Ontologie mal anders. Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2018

Zu:: Rainer Marten: Denkkunst. Eine Kritik der Ontologie, Um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018, 311 S., Softcover, ISBN 978-3-495-48872-0, Preis: 32 Euro.

Nach dem Ende der großen ontologischen und metaphysischen Entwürfe im 20.Jahrhundert geht Rainer Marten, emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Freiburg i.Br., einen ganz eigenen Weg. Schon Karl Rahner hatte sich mit seinem transzendental-metaphysischen Ansatz von der traditionellen Deduktion apriorischer Gegebenheiten gelöst, verblieb aber im Gegenüber von Subjekt und Objekt. Marten löst sich aus dieser Spannung als der Bedingung für erkennendes Sein.

Als logosbegabtes Wesen trägt der Mensch dieses Sein vielmehr in sich selbst und bringt es und damit sich selbst zur Sprache. „Denken und Gedachtes unterscheiden sich nicht mehr als Subjekt und Objekt, weder herrscht die Subjektivität noch die Objektivität vor.“ (S. 115).

Dabei beruft sich Vf. auf Heidegger, Platon, aber auch den idealistischen Freiheitsbegriff Schellings. Die herrschaftsfreie Relation zwischen Subjekt und Prädikat eröffnet den Blick für einen diskursiv-intersubjektiven Austausch. Der Ontologe als Welterklärer und Orientierungshelfer (S. 16, 30 u. ö.)hat ausgedient; ein rein formal-wissenschaftliches Verständnis der Welt hat nicht nur Engführungen erzeugt, sondern auch in die Einsamkeit geführt, die durch die Wiederentdeckung des Mythos aufgebrochen und in die Freiheit entlassen werden können.

Der Mensch als denkender (endlicher) Geist ist zugleich setzendes Subjekt. Das Endliche ist kein zu übersteigendes Aposteriori (185), sondern es erscheint in seiner besonderen Ausprägung als ein Teil des Unendlichen (233).

Dementsprechend ist Gott, der nie vollständig erfasst werden kann, nicht an das Sein gebunden, er ist nicht einmal das absolute Sein, sondern der „Katalysator“ (235) zwischen Hohem und Tiefen, zwischen Endlichem und Unendlichem, der das Zusammenspiel beider Seiten in sich birgt. Das Denken des (menschlichen) Geistes ent-birgt (a-letheia) diesen Zusammenhang, bewahrt aber zugleich seinen Zauber, indem es ihn nicht im Blick auf ein absolutes Unendliches entleert. Anders gesagt: Denken ist nicht Seinsdenken, sondern Wesensdenken, und damit Identitätsdenken (266). Damit entspricht das Tun des Noetikers der kreativen Arbeit eines Künstlers. Nicht das fertige Kunstwerk zählt, nicht einmal die Deutung des Künstlers, sondern die Interpretation des einzelnen Betrachters im Austausch mit Seinesgleichen. Nach Platon ereignet sich Wahrheit, wenn das Gedachte mit dem Kunstwerk übereinstimmt. So ist nach Marten „das wahreSein…jeweils gedachtesund vom Denken getroffenes Sein“ (272).

Für die praktischen Implikationen dieses Ansatzes hält Vf. ein anschauliches Beispiel bereit: Blochs Rede von Utopie darf nicht finalistisch als Erkenntnisprinzip, sondern als Stilmittel verstanden werden. Sie ist „kein real gemeintes Versprechen“ in der Endzeit (252), sondern eine Heimat für konkret gemeinte oder gedachte individuelle Ereignisse in ihrer geschichtlichen Gestaltung. Damit entzieht sich die Utopie totalitärem Denken, das, universalistisch verschleiert, seine Opfer fordert.

Denkkunst unterliegt also nicht der Beliebigkeit, sondern dient dazu, „eine eigene Möglichkeit des Denkens wahrzunehmen, …um sich des Denkens selbst anzunehmen“ (282). Sie gibt keine fertigen Deutungen vor, sondern eröffnet den Raum für solche, die immer wieder revidierbar sind.

Der Ansatz Martens wird dem neuzeitlichen Pluralitätsdenken gerecht. Ansichten werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einen Dialog miteinander gebracht. Nicht das Ziel führt zum Denken, sondern das Denken versteht sich als zielorientiert. Dieser radikal subjektivistische Ansatz wirft apriorischen Ballast ab und ist betont freiheitsorientiert, die Kritik der menschlichen Urteilskraft wird konsequent weitergeführt.

Das wirft allerdings auch Fragen auf. Wenn Seiendes und Sein nicht mehr qualitativ, sondern nur noch graduell unterschieden werden, verwischt sich dann nicht die Grenze zwischen Wahrgenommenem und Gedachten, ist dann ein „Woraufhin“ überhaupt noch denkbar und – zumal in einer größeren Gemeinschaft – kommunizierbar? Den jeweils anderen in seinem Denken zu verstehen heißt noch nicht, seine Werte zu teilen, auch wenn man sich einer gemeinsamen Geschichte bewusst ist.

Theologisch gesprochen heißt das in Anlehnung an Heidegger: wenn Gott zum vermittelnden Prinzip des individuellen sich um sein Seinsverstehen bemühenden Daseins wird, wird dann nicht doch wieder einem Pan(en)theismus die Tür geöffnet?

Die Krise des Subjekts ging mit dem Auseinanderbrechen der Subjekt-Objekt-Beziehung einher. Das Subjekt musste sich erst wieder neu (er)finden. Das kann nicht geschehen durch das bloße Postulat der Freiheit. Das herrschaftsfreie selbstbestimmte Subjekt hat seine Definitionshoheit erlangt, aber hat es dadurch auch gelernt, sich selber besser zu verstehen?

Schwaches Denken in der Theologie? Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu: Rebekka A. Klein, Friederike Rass (Hrsg.): Gottes schwache Macht, Alternativen zur Rede von Gottes Allmacht und Ohnmacht, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, Softcover, 250 Seiten, ISBN: 978-3-374-04877-9, Preis: 34,00 Euro

Ist die Beobachtung der Philosophie richtig, dass die Kritik der Gottesfrage in der Metaphysik, wenn diese zu einem Gottesbild der Allmacht führt, in der Theologie zu diskutieren und aufzunehmen sei und wenn ja, wie? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Workshop am 12. und 13. Mai 2016 in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das hier vorliegende Buch der Professorin Rebekka Klein (Bochum) gemeinsam mit Dr. Friederike Rass (Tübingen) dokumentiert die Beiträge des Workshops. „Schwaches Denken in der Theologie? Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2018“ weiterlesen

Fachgespräch über Martin Heidegger, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu:

Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer, Philippe Lacoue-Labarthe: Heidegger. Philosophische und politische Tragweite seines Denkens, Das Kolloquium von Heidelberg, Mit einer Notiz von Jean-Luc Nancy, Herausgeberin der französischen Ausgabe: Passagen, Mireille Calle-Gruber, aus dem Französischen von Esther von der Osten, Hrsg. Von Peter Engelmann, Passagen Verlag, Wien 2016, ISBN: 978-3-7092-0203-6, Softcover, Seiten 146, Preis: 19,90 Euro

Das Buch ist mehr als eine bloße Dokumentation des Ereignisses in Heidelberg am 5.2.1988, eines binationalen Fachgesprächs in französischer Sprache mit den Philosophen Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer, Philippe Lacoue-Labarthe. Jean-Luc Nancy stellt das Gespräch in den Kontext des Diskurses über die Herausgabe der „Schwarzen Hefte“ mit der Erkenntnis, dass die Debatte vor knapp 30 Jahren inhaltlich über die Neuigkeiten kaum einzuholen oder gar zu überbieten ist. In diesem Zusammenhang ist auf die insgesamt 81 Anmerkungen hinzuweisen, die zumeist mit Literaturhinweisen die Möglichkeiten weiterer Beschäftigung mit dem Thema „Kontext der Philosophie“ einladen. „Fachgespräch über Martin Heidegger, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Heidegger als Nationalsozialist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu: George Leaman: Heidegger im Kontext, Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen, aus dem Amerikanischen von Rainer Alisch und Thomas Laugstien, Argument Sonderband AS 205, Argument-Verlag 1993, 101 Seiten, ISBN: 3-88619-205-9, Preis 10,74 (neu)

Das Buch ist eine Darstellung des Engagement Heideggers im Nationalsozialismus. Es ist ein doppelter Import, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, die eine Zusammenfassung des französischen Buches von Victor Farías ist: „Heidegger und der Nationalsozialismus“ (1987 dt. 1989, hier S. 9). Dies gilt aber nur für den Text zu Heidegger ab S. 109. Der erste Teil ist eine tabellarische Aufstellung aller Universitätsphilosophen, egal ob sie verfolgt wurden, unpolitisch waren oder sich nationalsozialistisch engagiert haben. Obwohl er zu Heidegger nicht viel Neues bietet, ist dieses Buch angenehmer als das von Farías, einfach nicht so weitschweifig. Es geht aber, wie dort, hauptsächlich um die ersten Jahre der NS-Zeit. Viele posthum erschienenen Werke, wie die „Beiträge“ oder die „Schwarzen Hefte“ bleiben editionsbedingt unerwähnt. Auch auf die Nietzsche-Edition geht Leaman nicht ein. „Heidegger als Nationalsozialist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Existenzialisten mit/ohne Heidegger? Christoph Fleischer, Welver 2017

Notiz zur Sonderausgabe des Philosophie Magazins „Die Existenzialisten“, erschienen am 9.11.2017

Ich verzichte auf den Blick das Inhaltsverzeichnis, da dieses auch schnell über die Internetseite des Philosophie Magazins zu erhalten ist (http://philomag.de/die-existenzialisten-lebe-deine-freiheit/), und werde ich Folgenden meine Notizen zu den Artikeln von Hannah Arendt und Peter Trawny veröffentlichen.

Der hier abgedruckte Aufsatz von Hannah Arendt (1906 – 1975) „Französischer Existenzialismus“ ist bereits 1946 erschienen und bietet so ein zeitnahes Bild des Existenzialismus. Der Aufsatz befasst sich besonders mit Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Dieser Aufsatz erscheint in diesem Heft erstmals in deutscher Sprache. Interessant ist, dass eine philosophische Richtung in Gestalt von Literatur erscheint, indem beide als Schriftsteller bzw. Schauspielautoren hervortraten und nicht als wissenschaftliche Philosophen. „Existenzialisten mit/ohne Heidegger? Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen