Resilienz in der Theologie? Rezension, Christoph Fleischer 2017

Zu:

Cornelia Richter (Hrsg.): Ohnmacht und Angst aushalten, Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Reihe: Religion und Gesundheit, Hrsg. Von Dietrich Korsch, Cornelia Richter u.a., Band 1, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2017, ISBN-Print: 978-3-17-031139-8, Preis: 30,00 Euro

Dieser Aufsatzband ist der erste Band der neu begründeten Reihe „Religion und Gesundheit“. Die Herausgeberin dieses Bandes, Cornelia Richter, ist Professorin für systematische Theologie in Bonn. Die hier vertretenen Autorinnen und Autoren sind meist Vertreterinnen und Vertreter des gleichen Fachgebiets, dazu kommen vier aus dem Bereich Philosophie und einer aus dem Bereich Exegese. „Resilienz in der Theologie? Rezension, Christoph Fleischer 2017“ weiterlesen

Die Kraft der Hoffnung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

 

Zu: Kathrin Klette: Hoffen, Eine Anleitung zur Zuversicht, Christoph Links Verlag, Berlin 2016, ISBN: 978-3-86153-878-3, gebunden 213 Seiten, Preis: 16,00 Euro

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Vielleicht sollte man ein Buch dort lesen, wo es hingehört. Ein Buch zum Thema Hoffen oder Hoffnung gehört auf eine Krankenstation oder in eine Arztpraxis. Das Buch ist im Kleinformat herausgegeben, etwa so groß wie ein Taschenbuch, aber in Hardcover gebunden und daher strapazierfähig. Man kann es auch im Zahnarztstuhl oder auf dem Operationstisch lesen oder wie ich im Wartezimmer. Ich musste dort zwei Stunden zwischen zwei Blutabnahmen warten, da der Zuckerwert abgenommen wurde und ich die Arztpraxis nicht verlassen durfte.

Um von Hoffnung zu sprechen, muss es erst einmal Probleme, eine Krankheit oder Krise geben. In diesem Zusammenhang ist der Satz richtig: „Hoffnung ist ein Element der Resilienz.“ (S. 23).

Wenn Resilienz die Fähigkeit eines Menschen (oder eines Werkstoffs) ist, nach einer Belastung wieder in die Ausgangslage zurückkehren zu können, dann muss man die Hoffnung als Antrieb dazu bezeichnen. Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit. Man redet eigentlich nur dann von Hoffnung, wenn der Ausgang des Geschehens eigentlich offen ist. Hoffnung wäre dann der Antrieb des Lebens. Der auch eigenes Wollen und Bemühen einschließt.

Daher sollte man Kinder auch dazu motivieren, auf Veränderungen in ihrem Leben zu hoffen, aber die Autorin Kathrin Klette stellt fest: „Man kann einem Kind nicht explizit Hoffnung beibringen.“ (S. 31). Mit den Erfahrungen, die man bei der Befreiung von Kindern aus rumänischen Kinderheimen machte, musste man feststellen: „Wo keine Hoffnung ist, fehlt alles Leben.“ (S. 34). Ohne Beziehung, kein Glücksgefühl und ohne Glücksgefühl keine Selbstsicherheit, kein Antrieb. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort wird mit folgenden Sätzen zitiert, die er in einem Interview sagte:  „… der Glaube, dass man ausreichend wertvoll ist … vermittelt sich primär durch Beziehung.“ (S. 38).

Soweit so gut. Ohne Probleme keine Hoffnung, aber trotzdem stellt sich die Hoffnung nicht automatisch ein. Spätestens beim nächsten Artikel frage ich mich dann aber, warum die Hoffnung in diesem Buch zu kurz kommt und stattdessen immer mehr von den Voraussetzungen und den Problemen mit der Hoffnung die Rede ist. Ich sitze immer noch in der Arztpraxis und hoffe, dass ich einen erfreulichen Befund erfahren werde.

So wie Beziehungsfähigkeit zur Hoffnung gehört, so gehört Hoffnung zu einem Leben in Beziehungen. Die Autorin Kathrin Klette, im Hauptberuf Journalistin bei der neuen Zürcher Zeitung, stellt fest: „Hoffnungsvolle Menschen sind beliebt, während hoffnungslose eher gemieden werden.“ (S. 45).

Der dann folgenden Artikel aus der Wochenzeitschrift Die ZEIT ist wie ein Bericht aus einer Psycho-Zeitung: „Porträt einer jungen Geliebten, die jahrelang gehofft hat, dass sich ihr Geliebter von seiner Frau trennt.“ (Inhaltsverzeichnis). Ich denke auf meinem Stuhl in der Arztpraxis, dass dieser Artikel mehr mit Enttäuschung als mit Hoffnung zu tun hat. Ist wirklich schon Hoffnung, wenn die Wortfolge des Titels „Hoffen, warten, runterschlucken“ zeigt, dass aus der Hoffnung eben nichts wird. Hoffnung muss sich nicht in die Wirklichkeit übertragen lassen, sie kann in der Erwartung stehen bleiben. Hoffnung ist eben keine Sicherheit, eher ein Glaube. Doch für die Lektüre des Buches ist das nicht wirklich ermutigend. Mir wäre da als Beispiel schon fast ein Lottospieler lieber, der endlich irgendwann einmal seine Hoffnung in die Tat umgesetzt hat, völlig zufällig und unverfügbar.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer zeigt, dass immerhin doch die Beziehungsebene ein gutes Feld für die Erprobung der Wahrheit von Hoffnung ist. Sie leitet dazu an, etwas in die Tat umzusetzen: „Das ist ja eine wichtige Qualität der Hoffnung: eine Zukunftsvision zu entwerfen und die dann auszuprobieren.“ (S. 71). Das Buch lebt von diesen Interviews, die eigens dafür durchgeführt wurden, und von Beispielen aus diversen Publikationen. Dazwischen finden sich kleine Denkanstöße: Eines der zwischendrin hingeworfenen Zitate und Sprichwörter zur Hoffnung lautet: „Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. Sprichwort“ (S. 78).

Als ich den Artikel über „social freezing“ zu lesen beginne (vgl. S. 79), öffnet sich die Tür und ich werde zur Untersuchung gebeten. Immerhin heißt es hier: „Falsche Hoffnungen müssen nicht grundsätzlich unrealistisch sein.“ (S. 80).

Im folgenden Inhalt des Buches, den zu lesen ich an diesem Tag keine Gelegenheit mehr finde, ist immer wieder von Krisen die Rede, wie auch von Menschen, die durch den Antrieb der Hoffnung auf die Flucht gegangen sind.

Dann ist von Hoffnung im Glauben die Rede, wozu sich der Kirchensoziologe Detlef Pollack zu Wort meldet. Das sich das Buch zum Schluss noch Krebskranken zuwendet, macht nun schon fast klar. Hoffen und Heilen gehören zusammen.

Aber musste deshalb so viel von Beziehungsproblemen, Krisen, Krankheiten und Enttäuschungen die Rede sein? Die Stärke des Buches besteht darin, keine unrealistische Hoffnung zu verkündigen. Hoffnung wird zum „Hoffen“, das ist eine Fähigkeit, die man sich ggf. hart erarbeiten muss und die dazu einlädt, Krisen nicht auszuweichen, sondern durchzustehen. So wie man von Trauerarbeit spricht, sollte auch von Hoffnungsarbeit die Rede sein. Demjenigen, der Hoffnung auf einem silbernen Tablett serviert, sollte man misstrauisch begegnen. Danke, Kathrin Klette, für diese Spur Religion im Alltag. —

Ein paar Tage später erfahre ich den Befund meiner Untersuchung. Erfreulich, die Verdachtsdiagnose hat sich nicht bestätigt. Es geht weiter, auf ein Neues!

 

 

Predigt über 2. Korinther 4, 6-10, Christoph Fleischer, Welver 2016

Predigt über 2. Korinther 4, 6-10 (Gute Nachricht Bibel), die Predigt wird gehalten in Günne und Meiningsen am letzten Sonntag nach Epiphanias 2016

6Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

7Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. 8Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 10Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Liebe Gemeinde,

auch wenn ich dem Autor der Volxbibel Martin Dreyer, nicht immer folgen kann, so ist doch seine Übersetzung zu diesem Abschnitt ganz erhellend. Das möchte ich jetzt kurz vorlesen. Und ich lese auch einige Verse weiter. Auch wenn ich dann trotzdem abbreche, wird es eher ein vorläufiger Schlusspunkt sein, als in unserem Predigttext, den wir gehört haben.

2.Korinther 4, 6-12:
6 Gott hat das mal befohlen: „Im Dunkel soll es hell werden.“ So hat er es auch in unseren Gedanken hell gemacht. Deshalb können wir jetzt kapieren, wie toll und groß Gott ist und dass Jesus wirklich sein Sohn ist. 7 Diesen derben Schatz haben wir in uns armselige Würstchen hineingelegt bekommen, in einen Körper, der so leicht zu zerstören ist. So merkt jeder, dass alles Gute, was von uns kommt, eigentlich von Gott ausgeht.

