„Integrales Christentum“ – quergelesen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu: Marion Küstenmacher: Integrales Christentum, Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz, mit Illustrationen von Werner Tiki Küstenmacher, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, gebunden, 445 Seiten, ISBN: 978-3-579-08547-0. Preis: 24,00 Euro

Zunächst möchte ich einen Eindruck mitteilen: Marion Küstenmacher, Lektorin und Autorin mehrerer Bücher über Mystik und Spiritualität, lässt neben der Darstellung des „integralen Christentums“ immer wieder ein zweites Thema mitlaufen, dem wir sicherlich auch ihr unermüdliches Engagement verdanken. Dieses Thema ist die Sorge um das Christentum in Kirche und Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft. Sie gibt sich dabei eine Art Schiedsrichterrolle, die ihr aber steht, wenn sie etwa schreibt: „Die fehlende Abendmahlgemeinschaft der beiden großen Konfessionen verletzt Jesu Botschaft und Liebe fundamental und ist durch nichts zu entschuldigen.“

Bereits in diesem Zitat leuchtet auf, dass sie nebenbei immer mal mit Jesu Leben und Botschaft argumentiert, die für sie in Liebe und Toleranz gipfelt. Doch da diese Frage nach Jesus nur ein Querschnittsthema ist, wird sie argumentativ nicht ausdifferenziert, was wohl auch dem Bemühen geschuldet ist, für verschiedene christliche Standpunkte Anschlussfähigkeit zu signalisieren.

Die Lehre des Buches signalisiert hingegen zunächst Distanz zum Christentum. Hier ist zuerst die Rede von Holons und Quadranten, Grundannahmen der Entwicklungspsychologie und der Kommunikationsforschung.

Aus Auffassung von Holons ist recht hilfreich, weil sie aufzeigt, dass die dann folgende und aus „Gott 9.0“ bekannte Stufenlehre dadurch auf Durchlässigkeit hin formatiert ist. Die stufen sollen also kein Pyramidenmodell eines Aufstiegs bezeichnen. Sondern vielleicht eher wie Segmente eines Kreises wirken, die sich immer auch miteinander denken lassen. Ob die von Ken Wilber übernommene Argumentation nicht trotzdem zum Teil evolutionär argumentiert und damit eine Art Fortschrittsgedanken enthält, sei dahingestellt. Immer wieder schlägt auch eine Art Hierarchie durch, so dass das Konzept „integrales Christentum“ auf mich doch wie eine Art postmoderner Metaphysik wirkt, die sich nicht in einem Entwicklungsmodell der Religionspsychologie erschöpft.

Um die Stufenlehre hier kurz zu skizzieren, zitiere ich eine Tabelle in Kurzform:

  • Beige – archaisch
  • Purpur – magisch-animistisch
  • Rot – impulsiv-egozentrisch
  • Blau – absolutistisch
  • Orange – aufgeklärt-demokratisch
  • Grün – relativistisch-pluralistisch
  • Gelb – systemisch-synthetisch
  • Türkis – integral-holistisch
  • Koralle – super integral

Meine Frage an das Buch ist, ob die Bemühung um Unterscheidung und Abgrenzung mit dem Bestreben nach Zusammenschau und Ergänzung zusammengehört. Dafür mache ich nun im Buch einen großen Sprung und lese das Kapitel über die Bibel, Teil 1: „Die Bibel als Buch der Gotteserfahrungen“.

Die Farben Beige und Purpur werden nur ganz knapp behandelt.

  • Beige: Es handelt sich dabei um das Bedürfnis nach Segenshandlungen oder Bibelworte als Bestätigung: „Menschen in höchster Not klammern sich an ein Bibelwort, das ihnen plötzlich in den Sinn kommt.“
  • Purpur: Hier geht es vor allem um die Wunder. Diese Einstellung sieht allgemein gesagt in der Bibel ein magisches Objekt.
  • Rot: Schon etwas ausführlicher erklärt dieser Abschnitt das Ziel der Bibellektüre als „heroisches Manifest religiöser Selbstbehauptung“.
  • Blau: Der Abschnitt Blau tendiert dazu, die Vereinheitlichung der Bibel als Kanon zu thematisieren. Hier kommt die Erfindung des vierfachen Schriftsinns und die „lectio divina“ zum Tragen, Methoden der Bibellektüre, die recht einfach vom Bibeltext zur Anbetung führen.
  • Orange: Die historische Exegese bringt die religiöse Resonanz der Bibel zum Schweigen und trägt zur Erosion des Glaubens bei. Das ist insofern fatal, weil die Ergebnisse der Exegese im Blick auf die Texterforschung phänomenal sind. Faktisch bleibt durch diese Ignoranz die mythische Bibeldeutung in der Kirche dominant. Wer andere Ansprüche hat, wird heimatlos.
  • Grün: Die Überwindung der historisch-kritischen Exegese geschieht hier durch eine gruppendynamische Ebene, die erfahrungsorientiert ist. Dies kann ein Zitat verdeutlichen, in dem Marion Küstenmacher von einem interreligiösen Bibliodrama berichtet: „Meine christliche, damals noch mehr von […] Theologie geprägte Sicht auf den Text als Sündenfall wurde durch die Interaktion mit einer jüdischen Mitspielerin in Exodusmut verwandelt: Wir waren plötzlich keine Sünder mehr […].“
  • Gelb: Die Stufe Gelb weist auf eine andere Spur der Bibel. Gelb liest die Paradoxien der Bibel als Herausforderungen, die zur „Möglichkeit authentischer spiritueller Erfahrung“ führt. Jesus und Paulus werden als Mystiker gelesen.
  • Türkis: Kurz gesagt durch ein Zitat: „Die Bibel ist ‚eine Lichterkette weitergesagter Gotteserfahrungen‘ (Jörg Zink).
  • Koralle: Fehlanzeige. Diese Stufe wird hier nicht ausgeführt. Dies zeigt mir eine Problemanzeige, die darin liegt, dass die Ausdifferenzierung der letzten drei Stufen offensichtlich nicht ganz funktioniert. Zwischen „spirituellen Erfahrungen“ und „Gotteserfahrung“ liegt kein wirklicher Unterschied. Vermutlich ist „systemisch“ und „integral“ in praktischer Hinsicht nicht zu unterscheiden. Aus Gott 9.0 wird hierdurch Gott 7.0.

Fazit: Ich würde jetzt zurückgehen und mir die Darstellung der einzelnen Farbabschnitte einmal genauer ansehen, allerdings mit der kritischen Frage, ob es sich letztendlich wirklich um 9 Stufen handelt. Neben der Frage, ob es zwischen den Stufen 7 und 9 eine grundsätzliche Differenzierung gibt, scheinen mit auch die ersten beiden Stufen die beiden Seiten einer Medaille darzustellen, eines magischen Verständnisses, dass dann dem Text gegenüber zu solchen Bedürfnissen nach Schutz und Bestätigung führt. Weiterhin scheint mir der Abschnitt Orange mit seiner rational-kritischen Frageform im Grundansatz nun herauszufallen, anstelle ihn auch als Voraussetzung für weitere Stufen anzusehen. Konkrete Formen integraler Exegese wären dann auch noch zu entwickeln.

Garten-Mystik, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu:

Marion Küstenmacher: Der Seele einen Garten schenken, Vom Zauber der Blumen und einfachen Dinge, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, gebunden, 221 Seiten, ISBN 978-3-579-08658-3, Preis: 17,99 Euro (print)

Die kurzen Artikel zu den Themen des Gartens sind alphabetisch geordnet. Der Bezugsort ist für die Autorin Marion Küstenmacher zunächst der eigene Garten und nicht ein fiktiver. Marion Küstenmacher stellt immer wieder Bezüge zur eigenen Gartenarbeit her. Dazu einige Beispiele:

„Aber ich liebe es auch, einfach auf der Bank zu sitzen und eine schöpferische Pause einzulegen.“ (S. 25)

„Fünf große Birken im Garten zu haben, noch dazu so nahe am Haus wie bei uns, das ist nicht einfach.“ (S. 31)

„Die Nordseite unseres Hauses wird von einer vielstämmigen Esche beschirmt.“ (S. 46)

Das Ziel des Buches besteht darin, diese einfachen Beobachtungen zu Blumen und Pflanzen, zu Gartenarbeit und Muße in einen Lebensbezug zu bringen wie in den folgenden Sätzen:

„Die Scherben der Vergangenheit braucht man weder zu verachten noch zu verleugnen.“ (S. 35)

„Vielleicht lieben wir die hässliche Brennnessel so wenig, weil sie uns an unsere eigenen hässlichen und feindseligen Anteile erinnert.“ (S. 38)

Von solchen lebensbezogenen Gedanken gehen die Beobachtungen und Gefühle weiter über zu Gedanken der Lyrik, der Mystik, der Weisheit und der Theologie. Es heißt etwa:

„Was eben noch so schmerzlich brannte, schützt jetzt und lässt die guten Seelenkräfte der Liebe und Verbundenheit wachsen.“ (S.39/40)

Ich musste bei der Lektüre an das Wort des Angelus Silesius denken: „Die Ros’ ist ohn’ Warum. Sie blühet, weil sie blühet.“ Nein, Marion Küstenmacher zitiert diesen Satz nicht. Bei ihr geht es bei der Rose um eine Tradition des Schweigens. „Mystiker nennen diese von der Rose geübte Kunst das Zwiegespräch des Schweigens.“ (S. 154)

Das Buch ist ein kundiger Weg durch den Garten und zugleich eine Einführung in den Denkweg der Mystik.

Advent – zwei alternative Zugänge, Rezensionen von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Martina Kaiser: Den Advent neu erleben, Ankommen in meiner Freiheit, AURUM in J. Kamphausen Mediengruppe, Bielefeld 2016, gedruckt auf 100% alterungsbeständigem Altpapier, 110 Seiten, ISBN 978-3-95883-089-9, Preis: 14,95 Euro

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Und: Hans Scheibner: Wer nimmt Oma? Weihnachtssatiren, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 14. Auflage 2011, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 978-3-8319-0133-3, Preis: 14,95 Euro

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Neulich las ich auf einer Facebook-Seite für Pfarrerinnen und Pfarrer einen Kommentar für jemanden, der nach einer Geschichte für eine Adventsfeier gefragt hat: „Hans Scheibner geht immer.“ Meine persönlichen Favoriten in seinem Buch sind die Gedichte. Wie immer ist die Satire der Wirklichkeit am Nächsten. Ich finde es auch darum gut, weil es in der emotional überladenen Adventszeit gut ist, über etwas lachen zu können, am Besten über sich selbst. Manche Geschichten erscheinen mir zum Vorlesen ein wenig lang, obwohl sie durch ihre Komik auch bestechen. Ich meine sogar, ich hätte einmal einen Sketsch gesehen, der auf einer Seniorenweihnachtsfeier aufgeführt wurde und sich am Text von „Wer nimmt Oma diesmal?“ orientiert hat. Auch dazu lassen sich also die Geschichte verwenden, um gesellige Anlässe in der Adventszeit zu gestalten. „Advent – zwei alternative Zugänge, Rezensionen von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Reformation als Bewegung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Volker Leppin: Die fremde Reformation, Luthers mystische Wurzeln, Verlag C.H.Beck, München 2016, 247 Seiten, ISBN: 978-3-406-69081-5, Preis: 21,95 Euro

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Der Autor Volker Leppin (geb. 1966) ist Evangelischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen. Es gibt sicherlich auf dem Buchmarkt im Moment einige Neuerscheinungen zum Thema Reformation, so dass man Probleme hat zu wählen, und doch ist dieses Buch eines, das man aus theologischer Sicht auf jeden Fall zur Kenntnis nehmen sollte. Indem Volker Leppin die Reformation als geistige Bewegung schildert, immunisiert er ein wenig vor dem allseits vorhandenen Lutherkult. „Reformation als Bewegung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Gott existiert nicht als übernatürliches Wesen*. Notiz von Christoph Fleischer, Welver 2016

In der Einleitung seines Buches „The Folly of God, A Theology of the Unconditional“ (Polebridge Press, Salem, Oregon, USA, 2016, S. 1-6) gibt der Autor Prof. (Em.) John D. Caputo einen Einblick in den Inhalt und seine Intention. Der Begriff „Folly of God“ ist ein Zitat von Paulus aus dem 1. Korintherbrief (1. Korinther 1, 22-25), das auf Deutsch lautet: „Die Narrheit Gottes ist weiser als die Menschen sind und die Schwäche Gottes ist stärker als die Menschen sind.“ John D. Caputo (auch genannt Jack Caputo) richtet sich gegen eine starke Theologie, die auf die Allmacht und Überlegenheit Gottes baut und tritt stattdessen für einen schwachen Glauben ein. Er orientiert sich an der Theologie Paul Tillichs insofern, als dass er mit ihm meint, dass der Atheismus ein berechtigter Einwand gegen das Allmachtsdenken des christlichen Glaubens ist, und in der Nachfolge Tillichs verwendet er den Begriff des „Unbedingten“. Er betont aber, dass der Schwache Glaube keinesfalls der Vorstellung vom Reich Gottes widerspreche, da dieses von Liebe und Beziehung bestimmt wird. Das Reich Gottes, so wie es Jesus und ihm entsprechend Paulus verkündigt, hat mit Allmacht, Herrschaft und Gewalt nichts zu tun, da es vom Kreuz Jesu herzuleiten ist. Die Vorstellung einer Schwachen Theologie hat nichts zu tun mit dem Glauben an Gott als einem höheren Wesen. Das Unbedingte hat nichts zu tun mit einer Theologie des Siegens und Besiegtwerdens. Paulus vertritt nach John D. Caputo keine Theologie des Siegens.

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Edith Stein als Studentin

Auf die Bezeichnung Gottes als ein übernatürliches Wesen geht Caputo hier direkt nicht ein, wobei ich in der Bezeichnung Gottes als ein „höheres Wesen“ in der traditionellen Gotteslehre einen Begriff sehe, der die Frage des Übernatürlichen einschließt. Ich möchte daher an dieser Stelle ein paar eigene Schritte versuchen – mit einem Gedankengang, der sich aus der Lektüre des Buches „Wege der Gotteserkenntnis“ von Edith Stein herleitet. Bevor Edith Stein aus ihrem Kloster in Holland geholt und nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde, hat sie dies als ihr letztes Buch fertiggestellt. Es wurde aber erst nach ihrem Tod gedruckt. Das Buch enthält eine vollständige Übersetzung der Schriften von Pseudo-Dionysus Areopagita. (Ich zitiere das Buch aus der Fassung, die im Internet als PDF-Datei liegt, dort aber ohne Anmerkungen und Seitenzahlen: http://www.edith-stein-archiv.de/wp-content/uploads/2014/10/17_EdithSteinGesamtausgabe_WegeDerGotteserkenntnis.pdf).

„Gott existiert nicht als übernatürliches Wesen*. Notiz von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen