Ethik theologisch begründen, Rezension von Markus Chmielorz und Christoph Fleischer, Dortmund, Welver 2019

Zu: Michael Roth, Marcus Held (Hrsg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, Softcover 388 Seiten, ISBN 978-3-11-0565530-0, Preis (Broschur): 29,95 Euro, Link: https://www.degruyter.com/view/product/496279


Das Buch „Was ist theologische Ethik?“ enthält 22 Aufsätze und ist für das theologische Studium gedacht, wohl für ein Hauptseminar. Autorinnen und Autoren sind: Reiner Anselm, Peter Dabrock, Elisabeth Gräb-Schmidt, Marco Hofheinz, Klaas Huizing, Ulrich H.J. Körtner, Friedrich Lohmann, Torsten Meireis, Christian Polke, Cornelia Richter, Christoph Seibert, Sebastian Grätz, Ruben Zimmermann, Ulrich Volp, Stephan Weyer-Menkhoff, Volker Küster, Gerhard Kruip, Peter Fischer, Dorothea Ebele-Küster, Michael Roth. Das Inhaltsverzeichnis lässt sich auf der Homepage des Verlags einsehen. Daher wird die Rezension exemplarisch vorgehen und einen Aufsatz aus dem ersten Teil „Konzepte theologischer Ethik“ und zwei Aufsätze aus dem zweiten Teil „Beiträge zur theologischen Ethik“ und dem Schlussteil besprechen. (C.F./M.C.)

Anmerkungen zum Aufsatz von Elisabeth Gräb-Schmidt: Der Wirklichkeits- und Motivationsanspruch der Ethik (S. 41 – 42). (Rezensent Christoph Fleischer)

Schon aus der Überschrift des Aufsatzes geht hervor, dass die Frage nach der Relevanz von Ethik im Dialog steht mit der aktuellen und der traditionellen Philosophie. Ohne „Wirklichkeits- und Normativitätsanspruch“ dürfte Ethik kaum funktionieren. Im Kontext der Philosophiegeschichte ist die Ausschaltung des traditionellen Überbaus in Form der Metaphysik zu konstatieren, die in der Ethik zwangsläufig zu einem Begründungsproblem führt.

Religiöse und theologische Ethik steht somit vor der doppelten Herausforderung, der normativen Ausrichtung des Handelns einerseits und des Verhältnisses zur Realität andererseits.

Elisabeth Gräb-Schmidt illustriert dies offensichtlich am Erleben des Reformationsgedenkens, da bei ihr die Frage der Reformation zu einem Hauptkriterium wird. Zur Bedeutung der Reformation scheint vor dem Hintergrund der Frage nach Ethik der Rückbezug zur Bibel und zugleich die Frage nach einem plausiblen Lebensvollzug zu gehören. Kurz gesagt: nach Martin Luther folgt aus der Erfahrung der Liebe Gottes die Gnade und daraus die Freiheit christlicher Existenz aus dem Glauben.

Reformation zielt so bereits auf eine Art säkulare „Freiheit, die den Menschen Mensch“ sein lässt.

Um die Erfahrung des nachmetaphysischen Bruchs zu verdeutlichen, führt die Autorin Sören Kierkegaard an, der am Beispiel Abrahams Glaube gegen Ethik ausspielt. Für die Begründung der Ethik, bleibt allein die Ratio übrig. Allerdings entdeckt sie mit Kierkegaard auch hier die „Kommunikation zwischen Vernunft und Glauben“.

Nach dem Resümee der Grundlegung folgt die Auseinandersetzung mit theologischen Anfragen.

Reformatorisch gesehen fragt die Ethik: „Durch welche Handlung kann der Haltung des Glaubens entsprochen werden?“ (S. 52) Dem gegenüber wird in der aktuellen Situation aber wieder mehr nach Effizienz gefragt. Der passiven Reaktion vieler Menschen ließe sich mit Bonhoeffers Begriff der „Nachfolge“ als „Übernahme von Verantwortung“ begegnen.

Doch schon in der Rechtfertigungslehre der Reformation folgt auf Glauben das selbstverantwortliche Handeln. Glaube vollzieht sich so verstanden im „Kontext der Lebenshaltung und Lebensführung“ (S. 55). Erfahrungsorientierung ist also seit der Reformation längst an die Stelle der Metaphysik getreten. Dazu gehört nach Luther auch, die Gabe von Gottes Schöpfung dankbar zu bedenken.

Im Schlussteil nimmt Elisabeth Gräb-Schmidt den Dialog mit der Philosophie wieder auf, indem sie z. B. auf Emanuel Lévinas´ „ethische Theologie“ verweist: „Eine kritisch-neuzeitliche Subjektivität ist eine Autonomie, die sich nicht eigener Setzung verdankt.“ (S. 58)

Die gegenwärtige Herausforderung wird in Theologie und Philosophie eigentlich ähnlich empfunden. Sie ist eine Krise der Vernunft, die zur Wahrnehmung von Verantwortung nötigt. Dazu bedarf es mehr als einer metaphysischen Grundlegung einer narrativen Ethik, die dem in der Philosophie des 20. Jahrhunderts aufgekommenen Konzept der Phänomenologie entspricht: „So sind in einer als Kehre zum Existentialismus zu begreifenden Phänomenologie der Andersheit die französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten jenen Phänomenen der Transzendenz in der Immanenz auf der Spur, die solche der Ratio sich entziehenden Bezügen nicht mit Begründungsversuchen begegnen, sondern ihnen durch Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsstudien phänomenologisch deskriptiv zu Leibe rücken wollen“ (S. 59)

Anmerkungen zu:

III. Schluss. Michael Roth: Steckt die Ethik in der Krise? Abschließende Überlegungen zu der Frage, wie die theologische Ethik relevant werden kann (S. 355 -372) und

II. Beiträge zur theologischen Ethik. Dorothea Erbele-Küster: Biblische Anthropologie und Ethik. (S. 339 – 351). (Rezensent Markus Chmielorz)

Anlässe, Gründe und Ursachen, nach einer Antwort zu suchen auf die Fragen, die uns entgegenkommen unter der Überschrift von Ethik und Moral? Sie gibt es genug. Die Schriftstellerin Jagoda Marinic erinnert uns in der SZ vom 29.12.2018 daran, bevor wir’s wieder vergessen: „Im 21. Jahrhundert ‚darf‘ ein Rettungsschiff mit dreißig Menschen nicht in einen sicheren Hafen.“ Keine Woche zuvor sangen die im 21. Jahrhundert noch verbliebenen Christen in ihren Kirchen: „Christ der Retter ist nah …“

Michael Roth also fragt uns „Steckt die Ethik in der Krise?“. Krise ist ja bekanntlich etwas, das teilt und unterscheidet. Fast -könnte man sagen- fragt der Autor systemisch motiviert, wozu sie denn eigentlich gut sei, die Ethik und teilt „lebensweltliche Orientierungen“ von „ethischen Überlegungen“. Ethik ist also etwas für den Hörsaal und nicht für den Alltag vor der Tür? 

So stehe die Ethik vor einem Problem, weil „die Moral erodiert ist“. (S. 356) Doch der kluge Autor macht sich die Mühe einer Beschreibung unter dem Stichwort „Wertewandel“, bevor er in die kulturpessimistische Rede vom „Verfall“ der Werte einstimmen könnte. Und zu dieser Beschreibung gehört auch der Kontext der Moderne mit ihrem naturwissenschaftlich-positivistischen Weltbild. Nach MacIntyre sei der Hintergrund für moralische Rede verlorengegangen mit dem Untergang eines teleologischen Weltbildes.

Nacheinander seziert Roth Aussagen die, so könnte man sagen, das Nicht-Mehr-Moralische diagnostizieren. Was aber bedeutet das für die Ethik, also für die Begründung von Moral? „Menschliche Handlungen sind eingebettet in Geschichten“ (und in Geschichte), dieser narrative Zugang (oder der der sog. oral history) ermöglicht quasi die Rahmung menschlichen Handelns.

Tun wir etwas als Reaktion auf die Situation, in der wir leben? Oder tun wir etwas, um ein Prinzip zu verwirklichen? – „Warum hast Du diesem verletzten Menschen geholfen?“ (S. 362) Das ist vielleicht ein wenig ernüchternd und erhellend zugleich: „Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Normen keine Gründe für unser Handeln sind.“ (S. 363) Unser Handeln verweist vielmehr darauf, dass menschliches Leben durch und durch heteronom, situativ und narrativ ist. Nur: Wie kann daraus etwas allgemein Verbindliches entstehen?

Was für den einen ein Grund ist, ist für die andere noch lange keiner. Daraus wird bei Michael Roth quasi eine Rolle rückwärts des Humes’schen Gesetzes: „Hier [gemeint ist: in unserer alltäglichen Wahrnehmung, M.C.] gibt es keine Trennung zwischen einem Sein und einem Sollen, vielmehr nehmen wir in einem Sein unmittelbar das Sollen wahr – Wahrnehmung und Bewertung fallen zusammen.“ (S. 365) 

Das führt zu einer Pluralität der Welten, vielfaches Sein, vielfaches Sollen: „Im Streit verweisen wir auf je unterschiedliche Züge der Wirklichkeit.“ (S. 367) Und wir verweisen auf unterschiedliche Biographien, die auf unterschiedliche Kontexte verweisen. Ethik wird „perspektivisch“ (S. 369) und Ethik aus religiösem Glauben heraus ist eine Möglichkeit, Perspektive einzunehmen: „Glaube ist nicht ein bestimmtes Für-wahr-Halten von Aussagen über die Welt, sondern eine bestimmte Wahrnehmung der Welt.“ (S. 370). Richtig konstatiert der Autor am Ende, dass der Dissenz bleibt. Die unterschiedlichen Zusammenhänge, in denen Menschen sich orientieren, geben im 21. Jahrhundert keine eindeutige Antwort darauf, was zu tun sei mit einem Rettungsschiff mit dreißig Menschen auf der Suche nach einem sicheren Hafen: „Es besteht die nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass jemand sieht, auf was ihn ein anderer -aus welcher Perspektive auch immer- aufmerksam gemacht hat.“ (ebd.) – Ich sehe, wie die Hoffnung in der stürmischen See des mare nostrumuntergeht. 

Dorothea Eberle-Küster nimmt diese Perspektive aus dem Glauben ein, wenn sie ihre Erörterung überschreibt mit „Biblische Anthropologie und Ethik“. Auch sie fragt nach dem guten und richtigen Leben – genauer nach dem menschlichen Leben in Körperlichkeit und Zeitlichkeit. Hat sie Adorno’s Schriften zur Dialektik im Ohr, wenn sie schreibt, „die leibliche Existenz ermöglicht und begrenzt das Weltverhältnis und die (ethische) Erkenntnis“?

Damit gibt sie eine Begründung von Moral an und verfolgt diese in biblischen Texten: „Menschliches Agieren in der Welt sowie das rechte Gottesverhältnis vollzieht sich körperlich in der Zeit. Das bedingt die narrative Struktur menschlichen Daseins, von der die alttestamentlichen Texte ebenfalls zeugen“. (S. 340) 

Körperlichkeit, Relationalität, Geschlechtlichkeit sind die Begriffe, unter denen Kreatürlichkeit und Geschöpflichkeit bestimmt werden. Auch hier sind systemische Sichtweisen, die Beziehungsmuster abbilden und die aus der Säuglingsforschung bekannten Untersuchungen zur Heteronomie menschlichen Lebens nicht weit. Dass die Autorin die Geschichte von „Eva“ und „Adam“ als eine Geschichte der „Ambivalenz menschlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit“ (S. 343) erzählt und von Ambiguität spricht, ermöglicht ein notwendiges crossingzur Sozialpsychologie. 

Leiblichkeit wird die Brücke zum Ufer moralischen Handelns: „Die Entscheidungen im Herzen führen zu konkreten Taten.“ (S. 344) Und: „Der Ermöglichungsgrund der Handlung liegt im Herzen (…)“ (ebd.) 

Der Rezensent stellt sich an dieser Stelle ein Gespräch zwischen Roth und Eberle-Küster vor, in dem es um Prinzipien ebenso ginge, wie um die Leerstelle eines allgemein Verbindlichen, an der nun das Herz vernommen wird. Dahinter, könnte man sagen, steckt eine neue Formulierung der Krise von Dies- und Jenseits. Vielleicht ist das der eigentliche Kern, wenn es um Narrativität geht, an der das Theologische ins Recht gesetzt wird: „Von der Über-Lebensnotwendigkeit des Erzählens zeugen unterschiedliche biblische Texte.“ (S. 348) Genauer: Erst „im Herausbilden der narrativen Identität (im Prozess des Lesens) vollzieht sich die moralische Urteilsbildung, die verwoben ist mit den durch die Textstrategien konstruierten Normen.“ (S. 350) 

Identität als biographischer Prozess, moralisches Urteilen als hermeneutischer Prozess und heteronome Konstruktionen – theologisches Denken ist endlich durch die Moderne hindurchgegangen.

Notwendigkeit einer neuen Religion, Hinweis auf Christoph Quarch

Der Philosoph Christoph Quarch, von dem ich erst kürzlich ein Buch über Platon angezeigt habe, weist in seinem Silvestergruß auf die Notwendigkeit eines neuen Verständnisses von Religion hin und bezieht sich dabei auch auf Martin Heideggers Rede vom „letzten“ Gott.

Religion wird hier wörtlich verstanden als Rückbindung an das Sein, das nun mit Platon als Lebendigkeit gedeutet wird. Diesen Text antichristlich zu verstehen, greift zu kurz, denn zu den Referenzen gehört auch der Theologe Paul Tillich, dessen Theologie ohnehin noch nicht gänzlich zur Kenntnis genommen worden ist. Neben der integralen Theologie sollte die religionsphilosophisch geprägte als zukunftsweisend angesehen werden.

Ich teile hier gern den Link zum Aufsatz mit der Erlaubnis des Autors:

Christoph Quarch: Wurzeln im heiligen Sein dieser Welt

Gebete und Texte des Kirchenjahres in aktueller Sprache, Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2018

Stephan Goldschmidt: Denn du bist unser Gott. Gebete, Texte und Impulse für die Gottesdienste des Kirchenjahres, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2018, gebunden, 352 S., mit CD, ISBN 978-3-7615-6553-7, Preis: 32,00 Euro

Seit dem 1. Advent gilt die neue revidierte Perikopenordnung. Neben einer moderaten Modifikation der Lesungstexte unterscheidet sie sich von ihrer Vorgängerin vor allem, dass die altkirchliche Evangelien- und Epistelreihe aufgegeben wurde und nahezu ein Drittel der Texte aus dem Alten Testament stammen. So finden sich nach dem abgedruckten Wochenpsalm ein Text aus der jeweiligen der drei Gattungen, der verschiedenen Lesejahren zugeordnet ist. Da der Turnus von sechs Lesejahren beibehalten bleibt, folgen zusätzlich für jeden Sonn- und Festtag drei Predigttexte sowie weitere Perikopenvorschläge. Dazu ist bereits eine Fülle an Material erschienen.

Stephan Goldschmidt, der Geschäftsführer der Liturgischen Konferenz in der EKD, legt mit seiner Neuerscheinung einen liturgischen Wegbegleiter für das Proprium de Tempore des ganzen Kirchenjahres vor, in den eine 20 Jahre lange reiche Erfahrung mit dem Umgang und der Formulierung von Gebeten eingeflossen ist. Für jeden Anlass finden sich der Wochenspruch, die Textstellen des Wochenpsalms und der drei ersten Lesungen, die beiden Wochenlieder, ein Eingangs- und ein Schlusslied sowie zwei weitere Liedvorschläge aus dem Stammteil des EG oder dem Ergänzungsheft, die die beabsichtigte ausgewogene Mischung von traditionellem und neuem Liedgut weiterführt. Es folgt eine Meditation mit den Wochenpsalmen in aktualisierter Sprache, teilweise auch mit freien Texten, etwa am 8. und 10. (Israelsonntag/Gedenktag der Zerstörung des Tempels) Sonntag nach Trinitatis zum Thema „Klage“. Die Tagesgebete sind an Gott den Vater gerichtet und folgen im Wesentlichen dem klassischen Aufbau, lassen aber den trinitarischen Schluss vermissen.

Die Fürbitten bieten ein breites Spektrum an Gebetsanliegen, die auf das jeweilige Thema des Son- oder Festtages abgestimmt sind (etwa „Frieden“ in der Christnacht, „Geist Gottes“ zum 6. Sonntag nach Trinitatis, „Teilen“ zum 7. Sonntag nach Trinitatis und „Schuld und Vergebung“ sowie Fürbitte gegen Antisemitismus zum 10. Sonntag nach Trinitatis. Die einzelnen Fürbitten sind übersichtlich in Abschnitte gegliedert und Gebetsrufe lassen sich, sofern nicht vorhanden, individuell einfügen. Ein Impuls zum Sonntagsevangelium, das das Thema des Gottesdienstes vorgibt, rundet schließlich die Textsammlung ab.

Zur Christnacht und zum Altjahrsabend wird jeweils eine „Alternative Lesung“ mit verteilten Rollen angeboten, zum ersten Anlass als Verschränkung der bekannten Geburtserzählung nach Lukas in Verschränkung mit Prediger 3 (alles hat seine Zeit).

Das Erntedankfest ist nach dem 18. Sonntag nach Trinitatis angeordnet und entsprechend der Ordnung im Lektionar als erster Sonntag im Oktober ausgewiesen. Der Reformationstag folgt dem 21. Sonntag nach Trinitatis und der Letzte Sonntag im Kirchenjahr findet sich der neuen Ordnung entsprechend als Ewigkeitssonntag und als Totensonntag mit unterschiedlichem Proprium.

Der Leser hält passend zum Evangelischen Gottesdienstbuch einen Band mit Texten in aktueller, zeitgemäßer und inklusiver Sprache in Händen. So wird Gott im Tagesgebet zum 5. Sonntag nach Ostern „Vater und Mutter“ genannt oder am 3. Sonntag nach Epiphanias die verschiedenen Religionen und Kulturen in unserem Land bedacht.

Eine CD mit einer PDF aller Texte zum Kopieren ist beigefügt, zwei Lesebändchen erleichtern die Handhabe.

Dieses Werk will keine Predigthilfe ersetzen. Das übersichtliche und vielseitige Arbeitsbuch sollte als unentbehrliches Rüstzeug auf dem Schreibtisch des Liturgen/der Liturgin bei der Vorbereitung des Gottesdiensts nicht fehlen.

Leonard Cohen – „YOU WANT IT DARKER“. Zwischen Zweifel und Zuflucht, von Imke Schwarz

Mit diesem Beitrag möchte ich auf die Broschüre hinweisen: 

NOT DARK YET, Alter und Tod, Endlichkeit und Einsamkeit in Pop- und Rocksongs, 

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Verantwortlich: Arbeitsfeld Kunst und Kultur, Dr. Matthias Surall, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover, 2018

Chorgesang aus Männerstimmen, fernes, langgezogenes Uuuh-uh, wie Rufe aus dem Jenseits. Der Gesang verebbt, ein beschwörender Elektrobeat, Herztönen gleich, rollt langsam heran. Dann ein Stopp, als würde der Atem angehalten. Der Chorgesang schwillt wieder an. Eine brüchige, tiefe Stimme, wie aus einem Grab dringt sie herauf:  

If you are the dealer, I’m out of the game
If you are the healer, it means I’m broken and lame
If thine is the glory then mine must be the shame
You want it darker / We kill the flame

Als Leonard Cohen den Song „You want it darker[1]aufnimmt, ist er bereits von Krankheit gezeichnet. Nur mit Hilfe seines Sohnes Adam gelingt in den Privaträumen des kanadischen Musikers in Los Angeles die Aufnahme des letzten, gleichnamigen Albums. Es erscheint 19 Tage vor dem Tod Leonard Cohens am 7. November 2016. Die Songs zeugen von seiner Auseinandersetzung mit dem baldigen Ende seines Lebens und dem Ringen mit dem, was bleibt und letzte Gültigkeit hat. „You want it darker“ ist Eröffnung und Epizentrum des Albums, Präludium und Deutungsschlüssel zugleich für die weiteren Songs. Es ist das Gebet eines Zweiflers, ein atheistischer Psalm. Das lyrische Ich setzt sich dem göttlichen Du direkt aus und lehnt sich dagegen auf: „Wenn du die Karten gibst, bin ich aus dem Spiel“. Die göttliche Ordnung wird von diesem Menschen hinterfragt. Er entzieht sich ihrer und geht damit –  stellvertretend für viele Menschen – einen noch dunkleren Weg, als Gott ihn schon durch die Setzung von Alter und Tod bestimmt hat: „Du willst es dunkler – wir töten die Flamme.“ In der Gegenwart Gottes, vor dessen Herrlichkeit und dessen heilender Kraft wird der Betende seiner Freiheit gewahr, sich von seinem Schöpfer ab- oder ihm zuzuwenden. Er (oder sie?) benennt die Gefahren dieser Freiheit und der Abkehr von Gott. Der Begegnung mit Gott verleiht Cohen in seinem Song christologische Züge: Die Menschen ehren Gottes Namen und kreuzigen ihn zugleich. In jedem Menschen, der keine Hilfe erfahren hat, leuchtet Christus auf, wird Gott gegenwärtig. Klagt an. Auf der anderen Seite klingt die Theodizee-Frage an: Warum hat Gott nicht eingegriffen? Wo blieb seine Hilfe? Die Gottesbilder wechseln vom allmächtigen Schöpfergott zum ohnmächtigen Gott in Christus am Kreuz. Ganz so, wie das Individuum die eigene Macht und Ohnmacht erfährt. Leonard Cohen spielt in dem Song nach eigener Aussage auch auf das Schicksal von Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden an:  

Magnified, sanctified, be thy holy name
Vilified, crucified, in the human frame
A million candles burning for the help that never came
You want it darker

Die Suche nach Gott bzw. nach einer höheren Macht in der Dunkelheit und an den Bruchstellen des Lebens: Leonard Cohen hat sie ein Leben lang praktiziert. Geboren als Sohn einer jüdischen Textilhändler-Familie, ist er zeit seines Lebens auf einer spirituellen Reise, lebt sogar einige Jahre in einem Zen-Kloster. Er kämpft mit Depressionen, schreibt bereits in jungen Jahren Songs, die sich mit dem Ende des Lebens auseinandersetzen. In seinem wohl berühmtesten Song “Halleluja”[2]besingt er die Zerrissenheit, mit der ein Mensch vor Gott tritt, der Ruf des Halleluja erschallt als großes Dennoch: „It´s not a cry that you hear at night, it´s not somebody who´s seen the light, it´s a cold and it´s a broken Halleluja.“Schon hier zeigt sich die Haltung des Musikers, der sich und die Welt als fragil und gottverlassen erlebt hat. Dennoch bleibt er verbunden, hält fest an dem, der ihn geschaffen hat, klammert sich an den Ursprung des Lebens. Hier singt einer, der die Macht von Dämonen kennt. In „You want it darker“ erzählt er mit feinem Humor von seinem Ringen mit ihnen und wiederum von der (zwiespältigen) Freiheit, die ihm geschenkt ist:

I struggled with some demons
They were middle class and tame
I didn’t know I had permission to murder and to maim
You want it darker

Im Zentrum des Songs steht ein wiederkehrender hebräischer Ruf, der die Hingabe und Bereitschaft ausdrückt, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Er taucht im Alten Testament unter anderem auf, als Abraham seinen Sohn Isaak auf Gottes Geheiß opfern will. Dreimal bietet sich der Betende hier mit den Worten dar: Hineni – Hier bin ich. Er bringt Gott seinen Willen dar, beugt sich dessen mächtiger Präsenz: Einem Gott, der in biblischer Tradition hilflos ist und groß zugleich. Gekreuzigt, gemartert, wie vielleicht der Betende selbst: 

Hineni, hineni
I’m ready, my lord

You want it darker“ ist zum Vermächtnis von Leonard Cohen geworden. Für den Song ist er in mehrfacher Hinsicht zu seinen jüdischen Wurzeln zurückgekehrt: In der Zitation und Reflexion der Tora. In der Auswahl des Synagogenchores aus seiner Heimat Montreal, der den Gesang begleitet. Die jüdischen Einflüsse verschmelzen mit christlichem Gedankengut und weiteren Elementen aus einem breiten Strom philosophischer und religiöser Tradition zu einem musikalischen Testament: Letzte Worte eines Poeten, für den Melancholie niemals nur eine vorübergehende, selbstbezogene Stimmung war, sondern auch eine Haltung, mit der er als vergänglicher Mensch sich dem Unvergänglichen stellte. Ihm Zuwendung abtrotzte und Zuflucht suchte.

Im Dialog mit verschiedenen Zielgruppen lassen sich die Traditionen aufspüren, die in den Song eingeflossen sind. Die Transformation der Zitate und der Umgang Cohens mit seinem „Material“ bietet Anknüpfungspunkte für Gespräche im kirchlichen Kontext. Ebenso lässt sich der Song im Rahmen einer Passionsandacht verwenden – etwa in Kombination mit Jesu letzten Worten am Kreuz, die in ähnlicher Weise Zweifel und Gottverlassenheit vor den Schöpfer bringen. Collagiert mit weiteren biblischen Texten, z.B. aus dem Buch Hiob oder der Genesis (vgl. den „Hineni“-Ruf des Mose vor dem brennenden Dornbusch), wirkt der Songtext als ein Element im Gottesdienst. Leonard Cohens „dunkler Dialog mit dem Schöpfer“[3]ist ein Beitrag zu einer ars moriendi, wie sie in Zeiten der Verdrängung von Alter und Tod mehr denn je nötig erscheint: Die Kunst, sich den letzten Dingen zu stellen, mit ihnen in Zwiesprache zu treten und schließlich glauben und sagen zu können: „I’m ready, my lord.“ 


[1]Erschienen auf dem gleichnamigen Album 2016. Vollständiger Text unter https://www.songtexte.com/songtext/leonard-cohen/you-want-it-darker-1330b521.html. Abgerufen am 26. September 2018. 

[2]Erschienen 1984 auf dem Album „Various Positions“, vollständiger Text unter https://www.songtexte.com/songtext/leonard-cohen/hallelujah-7bdb72c0.html, abgerufen am 26. September 2018

[3]Titel des Beitrags von Gesa Ufer zu „You want it darker“ auf Deutschlandfunk Kultur, unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/leonard-cohen-you-want-it-darker-dunkler-dialog-mit-dem.1270.de.html?dram:article_id=370329

Predigt 1. Korinther 6, Christoph Fleischer, Welver 2018

Predigt über 1.Kor 6,9-14;18-20 (Lutherbibel 2017)

Diese Predigt halte ich in Möhnesee- Günne und – Völlinghausen am 8. Sonntag nach Trinitatis.

9 Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder 10 noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben.

11 Und solche sind einige von euch gewesen.

Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. 14 Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?

20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Gemeinde,

stammt das Wort Moralapostel etwa von Menschen, die den Paulus im Blick haben? In der heutigen Zeit kommen die Empfehlungen des Paulus so an, als würden sie nicht in die Zeit passen. Ist es nicht gerade eine solche Moral, die indirekt sogar dazu geführt hat, den Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche so lange unter dem Tisch zu halten?

„Predigt 1. Korinther 6, Christoph Fleischer, Welver 2018“ weiterlesen