Seinsvergessenheit, Dialog, Christoph Fleischer, Konrad Schrieder, Welver, Hamm 2017

Von: Christoph Fleischer

An: Konrad Schrieder
Betreff: Eine Frage

Lieber Konrad,

ich habe auf einer Beerdigung den hier skizzierten Gedankengang entwickelt und natürlich mündlich weiter entfaltet. Vorlage dazu ist 1.Korinther 13, 13, Lesung der zweite Teil des Kapitels, in dem auch von Stückwerk usw., die Rede ist. Meine Frage an Dich ist, ob der hier versuchte Umgang mit Heideggers Begriff „Seinsvergessenheit“ sachgemäß ist:

Martin Heidegger, der Philosoph, der vielleicht doch mehr in die Mächte der Nazizeit verwickelt war, als man das früher glauben wollte, war doch auch insgesamt vom Verstummen der Sinnfrage angesichts der Leiden und Verletzung geprägt. 

Er nannte es „Seinsvergessenheit“. Die Frage ist, wie wir heute solcher Seinsvergessenheit begegnen können. 

Dazu ist der Bibeltext von Paulus ein guter Hinweis: Nun aber bleiben Glaube Hoffnung Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Dieses Wort Liebe muss gar nicht romantisiert werden. 

Es meint nicht die erotische Anziehung der Liebe, sondern den Gemeinschaftsbezug, die Zusammengehörigkeit. 

In der Gemeinde geht diese über die einzelnen Familien hinein, denn sie ist in Christus begründet. 

Diese Verbindung gibt uns eine Hoffnung über den Tod hinaus, die trotzdem damit leben kann, dass das Ende des irdischen Lebens Realität ist. 

Unser Leben ist in Gott, in der Ewigkeit aufgehoben. 

Dort geht auch vieles von dem weiter, was hier angestoßen wurde und vielleicht auch nur Stückwerk geblieben ist. 

Die Vollendung steht immer noch aus.

Herzliche Grüße

Christoph

Foto: Niklas Fleischer (c): Haus der Stille, Bergen-Belsen

Lieber Christoph,

ich konnte erst jetzt auf Deine interessante Frage reagieren.

Meine Gedanken findest Du unten.

Liebe Grüße,

Konrad.

 

Seinsvergessenheit ist das Verbleiben im Seienden, ohne sich in der ontologischen Differenz, also in der Spannung zwischen Seiendem und Sein zu begreifen bzw. nicht das Sein im Seienden zu sehen. Heidegger spricht in seiner frühen Schrift „Was ist Metaphysik?“ vom Sein zum Tode, von der Angst oder in der späteren Einführung in die Metaphysik der Langeweile. Ich verstehe diese Überlegungen nicht als Nihilismus, sondern existenzialistisch als ein Ausloten von Grenzerfahrungen. Dazu kann man auch Leiden und Verletzungen rechnen. Heidegger ist Philosoph und setzt das Sein, dem wir uns immer nur annähern, als nicht automatisch mit Gott gleich. Das hat ihm Kritik von Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer eingebracht. Heidegger postuliert, dass es das Nichts im Gegenüber zum Sein nicht geben kann, dass es immer eine Bewegung zum Sein geben muß. Positiv gewendet nimmt er die Frage der Scholastiker und der Metaphysik auf, warum etwas „ist“. Das bringt ihn, ohne dass er das so formuliert, in die Nähe des kausalen Denkens, das bei Thomas von Aquin die Grundlage der Gotteserkenntnis ist. Das Sein bleibt bei Heidegger unbestimmt, zeigt sich aber in den Seienden. Karl Rahner geht einen etwas anderen Weg, wenn er in „Hörer des Wortes“ sagt, dass jeder Mensch notwendig Metaphysik treibe, weil er, bewusst oder meistens unbewußt, in dieser ontologischen Differenz steht. Nach Heidegger bedeutet Dasein der Zustand, der sich zwischen Seinsvergessenheit und Lichtung des Seins um sein Sein kümmert. Es kann also kein Dasein geben, das nicht nach dem Sein fragt. Damit sagt Rahner eigentlich nichts Anderes als Heidegger.

Die Frage ist nur, wie wir Menschen das tun. Als endliche Wesen können wir nicht intuitiv das Sein im Seienden schauen, sondern nur diskursiv (Thomas: dividendo et componendo). Wir bringen nicht, wie Platon sagt, ideae innatae mit (angeborene Ideen), sondern wir erkennen nach Kant durch Analyse und vor allem durch Synthese. Diese Synthese spielt bei Kant eine zentrale Rolle, obwohl er den Akzent nicht auf die Sinnlichkeit, sondern auf den reinen Verstand und die reinen Begriffe legt. Die Begriffe zeigen, auch wenn sie kontingent sind, dass wir genera bilden, in denen wir die Einzeldinge zuordnen. Nicht die Begriffe sind dabei das Eigentliche, sondern die apriorischen Inhalte, die sich damit verbinden, letztlich das apriorische Vermögen, übergeordnete Denkmuster zu bilden. Nach Kant geschieht das durch die Einbildungskraft, nach Thomas wird die forma von der materia durch das suppositum abstrahiert. In der Erkenntnis vollzieht sich immer eine Bewegung zum Ziel, dem Sein. Die Begriffe bezeichnen also noch nicht das Sein, sondern stehen zwischen Seiendem und Sein.

Glaube, Liebe und Hoffnung bezeichnen also noch nicht Eigenschaften Gottes, sondern sie sind Schwellen, auf denen ich auf das in diesem Leben unerreichbare Sein transzendiere. Trotzdem ereignet sich darin Wahrheit, denn Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen sinnlich Erfahrenem und dem Begriff. Doch dieser Begriff ist objektiv, gegen-ständig, nicht subjektiv, wie im Idealismus, was Bonhoeffer ja auch in „Akt und Sein“ ablehnt.

In diesem Sinne sind die Begriffe eine subjektiv-objektive bzw. material-formale Realität, in der sich Sein ereignet. Ob man das nun transzendental versteht oder existential, wie in Deinen Überlegungen, darin sehe ich keinen grundsätzlichen Unterschied. Im Existenzialen ist die empirische Ebene stärker beteiligt, wohl auch das Empfinden des „Stückwerks“. Letztlich bleibt die Identifikation mit Gott Glaubenssache im Sinne einer Annäherung an das Sein, auch wenn Thomas sie über das Kausalprinzip zwingend gegeben sieht. Erst wenn wir dieses Sein intuitiv schauen, d.h. wenn wir nicht mehr in der ontologischen Differenz stehen, dann gelangen wir zu den reinen Begriffen des Seins. Nach Thomas steht unser Intellekt dann frei von der Verwiesenheit auf die Materie und das Hinnehmen (passio) von Sinnes-Eindrücken im Akt, ist also eigentlich kein intllectus possibilis mehr.

Ob nun Thomas, Kant oder Heidegger: es geht nicht um das reine Schauen, sondern um das Licht oder die Lichtung, die sich in der Tätigkeit unseres Intellektes ereignet. Die Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung sind Abstrakta. Sie zwingen uns zum einen, die Defizite unseres Glaubens, Liebens und Hoffens zu erkennen, und zum anderen den Seinshorizont zu überschreiten und zu transzendieren. Paulus mag durch die Begegnung mit der hellenistischen Kultur von platonischen (und stoischen) Einflüssen geprägt worden sein. Aber die Begriffe sind noch nicht das Sein selbst. Dennoch stehen wir im Sein, ob wir es begreifen oder nicht. Grenzerfahrungen mögen uns das besonders bewusstmachen, und da mag Heidegger recht haben. Für die Seelsorge ist das jedenfalls ein lohnender und interessanter Gedanke. Vielen Dank dafür.

 

Thesen – Anschläge für heute, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu:

Friederike von Bünau, Hauke Hückstädt (Hg.): 95 Anschläge, Thesen für die Zukunft, Kuratoren: Andreas Barner, Johann Hinrich Claussen, Ines Geipel, Michael Krüger, Harald Lesch, Juli Zeh, Henning Ziebritzki, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, gebunden, 287 Seiten, SBN 978-3-10-397292-4, Preis: 20,00 Euro

Bazon Brock, geboren 1936, Konzept-Künstler und Hochschullehrer aus Wuppertal, formuliert einen der 95 Thesen – Anschläge.

Die Kritik Luthers an der „Werkfrömmigkeit“ von Seiten der Reformatoren sieht er parallel zur „Konzeptkunst“ des 20. Jahrhunderts, auch nach dem Vorbild von Joseph Beuys. Die Alternative Luthers zur kirchlichen Doktrin ist „sola scriptura“. Dies ist nach Bazon Brock eine Parallele zur „Begriffsarbeit“, die alle Lust erfahrbar machen kann.

Diese These mündet in einen Appell: „Schafft nicht Werke, schafft Probleme, damit wir etwas zu bedenken haben, was doch nur Staub mit Farbe darauf ist“.

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Predigt vom Verlorenen, Christoph Fleischer, Welver 2017

Predigt über Lukas 15, 1-10, die Predigt wird gehalten in Lohne und Bad Sassendorf am dritten Sonntag nach Trinitatis.

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? 5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Niklas Fleischer (c)
Liebe Gemeinde,

Zunächst sollten wir die beiden Gleichnisse aufgreifen. Jesus sagt ja, dass das zentrale Motiv bei beiden Vorfällen zu vergleichen ist, der Suche nach dem verlorenen Schaf und der Suche nach dem verlorenen Silbergroschen.

Ich versuche mir die Situation, die das verlorene Schaf betrifft, einmal genauer bildlich vorzustellen.

Zwei Hirten am Ende eines langen Arbeitstages, nennen wir sie Joseph und Jakob:

Joseph: „Wir haben noch zwei Tage vor uns, dann sind wir wieder an unserem Hof angekommen. Ich hoffe, dass wir den Weg ohne Schwierigkeiten zurücklegen, denn der Viehhändler will kommen, um uns einen Teil der Herde abzukaufen.“

Jakob: „Ich will schnell noch einmal gehen, um die Herde durchzuzählen. Hoffentlich sind alle Tiere mitgekommen.“

Kommt nach einer Viertelstunde zurück: „Du, Joseph, ich glaube, dass das schwarze Lamm zurückgeblieben ist. Ich glaube, dass ich den Weg zurückgehen muss, um nach dem verlorenen Tier zu suchen.“

Joseph: „Das ist zwar schade, aber wenn wir das machen, verlieren wir wertvolle Zeit. Wir müssen morgen weitergehen. Auf das eine Schaf müssen wir verzichten. Bestimmt ist es ja von einem Wilderer oder einem wilden Tier gefangen worden.“

Jakob ärgerlich: „Nein, das sehe ich nicht ein. Wir wollen kein Tier zurücklassen und kein Tier aufgeben. Ich möchte doch zurückgehen und das verlorene Schaf suchen. Jedes Tier gehört zur Herde. Wir dürfen auch das eine Schaf nicht so schnell verloren geben. Wenn ich es heute Nacht nicht finde, dann müssen wir es verloren geben, aber vorher nicht.“

Jakob geht den Weg im Mondlicht zurück. Nach vier Stunden findet er das Schaf allein an einer einsamen Stelle in der Wüste, nimmt es auf die Schultern und kehrt zurück.

Jakob: „Hallo Freunde, schaut her, ich habe es wiedergefunden, das schwarze Lamm. Es stand an einer einsamen Stelle und hat wohl den Anschluss verpasst.“

Joseph: „Danke, dass du dich doch auf den Weg gemacht hast. Wir freuen uns doch alle, dass die Herde wieder vollständig ist.“ Und lasst uns dann weiterziehen.

Ich meine, dass aus dieser fiktiven Schilderung hervorgeht, dass die Suche nach dem verlorenen Schaf ein selbstverständlicher Teil des Hirtenberufs ist. Der Hirte ist ja ein Landwirt, der insgesamt für die Tiere seiner Herde verantwortlich ist. Vielleicht muss er Verluste riskieren, aber zugleich doch alles dafür tun, diese Verluste so gering wie möglich zu halten.

Der Hirte ist ein Bild des Königs. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Das ist zwar nicht der einzige Psalm Davids, aber doch einer der wichtigsten. David ist der typische König, der sich für das Volk einsetzt. Er ist der gute Hirte, so wie Gott für ihn der gute Hirte ist.

Die Anfangsfrage des Gleichnisses zeigt doch, dass es einfach dazugehört, das verlorene Tier zu suchen, und auf die Schultern zu nehmen, wenn er es findet. Der Hirte, der ein Schaf auf der Schulter trägt, das ist der gute Hirte, der ein verlorenes Schaf gesucht und zur Herde zurückgebracht hat.

Das Gleichnis zeigt Jesu politische Verkündigung. Er kritisiert die gegenwärtigen Machthaber als schlechte Hirten, weil sie die Menschen aufgeben, die auf der Strecke bleiben. In der Erzählung des Lukas werden aus diesen verlorenen Menschen die ehemaligen Sünder, bei denen Jesu zu Gast ist und die zur Gemeinde gehören.

Interessant finde ich, dass das zweite Gleichnis bewusst von einer Frau handelt. Der Inhalt ist ja nicht viel anders als beim ersten. Aber der Akzent der Suche eines Silberstücks im Haus soll wohl bewusst einen anderen Teil der Zuhörerschaft ansprechen. Das, was beiden Gleichnissen gemeinsam ist, ist die Aussage, dass der Fund Freude auslöst. Um dieser Freude willen lohnt sich die Suche nach dem verlorenen Schaf und die Suche nach dem Silberstück.

Einen Hinweis habe ich bei Dietrich Bonhoeffer gefunden, den ich aus einer Andacht zitieren möchte. Bonhoeffers Andacht handelt ausschließlich von einem einzigen Wort: Freude.

„Gottes Wort schafft Freude in dem, der es aufnimmt. Es ist die Freude über die wiedergeschenkte Gemeinschaft mit Gott. Es ist die Freude über die Erlösung aus Furcht und Sünde. Es ist die Freude des Verirrten, der nach langer Nacht den rechten Weg wiedergefunden hat. Gott bereitet dem Menschen festliche Freude. Er ist selbst der Ursprung aller Freude, ja, Gott selbst kennt die Freude. […] An dieser Freude Gottes an der Erlösung und dem Glauben seines Volkes teilzunehmen sind wir geladen. Gottes Wort selbst ist voll dieser Freude Gottes, die bei uns anbrechen soll. Über die Fleischwerdung des Wortes Gottes in Jesus Christus steht die große Freudenverkündigung. […] Wo das Wort Gottes ist, da ist Freude. […] Vollkommene Freude ist das Geschenk des Wortes Gottes an seine Hörer. Gott will Freude. […] Gottes Wort ist der Ursprung aller Freude, und die Wege seiner Zeugnisse sind solcher Freude voll. Denn es sind die Wege, die Gott selbst gegangen ist und mit uns geht. Wo aber Gott mit uns ist, da ist Freude und diese Freude wird niemand von uns nehmen.“

(Dietrich Bonhoeffer, Predigten, Auslegungen, Meditationen, hrsg. Von Otto Dudzus, Chr. Kaiser Verlag München 1985, S. 423/424, Meditationen über Psalm 119, Fragment, 1939/1940).

Jesu Verkündigung zielt also bewusst auf die Freude Gottes. Diese steht aber wohl im Gegensatz zum Verhalten der schlechten Hirten, die sich um das Verlorene nicht zu kümmern scheinen. Die Frage der Zöllner und Sünder, die den Pharisäern und Schriftgelehrten in den Mund gelegt wird, ist die Frage danach, wozu Jesus die Gemeinschaft dieser Menschen sucht, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sind.

Es ist aber meines Erachtens keine schlichte Gnadenpredigt, sondern eine Aussage, die die Gnade Gottes in Beziehung setzt zu der Kritik derer, die Jesu Vollmacht nicht anerkennen wollen. Jesu Vollmacht besteht darin, im Namen Gottes Menschen zu heilen und ihnen die Sünden zu vergeben. Jesus will diese Menschen in die Gemeinschaft mit Gott zurückholen. Ja, er geht sogar noch weiter, denn er will, dass wir jeden Menschen als ein Kind Gottes ansehen.

In den Beispielen der Bibel stellt sich Jesus als der von gesandte Retter dar. Die Frage der Schriftgelehrten wird gelautet haben: Woran erkennen wir den Messias? Diese Frage wird von Jesus gestellt und zugleich beantwortet. Der Messias ist der gute Hirte, der Hirte, der die Freude Gottes verkündigt. Alle Menschen sind eingeladen, sich dem Bund Gottes anzuschließen. Jesus ist dagegen, die Gesetze so zu verschärfen, dass sie Menschen ausschließen. Jesus legt die Thora so aus, dass sie zum Leben hilft und kein Instrument der Ausgrenzung ist. Jesus scheut die Verbindung zu den Zeloten nicht, die die Fremdherrschaft bekämpfen, aber er plädiert dafür, die Verwirklichung des Reiches und des Friedens Gott selbst zu überlassen. Seine Macht liegt allein in seinem Wort. In ihm ist das Wort Gottes Mensch geworden.

Jesus nennt sich selbst ein Kind Gottes, um allen zu zeigen, dass sie ebenfalls Kinder Gottes sind. Er ist der Christus, der Gesalbte, um allen zu zeigen, dass sie in seinem Sinn als Gesalbte und von Gott gewollte Söhne und Töchter leben können. Er verheißt nicht die Verwirklichung der Macht, sondern das Wirken des Geistes. Gott ist die Liebe und damit ist Gott das Zeichen der Freude!

Ich wiederhole noch einmal den Roten Faden des Textes:

Was steckt hinter dem Vorwurf, der den Schriftgelehrten und Pharisäern in den Mund gelegt wird. Ich meine, dass man aus dem Satz den Auftrag Jesu entnehmen kann, hier in der Gestalt des Vorwurfs: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Jesus zeigt die Annahme der Sünder, weil er damit seinen eigenen Auftrag verbindet. Damit geht es weniger um die früher immer so beschworene Gesetzlichkeit, sondern um die Mitte der Botschaft Jesu, um seinen eigenen Auftrag.

Als Mensch ist Jesus der Sohn Gottes. Der Sohn Gottes ist im Alten Testament der rechtmäßige König in der Nachfolge Davids. Wenn Jesus sich selbst Sohn Davids nennt, bekräftigt er seinen Anspruch.

Jesus ist aber auch zugleich der Menschensohn, der bei Gott lebt, der vom Himmel gekommen und zu Gott zurückgekehrt ist. Alle Worte der Bibel sind immer auch Verkündigung des Auferstandenen, der zu Gott zurückgekehrt ist. Der Menschensohn ist also kein Mensch, sondern Gott selbst, ein Teil von Gott und eine göttliche Person.

Die Rückkehr der Sünder und die Freude im Himmel gehören zusammen. Die von Jesus beschriebene Sündenpredigt ist kein Mittel der Disziplinierung, sondern eine Verkündigung der christlichen Freiheit. Der Begriff Sünde kann und darf nicht gegen die Zusage der Freude Gottes ausgespielt werden. Wie bei dem verlorenen Groschen ist es die Freude vor den Engeln Gottes.

Die Kirche, die Gottes Wort im Namen Jesu verkündigt, ist dazu da, die Freude Gottes zu den Menschen zu bringen. Sie macht sich eher auf die Suche nach den Verlorenen als nach der Effektivität und dem Profit zu fragen. Sie ist nicht dazu da, den Menschen einen Handel anzubieten, durch den sie mit Gott ins Reine kommen, sondern zu verkündigen, dass Gottes Gnade umsonst ist, nicht von bezahlbaren oder praktizierbaren Bedingungen abhängig. Die völlig grundlose Freude Gottes, die Jesus bis zum Kreuzestod verkörpert, wird hier gepredigt und von Jesus auf die Urgemeinde übertragen. Kirche ist dazu da, den Menschen den Weg zu Gott ermöglichen und nicht dazu da, ihn zu versperren.

Die Buße, die Rückkehr zu Gott ist jederzeit möglich. Gott selbst sucht die verlorenen Schafe, in dem er Jesus, den guten Hirten schickt, der in der Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern Gottes Nähe und Barmherzigkeit verkündigt.

Und daraus wird deutlich, dass Jesus, wenn er im Wort gegenwärtig ist, auch die Freude Gottes in den Alltag hineinbringt. Jesus bringt keine Hinterwelt und keine Gegenwelt, sondern will diese Welt in der wir leben verändern. Er lässt sich von keinen Tabus und Vorurteilen davon abhalten, die Freude Gottes allen Menschen zusagen zu lassen. Daher steht die Kirche immer an der Schwelle zur Gesellschaft. Sie ist keine politische Partei, aber sie lädt dazu ein, sich einzumischen und sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Im Sinne unseres Textes ist es wohl doch eher der Einsatz für das Verlorene und die Verlorenen in der Welt, der zum Auftrag der Kirche gehört. Gemeint sind aber immer alle. Gemeint ist das Reich Gottes als Einladung für alle.

Amen.

Luther – reformatorische Thesen, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu: Martin Luther: Die 95 Thesen, Lateinisch/Deutsch, Mit Quellen zum Ablassstreit herausgegeben von Johannes Schilling, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19329, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2016, ISBN: 978-3-15-019329-7, Preis: 6,00 Euro

Für wen mag eine zweisprachige Ausgabe der 95 Thesen gedacht sein, für Schülerinnen und Schüler im Leistungskurs oder für Studierende oder einfach für Interessierte, die nur versuchen möchten, dem Sinn des reformatorischen Gedankens direkt auf die Spur zu kommen? Eine lateinische Ausgabe mit deutscher Übersetzung regt dazu an, Übersetzungsvarianten zu versuchen, die wörtlicher sind als die vorliegende interpretierende Übersetzung, die Johannes Schilling in der Tradition Martin Luthers hier bietet.

Historisch gehören die 95 Thesen in den Kontext des sogenannten Ablasshandels. Aber in welchem aktuellen Kontext sprechen sie heute? Ist es wirklich die reformatorische Botschaft von der Freiheit, wie auch immer sie verstanden sein mag? Und wenn Freiheit, in welcher Hinsicht sind wir frei geworden? „Luther – reformatorische Thesen, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Theothanatologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Peter Watson: Das Zeitalter des Nichts, Eine Ideen- und Kulturgeschichte von Friedrich Nietzsche bis Richard Dawkins, Aus dem Englischen von Amélie Barandis, C. Bertelsmann Verlag, Minden 2016, ISBN 978-3-570-10223-7, gebunden 768 Seiten, Preis: 29,99 Euro

Der Begriff „Theothanatologie“ kommt zwar in der Abhandlung des Autors, Wissenschaftlers und Journalisten Peter Watson (geb. 1943) erst auf Seite 487 vor, bestimmt hingegen den Inhaltsfaden eher als der zu Beginn behandelte Begriff des Nihilismus. Der ursprüngliche Untertitel hätte eigentlich in übersetzter Form lauten müssen: „Wie suchen wir das Leben nach dem Tod Gottes?“. Stattdessen ist in der deutschen Ausgabe im Untertitel nur von einer „Ideen- und Kulturgeschichte“ die Rede.

Es geht auch nicht um eine Geschichte des Atheismus, wie es die dort angezeigten Namen Nietzsche und Dawkins suggerieren, sondern es geht um die Erfahrung, dass der Glaube an Gott weitgehend verloren gegangen ist. Nicht der Kampf gegen den Atheismus ist die Ursache für dieses Vakuum, sondern eine Erfahrung im Kontext der Moderne, der mit dem Begriff Säkularisierung noch zu schwach bezeichnet würde. „Theothanatologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen