Herzogenrather Passionspredigt: Judas der Schatten Jesu, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Karfreitag 2021, Lukas 22,47+48

„Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verräts du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Luther 2017)

Liebe Gemeinde,

Gerschom Wald beugte sich etwas vor und sagte:<< In allen Sprachen, die ich kenne, und auch in denen, die ich nicht kenne, wurde Judas ein Synonym für Verräter.“ (274) „Der Hass der Christen auf die Juden (ist) nicht von der Welt verschwunden. Er verschwindet nicht und wird nicht weniger. Mit oder ohne Judas, der Jude hätte für den Gläubigen immer den Verräter verkörpert. Generationen von Christen (haben) nie vergessen, dass das Volk vor der Kreuzigung gerufen hat: Kreuzige ihn, kreuzige ihn, sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ (276) Es ist „etwas Tiefes und Dunkles“ (276), was wir Juden mit den Christen haben.

(Amos Oz: Judas. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015)

 

Judas – ein eifriger Apostel?

Das sind resignierende Sätze über das Verhältnis von Christen und Juden, die der bekannte israelische Schriftsteller Amos Oz in seinem letzten großen Roman Judas (2015) der fiktiven Figur Gerschom Wald in den Mund legt. Amos Oz greift in Judas geschickt eine im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufkeimende Deutung und Verehrung von Judas auf, die Judas als treuen Apostel Jesu verehren. Seinen Verrat Jesu an die Hohenpriester deuten diese Judas-Anhänger als geschickten Schachzug ihres Apostels. Judas zwingt Jesus, endlich das Reich Gottes im Zentrum der Macht auszurufen.  Mit dem Kuss bekennt sich Judas zu Jesus und drängt Jesus zur Konfrontation mit seinen Gegnern. Was wäre sonst der Sinn gewesen, nach Jerusalem zu gehen? Auf dem Land hatte der Rabbi Jesus schon genug Nachfolgerinnen und Nachfolger.

Judas einfach als Verräter abzustempeln, der darüber hinaus dem Mammon verfallen war und im Evangelium des Johannes „Sohn des Verderbens“ genannt wird, wird seiner Berufung zur Nachfolge, seiner Verehrung des Rabbi Jesus und seiner Auseinandersetzung mit dessen Lehre wirklich nicht gerecht.

 

Entscheidendes Werkzeug in Gottes Händen

Was Judas auch dachte und was seine Motivationslage auch war, hervorzuheben ist, dass Judas theologisch gesehen ein entscheidendes Werkzeug in Gottes Händen mit seiner Welt war. Sollte ihm nicht dafür auch die nötige Verehrung zukommen?

(Siehe auch Walter Jens: Der Fall Judas, Radius Verlag, Stuttgart 1975, der in seinem Essay den Vatikan auffordert, Judas als Märtyrer selig zu sprechen.)

 

Es ist löblich, einen arg in Verruf geratenen Jünger und Apostel Jesu zur Ehrenrettung eine gute Absicht zu unterstellen, die dem monolithischen Bild als Verräter entgegenläuft, aber es ist müßig, da es dazu keine Aussagen von Judas oder anderen belastbaren Quellen gibt.

Wir sollten uns allerding auch im Klaren sein, dass alle vier Evangelien mit dem Judasbild, das sie zeichnen, ein eigenes literarisches und theologisches Interesse verfolgen. Die antijüdische Wirkungsgeschichte der neutestamentlichen Judasdarstellung – und Auslegung war und ist verheerend.

 

Jesus und Judas gehören zusammen

Heute an Karfreitag will ich es einmal deutlich sagen: Jesus und Judas haben mehr miteinander zu tun als uns auf den ersten Blick lieb ist. Sie bleiben eng aufeinander bezogen, auch wenn wir die Tendenz haben, beide scharf voneinander zu trennen: Der eine steht für Verrat, der andere für Treue. Der eine steht für Lüge, der andere für Wahrheit. Der eine steht für Verführung (durch den Mammon), der andere für Freiheit. Der eine steht für Sünde, der andere für Beziehung. Der eine richtet sich selbst (Selbstmord), der andere nimmt das Gericht auf sich. Der eine steht für Satan, der andere für Gott.

 

Bericht der Evangelien

Halten wir fest, was die Evangelien übereinstimmend über Judas berichten:

Judas zerschneidet das Tischtuch mit Jesus. Durch seinen Verrat an die Hohenpriester bricht er die Tischgemeinschaft mit seinem Rabbi Jesus von Nazareth. Mit ihm hatte er als berufener Jünger über ein Jahr in engster Gemeinschaft gelebt.

Auffällig ist, dass Jesus zwar seinen Verrat beim letzten Abendmahl voraussagt und Judas mit einem Wehe-Ruf belegt, gleichzeitig ihn aber nicht von seinem Leib und Blut ausschließt. Damit gibt er auch Judas voll und ganz Anteil an sich selbst. Es scheint fast als hätte Jesus damit ausgedrückt, nichts aber auch gar nichts kann dich von mir ausschließen. Nicht dein Verrat, auch nicht, dass du aus Verzweiflung Hand an dich legst.

 

Wirkung

Leider und besonders intensiv haben die protestantischen Kirchen über Jahrhunderte Kirchenzucht betrieben, indem sie „offensichtliche Sünder“ vom Abendmahl ausgeschlossen haben. Damit haben sie sich nicht an der Praxis Jesu orientiert. Theologisch verstand die Kirche sich, nicht nur, aber gerade wegen Judas als eine Gemeinschaft der (gerechtfertigten) Sünder (der Reinen und Unreinen), wo niemand über den anderen richten oder herrschen sollte, aber die Praxis sah und sieht anders aus.

 

Es scheint eine anthropologische Grundkonstante zu sein, Verräter oder Menschen, die vom Glauben abfallen und andere in Not bringen, zu Judassen zu machen. In der Tat haben es durch die Jahrhunderte viele Gemeinden erfahren und in Zeiten der Christenverfolgung erfahren es viele Gläubige heute, dass sie von eigenen Gemeindemitgliedern verraten werden. Judas und sein Geschick, der Wehe-Ruf Jesu und sein bitteres Ende sind dann ein warnendes Beispiel, was mit denen geschieht, die den Glauben an Christus verleugnen und Schwestern und Brüder an Leib und Leben gefährden.

 

Martin Luther

Martin Luther hat viele Judasse in der Kirche ausgemacht. Sie standen für ihn für eine falsche Kirche. So hat er den Papst einen echten Judas genannt, aber auch Karlstadt, den Bilderstürmer, und die geistverzückten Schwärmer und erst recht Thomas Müntzer, der sich 1525 mit dem Bauernaufstand solidarisierte und das Reich Gottes auf Erden mit Gewalt herbeiführen wollte. (WA TR 69)

 

Martin Luther ist aber auch mit seiner Rechtfertigungslehre, da ist niemand, der sich rühmen kann vor Gott, wir alle sind allein durch Gottes Gnade gerechtfertigt, der unauflöslichen Verbindung zwischen Jesus und Judas nahegekommen. Gerade weil wir alle Sünderinnen und Sünder sind, ich sage mal etwas platt, gerade weil wir alle Judasse sind: einander verraten, uns verfehlen, lügen, dem Mammon dienen und nicht Gott etc., ist Judas ein Synonym für die für Gott verschlossene Existenz des Menschen. Nicht wie Goethe, der Judas von oben herab einen bemitleidenswerten „armen Exapostel“ nannte, sah Luther in Judas auch sich selbst. Luther litt emphatisch mit Judas mit: mit seiner Verzweiflung nach vergeblicher Reue, mit seinem völligen allein sein bis zu seiner Selbsthinrichtung.

Die Einsicht in das eigene Begrenzt-Sein und der Glaube daran, dass Gott mich annimmt und sich zu mir stellt, mich gerecht spricht, sieht in Judas nicht den anderen, sondern sich selbst.

 

 

Theologische Deutung

Der erwählte Apostel Judas verkörpert die Ohnmacht der Bosheit angesichts der Gnade Gottes. Selbst der Verrat des Judas entlässt Judas nicht aus der Gnade Gottes. Verrat und Kreuzigung liegen zeitlich dicht beieinander. Sie verschränken sich und deuten einander. Es ist ähnlich wie beim Abendmahl. Jesus schließt Judas nicht aus. Bittet nicht Jesus nach dem Lukasevangelium auch für Judas: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Anstatt Judas als die Verkörperung der Sünde zu sehen und auch alle Judasse heute als Sündenböcke zu brandmarken und mit Eifer auszuschließen, gibt es auch für Judas eine (eschatologische) Zukunft bei Gott. Dann fällt von der Vergebung ein neues Licht auf Judas. Wenn die Sünde angesichts des Kreuzes wirklich nicht bestehen kann, dann kann es auch für alle Menschen die Möglichkeit zur Umkehr geben. Deshalb dürfen wir gegen alle Erfahrung immer noch für die Menschen hoffen, die sich scheinbar gänzlich dem Bösen verschrieben haben. Es wäre für uns Christinnen und Christen eine lebensfördernde und radikale einzuübende Perspektive, gerade wo unsere Gesellschaft so gespalten ist, Menschen nicht auf ihre Fehler oder ihre Meinung zu reduzieren, sondern sie von der Möglichkeit Gottes her zu sehen. Wer an Gott glaubt, gibt den anderen nicht auf und verloren.

Judas ist wie Jesus ein Gezeichneter. Judas hat Jesus ausgeliefert und den Schächern übergeben. Dasselbe griechische Wort für „verraten“(paradidónai) verwendet Paulus, um den Tod Jesu zu deuten. Gott hat Jesus und Jesus sich selbst dem „Fluch des Kreuzes“ ausgeliefert. Dieses Verstoßen-Sein verbindet Jesus mit Judas. Jesus nimmt das Gericht über die Sünde auf sich und schafft dadurch Zugang zu Gott. Das negativ konnotierte „ausliefern“(paradidónai) bei Judas wird durch das von Gottes Liebe motivierte „ausliefern“(paradidónai) seines eigenen Sohnes überboten.

Judas ist kein Sonderfall

Helmut Gollwitzer führt in „Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“, Christian Kaiser Verlag, München, 1970) diese Linie noch weiter. Wie bei Luther gilt für ihn: „Judas ist kein Sonderfall. Er ist unser aller Fall.“ (274) Das Neue Testament ist „…das Buch der großen Sorge um Judas Iskariot.“ (283) Darum müssen die Stellen im Neuen Testament, die Judas einzig auf seine Schuld festlegen vom Kreuz her neu gelesen werden. Vergebung und Gemeinschaft mit Gott bleiben Judas zugesagt und bleiben auch der ganzen Menschheit zugesagt „in der dauernd Judas vorkommt.“(295)

 

Judas als Schatten Jesu

Wenn wir Judas als Schatten Jesu sehen, dann ist Judas der Gegenspieler Jesu und gleichzeitig bleibt Jesus mit ihm verbunden. Es geht um die Frage der Nachfolge Jesu. Wie gehen wir mit dem Anderen, dem Fremden, aber ganz konkret auch mit den Bösen um? Dabei ist es gleich, ob das Andere uns äußerlich oder innerlich begegnet. Wenn wir fähig werden, den Schatten in Verbindung mit Jesus zu sehen, werden wir einen Zugang finden zu den anderen und zu uns selbst. Dann merken wir auf, wo wir wieder in die Falle tappen, andere zu Sündenbocken zu machen oder uns selbst zu geißeln.

 

Zuletzt möchte ich noch einmal auf Amos Oz eingehen. Ja, Juden und Christen verbindet „Tiefes und Dunkles.“ Ja, uns Christen verbindet mit den Juden unsere Schuld. Uns verbindet aber auch der Glaube an Gott, der Schuld vergibt und neues Leben schafft.

Amen

 

Predigt zum Menschen „Pilatus“ in der Markuskirche am 27.02.2021, Erhard Lay, Herzogenrath 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Pfarrer in unserer Gegend erzählte mir vor längerer Zeit von der Frage eines seiner Konfirmanden: „Jesus ist doch an einer Krankheit gestorben?“ Gegenfrage des Pfarrers: „Wie kommst Du denn darauf?“ Der Konfirmand: „Jeden Sonntag wird doch gesprochen: ‚Gelitten unter Pontius Pilatus‘“.

Eine Krankheit ist für Betroffene nichts Positives. Gilt das auch für den Menschen Pontius Pilatus, der Jesus zum Tod am Kreuz verurteilt hat? Blutrichter oder Werkzeug Gottes in dessen Heilsplan mit uns Menschen? Immerhin hat er es als einziger Mensch außer Maria in unser Glaubensbekenntnis geschafft.

Alle vier Evangelisten berichten über ihn, wobei diesen teils unterschiedliche Aspekte wichtig sind. Da die Texte sehr lang sind, hören wir Auszüge aus Lukas, Kapitel 22, Verse 66 – 71 u. Kap. 23, 1 – 25 aus der Luther-Bibel:

66 Und als es Tag wurde, versammelte sich der Rat der Ältesten des Volkes – Hohepriester und Schriftgelehrte -, und sie führten ihn vor den Hohen Rat.  

70 Da sprachen sie alle: Bist du der Sohn Gottes?  Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es. 23,1 Sie führten ihn vor Pilatus 2 und fingen an, ihn zu verklagen. Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König.

