Predigt über Markus 2,23-28, Die Liebe zu Gott fragt nach dem Gebot der Stunde, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Predigt Markus 2,23-28:  Die Liebe zu Gott fragt nach dem Gebot der Stunde

Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis, Oktober 2020

Das Ährenraufen am Sabbat

23Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Liebe Gemeinde 

in seinem Roman „Narziß und Goldmund“ lässt Hermann Hesse zwei grundverschiedene Charaktere aufeinanderprallen (Suhrkamp Taschenbuch 1975, Erstausgabe 1931). Auf der einen Seite den asketischen Narziß, der Gottes Gebote befolgt und ein Leben des Geistes und der Andacht, der frommen und strengen Selbstbeschauung führt, um Gott zu dienen, und auf der anderen Seite Goldmund, der ein sinnliches, künstlerisches Leben scheinbar fernab von Gott führt. In einem Gespräch sagt Narziß zu seinem Schüler Goldmund: „Die Liebe zu Gott – und Narziß sagt diese Worte nachdenklich und langsam – die Liebe zu Gott ist nicht immer eins mit der Liebe zum Guten. Ach, wenn es so einfach wäre! Was gut ist, wissen wir, es steht in den Geboten. Aber Gott ist nicht nur in den Geboten, sie sind nur der kleinste Teil von ihm. Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit weg von Gott sein.“ (Seite 37)

Am Ende des Romans zieht Narziß Bilanz über sein Leben und gerät in große Zweifel, ob er ein gottgemäßes und das heißt seinem Wesen entsprechendes Leben geführt hat. Denn gewiß, „vom Kloster aus, von der Vernunft und Moral aus gesehen, war sein Leben besser (als das sinnliche Leben Goldmunds, d.V.), es war richtiger, steter, geordneter und vorbildlicher, es war ein Leben der Ordnung und des strengen Dienstes, ein dauerndes Opfer, ein immer neues Streben nach Klarheit und Gerechtigkeit. … Aber von oben aus gesehen, von Gott aus gesehen – war da wirklich die Ordnung und Zucht eines exemplarischen Lebens, der Verzicht auf Welt und Sinnenglück, das Fernbleiben von Schmutz und Blut, die Zurückgezogenheit in Philosophie und Andacht besser als das Leben Goldmunds? War der Mensch wirklich dazu geschaffen, ein geregeltes Leben zu führen? … War er nicht von Gott geschaffen mit Sinnen und Trieben, mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur Lust und Verzweiflung?“ (Seite 305 – 306).

Liebe Gemeinde,

es ist kein Leichtes gegen religiöse Ordnungen, aber auch gegen Gesetze und Regelungen, die Gott die Ehre geben wollen oder ganz schlicht den Menschen dienen wollen, zu verstoßen. Wer das macht, steht außerhalb der gültigen Gesetze, er oder sie steht außerhalb der menschlichen Gemeinschaft, die mit Gesetzen, Verordnungen und Regelungen einen Halt geben wollen, eine Sicherheit, gerade in Zeiten der Unsicherheit und eines drohenden Chaos. Wer ausschert, wird denunziert, bestraft, bestenfalls mit Unverständnis und Kopfschütteln bedacht: ihm und ihr wird Leichtsinn und Verrücktheit vorgeworfen. Das ist in unseren Tagen nicht anders als zur Zeit Jesu.

Nun geht es Jesus nicht darum, einfach religiöse Regeln zu brechen, als er ganz in sich ruhend im Streitgespräch mit den Pharisäern von der Selbstverständlichkeit spricht, dass die menschlichen Bedürfnisse über dem Sabbatgebot stehen. Den Hunger zu stillen, steht über dem religiösen Gebot, den Sabbat zu heiligen, denn der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Jesu Freiheit gegenüber den Geboten ist kein Selbstzweck oder eine Form von Selbstverwirklichung, keine Anarchie, sondern ganz an den bedürftigen Menschen gebunden. Dass Jesus sich diese Freiheit genommen hat, hat ihm Ablehnung, Verruf und schließlich den Tod gebracht. Jesus fragt nicht nach einem ewig gültigen (religiösen) Gesetz, sondern er fragt danach, was das Gebot der Stunde ist, wie sich Gottes Liebe im Augenblick zeigt und vollzieht.

Liebe Gemeinde,

mir geht das Gespräch letzter Woche mit einer älteren Dame durch den Kopf. Seit Frühjahr ist ihr ein Kontakt nach dem anderen weggebrochen. Sie hält sich streng an die Corona-Regeln, geht kaum nach draußen, wagt kein Gespräch mehr auf offener Straße, geht nur schnell zum Einkaufen in den nächsten Laden. Selbst ein Spaziergang im Wald ist ihr unheimlich, da sie ja nicht weiß, ob ihr jemand joggend begegnet und sie ihn oder umgekehrt sich selbst gefährden könnte. In ihrer kleinen Einzimmerwohnung lebt sie zurückgezogen und verkümmert mehr und mehr. Das Ansteigen der Infektionszahlen macht ihr große Angst, die dunkle Jahreszeit auch. Ihre Einsamkeit treibt sie zur Verzweiflung. Ihre Seele leidet Pein. Sie weiß, sie ist nicht die Einzige, anderen geht es noch schlechter als ihr, aber ist das ein Trost?

Ich glaube, Jesus hätte die Frau aufgesucht und in den Arm genommen. Sie hätte gespürt, ich bin ein Mensch, ein Kind Gottes.

Ich denke an Franziskus, von dem erzählt wird, dass er seinen Ekel überwand und einen von der Pest gezeichneten Fremden küsste und ihn mit „Bruder“ ansprach.

Ich denke an den Seelsorger, von dem erzählt wird, dass er im Frühjahr vor Gericht geklagt hat, ein Pflegeheim besuchen zu dürfen, um ein sterbendes Gemeindeglied zu begleiten.

Wir Menschen sind nicht für ein einsam, abgeschiedenes klösterliches Leben geschaffen. Wir brauchen Berührung, Gespräch und Gemeinschaftserfahrung. Die seelische Belastung durch Corona-Regeln ist groß geworden und kehrt jetzt mit Macht wieder. Kinder warnen ihre Eltern davor unter Menschen zu gehen. Sie sollen möglichst jeden Kontakt vermeiden. Immer mehr ältere Menschen sind eingeschüchtert. Die Informationsflut bedrängt alle Seelen. Viele News auf unseren Smartphones liefern eine Hiobsbotschaft nach der anderen und vernebeln unseren Geist. Manchmal kommt es mir vor, als würde unser eigenes Denken und Urteilen in diesen Zeiten für schlecht angesehen. Jedes Handeln, jeder Schritt wird moralisch in richtig oder verwerflich eingeteilt. Die vielen Schattierungen, die das Leben hat, werden nicht mehr erfasst und gewürdigt.

Ich weiß, wir haben als Gesellschaft seit dem Lockdown im Frühjahr dazu gelernt. Es hat mich gefreut am Freitag in der Zeitung zu lesen, dass in Deutschland einheitliche Regeln für Besuche in Alten- und Pflegeheimen erarbeitet werden sollen. Der Fehler, die Schutzbedürftigen gänzlich zu isolieren, soll nicht noch einmal wiederholt werden. Auch Schutzbedürftige – ja gerade sie – brauchen persönliche Nähe und Kontakt zu ihren Angehörigen. Die Abwägung ist nicht einfach und fordert von allen ein feines Fingerspitzengefühl.

Wenn ich das Evangelium höre, frage ich mich, was das Gebot der Stunde ist. Sicherlich lässt sich das nicht für alle gleich beantworten, und jede und jeder muss sich selbst fragen, was zu tun oder zu lassen ist.

In dem erwähnten Gespräch habe ich die ältere Dame nicht umarmt. Sie hat aber immer wieder meinen Hund Kalle gestreichelt. Als hätte Kalle gespürt, dass es ihr gut tut, dass sie ihn streichelt, ist er immer wieder zu ihr gegangen. Als sie sich verabschiedet hat, sagte sie: „Es tat gut zu sprechen, das Beste aber war, Kalle zu streicheln.“

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir in diesen Zeiten nicht ständig in die moralische Falle tappen, einander zu verurteilen, sondern wirklich nach den Bedürfnissen der Menschen fragen. Alte Menschen haben Bedürfnisse, junge auch. Wir alle.

Wie können sie gestillt werden?

Die scheinbar nebensächliche Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat ist für das Verständnis der Biographie Jesu und ein Leben im Geiste Jesu von Bedeutung, da sie ein für alle Mal klar macht: Die Liebe zu Gott zeigt sich in der Liebe zum Menschen: Diese Liebe ist größer als jedes Gebot – auch als jede Corona-Regel.

Wir können das Leben nicht bis in alle Einzelheiten regeln. Es gibt keine absolute Sicherheit. Nicht die Gesundheit ist unser Gott, sondern Gott, der uns gesund erhält und uns auch in Krankheit beisteht. Das befreit uns nicht von sinnvollen Regeln und Handeln, schenkt uns aber Freiheit unsere Nächsten höher zu stellenals (religiöse) Gebote.

Das ist keine billige Freiheit, sondern eine teure, da wir mit unserem Leben dafür einstehen müssen. Hermann Hesse hat den Grundkonflikt von Gebot und Gehorsam und von Gebot und Freiheit in „Narziß und Goldmund“ skizziert.

Jesus, der Menschensohn, ist Herr über den Sabbat. Das Evangelium erinnert uns daran zu fragen: Was ist das Gebot der Stunde? Lassen wir uns von der Angst leiten oder von der Liebe?

Mögen wir stark sein, selbstverantwortlich handeln, Mut haben und auf Gottes Geist hören.

Amen

 

Intelligente öffentliche Verdummung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Michael Blume: Verschwörungsmythen, Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können.

Patmos im Schwabenverlag, Ostfildern 2020, broschiert, 160 Seiten, ISBN: 978-3-8436-1286-9, Preis: 15,00 Euro

Link: https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011286.html

 

Michael Blume (* 20. Juni 1976 in Filderstadt) ist ein deutscher Religionswissenschaftler sowie Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. (Wikipedia, am 16.10.2020).

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen philosophischen Untersuchung über den Dualismus, der sich mit der Wirkung der Ideen Platons verbreitet hat. Durch sein Höhlengleichnis hat sich die Idee einer Phantasiewelt verbreitet, der eine wirkliche Welt gegenübersteht. Die Menschen befinden sich aber in der Höhle und kennen nur die Schatten der wirklichen Welt.

Daraus folgt der Dualismus mit dem besonders Kant und Nietzsche gebrochen haben, nach denen es nur eine Wirklichkeit gibt. Menschen, die sich nach der Vorgabe des Höhlengleichnisses verhalten, befinden sich sozusagen in einer gespaltenen Weltauffassung.

 

Mit dieser Einleitung macht Michael Blume die Verschwörungsmythen zu antiquierten, aber durchaus abendländisch nicht ungewöhnlichen Denkfiguren, die quasi durch den christlich-jüdischen Dualismus schon von Kindheit an eingeübt werden. Damit ist zugleich klar, dass an dieser Stelle der Dualismus der griechischen Antike und der Dualismus des Christentums und des Judentums in eins fallen

Einen breiten Raum nimmt daraufhin der Nationalsozialismus ein. Michael Blume geht darauf ein, dass unter den führenden Nationalsozilisten auffällig viele Akademiker waren und sogar mit Doktortitel, wie z. B. die Teilnehmer der Wannseekonferenz. Auf die Person des Philosophieprofessors aus Freiburg Martin Heidegger, geht er ausführlicher ein. Am Beispiel Martin Heideggers zeigt Michael Blume, dass die Menschen auch heute bis in die Kreise der Intelligenz anfällig sind für Verschwörungsmythen. Bei der Schilderung der Einstellung Heideggers zeigt er jedoch einige Lücken. So kommt mir der Einfluss der sogenannten „Protokolle der Weisen vom Zion“ etwas zu kurz. Auch auf seine Rektoratsrede von 1933 und seine eigene Auffassung von Nietzsche geht mir Michael Blume zu wenig ein. Er zeigt hingegen, dass Martin Heidegger sich schon in Briefen an seinen Bruder vor 1933 wohlwollend über Hitler geäußert hat. Es bleibt hingegen unerwähnt, dass seine Frau Elfride eine Nationalsozialistin der ersten Stunde war.

Am Ende des zweiten Kapitels prognostiziert Michael Blume die kommende Wahlniederlage von Donald Trump, die sich dem sinkenden Einfluss der Verschwörungsideologie verdankt. Enttäuscht war ich hingegen, dass Michael Blume auf die neue Verschwörungstheorie QAnon nicht eingeht, von der anscheinend auch Donald Trump beeinflusst ist.

 

Im letzten Kapitel geht Michael Blume auf die Arbeit als Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus ein. Alte antisemitische Gedanken verknüpfen sich im Netz mit der Leugnung des Holocaust. Auch Impfgegner tragen Judensterne.

In diesem Kapitel zeigt Michael Blume in einem Vier-Stufen-Modell, wie er sich die Arbeit der Überwindung des Antisemitismus in Schulen und öffentlichen Bildungseinrichtungen vorstellt.

  1. Ängste und Emotionen auf denen Verschwörungstheorien fußen, sollen benannt und überwunden werden.
  2. Ein Podcast „Verschwörungsfragen“ unterstützt die Bildungsarbeit mit einem kostenlosen Angebot.
  3. Ratsuchende sollten dringend Sektenausstiegsberatungsstellen kontaktieren.
  4. Wenn sich im Freundeskreis oder in der Familie Menschen Verschwörungstheorien anschließen, gehen Angehörige „auf Distanz“ und akzeptieren zugleich die persönlichen Entscheidungen respektvoll.

 

Für weitere Informationen sei die zuletzt genannte Homepage empfohlen: http://www.blume-religionswissenschaft.de.

Das Buch ist absolut lesenswert.

Seht aber auch mal auf die am Anfang genannte Verlagshomepage, auf der auch ein Podcast mit einem 1 1/2 Stunden langen Interview zu hören ist. Ein Hingucker ist das Cover, auf dem das Wort „Verschwörungsmythen“ mit einem Augenpaar aufgebrochen wird, so dass die Leserin und der Leser sich angesehen fühlen.

Predigt über 5. Mose 30, 14, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Denn es ist das Wort ganz nah bei dir   5. Mose 30,14

Es war ein alter Mann. Sein Körper war verbraucht. Er ahnte, dass er bald sterben würde. Seine Frau Elfriede umsorgte ihn Tag und Nacht. Auf sie konnte er sich verlassen. Sie saßen oft schweigend in den alten Sesseln. Ein runder niedriger Tisch stand vor ihnen. Darauf lag eine Decke, bestickt von seiner Frau Elfriede. Im Hintergrund war eine Nische. Dort stand ein altes Radio. Oft saßen sie da, hörten eine Sendung oder einfach nur Musik. Sie waren einander vertraut. Gustav sagte zu Elfriede: „Hol die Brüder aus der Gemeinde. Ich will noch einmal mit ihnen reden.“

Es war alles vorbereitet. Der alte Mann hatte sich mit seiner letzten Kraft und Hilfe den schönen Morgenmantel angezogen. Er war grau und hatte weinrote Streifen. Darin sah er auf seine Art vornehm aus trotz seiner Hinfälligkeit.

Es klingelte. Die zwei bekannten Brüder aus der Gemeinde traten ein. Sie legten ihre Mäntel ab und nahmen am kleinen runden Tisch Platz. Nach der kurzen Begrüßung war es eine Zeit lang still. Elfriede stand auf, holte eine Kerze, stellte sie auf den kleinen runden Tisch und entzündete sie.

Es breitete sich eine friedvolle Atmosphäre aus. Helmut, einer der Brüder, fragte Gustav, ob er eine Karte ziehen wolle. Auf den Karten standen – ähnlich wie in den Losungen – Bibelverse. Stumm zog der alte Mann eine Karte. Lesen konnte er nicht mehr. Sein Augenlicht war zu schwach. Helmut las: „Wenn du aber getreu bist bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Das Licht der Kerze flackerte. Elfriede saß versunken da und Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie schämte sich nicht.

Dann fing Gustav an leise und stockend zu sprechen: „Schon dreimal habe ich diese Krone gesehen. Es war letzte Nacht. Ich konnte nicht gut schlafen. Ich träumte schlecht und hatte Angst. Dann war da plötzlich ein Frieden.“

Alle schwiegen. Es war genug gesagt.

Als die Brüder gingen, saß Elfriede noch lange neben Gustav. In der Nacht starb ihr Mann.

Am nächsten Morgen kam der Bestatter. Sie betteten Gustav in einen Sarg und trugen den Sarg die Treppe herunter. Unten ging die Tür auf. Hier wohnte der Enkel. Er sah wie der Sarg hinausgetragen wurde. Der Sarg war offen und er konnte seinen toten Opa sehen. De Sarg war weiß ausgeschlagen. Eine weiße Decke ragte dem Toten bis zum Kinn. Das schneeweiße Haar, das bleiche Gesicht aus dem alles Leben gewichen war, erschreckte den Enkel bis ins Mark.

In seinen Träumen sah er immer wieder das blasse Gesicht seines Opas. Es machte ihm Angst.

Eines Tages nach der Schule ging der Enkel zu Oma. Sie stand in der kleinen Küche und bot ihm ein Glas Rotbäckchensaft an. Sie setzten sich an den runden Tisch.

„Oma, bist du gar nicht traurig, dass Opa gestorben ist?“

„Doch, ich bin traurig“, sagte die Oma. „Ich weine viel. Doch ich weiß, Opa ist jetzt zuhause.“

„Wo ist denn sein zuhause?“ fragte der Enkel.

„Sein zuhause ist bei Gott.“

Und dann erzählte Oma dem Jungen, was Opa halb gesehen und halb geträumt hatte. Dass er einen Bibelvers gezogen habe, darauf stand: „Du wirst die Krone des Lebens empfangen.“

„Diese Krone hat Opa dreimal gesehen.“

Das Bild mit der Krone prägte sich dem Enkel ein. Es begann das Schreckensbild des bleichen Gesichts zu überlagern.

Dann und wann kam es noch mal hervor, aber das Bild der Krone blieb.

Joachim Leberecht

 

Hinweis: Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit, Klett-Cotta 2020

Dem neuen Philosophiemagazin ist als Werbung eine Leseprobe eingeklebt. Auf 16 Seiten erhalten wir hier einen guten Einstieg in das neue Buch von Wolfram Eilenberger. Er versteht es, anschaulich und kunstvoll auf den Kontext des philosophischen Denkens und Schreibens hinzuweisen. Wenn Philosophie ein Lebensereignis ist, dann müssen wir uns den Kontext immer noch dazu denken. Der Zeitraum, um den es hier geht, ist die Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1943. Hier geht es um Jean-Paul Satre, der mit Simone de Beauvoir zusammenlebt, der ein Sachbuch über die menschliche Psyche schreibt und zugleich einen Roman entwirft, „Melancholia“. Die Feministin Simone ist eher in einer Krise. Hinzu kommt nun eine junge Studentin russischer Herkunft, die hier schlicht Olga genannt wird. Die Dreierbeziehung hat für Simone de Beauvoir den Vorteil, Jean-Paul Satres auf dem Weg in den Wahnsinn herauszuholen, in den er sich durch Meskalinexperimente gebracht hat.

Der nächste Abschnitt beschreibt Ereignisse fast 10 Jahre später, 1943. Simone Weil, die zuerst den Eltern nach New York gefolgt ist, siedelt nach England über, um sich der Befreiungsarmee des General Charles de Gaulle anzuschließen. Sie möchte einen militanten Frauenverband gründen, um als Krankenschwester der Front möglichst nahe zu sein, im Geist der Jungfrau von Orleans. Da sie aber für diesen Auftritt den Generalen zu schwach erschien, wurde sie mit Denkarbeit beauftragt und bezog ein Hotelzimmer in London.

Schon diese kleine Zusammenfassung macht deutlich, dass das Schreiben philosophischer Text in einen politischen wie einen persönlichen Kontext gehört, der nacherzählt werden soll. In der Nacht der tiefsten ideologischen Verdunklung wurde der Weg zu einem neuen Denken geebnet der sich vor allem mit Namen von Philosophinnen verbindet: Simone de Beauvior, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand.

Rezension: Christoph Fleischer, Welver 2020

Predigt Genesis 2, 4-9 u. 15 , Der Mensch als Teil einer großen Ordnung, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Liebe Gemeinde,

es gibt Geschichten, die wir Menschen brauchen, um nicht an den nackten Wahrheiten der Wissenschaften zu Grunde zu gehen. Es gibt Erzählungen, die bleiben, wohingegen sich die Erkenntnisse der Wissenschaften wandeln und zu immer neuen Wissensgeschichten führen. Glauben und Wissen schließen sich nicht aus, sondern bleiben notwendig aufeinander bezogen. Die Wissenschaft braucht den Glauben als Begrenzung, damit sie nicht selbst zum Glauben wird und der Glaube braucht Sprache: Verstehen, Vernunft und Wissen, damit er kommunizierbar ist.

Der Glutkern der biblischen Geschichte von der Erschaffung des Menschen wärmt, brodelt und glüht bis heute. Der Mensch ist Teil einer großen Ordnung, Teil eines großen Ganzen und hat darin eine besondere Aufgabe.

 

Gott macht den Menschen aus Staub von der Erde

„Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub.“

Wir sind aus Erdenstaub gemacht. Wir sind irdisch, wir sind Teil der Erde. Unser Körper ist aus Elementen der Erde zusammengesetzt. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Unsere Existenz ist leiblich, ist irdisch, ist bedürftig, ist vergänglich. Wir sind Leib. Den Menschen gibt es nur im Plural. Wir brauchen Nahrung, Berührung, das soziale Miteinander. Da wir leiblich sind, sind wir wie die Erde den äußeren Bedingungen der Umwelt ausgesetzt. Wir wachsen, wir blühen, wir vermehren uns, wir werden geprägt durch Wind und Wetter, durch Erziehung und Teilhabe und am Ende vergehen wir wie eine Blume auf dem Feld. Der Leib ist uns als Existenzform vorgegeben.

 

Vom Odem des Lebens beseelt

Wir sind nicht nur Leib. Wir sind beseelter Leib. Mit dem Odem Gottes wird der Leib zum Leben erweckt und bleibt lebendig. Solange wir atmen sind wir lebendig, aber Atmen allein als lebenswichtige Funktion des Körpers beschreibt den Vorgang des zum Leben erweckten Menschen rein mechanisch. Dadurch, dass Gott seinen Odem in die Nase des Menschen bläst, wird der Leib aus Erde beseelt. Die Seele des Menschen ist sein Geist. Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes aus Leib, Seele und Geist. Wir sind leib-seelische- geistige Wesen.

 

In den Garten gesetzt

Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden. Das sollte sein Lebensraum sein.

Ein Garten ist ein Stück befriedeter Natur. Es wächst und blüht. Alles hat seine Ordnung. Der Garten ist geschützt. In diesem geschützten Garten Gottes ist der Mensch zu Hause. Von Anfang an gehört zum Menschsein schöpferische Arbeit. Die Schönheit des Gartens soll erhalten bleiben. Der Garten wird gehegt und gepflegt. Kultur und Kunst gehören zum Menschsein. Die besondere Aufgabe des Menschen als Teil der Schöpfung ist es, den Garten zu bebauen und zu bewahren.

 

Liebe Gemeinde,

wie aktuell diese Geschichte ist, dass Gott dem Menschen die Aufgabe zugeteilt hat, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, brauch ich gar nicht ausführen.

Wir leben zwar nicht mehr im Garten Eden (im Paradies) und der geographische Ort des Garten Edens, der im heutigen Irak und Syrien liegt, ist  von Panzerspuren durchfurcht, liegt in Trümmern und ist zerstört, – genau das Gegenteil von einem blühenden Garten! –, der Pflanzen, Bäumen, Tieren und Menschen Schutz gewährt, doch der Auftrag bleibt, auch dieses Stück Land wieder zum Blühen zu bringen. In der Erzählung vom Anfang liegt auch eine Verheißung für heute und morgen.

 

Sein zum Tode

Der Mensch, eingedenk seiner Sterblichkeit und der Gefahren des Todes, eingedenk auch der Gewalt, der Machtspiele, der Ungerechtigkeit, lebt in Sorge. Für den Philosophen Martin Heidegger ist die Sorge die Existenzform des Menschen. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, der um seine Endlichkeit weiß. Diese Sorge wird von Martin Heidegger herausgearbeitet als „Sein zum Tode“. Diese Sorge macht ihn nicht nur produktiv, um Gefahren abzuwehren, sondern lähmt ihn auch, blockiert sein Bewusstsein, lässt ihn resignieren.

Wie sehr die Sorge um sich greift und Menschen besetzt, erleben wir gegenwärtig in der Corona-Pandemie. Unabhängig davon, wie wir die Gefahren der Pandemie einschätzten und abzuwehren versuchen, streben wir eine Sicherheit an, die möglichst absolut sein soll. Es gibt aber nur relative Sicherheit. Es gab noch keine Zeit im Leben der Europäer, die so sicher war wie heute. Doch durch vermeintliche Steigerung der Sicherheit im Namen der Gesundheit wird die Sorge nicht kleiner, sondern immer größer. Was das für langfristige Folgen für uns als Gesellschaft hat, ist noch gar nicht abzusehen.

 

Sein zum Leben

Unsere Erzählung von der Erschaffung des Menschen erinnert uns an den Anfang und an die Bestimmung des Menschen. Der Mensch ist eine leib-seelisch-geistiges Wesen und lebt in den guten Ordnungen Gottes. Dass es Tag und Nacht gibt, die Jahreszeiten, dass die Welt sich weiterdreht und Gott das Leben erhält ist ein unendlicher Trost in aller Sorge, Trauer und Angst. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko dichtet:

Die Nacht

In der das Fürchten

Wohnt

Hat auch

Die Sterne und den Mond

 

Der christliche Glaube setzt der Sorge das Vertrauen in Gottes Treue entgegen. Es ist das Vertrauen, dass Gott, der gute Schöpfer, seine Schöpfung erhalten wird. Jetzt ächzt, stöhnt und seufzt die ganze Schöpfung, wenn aber die Kinder Gottes offenbar werden (Paulus), die, die heute gegen allen Augenschein bauen und bewahren, dann wird eine neue Schöpfung geboren: Das Alte wird vergehen, Neues wird werden und das nicht erst am Ende der Zeiten, wo Gott seine ganze Schöpfung heimholt, wo wir in Einheit und Frieden leben werden, sondern schon heute, hier und jetzt, wo Menschen die Sorge hinter sich lassen und ihre Bestimmung schöpferisch tätig zu sein, leben.

 

Wir sind begrenzt und haben Grenzen. Wir sind irdisch und haben für die Erde eine Verantwortung. Wir sind himmlisch, mit Seele und Geist ausgestatten – in Verbindung mit Gott – wir können vertrauen. Amen