Mit Albert Schweitzer undogmatisch an Jesus glauben – Christoph Fleischer, Werl 2010

Eine Notiz zu: Albert Schweitzer: Geschichte der Leben Jesu Forschung, Band 2, Siebenstern-Verlag München und Hamburg 1966, Schlußbetrachtung, S. 620- 630. „Mit Albert Schweitzer undogmatisch an Jesus glauben – Christoph Fleischer, Werl 2010“ weiterlesen

Briefwechsel Manfred Günther und Christoph Fleischer

Hiermit dokumentiere ich einen Leserbrief von Manfred Günther zum Thema Internetpredigten, meine Antwort darauf und seine Reaktion. Der Artikel, um den es geht, steht im Deutschen Pfarrerblatt 5-2009:http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/

Zu: Gegen den Verfall protestantischer Predigtkultur

Internet oder authentisches Zeugnis?

von Prof. Dr. Hans-Martin Barth, DPfBl 5, 2009

Zugegeben: Ich habe mich geärgert. Über Professor Hans-Martin Barth, über seinen unsäglichen Artikel mit dieser Fülle von Unterstellungen und Vorurteilen im Blick auf Predigten, die im Internet angeboten werden. Auch darüber habe ich mich geärgert, dass er PfarrerInnen, die solche Predigten verwenden, ein schlechtes Gewissen machen will und bestreitet, dass auch die Predigt, die eine oder einer nicht selbst geschrieben hat, auf der Kanzel zum „authentischen Zeugnis“ werden kann. (Der Vergleich einer Predigt mit einem Goethe-Gedicht hinkt nicht nur – er geht an zwei Krücken!)

Besonders geärgert habe ich mich am Ende des Artikels, wenn Prof. Barth nach Art des Streetworkers, der haltlose Junkies von der Droge befreien möchte, folgenden Rat auf den Weg in die Zeit ohne Drogen bzw. „geklaute Predigten“ mitgibt: „Wer bereits in eine gewisse Abhängigkeit vom Internet geraten ist, dem sei mindestens für eine Weile völlige Abstinenz empfohlen.“ Den Gipfel des Ärgers allerdings habe ich da erklommen, wo es schon im Titel und am Ende des Artikels – ich fürchte mit voller Überzeugung – heißt: Der Gebrauch von Predigten aus dem Internet könne „zum Verfall“ bzw. „zur Auflösung protestantischer Predigtkultur führen“.

Ich stelle dem die These entgegen: Nur die Tatsache, dass PfarrerInnen (und natürlich alle anderen mit der Verkündigung Beauftragten) im Internet einen stetig wachsenden Pool von meist sehr guten, theologisch verantworteten und für die HörerInnen interessanten Predigten vorfinden, wird auf Dauer die protestantische Predigtkultur erhalten können und wo sie schon im Argen liegt, wieder aufbauen und gesunden lassen!

Und jetzt möchte ich mich auf den Blickpunkt stellen, der dem, den Herr Prof. Barth eingenommen hat, genau gegenüberliegt, denn ich bin hier – durchaus im Doppelsinn – persönlich betroffen: Ich schreibe seit ca. 12 Jahren Predigten zu allen Sonn- und Feiertagen, die ich auf meiner eigenen Internetseite anbiete (www.predigt-eichendorf.de) und die auf einigen anderen Predigtseiten von deren Betreibern mit meiner Erlaubnis eingestellt werden. (Bei der von H.-M. Barth angeführten Seite „www.predigten.de“ bin ich seit über 10 Jahren der mit Abstand am meisten „aufgerufene“ Autor.)

Nicht um die „Faulheit“ der PfarrerInnen anzuprangern, sondern um die Not der KollegInnen zu verdeutlichen, denn es ist für viele eine Not, eine gute eigene Predigt zu fertigen, noch vier Informationen aus meinem Erfahrungspool der letzten 12 Jahre:

Einmal hat sich die Zahl der Seiten, die Predigten bieten, in diesen Jahren enorm vergrößert. – Wer würde sich die Mühe machen, Predigten – manchmal Wochen im Voraus – zu verfassen und ins Netz zu stellen, wenn es nicht einen großer Bedarf gäbe, diese in irgendeiner Form zu verwenden? Wobei hier ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Hintergrund stehen: Der eine sucht eine Idee oder den „Roten Faden“ für seine eigene Predigt. Eine andere einen Einstieg oder eine Geschichte, die ihre Predigt ergänzt. Noch einer hat es sich zur Angewohnheit gemacht, die noch aus der Zeit stammt, in der es nur schriftliche Predigtvorlagen gab, möglichst viele unterschiedliche Predigten zur Bibelstelle zu lesen, die zu predigen ist. (Wogegen sicher auch Prof. Barth nichts einzuwenden hätte!) Der weitaus größten Gruppe, die Internetpredigten abruft, gehören allerdings zweifellos jene an, die sie nur leicht verändert oder mit kleinen Streichungen oder Ergänzungen für ihre Verkündigung übernehmen.

Zum anderen sind auch die Aufrufzahlen der Internetpredigten – nicht nur bei mir! – in den vergangenen Jahren enorm gestiegen und inzwischen sehr hoch. (Jede einzelne Predigt von mir z.B. wird überall, wo sie zu haben ist, insgesamt rund 5.000 Mal aufgerufen, in Worten „fünftausend“ Mal). Die Aufrufe kommen nicht überwiegend von „Endverbrauchern“, sondern von „Multiplikatoren“, wie PfarrerInnen, PrädikantInnen, LektorInnen. Wenn man nun veranschlagt, dass eine Mehrheit von ihnen die „fremde“ Predigt annähernd so übernimmt, wie sie geschrieben ist, kommt man nicht umhin, hier noch etwas anderes zu vermuten, als dass all diese Nutzer „faul“ wären.

Das Dritte spricht klar gegen die These, man vertue „mit Aussuchen und Auswählen“ von Internetpredigten „viel Zeit, die „mit eigenem Nachdenken besser angelegt wäre“. Die Nutzer von Predigten, die andere geschrieben haben, sind meist nach kurzer Zeit der Sichtung des vorhandenen Internetangebots eingelesen und dann „eingeschworen“ auf einen einzigen Predigtverfasser! Unzählige Anrufer und E-Mail-Schreiber haben mir schon versichert, dass sie „theologisch absolut auf meiner Welle liegen und immer, wenn sie nicht zu einer eigenen Predigt kommen, bei mir fündig werden. Mit Sicherheit können andere PredigtautorInnen Ähnliches berichten.

Und das Vierte ist dies: Ich habe zahlreiche regelmäßige Verwender meiner Predigten, die katholische Priester sind. Sie sind auch die Nutzer, die am häufigsten – und ohne jede Spur von schlechtem Gewissen übrigens! – überhaupt und meist positive Rückmeldungen geben. Auf diese Weise werden evangelische Internetpredigten auch noch zu einem wichtigen Baustein am Haus der Ökumene und beim Aufbau einer „allgemeinen christlichen Predigtkultur“!

Aber warum, wenn nicht allen Nutzern von Internetpredigten „Faulheit“ unterstellt werden kann, ist der Bedarf daran so groß und in den letzten Jahren so überdimensional gewachsen?

Hierzu macht Prof. Barth eine treffende Aussage: „… die Zeitnot. [—] Ich versuche, das zu verstehen, und mache unsere Kirchenleitungen dafür verantwortlich, dass sie die Kolleginnen und Kollegen oft durch Fremdbestimmung von deren eigentlichen Aufgaben abhält.“ Die PfarrerInnen haben Zeitnot! (Hier hat mich geärgert, dass Prof. Barth seine richtige Feststellung gleich wieder entkräftet und die Schuld den KollegInnen und ihrer „falschen Prioritätensetzung“ zuschiebt, statt bei den Kirchenleitungen ein Umdenken einzuklagen.) Es mag dem Universitätsprofessor Barth während seiner beruflichen Tätigkeit entgangen sein, aber es gibt ganz handfeste, belegbare Hinweise darauf, dass man die Zeit, die PfarrerInnen für die Vorbereitung der Predigt zur Verfügung steht, strukturell deutlich beschnitten hat. So galt im Jahr 1978, als ich ins Pfarramt gegangen bin, noch der Bemessungsschlüssel in der EKHN: 1000 Gemeindeglieder pro Pfarrer. Heute gilt in der Hessen-Nassauischen Landeskirche 1700 zu 1! (In anderen Landeskirchen ist der Schlüssel noch wesentlich ungünstiger für die PfarrerInnen – und selbstverständlich auch für die Gemeindeglieder!) Vor diesem Hintergrund empfinde ich es als realitätsfremd, unangemessen und überheblich, den PfarrerInnen, die Internetpredigten nutzen, vorzuschlagen: „Wer am Montagvormittag sich den Text des nächsten Sonntags ansieht und mit dem Text im Sinn und im Herzen durch seine Gemeinde-Woche geht, wird am Wochenende viel Material für seine Predigt haben.“ Weder kommen die KollegInnen am Montagvormittag (der Montag ist meist der wohlverdiente Pfarrersonntag!) dazu, den Predigttext des kommenden Sonntags in Sinn und Herz aufzunehmen, noch bietet die Dienstwoche mit ihrer meist nicht zu vermeidenden Hektik, ihren vielfältigen und oft sehr profanen Aufgaben die Ruhe und die Zeit, prädikable Erfahrungen und damit Material für eine Predigt zu sammeln.
Aber es gibt möglicherweise noch einen anderen Grund, warum den PfarrerInnen der Gebrauch von Predigten anderer nicht zu verübeln ist, der hat mit der universitären Ausbildung und mit der an den theologischen Seminaren zu tun: Vielleicht (und hoffentlich!) ist das heute ja anders, aber ich selbst habe während des Studiums, im Vikariat und der Zeit im Theologischen Seminar jede geistliche Zurüstung für den Beruf des Pfarrers vermissen müssen. Es gab z.B. eine unheilige Scheu im Vikarskurs und unter den Seminarprofessoren, auch nur ein Minimum christlicher Spiritualität zu leben bzw. praktisch erlebbar zu machen. Gemeinsame Andachten wurden weder angeboten noch angeregt! Gemeinsames Gebet am Morgen, beim Mittagstisch, am Abend – Fehlanzeige! Wie soll sich hier die Fähigkeit ausbilden, biblische Texte zu reflektieren, zu meditieren und in eine Predigt umzusetzen. Wer selbst keine spirituellen Erfahrungen macht, wer keinen regelmäßigen Umgang mit dem Wort Gottes hat, wer zwar homiletische Modelle, nie aber die Ergriffenheit durch einen Text der Heiligen Schrift kennen gelernt hat, wie soll der anderen predigen können. Wie gesagt: Hier mag sich etwas geändert haben, dafür gibt es aber ein anderes Phänomen, das heute immer häufiger anzutreffen ist: Vielen angehenden PfarrerInnen fehlt aus der voruniversitären Zeit jegliche Gemeindeerfahrung! Wenn junge PfarrerInnen dann den Dienst in der Gemeinde beginnen, kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie sogleich – auch nach absolvierter homiletischer Prüfung! – mit eigenen „authentischen“ Predigten die Kanzeln besteigen, um dort eine Brücke von Herzen zu Herzen zu schlagen.

Noch etwas: Von „eigenen“ VikarInnen, von denen anderer Vikarsväter und -mütter, von unzähligen AnfängerInnen im Beruf der Pfarrerin, des Pfarrers und von ungezählten auch schon länger im Dienst befindlichen KollegInnen habe ich es immer wieder gehört: „Was soll ich denn meinen Hörern predigen? Was qualifiziert gerade mich, diesen Menschen irgendetwas zu irgendeiner Bibelstelle zu sagen?“

Ist es da nicht gut, dass es PredigtautorInnen gibt, die im Internet „authentische“ Predigten anbieten, die sich PfarrerInnen, die selbst (noch) unsicher sind, unerfahren und ungeübt im Re-flektieren, Meditieren und der schriftlichen Umsetzung der frohen Botschaft in einer Predigt als Vorlage ziehen können? Ist es nicht segensreich, dass es für junge Pfarrerinnen und Pfarrer, die anfangs den „theologischen Schlüssel“ zu biblischen Versen nicht so leicht finden und mit geringen oder gar keinen eigenen Erfahrungen zu den angesprochenen Themen aufwarten können, heute möglich ist, sich eine gute Predigt aus dem Internet herunterzuladen? (Ähnliche Phasen der Unsicherheit oder der Schwierigkeit bei der Umsetzung von biblischen Texten findet man übrigens auch bei älteren PfarrerInnen, die sich nach dem drei- oder gar viermaligen Durchgang durch die Perikopenreihen ausgebrannt fühlen und dann erfahrungsgemäß auch sehr gern für eine Zeit Predigten anderer Autoren übernehmen.)

Eines vernachlässigt der Artikel von H.-M. Barth völlig, dass es auch so etwas wie Begabung zum Predigen gibt, dass es dem einen schwer und dem anderen leichter fällt, seinen Gedanken die Predigtform zu geben und dass die Talente zu dieser oder jener dienstlichen Profession (Seelsorge, Jugendarbeit, Verwaltung, Predigen u.a.m.) unter den PfarrerInnen unterschiedlich verteilt sind – ähnlich, wie wir das doch auch in allen anderen Berufen beobachten können.

An diesem Punkt allerdings konnte ich Professor Barth die Tatsache zugute halten, dass er ja nicht in der Homiletik, in der Vikarsausbildung, der Beratung von BerufsanfängerInnen oder etwa der Seelsorge an vom Alltagsgeschäft überlasteten KollegInnen tätig war, sondern als Professor der Systematischen Theologie und Religionsphilosophie und als Präsident des Evangelischen Bundes mit den Schwerpunkten: Ökumenische Theologie und interreligiöser Dialog. Von dort ist es ja wirklich ein sehr weiter Weg zum Verständnis von und der Empathie mit PfarrerInnen, die sich gern die Zeit für die Abfassung einer eigenen Predigt nähmen, wenn sie diese nur hätten.

Noch eines: Ich will die Gründe dafür jetzt nicht erörtern, die sind vielfältig, Tatsache ist aber doch, dass in zahlreichen Kirchengemeinden der Gottesdienstbesuch äußerst gering ist. Ich denke hier an eine Pfarrerin in einer Gemeinde mit 800 Seelen, die sonntags vier oder fünf Gemeindeglieder unter der Kanzel sitzen hat. Und ich denke auch an einen Pfarrer in einer Großstadtgemeinde, die 30 PredigthörerInnen aufbietet – allerdings von über 6000 Gemeindeangehörigen!

In diesen und ähnlichen Fällen ist es verständlich, wenn die PfarrerInnen, die den Gottesdienst halten, auch über den Zeitaufwand für die Erarbeitung einer eigenen Predigt nachdenken und dabei vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Mühe dafür nicht lohnt und die durch den Gebrauch einer Predigt aus dem Internet gewonnene Zeit besser in anderen Arbeitsfeldern eingesetzt werden kann.

Zum Schluss komme ich noch einmal auf meinen größten Ärger an den Ausführungen von Professor Barth zurück, wenn er nämlich so tut, als ginge es beim Thema „Internetpredigten“ um nicht weniger als die Rettung der Predigtkultur und als wären diese Predigten von vorn herein schlecht und entbehrten jeder Authentizität, die sich der Verwender einer solchen Predigt auch aneignen könnte: Ich lade Professor Barth herzlich ein, auf meiner Internetseite (www.predigt-eichendorf.de) jede beliebige der dort angebotenen weit über 700 Predigten daraufhin zu prüfen, ob sie nicht theologisch verantwortet und dazu interessant und ansprechend geschrieben ist und den HörerInnen eine merkfähige evangelisch-lutherische Botschaft mit auf den Weg gibt. (Über den „Erfolg“ dieser Predigten bzw. dass sie im Doppelsinn ankommen besitze ich eine Unzahl von Zeugnissen unterschiedlicher Nutzer. Darüber berichte ich aber nicht hier, sondern gern einmal persönlich.) Überdies bitte ich zu prüfen, ob es dem Nutzer nicht leicht fallen wird, mit geringem Zeitaufwand bei der „Anpassung“ an eigene gemeindliche, historische oder geographische Gegebenheiten, die Predigt in eine eigene umzuwandeln, hinter der die Predigerin, der Prediger mit der eigenen Person und der eigenen Theologie glaubwürdig stehen kann.

Ein schlechtes Gewissen jedenfalls braucht keiner zu haben, der seine Predigtarbeit in der Gemeinde – aus welchen Gründen auch immer – durch Predigten aus dem Internet bereichern lässt!

Manfred Günther

Manfred Günther, Pfr.
Lohgasse 11 A
35325 Mücke/Groß-Eichen
Tel.: 06400/958585
Mail: pfr.guenther@onlinehome.de
URL: http://www.predigt-eichendorf.de/

Lieber Bruder Günther,

(Um mir eine langatmige Vorstellung zu ersparen) Ihr Leserbrief zu den internetpredigten ist gut und wichtig. Ich bin da zwar nicht mehr so fleißig, wie Sie. In den Jahren 2002/2005 haben wir beide sogar um die Wette gepredigt und im Kanzelgruss veröffentlicht. Neulich, es sind ja mal wieder sechs Jahre um, sah ich voller Erstaunen, dass meine Predigten immer noch online sind. Inzwischen habe ich meinen Stil etwas geändert. Ich veröffentliche nur noch Predigtkonzepte, die eine Gliederung und Zitate enthalten. Wenn ich dann manchmal etwas aus den Predigtstudien oder anderswoher nehme, müsste ich mühsam eine Quellennotiz einfügen.

Neulich passierte mir etwas Witziges. Als ich Predigten zum Stichwort schwacher Glaube suchte. Da hat doch ein Kollege aus Hessen eine Predigt des berühmten Wilhelm Busch wortwörtlich abgeschrieben (die ebenfalls online

ist) und ins Internet gesetzt. Ich habe ihm eine Mail geschickt, aber er hat nicht geantwortet.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir eine Predigt für meine Homepage zur Verfügung stellen würden, die dieser inhaltlichen Linie (offene und menschenfreundliche Kirche) entspricht. Außerdem würde ich Ihren Leserbrief gern ebenfalls auf die Homepage übernehmen: www.der-schwache-glaube.de.

Herzliche Grüße und viel Freude weiterhin beim Predigen und beim Veröffentlichen

Ihr Christoph Fleischer

Lieber Bruder Fleischer!

Danke für Ihre Mail. Ich war im Urlaub und komme darum erst heute dazu, Ihnen zu antworten.

Ihre Reaktion auf meinen Leserbrief (eigentlich war es eine Replik auf Prof.

Barth) war bisher die einzig positive. Ich habe unglaubliche Angriffe und Äußerungen lesen müssen! Ich hänge Ihnen hier unten einmal einen der schlimmeren Sorte und meine Replik anonymisiert an.

Alle Schreiber eint das Vorurteil: Internetpredigten sind stets schlecht und sie zu nutzen ist schändlich. Insofern war Ihre Mail richtig erfrischend.

Danke dafür.

Für die erbetene Predigt schlage ich vor: Sie googeln einfach einmal die für Sie wichtigen Begriffe auf meiner Seite. Sie dürfen grundsätzlich jede Predigt von mir veröffentlichen. Mir ist es recht.

Auch der Leserbrief ist freigegeben! Bitte nehmen Sie doch die auf meiner Zeitfragenseite veröffentlichte lange Version.

Alle guten Wünsche für Sie – privat und dienstlich!

Ihr Manfred Günther

Glauben erschöpft sich nicht im Denken. Warum ich auch als Mann die feministische Theologie würdigen möchte. Christoph Fleischer

Der Bericht meiner Lektüre eines feministischen Dialogs über den Glauben zwischen Antje Schrupp und Barbara Steidl:

„Kann eine Feministin fromm sein? Ein E-Mail-Dialog zwischen Antje Schrupp und Barbara Streidl“
Mit dem Gedanken, dass Glauben sich nicht im Denken erschöpft, beginnt Barbara Streidl ihren Dialog mit Antje Schrupp. Eher distanziert kirchlich eingestellt fand sie darin Trost, Worte eines Psalms aufzusagen, deren Inhalt jedoch „ihr unangenehm“ ist, „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23). Antje Schrupp rät ihr daraufhin, darauf zu achten, was sie „tatsächlich glaube“ und nicht, was sie meint, glauben zu sollen. Trotzdem rekurriert Barbara Steidl noch einmal auf das „Sollen“, das einem unterschwelligen, man müsste sagen impliziten, Bedürfnis entspreche: „Ich möchte an etwas glauben.“ Dazu signalisiert Antje Schrupp Zustimmung und erklärt, das Stichwort „Feminismus“ aufgreifend, dass in den Begriffen des „Sollens“ ein patriarchaler Modus auftaucht, was die feministische Theologie offengelegt habe. Woran man glaubt, das „kann man Gott nennen“, aber auch genauso „gut leben für alle“. Hieraus wird deutlich, dass der Glaubensgedanke von patriarchalen Denkstrukturen befreit und so in einem positiven Sinn geschwächt wird und zugleich individualisiert. Barbara Streidl fragt an dieser Stelle zurück, da sie, gut säkular gedacht, das Wörtchen „fromm“ mit Gedanken von Mangel oder Einschränkung verbindet. Worin diese Einschränkung genau besteht, wird nicht deutlich, ist wohl eher ein Gefühl. Antje Schrupp dagegen sieht eine Lösung darin, sich von männlichem Denken abzusetzen, da sich „Frauen“ eher für eine gute Sache einsetzen als für sich selbst, und darin Kraft gewinnen, und aus diesem Grund auf den sogenannten Individualismus ohnehin wenig Wert legen. Interessanterweise scheint Barbara Streidl genau dies zu überhören oder zurückzustellen, weil sie möglicherseise bereits ahnt, dass ihr kleiner Diskurs zuletzt beim Individuum landen wird. Sie dagegen kommt nun erneut auf die Problematik des „Fromm-seins“ zurück, von der Antje Schrupp anfangs sagte, es hieße, sich „am Willen Gottes“ zu „orientieren“. Sie, Barbara Streidl, dagegen fühle darin schon eine Art Zwang, der bei ihr den Gedanken auslöst, sich einer Idee unterordnen zu müssen, von der es heißt, sie betreffe alle Menschen. Indirekt stellt sie also die Frage danach, wen die Sache des Glaubens betrifft und wie. Dabei geht auch sie zu recht von existentiellen Fragen aus, hier von denen, die eine Ausgrenzung des Weiblichen aus der Religion betreffen. Ihre Frage lautet: „Wie schaffe ich es, ein von schlechten Bildern und rein männlich konnotierten Ideen einen Weg zum Glauben zu finden?“ Antje Schrupp antwortet, dass einerseits Fehldeutungen von, wie sie es sagt, echter Wahrheit zu unterscheiden seien, und andererseits patriarchale Denkstrukturen herauszufiltern sind. Eine Bestätigung dafür findet sie darin, dass eine durch Männer geprägte Überlieferung trotzdem Frauen an Schlüsselpositionen der Glaubensüberlieferung stellt, z. B. als Zeuginnen der Auferstehung. Von daher könne auch nicht alle nach außen so erscheinenden Praktiken, wie das Tragen eines Kopftuches bei Musliminnen pauschal abgelehnt werden, sondern müsse man die einzelnen Frauen fragen, was sie damit verbinden. Hiermit deutet sich auch an, dass möglicherweise einzelne Verhaltensweise zwar patriarchal erscheinen, sich aber im Kern schon z. B. zu einer weiblichen Identität entwickelt haben. Die Frage nach einer „besseren“ Religion, so sagt sie, ist ohnehin irrelevant, da sie ausschließlich von Konkurrenz geprägt ist. Barbara Streidl hält die Argumentation mit weiblichen Glaubenszeuginnen dagegen für eine Krücke. Was die Religion angeht, neigt sie ohnehin zum Pantheismus. Sie sagt zu recht, dass sie den Zugang zum Glauben letztlich in sich selbst finden muss.
Zu Recht weist nun Antje Schrupp auf die Diskussion familiärer sprich männlicher Gewalterfahrungen hin, die eben auch mit dazu geführt habe, ein deutlich gewalt- und hierarchiefreies Gottesbild entwickeln zu wollen. Hiermit kommt sie indirekt darauf zurück, dass mit der frühen Dorothee Sölle zu sagen ist, dass der Glaube immer konkret sei. „Es sind immer konkrete Menschen, mit denen ich es zu tun habe.“ Es ist schon richtig, dass man auch in der Frage hier noch einmal hinter die patriarchal geprägte Tradition zurückfragt. In anderer Hinsicht tut das ja auch Bert Brecht in den „Fragen eines lesenden Arbeiters „z. B: wer baute das siebentorige Theben?“, da sich aus dieser Perspektive Geschichte immer als Herrschaftsgeschichte darstellt und weniger als Lebensgeschichte. Die Reaktion Barbara Streidls führt abgesehen von der Propagierung eines „freien Willens“ in eine Distanz zum christlichen Glauben, da sie sich dabei am männlich geprägten Mainstream orientiert und nicht daran, was „feministisch“ gedacht, noch zu denken möglich wäre. Sie schreckt im Grunde noch davor zurück, den „Kontext des Glaubens“ zu betreten. Darin wird ja auch deutlich, dass sie die Position der Distanz zur Religion bewusst gewählt hat, ohne jedoch darauf zu verzichten, bei Bedarf quasi auf ihre möglich religiöse Denkweise zurückzugreifen, wie ja am Anfang schon skizziert.
Antje Schrupp bietet ihr nun das Bild der „Enklave“ auf dem „Kontinent“ des Glaubens an. Sie sagt sinngemäß: Du selbst entscheidest, wem du Autorität und Vollmacht geben willst. Die Frage danach, wie sie persönlich „ihrem Bedürfnis nach Glauben“ (als Frau) nachgehen kann, wird von anderen, z. B. den Autorinnen und Autoren der „Bibel in gerechter Sprache“ geteilt. Sie dreht also Barbara Streidls Frage einfach um und sagt: „Wie käme ich dazu, meinem Bedürfnis nach Glauben nicht nachzugehen…?“ Diese Konsequenz wird nun im Schlusssatz von Barbara Streidl ebenfalls bestätigt. Sie sagt, sie habe nun die Hoffnung, „selbst zu entscheiden, woran ich glaube, und wie ich meinen individuellen Glauben leben.“
Gerade vom Schluss her zeigt sich, dass der Feminismus eine Leitfrage ist, die dazu dient, den persönlichen Glauben eines individuellen Menschen mit seinen eigenen kontextuellen Erfahrungen und Bedürfnissen in den Blick zu nehmen. Zu Recht wird in diesem Zusammenhang durch die feministische Theologie darauf verwiesen, dass es auch möglich ist, an anderen Menschen anzuknüpfen, die ihre Bedürfnisse und Erfahrungen miteinander teilen können, wie diese beiden Autorinnen es tun. Die Voraussetzung dazu besteht auf jeden Fall darin, die Religion des und der anderen zu achten. Das Vorbild der feministischen Theologie besteht darin, darauf hinzuweisen, dass das sprachliche Gebäude des christlichen Glaubens derart patriarchal und hierarchisch geprägt ist, dass viele Menschen spüren, vor allem Frauen, dass sie ihr Bedürfnis zu glauben in vielen dieser Worte nicht ausleben können bzw. sich in dieser Sprache fremd fühlen. Die christliche Religion der Zukunft muss, so zeigte es ja auch der Schluss des Gesprächs, streng von der konkreten Situation des Subjekts aus gedacht werden. Dazu neutestamentlich Beispiele zu finden, dürfte nicht gerade schwierig sein. Es ist möglich, die Bibel gegen den patriarchalen Mainstream zu lesen. Die Bibel öffnet sich solchen individuellen Fragen, wen sie Jesus von Nazareth als ein solches Individuum darstellt, der von sich sagen und behaupten kann, ein geliebter Sohn Gottes zu sein. Hiermit meine ich nicht gerade die patriarchale Struktur, die in diesem Vater-Sohn Verhältnis auch aufscheint, sondern das Symbol für ein Gefühl des Angenommen-seins und des Geliebt-seins.

Einsamkeit und Freundschaft. Christoph Fleischer, Werl 2010

Ernst Bloch schildert in seinem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ die Zusammengehörigkeit von Einsamkeit und Freundschaft. Es geht ihm insgesamt um Hoffnung und damit um Ideale und Wunschvorstellungen, um Träume. Deshalb kann Einsamkeit hier kein Zustand sein, unter dem Menschen leiden, sondern einer, den sie sich sogar hin und wieder wünschen. Dies ist zugestanden nicht für das gleiche Alter immer gleich erstrebenswert. Der zu befürchtende Zustand, den Menschen unter Einsamkeit verstehen, sollte besser als Verlassenheit bezeichnet werden. Im Idealzustand ist sie vielmehr eine Art Störungslosigkeit, von einem eher introvertierten Ich erwünscht. So schreibt Sören Kierkegaard in seinem Hauptwerk „Entweder – Oder“: „Mein Kummer ist meine Ritterburg… Von diesem Wohnsitz fliege ich hinunter in die Wirklichkeit und ergreife meine Beute. Aber ich halte mich unten nicht auf; ich trage sie heim auf mein Schloss. Was ich erbeute sind Bilder…“. Doch ist diese Einsamkeit wirklich, wie Ernst Bloch schreibt, das „christlich-narzisstische Wunschbild“ und somit das Ideal zum Übergang in den Kapitalismus, der zwar auf Individualismus aufbaut, dennoch die Einsamkeit selbst nicht erfunden hat? Richtig verstanden geht es darum, in der Einsamkeit einen Rückzugsraum zu entdecken, einen Bereich, der zur Kraftquelle werden kann und muss, ohne den Gemeinschaft zwangsläufig leer wird, wie „Einsamkeit ohne Gemeinschaft blind wird“ (Ernst Bloch).

Dass eine Art Gesellschaft schon von vornherein zum menschlichen Leben gehört, zeigt das Urbild der Familie, in die ein Mensch hinein geboren wird. Doch die Gesellschaft wiederum ist zu groß und unübersichtlich, um wirklich den Raum für die anfänglich erfahrene Geborgenheit zu bieten. Schon von Aristoteles her wird Freundschaft allerdings zu einer Grundsäule gesellschaftlichen Verhaltens. Sie setzt privates Eigentum voraus, um die Erfahrung des Geschenkes zu ermöglichen. Sie ist in ihren Idealen letztlich immer auf das Ganze bezogen: „Was die Gerechtigkeit nur fordert, das leistet ohne Zwang die Freundschaft; sie bewirkt jene Eintracht, worin eine Verletzung der gegenseitigen Rechte nicht mehr vorkommt, also selbst zum Gedanken an Gerechtigkeit kein Anlass mehr ist.“ (Bloch). Mit diesem Idealzustand nicht nur beschrieben, sondern auch belastet, als Wohlwollen, Eintracht und Wohltun bezeichnet, muss Freundschaft letztlich auch einer Entwicklung unterworfen sein und kann zerbrechen oder sich verändern. Dennoch, auch die Nachbarschaft etwa als Ideal der amerikanischen Siedler spiegelt die Vorstellung der Freundschaft wieder. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Bloch steht der Vorstellung Adam Smiths kritisch gegenüber, der meint, die Sympathie wäre ein Antrieb der Marktwirtschaft. Wo Begriffe wie Kauf und Verkauf in die Freundschaft eintreten, ja wo eventuell sogar von Ausnutzung die Rede ist, wird sich eine Freundschaft nicht lange halten. Der Marxismus dehnt das Ideal der Freundschaft auf die ganze Gesellschaft aus, indem er sie möglichst von solchen schädigenden Wirtschaftsbeziehungen zu befreien sucht. Doch dass sich dies realisieren könnte, hat sich in der Geschichte noch nicht erwiesen. Von daher bleibt von diesem Abschnitt letztlich gerade nicht der Schluss mit seinem idealistisch utopistischen Ausblick, sondern die Tatsache, dass sich Einsamkeit und Freundschaft in einem Wechselverhältnis befinden. Dass die Freundschaft auch ein religiöses Ideal ist, dürfte unbestreitbar sein. Wichtig ist aber auch ihre Idealisierung zu vermeiden, wie andersherum Einsamkeit nicht nur negativ genannt werden darf. Beide sind sicherlich in den Prozess der Biografie eingebunden, in dem es ohnehin auch das Loslassen und Neugewinnen von Bindungen und Beziehungen geben muss.

Anmerkung: Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Dritter Band, Suhrkamp Frankfurt/M. 1978, S. 1125-1134, „Doppellicht Einsamkeit und Freundschaft“.

Der Glaube an Gottes Liebe in Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. (eine kurze Dogmatik nach 1. Johannes 4, 16b – 21) Notiz von Christoph Fleischer, Werl 2008

Vergangenheit:

Interessant ist, dass hier von Christi Gebot und Gottes Liebe die Rede ist. Eigentlich müsste es ja Christi Liebe und Gottes Gebot heißen.

Diese Umkehrung ist wichtig, daraus wird die Grundlage unseres Christentums. Das Gottes Gebot ist in seiner Liebe zu verstehen.

Gott gibt keine Gebote mehr um Menschen zu richten, zu verurteilen, zu schädigen, zu verletzen.

Gott sendet seinen Sohn.

Gott schenkt Versöhnung.

Gott ist nun die Liebe.

Die Liebe Gottes ist also die Liebe Jesu Christi.

Viele Menschen verstehen Jesus als den Boten der Liebe.

Sein Leben, seine Passion ist das höchste Symbol der Liebe, das es gibt.

Aber seine Liebe wird für uns nun durch den Glauben auch zum Gebot,

zur Bruderliebe, zur Nächstenliebe, zur Feindesliebe zur Liebe der Menschen und der Schöpfung.

Die Liebe Christi gilt dem Leben in der Gegenwart.

Gegenwart:

Christen leben als Menschen in der Welt.

Christus, der auch als Mensch in der Welt war, ist nun bei Gott.

Christus hat seine Verbindung zu Gott, auf die Menschen im Glauben übertragen. Gott hat seine Liebe zu Christus auf die ausgeweitet, die mit Christus in Verbindung stehen.

Das heißt: Christen leben als Menschen in der Welt,

aber als Glaubende leben sie in Gott, sind weltlich und religiös zugleich.

Religiös zu sein bedeutet, mit der Zukunft von Gott her rechnen.

Unsere Existenz ist geöffnet hin auf die Zukunft.

Zukunft:

Der Glaube zeigt jedem Leben eine Richtung.

Es gibt keinen Glauben, ohne von der Zukunft zu reden.

In der ursprünglichen Verkündigung der Bibel hatte die Rede von der Zukunft die Gestalt des Gerichts.

Die Gerichtsverkündigung schreckt viele Menschen davon ab, zu glauben.

Doch das Symbol des Gerichts zeigt uns eine Zukunftsperspektive auf.

Die Gegenwart steht unter der Verantwortung.

Das Gericht Gottes zeigt, dass wir unser Leben zu verantworten haben.

Die Antwort auf Gottes Liebe haben wir schon zu geben.

Wer seine Mitmenschen nicht liebt, liebt Gott auch nicht.

Aber die Zukunft an sich ist keine Bedrohung, kein Grund zur Angst vor Gott.

Gott verurteilt nicht, weil er die Sprache der Liebe spricht, durch Christus.

Der Glaube an Christus ist der Raum im Menschen, der durch die Liebe Gottes gefüllt wird.

Die Angst verschwindet in der Liebe.