Angst vor dem Amoklauf. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2010

zu: Britta Bannenberg: AMOK. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus 2010 ISBN 978-3-579-06873-2, 17,95 Euro

Die Gefahr von Amok-Taten ist für uns mit Erfurt (2002) und Winnenden (2009) kein Phänomen des Auslands mehr. Trittbrettfahrer und Amokdrohungen drehen zusätzlich an der Angstspirale. Die Juristin und ehemalige Langstreckenläuferin Britta Bannenberg wirkt dem durch Versachlichung entgegen: „Was ist von drohenden Äußerungen, Sympathiebekundungen für Amokläufe, Bombenanschlägen und Tötungsdelikten zu halten? Wann sollte die Polizei eingeschaltet werden? Was können Lehrer, Mitschüler, aber besonders auch Eltern frühzeitig tun, um auf beunruhigende Entwicklungen adäquat zu reagieren? In diesem Buch wird versucht, die Leser zu einer besseren Einschätzung solcher Entwicklungen und Situationen zu befähigen.“ Es ist hilfreich und der derzeitigen Situation angemessen, dass sich die Autorin auf Amok in Schulen konzentriert. Somit ist dieses Buch für den pädagogischen Kontext, für Eltern und Lehrer gut geeignet.

Die Täter verstehen lernen.
Gefährlich und eine Herausforderung für die Prävention ist, dass die späteren Täter im Vorfeld nicht auffallen. Mehrere Fakten müssen zusammenkommen: Mangelnder Schulerfolg, normales Elternhaus, Computerspiele, Zugang zu Schusswaffen und psychische Probleme, eventuell mit Suizidgedanken, sind wohl Voraussetzungen solcher Gewaltausbrüche, die einerseits mit der Publizität der Taten rechnen, Hass und Aggressivität auf die Schule projizieren und zugleich den eigenen Suizid einkalkulieren.

Vorbilder und Tatmuster.
Das Vorbild der Columbine Highschool und Abläufe wie in Erfurt, Emsdetten und Winnenden lassen die Autorin Tatmuster gewinnen, die dann auch Rückschlüsse für die Prävention erlauben. Abschiedsbriefe von Tätern, Emails von Trittbrettfahrern und Taten von Nachahmern wie Drohungen werden analysiert. Gewaltphantasien und ein gestörter Umgang mit Kränkung und Versagen, meist dann auch das Gefühl, gemobbt zu werden, führen in diese Tatmuster hinein. Eine öffentliche Berichterstattung über Suizid kann die Ausführung der Tat begünstigen, da ähnlich wie bei einem Selbstmordattentat der Suizid eingeplant ist.

Prävention.
Die Maßnahmen der Prävention, die die Autorin vorschlägt, sind besonders im schulischen Kontext zu sehen. Stille Schüler dürfen nicht ignoriert werden. Maßnahmen zur Verbesserung des Schulklimas, Aktionen gegen Mobbing sind auch präventiv gegen Amok. Die Beschäftigung mit Suizid allgemein sollte eher vermieden werden, außer im Kontext mit aktuellen Ereignissen. Die mediale Beschäftigung mit Gewalt aber ist ein sinnvolles Thema, zumal es im Vorfeld von Amok sogar dazu kommt, dass Computerspiele im Kontext des Plans der eigenen Schule gespielt werden. Drohungen sind stets ernst zu nehmen, Krisenpläne im Vorfeld abzustimmen. Das Handyverbot an Schulen sollte aufgehoben werden, da die Handys im Krisenfall sehr gut geeignete Warnmelder sind.

Fazit:
Die hier aus dem Buch herausgefilterten Bemerkungen ersetzen nicht die Lektüre dieses wichtigen Buches, das gerade im Detail und der Schilderung konkreter Fälle die Herausforderung deutlich werden lässt: AMOK-Taten geschehen mitten unter uns. Das Buch kann dazu verhelfen, mehr auf einzelne Menschen zuzugehen und das Schulklima zu verbessern.

Antworten fordern Fragen. Rezension zur Festschrift für Jürgen Ebach von Christoph Fleischer, Werl 2010

Zu: Kerstin Schiffner, Steffen Leibold, Magdalene L. Frettlöh, Jan-Dirk Döhling, Ulrike Bail (Hg.): Fragen wider die Antworten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-08115-8, 65,00 Euro

„Wer viele Antworten hat muss noch mehr Fragen haben.“ (Elias Canetti). Dieses Zitat greifen die Autoren der Ebach-Festschrift auf und besprechen in ihren Artikeln jeweils eine von ihnen gewählte Frage. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie demnach auch wie ein Fragenkatalog. „Antworten fordern Fragen. Rezension zur Festschrift für Jürgen Ebach von Christoph Fleischer, Werl 2010“ weiterlesen

Es gibt keine christlich-soziale Zauberformel, was aber dann? Christoph Fleischer, Werl 2011

Rezension zu: Zauberformel Soziale Marktwirtschaft? Jahrbuch Sozialer Protestantismus Band 4, Hrsg. von Heinrich Bedford-Strohm, Traugott Jähnichen, Hans-Richard Reuter, Sigrid Reihs, Gerhard Wegner. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-08053-6, Preis: 29,95 Euro

Die Besprechung dieses Buches soll einmal ausnahmsweise nicht mit einem Blick auf die Hauptartikel beginnen, sondern mit der Betrachtung des Dokumentarteils, der mannigfach mit den inhaltlichen Fragen der Aufsätze und den am Ende angefügten Rezensionen verknüpft ist. „Es gibt keine christlich-soziale Zauberformel, was aber dann? Christoph Fleischer, Werl 2011“ weiterlesen

Protestantischer Neubeginn. Lektürebericht zu: Joachim Kunstmann: Rückkehr der Religion. Christoph Fleischer, Werl 2010

Der Titel des aktuellen Buches von Joachim Kunstmann „Rückkehr der Religion“ ist so zu verstehen, dass sich Kunstmann, Professor für Evangelische Theologie in Weingarten, das Christentum zurückwünscht als eine lebendige Religion, in der die Menschen der heutigen Zeit auch wirklich vorkommen. In der Orientierung an Menschen der Gegenwart sieht er seinen hier dargestellten Ansatz als konsequente Fortsetzung der liberalen Theologie. Dies zeigt sich auch darin, dass in der Frage der Bedeutung Jesu, die Botschaft des historischen Jesus im Vordergrund stehen soll.

Die ersten Kapitel widmen sich der kritischen Analyse der kirchlichen Situation. Was steht hier der Belebung der Religion im Wege? Auch wenn es manchmal nicht offensichtlich ist, sollen die Antworten nicht nur aus der Tradition heraus erfolgen, sondern als Ausdruck der Sehnsucht laut werden, die sich gegen Anpassung und Gleichgültigkeit wehrt. Der Religionsbegriff, Deutung von Erfahrung im Horizont des Unbedingten, wird auf die Frage nach heilsamen und zerstörenden Formen von Religion angewandt. Religion sollte nicht auf Moral reduziert werden, muss allerdings erfahrungsorientiert verstanden werden. Die Fehlformen von Religion sind aus Ideologisierungen heraus zu erklären. Die Gesellschaft, die sich inzwischen vom Atheismus verabschiedet hat, stellt Sinnfragen und fragt nach Religion und Kirche, tabuisiert andererseits Formen von Religion und drängt diese ins Private ab. Das sich verschlechternde Image der Kirchen tut ein Übriges. Zugehörigkeit zu einer Kirche und innere Distanz sind kein Widerspruch mehr. Die kirchliche Sprache wird nicht mehr verstanden. Das Ziel des Religionsunterrichts wird teilweise sogar unabhängig von Kirche formuliert: selbstverantwortete Religiosität. Die Kirche kommt den Erwartungen zur rituellen Lebensbegleitung allerdings entgegen. Eine Gesellschaft, die zunehmend ohne Religion auskommen will, verarmt zusehends kulturell. Persönliche Präsenz wird durch technische Erreichbarkeit ersetzt. Es ist schon nötig, die Symbolsprache der Religion gesellschaftlich nutzbar zu machen, um den aktuellen Stressfaktoren, ja der um sich greifenden Depressivität entgegenzuwirken. Kunstmann greift auf die „Kenosis“ – Argumentation Gianni Vattimos zurück und betont, dass Gott sich in den Schwachen zeigt, nicht in einer scheinbar ideologisch starken Ausrichtung.

Die Kirche kann, so Kunstmann, diese Situation als Herausforderung begreifen, wenn sie lernt, sich selbst wieder als Religion zu verstehen. Glaube ist Religion. Im Gegensatz zur dialektischen Theologie, darf Glaube in der Meinung des Autors gerade nicht auf Lehre reduziert werden. Glaube soll eine gelebte Religion sein. Immer wieder neigt Kirche, sei es als katholischer Absolutismus, sei es als evangelischer Biblizismus, zu Rechtgläubigkeit, die ideologische Züge hat. Es ist bezeichnend, dass die Kirchen in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ausschließlich als ethische Instanzen gefragt sind. Die Rolle der Erfahrung im Bild der Mystik, sollte wiedergewonnen werden, indem Menschen neu lernen, Gott im eigenen Herzen zu sehen. Immer wieder wird an den Erfahrungsaspekt der Religion erinnert. Dem kirchlichen Alltag ist ein hohes Engagement für die Menschen nicht abzusprechen. Gottesdienste und Messen allerdings glänzen durch geistlose Routine und trostlose Leere. Die Reaktionen der Konfirmandinnen und Konfirmanden, durchaus repräsentativ für deren Eltern, finden kein Gehör. In der Predigt dominiert die kirchliche Symbolik. Die Zuhörer finden sich dort nicht wieder. Entsprechend dieser disparaten Angebote steht der Pfarrerstand vor dem Burn-out und findet immer weniger zu geistlicher Professionalität. Gemeinde, oft ein geschlossener Zirkel, wirkt wie ein Familienbetrieb. Die geistliche Mitte geht verloren und wird durch pure Geschäftigkeit ersetzt. Trotz aller kirchlicher Schwäche wird die freie Religiosität nicht geschätzt. Es wird nicht beachtet, dass sich die populäre Form der Kirchenreligion auf das Kirchenjahr bezieht. Das moderne Autonomiebewusstsein der Menschen wird in der Kirche schlicht ignoriert. Die Individualisierung wird beklagt, anstelle sie zu schätzen. Die Anfrage der Esoterik und ihrer Popularität werden schlicht ignoriert. Joachim Kunstmann übt Kritik am Impulspapier der EKD. Die kirchliche Abwertung privater Bedürfnisse ist fatal.

Ausgehend von der Theologie hat in der Kirche die Tendenz zur rationalen Durchdringung des Glaubens den auf Vertrauen beruhenden Glaubensbegriff Jesu verdrängt. Die Folge ist eine Ideologisierung, zumal die kirchlichen Dogmen aus moderner Sicht fragwürdig sind. So wurde aus der Verkündigung des Evangeliums eine Art Rechtgläubigkeit, unabhängig von konfessioneller Einbindung. Kunstmann zeigt, dass das Jesusbild der Evangelien einer starren dogmatischen Fixierung widerspricht. Doch hier ist schon die urkirchlich dogmatische Entwicklung am Werk. Die Botschaft wird durch Hoheitstitel ersetzt. Jesus wurde mit Hilfe philosophischer Begriffe vergottet. Erst die Mystik steuerte hier dagegen und entdeckte die Nachfolge. Das Christentum scheint sich auf einen weitgehend unbekannten Religionsstifter zu berufen. Der geglaubte Christus verdrängte den menschlichen Jesus. Die Neuentdeckung Jesu wird sogar durch den Philosophen Gianni Vattimo gefordert und zwar unter Verzicht auf glaubensmäßig ideologische Überhöhung. Der Autor Joachim Kunstmann meint, Jesus habe keine Kirche gegründet. Dennoch entsteht schon bald diese Institution als Ort des Heils. Später wurde sogar der Krieg unter bestimmten Umständen durch das Christentum gerechtfertigt (Augustin). Die Kirche wurde eine Staatsreligion. Die Heilsmittel der Kirche wurden zum Machtmittel. Abweichende Positionen wurden verketzert. Die Kirche verstand sich lange Zeit antimodern. Andererseits lässt sich schon vom Neuen Testament eine Vielzahl von Glaubensformen beobachten. In der Kirche wurde die Lehre zu einer ideologischen Machtstruktur, die der Vorstellung von Vielfalt widerspricht. Kunstmann macht allerdings deutlich, dass die Entwicklung des Glaubens zu einer Lehre schon in der Zeit des Neuen Testaments eintritt, indem die Urkirche den Geist der Antike aufnahm. An die Stelle der religiösen Erfahrung trat die Bedeutung der Glaubenswahrheit. Schon im Römerbrief wird die Auferstehung Jesu als seine Einsetzung als Sohn Gottes bezeichnet (Röm. 1,4). Abweichungen der Lehre wurden als Häresien bekämpft. Die Abstraktionen der Lehre gehen an die Grenze der Unverständlichkeit, was am Beispiel der Zwei-Naturen-Lehre zu zeigen ist. Selbst für den Protestantismus hat kirchliche Lehre den Status der Objektivität. Auch die moderne historisch-kritische Exegese führte eher von der praktizierten Religion weg. Auf die kirchliche Objektivierung folgte zwangsläufig die wissenschaftliche Entleerung. Schon Kierkegaard stellte fest, dass man das Christentum vernichtet, indem man es verteidigt. Wahrheit heute sollte Perspektive und Suche bedeuten, nicht die Behauptung von Wahrheit. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels geht es um die existenziellen Konsequenzen der beschriebenen Entwicklung. Wird der Glaube als Norm verstanden, als auferlegte Pflicht, dann führen Unsicherheiten oder Zweifel zu Schuldgefühlen. Der Zweifel bekommt den Anstrich von Schwäche. Die eigene Sündhaftigkeit wird zur Voraussetzung des wie auch immer gearteten Heilsempfangs. War damit das Christentum der Wegbereiter der Angst? Wer Menschen die Autonomie nimmt, so meint Kunstmann, der nehme ihnen die Freiheit der Glaubensentscheidung, was folgenschwer ist. Die frühkirchliche Entscheidung der Verwerfung des Pelagianismus sei zurückzunehmen: Glaube ist Vollzug! Doch die Frühgeschichte der Kirche ging andere Bahnen. So förderte Augustin die Weltflucht, indem er nur Gott und die Seele kennen wollte: Glück nur in Gott, im Menschen dagegen die Sünde. Daraus folgen die Leistungsreligion und der Kadavergehorsam. Die Existenz der Christen zeigt sich als Kampf gegen sich selbst. Der Weg in die Zwangsneurose ist frei! Die Kirche sicherte sich darüber die Kontrolle. Manches erinnerte an die Entscheidungen des jungen Luther, die jedoch auch in der evangelischen Kirche ungehört verhallten, da auch Luther am Augustinismus festhielt.

Während der erste Teil hauptsächlich der Kritik geschuldet ist, geht es nun darum, die Erneuerung der Religion selbst konkreter zu beschreiben. Eine neubelebte Deutungskultur und die lebbare Religion sollen zusammen kommen. Das ist (wie oft) durch eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Christentums möglich. Schon Paul Tillich bezeichnete das Christentum als neue Wirklichkeit. Die Kirche sollte eine neue Reformation erleben. Dies geschieht selbstverständlich zuerst durch die Orientierung an Jesus von Nazareth und dessen Botschaft. Nur der konkrete Jesus, keine abstrakte Idee, wird dabei im Vordergrund stehen. Jesus verkündigte eine Religion für die Menschen, keine Sakralität. Kurz gesagt: Das Christentum ist die „Gegenhypothese zur Selbstperfektionierung“. Jesus von Nazareth geht es um das konkrete Leben, nicht um eine Abstraktion. Gott ist im Leben und in der Realität. Gott wird zum Menschen, wo die Menschen zum Christen werden. Jesus war Jude, aber weitete die jüdische Religion aus. Jesu Botschaft gilt Ausgestoßenen. Er predigt das Reich Gottes in der Gegenwart. Glaube heißt nicht „Glauben-an“, sondern „Sich-verlassen-auf“! Die Liebe ist die Realität des Lebens. Jesus greift die prophetische Tradition auf und dichtete sie um. Seine Gleichnisse sind Impulse für eine neue Sichtweise. Seine Botschaft ist nicht glatt, sondern enthält Provokationen: wie z. B. Bruch mit dem Elternhaus oder das Durchbrechen der Moral. Sein Gottesbild hat weibliche Züge. Das Rechtsdenken wird überwunden. Wertschätzung wird über Grenzen hinweg möglich. Leben geht über Moral. Jesus kritisiert die Religion, wenn sie nicht auf Vertrauen, sondern auf Angst beruht. Vom Priestertum hält er nichts. Der liebende Lebensvollzug ersetzt das Opfer. Ausgehend von der Person Jesu wird im nächsten Abschnitt das Thema Heilung in den Vordergrund gestellt. Aktuell bringen psychotherapeutische Erkenntnisse das Thema Heilung zurück in die christliche Religion. Damit steht nicht mehr die Befreiung aus der Schuld in der Mitte, sondern die Überwindung innerer Leere. Gewinnen von Freiheit, Veränderungen und Überwindung von Ängsten lassen sich erfahren, wenn Gott als „Grund allen Lebensbeziehungen“ verstanden wird. Heilung ist nicht einfach, da sie die Distanz zum Gewohnten immer mit bedingt. Die Verantwortung für das eigene Leben steht an erster Stelle und wird nicht religiös ersetzt. Konkrete Schritte der Heilung werden vom Autor Joachim Kunstmann benannt. Dazu gehört der Wille zur Heilung, Anerkennung der Realität, der Weg in die Dunkelheit, und die Erfahrung des Angenommen-Werdens. Therapie und Heilung gleichen sich. Heilung heißt christlich verstanden: Verzicht auf die Sorge, Beginn des Vertrauens und Eigenverantwortung. Diese Gedanken zur Heilung finden sich ebenfalls in den Heilungstexten der Evangelien. Der letzte Abschnitt konfrontiert Jesus erneut mit der Gegenwart. Da Religion zu Erstarrung und Bewahrung tendiert, findet sich Jesus als Gegner der Religion wieder. Jesus wird als religionskritisch und reformatorisch angesehen. Heute wird die Lehre der Kirche wieder in einer Lexikontheologie präsentiert, vergleichbar einer kirchlichen Inventarliste. Landeskirchenämter und gar der Vatikan scheinen für Innovationen nicht geschaffen zu sein, wie sie von Jesus angestoßen werden, meint der Autor feststellen zu müssen. Immer hat die Tradition einen höheren Wert als das Neue. Heute erstickt die Tradition den Geist. Mit Steffensky wird Kirche als Hüter eines „verspäteten Bewusstseins“ bezeichnet. Das Dogma der Kirche funktioniert fundamentalistisch. Obwohl der Umgang mit der Moderne inzwischen beginnt, ist eine Einstellung zur Postmoderne kaum vorhanden. Die Kirche polarisiert zwischen religionsfremden Distanzierten und dem Pietismus. Die rationalen Fragen nach Wunder, Schöpfung, Jungfrauengeburt usw. bleiben unbeantwortet.

Im nächsten Kapitel werden die notwendigen Wandlungen stärker ins Auge gefasst. Die Grundaussage über den Glauben ist, dass Glaube nicht mehr als Meinung oder Überzeugung aufgefasst werden soll, sondern als Haltung, die Vertrauen beinhaltet. In der Religion gibt es keinen Zwang. Diese Aussage des Islam gilt erst recht für die Kirche. Nicht der Mensch hat einen Weg zu Gott zu gehen, sondern die Erfahrung Gottes wird vermittelt und bedacht. Der Religionsbegriff wird auch theologisch neu definiert, indem nicht nach richtig und falsch gefragt wird. Die Frage nach der religiösen Gerechtigkeit wird als solche nicht mehr gestellt. Es geht nicht darum, ob der Glaube recht hat, sondern wie tief er ist. Die Frage ist, ob diese Postulate realistisch sind, und ob man wirklich davon absehen kann, dass Glaube auch Weltanschauung ist und ob die ideologische Seite der Religion wirklich so einfach ignoriert werden kann. Die Grundaussage des ganzen Buches findet sich nun im Anschluss an Jörns, aber deutlich darüber hinaus im folgenden Abschnitt, der die Notwendigkeit von Abschieden thematisiert: „Das Christentum muss sich als Religion verstehen lernen, nicht als inhaltlich bestimmter Glaube… Abschied zu nehmen ist also von der Idee einer verbürgten und zu glaubenden objektiven Wahrheit.“ (S. 226). Der Begriff der Objektivität würde kirchliche Monopolansprüche suggerieren, die obsolet sind. Der Glaube ist überhaupt nichts Objektives: Das Heilige ist nicht da, sondern die Religion verweist darauf. Hier ist das Umdenken zu registrieren, das im Christentum längst begonnen hat. Religiöse Wahrheit ist symbolisch und darf nicht auf Ideologien fixiert werden. Dem entsprechen folgende Ziele: Das Ziel der Theologie besteht darin, eine Hermeneutik der Religion zu entwickeln. Das Ziel des Glaubens ist, Religion nicht als Lehre, sondern als Erfahrung zu verstehen. Das Ziel von Kirche ist die Anleitung zu einer religiösen Lebenspraxis. Das Ziel des Denkweges ist der Abschied von metaphysischen Bildern und deren phantasievolle Umdeutung. Dies wird an den drei Themen „Gott“, „Erlösung“ und „Mensch“ exemplarisch gezeigt. Die Position zum Gottesbegriff ist, kurz gesagt, dass die Wirklichkeit keinen Theismus mehr zulässt. Der Religionskritik ist weitestgehend zuzustimmen, da sie zu Recht auf die Widersprüche des christlichen Theismus hingewiesen hat. Positiv heißt das, dass die Trinitätslehre als Symbol zu betrachten ist. Die Theodizee offenbart nicht die Ungerechtigkeit des Leidens, sondern die Unmöglichkeit, kausal von Gott zu sprechen. Was bleibt ist der Ansatz der Mystik, in allen Dingen Gott zu sehen. Mit Gianni Vattimo beobachtet auch Joachim Kunstmann die „progressive Auflösung aller naturalistischen Heiligkeit“. Gott ist allein im Leben zu sehen und tritt dafür ein, Leben zu bewahren. Das Stichwort „Erlösung“ zeigt ein weiteres Mal, wie die Auflösung der metaphysischen Gottesbegriffe vor sich geht. Schon die juristischen Implikationen weisen auf die Problematik der christlichen Erlösungslehre hin. Konsequent bis zum Gottesbild ausgezogen, landet man nur bei problematischen Sätzen. Vor allen der Tod Jesu ist neu zu deuten. Real gedacht lässt sich der Tod Jesu doch auch sehr naheliegend interpretieren: Jesus ist dem Tod nicht ausgewichen, weil er keine Alternative sah. Sein Leiden war aber nicht sein Scheitern. Das Kreuz ist ein Symbol des Todes, der nun nicht ausgeblendet ist, sondern als Realität anerkannt wird, die aber keine Herrschaft ausübt. Dieses Kapitel ist eines der stärksten des ganzen Buches, da hier durchaus unter Abwehr der Opfertheorie eine traditionell schon vorhandene Deutung des Todes Jesu wieder erneuert wird, wie in einigen Gesangbuchliedern ausgedrückt wird. Konsequent wird nun auch der Begriff der Sünde einer Generalrevision unterzogen, nicht zuletzt weil er im Gegensatz zum modernen Selbstverständnis steht. Auch hier gelingt im Wiederlesen biblischer Texte eine Interpretation, die die klischeehafte theologische Tradition zugunsten einer realen Sichtweise des Menschen hinter sich lässt.

Das letzte Kapitel dient dem Resümee. Es geht Joachim Kunstmann darum, den Glauben von seiner Wahrheitsfixierung zu lösen und nach Gestaltungsformen zu fragen, die einerseits eindeutig sind und dazu wandelbar. Dazu gehört auch die Kommunikation, religiöse Bildung und eine nachvollziehbare Spiritualität. Es geht ihm um die Formen einer heute nachvollziehbaren Religion. Die Öffnung des Christentums gegenüber der Kultur der Gegenwart ist ihm selbstverständliche Voraussetzung. Dazu bedarf es erneut der Frage nach einer religiösen Kompetenz. Doch ist diese wirklich lehrbar oder bildet sie sich aus Anschauung und Erfahrung? Das Evangelium wird dazu als religiöses Ereignis dargestellt. Die Kultur und die Sakralräume sollen Orte der Religion sein. Kirche ist ein Raum zur Stille und zur Begegnung mit dem Heiligen. Kirchenschließungen sollten so lange es geht, verhindert werden. Die kirchliche Kultur ist ein Inszenierungsgeschehen, die Begegnung mit dem Heiligen. Sie ist zugleich ein Medium zur Selbstfindung. Der Gottesdienst wird als symbolische Kommunikation verstanden: Reinigung, Bewusstmachung, Beruhigung, Zuspruch und symbolische Angebote von Kraft und Lebensmut. Inszenierung und Kommunikation treten in eine Verbindung. Das Symbolische versteht sich von selbst und wird nicht erklärt. Lange Gebete und liturgische Sprache können als störend empfunden werden. Gut ist immer wieder die Stille. Kultus führt zur Präsenz, aber darf nicht anstrengend sein. Die Kirche bietet eine Religion für den Menschen. Sie stellt keine Bedingungen auf dem Weg zu Gott. Erneuert werden soll das religiöse Gespräch, der Austausch. Die Predigt ist im Gottesdienst der Ort des Gesprächs über religiöse Erfahrungen. Weiterhin ist zu fragen, wie das religiöse Gespräch in der Bildung vorkommt. Bildung bedeutet Entfaltung. Die Religion ist das Gewahr-Werden des geschenkten Lebens. Religion soll zur Lebensdeutung führen. Die Zeit der Gegenwart wird ebenfalls gedeutet. Das Mittel der Deutung ist die religiöse Tradition. Dabei wird die religiöse Vielfalt akzeptiert. Die Suche nach dem Leben wird von der Sehnsucht nach dem Wesentlichen her beschrieben. Dabei ist Religion auch Kritik z. B. am Konsumismus der Gegenwart. Um zum Wesentlichen zu finden, bedarf es auch der Askese. Gott braucht ein ruhiges Herz und Gelassenheit. Das ist das Ziel des Rechtfertigungsgedankens, der nun neu ausgesprochen wird. Das Christentum sollte weniger als gelehrte, denn als gelebte Religion auftreten. Der Mensch soll sich als jemand verstehen, der bei Gott ist, nicht als Gott fern. „Gott ist kein Objekt.“ Die Beziehung zur Welt wird als „Sinn“ erfahren und ist fundamental für die eigene Liebe zum Leben.

Diese lange Rezension ist eher eine Einführung. Es ist klar, dass vom Autor nicht jeder Schritt auf dem Weg in die Zukunft von vorherein festgelegt sein kann. Manches ist vielleicht auch noch etwas unklar. Aber gerade durch die sehr deutliche Kritik sind die Wege letztlich vorgezeichnet. Dass es dann so geht, macht Hoffnung für eine christliche, protestantische und vielleicht auch ökumenische Zukunft.

(Anmerkung: Die kurzen Zitate sind aus dem rezensierten Buch entnommen. Auf die Angabe der Seitenzahl wurde verzichtet, um eigener Lektüre nicht vorzugreifen.)

Mehr Moral? Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2010

zu: Franz M. Wuketis: Wie viel Moral verträgt der Mensch? Eine Provokation. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-06754-4, Preis: 17,99 Euro

Angesichts der gerade jetzt nach der Finanzkrise aufkommenden Rufe nach mehr Moral ist das Buch von Franz M. Wuketis geradezu wohltuend gegen den Zeitgeist geschrieben. Sicherlich wird im Lauf der Lektüre deutlich, dass weniger Moral nicht weniger Gerechtigkeit oder Fairness bedeutet. Eher im Gegenteil. Auch mit dem Wunsch nach Fairness verbindet sich dieser Ansatz durchaus, nur nicht über einen ideologischen Anspruch an Moral, sondern über eine ehrliche Eischätzung der menschlichen Lebensformen.

Das Verdienst des Autors besteht darin, die Ergebnisse seiner biologischen Arbeit (Wissenschaftstheoretische Probleme der modernen Biologie, 1978/ Grundriss der Evolutionstheorie, 1989/ Evolution, Erkenntnis, Ethik,. Folgerungen aus der modernen Biologie, 1984) in ethischer und populärphilosophischer Weise zum Tragen zu bringen und mit aktuellen Fragen zu verbinden (Warum uns das Böse fasziniert. Die Natur des Bösen und die Illusionen der Moral, 1999/ Bioethik, eine kritische Einführung, 2006/ Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion, 2007/ Evolution ohne Fortschritt. Aufstieg oder Niedergang in Natur und Gesellschaft, 2009).

Der philosophische Ansatz von Franz M. Wuketis geht hier zurück auf das grundlegende Werk von Friedrich Nietzsche über die „Genealogie der Moral“ und greift dessen Moralkritik auf, stellt diese aber hinein in einen aktuellen Kontext. Der wissenschaftliche Standpunkt von Wuketis basiert auf Ergebnissen der Verhaltensforschung, die er in grandioser publizistischer Aktivität für die Bildungsdiskussion produktiv macht. Wuketis tritt entschieden ein für einen, wie er es nennt, moralischen Individualismus, der die Bedürfnisse des einzelnen Menschen anthropologisch würdigt. Die Religion kommt insofern kritisch ins Spiel, als dass eine religiöse Vorstellung, die elementare Lebensrechte der Einzelnen unberücksichtigt lässt, ihre Wünsche in die wie auch immer geartete Ewigkeit projizieren muss. Die Beispiele aus der Tierwelt beziehen sich immer nur auf bestimmte Verhaltensweisen und stellen nur Vergleiche dar. So ist der Löwe das Tier, dass zum Nahrungserwerb ständig auf Jagd ist, aber, da er ohne äußere Feinde lebt, dann, wenn er seinen Hunger gestillt hat einfach still in der Sonne liegt und döst, während der Mensch auch danach seine Jagd fortsetzt, wenn er eigentlich „satt“ sein müsste bzw. nicht satt wird.

Realistisch ist die Darstellung insofern, als dass Wuketis die menschlichen Verhaltensweisen keinesfalls idealisiert. Er kritisiert Moralsysteme lediglich, weil sie die Bedürfnisse der Individuen unterdrücken und dadurch zu einer Doppelmoral führen. Dies zeigt er an einigen aktuellen Theman auf. Die Befürworter der aktiven Sterbehilfe beispielsweise vertreten das individuelle Recht der Menschen auf ihr eigenes Leben und Sterben, nicht aber das Recht, über das Leben anderer Menschen verfügen zu dürfen oder zu sollen, z. B. weil man ihr Leben etwa für nicht lebenswert hielte, was im Nationalsozialismus unter „Euthanasie“ verstanden wurde. Man mag zur Serbehilfe stehen wie man will, systematischer Massenmord wie bei den Nazis ist es jedenfalls nicht. Auch in der Diskussion um die Freigabe von Rauschgift zeigt er auf, dass die Zahl der Opfer der Rauschgiftkriege die Zahl der sog. Drogentoten um Einiges übersteigt. Der Ansatzpunkt für eine grundlegend nicht-moralische Anthropologie steht nicht im Gegensatz zu biblischen Traditionen, trägt aber erneut dazu bei, einen ideologisierten Ansatz als metaphysisch zu entlarven. Insofern ist dieses Buch über die fragwürdigen Folgen von Moral geeignet, die Diskussion über unmoralisches Verhalten in der Wirtschaft zu versachlichen. Es geht davon aus, dass ökonomische Strukturen und Gesetzmäßigkeiten nicht durch moralische Impulse geändert werden können, sondern durch Umlenken und Umsteuern im System selbst. Korruption ist beispielsweise nicht nur deshalb zu bekämpfen, weil sie mit unmoralischen Handlungen einhergeht, sondern weil sie eine massive Schädigung einzelner Ökonomien bedeutet. Die Argumentation gegen Moral ist kein Votum für Rechtlosigkeit, eher im Gegenteil. Nicht moralische Appelle, sondern klare Vorgaben und Strukturen sind gegen die beklagten Folgen der Globalisierung angebracht.

Sicherlich liegt hier kein religiöses Buch vor, und aus theologischer Sicht wäre hier auch zu ergänzen, dass die Verkündigung Jesu einen antimoralischen Zug hat, so wie er die Stärke der Nächstenliebe an die Eigenliebe bindet. Wuketis macht allerdings zu recht deutlich, dass es schon interessant ist, wie sich die weitgehende moralische Integration nach innen mit einer Abgrenzungstendenz nach außen verbindet. Das Buch ist faktisch antimetaphysisch und zeigt, dass sich Nietzsches Gedanken in aktuelle Diskussionen hinein fortsetzen lassen. In vielen Fragestellungen ist weniger Moral demnach oft mehr.