Ganzheitliche Theologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Richard Rohr: Alles trägt den einen Namen, Die Wiederentdeckung des universellen Christus, aus dem Englischen von Andreas Ebert, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, gebunden, 318 Seiten, Preis: 24,00 Euro

Richard Rohr (geb. 1943) ist Theologe eines franziskanischen Ordens, der für seine ganzheitliche Sicht bekannt ist.

Der anschauliche Impuls Rohrs zu Beginn des Buches ist die Vision einer Frau in der Londoner U-Bahn. Diese Frau heißt Caryll Hauslanders und hat die Vision, dass ihr in jedem Menschen Christus begegnet. „Christus ist überall“. In ihm hat jede Art von Leben Sinn und steht mit allen anderen Lebensformen in einer festen Verbindung.“ (S. 16).

Das Buch versteht sich als religiöse Entdeckungsreise dieser Vergegenwärtigung Christi in allen Lebensformen.

Die Kapitel des Buches stellen hierdurch eine Art Theologie dar, die diese Gegenwart Gottes (in Christus) in der Welt aufzeichnet. Manchmal fragt man sich beim Lesen, ob manche Aspekte nicht einfach eine moderne Form von katholischer Theologie sind.

Die Wege zu dieser Spiritualität, die Richard Rohr aufzeichnet, sind Wege, die aus den konfessionellen Streitereien herausführen, einfach weil der Glaube als eine Art von Leben in der Welt dargestellt wird.

Ich gebe statt einer ausführlichen Inhaltsangabe ein kleines Beispiel, das, wie ich finde, ein wenig zum Schmunzeln ist:

Die Widmung hat mich schon gewundert. Richard Rohr widmet das Buch seinem kürzlich verstorbenen Labrador, der Hündin Venus, die über fünfzehn Jahre alt wurde.

Die Gegenwart der Hündin hat, so schreibt er später, eine spirituelle Dimension.

Was das bedeutet, wird schlagartig deutlich, wenn man den Abschnitt über das Abendmahl liest. Warum glaubt die katholische Gemeinde an die Präsenz Christi in der Oblate, was heißt hier Realpräsenz Christi?

Nach Richard Rohr muss diese Aussage nicht nur von Christus, sondern auch vom Menschen her verstanden werden. Hierdurch steht in seiner Theologie die Anthropologie immer in einer Korrespondenz dazu. In diesem Zusammenhang ist von der Hündin Venus die Rede. Sie ist ein Symbol für diese Präsenz, was ich im Folgenden erläutern möchte.

Ich fasse den entsprechenden Abschnitt kurz zusammen: Denken wir einmal an einen Hund oder eine Hündin. Ihr rudelorientiertes Verhalten macht Hunde zu einem Symbol der Präsenz. Und so ist es selbstverständlich, dass Richard Rohr über seine Hündin schreibt, die mit ihm in der Nacht zu einem Krankenbesuch aufbricht. Ein kurzes Zitat soll dies dann weiter verdeutlichen: „Sie stand für mich Modell, wie ich vor Gott da sein könnte, und wie wohl Gott mir gegenüber da sein muss: „… wie die Hände einer Dienerin auf die Hand ihrer Herrin gerichtet ist.“ (Psalm 152,2). Die Augen meiner Venus waren stets auf mich gerichtet.“ (S. 168)

Dieses Beispiel klingt für Menschen, die nicht mit Hunden zusammenleben etwas skurril, aber ich finde es treffend. So verspricht es ja auch Gott dem Mose: „Ich werde da sein.“ Und bezeichnet dies als seinen Namen. Als Christinnen und Christen ist dieses Gottesbild zugleich unser Vorbild, und es ist unser Wunsch für Gott und andere da zu sein. (d. Rez.)

Gottes Spuren in Israels Urgeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

Zu:

Martin Buber: Moses, Unveränderter Nachdruck der 4. Auflage Copyright 1948 Gregor Müller Verlag, Verlag Lambert Schneider, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1994, Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN (print): 978-3-579-02575-9, Preis: 34,99 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Paperback/Moses/Martin-Buber/Guetersloher-Verlagshaus/e204930.rhd

 

Aus dem Impressum geht hervor, dass das Buch von Martin Buber, das vom Gütersloher Verlagshaus verlegt wird, von „Books on Demand“, Norderstedt, hergestellt wird. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite eine fotomechanische Wiedergabe des gebundenen Buches aus dem Lambert Schneider Verlag, mit dem auch von der Buber-Rosenzweig-Bibelübersetzung bekannten Druckbild. Solche Bücher nennt man Reprints, was in diesem Fall auch durch das Impressum klargestellt wird.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber ist auch nach über 70 Jahren noch aktuell. Es diskutiert die Ergebnisse der Exegese der fünf Bücher Mose* auch aus theologischer Sicht und distanziert sich vom damals dominanten Modell der Quellenscheidung in die bekannten Quellen E, J und P. Stattdessen favorisiert Buber eine Art Bearbeitungshypothese, die meines Wissens nach auch heute den Stand der Forschung darstellt. Diese Bearbeitung bezieht sich auf einen historischen Kern, der sich in der Bibel in oft nur sehr kurzen Textfragmenten zu erkennen gibt.

Bubers sachliche Untersuchung dieser Textabschnitte basiert auf seiner eigenen Übersetzungsarbeit in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, so dass er zumeist Argumente der Analyse des hebräischen Urtextes und seiner Textgeschichte entnimmt.

Die Hauptfrage Martin Bubers ist dabei die Wahrheit der biblischen Überlieferung. Diese historische Arbeit ist sozusagen im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft eine Quellenforschung, die auch noch nach der hinter dem Text liegenden mündlichen Tradition fragt.

Die ursprüngliche Gottesüberlieferung ist in der heute lesbaren Form in die Gattung einer Sage gestaltet, so dass die erzählte Geschichte als Fiktion erscheint.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber folgt dem Erzählfaden des Pentateuchs in der vorliegenden Form und konzentriert sich dabei auf historisch bedeutsame Textelemente, die sich am Inhaltsverzeichnis ablesen lassen. Ich möchte diesen inhaltlichen Aufriss nun nicht noch einmal zusammenfassen, sondern den Erzählfaden der fünf Bücher Mose einfach als bekannt voraussetzen. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte, aufgezählt im Inhaltsverzeichnis, zeigen die Grundelemente der von Buber dargestellten Moseerzählung, die so gesehen auch als eine Grunderzählung der israelitischen Religion lesbar sind wie beispielsweise „Israel in Ägypten“, „der brennende Dornbusch“, „Passah“, „Sabbat“, „der Bundesschluss“, „die Worte auf den Tafeln“ usw..

Der Titel „Moses“ sagt dabei schon alles: Die Interpretation der Erzählung wird in die Perspektive des Mose eingezeichnet. Die Gestalt des Mose ist zwar die eines politischen Anführers und Befreiers, der zuletzt dem Volk der geeinten Stämme eine Verfassung gibt. Er ist dies aber zugleich als Prophet, da er mit Gott in Verbindung steht, und da das Volk Israel zugleich das Bundesvolk Gottes ist.

Diese besondere Kennzeichnung Moses als einen Propheten oder einer prophetischen Person soll im Folgenden durch einige Zusammenfassungen und Zitate verdeutlicht werden. Ich entnehme diese Texte durchaus dem konkreten Zusammenhang, so dass sie vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Geschichte der Bibel als des Wortes Gottes gesehen werden.

Buber stellt den Stoff der Bibel als Sage dar, die aber nur vom der Beziehung zu Gott verdeutlicht wird: „Das Werk der Sage ist groß und reißt heute wie je unser Herz hin; das darf uns aber nicht hindern, mit unserem nach Wirklichkeit verlangendem Blick, wo wir können, durch ihren Schleier zu dringen und, so gut wir können, die reine Gestalt zu schauen.“ (S. 167/8)

Das Bild, das der Text zeichnet, ist wie ein Gemälde einer historischen Erzählung. Das heißt aber nicht, dass der Bibeltext eine reine Phantasieproduktion ist. Diesen Gedanken verdeutlicht Buber immer wieder in Bezug auf die Gottesoffenbarung des Moses.

So heißt es bei Buber im Zusammenhang der Gesetzestafeln: „Mit seinem Wort ‚Ich werde da sein, als der ich da sein werde‘ bezeichnet er (Gott) sich als den, der nicht auf eine bestimmte Erscheinungsweise festgelegt ist, sondern sich jeweils den von ihm Geführten, um sie zu führen, so zu sehen gibt, wie es ihm beliebt.“ (S. 172)

Hier ist also durchaus noch offen, ob der Pentateuch eine Gründungsgeschichte des Volkes Israel ist oder eine Offenbarungsgeschichte Gottes darüber hinaus für die ganze Welt. Faktisch ist, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch bzw. zwischen Gott und Volk immer wieder zu scheitern droht. Für meinen Begriff ist diese realistische bis ins Negative zeichnende Sicht nur darin zu sehen, dass der Pentateuch ein erzähltes Rechtsbuch ist. Dazu schreibt Buber: „Die durch die Schuld gestörte Ordnung zwischen Himmel und Erde wird durch die Sühne wiederhergestellt.“ (S. 193). Das heißt auf das Volk bezogen, dass die religiöse und soziale Geschichte immer miteinander verknüpft ist.

Mose gelingt es immer wieder in der Perspektive Martin Bubers, Gottes Wort zu vernehmen und zu verkündigen und die Gegenwart Gottes im Verweis auf geschichtliche Ereignisse zu vergegenwärtigen. Aus der Gestalt des Hirtengottes der nomadischen Väterzeit wird im Lauf der Wüstenwanderung ein Gott der priesterlichen Religion und der Bundesgott des Volkes Israel. Moses ist der Erfinder eines Bundesgesetzes, das ein Volk zusammenführt und bildet.

Das Motiv der Wüstenwanderung zeigt die Geschichte der späteren Religion schon im Vorhinein auf. Im Kapitel „Der Widerspruch“ wird dazu der Korachspruch interpretiert (4. Mose 16,3), der als abtrünnig bestraften Rotte Korach. Während für Mose Gott immer unsichtbar ist und sich im Ereignis zeigt, behauptet das Volk, dass Gott in seiner Mitte sei und dadurch alle heiligt. Buber: „Göttliche Gegenwart heißt dem Volk als Volk: den Gott besitzen, mit andren Worten: den eigenen Willen zu Gottes Willen machen können.“ (S. 253)

Wenn in der Geschichte des Volkes die Gottesbeziehung immer wieder auch zu scheitern droht, ist das kein endgültiger Misserfolg, sondern ein schmerzhafter Lernprozess. Gerade Bubers penetrante Fragen nach der Wirklichkeit und Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit des Wortes Gottes macht die Spannung des Textes im Mosebuch aus.

Für mich als evangelischem Theologen ist es interessant, dass Buber seine Arbeiten als Religionsphilosoph vorlegt, nicht als jüdischer Theologe. Seine Interpretation des Mose ist christlich genauso anschlussfähig wie für das Judentum. Deshalb stehen in Deutschland die Namen Buber und Rosenzweig als Sinnbild für den interreligiösen Dialog.

 

  • Der Name „Moses“ ist eine übersetzerische Entscheidung von Martin Buber. Wo ich das Buch der Bibel meine, schreibe ich „Mose“, wie es von der Lutherbibel her gebräuchlich ist. Diese Schreibweise ist im Übrigen im Text durchaus häufig. Warum die Überschrift „Moses“ lautet, ist mir nicht klar. In der Bibelübersetzung wird der Name in der Umschrift hebräisch wiedergegeben: Mosche.

Gewalt als treibende Kraft? Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

 

Zu: Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN: 978-3-518-42940-2, Preis: 20,00 Euro

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Das zweite Schwert ist nicht aus Stahl. Es besteht aus Worten. Nicht nur mit dem Titel greift Peter Handke biblische Metaphern auf (Lk 22, 36-38; Hebr 4,12). Der Roman hätte auch „Die Rache ist mein, spricht der Herr“ (5. Mose 32,35) heißen können, aber dieses Zitat hatte schon Leo Tolstoi seiner „Anna Karenina“ vorangestellt. „Das zweite Schwert“erzählt von Rachegelüsten, die den Ich-Erzähler zu einer Reise nötigen. Er bricht auf, um einer Kritikerin den Garaus zu machen. Auch dieses literarische Motiv ist in der neueren Literatur – wie etwa in Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) – bekannt.

So plötzlich die Gewissheit zur Rache über den Protagonisten hereinbricht, so unbestimmt verfolgt er sein Ziel. Der Ich-Erzähler wird immer wieder von seinen Wegen, der Natur und den Begegnungen unterwegs – aber auch von der Muße und seiner Menschenscheue – derart in den Bann gezogen, dass er darüber vergisst, Rache zu nehmen. „Und eine namenlose Freude packte mich, am Nichtstun jetzt, und am weiteren Lassen und Nichtstun, weiter so und lassen, und so weiter, und so fort“ (S.38).

Seine Irrungen und Wirrungen finden an der Endstation eines Schienenersatzfahrzeugs ein Ende. Alle Fahrgäste strömen in die Bahnhofsgaststätte. Auch er. In einem großen Saal wird ein Fest gefeiert. Dort sitzen all jene – und noch mehr – denen der Protagonist auf seinem Weg begegnet ist. Ein buntes Völkchen ist versammelt. Nachdem der Ich-Erzähler sich umgesehen hat, nimmt er zuletzt im hinteren Teil der Gaststube eine Leinwand wahr. Auf ihr flimmert seine Kritikerin mit anderen ihrer Zunft. Niemand der Anwesenden achtet auf die Talkrunde. Seine Kritikerin ist nur zweidimensional zu sehen. Sie ist nicht beim Fest dabei. Sie wird nur an die Wand geworfen. Sie ist ausgeschlossen. Könnte das nicht heißen, so dämmert es ihm, dass das die eigentliche Rache ist? Sie ist beim Fest nicht mit dabei und das ohne sein Zutun. Ein Gefühl der Erleichterung, nicht zum Mörder geworden zu sein, durchströmt ihn. Alle Rachegelüste, die erlittene Kränkung und die unbändige Wut fallen von ihm ab.

Mich hat die Schlussszene sehr an das Gleichnis vom großen Abendmahl bei Lukas (Lk 14,15ff) erinnert. Nicht von ungefähr stellt Peter Handke seinem neuesten literarischen Werk eine ungewöhnliche Stelle aus dem Lukasevangelium voran: „Und Er sagte zu ihnen: Wer jetzt einen Geldbeutel hat, nehme den, ebenso einen Reiseranzen, und wer keins davon hat, verkaufe sein Gewand und kaufe ein Schwert!… Sie aber sagten: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter! Und Er sagte zu ihnen: Das genügt.“ (Lk 22, 36-38).

„Das zweite Schwert“ ist eine geistvolle Lektüre, ein nicht enden wollendes Selbstgespräch, ein wiederholtes Erzählen von Aufbruch – viele Schritte und Plätze sind Handke-Lesern schon bekannt –,  ein immer wieder gründliches Beobachten dessen, was in das Blickfeld gerät, ein Schweben und Eintauchen in Handkes Sprachkosmos, eine in die Natur lockende Frühlingsgeschichte und vieles mehr.

Das Thema Gewalt als treibende Kraft, die scheinbar verwirrend aus dem Nichts hervortritt, ist ein Grundthema bei Peter Handke. Rache wird hier auf frappierende Art und Weise ad absurdum geführt. Das ist hohe literarische Kunst.

 

Ich habe einen Vogel. – Nur einen? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Georg Wögerbauer: Flugversuche, Wie ich meine persönlichen Vögel um Fliegen bringe, Orac im Verlag Kremayr & Scherian, Wien 2020, gebunden, 184 Seiten, ISBN: 978-3-7015-0619-4, Preis: 22,00 Euro (D,A)

Georg Wögerbauer ist Allgemeinmediziner und Psychotherapeut und praktiziert in Wien. Seine Arbeit im Schwerpunkt Psychotherapie geht über die Einzelberatung hinaus in den Bereich von Vorträgen und Seminaren zum Themen der bewussten Lebensgestaltung. Dazu leitet er zusammen mit seiner Frau das Projekt „Gesundheit im Waldviertel“. Der praktische Hintergrund ist in diesem Buch nicht nur unverkennbar, sondern auch prägend, ohne dass es eine Anleitung zur Selbstdiagnose und Selbsttherapie darstellt.

Ein weiterer Schwerpunkt Wögerbauers ist die Lyrik. In diesem Buch werden 35 kleine Aufsätze zu psychotherapeutischen Themen jeweils um eines oder mehrere Gedichte ergänzt, in denen das Flugmotiv allerdings explizit kaum vorkommt. Es ist den Prosatexten vorbehalten.

Ohne dass das Buch ausdrücklich in Kapitel aufgeteilt wird, sehe ich hier zwei etwas gleich große Hauptteile. Der erste Teil ist eine Art psychologische Charakterkunde, in denen neurotische Persönlichkeitsanteile mit dem Bild des Vogels verknüpft und ausgearbeitet werden. Jede Leserin bzw. jeder Leser wird den Satz „Ich habe einen Vogel“ schon einmal gesagt oder gehört haben („Du hast…“). Das Buch arbeitet mit diesem Motiv und lädt dazu ein, ruhig von mehreren Vögeln, also Marotten zu sprechen und sich dieses, ans pathologisch grenzende Verhalten zunächst zuzugestehen. Niemand ist besser oder schlechter, bloß weil er oder sie einen oder mehrere Vögel hat. Problematisch ist wohl eher, entweder seine Vögel nicht zu kennen oder sie nicht zum Fliegen bringen zu können oder zu wollen.

Im zweiten Teil tauchen die Vögel nur noch sporadisch auf und werden bewusst durch das Flugmotiv ergänzt. Tragende Begriffe sind jetzt lebensbezogene Themen wie Abschiedlichkeit, Verbundenheit, Sicherheit, Tagträume, Aufbrüche, Flügel der Seele und Erfahrungen der Heilung. Diese Begriffe zeigen, dass das Motiv des Vogels aus eher psychologischer Tradition nicht den Blick auf das ganzheitliche Denken verstellen sollte.

Das Manuskript des Buches ist während eines Urlaubs (!) auf der griechischen Insel Kreta entstanden. Das letzte Kapitel ist dem Abschiedsabend mit dem griechischen Vermieterehepaar Georgia und Nektarios gewidmet. Der Einladung, im Dorf ein Stück Land zu übernehmen, ist der Autor dann wohl eher nicht gefolgt, jedenfalls wird dieser Gedanke zwar berichtet, aber nicht vertieft.

Ich finde die autobiografischen Teile des Buches durchaus unterhaltsam, zeigen sie doch auch die Verbindung des Themas „Flugversuche“ zur psychotherapeutischen Arbeit auf. Trotzdem meine ich beobachtet zu haben, dass der Autor im zweiten Teil weggeht von einer systematischen „Vogel“-Lehre hin zu einer episodischen Flugversuchserzählung. Der Spagat zwischen klarer fachlicher Orientierung und narrativer Vermittlung ist nicht immer einfach zu leisten. Trotzdem lädt die Lektüre des Buches gerade im ersten Teil zur Selbstbeobachtung und auch Selbsttherapie ein und ist so sicher auch als Ergänzung zur fachlichen Psychotherapie gedacht. Insofern ist das Buch sehr zu begrüßen.

Kirchen im Wandel in Zürich, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Yves Baer, Francois G. Baer: Die Zürcher Altstadtkirchen, Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten, NZZ Libro im Schwabe Verlag, Basel 2019, gebunden in flexiblem Einband, farbig illustriert, ISBN: 978-3-03810-438-4, Preis: 34,00 Euro

Link: https://www.nzz-libro.ch/zuercher-altstadtkirchen-stadtgeschichte-entlang-der-sakralbauten#media

Der Zürcher Stadtführer ist so gestaltet, dass er bei der Stadtbesichtigung mitgeführt werden kann. Der Schwerpunkt liegt bei der Stadtgeschichte, die fortlaufend gelesen werden kann. Die Entstehung der Zürcher Kirchen ist von der Stadtgeschichte nicht zu trennen.

So war der Zürcher Reformator Ulrich (Huldrych) Zwingli ein Mitglied des am Grossmünster tätigen Stifts. 1517 wurde er zum Leutpriester gewählt und war für die Seelsorge des einfachen Volkes zuständig. In diesem Jahr führte er per Abstimmung im Stift die Reformation ein, die zuerst auch von Luther geprägt war, dann aber eigene Wege ging.

Selbstverständlich ist das Buch immer auch als kunsthistorischer Führer gedacht, bevor er auf Kunstdenkmale eingeht und auf historisch interessante Details.

So lässt sich das Buch, wie vom Untertitel versprochen, als Stadtgeschichte lesen, die die geographischen und frühhistorischen Besonderheiten der Stadt nicht auslässt.

Ein besonderer Aspekt ließ mich zu diesem Buch greifen, und zwar nicht nur die Baugeschichte der Kirchen, sondern die Geschichte ihrer Umnutzung. Durch den besonderen Schwerpunkt der reformierten Kirche waren Kirchen nicht nur als Sakralbau gefragt, sondern mehr als als repräsentative Gebäude. Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster schreibt im Vorwort: „Wäre es ihnen in den Sinn gekommen, dass die Altstadtkirchen in Zürich im Verlauf der Jahrhunderte zu Lagerstätten für Kartoffeln, Bücher und Geld, zu Spitälern und Stadtkirchen wurden? Hätten sie gedacht, dass das reformierte Grossmünster im 19. Jahrhundert die damalige Tagsatzung der Eidgenossenschaft beherbergte und so zum Nationalsaal der Schweiz wurde? Die Stadtgeschichte entlang der Kirchen entpuppt sich als wahrer Krimi mit sakralen Noten.“ (S. 9)

Ein Hinweis: Bei allem Interesse für die stadtgeschichtlich und bauhistorisch bedeutenden alten Kirchen Wasserkirche, Fraumünster, Predigerkirche, Grossmünster sollte man auch die Notizen zu der erst 1894 erbauten katholischen Liebfrauenkirche zur Kenntnis nehmen. Das Gebäude sticht aus dem Ensemble der umgebenden Häuser heraus, weil es auf einer Terrasse erbaut wurde. Dazu hat es die Gestalt einer frühromanischen Basilika nach italienischem Muster. Der Campanile, ein Treppenturm im italienischen Stil ist gut sichtbar und erinnert so an die Verbindung Zürichs mit Rom und Italien.

Eine einzige Kritik an Buch wäre vielleicht doch angebracht, und zwar ist durch die Fülle an Bildern und Informationen an einigen Stellen die Schrift zu klein geraten, worunter die Übersicht manchmal etwas leidet. Aber die Vielzahl der Bilder und Karten ist schon eindrucksvoll.