Annette von Droste-Hülshoff: Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, Kommentar: Christoph Fleischer

Evang.: Vom Greuel der Verwüstung

Steht nicht der Greuel der Verwüstung da
An heil'ger Stätte?
Was träumen wir von Dingen, die uns nah,
Als schliefen sie wie Feuerstoff im Bette
Des Kohlenschachts? Blickt auf und schaut umher!
O, die Verödung, wie sie dumpf und schwer
Traf Herz an Herz wie mit galvan'scher Kette!

Gibt's eine Stätte denn, die heiliger
Als Menschenherzen?
Gibt es Verwüstung, die entsetzlicher,
Als wenn das Höchste stirbt an matten Scherzen?
O Glaube, Glaube, wem du kalt und schwach,
Der schleppt den Grabstein an der Ferse nach;
Und dennoch Heil ihm, schleppt er ihn mit Schmerzen!

Doch wer sein Kleinod als ein Spielgerät
Sieht lächelnd brechen
Und wie aus Gnad' und milder Majestät
Ein Mitleidswort will ob dem Toren sprechen,
Dem Toren, der beweint sein Steckenpferd:
Ja, dem erlosch die Flamm' am heil'gen Herd,
Und seine Nahrung steht in Sumpf und Bächen.

Kannst du ertragen, daß die Augen schaun,
Wem sie sich kehren,
Dorthin dann wende deinen Blick mit Graun,
Wo wie im Moderschlamm die Massen gären!
Verlaß den kleinen grünen Fleck, der nur
Durch Gottes Huld ward zu des Lebens Flur,
Und sieh, wie sie von deinem Busen zehren!

O hätt' ich nimmer meinen Fuß gewandt
Von deiner Erde!
Wie segn' ich dich, mein reiches kleines Land,
Du frische Weide einer treuen Herde!
In dir sah ich die Schande nicht vergnügt,
Nicht hohen Geist an alle Schmach geschmiegt,
Noch tiefsten Wahnsinns üppige Gebärde.

Ich bin enttäuscht, und manche Narbe trug
Ich aus dem Streite;
Als auch an meine Brust Verwüstung schlug
Und forderte die halbverfallne Beute,
Ward ich entrissen ihr durch Gottes Huld:
Sein ist die Gnade, mein allein die Schuld;
Und dennoch – eine Trümmer steh' ich heute!

Ward ich nicht ganz der öden Stätte gleich,
Verfluchtem Grunde,
Wo Salz gestreut auf Stein und Schädel bleich,
Gibt hier und dort noch eine Säule Kunde
Vergangner Herrlichkeit: Dank dir, mein Land;
Du hast zu früh gelegt ein frommes Band
Um meine Seele in der Kindheit Stunde.

So will ich harren denn, und tiefbedrängt
Will ich es tragen,
Daß immer wie zum Sturz die Mauer hängt;
Noch mögen einst erneut die Zinnen ragen.
Es gibt ja eine stark' und milde Hand,
So aus dem Nichts entflammt den Sonnenbrand;
Sie hat auch diesen morschen Bau getragen

Bis heute, wo aus dieser kranken Brust
Die Seufzer drangen.
O du, dem Wurmes Zucken selbst bewußt,
Hilf mir und Jenen auch, die todumfangen!
Sei gnädig, leg an ihr verknorpelt Herz
Des Leidens Moxa, daß es lebt in Schmerz;
Ach, Herr, sie wußten nicht, was sie begangen!

Kommentar (Christoph Fleischer): Die Verödung und Verwüstung der heiligen Stätte ist ein Bild der Zerstörung menschlicher Herzen, z. B. durch "matte Scherze". Sogar ein schwacher Glaube, der einen Grabstein hinter sich her zieht, ist besser als gar keiner.  Wessen Liebe dagegen zerstört wird, dem ist das Feuer am Altar erloschen (der Glaube erkaltet). Das Land wird nur durch Gottes Huld zum Segen, zur Flur des Lebens. Die Erde, die Natur, die Heimat und ein Bild unverfälschten Lebens. Dennoch: Die Trümmer der eigenen Seele sind verwachsene Narben. Gottes Gnade ist größer als "meine SChuld". Der Glaube, der in früher Kindheit in meine Seele gelegt wurde, wird die Zertrümmerung sogar in Krisen überstehen. Der "morsche Bau", der eigene Körper, ist noch nciht gestorben. Gottes Gnade ist größer als die Zertrümmerung der Seele.

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