Manipulation statt Schicksal? Recherche mit einem Artikel von Lars Jaeger, Christoph Fleischer, Welver 2019

In der Rubrik „Horizonte“ des Philosophie-Magazins 03/2019 reflektiert der emeritierte Schriftsteller und Rechtsphilosoph Bernhard Schlink den „Abschied vom Schicksal“. Das Verschwinden des „Schicksals“ sei ein schleichender Prozess, der sich schon früh in die Entwicklung moderner Naturwissenschaft und ihrer Anwendung in Medizin und Technik eingewoben hat. Gerade die Medizin hat es ja geradezu zur Aufgabe gemacht, die „Macht des Schicksals“ zu überwinden. Die Menschen wollen heute nicht mehr vom Tod überrascht werden, sondern können sich damit abfinden, wenn sie mit einem „Sanften Tod“ rechnen dürfen. Für die Kirchen scheint der Rückzug des Schicksals ein besonderes Problem zu sein, so Bernhard Schlink, da sie das Wirken Gottes hinter der Unverfügbarkeit der Natur vermuten. Je berechenbarer die Natur, umso weniger wirkt dann Gott, jedenfalls in der Form einer Schicksalsgöttin.

Passend ist dann natürlich auch das Fazit: „Wir nehmen Abschied vom Schicksal, und sein Erbe sind nicht Ängste und Gottesglauben und Tabus. Das Erbe des Schicksals ist Freiheit. Die Freiheit, in die das Schicksal entlässt, muss verantwortet werden, und sie kann mehr verantwortet werden, als sie gegenwärtig wird, vom Beginn des Lebens bis zum Ende, von der Reproduktionsmedizin bis zum selbstbestimmten Tod.“ (PhM 3/19, S. 37).

Das hier von der Theologie ein Veto erklingen muss ist, klar, aber es sollte nicht gegen Freiheit und Verantwortung eines selbstbestimmten Lebens sprechen, sondern darauf hinweisen, dass ein Schicksalsglaube nichts mit dem lebendigen Gott nach der Verkündigung der Bibel zu tun hat, sondern eher ein antikes Erbe ist. Der lebendige Gott, so wie ihn etwa der Theologe Jürgen Moltmann versteht, geht mit den Menschen in eine durchaus offene und ungewisse Zukunft.

Die Argumente Bernhard Schlinks stoßen m. E. an eine andere Grenze, nämlich die trotz der Verdrängung des Schicksals durchaus begrenzten Verfügbarkeit des Menschen über Leben und Tod. Das hat nichts mit den schicksalhaften Eintreten zu tun, sondern mit dem Respekt über Leben und Tod. Ein guter Tod ist kein gewaltsam herbeigeführter, auch nicht auf eigenen Wunsch, aber auch kein aus Profitgier künstlich verlängertes Siechtum. Dietrich Bonhoeffer schrieb 1943: „Ich glaube, daß Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal, C.F.) ist, sondern daß er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Dass die Beschäftigung mit Naturwissenschaft selbst in die Frage der Verantwortung führt, zeigt der philosophisch-naturwissenschaftliche Autor Lars Jäger („Supermacht Wissenschaft, 2017) im folgenden Text am Beispiel der Genmanipulation. Wenn ich Zukunft alles möglich gemacht wird, was theoretisch möglich ist, wird sich der Begriff des Schicksals anders neu stellen, nämlich so, dass sich Menschen zum Schicksal machen werden. Dann wird es Gerichte geben müssen , die wir am heuten Tag (20.03.2019) ein Gericht in San Francisco, dass eine Verbindung hergestellt hat mit der Krebserkrankung eines Menschen und der Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/boerse/bayer-glyphosat-101.html, eingesehen am 20.03.2019).

Lars Jaeger schreibt:

Durchbruch zum Editieren des menschlichen Genoms? – Ein neues, noch mächtigeres CRISPR-Tool

Von Lars Jaeger

Anders als noch vor zwei Jahren assoziieren heute nicht mehr viele Menschen mit dem Begriff „CRISPR“ so etwas wie einen Müsliriegel. Auch wenn wenige wissen, dass sich dahinter der schwierig verständliche Fachbegriff „clustered regularly interspaced short palindromic repeats“ verbirgt, was zunächst nichts anderes beschreibt als bestimmte Abschnitte sich wiederholender DNA-Stücke im Erbgut von Bakterien, so muss nicht mehr erklärt werden, dass es sich dabei auch um ein mächtiges Tool für das Editieren von Genen verbirgt. Was vor wenigen Jahren noch ein kaum Aufmerksamkeit erregendes Randgebiet der Bakteriophagen-Forschung war und nur einen sehr kleinen Zirkel von hoch spezialisierten Biologen bewegte, hat sich längst zu einem der bedeutendsten wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüche dieses Jahrhunderts entwickelt, mit einem gewaltigen revolutionären Potential für Anwendungen in Medizin und Humangenetik. Und unlängst hat die neue Gentechnologie einmal mehr gezeigt, dass sie noch für einige weitere Überraschungen gut ist.

Die Entdeckung von CRISPR geht auf die Erforschung von Phagen in den 1980er Jahren zurück. Phagen sind Viren, die Bakterien anfallen. Einmal mit ihnen infiziert, ist es den Bakterien möglich, Teile der viralen Fremd-DNA in ihre eigene DNA zu integrieren, und zwar in Form wiederkehrender kurzer Palindrome, die von anderen Sequenzen unterbrochen wurden (ein Palindrom ist eine Zeichensequenz, die sich von vorne genauso liest wie von hinten, wie beispielsweise der Name „Anna“). Den Namen „CRISPR“ schlugen die Phagenforscher Francisco Mojica und Ruud Jansen im Jahr 2001 vor, als sie nach weiteren unterbrochenen palindromischen Wiederholungen in Gensequenzen suchten, wie sie bei zahlreichen Phagen bereits entdeckt worden waren. Der eingegliederte DNA-Teil dient den Bakterien zur Wiedererkennung: Sobald es Viren mit dieser DNA erneut angreifen, identifizierten die Bakterienzellen diese DNA und können so Strategien zum Schutz entwickeln. Zu diesem Zweck gesellt sich zur CRISPR-DNA ein weiteres Enzym, ein so genanntes „Cas“ („CRISPR-associated“) – Protein. Mit diesem lässt sich die erkannte Gensequenz aufschneiden und damit der Virus unschädlich machen. Von solchen Cas-Proteinen hat Mutter Natur eine ganze Reihe entwickelt, mit jeweils sehr verschiedenen Graden von Effizienz, wenn es darum geht, den Genstrang aufzutrennen. Als besonders nützlich hat sich eine Version erwiesen, die als „Cas9“ bezeichnet wird.

Um das Jahr 2012 herum erkannten die Geningenieure, dass sich der zusammengesetzte CRISPR/Cas9-Komplex auch jenseits der Bakterienwelt sehr gut zum Zwecke der Manipulation von Genen (etwas harmloser auch als „Editieren“ von Genen bezeichnet) eignet. Dabei funktioniert er wie Legobaustein-Finder und Schere zugleich: Man stattet ihn einfach mit einer Sequenz aus, die genau komplementär zu der gewünschten DNA-Zielsequenz ist, woraufhin der Enzymkomplex die gewünschte Zielsequenz in der DNA findet und genau dort aufschneidet. Damit lässt sich an dieser Stelle eine beliebige gewünschte Gensequenz einbauen oder eine andere ersatzlos entfernen. Diese Methode lässt sich so bei nahezu allen Lebewesen zum schnellen und genauen Schneiden und Spleissen ihrer DNA einsetzen, bei Pflanzen, Tieren, Bakterien sowie zuletzt auch beim Menschen. Innerhalb von kürzester Zeit hat CRISPR die Biologie transformiert und ganz neue Wege zur Behandlung von Krankheiten eröffnet.

Nun ist in den letzten Monaten auch in der populären Presse sehr viel geschrieben worden zu CRISPR, oft verknüpft mit der Sorge, dass die Gentechnologie mit dieser Technologie einen mächtigen Hebel erhält, der ihre Möglichkeiten wie Probleme noch einmal enorm vergrössern wird, da es mit ihr sehr viel einfacher wird, Gene von Lebewesen zu verändern, modifizierte DNA in die Keimbahn von Lebewesen einzubringen und damit deren Eigenschaften dauerhaft zu beeinflussen. Die internationalen Schlagzeilen bestimmte die neue Methode schliesslich im November 2018, als die Geburt der ersten mit CRISPR genmanipulierten Babys in China gemeldet wurde.

Was sich allerdings noch gar nicht auf dem Radarschirm der meisten Menschen befindet ist, dass die Möglichkeiten dieser neuen Gentechnologie noch bei weitem nicht ausgereizt zu sein scheinen. So ist im Februar 2019 im renommierten Wissenschaftsmagazin Natureein Artikel erschienen, der einen neuen Enzymkomplex vorstellt, der sehr ähnlich wie Cas9 funktioniert, aber etwa 40% kleiner ist, (E. Nogales, J. Doudna et al., CasX enzymes comprise a distinct family of RNA-guided genome editors, Nature, 4 Februar). Geringere Grösse ist ein gewaltiger Vorteil, wenn man versucht, einen entsprechenden Gen-Editor in eine Zelle zu bringen. Und CasX, wie der neue Komplex getauft wurde, könnte sich gerade für den Einsatz beim Menschen als besonders mächtig herausstellen, da das menschliche Immunsystem es leichter akzeptieren sollte. So befürchten Ärzte, dass Cas9 bei Patienten, die mit CRISPR-Therapien behandelt werden, eine Immunreaktion auslösen kann. Bei CasX sollten solche Problem nicht auftreten, da die Bakterien, bei denen es entdeckt wurde, im menschlichen Körper nicht vorkommen.

Die Geningenieure sind längst auf den Zug aufgesprungen. „Wir wollen nicht nur die nächste molekulare Schere entdecken. Wir wollen das nächste Schweizer Taschenmesser bauen.“, sagt Jennifer Doudna, eine der Entdeckerinnen von Cas9 und Pionierin der CRISPR-Technologie, die auch massgeblich an der Entdeckung von CasX beteiligt war (und Co-Autorin der Nature-Studie ist). CasX könnte ein entscheidender Schritt hin zum sicheren Editieren des menschlichen Genoms sein. Ein kleiner, kaum beachteter Schritt in der Forschung könnte sich als gewaltiger Schritt für die Menschheit erweisen, und zwar in eine sehr unheimliche Richtung.

 

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „DieNaturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus und sein neuestes Buch „Die zweite Quantenrevolution“ erschien im August 2018 bei Springer.
Mit Erlaubnis des Autors und

BUCH CONTACT: Murielle R. Rousseau, Ulrike Plessow/ Freiburger Büro: Rosastr. 21, D-79098 Freiburg, Fon: 0761-29604-0/ Berliner Büro: Karl-Heinrich-Ulrichs-Str. 20c, 10785 Berlin, Fon: 030-2060669-0/ E-Mail: buchcontact@buchcontact.de

Werner Hamacher zu Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Werner Hamacher: Keinmaleins, Texte zu Celan, Vor-Rede von Jean-Luc Nancy, Klostermann RoteReihe, Vittorio Klostermann GmbH, Frankfurt/Main 2019, Softcover, 256 Seiten, ISBN: 9783465043768, Preis: 24,80 Euro

Werner Hamacher (1948-2017) war Literaturtheoretiker und Übersetzer. Er lehrte als Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Hamacher war Schüler von Jacques Derrida und beschäftigte sich mit dessen Konzept der Dekonstruktion.

Der Verlag Vittorio Klostermann gibt in diesem Band der Roten Reihe sechs Aufsätze Hamachers zu Paul Celan (1920 – 1970) heraus. Bei fünf Aufsätzen steht jeweils ein Gedicht von Celan im Vordergrund. Der Aufsatz „Versäumnisse“ widmet sich dem Briefwechsel zwischen Celan und Adorno.

Die Arbeitsweise Hamachers ist einerseits literaturwissenschaftlich präzise und seziert das Gedicht in jeglicher sprachlicher Hinsicht. Andererseits steht das Gedicht in einem persönlichen, kommunikativen und eventuell sogar philosophischen und historischen Kontext.

Exemplarisch wird in dieser Rezension der Aufsatz Werner Hamachers zum Gedicht „Todtnauberg“ (1968) näher betrachtet. Werner Hamacher stellt das Gedicht in den Zusammenhang mit dem (weiteren) Austausch Paul Celans mit Martin Heidegger (1889 – 1976). „Werner Hamacher zu Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019“ weiterlesen

Gegenwärtig und bewusst leben, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Eckart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christine Bolam und Marianne Nentwig, Verlag Kamphausen, Bielefeld 2000, 18. Auflage 2018, Hardcover im Pocketformat, Lesebändchen, 269 Seiten, ISBN: 978-3-89901-301-6, Preis: 14,80 Euro

Eckhart Tolle ist in Deutschland geboren und aufgewachsen (geboren 1948 in Lünen als: Ulrich Leonard Tolle/Quelle: Wikipedia, eingesehen am 10.3.2019). Sein heutiger Vorname Eckhart ist also bewusst gewählt. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eckhart, eingesehen am 12.03.2019). Im biografischen Nachwort des Buches wird diese Identitätsänderung auf eine „spirituelle Transformation“ zurückgeführt.

Die hier vorliegende Neuauflage des Buches „Jetzt!“ wird mit einem Vorwort von Vera F. Birkenbihl eingeleitet, allerdings ohne anzumerken, dass diese im Jahr 2011 gestorben ist.

Die esoterische Lehre Eckhart Tolles lässt sich seiner Aussage nach keinem bestimmten Bekenntnis zuordnen, ist aber religiös beeinflusst. Einige wichtige Aussagen scheinen dem Buddhismus entnommen.

Referenzen der Bibel, des Buddhismus und anderer religiöser Lehren werden beiläufig und unterstützend zitiert und wollen von einer breiten Aufstellung seiner Lehre zeugen.

In weiten Zügen wirkt die Argumentation Tolles existenzialistisch, da sehr oft der ontologische Begriff „Sein“ verwendet wird. Mit „Sein“ meint Eckhart Tolle aber keine philosophisch gedachte Essenz oder ein Warum, sondern die gegenwärtige menschliche Existenz. Ein gutes Bild dafür ist das Bergsteigen oder Rennfahren, währenddessen eine vollständige Geistesgegenwärtigkeitnotwendig, wenn nicht sogar lebenserhaltend wichtig ist. In diesem Zustand totaler Fokussierung bleibt die Zukunft offen und die Vergangenheit wird ausgeblendet. „Gegenwärtig und bewusst leben, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019“ weiterlesen

Familiengeschichte Bonhoeffer, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer, Die Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffers jüngster Schwester Susanne Dreß, Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Jutta Koslowski, Mit einem Geleitwort von Andreas Dreß, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, gebunden, 868 Seiten, ISBN 978-3-579-07152-7, Preis: 49,00 Euro

Die promovierte Theologin und Lehrbeauftragte Jutta Koslowski hat eine Mammutaufgabe gestemmt. Sie hat die 600 Schreibmaschinenseiten des Manuskripts von Susanne Dreß bearbeitet, korrigiert und als Buch herausgegeben, die etwa 40 Jahre der Familiengeschichte der Bonhoeffers in Breslau und Berlin umfassen. Da Susanne Dreß, wie im Untertitel angedeutet, Dietrich Bonhoeffers jüngste Schwester war, dient diese Familienbeschreibung zugleich als Darstellung des familiären Hintergrundes von Dietrich Bonhoeffer.

Interessant ist aber auch die etwa 50-seitige Einleitung der Herausgeberin. Die Geschichte der Auffindung fast aller Schreibmaschinenseiten aus unterschiedlichen Quellen der Dietrich-Bonhoeffer-Forschung ist mehr als abenteuerlich. 

Die hier genannten Personen und Orte sind wichtige Zeugen für manche Unebenheiten der biografischen Aufarbeitung der Werk-Geschichte Dietrich Bonhoeffers, die nach einer Odyssee nun endgültig seinen Platz im Staatsarchiv in Berlin gefunden hat.

Doch Susanne Dreß dokumentiert nicht nur die Umstände der Erziehung Dietrich Bonhoeffers im Elternhaus zusammen mit den Geschwistern, sondern auch die Lebensgeschichte seiner Schwester Susanne Dreß selbst. Sie war als Pfarrfrau in die Geschichte der Bekennenden Kirche involviert.

Die Autobiografie von Susanne Dreß liest sich flüssig und locker. Durch die Anekdoten und geschilderten Ereignisse ist die Erzählung voller Witz und Farbe. Es bereitet keine Mühe, sich in die Verhältnisse der Familie Bonhoeffer hineinzuversetzen, wenn auch deren Lebensumstände als großbürgerlich zu bezeichnen sind.

Die erzählte Geschichte der Familie Bonhoeffer hat keinen fortlaufenden Erzählfaden, sondern ist in thematische Abschnitte eingeteilt. Dabei gibt es zuerst den Teil „Kindheit und Jugend“, der sich mit den Aspekten des Familienlebens umfasst und zugleich den Kontext der Vorfahren, Eltern, Erzieherinnen, Geschwister und die weitere Verwandtschaft schildert.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Umständen des ersten Weltkriegs, dem auch ein Bruder der Autorin zum Opfer fällt. Ausführlich kommt auch die Revolutionszeit in Berlin und die Inflation zur Sprache. Weitere Kapitel beschreiben das „gesellschaftliche“, „kulturelle“ und „religiöse Leben der Familie Bonhoeffer“.

Besondere Akzente sind durch die Perspektive des jungen Mädchens „Susanne“ gegeben, die zumeist eigene Beobachtungen schildert und eigene Wertungen einfließen lässt.

Erstaunlich ist die Größe des Hauses der Bonhoeffers besonders in Berlin, das nicht nur die acht Geschwister beherbergt, auch das Personal und zeitweise die Großmutter und andere Verwandte und daneben noch die privaten Praxisräume des Psychiaters Karl Bonhoeffer, der an der Charité arbeitete und an der medizinischen Fakultät lehrte.

Einzelne Beobachtungen lassen immer mal wieder einen Blick auf den Bruder „Dietrich“ werfen, mit dem Susanne als nächst jüngerer Schwester eine besondere Beziehung verband.

In den Rangeleien und dem Spotten der Geschwister ist der Bruder „Dietrich“ kein Heiliger. So kränkt er seine ältere Schwester Ursel einmal, indem er am Tisch bemerkt, sie habe dicke Lippen.

Auch gesellschaftliche und politische Fakten werden vom Kind Susanne berichtet. Erwähnt werden Hakenkreuze schon in der Putsch- und Revolutionszeit nach 1918. Auch in der frühen Weimarer Zeit ist das Phänomen des Kommunismus interessant für die Schülerin, die sich sogar für die Lektüre einiger Marx-Schriften interessierte.

Der zweite Teil ist schon eher an einer Chronologie interessierte als der erste. Susanne Dreß, die einen Pfarrer heiratete und in Berlin-Dahlem lebte ist eine kritische Chronistin der Zeit der Bekennenden Kirche und der Nachkriegszeit. So teilt sie ihren besonderen Ärger darüber mit, dass ihr inhaftierter Bruder, der als Pfarrer immerhin ein Predigerseminar der Bekennenden Kirche geleitet hat, von den Fürbittlisten gestrichen worden ist.

Doch nicht nur Dietrich, sondern ach die anderen Familienmitglieder kommen zur Sprache, die sich ebenfalls im Widerstand engagierten.

Die erzählte Zeitperiode endet etwa mit dem Jahr 1949, womit die ersten vierzig Jahre des Lebens von Susanne Dreß und ihrer Angehörigen im Blick sind. Die Familiengeschichte ist anschaulich geschildert und erhält ihre besondere Würze durch die Perspektive der jüngsten Schwester Dietrich Bonhoeffers, die sich hier als kritische und selbstbewusste Botschafterin erweist.

Suche nach Gott, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu: Lars Muhl: Der Gral, aus dem Englischen übersetzt von Maike und Stephan Schuhmacher, Kamphausen Media GmbH, Bielefeld 2018, Softcover, 371 Seiten, ISBN 978-3-95883-282-4, Preis: 19,90 Euro

Lars Muhl (geb. 1950) in Aarhus, Dänemark, hat lange als Liedermacher gewirkt, bis er zu seinem schriftstellerischen Lebenswerk gefunden hat. Vor etwas mehr als 10 Jahren sind die englischen Originalausgaben seiner Buchtrilogie erschienen: Der Seher (verfilmt) – Magdalena – Der Gral. Dass diese Bücher zusammengehören, wird in diesem letzten Teil der Trilogie schon dadurch deutlich, dass auf den Seher und Maria Magdalena Bezug genommen wird. Es ist allerdings nicht nötig, die anderen Bücher zu kennen, wenn man den dritten Teil liest.

Das Buch zeichnet zwei Zeitlinien, wovon eine zur Zeit der Urchristenheit in der Gegend von Palästina spielt, in Jerusalem, in Ägypten und auf dem Mittelmeer.

Der Bezug zum Urchristentum wird auch durch ein Zitat aus dem Thomasevangelium hergestellt, das dem Buch wie ein Motto vorangestellt ist: „In einem Menschen gibt es ein Licht im Inneren, und es erleuchtet die ganze Welt. Leuchtet es nicht, welche Finsternis.“ 

Ich habe diese Textstelle nachgeschlagen und sie fast wörtlich so wiedergefunden. (Thomas-Evangelium, Logion 24)

Im Kontext des Buches hat der Inhalt dieses Wortes nichts mit einer geheimen Gnosis zu tun, sondern erinnert schlicht und einfach an eine Art Mystik, in der die Erfahrung Gottes sowohl im Inneren als auch außerhalb geschieht.

Man kann sagen, dass sich Lars Muhl, der sich als Icherzähler selbst darstellt, auf einer Expedition befindet, um zunächst den Spuren der Katharer zu folgen und dabei geheimnisvolle Berge mit Höhlen im Süden Frankreichs findet. Vom Gral selbst ist nur ganz selten die Rede. Klar ist aber die Verbindung zu Jerusalem. Das eher archäologische oder erfahrungsorientierte Interesse wird aber mehr und mehr durch mystische Erfahrungen überlagert und ersetzt. 

Die Suche, auf der sich der Icherzähler befindet, ist nicht vergeblich, auch wenn sich herausstellt, dass der Gegenstand, den er sucht, womöglich unauffindbar ist.

Um auf das Wort aus dem Thomasevangelium zurückzukommen: Ist Jesus, ist Gott in der Kirche oder der Religion zu Hause oder ist beides nicht vielmehr zugleich das Licht im Inneren eines Menschen?

Auch wenn das Buch einen eher esoterischen Ansatz verfolgt, ist die erzählte Geschichte doch dem christlichen Glauben nahe. Hier ist auch eine Geschichte des Christentums fiktiv, so dass man sagen kann: Wir können manches nur noch erahnen, weil viele Zeugnisse verschollen sind oder lange unterdrückt waren. So ist die Existenz der judenchristlichen Gemeinde und ihr weiterer Weg unklar. Was ist mit dem Thomas Evangelium, der Botschaft Maria Magdalenas und anderer Schriften? Welche Rolle haben sie in der Urkirche gespielt, auch und vielleicht sogar weil sie nicht in den Kanon des neuen Testament aufgenommen worden sind.

Im Gegensatz zu denen, die für sich die „wahre“ christliche Urgeschichte gefunden haben, ist Lars Muhl ein Erzähler, der nicht davor zurückschreckt, sowohl Glaubenserfahrung als auch Zweifel zu teilen. Es erscheint gar nicht abwegig, die Spuren der Mystik bis in die Botschaft des Neuen Testaments und ihrer weiteren Überlieferung, ja bis ins Judentum zurückzuverfolgen. Sie ist eine verborgene Tradition, weil sie immer ein wenig mit der kirchlichen Lehre konkurrierte.

Man kann es mit einem Wort von Angelus Silesius zusammenfassen, das so wörtlich hier nicht vorkommt, aber sicher mitgemeint ist: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ (Der cherubinische Wandersmann).