Schriften aus frühchristlicher Zeit, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

Zu:

Uwe-Karsten Plisch: Was nicht in der Bibel steht, Apokryphe Schriften des frühen Christentums, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 2. erweiterte Auflage, Stuttgart 2018, Hardcover, 16 Abbildungen (sw.), 212 Seiten, ISBN: 978-3-438-05148-6, Preis: 18,00 Preis

Der Autor dieses Bandes Uwe-Karsten Plisch ist promovierter Theologe und arbeitet als Referent beim Bundesverband der Evangelischen Studierendengemeinden in Hannover. Er hat nicht nur bereits 2006 die erste Auflage dieser Schrift herausgegeben, sondern auch die Funde von Nag Hammadi (Ägypten, 1945) und das Thomasevangelium ausführlich kommentiert und eine Einführung in die koptische Sprache herausgegeben. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Es ist für die Lektüre der Bibel insgesamt wertvoll und nötig, die dort nicht aufgeführten Schriften im Umfeld des Judentums und des Christentums zur Zeit des Urchristentums und der frühen Kirche wahrzunehmen. Auch wenn im Vorwort angekündigt wird, dass die neuere Auflage einige bisher unbekannte judenchristliche Schriften enthält, wird dies im Ablauf der Buches nicht recht deutlich. Das Buch ist nach Gattungen gegliedert, nicht in der Reihenfolge der Entstehungszeit. 

Vielleicht ist genau diese Zuordnung noch nicht immer gleich gut möglich und so wissenschaftlich nicht begründbar. Die hier veröffentlichten Texte sind aus den historischen Quellen des frühen Christentums zwar der Existenz nach bekannt, weil sie in den Texten der Kirchenväter und anderer Autoren zitiert werden, aber in einer Textgestalt bislang unauffindbar. Manches spricht dafür, dass sie eben nicht allgemein, sondern schlicht nur regional verbreitet waren, da sie nun auch nur in einer syrischen, arabischen oder koptischen Übersetzung des Originaltextes vorliegen. In der hier vorgelegten Auswahl werden Texte ins Deutsche übersetzt, die zwischen Ende des 19. Jahrhundert bis heute überwiegend in Ägypten gefunden worden sind, vor allem aus dem bereits genannten Nag Hammadi.

Die hier aufgeführte Didache (Lehre der zwölf Apostel) war aus der altkirchlichen Literatur lange bekannt, wurde aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts in Textform gefunden. Hier wäre m. E. in der Einleitung eine Information über die Rolle der judenchristlichen Gemeinden in der Alten Kirche möglich gewesen, da die die Didache zwar alle wesentlichen Bestandteile der christlichen Gottesdienste kennt, aber doch z. T. gravierend abweicht. Obwohl vom Reich Gottes und der Kraft durch Jesus Christus die Rede ist, z. B. im Bezug auf das Vater Unser, fehlt in der Beschreibung jeder Bezug auf die Passion und die Kreuzigung Jesu. Die aus der Bibel bekannten Einsetzungsworte fehlen ganz und werden durch Segnungen ersetzt, die aus der jüdischen Liturgie bekannt sind. 

Sind andere Schriften dagegen nur regional verbreitet und nicht allgemein bekannt, so ist es verständlich, dass sie heute nur in Übersetzungsgestalt vorliegen, obwohl auch deren Existenz durch frühkirchliche Zitate belegbar ist. Dies gilt z. B. für den jüngsten Schriftfund dieser Ausgabe, dem Evangelium des Judas. Es ist im Jahr 2000 in die Hände einer Sammlerin gekommen und danach zwischen Ägypten und den USA aufgeteilt worden. Es gehört als Kulturerbe eigentlich nach Ägypten, war aber zum Teil zur Prüfung in die USA gebracht worden. Schon bei Irenäus (um 180 n. Chr.) war die Existenz dieses in der frühen Kirche umstrittenen Textes bekannt. Der Textfund ist nur fragmentarisch, wobei allerdings der Autor relativ klar sagen kann, welche Seiten oder Textstücke fehlen und so sinngemäß zu ergänzen sind. 

Die Lektüre ist dadurch gleichwohl schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Uwe-Karsten Plisch setzt auch in diesem Buch einen geschlossenen Diskurs voraus und rekonstruiert dessen Erzählstruktur. Der Text ist nach Judas benannt. Doch da dieser nach der Schilderung der Evangelien die Passion Jesu nicht überlebt hat, ist diese Annahme schwierig. Es geht gleichwohl um Judas, der in der Woche vor der Passion ein Gespräch mit Jesus im Jüngerkreis geführt haben soll. 

Inhaltlich hat das Gespräch allerdings wenig mit der biblischen Vorstellung der Passion zu tun, sondern dreht sich mehr oder weniger um die Einordnung der Person Jesu in eine gnostische Lehre, genannt „Sethianismus“. Hinweise für die Weiterarbeit dazu sind im Literaturverzeichnis gegeben. Das Judasevangelium muss daher in einem Kontext gelesen werden, der einen relativ festen Kanon neutestamentlicher Schriften schon voraussetzt. Er liest die gnostische Lehre in der Gestalt Jesu und konkretisiert diese. Ein judenchristlicher Kontext scheint hier nicht vorzuliegen.

Allein schon von ihrem Alter her scheinen die hier vorlegten und in deutscher Sprache dokumentierten Texte wertvolle Dokumente der frühen Kirche zu sein. Die Bedeutung des biblischen Kanons wird hier eher noch gestärkt. Biblische Parallelstellen und Anspielungen anderer nachbiblischer Schriften finden sich jeweils am Rand neben der Textstelle.

Vielleicht ist wenigsten das Fazit möglich, dass die Geschichte der frühen Christenheit weit weniger einheitlich ist, als das die Fokussierung auf einen bestimmten, später als römisch-katholischen geprägten Traditionsstrang glauben machen will. Ein Beispiel dazu soll zum Schluss aus dem hier dokumentierten Evangelium der Maria gegeben werden, womit nicht die Mutter Jesu, sondern Maria Magdalena gemeint ist. Auch dieses Evangelium ist fragmentarisch überliefert, zeigt aber deutlich frühchristliche Züge. Das soll am Schluss ein kleines Zitat aus dem Kommentar des Autors verdeutlichen: „Die feindselige Haltung des Petrus (im Text, d. Rez.) gegenüber Maria begegnet auch in anderen apokryphen Texten. Sie spiegelt viellicht das allmähliche Zurückdrängen des Engagements von Frauen in führenden Gemeindepositionen in der Geschichte der frühen Christenheit wieder.“ (S. 148).

Vom Schutzengel, Predigt über Apostelgeschichte 12, Christoph Fleischer, Welver 2018

Apostelgeschichte 12, 1-11 (Lutherbibel):


1Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.


2Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.


3Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen.


Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.


4Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.


5So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.


6Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.


8Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!


9Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.


10Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.


11Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.


Liebe Gemeinde,


zu Beginn fällt mir die Werbung ein, die ich immer wieder im Autoradio höre. Ich möchte hier keine Werbung machen, aber es ist schon interessant, den Wortlaut der Werbung zur Kenntnis zu nehmen. Wer ist „so zuverlässig wie ein Schutzengel?“ Klar, das wissen wir alle, es ist die Versicherung.


Die Formulierung ist geschickt. Die Versicherung misst sich keine übernatürlichen Fähigkeiten an. Die Versicherung selbst ist kein Engel. Die Versicherung ist lediglich so zuverlässig wie ein Schutzengel. Sie verbindet also mit dem Begriff des Schutzengels keinen göttlichen Boten, sondern sie vergleicht sich mit dessen Zuverlässigkeit. Damit ist sie auf der menschlichen Seite. Schutzengel ist eine menschliche Vorstellung von einer Zuverlässigkeit, die das menschliche Vermögen übersteigt.


Ich werde zum Schluss der Predigt auf die Rolle des Engels zurückkommen.


Fragen zum Text


Zunächst möchte ich einige Fragen zum Text sammeln:


Was ist die Aufgabe des Engels in dieser Geschichte? Wer speziell ist der „Engel des Herrn“?


Dann frage ich nach Herodes. Wieso verfolgt dieser König die frühe christliche Gemeinde? Welche Bedrohung geht von der Gemeinde aus? Warum die Feindseligkeit?


