aber nahe der B 500 im Südschwarzwald lag und mit Heideggers Hütte und Todtnauberg nichts mehr zu tun hatte.

Die Gespräche der Teilnehmenden und die Zusammensetzung der Gruppe werden sehr detailliert geschildert, nicht aber aus der Phantasie des Erzählers, sondern den Quellentexten einiger Teilnehmer. Dass darauf Paul Celan ein oder mehrere Gedichte machen würde, war wohl auch erwartetet worden. Es war wohl üblich, dass Celan Reiseerfahrungen und Begegnungen in lyrischer Gestalt aufzeichnete, so hat er auch eine recht bald folgende Israelreise dokumentiert.

Immer wieder geht es im Buch darum, dass Celan eine mündliche oder vielleicht sogar eher schriftliche Stellungnahme Heideggers erwartet habe, die aber so wie erwartet nicht eintraf. Einen vorhandenen Brief Heideggers, in dem dieser sich für den Einzeldruck des Gedichts „Todtnauberg“ bedankte, ließ allerdings Celan sogar unbeantwortet.

Auch wenn das Buch von Hans-Peter Kunisch auf die Person Martin Heideggers eingeht und seine fragwürdige Verflechtung in den Nationalsozialismus thematisiert, liegt die Perspektive der Erzählung übe weite Züge hinweg bei Celan, für den der Termin des ersten Schwarzwaldausflugs eine Art „Freigang“ während einer längere psychiatrischen Behandlung war, der sich Celan in Paris auch auf Wunsch seiner Familie immer öfter unterziehen musste.

Die Frage, auf welches Wort Heideggers Celan wirklich gewartet hat, muss bis zuletzt offenbleiben. Hätte er wirklich über die eigene Verflechtung reden sollen oder wäre es eher eine Art allgemeines Schuldbekenntnis geworden, das dann wohl auch die Anteilnahme am Schicksal von Pauls Celans Eltern einbezogen hätte, die im KZ umkamen?

Doch die biografische Tiefe des Buches im Blick auf Paul Celan lässt auch hierbei einen Charakter erscheinen, der nicht nur allgemein historisch oder politische, sondern auch persönliche Schwierigkeiten offenbart. Celan hatte immer wieder Kontakt zu Überlebenden aus Czernowitz und war bemüht, dabei auch seine eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Am Ende des Buches stirbt Celan im Jahr 1970 in den Fluten der Seine, was eher auf einen Suizid als einen Unfall deutet, da er als guter Schwimmer galt.

Die Verzweiflung Celans ist allerdings keine Reaktion auf das fehlende Wort Heideggers. Welche dunkle Seite lag in der eigenen Biografie? Was ist daran, dass inzwischen Belege dafür aufgetaucht sind, dass das bekannte Gedicht „Todesfuge“ ein Plagiat gewesen sein könnte? (Die Quellentexte dazu sind im Buch belegt. Paul Celan lagen Texte eines damaligen rumänischen Freundes vor, die Formulierungen der Todesfuge wörtlich vorwegnehmen.)

Klar ist, dass das Buch selbst hier auf der erzählerischen Ebene keine Antworten geben kann. Obwohl die Quellen gut belegt sind, die Hans-Peter Kunisch heranzieht, so muss man das Buch insgesamt doch eher als historisch-biografische Erzählung bezeichnen.

„Todtnauberg“ ist ein sehr gründlich recherchiertes und zugleich einfühlsam erzähltes Buch. Ein bedeutender Dichter und ebenso bedeutender wie zugleich zweideutiger Denker haben eine denkwürdige Begegnung am Südhang des Feldbergs erlebt, ohne sich bis zuletzt darüber auszutauschen.

Die Antwort auf die immer wieder thematisierte Frage, ob mehr möglich gewesen wäre, muss bis zuletzt offenbleiben. Aber offensichtlich hat Pauls Celans Dichtung eine Sprache gefunden, die Gefühle und Gedanken offenlegte und anzusprechen vermochte. Diese wieder mehr zu lesen, lädt Hans-Peter Kunisch ein.

Zum gleichen Thema:

Werner Hamacher zu Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Berlin – durch die Kneipentür betrachtet, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

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Helmut Krausser, Zur Wildnis, 45 Kurze aus Berlin, bis auf drei Texte zuerst erschienen als monatliche Kolumne in der ZITTY, Wagenbach Taschenbuch 814, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, Taschenbuch, 155 Seiten, ISBN: 978-3-8031-2814-0, Preis: 11,90 Euro

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Der bekannte Schriftsteller Helmut Krausser (geb. 1964) lebt in Berlin und verbringt seine Freizeit in einer Gaststätte in Neukölln, wo er Backgammon spielt. Dadurch wird er Zeuge oder Mitwirkender von Begegnungen, in denen „Die Wildnis“, Neuköllner Eckkneipe, zum Brennglas des zeitgenössischen Berliner Lebens wird. Darauf soll auch der Bezug zur Zeitschrift ZITTY hinweisen, einer Berliner Programmzeitschrift.

In einem der letzten Texte des Buches überschrieben mit „Der Texaner“ wird das System der Backgammonturniere genauer erläutert. In der „Wildnis“ braucht man nicht mit Geldscheinen zu protzen, da der Einsatz pro Runde nur 2 Euro beträgt.

Der Text schildert, was passiert, wenn ein Mitspieler vergisst, die Spielschulden zu bezahlen, zumal er zuvor als Spielexperte aufgetreten ist. Es folgt eine Kneipendebatte über Fair Play, Ehre und Ritterlichkeit. Doch das Gute an der Gaststätte „Wildnis“ ist, dass solche Debatten oft ohne Konsequenzen bleiben.

Manchmal, wenn es besonders hoch hergeht, gibt Manni, der sozial eingestellte Wirt der „Wildnis“, eine Lokalrunde, um die Gemüter zu beruhigen. Auch in diesem Fall hatte der Texaner ja, wenn schon nicht die Spielschulden, aber wenigsten das Geld für seine große Fanta bezahlt.

Ich lese das Buch „Die Wildnis“ von Helmut Krausser wie eine Sammlung kurzer Milieustudien für einen seiner nächsten Romane. Die Kneipe gibt genügend Beispiele für das tägliche Leben, oder auch für einzelne Worte. Ein Beispiel dafür: „Neuerdings wird behauptet, man dürfe das Wort ‚Gutmensch’ nicht mehr benutzen, nur weil es ein paar Dumpfbacken als Kampfvokabel im Mund führen, wobei sie es regelmäßig grundfalsch verwenden. Für mich war es immer ein brauchbares Wort, folgendermaßen definiert: Ein Gutmensch war jemand, der sein Gutsein vor sich hertrug, aber im Grunde nicht wirklich altruistisch war.“ (S. 33)

Bezeichnend für den Anspruch von Schriftstellern an Sprache und Literatur sind nicht nur der Umgang mit Sprache in einer aktuellen Öffentlichkeit, sondern auch der kreative Umgang mit Begriffen. So kam eines Tages in der „Wildnis“ eine Diskussion darüber auf, ob Kartoffelsalat ausschließlich mit Zwiebeln hergestellt und angeboten werden darf. Aus einer lapidaren Bemerkung wird für den Autor eine philosophische Andeutung: „… denn der Makel an der Zwiebel ist die Blähung. Schrieb ich mir sofort auf, den Satz. (…) Beinahe Heidegger.“ (S. 102)

Es hat sich für den Schriftstelle Helmut Krausser gelohnt, seine Eckkneipe „Die Wildnis“ mit dem Backgammonspiel und auch seinem Notizbuch zu besuchen.

Auf Helmut Kraussers Hobbies Backgammon und Schach geht auch das Internet an anderer Stelle ein. Ob es das Lokal „Die Wildnis“ wirklich gibt, muss von hier aus offenbleiben. Der Inhalt der Texte ist so authentisch, dass er auch woanders vorkommt. Auch ein Vergleich zum Ruhrgebiet wäre angebracht.

Der Berliner Alltag ist wahrscheinlich subtil angefüllt mit thematischen Impulsen, die man früher eher mit den Weisheiten der Taxifahrer in Verbindung gebracht hätte. Doch leider sucht man die Zeitschrift ZITTY inzwischen vergeblich am Kiosk. Die Printausgabe wurde im Frühjahr 2020 eingestellt.

Vom Regenbogen lernen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

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Jando: Die Weisheit des Regenbogens, Wegweiser des Herzens, Mit Illustrationen von Antje Arning, KoRos Nord, Bad Zwischenahn 2020, gebunden und farbig illustriert, 155 Seiten, ISBN: 978-3-945908211, Preis: 13,99 Euro

Link: https://jandoautor.com/2020/05/14/die-weisheit-des-regenbogens-wegweiser-des-herzens/

  

Wie einen Kuchen mit aromatisierten Rosinen durchziehen  das Buch immer wieder kleine, weisheitliche Sprüche, die der Erzähler oft seinem Vater zuordnet. Es sind Leitworte des Lebens, die immer zur nächsten Generation weitergegeben werden.

Wir verstehen damit das Leben als ununterbrochenen Lernprozess. So heißt es im Vorwort des Erzählers: „Ich habe gelernt, dass man manchmal nur eine schützende Hand braucht, die einen hält, und ein liebevolles Herz, das einen versteht.“ (S. 9)

Und so gebe ich im Folgenden einige Stichworte zur Geschichte dieses Buches, natürlich ohne die Pointe oder den Spannungsbogen des Buches vorweg zu nehmen.

Malin verbringt seit ihrem vierzehnten Geburtstag immer wieder mal ein Wochenende auf einem Reiterhof. An einem Wochenende vor Ostern ereignet sich ein plötzlicher Wintereinbruch. Malin tobt mit ihrem Hund Ava im Schnee herum.

Doch sie merkt nicht, dass sie sich in Gefahr befindet, rollt auf die Straße und kollidiert mit einem Auto. Beide, Ava und Malin überleben den Unfall schwer verletzt. Die Konsequenzen des Unfalls sind schmerzhaft.

Malin, die im Krankenhaus erwacht, hat Angst um ihren Hund Ava. Ihre Mutter Sina trifft eine gute Entscheidung. Sie bucht eine Woche Urlaub auf einer kleinen Insel. Dort leben sie bei Bent, der einen Rettungshof für Hunde betreibt. Bent wird auch an anderer Stelle als „Hundeversteher“ bezeichnet. Er wird mehr und mehr zur Hauptperson des Buches.

Jando gelingt es hierbei immer wieder, sensibel und einfühlsam das Leben als Beziehungsgeflecht erfahren zu lassen. Menschen und Tiere werden füreinander zu Stützen und Hinweisgebern.

Hier kommt auch Bents Vater Ohlsen ins Spiel. Er ist Leuchtturmwärter und rät seinem Sohn, sich nach dem Tod seiner Ehefrau wieder dem Leben neu zuzuwenden. Er lädt Malin auf den Leuchtturm ein, wodurch Sina und Bent einige Stunden gemeinsam verbringen können.

Doch die Sache wird kompliziert, so, als ob das neue Leben kaum mehr als ein bloßer Traum wäre.

Jando fasziniert nicht nur durch die Darstellung von Personen und Tieren, sondern auch durch die Schilderung von Ereignissen, die den Atem stocken lassen und Dramatik in die Geschichte bringen.

Der Sinn des Lebens bleibt unverfügbar und ereignet sich dennoch spürbar. Die Farben des Regenbogens symbolisieren das Beziehungsgeschehen. Weisheitliche Stichworte halten die Mutworte fest, die als Perlen immer wieder Elemente des Sinns in die Erzählung bringen .

Mein Fazit: Jandos Buch, wie schon seine Bücher vorher, trifft das Herz von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen. Jandos Bilder auf seiner Homepage, die ihm mit seinem Hovawart „Sunny“ am Ufer eines Sees frühmorgens zeigen, passen gut zur Erzählung des Buches und lassen Bent und Jando zu einer Person verschmelzen.

Ohne weiter ins Detail zu gehen, spüre ich eine tiefe lebensgeschichtliche Erfahrungsbasis des Autors, die zu wesentlichen Erkenntnissen führt: Lerne mit den Verletzungen zu leben und sei immer offen für die Zukunft. Sieh deine jetzigen und zukünftigen Beziehungen als Quelle der Hoffnung an.

Instagram: https://www.instagram.com/p/CCX7d3vo4wG/

Predigt zum dritten Sonntag nach Trinitatis, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

An Gott gedacht in schwieriger Zeit

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili­gen Geistes. Amen.                                                                                                  

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat; der Bund und Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände. Amen.

Zum dritten Sonntag nach Trinitatis grüßen wir uns mit einem Bibelvers aus dem Lukasevangelium, der uns durch diesen Tag und durch diese Woche begleiten soll und will. Im 19. Kapitel des Evangeliums heißt es im 10. Vers: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“                                                                                              

Welch ein großes Wort der Gnade! Eröffnung einer Lebensperspektive, wo viele noch nicht einmal den Blick auf den nächsten Schritt wagen, ihn gar für möglich halten. GOTTES Blick auf einen jeden Einzelnen von uns vermag unser Leben grundlegend zu verändern. GOTTES Blickrichtung der Demut begegnet der menschlichen Blickrichtung des Hochmuts, der Leistungsstärke, der jeder zu genügen hat, will er nicht der Be – und Verurteilung anheimfallen, wenn er die geforderten Leistungen und Normen nicht erfüllen kann. Er begegnet also durchaus allen, die durch die Maschen des Netzes der Leistungsgesellschaft gefallen sind. Er begegnet allen, die auf unterschiedliche Art und Weise das Kreuz des Lebens in übergroßem Maß tragen müssen. Das sie zu den Gebeugten und Mühseligen der Gesellschaft, der Zeit, des Tages macht. Zumindest immer wieder einmal. GOTTES Blickrichtung der Demut begegnet aber eben auch all denen, die sich von diesem System des „immer mehr“ gefangen nehmen lassen, ohne zu merken, wie sie sich dabei nach und nach immer mehr selbst verlieren, zu Verlorenen werden. Das Hamsterrad von: Immer höher, immer schneller, immer weiter… es wird durch SEINEN Blick angehalten. Und alle, die sich darin gefangen fühlen, sind eingeladen, zur Ruhe zu kommen und „sich erquicken“ zu lassen.

Darüber möchte ich mit Euch an diesem Morgen, oder wann immer Ihr das lest, nachdenken. Euch einladen, zur Ruhe zu kommen. Und Gemeinschaft zu fühlen. Auch über eine räumliche Distanz hinweg.

Wenn ihr mögt, nehmt Euch ein Gesangbuch und singt oder summt es mit. Oder logt Euch bei Youtube ein, wo dieses Lied auf vielfältige Weise  hinterlegt ist, das uns auf unserem Weg immer wieder, nicht nur am heutigen Tag und in dieser Woche, sondern vielleicht sogar als grundsätzlicher Trostanker auf unserem Weg durch das Leben begleiten will: (EG 353)

„Jesus nimmt die Sünder an. Saget doch dies Trostwort allen,
welche von der rechten Bahn auf verkehrten Weg verfallen.
Hier ist, was sie retten kann: Jesus nimmt die Sünder an.

Wenn ein Schaf verloren ist, suchet es ein treuer Hirte;
Jesus, der uns nie vergisst, suchet treulich das Verirrte,
dass es nicht verderben kann: Jesus nimmt die Sünder an.

Kommet alle, kommet her, kommet, ihr betrübten Sünder!
Jesus rufet euch, und er macht aus Sündern Gottes Kinder.
Glaubet’s doch und denket dran: Jesus nimmt die Sünder an.

Jesus nimmt die Sünder an; mich hat er auch angenommen
und den Himmel aufgetan, dass ich selig zu ihm kommen
und auf den Trost sterben kann: Jesus nimmt die Sünder an.“

 

In Ehrfurcht und Demut treten wir an die Seite SEINES Volkes und beten mit unseren jüdischen Schwestern und Brüder Verse des 103. Psalms: „Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist SEINEN heiligen Namen. Lobe den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat: der dir all deine Sünde vergibt und heilt alle diene Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt it Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.                                                  

Der HERR schafft Recht und Gerechtigkeit allen, die Unrecht leiden. ER hat SEINE Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel SEIN Tun. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. ER wird nicht für immer hadern, noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt ER SEINE Gnade walten über denen, die ihn fürchten.            

So fern der Morgen ist vom Abend, lässt ER unsere Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“ (Ps. 103, 1 – 13)

Wir beten: Ewiger, ferner und doch auch so unendlich naher, in mir wohnender Gott:  Bevor ich in der Frühe erwache, hat dein Licht schon die Welt umarmt. Bevor ich einen ersten Finger rühre, rührt mich dein Ruf: Du sollst leben! Heute. In jedem Augenblick dieses Tages. Bewusst und unbewusst. Ich schenke Dir jeden Augenblick. Ewige, ferner und doch auch so unendlich naher, in mir wohnender Gott: Du bist mein Bevor, du bist mein Danach, im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich leben, blühen und reifen. Im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich aussteigen aus dem Hamsterrad des Müssens und der Zwänge. Im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich mich aufmachen, hinein in das Leben hinein. Hinein in dich, der du das Leben bist. Dafür danke ich dir immer wieder neu. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Wenn ihr mögt, hört hinein in das Lied:

Gott sieht mich an

https://youtu.be/hqHvRs3jtZY

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

„Gott sieht mich an jetzt und heute. Gott ist bei mir – morgen und immer. Das ist gut. Das ist gut. Das ist gut.“ — Ist es das wirklich? Seit mehr als 10 Tagen ringe ich mit dem Predigttext des heutigen Sonntags. Wie gerne hätte ich ihn beiseitegelegt, zu Gunsten von Textsequenzen aus der vergangenen Woche. Johannistag, am 24.06. „Er muss wachsen. Ich aber muss abnehmen.“ Ja, das hätte gepasst. Warum? Es hätte mich und IHN ins rechte Licht, ins rechte Verhältnis zueinander gerückt. —–                                                    Confessio Augustana am 25.06. Eine, wenn nicht DIE Grundlegung des lutherischen Bekenntnisses nach dem Thesenanschlag, Ausschlaggebend für die Schmalkaldischen Artikel zehn Jahre später. „Du Mensch Gottes, jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens….“

Ja, auch das hätte gepasst. Ich wäre ja ausgezeichnet gewesen. Aus der Menge der Masse hervorgehoben. Du Mensch Gottes. Ich wäre auf besondere Weise angesprochen gewesen. Auch dort, wo vielleicht sonst niemand das Gespräch mit mir mehr suchen würde. Ich wäre wer. Aber wäre ich damit wirklich der, der ich sein soll? Mensch Gottes? „Jage nach…“. Tue ich das nicht jetzt schon? Tag für Tag? Minute für Minute? Immer mehr, immer weiter, immer schneller, immer höher hinaus? Dann eben nur mit anderen Adverbien oder Werten?                           

Und plötzlich, beim Kreisen um mich und mein Tun, bei meinem Bemühen um den richtigen Platz in deiner Ordnung,  tut sich doch irgendwann die Frage auf: „Wo begegne ich tatsächlich Dir, Gott? Wer bist Du? Wo (wer) ist solch ein Gott, wie Du?“                             

Unser Predigttext für diesen Sonntag steht im Alten Testament im Buch des Propheten Micha im 7. Kapitel:

„ 18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“

Wo begegne ich tatsächlich Dir Gott? —- Mitten in meiner Schuld!   

Im Ringen um diesen nicht einfachen Predigttext, deshalb nicht einfach, weil er mich eben nicht heraushebt aus der Menge desr Schöpfung und der Geschöpfe, mich aber dennoch zu einem Mensch Gottes macht, bin ich dankbar für den Austausch, den ich mit Menschen in einer Facebook – Gruppe haben durfte, die auch in der Verkündigung stehen, und um ihre eigenen Antworten suchen und gesucht haben.                                                                         

Ein Bild, das ich hier jetzt einfügen möchte hat mich von Anfang an berührt, nicht mehr losgelassen. Auch, wenn das Meer ja gar nicht in unserem Predigttext vorkommt. Von der lieben Kollegin aber als Ihr Bild wunderbar erklärt worden ist:

Am Anfang steht auf einmal die grundsätzliche Frage: „Wo gibt es Gott?“ —- Ich werde Jahre zurückgeworfen. Als junger Mensch wurde ich einmal auf dem Weg zu einer kirchlichen Veranstaltung von einer Frau gefragt: „Wie kannst Du an diesen Gott glauben? Wo war er in Auschwitz, Terezin, Treblinka? Wo war er, als mein Kind vom Auto überfahren wurde?“ Fragen auf dem Seitenstreifen der damaligen B55, auf dem ich lediglich nach dem Weg zur Kirche gefragt hatte. Fragen, auf die ich damals für diese Frau keine zufriedenstellende Antwort geben konnte. Vielleicht auch, weil sie sich schon lange festgelegt hatte in ihrer Überzeugung: Angesichts der Schoah, angesichts des vielfältigen Leides auch in unseren Tagen, kann es einen Gott, einen gnädigen und barmherzigen sogar, doch gar nicht geben.  Aber dennoch:                                                                                  

Dieses Bild heute gibt, endlich auf wunderschön verständliche Weise eine Antwort auf diese Frage: „Im Meer, dort, wo es am tiefsten ist“. Ja, und eigentlich gehört hier ein Ausrufezeichen hin.                             

Gott ist da. In allem, was uns widerfährt. In allem, in dem wir schuldig werden. Aber auch in allem, in dem Andere an uns schuldig werden. Wir brauchen nicht zwingend selber in blindem Eifer aktiv zu werden. Es reicht, ruhig zu werden und zu bitten: „HERR führe Du und leite meinen Weg nach DEINEM Wort…“                                      

Wir sind verwiesen auf unser Schuldigsein und Schuldigwerden. Aber, es wird uns als Umwege unseres Lebens zugestanden. Und wir werden nicht darin verhaftet. Davon erzählt das bekannte  Evangelium dieses Sonntags, das nachzulesen ich Euch herzlich einlade: Lukas 15, 1 – 32. Die meisten kennen es unter der Überschrift des „verlorenen Sohnes“. In Anlehnung an meinen Konfirmator möchte ich lieber vom „wiedergefundenen Vater“ sprechen. Umwege und Abwege im Leben werden uns zugetraut und zugemutet. Aber eben auch die mutige Entscheidung umzukehren. Zurückzukehren. Fehler einzugestehen. Und das Schöne: Wir werden genau dann mit offenen Armen empfangen und mit einem Festkleid ausgestattet. Und jeder, auch der, der uns gram ist, wird eingeladen zum Festmahl.  Gott ist also auch und gerade da, wo das, was wir unsere Sünde nennen uns am meisten belastet und eventuell sogar anklagt. Kommt her zu mir alle… Bei mir ist (trotz allem) die Fülle des Lebens. Gottes ausgebreiteten Arme, die uns voller Liebe zu sich ziehen und in sich bergen, sind die ausgebreiteten Arme des Mannes am Kreuz, der all unsere Last und Sünde trug, damit wir befreiter in und durch das Leben gehen können. Nicht in Beliebigkeit unseres Handelns. Sondern in der Gewissheit, dass unsere Schuld uns nicht endlos anklagen kann, darf und wird. Trotz mancher Verfehlungen sind und bleiben wir reingewaschen durch das Blut des Lammes, der einem jeden von uns in einem letzten Gnadenwort zusagt: Wahrlich noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.                                                              

Ein letzter Gedanke, den ich meiner Lektüre über Martin Buber in den letzten Tagen zu verdanken habe ist mir noch wichtig: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen.“                        

Trotz allem was war und gewesen ist: Gott nimmt uns in SEINEN Dienst. Abraham bricht auf aus seines Vaters Haus. Allein auf Gottes Geheiß hin. Er und seine Nachfahren werden Zeugen der Gegenwart  – auch des mitunter verborgenen – Gottes. Eben auch und gerade in den dunkelsten Stunden des Lebens.                                         

Und dann ist da noch Jakob. Er nimmt den Kampf auf mit Gott. Er ringt. Tag und Nacht… würden wir heute sagen. Er ringt. Gegen alle Chance. Aber vielleicht ändert sich diese ja bei ihm im Verlauf des Kampfs. „Ich lasse DICH nicht. DU segnest mich denn.“ Als Gottgeschlagener, ein Leben lang hinkend, aber dennoch als Gesegneter geht er aus diesem Kampf heraus.                                     

Gott ist da. Mitten im tiefsten Meer, das uns zu ertränken droht. Mitten im tiefsten Meer, in das wir eintauchen müssen, um tatsächlich gereinigt zu werden, ist ER da.  ER, der ohne eigene Schuld über das Wasser geht reicht uns seine Hand und fragt uns: „Wovor hast du Angst? Ich bin bei Dir, alle Tage, bis an das Ende der Welt.“ Und darüber hinaus…

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Könnt ich’s irgend besser haben als bei dir, der allezeit
soviel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit?
Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut:
mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab,
sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

 

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne Dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden. Amen

Bleibt wohl behütet und gesund. Ich denke an Euch. Auch im Gebet.