Luther aktuell gelesen, Rezension Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu: Alf Christophersen (Hrsg.): Luther und wir, 95 x Nachdenken über Reformation, Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-15-011084-3, kartoniert, 223 Seiten, Preis: 16,95 Euro

Privatdozent Dr. Alf Christophersen ist stellvertretender Direktor und Studienleiter für Theologie, Politik und Kultur an der Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e.V. In Wittenberg. Für dieses Studienbuch hat er 49 unterschiedliche Theologinnen und Theologen sowie andere Experten und Expertinnen gebeten, eine Stellungnahme zu Luthers Theologie zu verfassen, die diese in der Gegenwart fruchtbar macht. Dazu sind jeder Stellungnahme zwei Sätze aus dem Werk Luthers vorangestellt, die ein Thema vorgeben. Ich suche zur Rezension einige Texte exemplarisch heraus. „Luther aktuell gelesen, Rezension Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Emmanuel Carrère und das Reich Gottes, Notiz von Christoph Fleischer, Welver 2017

Bericht über ein Interview im Philosophie Magazin, August/September, Nr. 05/2017

Carrère schreibt im Kommentar über sein neues Buch: „Ein russischer Roman“: „Mir kommt es so vor, als würde ich, sosehr ich kann, zum ‚Guten‘ streben, wenn man darunter Empathie für den anderen versteht. Allerdings wird dieses Verlangen ständig von meiner Schwäche, meinem Egoismus, meiner Engstirnigkeit durchkreuzt.“ (Philomag, S. 69) Mit kommt bei dieser Formulierung Paulus in den Sinn, der eine ähnliche Erfahrung im Römerbrief benennt.

Einige Zeilen weiter erfahre ich, dass sich Emmanuel Carrère tatsächlich mit Paulus beschäftigt hat. Er sagt dazu im Interview: „Das ist exakt das, was Paulus erzählt: die Geschichte einer Besitzergreifung, einer Besessenheit. Wer da lebt, bin nicht mehr ich, es ist Christus, der in mir lebt.“ (S. 70) Worin liegt darin die besondere Botschaft das Paulus, so frage ich mich.

Paulus hat ein sehr besonderes Verhältnis zur Auferstehung Jesu, das ihn von den Evangelien unterscheidet. Er sieht die Auferstehung als „ein unglaubliches, nicht zu begreifendes Ereignis, […]das aber gleichwohl stattgefunden hat.“ (S. 71) Carrère verbindet diese Erzählung über Paulus mit dem eigenen Erleben. Er möchte nicht wieder gläubig werden, hat eher ein wenig Angst davor. Aber warum sagt er das? Ist es nicht inkonsequent, wenn man sich den Anfang des Interviews ins Gedächtnis ruft (s.o.)?

Deutlich wird das eher bei einem Ausflug in die Philosophie. Carrère findet an/mit Paulus gut, dass für ihn das gute nicht wie ein Rezept funktioniert, das man nur anzuwenden hat (vgl. Stoa). Vielmehr bekennt er sich zur Inkonsequenz nicht das zu tun, was ich will, sondern das, was ich nicht will, das böse.

Doch dazu gehört auch ein Wirklichkeitsverständnis, das die Gegenwart betont. So kommt er auf Nietzsche zu sprechen: Wenn dieser darin recht hat, „dass die Wirklichkeit das ist, was vor Augen steht und dass es dahinter nichts gibt“ (S. 72) Doch er gibt das Christentum nicht auf, auch wenn er keine Hinterwelt offenbart.

Das Interview scheint nun etwas auf der Stelle zu stehen und Themen nur anzureißen. Er kommt aber dann doch erneut auf Paulus zurück. Mit Paulus zu denken bedeutet, visionär zu leben.

Dazu gehört nun aber ganz offensichtlich auch die immanente politische Vision vom bevorstehenden Ende der Welt. Emmanuel Carrère sagt: „Ich neige zu der Ansicht, dass wir uns in einer vorher nie da gewesenen Situation befinden, die relativ kurzfristig zu einer weltweiten Katastrophe führen wird.“ (S. 73) Doch ist diese Situation zumindest gedanklich nicht auch die des Paulus gewesen? Hat er nicht auch in einem apokalyptischen Zeitalter gelebt, das mit dem Ende der Welt gerechnet hat?

Ich frage mich, was Emmanuel Carrère will, wenn er vom Reich Gottes schreibt. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich nur konstatieren, dass er zumindest im Interview nicht auf das Messianische oder das Judentum zu sprechen kommt. Müsste man nicht diese Erwartungen zwischen Reich Gottes und Weltuntergang berücksichtigen, wenn man einen Roman über die Bibel schreibt? Vielleicht habe ich ja doch noch einmal Zeit diesen Roman von Emmanuel Carrère zu lesen.

Nr. 5 / 2017

Eröffnung der 68. Frankfurter Buchmesse – Pressemitteilung

Komplexität im Publishing wächst / Gesellschaftliche Debatten um die Zukunft Europas prägen das größte internationale Branchenevent

Frankfurter Buchmesse 2015, Foto von Alexander Heimann

Kulturelle und politische Perspektiven übereinander zu legen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen, und vor allem die kreative Umdeutung an den Schnittstellen zu organisieren, darin liegt die wichtigste Aufgabe der Frankfurter Buchmesse. Nirgendwo auf der Welt kreuzen sich in einer knappen Woche so viele unterschiedliche Positionen: „Als größte internationale Messe für Inhalte ist die Frankfurter Buchmesse der Ort, an dem sich die Komplexität einer zunehmend vernetzten Welt, ihre Fragmentierung aber auch ihre Vielfalt deutlich ablesen lässt“, sagte Juergen Boos heute zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. „Personifiziert wird diese Neugier, diese fortwährende Suche nach einer neuen Sicht auf die Dinge (dem größeren Bild, the bigger picture), durch unseren Gast, den Künstler David Hockney.“ Hockney wird am Messemittwoch das neue THE ARTS+-Areal der Frankfurter Buchmesse mit eröffnen, wo ein neuer Ort zum Netzwerken und zum Handel mit kreativen Inhalten entstehen wird. „Eröffnung der 68. Frankfurter Buchmesse – Pressemitteilung“ weiterlesen

Kritische Würdigung Heideggers, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Peter Trawny: Martin Heidegger, Eine kritische Einführung, Klostermann RoteReihe, Vittorio Klostermann GmbH, Frankfurt/Main 2016, Softcover, 183 Seiten, ISBN 9783465042617, Preis: 17,80 Euro

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Peter Trawny (geb. 1964), Professor für Philosophie in Wuppertal und Leiter des Martin-Heidegger-Instituts, Wuppertal, ist Mitherausgeber der „Gesamtausgabe“ Martin Heideggers und hat die bisher erschienenen Ausgaben der „Überlegungen“ und „Anmerkungen“ herausgegeben, die als „Schwarze Hefte“ bezeichnet werden. Diese Schriften haben auch Heideggers Anknüpfung an den Nationalsozialismus und seine antisemitischen Aussagen gezeigt und für Peter Trawny dazu geführt, Heideggers Philosophie neu kritisch zu lesen. Auf diese Anforderung könnte der Untertitel der „Kritischen Einführung“ in Heideggers Philosophie zurückgehen. Aber warum erinnert Peter Trawny jetzt (erst) daran,  dass eine kritische Lesart Heideggers ebenso auch dazu geeignet ist, seine Philosophie insgesamt dennoch zu würdigen? „Kritische Würdigung Heideggers, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Gegenwartsbezug und religiöser Ernst: Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, Neuausgabe mit Register und Glossar, Nachword von Michael Brocke, Manesse Verlag, Zürich 2014, 780 Seiten, gebunden, ISBN 9783717523680, Preis: 29,95 Euro

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Die erste Buchausgabe dieses Bandes erschien 1949 und war damit in zweifacher Hinsicht historisch. Es war Martin Bubers Antwort auf die Shoah: Die Erzählungen des Judentums aus Osteuropa leben und in ihnen lebt das Judentum weiter. Das Buch ist sicherlich ein Lebenswerk Bubers, in dieser neuen Ausgabe auf dem Einband durch eine Grafik von Marc Chagall aufgewertet. Diese Neuausgabe enthält drei wertvolle Zugaben: Ein Stichwortverzeichnis wichtiger Namen und Begriffe, mit der sich gezielt exemplarische Kurztexte heraussuchen lassen, dazu ein Verzeichnis biblischer Bezugnahmen und das Nachwort des Judaisten Michael Brocke.

Nach der Lektüre des Nachworts wird die biographische Bedeutung und Einordnung der Erzählungen der Chassidim in das Werk von Martin Buber deutlich. Die Erzählungen, die Buber zum Teil schon gedruckt vorlagen und im Judentum Osteuropas verbreitet waren, wollte Martin Buber als lebendiges Zeugnis verstehen. Er hat die ihm vorliegenden Texte bearbeitet und eine Auswahl getroffen. Nicht die esoterische Botschaft der jeweiligen Rabbiner interessierte ihn, sondern die Betonung der Bedeutung der jeweiligen Zaddikim (Lehrer) selbst. In den Erzählungen reduziert Buber die Aussagen auf das Wesentliche. Michael Brocke schreibt: „Schaut man etwas genauer hin, sieht man die Stücke jeweils in ihrer Umgebung, so wollen sie oftmals zu zweit oder zu dritt gelesen werden. Sie sind einander unauffällig thematisch verwandt;“ (S. 756). „Gegenwartsbezug und religiöser Ernst: Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen