Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigtreihe in der Markuskirche 2020, 1. Predigt

1 „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23,34

Liebe Gemeinde,

seit dem Mittelalter werden die sieben Worte Jesu am Kreuz meditiert. Die letzten Worte Jesu haben eine breite literarische Spur hinterlassen. Viele von ihnen sind in das kollektive Bewusstsein eingegangen. Unsere Predigtreihe über die sieben Worte Jesu am Kreuz beginnt mit dem ersten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Es steht im Lukasevangelium. Stück für Stück möchte ich es entfalten und herausstellen, dass das erste Wort Jesu am Kreuz uns zu einem guten Leben führen will.

 

Vater

Jesus redet Gott mit Vater an. Jesus sagt einfach Vater zu Gott. Vorher hat Gott Jesus bei seiner Taufe Sohn genannt (Lukas 3,22). Ich habe das Lukasevangelium durchgeblättert und festgestellt, dass der lukanische Jesus Gott wiederholt direkt mit Vater anspricht.

Am auffälligsten ist das beim Vater unser, dem bekanntesten Gebet der Christenheit, wenn nicht des ganzen Erdkreises. Wir haben es nach dem Matthäusevangelium aus der Bergpredigt gelernt, und aus „Unser Vater“, wie es bei Matthäus heißt, wurde das „Vater unser“. In der Feldrede bei Lukas lehrt Jesu seine Jüngerinnen und Jünger einfach Vater zu sagen – ohne jegliches Pronomen. „Vater! Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme!“ (Lukas 11,2)

Weiter fällt auf: Lukas ist der einzige Evangelist, der das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt (Lukas 15). Im Gleichnis ist es der Vater, der den verlorenen Sohn mit offenem Armen wieder aufnimmt, obgleich der Sohn sich vorher von ihm losgesagt hatte. Jesus, der Lehrer in der Synagoge; Jesus, der das Reich Gottes verkündigt in Worten und kraft des Geistes durch Heilungen; Jesus, der in Gleichnissen spricht; der sterbende Jesus am Kreuz und der auferweckte Jesus nennt Gott schlicht Vater.

Es muss für den gebildeten Schreiber des Lukasevangeliums faszinierend gewesen sein, dass Jesus Gott Vater nennt. Lukas selbst kam aus der griechischen Welt und er kannte sich mit dem griechischen Götterhimmel gut aus. Der Unterschied zwischen Göttern und Menschen ist fundamental, auch wenn etwa Zeus mit Menschen „verkehren“ kann. Lukas war angezogen von der jüdischen Religion. Ihn beeindruckte die Tora und das besondere Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel. Der jüdische Glaube verehrte einen Gott und das war Lukas sympathisch. Dass aber ein Jude wie Jesus Gott mit Vater anspricht und er von Gott sein Sohn genannt und nachösterlich von vielen als Gottes Sohn geglaubt wird, stellte alles bisherige griechische und auch jüdisches Denken und religiöses Verhalten auf den Kopf. Lukas, der Heide, erkannte, dass die Verkündigung des Reiches Gottes durch Jesus an seiner engen Verbindung und Vertrautheit mit Gott herrührte. Jesus lebte eine Liebe zu Gott, die Gottes Menschenfreundlichkeit erlebbar machte.

Jesus nennt Gott Vater, weil er sein Vater ist und weil alle Menschen im Reich Gottes zu Gott Vatersagen können. Über Jesu Tod hinaus hat seine Verkündigung des Reiches Gottes immer wieder eine starke Energie freigesetzt, Gott zu lieben und den Mitmenschen wie sich selbst. Das ist die gute Nachricht:

Wir alle gehören zu einer Familie, sind Schwestern und Brüder Jesu Christi und haben Gott zum Vater.

Frage: Wenn Sie beten, wie sprechen Sie Gott an? Nennen Sie Gott Vater? Schwingt in Ihrer Anrede und in Ihrem Gebet etwas mit von der Nähe und Intimität, die das Wort Vater enthält?

 

Vater vergib

Der anglikanische Domprobst Richard Howard ließ diese beiden Worte „Vater, vergib“ im Chorraum der durch deutsche Bombenangriffe im Herbst 1940 völlig zerstörten Kathedrale in Coventry einmeißeln. In Schmerz, Wut und Trauer über die Zerstörung blickte er auf Christus, erinnerte sich seiner Bitte: „Vater, vergib“ und stiftete den Anfang einer noch heute anhaltenden Versöhnungsbewegung.

Der Domprobst nutzte die Zerstörung durch die Angreifer nicht für Rachegelüste, sondern sah in den Feinden Menschen, die sich ins Böse verstrickt hatten und wie jeder Mensch – und wie jedes Volk – der Vergebung bedürfen. Es gibt keinen Neuanfang ohne Vergebung. In der Bitte für den Feind wird der Feind zum Menschen und auch die eigene Fähigkeit zur Schuld anerkannt.

Später wurde daraus das bekannte Coventry-Gebet: Vater, vergib formuliert. Es wird jeden Freitag um 12:00 Uhr in der Coventry-Ruine und weltweit in vielen Versöhnungsgemeinschaften, den Nagelkreuzzentren, gebetet. Wir werden es heute im Fürbittengebet vor Gott bringen und uns neu ausrichten, Versöhnung zu leben.

Frage: Welcher Mensch fällt ihnen ein, wo ein klärendes Gespräch ansteht? Hindert Sie ihr Stolz, es zu führen? Ist die Verletzung so groß, dass es keine Brücke mehr zum oder zur anderen gibt? Können Sie sich vorstellen für diesen Menschen zu beten: Vater, vergib ihm? Vater vergib ihr?

 

Vater, vergib ihnen

Mit der Vergebungsbitte wendet sich Jesus am Kreuz an seinen Vater. Ich höre diese Worte auch als Verzweiflungsschrei, nicht abgeklärt oder emotionslos nüchtern, sondern auch als schmerzhaftes Eingeständnis, dass sein Leben und seine Mission hier enden. Menschlich gesehen ist Jesus gescheitert. Und dennoch: Trotz seines Schmerzes sieht Jesus in seinen Mördern Menschen. Sie sind fern vom Reich Gottes. Sie sind verblendet. Jesus leidet an ihnen und unter ihnen. Jesus lässt sich durch seine Peiniger nicht zum Opfer machen. Das Gebet für seine Mörder schafft in ihm einen Raum, sie als Menschen zu sehen. Wohlgemerkt, Jesus sagt nicht zu seinen Peinigern: „Ich vergebe euch!“ Jesus appelliert an die Barmherzigkeit seines Vaters. Sie hebt die Untat nicht auf, gewährt aber auch denen, die Böses tun, eine Zukunft.

In seiner größten Versuchung hält Jesus das Böse aus, lässt sich nicht von der Gewalt brechen und überwindet sie damit. Jesus vertraut in allem dem Vater. In diesem Vertrauen gelingt es ihm, sein Sterben anzunehmen und den Gewalttätern nah zu sein, nicht als Opfer, sondern als freier Mensch. Sie können ihm – so paradox es klingt – in Wahrheit nichts antun, da Jesus sein Vertrauen zu seinem Vater durchhält.

Im Gebet: „Vater, vergib ihnen“ klingt schon etwas Österliches mit, ist schon die Auferstehung präsent. Die Gebetsworte sind von Verzweiflung und Hoffnung getränkt. Gerade deshalb sind sie eine sprudelnde Quelle für unseren Glauben und unser Leben.

Frage: Kennen Sie die Erfahrung in einer Krise dennoch gelassen zu sein, weil sie sich auf unerklärliche Weise mit allen Menschen, der Schöpfung und dem Göttlichen verbunden fühlen? 

 

denn sie wissen nicht, was sie tun

Dieser Satz ist keine Entlastung und Entschuldigung für die Mörder und Peiniger, vielmehr wird hier ein biblischer Realismus auf den Punkt gebracht: Der Mensch ist ein Sünder. Der Mensch ist in das Böse verstrickt, ob er es weiß oder nicht.

Gerade heute wird uns das immer mehr bewusst, dass es unmöglich ist durch unser Verhalten ein unschuldiges Leben zu führen.

Gleichzeitig wissen wir gar nicht – und in diesem Sinne wussten es auch seine Mörder und Peiniger nicht – was wir tun. „Sie, wir, wissen das nicht, weil das Böse in seiner Unmenschlichkeit gar nicht in einem genauen Sinn gewusst und nur abgründig verblendet gewollt werden kann – und so aber tatsächlich gewollt wird.“ (Traugott Koch: Jesus von Nazareth, der Mensch Gottes, Tübingen 2004, S. 296)

Das ist die Macht der Sünde, der sich kein Mensch entziehen kann. Darin sind wir alle gleich. Allein die Liebe kann diese Macht durchbrechen. Dostojewski schreibt in seinem Roman „Die Brüder Karamassow“: „Liebt den Menschen auch in seiner Sünde, denn nur eine solche Liebe wäre ein Abbild der Liebe Gottes und die höchste irdische Liebe.

Wenn wir die Liebe Jesu, die er im Gebet für seine Mörder zeigt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ nicht ins Leere laufen lassen, dann sehen wir in den Menschen, die uns absichtlich oder unabsichtlich geschädigt haben, fehlbare Menschen, wie wir es selbst sind. Gottes Geist vermag in uns eine Liebe wecken zu denen, die an uns schuldig geworden sind. „Vater … vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird“ überliefert Lukas Jesu Worte an seine Jüngerinnen und Jünger.

 

Seid barmherzig

Das erste Wort Jesu am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist nicht nur ein historisches Wort, dem wir distanziert begegnen könnten. Es ist ein geschichtliches Wort, das je auf seine Einlösung durch uns wartet. Lasst uns barmherzig miteinander umgehen: Das ist der Weg der Nachfolge. Jesus fordert seine Jüngerinnen und Jünger dazu auf:

Seid barmherzig wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Neuer Beitrag auf „kauf-eine-kirche.de“ zur Einrichtung einer Bücherkirche in Bredenvoort/NL

Predigt: Gottes Wort kauen Ezechiel 2 – 3, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020f

Predigt am Sonntag Sexagesimae 2020, Markuskirche, Evangelische Lydia-Gemeinde Herzogenrath

Liebe Gemeinde,

im jüdischen Lehrhaus gibt es die Tradition, Kindern zwischen drei und sechs Jahren das Lesen der Heiligen Schrift beizubringen. Von Anfang an sollen die Kinder die Tora lesend lieben lernen. Die Lehrhaustradition verehrt die Tora, die fünf Bücher Mose, als Gottes heiliges Wort an Israel. Gleichzeitig wird im Lehrhaus auch das kritische Befragen eines Textes eingeübt. Von allen Seiten wird ein Text fragend betrachtet. Es ist keine Infragestellung der Tora, eher ein Befragen und ein Fragen-Einüben. Oft gibt es keine eindeutige Antwort auf die Fragen. Genau das ist der Spielraum, wie der heilige Text am Leben bleibt und sich mit dem Leben der Fragenden verbindet.

In der ersten Lesestunde malt der Lehrer die ersten und die letzten vier Buchstaben des Alefbets an die Tafel. Nach dem Aufschreiben liest er die Buchstaben laut vor. Dann bestreicht er die Buchstaben mit etwas Honig und bittet die Kinder, die Buchstaben aufzulecken. Ein sinnlicher Akt, der sich den Kindern einprägt. Hier wird die Gabe der Tora rituell aktualisiert. Die Buchstaben der Tora werden sinnlich erfahren. Die Tora schmeckt süß wie Honig.

Die Tradition geht zurück auf die Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel.

Teile der Berufungsgeschichte bilden den heutigen Predigttext. Lassen wir den Text zu uns sprechen:

Ezechiel 2 – 3,3 (ich habe den ganzen Abschnitt gewählt)

2.1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

6 Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, 7 sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.

8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.

9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

3.1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!

2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

 

Liebe Gemeinde,

was für eine Berufungsgeschichte! Sie macht den Wandel deutlich und die Verunsicherung, was Gottes Wort überhaupt noch bewirken kann. War es für den Propheten Jeremia noch selbstverständlich, von der Selbstwirksamkeit und der Machtfülle des Wortes Gottes auszugehen: „Ist mein Wort nicht wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“(Jeremia 23,29), heißt es relativierend nüchtern in unserer Berufungsgeschichte: „und du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es.“(Ezechiel 2,7)

Genauso wie die Menschen sich verhärtet haben, sich verschlossen haben gegenüber Gottes Geboten und seiner Weisung, von Gott nichts mehr halten, verstockte Herzen haben, soll Ezechiel sich hart machen gegenüber den Worten seiner Widersacher. Ezechiel, um es modern zu sagen, soll resilient werden gegenüber den Worten und Einflüsterungen derer, die ihn menschlich gesehen das Fürchten lehren. Ezechiel soll das Gift ihrer Worte und Gedanken, soll ihren Geist der Brandstiftung, der Revolte und der Kriegsführung nicht in sich einlassen. Das ist schwer, denn die Rädelsführer haben die Mehrheit und üben Gewalt aus. Sie sind ein „Haus des Widerspruchs“ gegen den Willen Gottes, gegen den Bund Gottes mit seinem Volk und seiner Schöpfung. Sie vertrauen auf menschliche Macht, statt Gott zu vertrauen. Sie achten und ehren Gott nicht mehr in ihrem Verhalten, sie jagen Götzen und dem Verführungsgeflüster selbsternannter Götter nach. Sie brechen das Recht und setzen auf Gewalt.

Das erinnert mich doch sehr an Ausschnitte aus der Eröffnungsrede von Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf der Münchener Sicherheitskonferenz, die diese Woche stattfindet. Statt den Frieden zu sichern, Völkerrecht und Menschenrechte zu achten, einen gemeinsamen Weg in der Völkerverständigung zu suchen, gilt wieder vermehrt das Recht des Stärkeren, wird aufgerüstet und sich in Stellung gebracht. Mit diesen und ähnlichen Worten legt Steinmeier den Finger prophetisch in gegenwärtig offene Wunden.

Zu nichts anderem beruft Gott Ezechiel, stellt ihn auf die Füße, begabt ihn mit seinem Geist, furchtlos die Wahrheit zu sagen: Ach und Wehe soll der Prophet über den eingeschlagenen Weg ausrufen. Die Klage über Jerusalem soll er anstimmen.

Fünf Jahre nach der öffentlichen Berufung des Propheten, der kaum Gehör fand und nur auf Widerstand stieß, wird Nebukadnezar den politischen Aufstand in Israel niederwalzen und Jerusalem samt Tempel schleifen. Das einstmals „glorreiche“ Reich Davids wurde gänzlich zerstört. JHWH war aus dem Tempel ausgezogen und emigrierte in´s Exil. Wie ging es weiter mit JHWH und seiner besonderen Beziehung zu seinem Volk Israel?

Gibt uns die Berufungsgeschichte Ezechiels einen Hinweis? Was wird aus dem Bund und der Treue Gottes, wenn es niemanden mehr interessiert?

Was wird – und so fragen wir uns auch gegenwärtig – aus der Kirche in unserer Gesellschaft, wenn die Kirche und die Frage nach Gott scheinbar niemanden mehr interessiert?

Ezechiel hat eine verstörende Vision. Sie ist vielfach in die Kunstgeschichte eingegangen. Sie ist sehr eindrücklich. Sie ist mehrschichtig. Viele Exegeten haben sich an ihr die Zähne ausgebissen. Enthält diese Vision etwas, was auch uns stärken kann? Was unserem Glauben in den Anfechtungen unserer Zeit Halt und Orientierung zu schenken vermag?

Ezechiel sieht, wie sich eine Hand gegen ihn ausstreckt. Die Hand hält eine Schriftrolle, die von beiden Seiten beschrieben ist. Die Hand entrollt die Schriftrolle und darauf ist für Ezechiel zu lesen:

„Klage, Ach und Weh“

Und Ezechiel hört eine Stimme, die zu ihm spricht:

„Iss, was du vor dir hast!

Iss diese Schriftrolle und rede zum Haus Israel.“

Und Ezechiel öffnet den Mund und die Hand führt die Schriftrolle zu seinem Mund – und Ezechiel verzehrt die Schriftrolle, füllt damit seinen Bauch.

Und es steht geschrieben: „Da aß ich sie und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“(3,3)

Wie kann das sein? Der Inhalt ist Klage, Ach und Weh und schmeckt doch süß wie Honig? Wie kann das Schreckliche sich in Süße verkehren?

Ist damit die Zukunft Israels gemeint? Zuerst kommt eine Zeit der Schrecken und Heimsuchung, aber zuletzt Süße – ein Land, wo Milch und Honig fließt? Durch das Bittere hindurch zur vollkommenen Süße?

Kann so Geschichte verstanden werden? Durch Gewalt und Leid hindurch zu Recht und Freiheit? Nach einer Phase des gegenwärtig erstarkenden Nationalismus, der Kriege und des millionenfachen Flüchtlingselends hindurch zu einer gerechteren Weltgemeinschaft?

Oder könnte es nicht auch sein, dass Gottes Klage, Ach und Weh süß schmeckt dem, der darauf kaut? Vielleicht schmeckt er oder sie, dass sein Wort in Liebe und Treue gesprochen zu seinem Volk weiter gilt.

Gott, der hier spricht, ist ein enttäuschter Liebhaber. Es ist seine Liebe, die schmerzvoll mit ansieht, dass sein geliebtes Volk sich von ihm immer und immer wieder abwendet.

Wer aber Gottes Klage, Ach und Weh durchkaut, dem schmecken selbst diese Klageworte süß, weil sie von Gottes Treue und Liebe zeugen.

Gottes Wort bleibt bestehen, selbst wenn die Menschen sich von Gott und seinem Wort abwenden, selbst wenn das Land und der Tempel zerstört werden, selbst wenn wir unsere Kirchen schließen müssen, selbst, wenn die Liebe zu Gott erlischt.

Für den aber – dafür steht stellvertretend der Prophet – der sich von Gottes Wort ernährt, der es durchkaut, der sich auf Gottes Liebe einlässt und seine Gebote hält, nach Gottes Willen fragt, für den ist Gottes Wort süß wie Honig. Damit lässt es sich leben und die Welt gestalten.

 Was für eine schöne Reinszenierung, dass jüdische Kinder im Lehrhaus die vier ersten und vier letzten Buchstaben des Alefbets abschlecken und die Süße der Tora kosten. Die Tora ist Nahrung für Leib, Seele und Geist.

 Die Tradition des Verkostens der Heiligen Schrift aufgreifend, formulierte Dorothee Sölle auf dem Kirchentag 1995 in Hamburg über die Psalmen: „Sie sind für mich eines der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie. Ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht.“

Unser Glaube braucht Nahrung, damit wir aus ihm leben. Das Wort Gottes ist eine edle Gabe. Der Tisch ist reich gedeckt. Lasst uns davon kosten – immer und immer wieder. Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigt Estomihi Lukas 18, 31-45, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Lies den Bibeltext online: https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/52/180001/189999/

 

Liebe Gemeinde,

die beiden Abschnitte bei Lukas wollen so gar nicht zueinander passen. Sie sind aber oft passend gemacht worden und meistens fällt dann eine Geschichte hinten runter. Entweder wird die Geschichte der Blindenheilung in den Focus gerückt und die dritte Leidensankündigung Jesu nur gestreift oder der Weg in die Nachfolge wird betont und die Heilung des „Herr, Jesus, du Sohn Davids-Rufenden-Blinden“ wird metaphorisch gedeutet, dass Gott auch unsere Blindheit von uns nehmen möge, damit wir seine Worte verstehen und nicht wie die Jüngerinnen und Jünger unverständig bleiben.

Ich möchte das Konträre beider Geschichten entfalten, weil ich glaube, dass beide Erzählungen eine kleine Anthropologie des Leidens enthalten. In diesem Spannungsraum finden wir uns mit unseren Leben schon je vor. Es geht um die Ausrichtung unseres Lebens, um den rechten Weg des Glaubens, wonach immer wieder zu Fragen ist.

Wenn wir die Leiblichkeit der Heilungserzählung ernst nehmen, stehen hier zwei leidende Körper gegenüber.

Einmal der Körper Jesu, der in Kürze verspottet, misshandelt und angespien wird, und der Körper des Blinden, der als ökonomisch unbrauchbar aussortiert ist. Jeweils liegen körperliches Leid und soziale Verachtung ineinander.

Am Ende ist das Leiden des Blinden körperlich und sozial überwunden, während das Leiden Jesu körperlich und sozial noch bis zum bitteren Ende durchlitten werden wird.

Es sind zwei Passionen mit unterschiedlichem Ausgang und mit eigenem Anhalt an der Lebenswirklichkeit. Sie bilden die Extrempunkte menschlicher Leidenserfahrungen zwischen Heilung und Tod. Am Sonntag vor der Passionszeit ist somit das Feld der Leidensgeschichten denkbar weit abgesteckt.

Im Zentrum beider Erzählungen steht die Frage nach dem verborgenen Sinn des Leidens. Die Jüngerinnen und Jünger verstehen es nicht, dass Jesus den Weg des Leidens und Sterbens auf sich nimmt. Jesus versucht den Sinn seines Leidensweges mit alten prophetischen Weissagungen zu deuten. Das leuchtet aber den Umstehenden nicht ein. Unbewusst wehren sie sich gegen Jesu Deutung seines Weges. Es wäre nicht nur sein, sondern auch ihr Ende. Die Zukunft wird ungewiss.

Im zweiten Anlauf das Kontrastprogramm. Der namenlose Blinde wird erhört. Sein Rufen: Herr, erbarme dich wird als Kyrie eleison in die Gottesdienstliturgie der christlichen Kirchen eingehen. In jedem Kyrie hallt der Ruf nach Heilung nach und wird aktuell.

Jesus gibt dem Blinden Würde, wenn er ihn fragt: „Was willst du?“ Die Nachfrage nimmt den Menschen ernst. Darauf kommt es an im Reich Gottes.

„Herr, dass ich sehen kann.“ „Sei sehend!“ spricht Jesus und der Mensch ist von seiner Blindheit geheilt und folgt Jesus nach. Das Leiden ist überwunden. Heilung geschehen.

Spüren Sie die Spannung beider Geschichten?

Und ist es nicht eine Beschreibung unserer Lebenswirklichkeit?

Was hätte der Hinweis auf einem verborgenen Lebenssinn denjenigen zu sagen, die inständig auf die Überwindung ihres Leidens hoffen? Ist die Rede von einem verborgenen Lebenssinn im Leiden nicht eine billige Vertröstung und nimmt das Streben nach Überwindung des Leidens als Heilungsressource gerade nicht ernst?

Und was hätte umgekehrt die Auskunft, der Sinn des Leidens bestehe darin, überwunden zu werden, denjenigen zu sagen, die sich gezwungen sehen mit ihrem Leiden zu leben?

Wie die Linie und wo sie in unserem Leben verläuft, ist nicht von außen zu verstehen, sondern wird ausschließlich selbst gelebt. Oft schwanken wir auch, einmal ergeben in das eigene Leiden oder das Leiden anderer, das andere Mal aktiv an der Überwindung des Leidens arbeitend.

Ziel sollte es doch für uns sein hinter jedem Leidenden einen Menschen zu sehen, sein Ringen nach Annahme und Heilung, nach einem Leben in Gemeinschaft mit anderen. Es gibt soviel Rückzug. So viel Scham unter uns, weil wir nicht so sind wie alle sind, weil wir nicht gesund sind. Wir zeigen es nicht. Wir sprechen nicht darüber. Wir ziehen uns zurück. Das braucht nicht sein. Das darf nicht sein. Die vielen stillen Passionen machen mir Angst. Wann endlich können wir frei reden, frei uns zeigen?

Bei Jesus, dem Christus, scheint es mir stimmig. Jesus hat frei eingestimmt in seinen Leidensweg bis in seinen Tod hinein. Er hat sich von dem internen Widerspruch seiner Jüngerinnen und Jünger nicht beirren lassen. Er hat sich gegen seine Widersacher nicht gewehrt.  Noch auf seinem Leidensweg hat Jesus Menschen geheilt, Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes gewirkt, aktiv an der Überwindung des Leidens mitgeholfen.

In Christus finde ich eine Brücke zu unseren beiden Erzählungen. Aber diese Brücke sehe ich im Glauben. Tod und Auferstehung sind für unseren Glauben untrennbar miteinander verbunden. Das Leiden und der Tod werden überwunden, nicht durch uns selbst, sondern durch den Weg den Gott mit Jesus für uns gegangen ist.

Wir sind gefragt: Was willst du? Was ist unsere Antwort? Wie sieht unsere Nachfolge aus?

Das eine Mal ist es gut, die eigenen Beschränkungen und Grenzen anzunehmen. Wir können oft gar nicht anders. Wir würden uns hoffnungslos überfordern. Dennoch dürfen wir allezeit zu Gott beten: Herr, erbarme dich.

Das andere Mal ist es gut gegen Beschränkungen und Grenzen anzukämpfen und nicht locker zu lassen, bis sie überwunden sind.

Beides sollten wir jedem zugestehen. Es ist sein Weg. Es ist ihr Weg.

Wenn aber Heilung geschieht – und sei es nur einen Tag voller Leben –, dann lasst uns jubeln und fröhlich sein.

Amen

 

Predigtidee und einzelne Passagen gehen zurück auf: Thomas Moos, Denkskizzen, Band 2, S. 87+88, Radius Verlag, Stuttgart 2019

 

„Die Wahrheit ist zumutbar“ (Ingeborg Bachmann), Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Zu: Emmanuel Carrère: Der Widersacher, Matthes & Seitz, Berlin 2018,195 Seiten, Gebunden, Originaltitel: L’Adversaire (Französisch), Übersetzung: Claudia Hamm, ISBN: 978-3-95757-612-5, Preis: 22,00 €

Link: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-widersacher.html

„Der Widersacher“ ist ein guter Einstiegsroman in den carrèreschen Kosmos, da er zügig und ohne viele assoziativen Sprünge eine (wahre) Geschichte erzählt.

Zwar schleicht sich Carrères Ich auch schon in diesem Roman ein, ja, es ermöglicht ihm überhaupt das Erzählen – man achte auf den ersten Satz des Romans –, aber die existentielle Dramatik seines Ich-Erzählstils ist hier noch längst nicht so weit entwickelt, wie ich sie in „Ein russischer Roman“ oder in „Das Reich Gottes“ schätzen und lieben gelernt habe.

Den „Widersacher“ in der gewohnt guten und inzwischen ebenso vertrauten Übersetzerin Claudia Hamm in den Händen zu halten, ist ein schönes Gefühl, auch wenn es mich gruselt, dass der vielfache Familienmörder Jean Claude Romand inzwischen wieder auf freien Fuß ist. Carrère versteht es, den Leser immer tiefer in seine Geschichte hineinzuziehen. Er zwingt den Leser, sich zu positionieren und den „Widersacher“ in sich selbst wahr zu nehmen.

Bei aller Rätselhaftigkeit der menschlichen Seele, geht es um die Annäherung einen Menschen in seinen Handlungen zu verstehen. Wohlgemerkt es geht nicht um Verständnis und einer etwaigen Stilisierung des Täters zum Opfer. Dieser Balanceakt gelingt Carrère, auch wenn die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, dass er dem Täter mit dem Buch eine große Bühne verschafft.

Die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, die Erschütterung des Vertrauens, die Sehnsucht danach geliebt zu werden, die Frage nach dem Bösen und dem Guten, der Trost und die Vertröstung des Glaubens sind Themen, die bei Carrère nicht nur im „Widersacher“ zur Sprache kommen. Ein Stoff, nichts für schwache Gemüter, aber die Augen verschließen hilft nicht weiter: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ sagt zurecht Ingeborg Bachmann. In diesem Geist ist „Der Widersacher“ geschrieben.