Die Geschichte schildert die Bedrohung und ihre Konsequenzen. Ein Jünger Jesu wird getötet, der andere festgenommen. Einer stirbt, der andere bleib t leben. Stellt sich hier die Frage nach der Bedeutung des Leidens? Aus persönlicher Sicht fragt sie: womit habe ich das verdient?


Ich gehe davon aus, dass die Wunder der Bibel keine reale Bedeutung haben, sondern auf eine geistige Wirklichkeit hinweisen. Die Wunder sind Bilder für die Gegenwart Gottes. Die Frage lautet also: Welches Ziel hat die Rettung des Petrus durch Gott?


Nicht zu vergessen ist die Rolle der christlichen Gemeinde: Welche Bedeutung hat das kollektive Gebet der Gemeinde für den Apostel Petrus?


Einleitende Beoachtungen


Ich hoffe, dass in der folgenden Auslegung einige dieser Fragen beantwortet werden. Was mir zunächst auffällt ist die Bedeutung der Gewalt der Obrigkeit gegen die christliche Gemeinde. Die Gemeinde, hier speziell in Jerusalem scheint von Anfang an mit der Bedrohung leben zu müssen. Ich gehe einfach mal die Apostelgeschichte durch und mir fällt auf, wie oft dort von Verfolgung, Gefangennahme, Verurteilung und gar Tötung die Rede ist. Schon recht früh nach der Pfingstgeschichte werden die Apostel Petrus und Johannes festgenommen. Auch in dieser Geschichte werden die Gefangenen von einem Engel aus der Haft befreit. Nach einer erneuten Verhaftung werden sie befreit, nach dem sich ein Mitglied des Hohen Rates, Gamaliel, öffentlich für sie eingesetzt hat.


Doch die Verfolgung scheint immer mal wiederaufzukommen, denn schon bald wird der erste Heidenapostel Stephanus nach einer seiner Predigten gesteinigt. Welcher konkrete Grund dafür vorliegt, ist gar nicht recht ersichtlich. Unterschwellig scheint ein Konflikt gegen die Juden vorzuliegen, was aber mit Vorsicht anzusehen ist, da die frühe christliche Gemeinde auch ein Teil des Judentums war.


In unserem Kapitel wird die Hinrichtung des Jakobus, des Bruders von Johannes berichtet. Er ist damit der erste Märtyrer des Jüngerkreises.


In der weiteren Schilderung der Apostelgeschichte kommt keine weitere Hinrichtung oder Tötung mehr vor, aber Paulus, um den hauptsächlich geht, ist regelmäßig im Gefängnis und es gelingt immer wieder zu fliehen. Die Apostelgeschichte endet mit seiner Gefangennahme durch einen römischen Prokurator und sein Gefangenentransport nach Rom. Dass Paulus und Petrus in Rom als Märtyrer umkommen werden, wird in der Apostelgeschichte nicht berichtet.


Es gibt zwei Grundbewegungen, die in der Apostelgeschichte geschildert werden. Die eine ist die fortgesetzte Erweiterung der christlichen Gemeinde, der großartige Erfolg der christlichen Botschaft in Jerusalem und darüber hinaus. Die fortgesetzten Gründungen neuer Gemeinden im römischen Reich ist das spätere Thema der Mission des Paulus. Dabei wird die Verbindung zu Jerusalemer Gemeinde nicht abbrechen. Hierfür sorgt eine Kollekte.


Die zweite Grundbewegung liegt in der Frage nach dem, der hier handelt: der Hauptakteur dabei kein Mensch oder Apostel ist, aber auch erstaunlicherweise nicht der auferstandene Christus, sondern Gott selbst. Die Kirche des lebendigen Gottes ist und bleibt trotz und in aller Bedrohung in Gottes Hand und wird von Gott beschützt und aus Gefahr gerettet. Die Verbindung der Gemeinde im Gebet wird das Handeln Gottes unterstützen.


Dies wird der Bibeltext zeigen, wenn wir ihn uns nun erneut ansehen:


Es wird zu Beginn nicht recht deutlich, wieso der neue König Herodes Agrippa I. gegen die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem vorgeht. Es handelt sich um den Enkel des Herodes, der in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus erwähnt wird. Dieser Enkel hat als Günstling des römischen Kaisers Claudius in Jerusalem die Rolle eines Statthalters übernommen und darf sich König über ganz Judäa nennen.


Der Apostel Jakobus, der hier durch das Schwert getötet wird, ist neben Simon Petrus, Andreas und Johannes, seinem Bruder, einer der ersten Jünger Jesu und stammt aus Galiläa. Er war Fischer am See Genezareth. Er leitete mit Petrus zusammen die juden-christliche Gemeinde in Jerusalem. Sein späterer Nachfolger heißt ebenfalls Jakobus und ist ein leiblicher Bruder Jesu.


Die Staatsgewalt des Herodes


Eine Festnahme des Getöteten wird nicht erzählt, auch kein Prozess. Das Ganze ist kaum mehr als eine Notiz. Es soll deutlich werden, wieso auch Petrus gefangen genommen wird. Es heißt, der König tue dies, um den Juden gefallen zu wollen. Ich würde das Wort eher wörtlich als Judäer übersetzen, da Herodes ja nicht der König aller Juden war, sondern der Judäer in und um Jerusalem. Vielleicht sind die Hohenpriester gemeint, die etwas gegen die Judenchristen haben. Sie waren wie in der Passion Jesu noch eine bestimmende Macht in Jerusalem. Herodes hat Angst vor ihnen, da sie in der Lage wären, die Stimmung der Volkes im Tempel zu beeinflussen.


Nun wird ausführlicher die Gefangennahme des Petrus geschildert, aber ohne über einen Prozess zu berichten.


Hier heißt es, Herodes nehme Petrus gefangen, um den Juden zu gefallen. Ich finde diesen Ausdruck missverständlich. Man sollte es zumindest historisch ausdrücken und anstelle von Juden, von Judäern sprechen. Die frühe christliche Gemeinde ist Teil des Judentums, aber sie stammt wie Jesus zum großen Teil nicht aus Judäa, sondern aus anderen Provinzen und auch schon viele aus den griechisch sprechenden Provinzen haben sich ihr angeschlossen. Es hat sicher auch judäische Christen gegeben, aber das Christentum ist eine viel weitere Bewegung. Vielleicht geht es hier darum, dem König Herodes zu unterstellen, es wollen sich den Judäern gegenüber anbiedern, indem er die christliche Gemeinde verfolgt. Er selbst ist in Rom aufgewachsen und zur Schule gegangen. Schon sein Großvater, Herodes der Große stammte aus Idumäa und war damit wie auch Jesus kein judäischer Jude.


Wenn ich Deutschland lebende Türken zu ihren Familien in die Türkei fahren, werden sie dort liebevoll nur die Deutschen genannt. In Deutschland, wo sie integriert sind, heißen sie oft, trotz ihrer Staatsangehörigkeit nur Türken. Eine solche Gesellschaft, in der es mehrere Volksgruppen gibt, nennt man Parallelgesellschaft. Das Judentum ist auch später immer mal wieder in solchen Parallelgesellschaften zu Hause.


Die Befreiung des Petrus


Nun zu Petrus: Obwohl er schon einige Tage inhaftiert ist, bleibt die Gemeinde Jesu ununterbrochen im Gebet zusammen. Vielleicht kann man dieses Gebet aus heutiger Sicht mit einer Art Mahnwache vergleichen.


Im Folgenden wird die wunderbare Befreiung geschildert, durch den „Engel des Herrn“. Wichtig ist hier auf die Übertreibungen zu achten. Der Gefangene wird nämlich doppelt bewacht. Er schläft und wird dann von dem Engel geweckt. Der persönliche Engel Gottes greift also direkt in das Geschehen ein. Die Fesseln werden gelöst, ohne dass die Wächter es merken. Petrus passiert in Gemeinschaft des Engels die noch schlafen den Wachposten und tritt ins Freie. In diesem Moment ist der Engel verschwunden. Petrus geht zur betenden Gemeinde und deutet seine Befreiung als Gotteswunder.


Eine Episode, die nicht zu unserem Predigttext gehört, geht noch genauer auf das Haus ein, in der die Gemeinde betet. Es ist das Haus von Maria, der Mutter des Jüngers Johannes, der auch Johannes Markus heißt. Die Gemeinde hat durch das laute Beten vom Anklopfen des Petrus nichts mitbekommen. Niemand hat also mit der Befreiung des Petrus gerechnet. Dadurch wirkt die Befreiung des Petrus wie eine Art Auferstehung und erinnert an die Ostergeschichte.


Aus heutiger Sicht könnte man in der Rolle des Engels einen Angehörigen des Gefängnissees oder Der königlichen Wache sehen, der schon heimlich zur Gemeinde gehörte. Wenn man Texte über Engel liest, dann hört es sich für unsere Ohren doch eher so an, als wäre ein Mensch in der Lage die Rolle Gottes in dieser Situation zu übernehmen. In der Bibel ist es wichtig, dass der Engel eine Gestalt ist, die mit Gott in Verbindung steht. Das Wunder geschieht dadurch, dass Gott durch eine konkrete Person in das Geschehen eingreift, die anonym bleibt und nach dem Ereignis verschwindet.


Ich schließe mit einem Gedicht von Wilhelm Willms:


der engel (Wilhelm Willms, Kleinschreibung im Original)


welcher engel wird uns sagen
daß das leben weitergeht
welcher engel wird wohl kommen
der den stein vom grabe hebt


wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein


welcher engel wird uns zeigen


wie das leben zu bestehen
welcher engel schenkt uns augen
die im keim die frucht schon sehn


wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein


welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn
welcher engel leiht uns flügel
unsern himmel einzusehn


wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein


(Klaus Vellguth, Berthold Weckmann: Welcher Engel leiht uns Flügel, In Erinnerung an Wilhelm Willms, Butzon & Bercker 2005, S. 190, konsequente Kleinschreibung!)

„Die teure Gnade“, Dietrich Bonhoeffer (Reprint), hrsg. von Christoph Fleischer, Welver 2017

Die teure Gnade (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, Ausgabe München 1982, Nachdruck von 1937, S. 13 – 27, gemeinfrei aus dem Originaltext)

Vorbemerkung: Mir ist bei der Vorbereitung über den Predigttext Jeremia 23, 16 – 29 aufgefallen, dass für die aktualisierende Auslegung des Jeremia die Unterscheidung zwischen billiger und teurer Gnade in Frage kommt. Das hat zudem den Vorteil, dass bei der Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Propheten nicht vorschnell irgendwelche Steine aus dem Glashaus geworfen werden. Das Kriterium, das Jeremia an den falschen Prophet anlegt, ist neben der Frage, ob er Träume, eigene Gedanken oder das Wort Gottes predigt, die Tatsache, dass die falschen Propheten den Menschen nach dem Mund reden und ihnen das Heil Gottes zusagen, egal ob ihr Leben dazu passt oder nicht. Um hier nicht in das Lager der Gesetzesorientierung abzurutschen hilft allein die Unterscheidung zwischen billiger und teurer Gnade nach Dietrich Bonhoeffer. Es ist das erste Kapitel des Buches „Nachfolge“ (1937). Die Texte dieses Buches dokumentieren Vorträge und Bibelarbeiten, die Dietrich Bonhoeffer im Predigerseminar Finkenwalde gehalten hat. 

Foto: Niklas Fleischer (c)

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.

Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System

Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, daß die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht billige Gnade ist?
Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes. „„Die teure Gnade“, Dietrich Bonhoeffer (Reprint), hrsg. von Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Predigt über Johannes 21, Christoph Fleischer, Welver 2017

Johannes 21, 1-19 (Lutherbibel 2017)

 

Die Predigt halte ich in der Gemeinde Bad Sassendorf und in Meiningsen (Günne) am Sonntag Quasimodogeniti und in der reformierten Gemeinde Soest am Sonntag Miserikordias Domini.

 

Verlesung des Textes:

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

(c) Sabine Maiwald-Humbert, See Genezareth

Liebe Gemeinde,

Die Feiertage sind vorbei. Kein Urlaub, keine Ferien mehr. Jetzt geht es wieder an die Arbeit.

Vielleicht war es bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu ganz ähnlich. Und dann kommt hinzu, dass sie sich die Feiertage in Jerusalem ganz anders vorgestellt haben. Sie wollten das Passahfest fröhlich mit Jesus feiern und sich dort im Tempel unter das Volk mischen. Doch nach einer provokativen Aktion im Tempel wurde Jesus verhaftet, verhört und von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt. Dann der Tod am Kreuz und drei Tage später die Botschaft: Jesus ist auferstanden. Er geht vor Euch her nach Galiläa. „Predigt über Johannes 21, Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Predigt über Apostelgeschichte 1, 15 – 26, Christoph Fleischer, Welver 2016

Die Predigt wird zum Matthiastag am Sonntag Okuli 2016 in Günne und Meiningsen gehalten. Die Gemeinde trifft sich nach dem Gottesdienst traditionell zum Grünkohlessen.

Liebe Gemeinde,

Der Name Matthias stammt aus der Makkabäerzeit etwa im 2. Jahrhundert vor Christi Geburt. Es ist die griechische Form von Mattatias, was bedeutet: „Geschenk Gottes“. (vgl. 1. Makkabäer 2,1)

Die Makkabäer, ein judäisches Priestergeschlecht, bekämpften die neuen hellenistisch, griechischen Einflüsse in der Jerusalemer Religion und waren andererseits zugleich auf Machtübernahme aus, um Israel erneut einen selbständigen Status zu geben. 150 Jahre später lebte als letzter makkabäischer König ebenfalls ein Mattatias, bis unter dem Einfluss der Römer Herodes an die Macht kam, ein idumäischer Jude, der Israel mit der Sicherheit der römischen Herrschaft regierte. Daraus resultierten zu der Zeit Jesu die Diskussionen um die Kopfsteuer, die Steuerlasten und andere Themen.

Der biblische Matthias, von dem heute die Rede ist, galt als Jünger Jesu, gehörte aber noch nicht zu dem Zwölferkreis. Als Geburtsort gilt Bethlehem. Er steht den Schriftgelehrten nahe. In der Apostelgruppe konkurriert er mit Paulus, der erst später als Heidenapostel dazu kam. Zur Zeit um Pfingsten galt Paulus noch als Verfolger der Christengruppe.

Version 3Matthias war im weitesten Sinn Jünger Jesu, Paulus nicht. In der Abbildung der Heiligen, wie auch hier in der St. Matthiaskirche in Soest hält er eine Bibel und ein Richtbeil (siehe Bild). Matthias gilt als Evangelist, aber ein Evangelienbuch von ihm gibt es nicht. Das Evangelium ist die Botschaft von Jesus, dem Christus. Er soll um 63 nach Christus den Märtyrertod gestorben sind, erst gesteinigt, dann mit dem Richtbeil enthauptet.

Es gibt eine Stelle im Neuen Testament, in der Matthias erwähnt wird:

Lesung Apostelgeschichte 1, 15-26:
15
Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern – es war aber eine Menge beisammen von etwa Hundertzwanzig – und sprach:

16Ihr Männer und Brüder, es musste das Wort der Schrift erfüllt werden, das der Heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas, der denen den Weg zeigte, die Jesus gefangen nahmen; 17denn er gehörte zu uns und hatte dieses Amt mit uns empfangen. 18Der hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzweigeborsten, sodass alle seine Eingeweide hervorquollen. 19Und es ist allen bekannt geworden, die in Jerusalem wohnen, sodass dieser Acker in ihrer Sprache genannt wird: Hakeldamach, das heißt Blutacker. 20Denn es steht geschrieben im Psalmbuch (Psalm 69,26; 109,8): »Seine Behausung soll verwüstet werden, und niemand wohne darin«, und: »Sein Amt empfange ein andrer.« 21So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist 22– von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.

23Und sie stellten zwei auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, 24und beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, 25damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange, das Judas verlassen hat, um an den Ort zu gehen, wohin er gehört. 26Und sie warfen das Los über sie und das Los fiel auf Matthias; und er wurde zugeordnet zu den elf Aposteln.

Liebe Gemeinde, „Predigt über Apostelgeschichte 1, 15 – 26, Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen