Die eingeschriebenen Spuren des Faschismus – Kafka, Benjamin und Brecht 1934, Markus Chmielorz, Dortmund 2019

Zwei Aufsätze: „Theorien des deutschen Faschismus“ von Walter Benjamin in Kritiken und Rezensionen 1912-1931, Kapitel 97 (https://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/97) und „Brecht und Benjamin als Kafka-Interpreten“ von Stéphane Moses (Juden in der deutschen Literatur, hrsg. von Stéphane Moses und Albrecht Schöne, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1986)

Vorbemerkung

Am 26. September 1940 stirbt Walter Benjamin auf der Flucht vor denjenigen, die identifiziert waren mit der Barbarei und dem Terror der nationalsozialistischen Diktatur in Europa, im katalanischen Port Bou, im franco-faschistischen Nord-Spanien. Es bleibt unklar, ob es Selbstmord oder Mord war. Am selben Tag wird meine Mutter im westpreußischen Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzow Wielkopolski geboren. Bei einem meiner vergangenen Besuche bei meinen Eltern erzählt mein Vater mir beiläufig, er habe meine Mutter in der Nacht wieder schreiend aus einem Albtraum wecken müssen. 79 Jahre nach dem Tod Walter Benjamins wirft der Faschismus seinen langen Schatten bis in die Gegenwart. Die Kinder von damals finden sich als Alte im längst vergangen gedachten Trauma wieder.

Foto: Niklas Fleischer, Eindrücke aus der KZ Gedenkstätte Bergen-Belsen

Die Schrecken des Krieges sind unmittelbar verbunden mit der Zeit des Nationalsozialismus. In seinem Aufsatz „Theorien des Faschismus“ folgt Benjamin der Spur der deutschen Geschichte zurück bis zu den Opfern des 1. Weltkrieges. Ganz in der Tradition der kritischen Theorie und ihrer Analyse der Moderne, nimmt er Bezug auf den technischen Fortschritt, der nur die Form der Steigerung kennt und diagnostiziert die „Diskrepanz zwischen den riesenhaften Mitteln der Technik auf der einen, ihrer winzigen moralischen Erhellung auf der anderen Seite“.

Die „Ideologie des Krieges“ mit ihren „Vernichtungsrekorden“ folgt „Maßstäben männlichen Denkens“. Der Begriff Ideologie weist daraufhin, das Erkenntnisinteresse offenzulegen und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. Zu Grunde geht „alles Nüchterne, Unbescholtene, Naive, was über die Verbesserung des Zusammenlebens der Menschen erdacht wird“. 

Nationalismus, Imperialismus, Krieg, Faschismus – so führt die Spur zurück aus dem Jahr 1934, in dem Walter Benjamin Bert Brecht im dänischen Exil in Svendborg trifft, bis zum Beginn der bürgerlichen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Benjamin und Brecht sprechen aus dem Exil, genauer: Sie sprechen mit der in ihre Körper eingeschriebenen Erfahrung von Bedrohung, Vertreibung und Flucht. Sie sprechen aus einer Position des Ausgeschlossenen und des De-plazierten, aus einer prekären Situation.

Und wenn sie über Kafkas „Das nächste Dorf“ sprechen – und für diese genaue Analyse ist Stéphane Moses nicht genug zu danken -, so sprechen sie mit unterschiedlichem Blick, der die beiden trennt und der eine jeweils ganz und gar andere Politik des Poetischen und des Geschichtsphilosophischen begründet.  „Die eingeschriebenen Spuren des Faschismus – Kafka, Benjamin und Brecht 1934, Markus Chmielorz, Dortmund 2019“ weiterlesen

Greta Thunberg: Rede im britischen Parlament, „Wir haben keine Ausreden mehr“

https://www.instagram.com/p/BzhlIrAiu6m/?igshid=1js2d7k953hr4

Anstelle eines passenden Fotos verweise ich auf mit dem Link auf Fotos von Greta Thunberg auf Instagram. Die Veröffentlichung der Rede erfolgt mit Erlaubnis der Blätter für deutsche und internationale Politik.

»Wir haben keine Ausreden mehr«

von Greta Thunberg

Nach ihren viel beachteten Reden auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2018 und beim Weltwirtschaftsforum im Januar 2019 ist die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zahlreichen weiteren Einladungen für öffentliche Auftritte gefolgt, zuletzt unter anderem bei Papst Franziskus. Wir dokumentieren nachfolgend in deutscher Erstveröffentlichung einen Vortrag, den Thunberg am 23. April im britischen Parlament gehalten hat und in dem sie ihre klimapolitischen Vorstellungen ausführlicher darlegt als bislang. Die Übersetzung stammt von Steffen Vogel. – D. Red.

Mein Name ist Greta Thunberg. Ich bin 16 Jahre alt. Ich komme aus Schweden. Und ich spreche im Namen der kommenden Generationen.

Ich weiß, dass viele von Ihnen uns nicht zuhören wollen – Sie sagen, wir wären bloß Kinder. Aber wir wiederholen nur die Botschaft der vereinten Klimaforscher. Viele von Ihnen scheinen besorgt, dass wir kostbare Unterrichtszeit verpassen. Aber ich versichere Ihnen, wir gehen wieder in die Schule, sobald Sie auf die Wissenschaft hören und uns eine Zukunft geben. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Im Jahr 2030 werde ich 26 Jahre alt sein und meine kleine Schwester Beata 23, so wie viele Ihrer Kinder und Enkel. Das ist ein tolles Alter, hat man uns gesagt, wenn man das ganze Leben noch vor sich hat. Ich bin mir aber nicht sicher, dass es für uns so toll werden wird. Ich hatte das Glück, zu einer Zeit und an einem Ort geboren zu werden, wo uns jeder sagte, wir sollten nach den Sternen greifen: Ich konnte werden, was immer ich wollte. Ich konnte leben, wo immer ich wollte. Menschen wie ich hatten alles, was sie brauchten – und mehr. Dinge, von denen unsere Großeltern nicht einmal zu träumen wagten. Wir hatten alles, was wir uns jemals wünschen konnten. Doch jetzt haben wir vielleicht gar nichts.

Jetzt haben wir möglicherweise nicht einmal mehr eine Zukunft. Denn diese Zukunft wurde verkauft, damit eine kleine Zahl von Menschen unvorstellbar viel Geld verdienen konnte. Sie wurde uns jedes Mal gestohlen, wenn Sie sagten, der Phantasie seien keine Grenzen gesetzt und dass man ja nur einmal lebe.

Sie haben uns belogen. Sie haben uns falsche Hoffnungen gemacht. Sie haben uns erzählt, die Zukunft sei etwas, worauf wir uns freuen könnten. Und das Traurigste ist, dass sich die meisten Kinder nicht einmal bewusst sind, welches Schicksal uns erwartet. Wir werden es nicht begreifen, bevor es zu spät ist. Und doch gehören wir noch zu den Glücklichen. Jene, die es besonders hart treffen wird, leiden schon jetzt unter den Konsequenzen. Aber ihre Stimmen werden nicht gehört.

Ist mein Mikro an? Können Sie mich hören?

Um das Jahr 2030 – in zehn Jahren, 252 Tagen und zehn Stunden von heute aus – werden wir eine irreversible Kettenreaktion jenseits menschlicher Kontrolle ausgelöst haben, die höchstwahrscheinlich zum Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen, führen wird. Es sei denn, dass in diesem Zeitraum permanente und beispiellose Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen stattgefunden haben, darunter eine Reduktion der CO2-Emissionen um mindestens 50 Prozent. Beachten Sie bitte, dass diese Kalkulationen von Erfindungen abhängen, die noch nicht in größerem Umfang gemacht wurden, Erfindungen, die die Atmosphäre von astronomischen Mengen an Kohledioxid befreien sollen. Außerdem beinhalten diese Kalkulationen keine unvorhergesehenen Kipppunkte und Rückkoppelungsschleifen wie das extrem starke Methangas, das aus dem rapide tauenden arktischen Permafrost entweicht. Überdies enthalten diese wissenschaftlichen Kalkulationen nicht die verborgene Erderwärmung, die derzeit durch die toxische Luftverschmutzung verhindert wird. Nicht zuletzt fehlt in ihnen der Aspekt der Fairness – oder Klimagerechtigkeit –, der überall im Pariser Klimavertrag deutlich zu finden ist und der absolut notwendig ist, damit das Abkommen global funktionieren kann.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass es sich hierbei nur um Kalkulationen handelt. Schätzungen. Das heißt, diese „Punkte, an denen es kein Zurück mehr gibt“ können etwas früher oder später als 2030 auftreten. Niemand kann das sicher wissen. Wir können uns allerdings sicher sein, dass sie etwa in diesem Zeitraum auftreten werden, da diese Kalkulationen keine Meinungen oder ins Blaue hinein geraten sind. Diese Projektionen stützen sich auf wissenschaftliche Tatsachen, auf die sich alle Länder über den IPCC geeinigt haben. Nahezu jede einzelne bedeutsame wissenschaftliche Organisation auf der Welt unterstützt die Arbeit und die Ergebnisse des IPCC vorbehaltlos.

Haben Sie gehört, was ich gerade gesagt habe? Ist mein Englisch okay? Ist das Mikro eingeschaltet? Denn langsam beginne ich mich zu wundern.

In den letzten sechs Monaten bin ich hunderte Stunden mit Zügen, Elektroautos und Bussen durch Europa gereist und habe diese lebensverändernden Worte unzählige Male wiederholt. Aber niemand scheint darüber zu sprechen und nichts hat sich verändert. Tatsächlich steigen die Emissionen nach wie vor. Bei meinen Reisen durch verschiedene Länder wird mir immer Hilfe angeboten, um über die spezifische Klimapolitik spezifischer Länder zu schreiben. Aber das ist nicht wirklich nötig. Denn das grundlegende Problem ist überall das gleiche. Und das grundlegende Problem besteht darin, dass im Grunde nichts getan wird, um den klimatischen und ökologischen Zusammenbruch aufzuhalten – oder wenigstens abzuschwächen –, trotz all der schönen Worte und Versprechungen.

Großbritannien ist allerdings sehr speziell, nicht nur wegen seiner atemberaubenden historischen Kohlenstoff-Schuld, sondern auch wegen seiner aktuellen, sehr kreativen Kohlenstoffberechnung. Seit 1990 hat Großbritannien laut dem Global Carbon Project eine 37prozentige Reduktion seiner territorialen CO2-Emissionen erreicht. Und das klingt sehr eindrucksvoll. Aber diese Zahlen beinhalten nicht die Emissionen aus Luft- und Schifffahrt sowie jene aus dem Im- und Export. Bezieht man diese Nummern ein, liegt die Reduktion laut dem Rechercheverbund Tyndall Manchester bei rund zehn Prozent seit 1990 – oder bei durchschnittlich 0,4 Prozent im Jahr. Und diese Reduktion resultiert nicht zur Hauptsache aus den Konsequenzen von Klimapolitik, sondern eher aus einer EU-Direktive zur Luftqualität von 2001, die Großbritannien im Grunde zwang, seine sehr alten und extrem schmutzigen Kohlekraftwerke zu schließen und sie durch weniger schmutzige Gaskraftwerke zu ersetzen. Der Wechsel von einer desaströsen Energiequelle zu einer etwas weniger desaströsen bringt natürlich sinkende Emissionen mit sich.

Aber vielleicht ist das gefährlichste Missverständnis bei der Klimakrise, dass wir unsere Emissionen „senken“ müssen. Denn das ist bei weitem nicht genug. Wenn wir unter einer Erwärmung von 1,5 bis 2 Grad bleiben wollen, müssen wir unsere Emissionen stoppen. Das „Senken der Emissionen“ ist natürlich notwendig, aber es ist nur der Anfang eines schnellen Prozesses, der innerhalb von ein paar Jahrzehnten oder früher zu einem Stopp führen muss. Und mit „Stopp“ meine ich Netto-Null – und dann schnell weiter zu negativen Zahlen. Dann ist der größte Teil der heutigen Politik nicht mehr möglich.

Der Umstand, dass wir über das „Senken“ statt über das „Stoppen“ der Emissionen sprechen, ist vielleicht die größte Kraft hinter dem Business as usual. Großbritanniens gegenwärtige Unterstützung für die neue Ausbeutung fossiler Brennstoffe – beispielsweise Großbritanniens Schiefergas-Fracking-Industrie, die Erweiterung seiner Öl- und Gasfelder in der Nordsee, den Ausbau von Flughäfen sowie die Planungserlaubnis für eine brandneue Kohlenmine – ist mehr als nur absurd. Dieses anhaltende unverantwortliche Verhalten wird in der Geschichtsschreibung zweifellos als eines der größten Versagen der Menschheit erinnert werden.

Die Leute sagen mir und den anderen Millionen Schulschwänzern immer, dass wir stolz auf uns sein sollten, für das, was wir erreicht haben. Aber das Einzige, worauf wir schauen müssen, ist die Emissionskurve. Und so leid es mir tut, aber sie steigt immer noch. Diese Kurve ist das Einzige, worauf wir schauen sollten. Jedes Mal, wenn wir eine Entscheidung treffen, sollten wir uns fragen: Wie wird diese Entscheidung diese Kurve beeinflussen? Wir sollten unseren Wohlstand und Erfolg nicht länger am Diagramm, das das Wirtschaftswachstum anzeigt, messen, sondern an der Kurve, die die Emission von Treibhausgasen anzeigt. Wir sollten nicht länger nur fragen: „Haben wir genug Geld, um damit weiterzumachen?“, sondern auch: „Haben wir ausreichend freies Kohlenstoffbudget, um damit weiterzumachen?“ Das sollte und muss das Zentrum unserer neuen Währung werden.

Viele Leute sagen, wir hätten keine Lösung für die Klimakrise. Und sie haben recht. Denn wie sollten wir auch? Wie „löst“ man die größte Krise, der sich die Menschheit jemals gegenübersah? Wie „löst“ man einen Krieg? Wie „löst“ man es, zum ersten Mal zum Mond zu fliegen? Wie „löst“ man es, etwas Neues zu erfinden? Die Klimakrise ist sowohl das einfachste als auch das schwerste Problem, dem wir uns jemals gegenübersahen. Leicht ist es deshalb, weil wir wissen, was wir tun müssen. Wir müssen die Emission von Treibhausgasen stoppen. Schwer, weil unsere aktuelle Wirtschaft immer noch völlig abhängig von der Verbrennung fossiler Energieträger ist und damit Ökosysteme zerstört, um immerwährendes Wirtschaftswachstum zu schaffen.

„Wie genau lösen wir das also?“, fragen Sie uns – die Schulkinder, die für das Klima streiken. Und wir sagen: „Das weiß niemand genau. Aber wir müssen aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen, und die Natur wiederherstellen und viele andere Dinge tun, die wir noch nicht ergründet haben mögen.“ Dann sagen Sie: „Das ist keine Antwort!“ Also sagen wir: „Wir müssen anfangen, die Krise wie eine Krise zu behandeln – und handeln, selbst wenn wir noch nicht alle Lösungen haben.“ „Das ist immer noch keine Antwort“, sagen Sie. Dann sprechen wir über Kreislaufwirtschaft und Renaturierung und die Notwendigkeit eines gerechten Übergangs. Und dann verstehen Sie nicht, worüber wir reden. Wir sagen, dass niemandem alle benötigten Lösungen bekannt sind und wir uns deshalb hinter der Wissenschaft versammeln müssen und diese Lösungen auf dem Weg finden müssen. Aber Sie hören nicht darauf. Denn dies sind die Antworten zur Lösung einer Krise, die die meisten von Ihnen nicht einmal vollständig begreifen – oder begreifen wollen.

Sie hören nicht auf die Wissenschaft, weil Sie sich nur für Lösungen interessieren, die Sie in die Lage versetzen, weiterzumachen wie bisher. So wie jetzt. Und diese Antworten gibt es nicht mehr. Weil Sie nicht rechtzeitig gehandelt haben.

Um den Zusammenbruch des Klimas zu verhindern, braucht es ein Kathedralen-Denken: Wir müssen den Grundstein legen, obwohl wir noch nicht genau wissen, wie genau wir das Dach bauen sollen. Manchmal werden wir einfach einen Weg finden müssen. Sobald wir uns entscheiden, etwas zu erfüllen, können wir alles erreichen. Und ich bin mir sicher: Sobald wir uns verhalten, als hätten wir einen Notstand, können wir die klimatische und ökologische Katastrophe vermeiden. Die Menschen sind sehr anpassungsfähig: Wir können das immer noch in Ordnung bringen. Aber die Möglichkeit dazu wird nicht mehr sehr lange gegeben sein. Wir müssen heute beginnen. Wir haben keine Ausreden mehr.

Wir Kinder opfern nicht unsere Ausbildung und unsere Kindheit, damit Sie uns sagen, was Sie für politisch möglich halten, in dieser Gesellschaft, die Sie geschaffen haben. Wir gehen nicht auf die Straße, damit Sie Selfies mit uns machen und uns erzählen, dass Sie wirklich bewundern, was wir tun.

Wir Kinder tun dies, um Sie, die Erwachsenen, aufzuwecken. Wir Kinder tun dies, damit Sie Ihre Differenzen beiseite schieben und endlich so handeln, wie Sie es in einer Krise tun würden. Wir Kinder tun dies, weil wir unsere Hoffnungen und Träume zurückhaben wollen.

Ich hoffe, mein Mikrofon hat funktioniert. Ich hoffe, Sie alle konnten mich hören.

(aus: »Blätter« 6/2019, Seite 59-63)

 

Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019

Als Teilnehmer des Kirchentages 2019 in Dortmund habe ich ein großartiges und buntes Fest erlebt.

Der öffentliche Nahverkehr war mit der Dezentralität der Veranstaltungsorte zwar etwas überfordert, im Großen und Ganzen hat die Organisationsarbeit für mich aber gut funktioniert. Vom Mittwoch den 19.07. bis zum Sonntag den 23.07. war es somit rund 100000 Besuchern möglich, ein friedliches Fest zu feiern.

Dennoch habe ich nach dem Kirchentag im Rückblick einige Zweifel an Themen, die sich für mich wie ein roter Faden durch den Kirchentag gezogen haben (inklusive Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst).

Ich formuliere Punkte bewusst ironisch überspitzt:

„Wir verdammen AfD-Politiker und -Wähler und möchten uns nicht näher mit ihnen auseinandersetzen.“

„Wir möchten uns nur in unserer eigenen Meinung bestärken, alles andere soll bitte vor der Tür bleiben!“

Auch Wirtschaftsmigration und Flucht war ein großes Thema, auf das ich im folgenden Text aber nicht weiter eingehen möchte, da dies den Rahmen dieser kurzen Glosse sprengen würde. „Glosse zum Dortmunder Kirchentag 2019, Niklas Fleischer, Dortmund 2019“ weiterlesen

Theologische Kritik der Religion bei Karl Barth, Christoph Fleischer, Welver 2019

Referat zu Hans- Joachim Kraus: Theologische Religionskritik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1982, ISBN: 3-7887-0672-4, 278 Seiten, broschiert.

Bei Aufräumen meines Bücherregals entdecke ich einen doppelseitig mit Schreibmaschinenschrift beschriebenen Zettel, ein Kurzreferat zum oben angedeuteten Thema. Die Zitate beziehen sich auf das oben genannte Buch.

 

  • „Religion“ ist für Barth ein Problem, keine vorgegebene Selbstverständlichkeit, auf die sich kirchliche Dogmatik gründen könnte. Schon in den beiden Auflagen des ‚Römerbriefs‘ geht es für Barth nicht ohne Religionskritik ab: „Was ist die Religion? Nicht! Ein psychologisches Faktum unter andern. Aber dieses Faktum muss schreien: Der Mensch ist Gottes durch das, was Gott an ihm getan…“ (Römerbrief 88)
  • Religion als menschliches Faktum unterliegt der Kritik, und zwar nicht zuerst einer philosophischen, gedanklichen Kritik, sondern der Kritik durch Christus: „Christus als das ‚Ende des Gesetzes‘ ist auch das Ende der Religion.“ (Kraus) Glaube oder Religion, das ist die Alternative. Religionskritik ist auch zugleich Kirchenkritik, denn schon in der Bibel richtet sich die Kritik der Religion nicht gegen die gottlose, sondern gegen die religiöse Welt.
  • „Religionskritik ist Bereitschaft zu ständiger Umkehr“ (Kraus). Diese Forderung der Umkehr ist auf den Neuprotestantismus mit seiner Zentralstellung der Frömmigkeit und gegen den Katholizismus als vollendetem Ausdruck christlicher Religion gerichtet.
  • Barths Alternative ist – als Ausgangspunkt: Hoffen und Warten, dass Gott sich wieder zuwendet (Psalm 22). Dann ist aber das Kreuz das Zeichen der ‚Wende zu neuem Leben und Tun des Menschen‘. Das Ende jeder religiösen Ethik ist bestimmt durch die Forderung der Teilnahme an der „Bewegung Gottes“ (Römerbrief 392). Nicht Leben nach religiösen Regeln, sondern Tun und Erkennen in der Entsprechung zu Gottes wirksamem Tun ist die einzige christliche Möglichkeit (hier aber noch nicht mit Religion bezeichnet, wie später in der Kirchlichen Dogmatik).
  • Barth greift implizit auf die radikale Religionskritik Feuerbachs zurück (explizit in der Vorlesung 1926), indem er „Religion als illusionäres Produkt des Menschen bezeichnet“ und „eine durch Individualismus, Subjektivismus und Spiritualismus gekennzeichnete religiöse Anthropologie … zu überwinden sucht“ (M. Krämer). Barth geht aber einen Schritt über Feuerbach hinaus, der in der Struktur dem Schritt von Karl Marx ähnlich ist. Während Marx sagt ‚Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.‘ betont Barth gegen jede Anthropologie, ob religiös oder atheistisch die Veränderung, die die Welt durch die Bewegung Gottes erfährt.
  • Auf diesem Umgang mit der Religion greift Karl Barth in der Kirchlichen Dogmatik zurück: KD 1,2 „Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion“, was im Folgenden in drei Abschnitten dargestellt wird:
  • (1) „Religion ist noch von anderswo als von der Offenbarung her … ins Auge zu fassen (KD I,2, S. 321). Gott wirkt in der Religion, aber nur in Verborgenheit, so wie Gott in Christus zunächst nur verborgen gegenwärtig ist. Barth benutzt zur Würdigung der Religion als Ausgangspunkt und als Strukturprinzip die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Doch während in Christus die Einheit von Gott und Mensch vollendet ist, so ist „die Einheit von göttlicher Offenbarung und menschlicher Religion die eines … erst zu vollendenden Geschehens.“
  • (2) Mit ‚analogia fidei‘ beschreibt Barth das Christusgeschehen so, dass darin zuerst von der Sünde die Rede ist, die durch Christus vergeben ist. Das heißt zu einem, dass angesichts der Selbstdarbietung Gottes alle Versuche des Menschen, Gott von sich aus zu erkennen, umsonst (vergeblich) sind. Das heißt: Religion ist Wiederstand gegen Gott. Zum anderen ist angesichts der Rechtfertigung und Heiligung durch Christus jeder menschliche Versuch, sich zu rechtfertigen und zu heiligen nichts als „Götzendienst und Werkgerechtigkeit“. Die Religionskritik der Mystik und des Atheismus decken hier die „Schwäche“ (Projektion menschlicher Bedürfnisse) und die „bloß relative Notwendigkeit“ auf (Mystik), können aber von ihrer Position aus nicht zum Urteil des ‚Glaubens, ‚Götzendienst‘ und ‚Werkgerechtigkeit‘ vorstoßen; für ihn ist Religion schlicht Unglaube.
  • (3) Während das Urteil, Religion sei ‚Unglaube‘ auf der Linie des Römerbriefs liegt, geht der zweite Teil der Analogie über die Kritik hinaus. Erbeschreibt, wieder an strenge Anlehnung an die Christologie, inwiefern die Einheit von Offenbarung und Religion wirklich geschieht. In diesem Kontext bringt es Barth auf den schillernden Satz: „Die christliche Religion ist die wahre Religion“. Dieser Satz ist nur richtig, wenn man die Wahrheit der Religion nicht in einem christlichen Selbstbewusstsein, sondern im Ereignis des Handelns Gottes, in seiner Gnade, sieht, das ausgehend vom Sündenbekenntnis des Glaubenden, in ‚iustificatio impii‘ Wirklichkeit wird.
  • In Analogie zum Christusgeschehen formuliert ist diese wahre Religion
  • Ein Akt göttlicher Schöpfung, einer durch den Namen Jesus Christus zu schaffender und geschaffener Wirklichkeit;
  • Ein Akt göttlicher Erwählung, durch den die christliche Kirche, die den Namen Christi ausspricht, zum Leib Christi und nicht zu einer beliebigen Religionsgemeinschaft erwählt ist;
  • Ein Akt göttlicher Rechtfertigung und Sündenvergebung, die das Eins Werden des göttlichen Wortes mit der menschlichen Natur und so deren Zurechtbringung ist, und sich vollzieht in der Wirklichkeit des Lebens, der Kirche und der Kinder Gottes;
  • Ein Akt göttlicher Heiligung, bei der der einen objektiven Offenbarung eine doppelte subjektive Wirklichkeit entspricht: die christliche Religion als die durch den Heiligen Geist geschaffenen Raum und die durch den Heiligen Geist geschaffene Existenz des Menschen.

Geschrieben 1982.

 

Der Gedankengang, der hier skizziert ist, zeigt, dass Barth keinesfalls den Religionsbegriff verwirft, sondern eine differenzierte, am Umgang mit der Botschaft von Christus orientierte Begrifflichkeit enthält. Es wäre heute einmal zu fragen, inwieweit dieser Gedankengang von der reformierten Theologie her geprägt ist, die man nicht kritisieren sollte, sondern einfach nur auf ihre Prämissen hin befragen. Obwohl Barth damit schlüssig zu argumentieren scheint, präsentiert er ein Gedankenkonstrukt, das die Wirklichkeit der Offenbarung und die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes auf den Umgang mit religiösen Begriffen festlegt, z. B. sehr stark im Sinn der reformatorischen Begriffe Rechtfertigung und Heiligung. Ausgehend von dem Satz in einer reformierten Kirche  (Borkum) „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“ (Psalm 93) habe ich mir das immer so erklärt, dass die „Zierde der Kirche“ eigentlich außerhalb ihrer Mauern liegt, im Leben der Menschen, wo Heiligkeit sich vollzieht.

Geschrieben 2019.

So attraktiv dieser Gedanke sein mag, unterliegt er doch dem Trugschluss, dass auch diese Gemeinde Jesu immer wieder in der gottesdienstlichen Gemeinschaft z. B. im Abendmahl konstituiert. Die Botschaft Jesu zielt auf Ethik, die einen bestimmten Umgang mit den Fragen des Lebens und auch der Politik nicht vorschreibt, sondern eröffnet.

Konrad Schrieder, um Korrektur und eventuellen Kommentar dazu gebeten schrieb dazu in einer Email:

Als Polemik gegen Schleiermacher ist Barths Kritik am Religionsbegriff verständlich, allerdings nur, wenn man das religiöse Gefühl in einer bestimmten Weise versteht, die Schleiermacher wohl nicht gemeint haben dürfte.

Deine Schlussfolgerungen finde ich interessant. An der Altarwand der reformierten Kirche in Borkum steht genau der Vers aus Ps. 93: „Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses“. Aber geht es bei der Kritik des Religionsbegriffs um Heiligkeit? Es ist gut, auf die Prämissen zu sehen. Man darf aber auch die Schwächen nicht übersehen. Karl Rahner stimmt mit Karl Barth darin überein, dass Gott der „ganz andere“ ist. Aber er ist erkennbar, und zwar nicht nur durch die Christusoffenbarnung, sondern auch durch das Wesen des Menschen. Gerade das ist kein Subjektivismus – ein Vorwurf, der Rahner immer wieder gemacht wurde – denn Gott steht als unbegrenztes, absolutes (Erkenntnis-)objekt dem Menschen gegenüber und geht nicht pantheistisch in ihm auf. Woher kommt also der Gottesbegriff des Menschen? Diese Antwort bleibt uns, wie ich finde, Karl Barth schuldig, weil er eben nur im Kategorialen bleibt und die transzendental-kategoriale Einheit aufgibt. Die transzendental-dynamistisch verstandene Metaphysik Rahners gibt genau darauf eine Antwort. Der Gottesbegriff fällt eben nicht vom Himmel.

Das führt allerdings zu der recht problematischen Begrifflichkeit des „anonymen Christentums“ bei Rahner. Gemeint ist, dass durch den Vorgriff, den jeder Mensch ständig vollzieht, der Gottesbegriff immer schon implizit vorausgesetzt ist, dass er aber nicht immer durch Reflexion bewusst gemacht wird. Dieser Gottesbegriff ist ungegenständlich-unthematisch und wird erst dadurch thematisch, dass Gott sich geschichtlich-kategorial in unsere Geschichte hinein offenbart. Hier bleibt eine merkwürdige Diastase, die bei Barth gar nicht erst aufkommt. Folgt man der Argumentaion Rahners stringent, dann müsste eigentlich jeder Mensch irgendwann dahin kommen, Christ zu werden – es sei denn, dass er sich in seiner Freiheit bewusst davor verschließt. Das setzt aber in jedem Fall einen Willensakt voraus.

Es wäre interessant, diese Thematik einmal auf den Sachverhalt des interreligiösen Dialogs zu denken. Rahner vertritt durch seinen Dynamismus ganz bewusst einen (Erkenntnis-)pluralismus, der ja auch das II. Vaticanum beeinflusst hat. Wie weit wäre Rahner bereit zu gehen und was ist bei Karl Barth überhaupt möglich, wenn es nicht zu einer schroffen Alternative oder sogar Konfrontation kommen sollte? Ein Problem, in dem sich die unterschiedlichen evangelisch-katholischen Standpunkte zeigen.

LG Konrad

Die Sprache der Symbole, Christoph Quarch

Was der Brand von Notre Dame uns über unser Menschsein lehrt

Notre Dame ohne Baugerüst

Machen wir ein Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, ein Forscherteam im Silikon-Valley hätte am Morgen des 15. April einem ihrer mit den besten Algorithmen der Künstlichen Intelligenz ausgestatteten Superrechner die Frage vorgelegt, wie hoch das zu erwartende Spendenaufkommen für den Wiederaufbau einer französischen Kathedrale nach einem Brand des Dachstuhls und dem partiellen Einbruch des Deckengewölbes ausfallen dürfte. Selbst wenn die Programmierer dezidiert von Notre Dame gesprochen hätten, dürfte die Super-KI wohl kaum darauf gekommen sein, dass für den Wiederaufbau dieser Kirche innerhalb von nur zwei Tagen weit mehr Spenden aufgebracht würden als für die fünf weltweit größten Projekte des Roten Kreuzes (Syrien, Südsudan, Irak, Nigeria, Jemen) zusammen in einem ganzen Jahr. „Die Sprache der Symbole, Christoph Quarch“ weiterlesen