Vom ‚Vorhof der Heiden‘ Notiz von Christoph Fleischer, Werl 2010

Trotz allem, was die katholische Kirche im Moment erschüttert, dass sie nämlich offen vor die Konsequenzen ihrer jahrelangen Vertuschungspolitik gestellt wird, lese ist gerade im Rundschreiben das Vatikans eine interessante Notiz:

Vatikan: eine Stiftung für den Dialog zwischen der Kirche und den Nichtgläubigen:

http://www.zenit.org/article-19921?l=german

In diesem Abschnitt wird der Dialog des Vatikans mit Organisationen von Nicht-Gläubigen und Atheisten in Aussicht gestellt. Dies halte ich für eine großartige Geste. Als Gründungsort dieser Stiftung wird Paris in Aussicht gestellt. Es geht darum, wahrzunehmen, dass die Positionen der Gottsucher und Atheisten auch von einer bestimmten für sie eignen Spiritualität geprägt sind. Erzbischof Gianfranco Ravasi, der Präsident des päpstlichen Rates für die Kultur, stellte diese Idee mit folgenden Worten vor: Absicht des Vatikans sei es, „den Raum der Spiritualität der Gottlosen zu studieren und die Thematiken der Beziehung zwischen Religion Gesellschaft, Frieden und Natur zu entwickeln. … Mit dieser Initiative möchten wir allen helfen, aus einer verkümmerten Konzeption des Glaubens herauszukommen und zum Verständnis zu kommen, dass die Theologie von wissenschaftlicher Würde mit einem epistemologischen Status ist.“

Diese Ankündigung bezieht sich auf eine Rede des Papstes am 21.12.2009, in der aus der Konsequenz seines Besuches in Paris 2008 sich auf die Frage des Gottsuchens bezog:

„Als ersten Schritt von Evangelisierung müssen wir versuchen, diese Suche wachzuhalten; uns darum mühen, dass der Mensch die Gottesfrage als wesentliche Frage seiner Existenz nicht beiseite schiebt. Dass er die Frage und die Sehnsucht annimmt, die darin sich verbirgt. Hier fällt mir das Wort ein, das Jesus aus dem Propheten Jesaja zitiert hat: dass der Tempel von Jerusalem ein Gebetshaus für alle Völker sein solle (Jes 56,7; Mk 11,17). Er dachte dabei an den sogenannten Vorhof der Heiden, den er von äußeren Geschäftigkeiten räumte, damit der Freiraum da sei für die Völker, die hier zu dem einen Gott beten wollen, auch wenn sie dem Geheimnis nicht zugehören konnten, dem das Innere des Tempels diente. Gebetsraum für alle Völker – dabei war an Menschen gedacht, die Gott sozusagen nur von ferne kennen; die mit ihren Göttern, Riten und Mythen unzufrieden sind; die das Reine und Große ersehnen, auch wenn Gott für sie der »unbekannte Gott« bleibt (Apg 17,23). Sie sollten zum unbekannten Gott beten können und damit doch mit dem wirklichen Gott in Verbindung sein, wenn auch in vielerlei Dunkelheit. Ich denke, so eine Art »Vorhof der Heiden« müsse die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient. Zum Dialog der Religionen muß heute vor allem auch das Gespräch mit denen hinzutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchten.“

Quelle:http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2009/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20091221_curia-auguri_ge.html

Die Interpretation der symbolischen Tempelreinigung Jesu bezieht sich darauf, dass der damalige Vorhof der Heiden, der zu einem Marktplatz geworden war, wieder zu seiner ursprünglich gedachten Funktion würde, einem Versammlungs – und Gebetsplatz der Angehörigen aller Völker, die hier zusammenkamen um zu beten, ohne dass sie den inneren Bereich des Tempel hätten betreten dürfen. Die Verbindung dieser Aktion mit der Tempelreinigung Jesu als ein Akt der Befreiung von den Gesetzen des Marktes halte ich für sehr gut und weiterführend. Der Papst allerdings hält hier an der Analogie Kirche und Tempel fest, die das Bild seiner Rhetorik hier bestimmt. Die Interpretation der Tempelreinigung Jesu müsste aber dann auch bedeuten, dass Jesus gerade diesen Vorhof des Tempel zur Begegnungsstätte des neuen Gottesvolkes gemacht hat, ein Volk aus allen Völkern, ein Volk derjenigen, die vor den Anhänger der alten Religion als Ungläubige dastehen! Es ist daher gut, dass der Erzbischof Ravasi im Gegensatz zum Papst den Dialog mit Agnostikern und Atheisten nicht in einen Zusammenhang mit Evangelisierung oder Mission stellen will, sondern in den Zusammenhang mit Dialog.

Der Vorhof der Heiden wird zur Versammlungsstätte der Kirche Jesu. Das hatte Jesus beabsichtigt und das ist Pfingsten Wirklichkeit geworden. Die Kirche, nicht nur die katholische, wird sich fragen lassen müssen, ob sie dieser Öffnung auch zustimmt, oder ob sie weiterhin meint, sie wäre im exklusiven Besitz der Wahrheit. Die Initiative, den Vorhof der Heiden in der Nachfolge Jesu wiederzuentdecken, ist eine gute Anregung!

Abschied von der Utopie. Christoph Fleischer, Werl 2010

Zitate aus einem Interview mit dem englischen Philosophen John Gray theologisch gelesen.

Im Zentrum dieses Denkens steht die Kritik des Humanismus:

John Gray: „ Mir geht es darum, die menschliche Beschränkung aufzuzeigen und anzuerkennen. Der Mensch hat keinen Anspruch auf eine gottähnliche Sonderstellung in der Natur. Deshalb plädiere ich für eine Abkehr von unserer Selbstüberhöhung, vom Anthropozentrismus, als könnten wir immer und überall die Herren unseres Schicksals sein. Wir Menschen können die Welt dien retten, doch das ist kein Grund, zu verzweifeln. Wenn sie so wollen, drehe ich die berühmte elfte These von Marx zu Feuerbach um: Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, sondern darum, sie richtig zu sehen.“

Es ist klar, dass die Bibel beides verkündigt, einerseits ist sie eine der stärksten Quellen der zentralen Stellung des Menschen als „Bild Gottes“ und als „Verwalter der Erde“ im Auftrag des Schöpfers. Andererseits ist der Mensch allgemein und auch die konkreten Machthaber auch der eigenen Color stets auf den Grundwiderspruch hinzuweisen, der den unendlichen Unterschied zu Gott selbst betont. Der Mensch darf sich also nicht selbst vergöttlichen und wo er dies tut, verstößt er gegen das erste Gebot. Die hauptaussage des ersten Gebots ist heute nicht mehr die des unbedingten Gehorsams einem göttlichen Herrscher gegenüber, sondern, in Anerkenntnis seiner Barmherzigkeit, der Erkenntnis dessen, dass Humanismus, also die Vergöttlichung der menschlichen Gattung in die Irre führt. Der Fortschrittsglaube ist die Erfindung der menschlichen Hybris:

John Gray: „Das westliche Denken hat so etwas wie einen säkularen Monotheismus entwickelt. Die Idee des Fortschritts in der Geschichte ist der ins Säkulare gewendete Glaube an die Vorsehung. Im Judaismus, im Christentum hat die Menschheitsgeschichte einen Sinn, weil sie auf das Heil zustrebt. Aber dieser Sinn ist von Gott gegeben, wir können ihn nicht erkennen. Deshalb sollten wir demütig bleiben; es wäre geradezu gotteslästerlich, wollten wir den Anspruch erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln und herbeizuführen. .. Ich behaupte, dass die Grundüberzeugung der Humanisen, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, ein Aberglaube ist. Insofern ist der echte religiöse Glaube ein nützlicher Damm gegen die menschliche Hybris.“

Mit dem Begriff Humanismus ist also nicht die Idee der zwischenmenschlichen Barmherzigkeit gemeint, sondern die Vorstellung, dass die menschliche Rasse die Krone der Schöpfung sei. Im Fortschrittsglauben entdeckt John Gray daher eine Gestalt menschlicher Religion. Wer hier destruiert muss gleichzeitig vor der Wunderkraft der Moral resignieren und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse relativieren.

John Gray: „Ich glaube durchaus an universelle Werte, aber nicht an ihre Durchsetzung um jeden Preis. Wenn sie das Unmögliche zu erreichen versuchen, schaffen sie neues und oft genug noch schrecklicheres Böses. Deshalb widersetze ich mich ganz entschieden der Vorstellung, internationale Beziehungen zwischen Staaten als Bühne für die Verbreitung weitreichender Ideale zu benutzen – schon gar nicht als bewaffnete Mission.“

An praktischen Beispielen des sogenannten Fortschritts durch politische Aktionen und der Erfahrung, dass sie oft genug ins Gegenteil umschlagen, wird deutlich, wie wenig glaubwürdig der sogenannten Einsatz für das Gute ist. Die realistische Einschätzung der politischen Verhältnisse führt zur Aufhebung jedes Dogmatismus.

John Gray: „Was gewonnen wird, kann in einem Lidschlag der Geschichte wieder verloren gehen. In einem Lidschlag! Die irakischen Frauen waren unter dem Regime von Saddam Hussein freier, als sie es heute sind. Der Sowjetkommunismus war eine Art Industriesklavensystem, nicht nur im Gulag. Und wie leicht Folter wieder tragbar werden kann, haben wir in Guantanamo und in Abu Ghuraib gesehen. Ganz zu schweigen von den Menschenrechten in China, die von westlichen Gesprächspartnern mit Engelszungen angemahnt werden. Dabei ist China heute, verglichen mit dem Maoismus, eine aufgeklärte, ja wohlwollende Diktatur.“

Die Ursache für diese Verhaltensweisen und ihre Konsequenzen im geselschafltichen handeln der Menschen liegt im Wesen des Menschen selbst verborgen. Dazu führt John Gray als Zeuge den Psychoanalytiker Sigmund Freud heran.

John Gray: „Für mich war der größte Denker der Aufklärung im 20. Jahrhundert Sigmund Freud. Er sah in der Zivilisation eine Art Schutzmaßnahme des Menschen gegen sich selbst. Denn der Mensch ist nicht nur Eros, sondern auch Thanatos – mit seiner Neigung zu Aggression, Grausamkeit und Zerstörung. Deshalb ist jeder Fortschritt zweischneidig. Die Mehrung des Wissens erhöht die Macht des Menschen, zum Guten wie zum Bösen, über die Natur wie über andere Menschen. Der Homo sapiens ist und bleibt immer auch ein Homo rapiens, ein Räuber mit ungeheurer destruktiver Kraft, der die Welt in den Untergang führen kann.“

Und dann bestätigt er ausdrücklich den Mythos vom Sündenfall, der nun nicht seinerseits zu einer negativen Anthropologie führen darf, sondern nur zu einer Verweigerung gegenüber jeder menschlichen Selbstverherrlichung auch der Religiösen. Der Mensch ist Kind Gottes, aber in Gemeinschaft aller Geschöpfe.

John Gray: „Wissen macht uns nicht frei. Ja, das ist eine unstatthafte, schwer erträgliche Wahrheit. Seit Sokrates beruht das westliche Denken auf der Annahme, dass die Erkenntnis des Wahren unweigerlich zum Guten führt. Die Genesis der Bibel, der Mythos vom Sündenfall, sagt etwas anderes. Die Unschuld ist verloren, sie lässt sich nicht wiedergewinnen. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber wir bleiben zu jeder Torheit und zu jeder Bosheit imstande. … Der Nihilismus… verliert seinen Schrecken, wenn wir uns von der Zwangsvorstellung lösen, das menschliche Leben müsse vor dem Sturz in den Abgrund der Sinnlosigkeit bewahrt werden. Ein gelungenes oder erfülltes Leben beruht nicht auf der Kapazität, einen Beitrag zur Weltverbesserung zu leisten. Die Gewissheit, dass es kein Heil gibt, ist selbst das Heil, so hat es der Schriftsteller E. M. Cioran formuliert. Das Leben hat keine Bedeutung, die über es selbst hinausweist. … Für die Moralphilosophen ist die Kontingenz, die Zufälligkeit der menschlichen Existenz ein permanenter Skandal. Aber im Grunde ahnen wir, dass uns nichts gegen Schicksal und Zufall verlässlich schützen kann. … Jedenfalls kann das Leben nicht im Versuch bestehen, irgendein Ideal zu verwirklichen. Wir müssen erkennen – und uns damit abfinden -, wie unfrei wir in Wirklichkeit sind. Da selbstbestimmte Leben ist ein moderner Fetisch. Wer die Welt durch Willenskraft verändern will, kommt dem Terrorismus im Namen der Vernunft oder des Guten gefährlich nahe, wie die Jakobiner während der Französischen Revolution oder die Bolschewiken und Lenin, Trotzki und Stalin gezeigt haben.“

Die Folge besteht nicht darin, auf den Gedanken des Sinns ganz zu verzichten, sondern darin, die Zufälligkeit aller Ereignisse einzubeziehen. Der freie Wille, den es nur im Hinblick auf die Gestaltung des Alltags gibt, ist keine Entscheidung zwischen Gut und Böse. Damit wird Luthers Entscheidung gegen den freien Willen faktisch bestätigt! Fall Religionen „Illusionen“ wie es die Humanisten sagen, dann sind sie vielleicht „notwendige Illusionen“. Sie dürfen aber nicht dazu dienen, die faktische Unfreiheit des Menschen, die Unfähigkeit eine Moral zu verwirklichen durch die Hintertür wieder einzuführen. Gott darf keine Chiffre der menschlichen Selbstrechtfertigung sein. Gott darf auch keine Chiffre der „Erlösung“ sein, obwohl das die Religion der Bibel ja zumeist verkündigt, weil aus die der Erlösung schnell eine Ideologie der menschlichen Selbsterlösung wird und Mission in Unterwerfung umschlägt. Gott ist uns nahe und bleibt uns immer fremd.

Quelle: Wochenzeitschrift Der Spiegel, Nr. 9/2010 vom 01.03.2010

Bücher von John Gray: „Von Menschen und anderen Tieren: Abschied vom Humanismus“. Klett-Cotta 2010 und „Politik der Apokalypse: Wie Religion die Welt in die Krise stürzt“. Klett-Cotta 2009

Gibt es einen Widerspruch zwischen Bibel und Naturwissenschaft? Christoph Fleischer, Werl 2010

Psalm 90 (Einheitsübersetzung) und eine mathematische Berechnung

Der ewige Gott – der vergängliche Mensch

1 [Ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes.]Herr, du warst unsere Zuflucht / von Geschlecht zu Geschlecht.

2 Ehe die Berge geboren wurden, / die Erde entstand und das Weltall, / bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

– Welche Fragen eröffnet diese Aussage? Der Anfang des göttlichen lebens wird hier vor der Entstehung der Erde angesetzt. Die Ewigkeit Gottes beginnt vor der Zeit der Erde. Die Beobachtung, dass sich das Alter der Erde am sichersten nach dem Aller des Bergesteins berechnen lässt, scheint hier schon angedacht. Außerdem gibt es hier eine Analogie, eine Entsprechung zwischen der Abfolge des menschlichen Lebens, das auf Geschlecht zu Geschlecht folgt zu der Existenz Gottes, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wichtig ist allerdings: Ich sehe hier keine Seinslehre (Ontologie), sondern schlicht eine Symbolik, die aber mit Inhalt gefüllt wird. Auch ein Symbol muss realistisch und nachvollziehbar sein.

3 Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub / und sprichst: «Kommt wieder, ihr Menschen!»

4 Denn tausend Jahre sind für dich / wie der Tag, der gestern vergangen ist, / wie eine Wache in der Nacht.

– Während das Leben der Menschen sterblich ist, da sie ja bekanntlich zu dem Staub zurückkehren (von Erde bist du genommen…), ist Gottes Zeit die Ewigkeit. Gott ist wenn schon vielleicht nicht unsterblich, dann wenigstens immer da. Eine erneute Analogie lässt uns nun in die Welt der Zahlen einsteigen: Für Gott sind tausend (menschliche) Jahre wie ein Tag. Tausend Jahre sind ein Tag der Ewigkeit. Ein Tag der Ewigkeit ist also so lang wie 365000 Tage. Aber wie lang ist die Ewigkeit denn nun wirklich, denn auch sie ist ja kaum nur ein Tag lang. Hier biete sich wiederum die Analogie Mensch Gott an.

5 Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus; / sie gleichen dem sprossenden Gras.

6 Am Morgen grünt es und blüht, / am Abend wird es geschnitten und welkt.

7 Denn wir vergehen durch deinen Zorn, / werden vernichtet durch deinen Grimm.

8 Du hast unsre Sünden vor dich hingestellt, / unsere geheime Schuld in das Licht deines Angesichts.

9 Denn all unsre Tage gehn hin unter deinem Zorn, / wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer.

10 Unser Leben währt siebzig Jahre, / und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, / rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.

– Das menschliche Leben dauert also siebzig bis achtzig Jahre. Das ist so etwa die menschliche Lebenserwartung. Kommen wir zurück zur oben genannten Analogie. Die Ewigkeit ist die Lebenszeit Gottes. Da vor Gott tausend menschliche Jahre wie ein Tag sind, ist die Ewigkeit Gottes größer als 80 mal 365 Tage mal 365000. Welche Zahl ist das uns was könnte damit gemeint sein?

11 Wer kennt die Gewalt deines Zornes / und fürchtet sich vor deinem Grimm?

12 Unsre Tage zu zählen, lehre uns! / Dann gewinnen wir ein weises Herz.

– Gottes Ewigkeit ist hat schon vor Beginn der Schöpfung begonnen und wird die Erde überleben, zumindest mathematisch gedacht. Es geht bei dieser Berechnung also nicht um eine bestimmte Zahl, sondern nur um eine symbolische Zahl, ein größer als. Da am Anfang auf das Alter der Erde Bezug nimmt, könnte die berechnete Zahl das geschätzte Alter der Erde von Anfang bis Ende meinen. Es sind bei der Vergleichsgröße 70 insgesamt 9325750000 Jahre. Das ist mehr als das doppelt des Erdalters von Anfang bis heute. Diese Zahl steckt indierekt

13 Herr, wende dich uns doch endlich zu! / Hab Mitleid mit deinen Knechten!

14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! / Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.

15 Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, / so viele Jahre, wie wir Unglück erlitten.

16 Zeig deinen Knechten deine Taten / und ihren Kindern deine erhabene Macht!

17 Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes. Lass das Werk unsrer Hände gedeihen, ja, lass gedeihen das Werk unsrer Hände!

Zusammenfassung dieser Überlegungen: Die Frage ist, in welchem Sinn mathematische Beobachtungen an diesen Text herangetragen werden können. Vordergründig kommen Zahlen nur zweimal vor: Die Bemerkung darüber, dass ein menschliches Leben gewöhnlich 70 Jahre dauert und, wenn es hoch kommt, achtzig. Gegenüber den utopischen Lebensdaten in der Urgeschichte schlicht realistische Zahlen, die auch heute noch als durchschnittliche Lebenserwartung funktionieren.

Die zweite Erwähnung einer Zahl ist eher eine Gleichung bzw. eine Proportion: für Gott sind tausend (menschliche) Jahr wie ein Tag. Aus der Zusammenschau von Zahl (Alter) und Gleichung (1000 Jahre = 1 Tag) lassen sich weitere Schlussfolgerungen ziehen. Die Gleichung lässt sich zuerst auflösen Gott ist ein Tag wir 365000 menschliche Tag. Doch wohin mit dieser Zahl?

Welche Frage, d.h. welche Aufgabe könnte denn der Text enthalten, wozu diese Zahl brauchbar wäre? Wird nicht mit Vers 1 und Vers 2 indirekt die Frage danach erörtert, wie lang die Ewigkeit ist. Antwort 1: Die Ewigkeit ist auf jeden Fall länger als das Alter der Welt. Gottes Leben währte bereits vor der Entstehung der Erde und wird, das ist damit ja auch unausgesprochen gemeint, das Alter der Erde überdauern. Hier ist also eine größer als Funktion vorhanden: Alter Gottes > Alter der Erde.

Die vorhandenen Zahlen deuten daher auf das Alter der Erde insgesamt. Dazu nehme ich das Lebensalter der Menschen und setze dies in Proportion zur Zeit Gottes (des Schöpfers). Die dann entstandene Zahl für Tage wird sodann 1:1 in Jahre übersetzt:

365000x70x365 = 9325750000 Jahre ist hier das Alter der Erde von Anfang bis Ende.

Das Alter der Erde bis heute, die einzig realistisch messbare Zahl wird anhand von Gesteinsproben berechnet („Ehe denn die Berge wurden“ (V.1) und beträgt 4,5 Milliarden Jahre. (Quelle: http://www.waschke.de/twaschke/artikel/alter/alter_1.htm). Der von der Bibel für die gesamte Lebenszeit der Erde errechnete Wert ist also mehr als doppelt so groß. Damit stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, eine solche Berechnung hier anzustellen. Klar ist: Diese Berechnung hat keinen anderen Sinn als die Verdeutlichung eines Symbols, der Ewigkeit Gottes. Das Denken an die Ewigkeit Gottes muss eine unvorstellbar große Zahl enthalten, die auf jeden Fall auch das fiktive Alter der Erde übersteigt. Dass diese Zahl mehr als doppelt so groß ist wie das heute aus Gesteinsproben errechnete Erdalter halte ich für konsequent. Diese Berechnung ist aber auf jeden Fall genauer und dem Text angemessener als die Berechnung der Kreationisten, die das #Alter der Erde aufgrund eines kleinlichen Biblizismus auf 10.00 Jahre ansetzen. (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Junge-Erde-Kreationismus). Die Berechnung der Zahlen, die wir vorgenommen haben ist nicht an naturwissenschaftlichen Fakten orientiert, sondern allein an den Zahlen, Gleichungen und Relationen, die der Text anbietet. An dieser Stelle sind Glaube und Naturwissenschaft nicht im Widerspruch!

Martin Luther über den schwachen Glauben, hrsg. von Christoph Fleischer, Werl 2009

Martin Luther, 1531, in einer Predigt über Matthäus 8, 23-27 (Luther Deutsch, Bd. 8, S. 97ff):

Das zweite Stück ist von der rechten Art des Glaubens, wenn er in seinem rechten Werk und Kampf steht.
Es ist ein gering Ding, wenn man das Wort „Glauben“ hört; gleichwie unsere Widersacher unser lachen und spotten, wenn sie uns vom Glauben predigen hören. O, sagen sie, was ist Glauben? Dagegen aber halten sie viel vom freien Willen. Ich wollte ihnen aber wünschen, dass sie mit den Jüngern im Schiff gewesen wären und versucht hätten, was der freie Wille in solchen Ängsten und Nöten vermöchte.
Die Apostel haben´s hier fein gelernt, und der freie Wille hat hier schändlich bestanden. Es sei der Glaube bei ihnen so schwach und so gering gewesen, wie er wolle: wo dennoch ein solcher schwacher, geringer Glaube nicht gewesen wäre, so hätten sie des freien Willens halber verzweifeln müssen und wäre in den Abgrund des Meeres gesunken. Aber weil ein kleiner Glaube da ist, wie Christus selbst bezeugt, da er sagt: „Ihr Kleingläubigen!“ so haben sie eine Zuflucht, dass sie nicht ganz verzagen, und laufen zu Christus, wecken ihn auf und begehren seiner Hilfe.
So nun die, welche den Glauben haben, wie schwach und gering er auch sei, in Nöten nicht aushalten können und die Apostel nicht bestehen, wenn es um die letzten Atemzüge geht: was sollte denn ein freier Wille und menschliche Vernunft tun? Ich bekenne und sage auch, dass du einen freien Willen habest, die Kühe zu melken und ein Haus zu bauen, aber nicht weiter. Wenn du in Sicherheit und Freiheit sitzt, ohne Gefahr bist und in keinen Nöten steckst, lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Not gekommen ist und es weder zu essen noch zu trinken gibt, weder Vorrat noch Geld: wo bleibt hier dein freier Wille? Er verliert sich und kann nicht bestehen, wenn es darauf ankommt. Der Glaube aber steht und sucht Christus.
Deshalb ist der Glaube eine ganz andere Sache als der freie Wille. Ja, der freie Wille ist nichts und der Glaube ist alles, der freie Wille ist ein ohnmächtiges Ding, der Glaube aber ist´s ganz und gar nicht. Das sieht man hier fein an den Jüngern, welche in Gefahr sind. Da ist Trost, Freude und alles dahin. Das heißt auf gut Deutsch: Der Mensch vermag doch gar nichts, die Kraft aber ist Gottes. Was nun die Jünger versucht haben, das wird ein jeglicher zu seiner Zeit auch erfahren. Versuche es, so du keck bist, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pest, Krieg, Hungersnot kommt. Zur Pestzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da denkst du: Ach, Herrgott, wäre ich da oder da, könntest du dich hundert Meilen Wege davon wünschen, so fehlte es am Willen nicht. In Hungersnot denkst du: Wo soll ich zu essen hernehmen? Das sind die großen Taten, die unser freier Wille ausrichtet, dass er das Herz nicht tröstet, sondern je länger je mehr verzagt macht, dass es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.
Aber im Vergleich dazu ist der Glaube die Herrin und Kaiserin. Wenn er auch klein und schwach ist, so steht er dennoch und lässt sich nicht ganz zu Tode schrecken. Er hat wohl große Dinge vor sich, wie man hier an den Jüngern sieht. Wellen, Wind, Meer treiben hier alle miteinander zum Tode zu, das Schifflein ist ganz mit Wellen bedeckt. Wer sollte in solcher Not und tödlicher Gefahr nicht erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, er hält doch wie eine Mauer und stellt sich wie der kleine David wider Goliat, das heißt Sünde, Tod und alle Gefährlichkeit. Besonders streitet er aber ritterlich, wenn´s ein starker, vollkommener Glaube ist; ein schwacher Glaube kämpft auch gut, ist aber nicht so mutig.
Die Jünger im Schiff haben einen schwachen Glauben. Dennoch suchen sie Hilfe da, wo sie zu suchen ist, nämlich bei dem Herrn Jesus Christus, wecken ihn auf, schreien ihn an: „Herr, hilf uns, wir verderben.“ Der Herr nennt sie kleingläubig. Er bekennt damit, dass sie einen Glauben haben, aber es sei ein kleiner, schwacher Glaube. Denn wo sie gar keinen Glauben gehabt hätten, würden sie Christus in der Not nicht aufgeweckt haben. Dass sie ihn aber aufwecken, das ist ein Stück des Glaubens. Denn niemand kann Gott anrufen, besonders in der Not, er habe denn den Glauben. Ob nun in den Jüngern schon nur ein Fünklein des Glaubens ist, leuchtet er dennoch hervor und ergreift die Person, welche auch dem Tode gebieten kann. Denn dass sie rufen: „Herr, hilf!“ das sind des Glaubens Worte. Wo der Glaube stark gewesen wäre, würden sie sich vor dem Wind und Meer nicht entsetzt sondern gedacht haben: Wir wollen vor dem Wind und Meer wohl bestehen bleiben, gleichwie Jonas mitten im Meer, ja, in des Walfisches Bauch erhalten geblieben ist. Denn wir haben den Herrn des Meeres bei uns, und dieser unser Herr kann uns helfen und uns erretten, nicht allein über dem Meer, sondern auch in und unter dem Meer.
Darum ists eine große Gnade Gottes, wenn wir auch einen schwachen Glauben haben, dass wir nicht unter dem Haufen derer sind, die an Gottes Hilfe verzweifeln. Der freie Wille sieht allein auf das Gegenwärtige, der Glaube aber sieht auf das Künftige. Er hat wohl das Gegenteil allen Trostes, allen Heils und aller Freude vor sich, er sieht des Todes Zähne und der Hölle Rachen, dennoch ermannt er sich und hält sich an den Trost, es könne ihm noch geholfen werden, gleichwie hier die Jünger sich an des Herr Hilfe und Trost halten. Es ist beides zusammen, das „Wir verderben“ und „Herr, hilf!“. Aber das „Herr, hilf!“ gewinnt endlich und behält den Sieg.
Das ist des Glaubens Kunst, von welcher sich jedermann dünken lässt, er könne sie sehr wohl. Wer sie aber recht kann und erfahren hat, dem will in der Not alles zu enge werden. Umgekehr sind die, welche sich dünken lassen, sie haben einen starken Glauben, wohl kühne, freche, stolze Geister, solange das Meer stille und das Wetter schön ist. Wenns aber mit ihnen Dreck regnen und übel zugehen will, das fällt Mut, Trost und alles hinweg, und sie wollen schlechthin verzeifeln. Das ist der herrliche freie Wille.

Martin Luther in einer Predigt „Von dem Kämpfe Jakobs“ veröffentlicht in: Martin Luther in einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl, 2. Theil, Hamburg bei Friedrich Perthes Hamburg 1827, S. 140ff:

Die Anfechtung aber der Verzweiflung, die da pfleget mitunter zu lauffen, machet den Schmerzen und des Schrecken des Fleisches immer größer; nemlich, wenn ein solch betrübt Hertze klaget, dass es von Gott verlassen und verworfen sei. Das ist die letzte und auch die allerschwerste Anfechtung des Unglaubens und der Verzweiflung, damit die allergrössesten Heiligen pflegen versuchet zu werden. Und wer daselbst bestehen und beharren kann, der kommt zur vollkommenen Erkenntnis des Willens Gottes, dass er mit Jacob sagen kann: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen.“ Ich meynete nicht, dass es unser Herr Gott so gut mit mir meynete, aber ehe wir dahin kommen, wird es uns sauer. Darum ist nun die Lehre in dieser Historie offenbar und klar, nemlich, von den Anfechtungen der grössesten Heiligen, die mit grosser Süssigkeit schmecken, wie freundlich der Herr sey, Psalm 34,9. Ob nun wohl jedermann diesen schweren Kampf nicht fassen oder verstehen kann, so sind doch solche Leute deswegen nicht zu verwerfen.
Wiewol nun dieser Kampf nicht verstanden oder ertragen werden kann, denn allein von den Heiligen: so muß man doch diese Lehre und Trost haben, uns damit zu stärcken, dass wir vom Teufel nicht verschlungen werden; wiewol Gott getreu ist, der uns nicht lässet versuchen über unser Vermögen, 1. Korinther 10, 13. Denn das lehret uns dieses Exempel Jacobs, der zu diesem Kampf sehr schwach war, und wird doch gleichwohl nicht überwunden. Es hält sich aber Gott gegen ihn also, dass er es nicht erkennen kann, dass Gott der Kämpfer sey; er meynet, es sey ein Engelchen. Aber es ist Gott, der sich vernehmen lässet, dass er sein Widersacher sey, gleich als wollte er ihn töten, der Verheißung und des Segens berauben, und denselbigen seinem Bruder Esau geben. Und niemand kann mit Worten erreichen, was er werde für Gedanken gehabt haben. Aber solche Gedancken werden ihm ohne Zweifel eingefallen seyn: Was bin ich denn für ein armer, elender Mensch? Bin ich denn nur allein darzu geschaffen, dass ich immer Unglück haben soll? Muss ich denn allein immer ein Unglück über das andere haben und damit also geplaget werden, dass ich nimmer zur Ruhe kommen kann? Ist deoch kein elenderer Mensch auf Erden, denn ich bin. Ich sehe, dass mein Bruder Esau herrscht, triumphiret, zunimmt und groß wird mit grosser Herrlichkeit, mit grossem Gut, mit Kindern, KindesKindern und mit grossem Einkommen. Wie, wenn unser Herr Gott wäre anderes Raths geworden, mich verworfen, meinen Bruder aber zu Gnaden genommen hätte?
Dieses sind Jacobs Gedanken gewesen; es sind aber doch allein Gedanken geblieben. Denn derselbigen kann sich die Natur und der schwache Glaube nicht enthalten, gleichwie sie auch anderer Affecten und Bewegungen der Ungeduld, des Zornes und böser Lust nicht leichtlich ablegen kann. Aber man lasse es nur Gedanken bleiben, dass es keine gewisse Sprüche werden, die endlich schliessen und bestätiget werden durch unser Urtheil und Gewissen. Ich kann mich dessen nicht erwehren, dass mein Herz nicht sollte mit wunderlichen Gedanken und Anfechungen bekümmert und geplaget werden.

„Stärk‘ in mir den schwachen Glauben!“. Ein theologischer Traktat zur Ortsbestimmung kirchlichen Handelns. Christoph Fleischer Werl 2008

Die Notwendigkeit der Rede von Gott – Notiz zum Begriff des Glaubens bei Ludwig Wittgenstein, Christoph Fleischer, Werl 2009

Ludwig Wittgenstein schreibt in der Wiener Ausgabe des „The Big Typescript“ (Band 11 der Wiener Ausgabe, Springer Verlag Wien 2000, hier: Zweitausendeins. S. 264-268: „Abschnitt 84 Glauben. Gründe des Glaubens.“

Wittgenstein geht wie gewöhnlich vom umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes „Glauben“ aus und untersucht diesen auf logische Konsequenzen hin. Damit macht er in unterschiedlicher Hinsicht deutlich, was mit dem Wort „Glauben“ sprachlich gemeint ist.
Unter Glauben wird im Allgemeinen verstanden, dass jemand aufgrund seiner eigenen Erfahrung handelt, dass er sozusagen aus der Erinnerung Schlüsse zieht. Voraussetzung ist die sog. Introspection:
„Introspection nennt man einen Prozess des Aufrufens von Erinnerungen, das Vorstellen möglicher Situationen und der Gefühle, die man hätte, etc.. Introspection nennt man einen Prozeß/Vorgang/ des Schauens im Gegensatz zum Sehen.“ (Wittgenstein lässt hier manchmal mehrere Formulierungsmöglichkeiten nebeneinander gelten und trennt diese durch einen Querstrich.)
Er nennt dies auch konstruieren: „Man konstruiert hier nach dem Schema: „Woher weißt du, dass jemand im anderen Zimmer ist?“ – „Ich habe ihn drinnen singen gehört.““
Er versucht sich an einem anderen Beispiel, nämlich der Zahnschmerzen, wobei dies m. E: nicht einleuchtet, sondern zu einer Tautologie führt: „Ist, dass ich Zahnschmerzen habe ein Grund zur Annahme, dass ich Zahnschmerzen habe?“
Immerhin weist er damit hin, dass er einen Grund geben müssen, um zu glauben, beispielsweise dafür, sich an einer heißen Herdplatte zu verbrennen.
„Was für einen Grund habe ich, anzunehmen, dass mein Finger, wenn er den Tisch berühren, einen Widerstand spüren wird? Was für einen Grund, zu glauben, dass dieser Bleistift sich nicht schmerzlos durch meine Hand stecken lässt? Wenn ich dies frage, melden sich hundert Gründe, die einander gar nicht zu Wort kommen lassen wollen.“
Dass eben dieser Gedanke zugleich die Erfahrung von Wirklichkeit einschließt, zeigt gleich der nächste Satz: „Glaube ich, dass wenn ich auf eine Türe zugehe, ausdrücklich, dass sie sich öffnen lassen wird, – dass dahinter ein Zimmer und nicht ein Abgrund sein wird, etc.? Setzen wir statt des Glaubens den Ausdruck des Glaubens.“
Dies wird nun verallgemeinert: „Was heißt es, etwas aus einem bestimmten Grunde glauben? Entspricht es, wenn wir statt des Glaubens des Ausdruck des Glaubens setzen, dem, dass Einer/man/ den Grund sagt, ehe er/man/ das Begründete sagt?“
Der Glaube wird nun also damit in Verbindung gebracht, dass er im Zusammenhend mit Erfahrungen gebracht wird, den Gründen für den Glauben. Diese Gründe stammen aus Beobachtungen wie ein erneute Bespiel einer Schmerzerfahrung verdeutlicht.
Zusammenfassend nun: „Man möchte sagen: Wir schließen nur dann aus der früheren Erfahrung auf die zukünftige, wenn wir die Vorgänge verstehen (im Besitz der richtigen Hypothese sind). Wenn wir den richtigen, tatsächlichen Mechanismus zwischen den beiden beobachteten Rädern annehmen. Aber denken wir doch nur: Was ist denn das/unser/ Kriterium dafür, dass unser Annahme die richtige ist? – Das Bild und die Daten überzeugen uns und führen uns nicht wieder weiter – zu anderen Gründen.“
Hier wird wieder mal deutlich, dass Wittgenstein streng logisch argumentiert. Eine konsequente Fortführung der Beobachtungen würde einen anderen Begriff als den des Glaubens nach sich ziehen. Der Glaube tritt also dann zutage, wenn eine andere Möglichkeit der Begründung ausscheidet. Damit ist ganz deutlich, dass zum Begriff des Glaubens eine andere Wirklichkeitsdeutung führt, als zur anderen Form von Deutung, etwa eines Beweises oder eine Schlusses. Um dies deutlich zu markieren sagt er etwas weiter unten: „Denn wohlgemerkt: Gründe sind hier nicht Sätze, aus denen das Geglaubte folgt.“
Etwas zu glauben geschieht nicht aufgrund einer bewiesenen Tatsache, sondern einer Annahme: „Wenn man nun fragt, wie kann aber eine frühere Erfahrung ein Grund zur Annahme sein, es werde später das und das eintreffen, – so ist die Antwort: welchen allgemeinen Begriff vom Grund zu solch einer Annahme habe wir denn? Diese Art Angabe über die Vergangenheit nennen wir eben Grund zur Annahme, es werde eben das in Zukunft geschehen. – Und wenn man sich wundert, dass wir ein solches Sprachspiel/Spiel/ spielen, dann berufe ich mich auf die Wirkung einer vergangenen Erfahrung (dass ein gebranntes Kind das Feuer fürchtet).“
Ich verstehe dies nun im wissenschaftlichen Zusammenhang so, dass es auch Verfahren gibt, die vorläufig nicht mit einem Beweis abgeschlossen werden können, die aber aufgrund bestimmter Erfahrungen die Vermutung nahelegen, es könne zu einem Beweis kommen. So dass sich die Fortsetzung etwa einer Versuchsreihe auch ohne endgültige Beweise nahelegt. Für den Bereich der Religion, auf die Wittgenstein hier nicht zu sprechen kommt, ist dann nahezulegen, dass sich der Weg des Beweises per definitionem ausschließt, sodass der Vorgang des Glaubens ausreicht, von dieser Erfahrung der Wirklichkeit zu reden, die ganz wie oben beschrieben, sich aus Annahmen herleitet, die Erfahrungen von Wirklichkeit sind, da sie subjektive bezeugt werden können. Um einen Grund zur Annahme etwa der Wirklichkeit Gottes zu haben ist nicht ein Beweis notwendig, sondern die Bezeugung anderer, dass diese Dimension von Wirklichkeit subjektiv erfahrbar ist. Es ist keine andere Wirklichkeit, sondern es ist eine unbeweisbare Gestalt derselben Wirklichkeit. Diese Gestalt beruht auf der Prämisse dessen, dass eine Dimension der Wirklichkeit darin besteht, dass sie schlechthin unbeweisbar ist.
Folgerichtig schreibt Wittgenstein: „Aber eben nicht, als ob man sagen könnte/wir sagen wollen/: Für´s Glauben genügt eben weniger, als für das Wissen, – Denn hier handelt es sich nicht um eine Annäherung an das logische Folgen.“
Der Grund, der für das Glauben ausreicht ist im Folgenden als ein „guter Grund“ benannt. Die Beispiele sind allesamt aus dem Bereich der menschlichen Umgangsweise, aus der Erfahrung. Die Ebene der Nichtbeweisbarkeit, also der reinen Möglichkeit im Hinblick auf eine Wahrscheinlichkeit ist aus der Erfahrung genommen, die aufgrund des Begriffes des Glaubens offensichtlich sogar notwendigerweise ohne einen Beweis auskommen muss, da sich sonst eine andere logische Konsequenz daraus entwickeln würde.
Zum Schluss endet die Argumentation Wittgenstein sogar in einem logischen Beweis für die notwendige Unbeweisbarkeit der Erfahrungswelt, die einem Glauben zugrundeliegt. Sie macht aber zugleich deutlich, dass der Umgang mit einem Begriff des Glaubens immer eine wenig nach der Möglichkeit der Beweisbarkeit fragt, weil dies eben der entsprechende Umgang mit Erfahrung wäre, im Falle des Glaubens aber eben ausdrücklich nicht ist. „Wenn man sagt „die Furcht ist begründet“, so ist nicht wieder begründet, dass wir das als guten Grund zur Furcht ansehen. Oder vielmehr: es kann hier nicht wieder von einer Begründung die Rede sein. Wenn der Grund, etwas zu glauben, eine erfahrungsmäßige Beziehung wäre, so müsste man weiter fragen „und warum ist das ein Grund gerade für diesen Glauben“. Und so ginge es weiter.“
Wittgenstein, der genauso Mathematiker wie Philosoph war, orientiert sich am Umgang mit Sprache und wählt Beispiele aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, um darin auf Logik und auf das Denken hinzuweisen. Es geht in diesem Abschnitt ausdrücklich nicht um Religion, sondern um den Begriff des Glaubens allgemein in sprachlicher Hinsicht. Wittgenstein ist um des allgemeinen Verständnisses von Sprache um sprachliche Klarheit bemüht.
Diese Argumentation Wittgensteins ist hilfreich für den Umgang mit der Welt der Religion und dem Begriff des Glaubens. Sie zeigt: Glauben und Beweisbarkeit müssen sich gegenseitig ausschließen, sind aber einander verwandt. Es gibt Gründe für den Glauben aus dem Umgang mit vergangener Erfahrung, die zu einer Annahme führen, die auf das Verhalten eines Menschen einwirken kann. Sobald der Begriff des Glaubens von der diesem Vorgang innewohnende Unschärfe abweicht und eine Form der logischen Vergewisserung einführt, wird er unklar und dem Beweis gegenüber nicht mehr abgrenzbar. Wer etwa meint, die Wirklichkeit Gottes beweisen zu wollen, ist schon rein sprachlich auf dem Weg des Irrtums. Allerdings zeigt dieser logische Weg umgekehrt sogar die Notwendigkeit der Rede von Gott auf, als einer Dimension die unbeweisbar ist, sich darum aber trotzdem in Erfahrung, im Denken, Reden und Handeln der Menschen niederschlägt. Der Beweis der Notwendigkeit der Rede von Gott ist aber kein Beweis der Existenz Gottes. Er zeigt lediglich auf, wie der Vorgang des Transzendierens sprachlich funktioniert, was dann an Beispielen der religiösen Tradition und Sprachwelt zu verdeutlichen ist. Das ist Aufgabe der Theologie.