3 Pilatus aber fragte ihn: Bist du der Juden König? Er antwortete ihm: Du sagst es. 4 Pilatus sprach zu den Hohepriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. 5 Sie aber beharrten darauf: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt im ganzen jüdischen Land, angefangen von Galiläa bis hierher. 6Pilatus fragte, ob der Mensch aus Galiläa wäre, 7 und dass er unter die Herrschaft es Herodes gehörte, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. 8 Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr, denn er hätte ihn längst gerne gesehen. 9 Und er fragte ihn mancherlei. Er antwortete ihm aber nichts. 10 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verklagten ihn hart. 11 Aber Herodes und seine Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus. 13Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach: 14 Ich habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden; 15 Herodes auch nicht, denn er hat ihn zurückgesandt. Er hat nichts getan, was den Tod verdient. 18 Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem. Gib uns Barabbas los! 19 Der war wegen eines Aufruhrs und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.

20 Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. 21 Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! 22 Er sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe keine Schuld an ihm gefunden, die den Tod verdient; darum will ich ihn züchtigen lassen und losgeben.

 23 Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand. 24Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt würde 25 und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen.

Soweit das Evangelium des Lukas. Weitere Aspekte aus den anderen Evangelien werden noch ergänzend angesprochen.

Wer war nun dieser Mensch, von dem uns in den Evangelien, aber auch von nichtchristlichen Geschichtsschreibern, wie Philo von Alexandrien, Flavius Josephus und Tacitus berichtet wird?

Seine geschichtliche Rolle mit Bedeutung für die Christenheit spielt er als Präfekt, bei Luther Statthalter genannt, für Judäa, aber auch für das nördlich gelegene Samaria und Idumäa im Süden von Judäa.

Er stammt aus Mittelitalien. Sein Vorname ist nicht bekannt. „Pontius“ ist der Familienname, weil er von den „Pontiern“ abstammte. Der Beiname „Pilatus“ könnte von „Pilum“, dem Speer der römischen Legionäre abgeleitet sein. Oder auch in Verbindung mit „Pileus“ stehen, der Filzkappe, die römischen Sklaven bei ihrer Freilassung aufgesetzt wurde.

Pontius Pilatus wurde römischer Soldat, Offizier und Kommandeur, bis er nach seinem Militärdienst im Jahr 26 n. Chr. zum Präfekten in Palästina ernannt wurde. Unterstellt war er dem Legaten von Syrien, der den Kaiser im Osten des römischen Reiches vertrat.

Hauptaufgabe des Statthalters war es, in seiner Provinz für Ruhe und Frieden zu sorgen und die „Kultur zu fördern“. Dies geschah nach dem sogenannten Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Das heißt: Entgegenkommen, was Kultur bzw. Religion und Lebensführung anbelangt, aber hartes Durchgreifen bei Unruhen und Aufständen.

Judäa war eine unruhige Provinz. Und doch hat Pilatus es geschafft, es auf eine relativ lange Amtszeit von ca. 10 Jahren zu bringen. Eine Hilfe dazu war das gute Einvernehmen mit dem obersten Repräsentanten der Juden, dem Hohepriester Kaiphas.

Bekannt ist z. B. der Bau einer Wasserleitung nach Jerusalem, was auch durch notwendige Viadukte sehr kostspielig war. Deshalb griff Pilatus in die Tempelkasse, was die Bevölkerung in Aufruhr versetzte. Etwas differenziert betrachtet, war diese gleichzeitig eine Art Staatskasse, weil der Tempel auch Wirtschafts- und Finanzzentrum des Judentums war. Außerdem kann der Hohenpriester schlecht übergangen worden sein. Es kam aber dadurch zu einer Rebellion, bei der Verletzte und Tote aus der Bevölkerung zu beklagen waren. Es sind eine Reihe von Bluttaten bezeugt, aber auch ein Einlenken, wie beim erfolgreichen Protest gegen das Hereintragen von Standarten mit dem Kopf des Kaisers durch römische Truppen nach Jerusalem, was dem Bilderverbot des Gesetzes des Mose widersprach.

Der Hohe Rat nahm nicht alles hin, sondern beschwerte sich mehrfach beim römischen Kaiser, wenn die Maßnahmen der Statthalter zu weit gingen. Die Geschichtsschreiber berichten über Pilatus von Gewalttätigkeit, Räuberei, Bestechlichkeit, Misshandlungen und Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren. Kaiser Tiberius beließ ihn dennoch auf seinem Posten. Offensichtlich führte er die Unruheprovinz doch zur Zufriedenheit der Staatsführung. Letztlich kam es auch durch eine Intrige zu seinem Sturz.

Auslöser war ein Vorfall im Jahr 36, als ein sogenannter „falscher Prophet“ die Samaritaner aufwiegelte, mit ihm auf den heiligen Berg Garizim zu steigen. Die Menge erschien mit Waffen, offenbar gerüstet für den „Endkampf“. Pilatus schickte schwerbewaffnete Soldaten, es kam zu einer Schlacht mit vielen Toten und anschließenden Hinrichtungen.

Der Hohe Rat der Samaritaner beschwerte sich beim Legaten von Syrien, Vitellius, und behauptete, sie hätten keinen Aufstand geplant, sondern sich lediglich zur Flucht vor dem gewalttätigen Pilatus versammelt.

Vitellius schickte Pilatus nach Rom zur Rechtfertigung vor dem Kaiser. Gleichzeitig setzte er seinen Freund Marcellus zunächst kommissarisch auf Pilatus Stelle und enthob den jüdischen Hohepriester Kaiphas seines Postens, weil dieser angeblich mit Pilatus gemeinsame Sache gemacht habe.  Als Pilatus in Rom ankam, war Kaiser Tiberius bereits verstorben und die Spur von Pontius Pilatus verliert sich in der Geschichte.

Zurück ins Jahr 30, als Pontius Pilatus noch auf dem Höhepunkt seiner Macht war und mit dem Fall Jesus befasst wurde. Der Statthalter residierte normalerweise in Cäsarea am Mittelmeer, kam aber wegen des jüdischen Passahfestes in seinen Palast nach Jerusalem. Natürlich nicht um mitzufeiern, sondern um bei einem möglichen Aufruhr vor Ort zu sein.

Der Hohe Rat hatte Jesus von Nazareth durch die jüdische Tempelwache festnehmen lassen mit dem Ziel ihn zu beseitigen.

Jesus war anstößig geworden. Er predigte das nahe Reich Gottes, sein Reich sei nicht von dieser Welt, er sei Gottes Sohn, setzte sich über Teile des Gesetzes Mose hinweg, setzte sich mit Armen und Ausgestoßenen an den Tisch und stellte wirtschaftliche und Machtstrukturen in Frage. Die Tempelaustreibung der Händler betraf die Einkommensquelle von Priestern einschließlich des Hohepriesters. Jesus hatte eine beträchtliche Anhängerschaft und er war als König in Jerusalem zum Passahfest empfangen worden. Wäre ein Aufruhr entstanden, hätte Pilatus wieder gewaltsam eingreifen müssen, was der Hohe Rat nicht heraufbeschwören wollte.

Jesus nach dem Gesetz des Mose zu steinigen, getrauten sie sich nicht, da der Statthalter anwesend war.

Nachdem Jesus beim Verhör vor den 71 Männern des Hohen Rates deren Frage nach seiner Gottessohnschaft und damit die Gotteslästerung aus ihrer Sicht bestätigt hatte, ging es gemeinsam zu Pilatus, der nach römischem Recht für die Todesstrafe zuständig war.

Ihnen war natürlich klar, dass der Präfekt sich nicht für innerjüdische Religionsstreitigkeiten interessierte. Deshalb brachten sie Anklagepunkte vor, die sie für römische Interessen hielten, nämlich: Volk aufhetzen, Steuern zahlen verbieten und sich König nennen. Dabei hatte Jesus nichts gegen das Zahlen von Steuern gesagt, sondern „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Pilatus sah offensichtlich keine Gefahr in diesem Wanderprediger und lehnte einen Schuldspruch ab.

Als er aber hörte, dass Jesus aus Galiläa stammte, ergriff er die Chance, das Problem zuständigkeitshalber an Herodes Antipas – ein Sohn von Herodes dem Großen – los zu werden, denn Galiläa war dessen Herrschaftsbereich. Herodes war ebenfalls wegen des Passahfestes in seinem Palast in Jerusalem anwesend. Dieser wollte Jesus gerne kennenlernen, aber Jesus verweigerte die Aussage. Das löste den Spott von Herodes mit Gefolge aus und er wurde als sogenannter König mit dem weißen Königsgewand der Juden zu Pilatus zurückgeschickt.
Dieser Vorgang hat sich in unserer Sprache mit dem Ausspruch „Von Pontius zu Pilatus schicken“ bis heute gehalten. Hier wurde Jesus von Pontius Pilatus über Herodes zu Pontius Pilatus zurückgeschickt.

Pilatus teilte den Hohepriestern und dem anwesenden Volk mit, dass er und Herodes keine Schuld bei

Jesus gefunden hätten. Anmerkung: Wenn von Hohenpriestern in der Mehrzahl die Rede ist, denkt man, dass die Vorgänger oder zumindest der Vorgänger von Kaiphas, nämlich Hannas, dessen Schwiegervater, mitgemeint ist.

Was bei Lukas nur kurz geschildert wird, kommt bei den anderen Evangelisten ausführlicher zur Geltung. Es war üblich, dass der römische Statthalter einen politischen Gefangenen begnadigte und damit sein Wohlwollen gegenüber dem jüdischen Volk zeigte. Jetzt hatte Pilatus der Volksmenge Jesus und den Aufrührer und Mörder Barabbas zur Auswahl vorgeschlagen. Die Menge schrie: „Barabbas“. Pilatus versuchte es ein zweites und drittes Mal, Jesus durchzusetzen. Aber mit großem Geschrei wird die Kreuzigung gefordert. Bei Johannes wird noch zusätzlicher Druck aufgebaut, indem die Menge ruft: „Lässt du diesen frei, bist du des Kaisers Freund nicht.“ Pilatus wird die Drohung gespürt haben, ihn in Rom anzuschwärzen. Er gibt nach und ordnet die Kreuzigung an.

Matthäus schreibt außerdem, dass die Oberen der Juden aus Neid Jesu Tod wollten. Eine andere Person setzt sich nach Matthäus noch für Jesus ein; die Frau des Pilatus, deren Name wir nicht erfahren. Außerhalb des Neuen Testaments wird sie später Claudia genannt und sie wird in der koptischen und orthodoxen Kirche als Heilige verehrt. Warum? Während der Verhandlung schickte sie einen Boten zu ihrem Mann und ließ ausrichten: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ Dieser Einsatz hatte nichts bewirkt und wäre auch gegen Gottes Heilsplan gewesen. Er war aber ein Bekenntnis zu Jesus.

Bei Matthäus finden wir auch die Stelle, an der Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Das ist ein Zeichen, das die Juden aus dem 5. Buch Mose kennen. Wenn die Ältesten eines Ortes, in dessen Nähe ein Ermordeter gefunden wurde, aber der Täter unbekannt war, wuschen sie sich symbolisch die Hände in Unschuld.

Die als INRI (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum = Jesus von Nazareth König der Juden) bekannte Kreuzesaufschrift bei Johannes kommt in allen Evangelien ähnlich lautend vor. Pilatus ändert diese auch nach Protesten der Hohenpriester nicht dahingehend, dass Jesus gesagt habe, er sei der König der Juden.

Dann kommt Pilatus im Neuen Testament noch einmal vor, wo er dem Ratsherrn Joseph von Arimatäa genehmigt, den Leichnam Jesu abzunehmen und in dessen eigener Gruft zu bestatten; zunächst sogar mit einigen Soldaten als Wache. Die Hohenpriester befürchteten, dass die Jünger von Jesus den Leichnam stehlen könnten.

Somit bleibt das zwiespältige Bild von der Rolle des Pontius Pilatus bei der Kreuzigung Jesu. Einerseits ist er der Henker Jesu, der aus Eigeninteresse wegen Machterhaltung und politischem Kalkül, nämlich Gefälligkeit gegenüber dem Hohen Rat, so gehandelt hat. Andererseits ist er in die Heilsgeschichte eingebunden und kann somit als Gottes Werkzeug gesehen werden. Ohne Kreuzigung keine Sündenvergebung und ohne Auferstehung kein ewiges Leben. Ohne das Urteil des Pontius Pilatus wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. In der äthiopisch-orthodoxen Kirche wird er sogar als Heiliger verehrt.

Soweit gehen die anderen christlichen Kirchen nicht. Aber bis zur Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses im 5. Jahrhundert tauchte Pontius Pilatus trotz aller Widersprüchlichkeit immer wieder in Bekenntnissen der frühen Kirche auf.

Die Schuldfrage bezüglich der beteiligten Juden hat in der Geschichte zu vielen furchtbaren Verbrechen geführt, sicher mitverursacht durch die bei Matthäus beschriebene Antwort des Volkes auf die Händewaschung des Pilatus in Unschuld: “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Dies gehört leider auch zur Wirkungsgeschichte der Verurteilung Jesu.

Wie geht es uns, wenn wir das Handeln des Pontius Pilatus bewerten? Kennen wir nicht auch Situationen, in denen wir vor die Wahl gestellt sind, nach unserer Überzeugung zu handeln oder sogenannten Sachzwängen zu folgen? Oder es stellt sich die Frage so: Welche Vor- oder Nachteile habe ich, wenn ich entgegen meiner Überzeugung handle?

Das ist dann auch oft die Frage nach der Wahrheit.

Nachdem Jesus bei Johannes zu Pilatus gesagt hatte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, fügt er hinzu, dass er in die Welt gekommen sei, um die Wahrheit zu bezeugen. Pilatus fragt nur: „Was ist Wahrheit?“ Die Frage bleibt offen, weil sich der Statthalter dann wieder den Juden zuwendet.

Jesus beantwortet die Frage in Johannes 14, 6 so: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Für diese Wahrheit hat sich Pontius Pilatus nicht interessiert. Dennoch ist er in der Geschichte der christlichen Kirche milder betrachtet worden als im Judentum, wo er zwar teils für die jüdische Kultur zugänglicher, aber vor allem als grausamer Vertreter der unbeliebten Besatzungsmacht galt.

Er hat es in unser Apostolisches Glaubensbekenntnis geschafft; nicht als Krankheit, wie anfangs erwähnt, aber auch nicht als Heiliger. Sondern als ein Mensch, der in der Heilsgeschichte Gottes eine besondere und schuldbeladene Rolle gespielt hat.

Für uns gilt die Antwort Jesu auf die Frage des Pontius Pilatus nach der Wahrheit in besonderer Weise. Jesus ist der Weg zu Gott und damit die Verkörperung der Wahrheit. Und er gibt uns das Leben; ein echtes und erfülltes Leben hier und jetzt und über den Tod hinaus. – Amen

Ein gutes und ein liebendes Herz, Predigt Lukas 8,4-15, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Am Sonntag Sexagesimae 2021

 Predigttext (Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006)

4 Als viel Volk zusammengekommen war und die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte zu ihm strömten, redete er mit Hilfe eines Vergleiches: 5 »Jemand ging hinaus, die Saat zu säen. Beim Säen fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels pickten es auf.

6 Anderes fiel auf felsigen Boden und verdorrte, sobald es aufging, da es keine Feuchtigkeit fand. 7 Wieder anderes fiel mitten unter Dorngestrüpp, und da dieses wuchs, wurde es erstickt.

8 Ein anderer Teil fiel auf gute Erde und wuchs und brachte hundertfältige Frucht.« Er sagte es und rief: »Wer Ohren hat, zu hören, höre!«
9 Diejenigen, die von ihm lernen wollten, fragten ihn, was das für ein Vergleich wäre.

10 Er antwortete: »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse der Königsmacht Gottes kennen zu lernen! Den Übrigen ist es gegeben, zu vergleichen, damit sie sehen, wenn sie nicht sehen, und hören, wenn sie nicht verstehen.

11 Vergleicht die Saat mit dem Wort Gottes. 12 ›Die auf den Weg fallen‹: das sind die Menschen, die das Wort gehört haben. Aber dann kommt eine diabolische Macht und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden.

13 ›Die auf den Felsen fallen‹: das sind solche, die das Wort gehört haben und es mit Begeisterung aufnehmen, aber keine Wurzel haben. Die glauben nur für den Augenblick, im Moment der Prüfung jedoch machen sie sich davon.

14 ›Was ins Dorngestrüpp fällt‹: das sind solche, die zwar gehört haben, die aber auf ihrem Weg durch Vorsorgen und Reichtum und Lebensgenüsse erstickt werden und keine Reife erlangen.

15 ›Was aber auf gute Erde fällt‹: das sind die, die mit ihrem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.  

Liebe Gemeinde,

bei den vielen Nachrichten, Informationen und Meinungen, die wir hören und die wir abrufen können, müssen wir die Kunst des Ausblendens einüben, damit wir nicht an den vielen Informationen ersticken oder gar völlig orientierungslos werden. Dabei ist es interessant zu fragen, welchen Nachrichten wir Vertrauen schenken und warum das so ist. Es tobt ja geradezu eine Schlacht der Worte, wie etwa die Pandemie eingeordnet werden kann und welche Mittel am besten geeignet sind, sie einzudämmen oder gar zu besiegen.

Unsere Kommunikation wird im Angesicht der tödlichen Gefahr schnell martialisch, es scheint nur ein Entweder-Oder zu geben, und ganz schnell sind wir dabei, andere scharf zu verurteilen, die sich aus unserer Sicht nicht richtig verhalten.

Es wäre sicherlich einmal spannend das Gleichnis vom vierfachen Acker auf das Hören, das Verhalten und die Ausdauer, wie wir Menschen auf die zahlreichen Apelle der Politiker:innen und Wissenschaftler:innen reagieren, zu übertragen.

Aber das ist nicht das Ziel meiner Predigt. Mich interessiert: Wie kommt es dazu, dass Menschen von Gott so angesprochen werden, dass es sie ihr Leben lang nicht mehr loslässt? Wie kommt es dazu, dass Menschen bei allem Wandel, der auch das Verständnis des Glaubens betrifft, sich immer wieder von Gott berühren lassen, sich treu zur Gemeinde halten, ihren Glauben bewahren und leben?

Natürlich unterliegt dieses Bleiben Schwankungen und Anfechtungen, es gibt Zeiten der Dürre und der Unlust, vor allem auch der Enttäuschung von sich und anderen, aber immer wieder holt diese Menschen eine schier unstillbare Sehnsucht nach der Verbindung mit Gott ein, selbst dort, wo sie kaum fähig sind, gedanklich ihren Glauben in Worte zu fassen.

Der Glaube ist einfach selbstverständlich in ihrem Leben, auch wenn er sich kaum äußerlich oder durch ein besonders frommes Verhalten zeigt. Und das Überraschende ist, dass diese Art Glauben Spuren hinterlässt, die Jesus „hundertfältige Frucht“ nennt. Nicht ablesbar, nicht mathematisch evident, aber wirklich, eine Wirkung entfaltend, die wir Segen nennen.

Was ist es also, so will ich es einmal sagen, dass wir unsere Organe öffnen und gottoffen sind oder, wie es traditionell heißt, dass wir Gottes Wort hören, bewahren und tun?

Die Antwort finden wir im Evangelium selbst: „Was aber auf gute Erde fällt: das sind die, die mit einem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.“ (Lukas 8,15; Bibel in gerechter Sprache)

Diese weisheitliche Einsicht, dass ein gutes, das heißt doch ein bereites, und ein liebendes, das heißt hier ein auf Gott hingewendetes Herz, Frucht bringt, bestätigen die modernen Lern- und Motivationstheorien für Lernen und das Leben insgesamt.

Wir wissen, wir lernen einfacher und nachhaltiger, wenn wir etwas mögen. Wenn wir uns wirklich für etwas interessieren, dann wollen wir mehr darüber hören und erfahren, dann überwinden wir sogar Unlust und andere Widerstände, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns interessiert.

Wir saugen förmlich alles auf, was wir dazu hören, wir investieren Zeit und Geld, ganz selbstverständlich. Die Sache, die Person oder die Leidenschaft gehört einfach zu uns. Sie ist nicht abzustellen. Sie zieht uns unerklärlich an. Sie erfüllt uns.

Es brauchte viele Jahre, bis einer meiner Söhne seine Vorliebe für mathematisches Denken entdeckte. Das war vorher nicht ersichtlich. Im Gegenteil, es fiel ihm schwer oder er hatte einfach keine Lust für die Schule zu lernen. Dann hat es einfach einmal Klick gemacht, ab da ging es ihm leicht von der Hand und auch seine Berufswahl wurde von seiner Neigung bestimmt.

Nicht anders ist es mit dem Glauben und dem Bleiben in der Beziehung zu Gott. Wenn wir mit Gott, den wir von Herzen liebgewonnen haben, verbunden bleiben – einfach weil unser Herz mit jeder Faser spürt, es ist gut auf Gott ausgerichtet zu sein –  dann gehört der Glaube zu uns wie das tägliche Brot.

Die Form, wie wir unseren Glauben leben, kann sich ändern, was bleibt schon gleich in unserem Leben, es wandelt sich alles, und das meine ich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.

Was aber bleibt, ist eine Haltung von Respekt gegenüber dem Göttlichen und allen, die ernsthaft ihre Religion leben. Wir sind und bleiben spirituelle Menschen und haben eine spirituelle Sicht auf das Leben, und das erfüllt uns. Nicht nur wir, sondern auch andere bekommen von dieser Ausrichtung, diesem unserem guten und liebenden Herzen Gott gegenüber etwas ab, mögen wir es merken oder nicht.

Schön ist es, wenn wir Resonanz erleben, aber das ist nicht die Voraussetzung, dass etwas wirkt, vielleicht wirkt es sogar noch über unser Leben hinaus. Worauf sich ein Mensch in Liebe ausrichtet, das bleibt nicht ohne Segen. Diese Energie, einmal in die Welt gesetzt, bewirkt Gutes!

Es geht letztlich um diesen Einfall, dass Gott in unseren Sinn kommt oder anders herum, es geht darum, dass wir selbst entdecken, dass Gott nicht nur etwas mit unserem Leben zu tun hat, das wir theoretisch bedenken und aus dem wir alle möglichen Dinge ableiten, sondern, dass wir in der Tiefe unserer Existenz mit Gott verbunden sind, nicht nur als ewige Sehnsucht in uns, sondern wirklich heute, hier und jetzt mit einem liebenden Herzen.

Es ist nicht das Wissen das uns mit Gott verbindet, sondern es ist die Gewissheit, die sein Wort (Geist) in unserem Herzen bewirkt, die uns in aller menschlichen Zwiespältigkeit eindeutig zu einem fruchtbaren Boden macht. Der fruchtbare Boden ist gottoffen. Dahin lasst uns unsere Sinne öffnen, denn solch eine Gottoffenheit geht einher mit einer Welt- und Menschenoffenheit.

Der, der den Boden fruchtbar macht, bereitet in uns auch ein gutes und liebendes Herz. Wir müssen es einfach schlagen lassen. Und hören, hinhören, was Gott uns sagt, und das Gehörte leben im Austausch mit anderen, denn „niemand lebt für sich allein.“(Paulus, Römer 8,14). Amen.

 

 

 

 

Eine subversive Novelle, Predigt Rut 1,1-19a, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Am 3. Sonntag nach Epiphanias 2021. Predigttext (Lutherbibel 2017):

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

6Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

14Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließnicht von ihr. 15Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

18Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Liebe Gemeinde,

meine Tante und mein Onkel – Gott habe sie selig – führten eine christliche Ehe mit festen Werten, aber auch voller Liebe und Zuwendung zu den Menschen. Mein Onkel war evangelischer Pfarrer und meine Tante war ganz Mutter und Pfarrfrau. Sie hatten vier Kinder, und wir, meine Geschwister und ich, waren auch zu viert und oft mit unseren Cousinen und Cousins zusammen.

Als die Zwillinge im Pfarrhaus flügge wurden, achteten die Eltern mit Argusaugen darauf, dass sie auch die richtigen Partner mit nach Hause brachten. Meine Cousinen konnten es ihren Eltern nicht recht machen. Der eine kam aus einem niedrigeren Sozial- und Bildungstand, der andere war gar katholisch. Das ging gar nicht und musste verhindert werden. Es kam wie es kommen musste, meine Cousinen heirateten jede ihre Liebe und letztendlich traute sie ihr Vater. Ein langer Weg lag dazwischen. Das Kennenlernen des anderen. Der Abbau von Vorurteilen. Die Einsicht, dass es immer um den konkreten Menschen geht, seine Geschichte, seine Gaben und Unzulänglichkeiten, seine Beziehungsfähigkeit und die Bindung, ja die Liebe, die auf dem gemeinsamen Weg entsteht.

Der Lernweg für Onkel und Tante war noch nicht zu Ende. Der jüngste Sohn heiratete und ließ sich nach zehn Jahren scheiden. Eine Scheidung war für seine konservativen Eltern, die selbst eine glückliche Ehe führten, eine Katastrophe. Allerdings ging es um ihren Sohn und sie konnten seinen Schritt nachvollziehen, auch wenn ihnen die Ehe heilig blieb.

Es war für sie auch schwierig, als ein Ziehsohn sich ihnen anvertraute, dass er homosexuell sei. Besonders meine Tante wollte es nicht akzeptieren, aber da sie ihren Ziehsohn liebte, konnte sie ihm weiter mit Herzensgüte begegnen. Homosexualität hatte einen Namen bekommen, und Furcht und Ablehnung waren völlig fehl am Platz.

Viele durch ihre Kindheit geprägte Vorstellungen, manche auch vermeintlich als christlich tradierte Einstellung, wurden vom Leben selbst korrigiert.

Das war ein langer Prozess.

Dieser ging weiter, als der geschiedene Sohn eine türkischstämmige Frau heiratete, eine liberale Muslimin. Ich glaube, dass es Tante und Onkel sehr schwer fiel und viele Gebete und innere Bereitschaft brauchte, die neue Schwiegertochter wirklich anzunehmen. Ich habe nie mit ihnen darüber gesprochen, aber wahrgenommen habe ich, dass beide auf Familienfesten der neuen Frau mit Liebe und Freundlichkeit begegnet sind. Die Beiden haben auch gesehen, dass ihr Sohn in der Beziehung glücklich war, dass er liebte und geliebt wurde. Seine Frau wurde in die große Familie aufgenommen.

Bei Familienzusammenkünften hat mein Onkel – zuletzt bei der Feier der Diamantenen Hochzeit – von dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus als tragenden Grund ihrer Ehe und ihres Lebens ganz selbstverständlich gesprochen und in seinem Gebet alle mit eingeschlossen.

Fast eine Rut-Geschichte, denke ich. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Das Universale ist individuell. Die Liebe ist der Maßstab. Sie schafft neue Wege, sie überwindet menschlich geschaffene Gebote und führt zu neuen Erfahrungen und Einstellungen.

Theologisch gesprochen: Gottes Wege mit seinen Menschen sind so ganz anders, als wir Menschen es uns denken und wünschen. Es ist gerade so, als machte Gott uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Als würde er uns unterbrechen und ständig herausfordern. Das Einzige was bleibt, ist Vertrauen auf seine Wege. Seine Liebe und sein Heil gehen verschlungene Wege, aber am Ende steht immer: Gott meint es gut mit uns und bleibt sich selbst treu. Manchmal scheint es, als habe Gott eine gute Portion Humor.

So erzählt die kleine, aber berühmte Rut-Novelle im ersten Testament, wie eine ausländische Nichtjüdin zur Stammmutter des Geschlechts Davids wird. Aus diesem Geschlecht wird der zukünftige Messias Jesus hervorgehen. Es ist eine subversive Erzählung gegen das damals herrschende Gesetz, keine (religiöse) Mischehe einzugehen. Gesetz und Praxis des Mischehenverbots waren weit verbreitet und hatten zum Ziel, den eigenen Glauben zu bewahren und vor fremden Einflüssen rein zu halten. Noomi aber legt das jüdische Gesetz, das ausdrücklich eine Ehe mit einer Moabiterin verbietet, mit Zuhilfenahme einer anderen jüdischen Vorschrift geschickt und kreativ aus.

Oder anders gesagt:  Gott widersteht der Uniformität, dem Reinheitsgedanken, dem auch heute wieder in unserem Land in rechten Gruppierungen grassierenden Allmachtswahn, Menschen auszugrenzen und abzuwerten; und Gott stellt den Rückzug in die Nische, in die eine kleine von gleichgesinnten Menschen geprägte Blasenwelt in Frage.

Im Anderen begegnet Gott uns selbst.

Im Kern der Rut-Geschichte stehen zwei Frauen: die ausländische Schwiegertochter Rut und die jüdische Schwiegermutter Noomi. Es ist eine Flucht- und Heimkehrgeschichte: Distanz und Nähe, Tod und Leben liegen dicht beieinander.

Die Männer sterben. Die Frauen bleiben übrig.

Was sollen sie tun, recht- und mittellos wie sie damals waren? Noomi entschließt sich, nach Israel in das Land ihrer Herkunft zurück zu kehren. Rut bindet sich an sie. Sie sagt: Dein Schicksal ist mein Schicksal, deine Heimat ist meine Heimat, dein Gott ist mein Gott.

Sie hätte auch wie Orpa an der Grenze in ihre Heimat umkehren können.

Wir Menschen haben immer eine Wahl.

Rut bindet sich mit ihrer ganzen Existenz an Noomi. Sie bilden seitdem eine enge Lebensgemeinschaft, auch nachdem sich das Schicksal wendet. Aber als sie die Worte ausspricht, kann sie nicht wissen, was sie erwartet. Auch Noomi kann ihr nichts versprechen. Menschlich gesehen erwartet sie Not, Elend und Ablehnung – wie auch viele, die als Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien zu uns kamen und später in ihre Dörfer zurückkehrten und dort oft als Verräterinnen und Verräter gebrandmarkt wurden.

Gott selbst ist es, der Noomi und Rut segnet, der Unheil in Heil verwandelt. So kommt es schlussendlich in der Rut-Erzählung zu dem biblischen Traumpaar von Rut und Boas. Gott schreibt Heilsgeschichte entgegen der menschlichen Erwartung.

Aus allen Völkern schafft Gott das Heil.

Ende gut – alles gut?

Nein, das Ende ist nur der Anfang und der Ausgang ist und bleibt offen. Die Geschichte erzählt von Gottes Barmherzigkeit, die größer ist als unsere menschlichen engen (und ausgrenzenden religiösen) Vorstellungen.

Die Rut-Geschichte ist und bleibt eine Anfrage an alle Gläubigen gleich welcher Religion.

Wir können uns fragen und selbstreflektiert mit unseren Begegnungen, Stimmungen, Abwehrhaltungen und Vorurteilen umgehen: Wie sehen wir unser Gegenüber? Zuerst als Mensch in seiner Bedürftigkeit oder fragen wir sofort nach Glauben oder Unglauben, nach Volk oder Ethnie, nach arm oder reich?

Ach es gibt so viel Spielarten von Freund- und Feinddenken mit denen wir uns alle selbst ins Abseits stellen.

Hier haben wir alle zu lernen und immer wieder umzukehren von hartnäckigen Hindernissen und Vorurteilen, die sich in unser Herz schleichen.

Wenn Gottes Barmherzigkeit so groß ist, dass seine Liebe allen Menschen gilt, wie sollten wir dann engherzig und verbohrt sein?

Wenn wir aber wirklich an Gottes Liebe glauben, dann lasst uns kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden und gemeinsam sitzen am Tisch des Herrn, heute schon und für immer in seinem Reich.

Amen

 

 

 

 

Geist & Leib, Predigt Römer 12,1-8, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

1. Sonntag nach Epiphanias 2021

Geist & Leib

Bibeltext aus der Lutherbibel 2017:

12 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 

6Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.

8Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er.  Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Liebe Gemeinde,

wir haben einen Leib, wir sind leibhaftig. Mit unseren Sinnen nehmen wir die Welt um uns herum wahr. Mit unseren Händen begreifen wir die Welt und nehmen Kontakt mit Dingen, vor allem aber auch mit Menschen auf. Wir können mit unseren Händen trösten, dort wo wir mit den Augen erkennen, dass jemand Trost braucht. Dazu braucht es auch den Geist, sozusagen einen anderen „Sinn“, dessen Funktion darin besteht, über die Welt und auch über sich selbst nachzudenken. Der Geist nimmt nicht nur die Außenwelt „sinnlich“ wahr, sondern richtet sich auch nach innen, löst Gefühle der Freude, der Trauer und des Mitgefühls aus. Das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist ist hochkomplex und an sich schon ein atemberaubendes Wunder.

Liebe Gemeinde,

das Wunder von Weihnachten ist, dass Gott (Geist) sich einen Körper gegeben hat. Gott hat sich ganz bewusst in einen begrenzten, endlichen Körper hineingegeben. Diese Erscheinung Gottes feiern wir in der Epiphaniaszeit, der kirchlichen Festzeit nach der Geburt Jesu. In Jesus wurde Gott Leib mit Geist und Seele.

Nach Jesu Tod und seiner Auferstehung können wir mit dem erhöhten Christus Gemeinschaft haben im Geist. Leibhaftig wird diese Gemeinschaft im Glauben erfahren, wenn wir Christi Leib in Brot und Wein empfangen. Im Abendmahl ist Christus leibhaftig durch Wort und Geist in Brot und Wein gegenwärtig. Die versammelte Gemeinde bildet dann den Leib Christi. Das ist ein Geheimnis, da es nicht offensichtlich ist, dass wir, die wir heute hier in der Markuskirche zusammen sind und Abendmahl feiern der Leib Christi sind. Das alles will im Glauben erfasst und wahrgenommen werden. Es ist eine Wirklichkeit, die über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht, auch wenn wir Brot und Wein schmecken. Es ist doch der Geist der die Verbindung zu Gott herstellt. Unser Geist ermöglicht uns von innen her dieses Geschehen zu deuten, zu verknüpfen, ja, zu glauben. Gottes Geist schenkt uns die Erkenntnis, dass wir Teil des Leibes Christi sind. Der Geist Gottes verbindet uns mit Gott und untereinander.

Liebe Gemeinde,

wir haben uns im letzten Jahr voneinander entfremdet. Wir sind voneinander abgerückt. Unsere Hände berühren einander nicht mehr. Das ist ein ungeheuerlicher Verlust für uns Menschen. Der andere Körper wird für uns zur Gefahrenquelle. Die Gesichter erkennen wir nicht mehr deutlich und können sie nicht mehr deuten. Das alles hat etwas Autistisches an sich.

Kennen Sie das nicht auch, dass Sie sich im Supermarkt bedrängt fühlen, weil Ihnen jemand zu nahe kommt?  Schnell treten wir dann einen Schritt zurück. Wer hat noch nicht die Schelte bekommen, dass der Abstand nicht eingehalten wurde, die Maske nicht richtig sitzt, zu viele Menschen in einem Raum sind? Wer kennt das Schuldgefühl nicht, wenn man vor Schreck feststellt, ich habe meine Maske gar nicht auf, wo ist sie nur? Ach, jetzt muss ich sie sogar schon auf dem Parkplatz vor dem Geschäft tragen! Und nach dem Einkaufen erst einmal Händewaschen, den ganzen „Kontaktdreck“ abwaschen, wie ein religiöses Reinigungsritual fühlt sich das fast an. Überall sehen wir nur noch Gefahren und rücken voneinander ab. Als größte Schuld empfinden wir es, wenn wir jemanden anstecken würden. Das wäre schrecklich, besonders dann, wenn der Angesteckte einen schweren Krankheitsverlauf haben sollte.

Wir umarmen nicht mehr unsere Freundinnen und Freunde, weil wir nicht wollen, dass diese vielleicht ihre Eltern anstecken könnten. Sehr viele Menschen haben auch Angst, sich selbst anzustecken. Sie vermeiden fast jede Begegnung, ziehen sich zurück. Es gibt kaum noch Berührungen! Was macht das mit uns, frage ich mich. Was macht das mit Kindern und Jugendlichen, wenn sie dauernd ermahnt werden, sich nicht zu treffen, sich nicht zu berühren und möglichst Abstand zu halten? Was macht das mit Erwachsenen, was macht das besonders mit den Singles, was macht das mit alten Menschen in der Gesellschaft?

Es entfremdet uns voneinander. Es macht einsam. Es trennt uns von Lebensenergie. Es frustriert uns. Wie unter einer Glasglocke leben wir getrennt voneinander, und nur über Bildschirme schauen wir uns an.

Wir sind leibhaftige Wesen, und wenn wir uns nicht leibhaftig begegnen, verkümmern wir. Es ist wie mit den Muskeln. Wer lange krankheitsbedingt im Bett liegt, baut Muskeln ab. Wir entfremden uns Stück für Stück, wir entwöhnen uns voneinander.

 

 

Liebe Gemeinde,

wie wirkt sich das alles auf uns als Leib Christi aus? Die Entfremdung schmerzt, und auch wir als Gemeinschaft von Menschen, die der Geist im Glauben verbindet, leiden darunter. Es schmerzt, dass Gemeindeglieder, die gern leibhaftig am Gottesdienst teilnehmen, seit Wochen und Monaten nicht kommen, da sie sich und andere schützen wollen. Es schmerzt, dass wir nicht singen dürfen. Es schmerzt, dass wir einander nicht sehen und berühren können. Es schmerzt, dass die Chöre nicht üben können, dass Gruppen und Kreise sich nicht treffen können.

Gleichzeitig sehen und spüren wir, dass der Leib Christi sich weiterhin zu Gottesdienst und Abendmahl versammelt, dass wir zu Lob, Bitte und Klage auch stellvertretend für die, die nicht kommen, zusammenfinden und das Gebet vor Ort aufrecht erhalten. Wir wissen, der Leib Christi besteht nicht nur aus denen, die heute hier sind. Auch wenn die Gemeinschaft im Glauben intensiv im gemeinsamen Gebet vor Ort erfahren wird, ist sie nicht daran gebunden. Auch das ist ein Trost und eine Wahrheit, die uns bei aller sozialen Entfremdung und Isolation eine wirkliche Hoffnung ist.

Dass wir im Glauben einen Körper bilden, der mit Christus verbunden ist, schenkt uns die Möglichkeit, von der Energie des lebendigen Christus her zu leben, uns ermahnen zu lassen, uns trösten zu lassen, uns erneuern zu lassen wie jeder Körper Erneuerung braucht.

Auch wenn wir einen gemeinsamen Körper im Glauben bilden und Christus unsere Identität ist, der neue Mensch aus Gott geboren, sind wir doch alle Individuen. Nicht Uniformität zeichnet den Leib Christi aus, sondern, dass wir Schwestern und Brüder sind.

Da wir aber Schwestern und Brüder sind, leiden wir mit den Leidenden in der Welt und hoffen auf die Überwindung des Leidens – in diesem Jahr konkret auf die Überwindung der Pandemie, auf das Ende der Entfremdung, die uns alle bedrückt und verunsichert. Im Leib und im Glauben haben wir Anteil an Christi Leiden und Auferstehen. Das ist unser vernunftgemäßer Gottesdienst.