Vom Lernprozess der Quanten-Physik, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019


Zu: Lars Jaeger: Die zweite Quantenrevolution, Vom Spuk im Mikrokosmos zu neuen Supertechnologien, Springer Verlag Deutschland, Berlin 2018, 561 Seiten, ISBN (print): 978-3-662-57518-5, Preis: 22,98 Euro

Zunächst eine Vorbemerkung: Als ich mein naturwissenschaftliches Abitur gemacht habe, führte mich mein Weg zur Theologie. Es kam mir wie ein Themenwechsel vor. Dass gerade darin eine Verbindung liegen könnte, hätte ich damals nicht gedacht.

Gerade diese Verbindung zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft taucht in der Diskussion um die Quantenphysik immer mal wieder auf und wird von Lars Jaeger aufgegriffen. Es geht ihm um die nötige Versachlichung dieser Wahrnehmung, aber auch darum, sie nicht missbräuchlich zu verwenden. 

Interessant sind diese Querverbindungen zur Philosophie, die aber nicht mit „Quantenesoterik“ oder einem „Tao der Physik“ verwechselt werden dürfen. Diese Interpretationen werden als Versuche gewertet, die Quantenphysik zu vereinnahmen. 

Anders geht es der Frage nach dem Sein in Religion und Philosophie, wie etwa ein Diskurs über das Denken der Buddhismus im Vergleich mit den Erkenntnissen der Quantenphysik verdeutlicht.

Der Autor Lars Jaeger (Supermacht Wissenschaft, 2017) schildert im Buch die geschichtliche Entwicklung der modernen Physik wie einen fortlaufenden Krimi. Manche Namen sind bekannt: Einstein, Bohr, Schrödinger, Heisenberg und andere. 

Doch wer oder was war „Schrödingers Katze“? Kein Tierversuch, sondern ein logischer Beweis quantenphysikalischer Regeln. Leider stirbt die Katze, wenn das Gedanken-Experiment geklappt hat. 

Es geht nach Lars Jaeger in der Quantenphysik nicht in erster Linie um ein Verständnis für Astronomie, was für mich persönlich immer eine Assoziation zur Relativitätstheorie war, sondern um eine Erfahrungswelt im Mikrobereich, in der die Regeln der Newtonschen Physik, von der Schwerkraft dominiert, nicht gelten.

Es gibt demnach zwei völlig verschiedene Welten der Physik, die Welt der vordergründig erlebbaren Phänomene und die Welt der kleinsten Teilchen, die dennoch über die technischen Erfindungen mehr und mehr relevant werden.

Wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dargelegt, aber auch Machtspiele und Intrigen der Wissenschaftler, deren Ergebnisse nicht immer deckungsgleich waren oder Aspekte ausblendete. Nebenbei ist das Buch ein Who-is-Who der Nobelpreisträger.

Das größte Problem der Physik ist trotz aller erheblichen Fortschritte noch nicht gelöst, wird aber als lösbar angesehen. Es ist die Frage des Übergangs zwischen Mikro- und Makrophysik, der vor allem für Fortschritte in der Computertechnologie, aber auch jede Art von Anwendung nötig ist. Da die Regeln der Mikro- und Makrowelt völlig verschieden sind, muss es zu einer technisch-praktischen Anwendung eine Brücke zwischen diesen physikalischen Welten geben. Für mich war es aber wichtig zu lesen, dass die Ergebnisse der Quantenphysik meistens durch Experimente bewiesen werden konnte, wenn auch zum Teil erst Jahre später.

Überraschend war, dass auch die Genetik zu den Ergebnissen der Quantenphysik gehört. Wenn damit die weitere Entwicklung unter Einbeziehung der Biologie denkbar ist, wird es zugleich spannend wie gefährlich, wenn man z. B. an die Veränderung des Erbguts und andere Manipulationen denkt. 

Die Entwicklung der Physik wird immer auch zu einer ethischen Frage danach, ob der Fortschritt ein heilvoller Weg sein wird. Mir scheint aber auch nach der Lektüre des Buches eine reine Ablehnung des Fortschrittsglaubens doch zu kurz zu greifen.

Die ethische Frage wird im Epilog narrativ in einer Science-Fiction-Vision für das Jahr 2050 dargelegt. Es kommt die künstliche Intelligenz in den Blick, die von der Frage der Quantenphysik gar nicht weit entfernt ist. So ist der Schluss des Buches letztlich offen und wirft neue Fragen auf.

Die historisch strukturierte Darstellung der Entwicklung ist auf Zukunft hin angelegt. Es gibt Probleme, Umwege, Rätsel und Fragen. Doch von einem Scheitern der Wissenschaft kann keine Rede sein. Das Konzept der Verantwortung ist allerdings von der Wissenschaft selbst nicht mehr zu trennen.

Weg vom Fett, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu: Tetje Mierendorf: Halbfettzeit, Mein neues Leben ohne Rettungsringe, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, gebunden, 253 Seiten, ISBN 978-3-579-08721-4, Preis: 20,00 Euro (print)

Links: www.gtvh.de,www.tetje.com

Auffallend ist das Inhaltsverzeichnis: Alle 40 Kurztexte beginnen mit „zu“ z. B. „Zu jung“, „Zuspitzung“, aber auch: „Zum Ziel“, „Zum Glück“ u.s.w.. Tetjes persönlicher Kampf gegen die Pfunde ist konsequent, vielleicht genauso konsequent, wie er fünf Tafeln Schokolade täglich verzerht hat, um die Rolle des Dicken zu spielen. Sein Showpartner Dirk Bach, bekannt auch als Moderator des Dschungelcamps und genauso übergewichtig wie Tetje Mierendorf, nur kleiner, lebt nicht mehr. In der Fernsehsendung bei VOX „Planet der Dicken“ (2019, Dokufilm, D 19, gesendet am 2.2.2019) kommt Tetje zu Wort und sagt, dass es eben nicht darum geht, etwas zu verlieren, Fett, Kilos, sondern darum, das Leben zu gewinnen.

„Ich werde es noch oft sagen: Du gewinnst so viel mehr an Leben, als du an Kilos verlierst, Dein Wohlbefinden gewinnt, Deine Gesundheit gewinnt, Deine Familie gewinnt, alle gewinnen. Du musst es nur tun.“

Gut an diesem Buch ist sicherlich, dass es am Beispiel der Biografie eines Menschen zeigt, was dieses Umdenken bedeutet. Was meines Erachtens trotzdem irreführend ist, ist der Untertitel: „Mein neues Leben ohne Rettungsringe“.

Erstens ist das Übergewicht kein Rettungsring und zweitens ist hier auch von einem Leben vor der Fettreduzierung die Rede. Doch das ist wohl auch kein Fehler.

Hier spricht kein Oberlehrer, keine Fitnesstrainerin, sondern einer, der in 200 % Übergewicht hineingekommen ist und den Rückweg daraus erfolgreich angetreten hat.

Umnutzung von Kirchen als Prozess, Rezension und Internetrecherche, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu: Eva Schäfer: Umnutzung von Kirchen, Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR, Nr. 7, Hrsg. Von Hans-Rudolf Meier, Bauhaus Universitätsverlag, Kromsdorf/Weimar 2018, gebunden, 418 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-95773-235-4, Preis: 74,00 Euro, Link: asw-verlage.de

Zunächst überrascht die erstaunliche inhaltliche Breite dieses Bandes, der von einer einzigen Autorin verfasst worden ist. Andere Bildbände des gleichen Themas „Umnutzung von Kirchen“ werden von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren zusammengestellt.

Ich recherchiere im Internet über die Arbeit von Eva Schäfer, da das Buch darüber nichts berichtet. 

Ihr Artikel „Kirchenumnutzung – eine anspruchsvolle Aufgabe“ ist in deutscher und französischer Sprache erschienen in der Zeitschrift Heimatschutz Heft 2/2016 (Link: http://www.heimatschutz.ch/uploads/tx_userzeitschrift/2_2016_4df.pdf, eingesehen am 28.01.2019). Der Name der Autorin mit Titel, Berufsbezeichnungen und Herkunft lautet hier: „Dr.-Ing. Eva Schäfer, Architektin und Denkmalpflegerin, Frauenfeld.“ 

In einem anderen Artikel heißt es: Eva Schäfer arbeitet beim Amt für Denkmalpflege Thurgau. (Link: https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/frauenfeld-munchwilen/denkmapflege-kirchen-umzunutzen-ist-eine-gute-idee-ld.766833, eingesehen am 19.01.2019)

In einem Beitrag zur „diakonischen Nutzung von Kirchenräumen“ taucht eine bibliografische Angabe zu Eva Schäfer aus dem Jahr 2003 auf: „Wonen en Winkelen“ in Kirchen. Ein Blick auf die Umnutzung kirchlicher Sakralgebäude in den Niederlanden… (Christoph Sigrist: Kirchen Diakonie Raum: Untersuchungen zu einer diakonischen Nutzung von Kirchenräumen, Theologischer Verlag Zürich, 2014)

Die Autorin selbst hat zu dem gleichen Thema auf unterschiedlichen Tagungen referiert und auch Beiträge in Sammelbänden veröffentlicht. (Beispiel: http://www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch/unibe/portal/fak_theologie/mico_kirchenbau/content/e547968/e552906/e562200/e562204/KunstundKirche2015-4InhaltundVorwort.pdf, eingesehen am 28.01.2019).

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass die Autorin schon seit 2003 mit dem Thema „Kirchenumnutzung“ befasst ist und an diversen Veröffentlichungen beteiligt war. Eine Position, die ich gefunden habe, ist die, dass die Umnutzung von Kirchen auch innerhalb der gleichen kirchlichen Trägerschaft geschehen kann, also nicht zwangsläufig eine Veräußerung voraussetzt. Eva Schäfer befürwortet dieses Vorgehen.

Das nun vorliegende Buch „Umnutzung von Kirchen“ stellt die Beispiele aus den Niederlanden und der ehemaligen DDR in einen historischen Kontext. Die Stärke des Buches ist -über eine detaillierte architektonische Darstellung der einzelnen Projekte hinaus-, dass die Geschichte der jeweiligen Kirchenbauten über Jahrzehnte verfolgt werden.

Die ehemalige DDR (und ihre weitere bundesdeutsche Geschichte) und die Niederlande waren hierbei wohl in einer vergleichbaren Situation. Die Verschlechterung des Kirchenbesuchs und der finanzielle Mangel forderte die Konzeptentwicklung für die Umnutzung von Kirchen heraus. Das Buch zeigt jeweils elf Projekte aus den Niederlanden und der ehemaligen DDR. 

Exemplarisch möchte ich hier auf die Nutzungsgeschichte des sogenannten Französischen Doms in Berlin eingehen (vgl. S. 348 – 352).

http://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI89109&lang=de

Der Französische Dom ist als reformierte Kirche der in Berlin ansässigen Hugenotten im Jahr 1770 errichtet worden, zunächst noch ohne Turm. Der Turmbau kam erst einige Jahrzehnte später zur Ausführung. Das Kirchengebäude wurde 1902 umgestaltet.

Adolf Perdisch: Berlin, Französischer Dom, 1866 (http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Perdisch,+Adolf%3A+Berlin,+Französischer+Dom)

Nach der teilweisen Zerstörung im 2. Weltkrieg wurde der Turmbau zum Gottesdienstraum umgebaut, der vorher schulischen Zwecken diente. Später kamen ein Gemeindezentrum sowie Verwaltungsräume des Konsistoriums hinzu (Konzept 1973).

Weil sich die Ziele des Staates und der Kirche unterschieden, kam das Projekt zunächst zum Erliegen. Erst im Jahr 1983 konnte die alte Kirche wiedereröffnet werden und 1987 wurde der Turmbau fertiggestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Französischer_Dom_Berlin_Innenansicht_(retuschiert).jpg

Der wiederhergestellte Kirchenraum dient heute der zweisprachigen reformierten Gemeinde als Kirchraum, wird aber auch für Kongresse angeboten und die Tagungen der Evangelischen Akademie Berlin verwendet. Anstelle der Bänke kamen Stühle hinein. Im Untergeschoss, das den Gemeinderäumen diente, eröffnete später noch ein Restaurant. 

Berlin französischer Dom, Isometrie, Rechte: Bibliothek Französische Kirche

An diesem Beispiel lässt sich besonders gut das Konzept des Buches aufzeigen, das Kirchenumnutzungen als historischen Prozess herausstellt.

Der allgemeine inhaltliche Teil beschreibt ausführlich die strukturellen Faktoren, wie etwa tabellarisch den „Rückgang der Nachfrage nach kirchlichen Diensten in der BRD (ehemalige Bundesländer) 1965 – 2015“ und vergleicht diese Werte mit denen der Niederlande. Hier heißt es: „Das Umnutzungspotenzial ist groß und dürfte aufgrund verschiedener weiterer Einflüsse (…) eher noch ansteigen.“ (S. 12). Weitere Faktoren sind der Wandel des theologischen Verständnisses des Kirchenbaus sowie die Denkmalpflege.

Fazit: Kirchenumnutzung muss nicht als Abkehr zu einem säkularen Baukonzept verstanden werden. Auch als innerkirchlicher Vorgang lassen sich Konzepte der Kirchenumnutzung vorstellen. Das umfangreiche Buch von Eva Schäfer ist ein wertvoller Beitrag zur Versachlichung der Diskussion(en) über mögliche Kirchenumnutzungen.

Wir müssen die Wissenschaft schützen! – Intellektuelle Unredlichkeit am Beispiel der neusten Debatte über die Gefahren der Luftverschmutzung, Lars Jaeger, Freiburg 2019

Foto: Niklas Fleischer, Ort des Fotos ist Hamburg

Wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit einem Mal in das Zentrum einer heftigen politischen Diskussion geraten, erlebten wir jüngst mit der Debatte um die gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden. Ausgelöst wurde sie durch die Publikation eines Positionspapiers des Pneumologen (Lungenforschers) Dieter Köhler zusammen mit dem lange in der Automobilindustrie tätigen Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch vom 22. Januar 2019.

In ihrem zweiseitigen Papier, das eher die Form einer Presseerklärung als einer wissenschaftlichen Stellungnahme oder gar Forschungsstudie hat, behaupten die Autoren keck, dass die von diversen Gesundheitsorganisationen (darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO) geteilten Ansichten zu Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Die vielen Studien zu den Gefahren von Luftverschmutzung hätten grosse Schwächen, die herangezogenen Daten seien einseitig interpretiert worden, und ganz generell seien die Stickoxidforscher parteiisch, so die Autoren. Harter Tobak. Wäscht hier endlich mal jemand der wissenschaftlichen Gemeinschaft den Kopf und erklärt uns, wie es wirklich ist? Die aufgestellten Behauptungen wiegen derart schwer, dass man erwarten sollte, dass sie auch mit entsprechend validen und starken Argumenten, bestenfalls harten wissenschaftlichen Belegen untermauert werden. In diesem Fall wäre eine solche Stellungnahme wünschenswert und würde der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Debatte in dieser wichtigen Frage sehr helfen. Schliesslich ist das Thema um die mit dem Verkehr verbundenen gesundheitlichen Belastungen im Auto-Land Deutschland und den jüngsten Manipulationsskandalen von VW und Konsorten besonders brisant. Doch hier herrscht leider komplette Fehlanzeige: Statt der erwarteten wissenschaftlichen Belege begeben sich die Autoren in eine peinliche Scheindebatte mit teils haarsträubenden Begründungen, die doch sehr an die Argumentationsmuster von Klimawandelleugnern und Tabaklobbyisten erinnern. Betrachten wir sie im Folgenden im Einzelnen.

Als erstes ziehen Köhler und Koch das banale Argument heran, dass Korrelationen keine Kausalitäten darstellen. Wir kennen diese Aussage aus anderen wissenschaftsskeptischen Zirkeln. Was sie für viele Menschen so verführerisch macht, ist, dass sie wahr ist, auch wenn sie gar keine Anwendung findet. Natürlich können wir aus einer Datenstudie, die uns Korrelationen aufzeigt, niemals ganz sicher auf Kausalitäten schliessen. Wer das behauptet (oder als Kritikpunkt an einer bestehenden Auffassung anführt), hat das Wesen der Wissenschaft nicht begriffen. So wie eine wissenschaftliche Theorie niemals mit dem Anspruch auf letzte Wahrheit auftreten kann, sind Beobachtungen und Daten niemals letztbegründend für kausale Verbindungen. Allerdings darf durchaus von einer Kausalität ausgegangen werden, respektive von der Richtigkeit einer wissenschaftlichen Theorie (auch wenn sie nicht 100% sicher ist), wenn 1. die Effekte in vielen verschiedenen, voneinander unabhängigen und mit unterschiedlichen Methoden durchgeführten Studien beobachtet worden sind, und 2. es dazu einen glaubhaften Mechanismus oder eine plausible Theorie gibt. Beide Bedingungen sind hier ohne Weiteres erfüllt: Es gibt Zehntausende von Studien zu Luftschadstoffen und ihrem Einfluss auf unsere Gesundheit, und die Verbindung von Feinstaub bzw. Stickoxiden und Entzündungen in der Lunge ist sehr plausibel (Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas). Und selbst wenn sich diese Erkenntnis trotz all der Studien irgendwann mal als falsch herausstellen sollte (eine gewisse – wenn auch sehr geringe – Wahrscheinlichkeit dafür besteht immer, wie auch dafür, dass der Klimawandel tatsächlich nicht menschenverursacht ist), so gebietet es die Risikoethik bis dahin, das Augenmerk auf die Möglichkeit sehr schädlicher (im Fall des Klimawandels gar apokalyptischer) Entwicklungen zu richten.

Ein sehr ähnlicher (eigentlich der gleiche) Punkt ist der, den die Autoren als zweites „Argument“ aufführen: Es gibt zahlreiche andere Faktoren, die Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung beeinflussen. Auch das ist reichlich banal, kann aber kaum geeignet sein, einen bestehenden Konsens über die Schädlichkeit von Luftverschmutzung für unsere Gesundheit zu widerlegen. In Anbetracht des zum ersten Argument Gesagten erübrigt sich eine weitere Entgegnung zu diesem Punkt.

Als nächstes sprechen die Autoren über Schwellenwerte und die Frage, durch welche Mechanismen genau die Luftverschmutzung auf den menschlichen Körper wirkt („Toxizitätsmuster“). Tatsächlich lassen sich die Auswirkungen von Stickoxiden auf unsere Gesundheit nur schwer isoliert betrachten. Hierzu gibt es unzählige epidemiologische Studien mit oft Tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern und vielen Hunderten Variablen und entsprechend komplexen statistischen Modellen. Dabei wird das Risiko von Verzerrungen in den Studien so weit wie möglich reduziert, indem Forscher den Einfluss anderer bekannter Faktoren herausrechnen. Absolute Sicherheit gibt es allerdings nie. Dennoch gilt die schädliche Wirkung des Feinstaubs als eindeutig nachgewiesen, bei Stickoxiden sind die Unsicherheiten etwas grösser, gehen aber nichtsdestotrotz in eine eindeutige Richtung. Hier einen einzigen, alles zusammenfassenden Schwellenwert anzugeben, ab welcher Konzentration Feinstaub und Stickoxide definitiv schädlich sind, ist nahezu unmöglich. Doch daraus zu folgern, dass „alle diese Studien eine konstante Störgröße (Bias) messen“, ist geradezu irrsinnig. Mit der gleichen Argumentation könnte man sagen, wir verstehen nicht ganz genau, wie der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre das globale (und lokale) Klima beeinflusst, also müssen wir schlussfolgern, dass es diesen Einfluss gar nicht gibt. Mit einem derartigen Argument die wissenschaftliche Arbeit hinter tausenden Studien als fehlerhaft oder gar interessegeleitet zu erklären, ist sehr bedenklich.

Die haarsträubendste Argumentation, ironischerweise im Papier als „das stärkste Argument gegen die extrem einseitige Auswertung der Studien“ aufgeführt, bewahren sich die Autoren jedoch für den Schluss auf. Hier werden die Raucher herbeigezogen, die ja „quasi freiwillig an einer riesigen Expositionsstudie teilnehmen“. Aus der bekannten Tatsache, dass Rauchen die Lebenserwartung um ca. zehn Jahre verkürzt, schliessen Köhler und Koch wagemutig, dass Raucher, die mit jeder Zigarette einhundert bis 1000-fach so viel Stickoxide und Feinstaub einatmen, „nach wenigen Monaten alle versterben müssten“. Da sie das offensichtlich nicht tun, müssen die Studien falsch sein. Das ist natürlich kompletter Unsinn, worauf Experten längst hingewiesen haben. Dies beruht auf einer Variation des logischen Denkfehlers, auf den die Autoren in ihrem ersten Argument in derart polemischer Absicht hinweisen. Denn so gilt natürlich auch, dass aus einer fehlenden Korrelation in einem Zusammenhang nicht auf eine fehlende Kausalität in einem anderen, ggfs. damit verwandten Zusammenhang geschlossen werden kann. Nicht zuletzt rauchen die meisten Raucher nicht 24 Stunden und ebenso wenig als Schwangere, Babys und Kinder, wohingegen sie alle Abgase einatmen.

Die Autoren weisen zuletzt darauf hin, dass alle gängigen Informationen über Schadstoffbelastungen „im Wesentlichen aus der gleichen Quelle“ stammen. Das ist eine grobe Falschaussage, in klareren Worte eine glatte Lüge, die schon an „Trump‘sche“ Verhältnisse heranreicht. Unzählige unabhängige Forschungsstudien haben zu dem wissenschaftlichen Konsens in dieser Frage beigetragen, der sich über viele Jahre herausgebildet hat. Keiner der beiden Autoren hat im Übrigen an dieser Forschungsarbeit je teilgenommen: Köhler hat in seiner Karriere keine einzige „peer-reviewte“ Studie zu Stickoxiden oder zu den medizinischen Auswirkungen von Feinstaub in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht, nur einen Aufsatz im nicht begutachteten Ärzteblatt, das eher ein offizielles Mitteilungsorgan der jeweiligen Kammer ist als ein akzeptiertes Wissenschaftsjournal. Und Koch ist ein Ingenieur, der weit entfernt von der medizinischen Forschung ist.

Anstatt ihre Zweifel und ihre Kritik in wissenschaftlichen Fachkreisen darzustellen und darüber mit Experten zu diskutieren und so zu einem konstruktiven wissenschaftlichen Austausch beizutragen, wählten die Autoren den Weg über die Öffentlichkeit. Offensichtlich geht es ihnen mehr um Effekthascherei, Selbstbestätigung, Lobbyismus oder die Verbreitung von Ideologien als um eine „Versachlichung der Diskussion“. Sie wollen Zweifel an wissenschaftlichen Aussagen säen, womit sie Verunsicherung erzeugen, die sich dann politisch instrumentalisieren lässt. Bei einem so bedeutenden Thema wie der Luftverschmutzung und der Gefährdung unserer Gesundheit ist das Argumentieren mit falschen Fakten und Lügen jedoch nicht nur unangebracht, sondern zutiefst unredlich. Wissenschaft ist nach wie vor die effektivste Methode gegen alternative Fakten. Deshalb diskreditieren und bekämpfen Populisten wie Köhler und Koch ihre Erkenntnisse mit so vehementen Worten. Dass sie damit teilweise sogar Erfolg haben, ist umso schlimmer. Tatsächlich hat eine unheilige Allianz aus Politikern von CSU, FDP und AfD sowie dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ihre Aussagen schnell begrüsst und fordert entsprechende Gesetzesänderungen. Spätestens bei der Aussage von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dass der Vorstoss „Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte“ bringe, muss die Zivilgesellschaft aufstehen und sich wehren, um gegen die Verunglimpfung der Wissenschaft durch skrupellose Populisten vorzugehen. Dies ist auch die Aufgabe einer aufgeklärten Presse, welche die Aussagen der Grenzwertkritiker teils erschreckend unkritisch wiedergab und damit erst dafür sorgte, dass diese populistische Streitschrift gegen etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt mediale Aufmerksamkeit erhielt. Dies ist zuletzt eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Und diese ist das Fundament unserer offenen Gesellschaft.

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus und sein neuestes Buch „Die zweite Quantenrevolution“ erschien im August 2018 bei Springer.

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