Rezension als Interview mit Rakì, Christoph Fleischer, Welver 2020

Lieber Herr Rakì,

Ѕibenik ist eine schöne Stadt und, wie überhaupt Dalmatien, sehr reizvoll. Wir sind 1987 zu einer Jugendfreizeit in Vodice gewesen und dabei mit dem Boot an Sibenik vorbei zu den Krk-Wasserfällen gefahren. Ich stand barfuß mitten im Bach unter einem Feigenbaum und dachte, ich sei im Paradies.

Dieses Bild hat für mich das Büchlein wachgerufen. Dafür danke ich Ihnen.

Die Durchweg kurz gehaltenen Sprüche sind aber schon eher sachlich und fragen nach Sprachlogik: Ludwig Wittgenstein schrieb den Satz: „Die Welt ist was der Fall ist.“

Ich denke, dass Ihre Sprüche so ähnlich verstanden werden. Dazwischen steht die Konjunktion. Sie fragt also nach dem Dazwischen, dem Zwischenraum, der Raum läßt und doch zu einer Aussage findet.

Sie bestätigen meine Assoziation zu Nietzsche. In einem kleinen Ausstellungskatalog aus Weimar wird die Arbeit an den Aphorismen in einem Notizbuch dokumentiert. Aphorismen sind so gesehen nah am Alltag.

Die Weisheit verbindet Alltag und Wissen, Gefühl und Logik. Dieser Weg muss weitergehen sorgen Sie mit dem zeitlosen Notizbuch, alphabetisch geordnet.

Liebe Grüße

Christoph Fleischer,

Lieber Herr Fleischer, 

herzlichen Dank für Ihre Worte. 

Die kleine Lebensweisheit für jedermann, kürzest möglich und unabhängig von Kulturraum und Bildungsniveau … und ein gewisser Zauber, der das Herz des Lesenden trifft … Das vor allem war mein Anliegen bei meinen Kleinen Wahrheiten. Auf dass sie das Herz des Menschen erfüllen und sich durch den strengen Alltag mit ihm wagen. Eine kleine Stütze dem Menschen an die Hand geben, einen Ratgeber mit menschlichem Blick … Zeitlos sein, was bedeuten kann: Die Möglichkeit des Überzeitlichen zu schaffen. Ob mein Büchlein in zweihundert Jahren gelesen wird, ist fraglich … – doch möglich. An manchen Tagen, aber ja, schielt es bei einem Regal nach oben, zu den Büchern von Publilius Syrus und La Rochefoucauld. „Ob ich von ihnen aufgenommen werde“, fragt es sich. Und träumt, dass sie ihn warmherzig empfangen. Eines Tages …

Herzlichst,

Rakì 

 

Lieber Herr Rakì,

schmunzelnd muss ich an die Persees denken oder an so manches Goethewort. Heinrich Heine verpackt die Sprichwörter in seine Lyrik, z. B. „den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“ (Wintermärchen). 

Doch noch eine Frage. Der Buchtitel erinnert mich in einer Hinsicht an das Motto meiner Homepage: Der schwache Glaube: „Das Buch der kleinen Wahrheiten.“ So wie ich den starken Glauben meide, weil er selbstsüchtig macht, so meidest Du die großen Wahrheiten. Doch was genau ist hier der Unterschied zwischen groß und klein? Ich glaube es geht darum, die Referenz nicht von außen zu erfragen, von Gott, dem Volk und anderen Größen, sondern die Referenz im Klang der eignen Worte zu finden und in deren Kontext. Kleine Kritik daran wäre, dass die Einprägsamkeit des Pathos fehlt. Aber es lohnt sich, hier immer wieder nach Resonanz zu fragen.

Ach, fast vergessen: Karl Rauch Verlag, das steht für mich für den kleinen Prinzen. Was hältst Du von de Exupery?

Herzlichen Grüße und Danke für das Interview.

Lieber Herr Fleischer, 

in der kurzen Zeit auf diesem Erdballen, mit den unscharfen Sinnen, die uns gegeben sind … der Abhängigkeit vom Lebensrhythmus … durch das schlagende Herz, den pochenden Puls, die Rippchen, die sich mit der Atmung auf- und abbewegen … Ach, was ist da der Mensch? Zu wie viel Wahrheit ist er im Stande? Vor allem sind seine Wahrheiten klein und bescheiden, und dienen ihm, seine Welt zu ordnen, zu strukturieren, mit ihr zu spielen. Die Wahrheit scheint ein kleines Spiel unseres Geistes; wir glauben an sie, und doch: Sie scheint bei jedermann ein wenig anders, und bald zu verschwinden. In der Jugend habe ich andere Wahrheiten wie im Alter. Und vor der Geburt? Und nach der Geburt? Ach, eine kleine Wahrheit … keine grosse, keine aufdringliche Wahrheit … daran mag ich mich gerne halten. Ein Zuckerbrot für den Geist, keine Peitsche … das macht die Kleinen Wahrheiten süss und bekömmlich. Ob der „Kleine Prinz“ ein Klassiker geworden wäre, hätte er sich „Großer Prinz“ genannt? Vor allem die Bescheidenheit, die Kurzlebigkeit unserer Gedanken, die Zurückhaltung im Allgemeinen … das könnte eine nette Haltung, eine Bedingung für manches Glück und Wohlwollen sein … Und doch: Eine „Grosse Ehre“ mit dem „Kleinen Prinzen“ abgelichtet zu werden (siehe Anhang). Mal schauen, wie viele Jahre wir uns die Hand geben dürfen … bevor der erste von uns im Nichts verschwindet …  

Wärmstens, 

Rakì

War Hölderlin ein Pantheist? Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2020

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen, legenda Q, o.O. 2020, ISBN 978-3-948206-03-1, € 16,90 (Hardcover).

„Wer ist Friedrich Hölderlin?“, fragt Vf. (S. 8, 44) in seiner Neuerscheinung zum 250. Geburtstag des Dichters. Die Frage ist zugleich Programm, stellt sie doch nicht eine Einleitung in eine weitere der zahlreichen Hölderlin-Biographien dar, sondern sie versucht anhand vielfältiger Texte aus dem Werk und Schaffen des Dichters dessen Denken, seine Botschaft und Visionen und ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit zu erschließen. Hölderlin war wie sein Zeitgenosse Ludwig van Beethoven durch die Ereignisse der Französischen Revolution geprägt. Der Zusammenbruch der Alten Welt (54, 99, 180) und der Silberstreif der Freiheit am Horizont weckten Hoffnungen und Sehnsüchte, die aber im Blutrausch der Revolution nicht zum Ziel kamen. Die Frage nach dem Verhältnis von Chaos und Ordnung stellte sich in einem völlig neuen Kontext, ja sie entwickelte sich zur Herausforderung auch für das eigene Sein. Als Mensch und als Dichter war Hölderlin auf der Suche nach Sinn und Orientierung wie so viele seiner Zeitgenossen. Im Rückgriff auf den antiken griechischen Geist verstand er sich als priesterlicher „Sänger des Heiligen“ (10, 180) und „Sprachrohr der Götter“ (180). Die alten Götter sind vergangen. Es gilt vielmehr eine neue Epiphanie (213, 235) des Göttlichen zu verkünden. Apoll, der Gott der Heilung, des Lichtes und der Künste, „der Gott der Dichter, der Stifter der guten Ordnung, der Sachwalter der Schönheit“ (60), wird zum Prinzip der Ordnung, Dionysos repräsentiert das „ heilige Chaos“ (215), oder anders: die dunkle Nacht, in der alle Unterscheidungen verwischt sind, „ist der Uterus, aus dem ein neuer Tag geboren wird, von dem aber noch niemand sagen kann, was er bringen wird“ (198, vgl. 210). In dieser Spannung sieht sich Hölderlin, hat aber zugleich als Ziel die Vergöttlichung des Menschen vor Augen (142). Nicht eine rational-philosophische Religion kann dies bewirken, sondern eine neue Mythologie (55), durch die „eine lebendige, menschliche und freie Ordnung“ (193) Gestalt gewinnt. Hölderlins Roman Hyperion liest sich wie ein Entwurf dieser neuen Religion, die nicht in eine Jenseitigkeit entführt, sondern in die „liebende Hingabe an diese physische, lebendige Welt“ (121). Hölderlin versucht, den unseligen Hiatus des neuzeitlichen Menschen zwischen res cogitans und res extensa (Descartes) zu heilen, der Vernunft, Wille und Tugend auseinanderfallen lässt (118). Freiheit des Geistes kann nicht in der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen bestehen, noch darin, dass kantianisch Verstand und Gefühle gegeneinander ausgespielt werden, sondern nur darin, dass „die Entfremdung des Geistes von der Natur rückgängig“ gemacht wird (107). Es geht um das platonische hen kai pan, das Eine, das sich in allem in unterschiedlicher Weise manifestiert (244, 239), dass im Naturerleben das „Ich“ konkret wird (117).

War Hölderlin also ein Pantheist? Zweifellos hat er Anteil am idealistischen Freiheitsdenken. Aber es geht ihm nicht darum, das autonome menschliche Subjekt aus der Rückbindung zu der Welt, in der er lebt, zu lösen, sondern es sprachfähig zu machen (202) für das Sein in dieser Welt (122), für das, was uns im Kern anrührt (202), oder mit den Worten Tillichs, für „das, was uns unbedingt angeht“ (139). Karl Marx hat diese Entfremdung des Menschen von sich selbst kurz darauf in ökonomischer Hinsicht thematisiert. Gerade darin sieht Vf. aber die wegweisende Bedeutung Hölderlins für unsere moderne Welt: „Wir sind in der urbanen Zeit des Marktes, des Rauschens der Wagen, des künstlichen Lichte“ (196) im Bann einer grenzenlosen Technik- und Ökonomiegläubigkeit (104) mit verheerenden Folgen wie Umweltzerstörung und Klimawandel (169), Dinge, die der späte Heidegger bereits 1947 im Humanismusbrief voraussah und kritisierte, die aber auch angesichts der Fridays-for-Future-Bewegung und der Corona-Pandemie brandaktuell sind.

Kann Hölderlin uns sprachfähig machen, damit wir das Ziel unseres Strebens in den Dienst einer neuen „Ordnung des Lebens“ (112) stellen)?

Hölderlin selbst bleibt freilich eine tragische Figur in seinem visionären Anliegen. Vf. sieht Hölderlins psychische Erkrankung als eine „Krankheit…spiritueller Art“ (86) an, denn „er sah zu viel von dem, was niemand sonst zu sehen vermochte“ (90), woran er ver-rückt wurde, oder anders: woran sein Ich zerbrach (92). Sinnbildlich dafür mag seine leidenschaftliche und letztlich doch gescheiterte Liebe zu Susette Gontard, der er einst sein Gedicht Diotima gewidmet hatte (63). Diotima, eine Figur aus Platons Dialog Symposion, wird zur Metapher für die unauflösliche Verbindung von „Glück und Schmerz, Liebe und Leid“ (77). Sie, die „im Einklang mit der sie umgebenden Natur“ (138) lebt, erwächst neben Apoll und Dionysos zum Idealbild „heilsame[r] Transformation des Menschen“ (140), in der der Mensch, von Liebe und Schönheit getragen, seine Rückbindung (religio) zu sich selbst und damit grenzenlose Freiheit erfährt. Dieses Ziel hat Hölderlin nicht erreicht, vielleicht bleibt es auch gänzlich unerreichbar.

Abschließend beantwortet Vf. die eingangs gestellte Frage so:

„Wer ist Friedrich Hölderlin? Nun wissen wir es: Er ist ein Sohn der Erde – zu lieber gemacht, zu leiden. Und eben deshalb ein Dichter, dessen Herz durch Leid und Liebe so gefestigt und gereift war, dass er sich befugt wusste, unter Gottes Gewittern zu bestehen und vom Göttlichschönen der Natur zu künden: zu erleuchten wie Apoll.“ (74).

 

Berlin – durch die Kneipentür betrachtet, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Helmut Krausser, Zur Wildnis, 45 Kurze aus Berlin, bis auf drei Texte zuerst erschienen als monatliche Kolumne in der ZITTY, Wagenbach Taschenbuch 814, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, Taschenbuch, 155 Seiten, ISBN: 978-3-8031-2814-0, Preis: 11,90 Euro

Link:

Der bekannte Schriftsteller Helmut Krausser (geb. 1964) lebt in Berlin und verbringt seine Freizeit in einer Gaststätte in Neukölln, wo er Backgammon spielt. Dadurch wird er Zeuge oder Mitwirkender von Begegnungen, in denen „Die Wildnis“, Neuköllner Eckkneipe, zum Brennglas des zeitgenössischen Berliner Lebens wird. Darauf soll auch der Bezug zur Zeitschrift ZITTY hinweisen, einer Berliner Programmzeitschrift.

In einem der letzten Texte des Buches überschrieben mit „Der Texaner“ wird das System der Backgammonturniere genauer erläutert. In der „Wildnis“ braucht man nicht mit Geldscheinen zu protzen, da der Einsatz pro Runde nur 2 Euro beträgt.

Der Text schildert, was passiert, wenn ein Mitspieler vergisst, die Spielschulden zu bezahlen, zumal er zuvor als Spielexperte aufgetreten ist. Es folgt eine Kneipendebatte über Fair Play, Ehre und Ritterlichkeit. Doch das Gute an der Gaststätte „Wildnis“ ist, dass solche Debatten oft ohne Konsequenzen bleiben.

Manchmal, wenn es besonders hoch hergeht, gibt Manni, der sozial eingestellte Wirt der „Wildnis“, eine Lokalrunde, um die Gemüter zu beruhigen. Auch in diesem Fall hatte der Texaner ja, wenn schon nicht die Spielschulden, aber wenigsten das Geld für seine große Fanta bezahlt.

Ich lese das Buch „Die Wildnis“ von Helmut Krausser wie eine Sammlung kurzer Milieustudien für einen seiner nächsten Romane. Die Kneipe gibt genügend Beispiele für das tägliche Leben, oder auch für einzelne Worte. Ein Beispiel dafür: „Neuerdings wird behauptet, man dürfe das Wort ‚Gutmensch’ nicht mehr benutzen, nur weil es ein paar Dumpfbacken als Kampfvokabel im Mund führen, wobei sie es regelmäßig grundfalsch verwenden. Für mich war es immer ein brauchbares Wort, folgendermaßen definiert: Ein Gutmensch war jemand, der sein Gutsein vor sich hertrug, aber im Grunde nicht wirklich altruistisch war.“ (S. 33)

Bezeichnend für den Anspruch von Schriftstellern an Sprache und Literatur sind nicht nur der Umgang mit Sprache in einer aktuellen Öffentlichkeit, sondern auch der kreative Umgang mit Begriffen. So kam eines Tages in der „Wildnis“ eine Diskussion darüber auf, ob Kartoffelsalat ausschließlich mit Zwiebeln hergestellt und angeboten werden darf. Aus einer lapidaren Bemerkung wird für den Autor eine philosophische Andeutung: „… denn der Makel an der Zwiebel ist die Blähung. Schrieb ich mir sofort auf, den Satz. (…) Beinahe Heidegger.“ (S. 102)

Es hat sich für den Schriftstelle Helmut Krausser gelohnt, seine Eckkneipe „Die Wildnis“ mit dem Backgammonspiel und auch seinem Notizbuch zu besuchen.

Auf Helmut Kraussers Hobbies Backgammon und Schach geht auch das Internet an anderer Stelle ein. Ob es das Lokal „Die Wildnis“ wirklich gibt, muss von hier aus offenbleiben. Der Inhalt der Texte ist so authentisch, dass er auch woanders vorkommt. Auch ein Vergleich zum Ruhrgebiet wäre angebracht.

Der Berliner Alltag ist wahrscheinlich subtil angefüllt mit thematischen Impulsen, die man früher eher mit den Weisheiten der Taxifahrer in Verbindung gebracht hätte. Doch leider sucht man die Zeitschrift ZITTY inzwischen vergeblich am Kiosk. Die Printausgabe wurde im Frühjahr 2020 eingestellt.

Vom Regenbogen lernen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

Zu:

Jando: Die Weisheit des Regenbogens, Wegweiser des Herzens, Mit Illustrationen von Antje Arning, KoRos Nord, Bad Zwischenahn 2020, gebunden und farbig illustriert, 155 Seiten, ISBN: 978-3-945908211, Preis: 13,99 Euro

Link: https://jandoautor.com/2020/05/14/die-weisheit-des-regenbogens-wegweiser-des-herzens/

  

Wie einen Kuchen mit aromatisierten Rosinen durchziehen  das Buch immer wieder kleine, weisheitliche Sprüche, die der Erzähler oft seinem Vater zuordnet. Es sind Leitworte des Lebens, die immer zur nächsten Generation weitergegeben werden.

Wir verstehen damit das Leben als ununterbrochenen Lernprozess. So heißt es im Vorwort des Erzählers: „Ich habe gelernt, dass man manchmal nur eine schützende Hand braucht, die einen hält, und ein liebevolles Herz, das einen versteht.“ (S. 9)

Und so gebe ich im Folgenden einige Stichworte zur Geschichte dieses Buches, natürlich ohne die Pointe oder den Spannungsbogen des Buches vorweg zu nehmen.

Malin verbringt seit ihrem vierzehnten Geburtstag immer wieder mal ein Wochenende auf einem Reiterhof. An einem Wochenende vor Ostern ereignet sich ein plötzlicher Wintereinbruch. Malin tobt mit ihrem Hund Ava im Schnee herum.

Doch sie merkt nicht, dass sie sich in Gefahr befindet, rollt auf die Straße und kollidiert mit einem Auto. Beide, Ava und Malin überleben den Unfall schwer verletzt. Die Konsequenzen des Unfalls sind schmerzhaft.

Malin, die im Krankenhaus erwacht, hat Angst um ihren Hund Ava. Ihre Mutter Sina trifft eine gute Entscheidung. Sie bucht eine Woche Urlaub auf einer kleinen Insel. Dort leben sie bei Bent, der einen Rettungshof für Hunde betreibt. Bent wird auch an anderer Stelle als „Hundeversteher“ bezeichnet. Er wird mehr und mehr zur Hauptperson des Buches.

Jando gelingt es hierbei immer wieder, sensibel und einfühlsam das Leben als Beziehungsgeflecht erfahren zu lassen. Menschen und Tiere werden füreinander zu Stützen und Hinweisgebern.

Hier kommt auch Bents Vater Ohlsen ins Spiel. Er ist Leuchtturmwärter und rät seinem Sohn, sich nach dem Tod seiner Ehefrau wieder dem Leben neu zuzuwenden. Er lädt Malin auf den Leuchtturm ein, wodurch Sina und Bent einige Stunden gemeinsam verbringen können.

Doch die Sache wird kompliziert, so, als ob das neue Leben kaum mehr als ein bloßer Traum wäre.

Jando fasziniert nicht nur durch die Darstellung von Personen und Tieren, sondern auch durch die Schilderung von Ereignissen, die den Atem stocken lassen und Dramatik in die Geschichte bringen.

Der Sinn des Lebens bleibt unverfügbar und ereignet sich dennoch spürbar. Die Farben des Regenbogens symbolisieren das Beziehungsgeschehen. Weisheitliche Stichworte halten die Mutworte fest, die als Perlen immer wieder Elemente des Sinns in die Erzählung bringen .

Mein Fazit: Jandos Buch, wie schon seine Bücher vorher, trifft das Herz von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen. Jandos Bilder auf seiner Homepage, die ihm mit seinem Hovawart „Sunny“ am Ufer eines Sees frühmorgens zeigen, passen gut zur Erzählung des Buches und lassen Bent und Jando zu einer Person verschmelzen.

Ohne weiter ins Detail zu gehen, spüre ich eine tiefe lebensgeschichtliche Erfahrungsbasis des Autors, die zu wesentlichen Erkenntnissen führt: Lerne mit den Verletzungen zu leben und sei immer offen für die Zukunft. Sieh deine jetzigen und zukünftigen Beziehungen als Quelle der Hoffnung an.

Instagram: https://www.instagram.com/p/CCX7d3vo4wG/

Satirische Lyrik, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,ö

Zu:

Stefan Krückmann: Abschreibungen, Lyrisches und Satirisches, Chili Verlag, Franziska Röchter, Verl 2016, Paperback, 153 Seiten, ISBN: 978-3-943292-38-1, Preis: 9,90 Euro

Link unter Franziska Röchter suchen

Kürzlich wurde ich durch eine Internetrecherche auf dieses interessante Lyrikbuch aufmerksam. Im bereits als Gedicht verfassten Vorwort wird deutlich, dass der Autor sich mit klassischer Lyrik gut auskennt und deren Formensprache spielerisch in seinen eigenen Kontext überträgt.

Da trifft sich Politisches mit Persönlichem, Allgemeines mit Konkretem. Das Persönliche und Konkrete braucht anscheinend den Schutz des Pseudonyms. Das Pseudonym scheint gleichzeitig nur eine schwache, ungesicherte Anonymität zu gewährleisten. Andererseits gibt es auch einen changierenden Effekt, so nach dem Motto: Wenn ich das nicht unter meinem Namen schreibe, dann zeige ich dadurch, dass ich selbst die Texte nicht unterschreiben würde. Ist es vielleicht gar nicht so drastisch gemeint, wie es gesagt ist?

Sicherlich ist es bei der Lyrik schon immer so, dass sie bei der Edition näher am Lebensalltag des Dichters ist, als etwa bei der Epik.

Die Lyrik des Buches bietet also reichlich Biographisches, doch zu wessen Leben dies gehört, bleibt dem Unwissenden verborgen. Was daraus allerdings deutlich wird, ist, dass manchmal das Private eben gar nicht so privat ist, wie Menschen es für sich selbst sehen möchten.

Kabarett und Lyrik gehen so eine Verbindung ein, wobei die klassische Form wieder eine Art Distanzierung bewirkt, die wirksam ist: Tritt ein wenig zurück und fasse den Ärger in ein Gedicht, dann kannst du vielleicht sogar selbst darüber lachen.

Ich kann es hier nicht besser formulieren, als der Autor im Nachwort: „Scharfkantig ausgefeilte Formen wie Sonett, Ballade, Villanell, Rondeau und Triolett rücken den Schwachstellen kollektiver Verblödung und Heuchelei im Gewande kirchlicher, ökonomischer und gesellschaftspolitischer Korrektheit zu Leibe; …“ Der Autor nennt es ein „subversives Vorgehen voll Swiftscher Galle“.

Mit Erlaubnis des Autors werde ich zwei Sonette zitieren, die das Geschriebene ein wenig illustrieren mögen. Ich finde, dass das Sonett, bei dem auf je zwei Strophen mit vier Sätzen zwei folgen, die nur drei Sätze haben, den Autor quasi dazu bringt, zuletzt ein nachvollziehbares und weiterführendes Fazit zu formulieren.

Das erste Sonett steht im Zusammenhang einiger Gedichte aus dem kirchlichen und pfarramtlichen Umfeld (Unter den Talaren, Text 2, S. 122):

 

Du aber, Pfaffendorf, bist keineswegs

Das kleinste Kirchspiel in der Osterbörde,

Wie gerne weidete ich deine Herde

In dem Bewusstsein eines Privilegs.

 

Nur eines geht mir dabei auf den Keks

Und schafft dem pastoralen Amt Beschwerde:

Die Macher mit der Managergebärde

Und die Schafsköpfigkeit ihres Geblöks.

 

Topfschlagen oder Blinde Kuh behagen

Synoden, Pfarrkonventen, Kirchentagen;

Welch infantiles Glück beim Ringelpietz!

 

Die Köpfe sind noch leerer als die Kassen,

Die Volkskirchen vom Kirchenvolk verlassen,

Charakter stört, und Geist ist nichts mehr nütz.

 

Wer verstanden werden will, muss pointieren und ggf. auch verzeichnen. Auch die Lyrik benötigt Aufmerksamkeit. Ich finde den Text ob seines Anspruchs schon fast noch etwas zu leise und schäme mich, dass ich mit dem Autor nicht noch lauter getrommelt habe, denn die geistige und auch personelle Schwindsucht ist mit Händen zu greifen. Ich habe nicht weniger Pfarrkonvente erlebt, bei denen einige den verpassten Nachtschlaf nachgeholt haben. (d. Rez.)

Auch die Gesundheit ist ein solches Thema, über das man im persönlichen Gespräch sicherlich unentwegt Anekdoten und Ärgerlichkeiten austauschen könnte. Von einer Reform zur nächsten reiten wir immer ärger in die Katastrophe hinein.

Dies wird im nächsten Gedicht deutlich, das die Behandlungssituation einer speziellen Erkrankung aufgreift, aber sicher auch auf andere Erfahrungen auszuweiten ist (Bis der Arzt kommt, Text VII.):

 

VII. Für Dr. med. Schnitzmann

 

Zerfressen vom Verdruss, vom Frust, vom Zucker

Und nun der Halsabschneider für die Zehen:

Es wird wohl scheibchenweise weitergehen,

Bis wann und wohin weiß kein Sternengucker.

 

Gleich armen Säufern sprichst du armer Schlucker:

„Auf einem Bein allein kann keiner stehen…“

So lass das Unvermeidliche geschehen;

Mitleidig winseln Kopfhänger und Mucker.

 

Drei Zehen wurden bislang abgenommen,

Nun musst du wieder auf die Beine kommen

Oder auf das, was sie dir davon ließen.

 

„Eins dreiundneunzig, und das soll so bleiben!“,

Sag dem Gefäßchirurg vor seinem Treiben;

Begnüge dich am Ende mit Versfüßen.

 

Dr. theol. Stümmelmann