8 Alle wollen was von uns, überall gibt es Probleme, aber wir halten das aus. Wir wissen oft nicht mehr, wo es längsgeht, und geben trotzdem nicht auf. 9 Menschen jagen uns, aber Gott ist immer für uns da und beschützt uns. Wir werden fertiggemacht, aber wir rappeln uns wieder auf. 10 Weil wir uns jeden Tag für Gott gerademachen, durchleben wir dasselbe, was Jesus auch durchlebt hat. Wir kapieren, was der Tod für ihn bedeutet hat. Und so erfahren wir auch körperlich, welche Konsequenzen es hat, mit Jesus zu leben. 11 Ja, Leute, so sieht’s aus. Weil wir für Jesus alles geben, sind wir auch ständig Todesgefahren ausgesetzt. Aber genauso wird an uns auch deutlich, dass Jesus den Tod besiegt hat. 12 Wir leben also immer im Bewusstsein, jederzeit sterben zu können. Bei euch haben wir aber für einen Durchbruch zu einem echten neuen Leben gesorgt!“

(http://wiki.volxbibel.com/2.Korinther_4)

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Mahnmal, Dortmund Bittermark, Karel Niestrat, Foto: Christoph Fleischer (Diascan)

Gut, worum geht es dabei, diesen Text zu verlesen und zu bedenken? Zuerst wird es eigentlich nur um den ersten Vers gegangen sein, in dem vom Licht die Rede ist. Diese ganze Epiphaniaszeit durchzieht der Gedanke des Lichts. Im Evangelium von der Verklärung wird die ganze Jesusgestalt aus der Sicht der Jünger erleuchtet. Die Bedeutung Jesu ist eine Erleuchtung. Aber der Text aus dem Brief des Paulus setzt diese Erleuchtung hinein in eine konkrete Gemeinde vor Ort, die wir ja auch hier sind oder haben. Manchmal scheint es, dass aus dem großen Licht, dass Jesus bringt, inzwischen in der Gemeinde eine kleine Taschenlampe geworden ist, deren Batterien schwächer werden. Aber so sagt Paulus zu Recht, müssen wir fragen, ob dieses alles wirklich von uns abhängt. Und deswegen finde ich doch gerade den zweiten Teil so wichtig. Der Schatz, gerade noch das Licht genannt, ist bei uns in irdenen Gefäßen. Das ist schon eine erste Form der Überleitung. Wobei diese irdenen Gefäße gar nicht gegen Jesus selbst sprechen. „Predigt über 2. Korinther 4, 6-10, Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti 2014 über Jesaja 40,26 – 31, Christoph Fleischer, Werl 2014

Jesaja 40,26 – 31 (Gute Nachricht Bibel)

Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen?
Er lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.
Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«?
Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen?
Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft lässt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich.
Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark.
Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen.
Aber alle, die auf den HERRN vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler.
Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.

Liebe Gemeinde,

Bevor ich diesen wunderschönen Text aus dem Buch Jesaja auslege, möchte ich kurz auf die Frage eingehen, was diese große Ermutigung und Tröstung des Propheten mit dem Sonntag nach Ostern zu tun hat.

„Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti 2014 über Jesaja 40,26 – 31, Christoph Fleischer, Werl 2014“ weiterlesen

Religion – eine Quelle der Kraft, Christoph Fleischer, Werl 2014

Zu diesem Text gibt es einen Vorlauf, eine Kommunikation, die später veröffentlicht werden soll. Diese Kommunikation stellt zwei Begriffe in den Fokus, die wohl aus der Regeltechnik kommen und konfrontiert sie mit der Begrifflichkeit des „schwachen Glaubens“. Dabei wird der Ansatz des schwachen Glaubens, der von der Notwendigkeit des schwachen Denkens in der Postmoderne abgeleitet wurde (nach Gianni Vattimo) neu definiert, konkretisiert und hier beispielhaft mit der Vorstellung der Quellen von Kraft in der Religion (religiöse Resilienz) in Verbindung gebracht.

Es gibt offensichtlich zwei Grundformen in der Art und Weise, Entscheidungen zu treffen und damit eventuell Herausforderungen und Krisen des Lebens zu meistern, die in Aufnahme des Bildes aus der Regeltechnik mit Steuern und Regeln bezeichnet werden (können). Zugegebenermaßen ist es daher notwendig, zwischen diesen Grundformen der Gedankenführung zu unterscheiden, besonders dann, wenn sie auf die Bewegung und Reflexion des Lebens übertragen wird. Dieses Bild kann sodann in der Begrifflichkeit des Starken oder Schwachen Glaubens ausgedrückt werden. „Religion – eine Quelle der Kraft, Christoph Fleischer, Werl 2014“ weiterlesen