Dorothee Sölle Atheistisch an Gott glauben, Rezension von Christoph Fleischer

Zu: Dorothee Sölle. Atheistisch an Gott glauben. Walter Verlag Olten 1968.

Ob der Titel dieses Buches glücklich gewählt ist, mag dahingestellt sein, denn bereits der Untertitel „Beiträge zur Theologie“ zeigt, in welche Richtung Dorothee Sölle das Paradox atheistisch und glauben aufzulösen gedenkt. „Dorothee Sölle Atheistisch an Gott glauben, Rezension von Christoph Fleischer“ weiterlesen

Mit Albert Schweitzer undogmatisch an Jesus glauben – Christoph Fleischer, Werl 2010

Eine Notiz zu: Albert Schweitzer: Geschichte der Leben Jesu Forschung, Band 2, Siebenstern-Verlag München und Hamburg 1966, Schlußbetrachtung, S. 620- 630. „Mit Albert Schweitzer undogmatisch an Jesus glauben – Christoph Fleischer, Werl 2010“ weiterlesen

Martin Luther über den schwachen Glauben, hrsg. von Christoph Fleischer, Werl 2009

Martin Luther, 1531, in einer Predigt über Matthäus 8, 23-27 (Luther Deutsch, Bd. 8, S. 97ff):

Das zweite Stück ist von der rechten Art des Glaubens, wenn er in seinem rechten Werk und Kampf steht.
Es ist ein gering Ding, wenn man das Wort „Glauben“ hört; gleichwie unsere Widersacher unser lachen und spotten, wenn sie uns vom Glauben predigen hören. O, sagen sie, was ist Glauben? Dagegen aber halten sie viel vom freien Willen. Ich wollte ihnen aber wünschen, dass sie mit den Jüngern im Schiff gewesen wären und versucht hätten, was der freie Wille in solchen Ängsten und Nöten vermöchte.
Die Apostel haben´s hier fein gelernt, und der freie Wille hat hier schändlich bestanden. Es sei der Glaube bei ihnen so schwach und so gering gewesen, wie er wolle: wo dennoch ein solcher schwacher, geringer Glaube nicht gewesen wäre, so hätten sie des freien Willens halber verzweifeln müssen und wäre in den Abgrund des Meeres gesunken. Aber weil ein kleiner Glaube da ist, wie Christus selbst bezeugt, da er sagt: „Ihr Kleingläubigen!“ so haben sie eine Zuflucht, dass sie nicht ganz verzagen, und laufen zu Christus, wecken ihn auf und begehren seiner Hilfe.
So nun die, welche den Glauben haben, wie schwach und gering er auch sei, in Nöten nicht aushalten können und die Apostel nicht bestehen, wenn es um die letzten Atemzüge geht: was sollte denn ein freier Wille und menschliche Vernunft tun? Ich bekenne und sage auch, dass du einen freien Willen habest, die Kühe zu melken und ein Haus zu bauen, aber nicht weiter. Wenn du in Sicherheit und Freiheit sitzt, ohne Gefahr bist und in keinen Nöten steckst, lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Not gekommen ist und es weder zu essen noch zu trinken gibt, weder Vorrat noch Geld: wo bleibt hier dein freier Wille? Er verliert sich und kann nicht bestehen, wenn es darauf ankommt. Der Glaube aber steht und sucht Christus.
Deshalb ist der Glaube eine ganz andere Sache als der freie Wille. Ja, der freie Wille ist nichts und der Glaube ist alles, der freie Wille ist ein ohnmächtiges Ding, der Glaube aber ist´s ganz und gar nicht. Das sieht man hier fein an den Jüngern, welche in Gefahr sind. Da ist Trost, Freude und alles dahin. Das heißt auf gut Deutsch: Der Mensch vermag doch gar nichts, die Kraft aber ist Gottes. Was nun die Jünger versucht haben, das wird ein jeglicher zu seiner Zeit auch erfahren. Versuche es, so du keck bist, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pest, Krieg, Hungersnot kommt. Zur Pestzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da denkst du: Ach, Herrgott, wäre ich da oder da, könntest du dich hundert Meilen Wege davon wünschen, so fehlte es am Willen nicht. In Hungersnot denkst du: Wo soll ich zu essen hernehmen? Das sind die großen Taten, die unser freier Wille ausrichtet, dass er das Herz nicht tröstet, sondern je länger je mehr verzagt macht, dass es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.
Aber im Vergleich dazu ist der Glaube die Herrin und Kaiserin. Wenn er auch klein und schwach ist, so steht er dennoch und lässt sich nicht ganz zu Tode schrecken. Er hat wohl große Dinge vor sich, wie man hier an den Jüngern sieht. Wellen, Wind, Meer treiben hier alle miteinander zum Tode zu, das Schifflein ist ganz mit Wellen bedeckt. Wer sollte in solcher Not und tödlicher Gefahr nicht erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, er hält doch wie eine Mauer und stellt sich wie der kleine David wider Goliat, das heißt Sünde, Tod und alle Gefährlichkeit. Besonders streitet er aber ritterlich, wenn´s ein starker, vollkommener Glaube ist; ein schwacher Glaube kämpft auch gut, ist aber nicht so mutig.
Die Jünger im Schiff haben einen schwachen Glauben. Dennoch suchen sie Hilfe da, wo sie zu suchen ist, nämlich bei dem Herrn Jesus Christus, wecken ihn auf, schreien ihn an: „Herr, hilf uns, wir verderben.“ Der Herr nennt sie kleingläubig. Er bekennt damit, dass sie einen Glauben haben, aber es sei ein kleiner, schwacher Glaube. Denn wo sie gar keinen Glauben gehabt hätten, würden sie Christus in der Not nicht aufgeweckt haben. Dass sie ihn aber aufwecken, das ist ein Stück des Glaubens. Denn niemand kann Gott anrufen, besonders in der Not, er habe denn den Glauben. Ob nun in den Jüngern schon nur ein Fünklein des Glaubens ist, leuchtet er dennoch hervor und ergreift die Person, welche auch dem Tode gebieten kann. Denn dass sie rufen: „Herr, hilf!“ das sind des Glaubens Worte. Wo der Glaube stark gewesen wäre, würden sie sich vor dem Wind und Meer nicht entsetzt sondern gedacht haben: Wir wollen vor dem Wind und Meer wohl bestehen bleiben, gleichwie Jonas mitten im Meer, ja, in des Walfisches Bauch erhalten geblieben ist. Denn wir haben den Herrn des Meeres bei uns, und dieser unser Herr kann uns helfen und uns erretten, nicht allein über dem Meer, sondern auch in und unter dem Meer.
Darum ists eine große Gnade Gottes, wenn wir auch einen schwachen Glauben haben, dass wir nicht unter dem Haufen derer sind, die an Gottes Hilfe verzweifeln. Der freie Wille sieht allein auf das Gegenwärtige, der Glaube aber sieht auf das Künftige. Er hat wohl das Gegenteil allen Trostes, allen Heils und aller Freude vor sich, er sieht des Todes Zähne und der Hölle Rachen, dennoch ermannt er sich und hält sich an den Trost, es könne ihm noch geholfen werden, gleichwie hier die Jünger sich an des Herr Hilfe und Trost halten. Es ist beides zusammen, das „Wir verderben“ und „Herr, hilf!“. Aber das „Herr, hilf!“ gewinnt endlich und behält den Sieg.
Das ist des Glaubens Kunst, von welcher sich jedermann dünken lässt, er könne sie sehr wohl. Wer sie aber recht kann und erfahren hat, dem will in der Not alles zu enge werden. Umgekehr sind die, welche sich dünken lassen, sie haben einen starken Glauben, wohl kühne, freche, stolze Geister, solange das Meer stille und das Wetter schön ist. Wenns aber mit ihnen Dreck regnen und übel zugehen will, das fällt Mut, Trost und alles hinweg, und sie wollen schlechthin verzeifeln. Das ist der herrliche freie Wille.

Martin Luther in einer Predigt „Von dem Kämpfe Jakobs“ veröffentlicht in: Martin Luther in einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl, 2. Theil, Hamburg bei Friedrich Perthes Hamburg 1827, S. 140ff:

Die Anfechtung aber der Verzweiflung, die da pfleget mitunter zu lauffen, machet den Schmerzen und des Schrecken des Fleisches immer größer; nemlich, wenn ein solch betrübt Hertze klaget, dass es von Gott verlassen und verworfen sei. Das ist die letzte und auch die allerschwerste Anfechtung des Unglaubens und der Verzweiflung, damit die allergrössesten Heiligen pflegen versuchet zu werden. Und wer daselbst bestehen und beharren kann, der kommt zur vollkommenen Erkenntnis des Willens Gottes, dass er mit Jacob sagen kann: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen.“ Ich meynete nicht, dass es unser Herr Gott so gut mit mir meynete, aber ehe wir dahin kommen, wird es uns sauer. Darum ist nun die Lehre in dieser Historie offenbar und klar, nemlich, von den Anfechtungen der grössesten Heiligen, die mit grosser Süssigkeit schmecken, wie freundlich der Herr sey, Psalm 34,9. Ob nun wohl jedermann diesen schweren Kampf nicht fassen oder verstehen kann, so sind doch solche Leute deswegen nicht zu verwerfen.
Wiewol nun dieser Kampf nicht verstanden oder ertragen werden kann, denn allein von den Heiligen: so muß man doch diese Lehre und Trost haben, uns damit zu stärcken, dass wir vom Teufel nicht verschlungen werden; wiewol Gott getreu ist, der uns nicht lässet versuchen über unser Vermögen, 1. Korinther 10, 13. Denn das lehret uns dieses Exempel Jacobs, der zu diesem Kampf sehr schwach war, und wird doch gleichwohl nicht überwunden. Es hält sich aber Gott gegen ihn also, dass er es nicht erkennen kann, dass Gott der Kämpfer sey; er meynet, es sey ein Engelchen. Aber es ist Gott, der sich vernehmen lässet, dass er sein Widersacher sey, gleich als wollte er ihn töten, der Verheißung und des Segens berauben, und denselbigen seinem Bruder Esau geben. Und niemand kann mit Worten erreichen, was er werde für Gedanken gehabt haben. Aber solche Gedancken werden ihm ohne Zweifel eingefallen seyn: Was bin ich denn für ein armer, elender Mensch? Bin ich denn nur allein darzu geschaffen, dass ich immer Unglück haben soll? Muss ich denn allein immer ein Unglück über das andere haben und damit also geplaget werden, dass ich nimmer zur Ruhe kommen kann? Ist deoch kein elenderer Mensch auf Erden, denn ich bin. Ich sehe, dass mein Bruder Esau herrscht, triumphiret, zunimmt und groß wird mit grosser Herrlichkeit, mit grossem Gut, mit Kindern, KindesKindern und mit grossem Einkommen. Wie, wenn unser Herr Gott wäre anderes Raths geworden, mich verworfen, meinen Bruder aber zu Gnaden genommen hätte?
Dieses sind Jacobs Gedanken gewesen; es sind aber doch allein Gedanken geblieben. Denn derselbigen kann sich die Natur und der schwache Glaube nicht enthalten, gleichwie sie auch anderer Affecten und Bewegungen der Ungeduld, des Zornes und böser Lust nicht leichtlich ablegen kann. Aber man lasse es nur Gedanken bleiben, dass es keine gewisse Sprüche werden, die endlich schliessen und bestätiget werden durch unser Urtheil und Gewissen. Ich kann mich dessen nicht erwehren, dass mein Herz nicht sollte mit wunderlichen Gedanken und Anfechungen bekümmert und geplaget werden.

„Stärk‘ in mir den schwachen Glauben!“. Ein theologischer Traktat zur Ortsbestimmung kirchlichen Handelns. Christoph Fleischer Werl 2008

Die Notwendigkeit der Rede von Gott – Notiz zum Begriff des Glaubens bei Ludwig Wittgenstein, Christoph Fleischer, Werl 2009

Ludwig Wittgenstein schreibt in der Wiener Ausgabe des „The Big Typescript“ (Band 11 der Wiener Ausgabe, Springer Verlag Wien 2000, hier: Zweitausendeins. S. 264-268: „Abschnitt 84 Glauben. Gründe des Glaubens.“

Wittgenstein geht wie gewöhnlich vom umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes „Glauben“ aus und untersucht diesen auf logische Konsequenzen hin. Damit macht er in unterschiedlicher Hinsicht deutlich, was mit dem Wort „Glauben“ sprachlich gemeint ist.
Unter Glauben wird im Allgemeinen verstanden, dass jemand aufgrund seiner eigenen Erfahrung handelt, dass er sozusagen aus der Erinnerung Schlüsse zieht. Voraussetzung ist die sog. Introspection:
„Introspection nennt man einen Prozess des Aufrufens von Erinnerungen, das Vorstellen möglicher Situationen und der Gefühle, die man hätte, etc.. Introspection nennt man einen Prozeß/Vorgang/ des Schauens im Gegensatz zum Sehen.“ (Wittgenstein lässt hier manchmal mehrere Formulierungsmöglichkeiten nebeneinander gelten und trennt diese durch einen Querstrich.)
Er nennt dies auch konstruieren: „Man konstruiert hier nach dem Schema: „Woher weißt du, dass jemand im anderen Zimmer ist?“ – „Ich habe ihn drinnen singen gehört.““
Er versucht sich an einem anderen Beispiel, nämlich der Zahnschmerzen, wobei dies m. E: nicht einleuchtet, sondern zu einer Tautologie führt: „Ist, dass ich Zahnschmerzen habe ein Grund zur Annahme, dass ich Zahnschmerzen habe?“
Immerhin weist er damit hin, dass er einen Grund geben müssen, um zu glauben, beispielsweise dafür, sich an einer heißen Herdplatte zu verbrennen.
„Was für einen Grund habe ich, anzunehmen, dass mein Finger, wenn er den Tisch berühren, einen Widerstand spüren wird? Was für einen Grund, zu glauben, dass dieser Bleistift sich nicht schmerzlos durch meine Hand stecken lässt? Wenn ich dies frage, melden sich hundert Gründe, die einander gar nicht zu Wort kommen lassen wollen.“
Dass eben dieser Gedanke zugleich die Erfahrung von Wirklichkeit einschließt, zeigt gleich der nächste Satz: „Glaube ich, dass wenn ich auf eine Türe zugehe, ausdrücklich, dass sie sich öffnen lassen wird, – dass dahinter ein Zimmer und nicht ein Abgrund sein wird, etc.? Setzen wir statt des Glaubens den Ausdruck des Glaubens.“
Dies wird nun verallgemeinert: „Was heißt es, etwas aus einem bestimmten Grunde glauben? Entspricht es, wenn wir statt des Glaubens des Ausdruck des Glaubens setzen, dem, dass Einer/man/ den Grund sagt, ehe er/man/ das Begründete sagt?“
Der Glaube wird nun also damit in Verbindung gebracht, dass er im Zusammenhend mit Erfahrungen gebracht wird, den Gründen für den Glauben. Diese Gründe stammen aus Beobachtungen wie ein erneute Bespiel einer Schmerzerfahrung verdeutlicht.
Zusammenfassend nun: „Man möchte sagen: Wir schließen nur dann aus der früheren Erfahrung auf die zukünftige, wenn wir die Vorgänge verstehen (im Besitz der richtigen Hypothese sind). Wenn wir den richtigen, tatsächlichen Mechanismus zwischen den beiden beobachteten Rädern annehmen. Aber denken wir doch nur: Was ist denn das/unser/ Kriterium dafür, dass unser Annahme die richtige ist? – Das Bild und die Daten überzeugen uns und führen uns nicht wieder weiter – zu anderen Gründen.“
Hier wird wieder mal deutlich, dass Wittgenstein streng logisch argumentiert. Eine konsequente Fortführung der Beobachtungen würde einen anderen Begriff als den des Glaubens nach sich ziehen. Der Glaube tritt also dann zutage, wenn eine andere Möglichkeit der Begründung ausscheidet. Damit ist ganz deutlich, dass zum Begriff des Glaubens eine andere Wirklichkeitsdeutung führt, als zur anderen Form von Deutung, etwa eines Beweises oder eine Schlusses. Um dies deutlich zu markieren sagt er etwas weiter unten: „Denn wohlgemerkt: Gründe sind hier nicht Sätze, aus denen das Geglaubte folgt.“
Etwas zu glauben geschieht nicht aufgrund einer bewiesenen Tatsache, sondern einer Annahme: „Wenn man nun fragt, wie kann aber eine frühere Erfahrung ein Grund zur Annahme sein, es werde später das und das eintreffen, – so ist die Antwort: welchen allgemeinen Begriff vom Grund zu solch einer Annahme habe wir denn? Diese Art Angabe über die Vergangenheit nennen wir eben Grund zur Annahme, es werde eben das in Zukunft geschehen. – Und wenn man sich wundert, dass wir ein solches Sprachspiel/Spiel/ spielen, dann berufe ich mich auf die Wirkung einer vergangenen Erfahrung (dass ein gebranntes Kind das Feuer fürchtet).“
Ich verstehe dies nun im wissenschaftlichen Zusammenhang so, dass es auch Verfahren gibt, die vorläufig nicht mit einem Beweis abgeschlossen werden können, die aber aufgrund bestimmter Erfahrungen die Vermutung nahelegen, es könne zu einem Beweis kommen. So dass sich die Fortsetzung etwa einer Versuchsreihe auch ohne endgültige Beweise nahelegt. Für den Bereich der Religion, auf die Wittgenstein hier nicht zu sprechen kommt, ist dann nahezulegen, dass sich der Weg des Beweises per definitionem ausschließt, sodass der Vorgang des Glaubens ausreicht, von dieser Erfahrung der Wirklichkeit zu reden, die ganz wie oben beschrieben, sich aus Annahmen herleitet, die Erfahrungen von Wirklichkeit sind, da sie subjektive bezeugt werden können. Um einen Grund zur Annahme etwa der Wirklichkeit Gottes zu haben ist nicht ein Beweis notwendig, sondern die Bezeugung anderer, dass diese Dimension von Wirklichkeit subjektiv erfahrbar ist. Es ist keine andere Wirklichkeit, sondern es ist eine unbeweisbare Gestalt derselben Wirklichkeit. Diese Gestalt beruht auf der Prämisse dessen, dass eine Dimension der Wirklichkeit darin besteht, dass sie schlechthin unbeweisbar ist.
Folgerichtig schreibt Wittgenstein: „Aber eben nicht, als ob man sagen könnte/wir sagen wollen/: Für´s Glauben genügt eben weniger, als für das Wissen, – Denn hier handelt es sich nicht um eine Annäherung an das logische Folgen.“
Der Grund, der für das Glauben ausreicht ist im Folgenden als ein „guter Grund“ benannt. Die Beispiele sind allesamt aus dem Bereich der menschlichen Umgangsweise, aus der Erfahrung. Die Ebene der Nichtbeweisbarkeit, also der reinen Möglichkeit im Hinblick auf eine Wahrscheinlichkeit ist aus der Erfahrung genommen, die aufgrund des Begriffes des Glaubens offensichtlich sogar notwendigerweise ohne einen Beweis auskommen muss, da sich sonst eine andere logische Konsequenz daraus entwickeln würde.
Zum Schluss endet die Argumentation Wittgenstein sogar in einem logischen Beweis für die notwendige Unbeweisbarkeit der Erfahrungswelt, die einem Glauben zugrundeliegt. Sie macht aber zugleich deutlich, dass der Umgang mit einem Begriff des Glaubens immer eine wenig nach der Möglichkeit der Beweisbarkeit fragt, weil dies eben der entsprechende Umgang mit Erfahrung wäre, im Falle des Glaubens aber eben ausdrücklich nicht ist. „Wenn man sagt „die Furcht ist begründet“, so ist nicht wieder begründet, dass wir das als guten Grund zur Furcht ansehen. Oder vielmehr: es kann hier nicht wieder von einer Begründung die Rede sein. Wenn der Grund, etwas zu glauben, eine erfahrungsmäßige Beziehung wäre, so müsste man weiter fragen „und warum ist das ein Grund gerade für diesen Glauben“. Und so ginge es weiter.“
Wittgenstein, der genauso Mathematiker wie Philosoph war, orientiert sich am Umgang mit Sprache und wählt Beispiele aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, um darin auf Logik und auf das Denken hinzuweisen. Es geht in diesem Abschnitt ausdrücklich nicht um Religion, sondern um den Begriff des Glaubens allgemein in sprachlicher Hinsicht. Wittgenstein ist um des allgemeinen Verständnisses von Sprache um sprachliche Klarheit bemüht.
Diese Argumentation Wittgensteins ist hilfreich für den Umgang mit der Welt der Religion und dem Begriff des Glaubens. Sie zeigt: Glauben und Beweisbarkeit müssen sich gegenseitig ausschließen, sind aber einander verwandt. Es gibt Gründe für den Glauben aus dem Umgang mit vergangener Erfahrung, die zu einer Annahme führen, die auf das Verhalten eines Menschen einwirken kann. Sobald der Begriff des Glaubens von der diesem Vorgang innewohnende Unschärfe abweicht und eine Form der logischen Vergewisserung einführt, wird er unklar und dem Beweis gegenüber nicht mehr abgrenzbar. Wer etwa meint, die Wirklichkeit Gottes beweisen zu wollen, ist schon rein sprachlich auf dem Weg des Irrtums. Allerdings zeigt dieser logische Weg umgekehrt sogar die Notwendigkeit der Rede von Gott auf, als einer Dimension die unbeweisbar ist, sich darum aber trotzdem in Erfahrung, im Denken, Reden und Handeln der Menschen niederschlägt. Der Beweis der Notwendigkeit der Rede von Gott ist aber kein Beweis der Existenz Gottes. Er zeigt lediglich auf, wie der Vorgang des Transzendierens sprachlich funktioniert, was dann an Beispielen der religiösen Tradition und Sprachwelt zu verdeutlichen ist. Das ist Aufgabe der Theologie.