Predigt über Markus 1, 32 – 39, Christoph Fleischer, Welver 2017

Am 19. Sonntag nach Trinitatis 2017.

Die Predigt wird gehalten am Vorabend, den 21.10.2017, in Lohne und am Sonntagmorgen, den 22.10.2017, in Bad Sassendorf, sowie am 20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017 in Meiningsen.

Markus 1, 32 – 39 (Lutherbibel)

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war,

brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.

33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.

34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten,

und trieb viele Dämonen aus

und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.

35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus.

Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.

37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm:

Jedermann sucht dich.

38 Und er sprach zu ihnen:

Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte,

dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen

in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Foto: Niklas Fleischer (c), Markt in Elburg, NL

Liebe Gemeinde,

Wie in einem Film, so möchte man meinen, werden in den Evangelien die einzelnen Erzählungen aneinandergereiht. Aus den einzelnen Episoden ergibt sich das Bild, das wir dadurch von Jesus von Nazareth bekommen können. Dabei gibt es Geschichten, die eher eine einzelne Person in den Mittelpunkt rücken, wie bei einer Heilung oder Austreibung von bösen Geistern oder es gibt Textabschnitte, die eher den Erzählfaden im Ganzen im Blick haben. „Predigt über Markus 1, 32 – 39, Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Vom Saulus zum Paulus, Predigt über Apostelgeschichte 9, 1-20, Christoph Fleischer, Welver 2016

Apostelgeschichte  9, 1-20Diesen Predigttext habe ich dem für diesen Sonntag vorgezogen. Er gehört zum kommenden Sonntag. Als ich ihn las, dachte ich, dass es für mich einfacher wäre, diesen Predigttext zu nehmen, um dann am kommenden Sonntag in einer anderen Kirche erneut darüber zu sprechen. (Nur reformierte Kirche, Soest)

1Saulus aber schnaubte noch immer Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn.

Er ging zum Hohen Priester 2und bat ihn um Briefe an die Synagogen in Damaskus, dass er, wenn er Anhänger dieses neuen Weges dort finde – Männer und auch Frauen -, sie gefesselt nach Jerusalem bringen solle.

3Als er unterwegs war, geschah es, dass er in die Nähe von Damaskus kam, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel; 4er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu ihm sagen: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

5Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Und er antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6Doch steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.

7Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8Da erhob sich Saulus vom Boden; doch als er die Augen öffnete, konnte er nicht mehr sehen. Sie mussten ihn bei der Hand nehmen und führten ihn nach Damaskus. 9Und drei Tage lang konnte er nicht sehen, und er aß nicht und trank nicht.

10In Damaskus aber war ein Jünger mit Namen Ananias, und zu diesem sprach der Herr in einer Vision: Ananias! Er sagte: Hier bin ich, Herr. 11Der Herr aber sagte zu ihm: Mach dich auf und geh in die Straße, die man ‹die Gerade› nennt, und frag im Haus des Judas nach einem Mann aus Tarsus mit Namen Saulus! Du wirst sehen, er betet, 12und er hat in einer Vision einen Mann namens Ananias gesehen, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, damit er wieder sehe.

13Ananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen Seiten gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat. 14Und von den Hohen Priestern hat er hier die Vollmacht, alle festzunehmen, die deinen Namen anrufen.

15Der Herr aber sagte zu ihm: Geh hin, denn gerade er ist mein auserwähltes Werkzeug, meinen Namen zu tragen vor den Augen von Völkern und Königen und vor den Augen der Israeliten.

16Ich werde ihm zeigen, wie viel er wird leiden müssen um meines Namens willen. 17Da machte sich Ananias auf und ging in das Haus hinein, legte ihm die Hände auf und sprach: Saul, mein Bruder, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Weg, den du gekommen bist: Du sollst wieder sehen und erfüllt werden von heiligem Geist!

18Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah wieder; und er stand auf und ließ sich taufen. 19Und er nahm Speise zu sich und kam wieder zu Kräften. Er blieb nun einige Tage bei den Jüngern in Damaskus 20und verkündigte sofort in den Synagogen, dass Jesus der Sohn Gottes sei.

Version 2
Reformierte Kirche, Soest, Thomästraße

Liebe Gemeinde,

Wir haben die Erzählung des Lukas gehört, in der Saulus zum Paulus geworden ist, vom Christenverfolger zum Prediger des Evangeliums. Doch interessant ist, dass Lukas das gar nicht mit einer Namensänderung verbindet. Der Name Paulus wird erst später eingefügt. Trotzdem ist das ein Ereignis, bei dem man meint, Gott sei eine übernatürliche Macht, die bewirken kann, was sie will. Doch muss man Gott wirklich als übernatürliche Macht verstehen?

Es ist dies ein Thema, das mich schon ein paar Jahre lang umtreibt. Der Gegensatz zwischen säkular, weltlich auf der einen Seite und religiös, geistlich auf der anderen Seite muss überwunden werden. Er funktioniert schon aus praktischen Gründen nicht mehr. Die meisten Christinnen und Christen, die ich in den Gemeinden antreffe, sind mehr oder weniger säkular eingestellt. Doch in einer Kirche, die immer so tut, als sei Gott eine übernatürliche Macht, können sie sich nicht recht zu Hause fühlen. „Vom Saulus zum Paulus, Predigt über Apostelgeschichte 9, 1-20, Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Wenn Kirche dran ist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Kristian Fechtner: Kirche von Fall zu Fall, Kasualien wahrnehmen und gestalten, 2. überarbeitete Auflage, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, ISBN 978-3-579-05929-7, 207 Seiten, Preis: 16,95 Euro

Kirche von Fall zu Fall von Kristian Fechtner
Kirche von Fall zu Fall von Kristian Fechtner
Zu Beginn einige persönlichen Gedanken zum Titel des Buches: „Werden Sie kein Amtshändler“, so ermahnte mich eine an Dienstjahren fortgeschrittene Kollegin zu Beginn meiner Arbeit, in der ich als „Pastor im Hilfsdienst“ hauptsächlich auf Friedhöfen zu tun hatte. Hauptjob eines Pastors sollte sein, eine Gemeinde zu sammeln und zu pflegen. Diejenigen Kirchenmitglieder, die sich im Gemeindegottesdienst nicht blicken lassen, konnte man als „Namenschristen“ (Kierkegaard) diffamieren und Amtshandlungen allenfalls als „missionarische Gelegenheit“ nutzen und keinesfalls als vollkommene Gemeindearbeit ansehen. Die Erfahrung sprach schon damals dagegen. Seelsorgerliche Gespräche ereigneten sich hauptsächlich bei Trauerbesuchen, während bei Hausbesuchen in der Gemeinde Smalltalk angesagt war. Gremienarbeit und Verwaltung schienen ohnehin wichtiger als sogar die Gottesdienstvorbereitung, die mehr nebenbei zu erledigen war. „Wenn Kirche dran ist, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016“ weiterlesen

Himmelfahrtspredigt über Apostelgeschichte 1, 3-11

Diese Predigt ist aus dem Jahr 2004 und ich halte sie in diesem Jahr  in Neuengeseke. Es gibt für mich absolut keine Veranlassung, an diesem Text etwas zu ändern.

NF-SW03-2016-04_02-Bearbeitet Kopie
Foto: Niklas Fleischer (c), Friedensplatz Dortmund

Verlesung des Textes (Gute Nachricht Bibel)

Nach seinem Leiden und Sterben hatte er sich ihnen wiederholt gezeigt und ihnen die Gewissheit gegeben, dass er lebte. Während vierzig Tagen kam er damals zu ihnen und sprach mit ihnen darüber, wie Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden werde.
Als Jesus wieder einmal bei ihnen war und mit ihnen aß, schärfte er ihnen ein: »Bleibt in Jerusalem und wartet auf den Geist, den mein Vater versprochen hat. Ich habe euch sein Kommen angekündigt, als ich euch sagte:
‚Johannes hat mit Wasser getauft, aber ihr werdet schon bald mit dem Geist Gottes getauft werden.’«
Die Versammelten fragten Jesus: »Herr, wirst du dann die Herrschaft Gottes in Israel wieder aufrichten?«
Jesus antwortete: »Mein Vater hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es so weit ist. Ihr braucht das nicht zu wissen. Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa  und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde.« Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnten.
10 Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen.  11 »Ihr Galiläer«, sagten sie, »warum steht ihr hier und schaut nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!«

Liebe Gemeinde!

Zwei Erinnerungen sind mir zu dieser Geschichte eingefallen:

– Die erste Episode erinnert an die Geschichte der Raumfahrt. Als Juri Gagarin, der russische Kosmonaut, der als erster von einem bemannten Raumflug zurückgekehrt war, sich einem Interview stellte, sagte er bekanntlich, dass er Gott im Himmel über der Erde nicht gesehen hätte. Sicherlich wäre das auch eine nicht ganz richtige Gottesvorstellung, die Gott als sichtbares Etwas im Weltall vermutet hätte. Doch was diese Anekdote über Gott etwas verdeckt ist, dass er auch als erster vom Blick aus dem Weltall berichtete. Er hat die Erde gesehen und gesagt, dass man von dort oben die Grenzlinien zwischen den Staaten nicht erkennen könne. Die Erde sei ein blauer Planet, der von dort oben dem Betrachter als ein Ganzes erschiene. Vom Himmel aus erscheint die Erde als ein unteilbares Ganzes. Dies scheint diesem Himmelfahrtsbericht der Apostelgeschichte ja ebenfalls sehr wichtig zu sein.

„Himmelfahrtspredigt über Apostelgeschichte 1, 3-11“ weiterlesen

Predigt über Titus 3, 4-7, 1. Weihnachtstag, Christoph Fleischer, Welver 2015

Predigt am 1. Weihnachtstag über Titus 3,4-7 / Günne und Meiningsen

4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,

5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist,

6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,

7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

 

Liebe Gemeinde,

 

manche mögen zum Weihnachtsfest andere Worte und Botschaften erwartet haben. Andere sind vielleicht erstaunt über diese Worte, empfinden es aber wohltuend, das nach all dem Rummel mit seinen vielen Farben nun wieder das eine Licht des christlichen Glaubens erstrahlen kann – auch wenn es an diesem Tag in der Kirche nur diejenigen hören, die dieses auch hauptsächlich erwarten.

Und alle möchte ich zunächst fragen: Sind Gedanken und Bilder dabei wach geworden? Haben diese Sätze bestimmte Glaubensbilder wachgerufen?

An diesem Text sind abgesehen von seinen starken Aussagen, vielleicht schon zwei Dinge aufgefallen. Zum einen scheint es sich nur um einen einzigen ganzen Satz zu handeln, mit verschiedenen Nebensätzen und Einfügungen und zum anderen ist dieser Satz dann von der handelnden Person her im Wir gehalten. Der Text appelliert nicht an das Wir-Gefühl, er setzt es voraus. Hier spricht eine ganze Gruppe, sagen wir es deutlich: Das sind die Worte einer christlichen Gemeinde. Ich erinnere mich da sofort an bestimmte Teile des Gottesdienstes, in denen die Gemeinde als Ganze spricht, an die Psalmen vielleicht, an das Glaubensbekenntnis und an das Vater Unser, das ebenfalls ein Bekenntnis ist. Bevor ich näher in die Entdeckungsreise an diesem Text einsteige, möchte ich dies gern mit ihnen einmal gemeinsam erproben. Daher habe ich Textblätter kopiert. Ich möchte ihnen vorschlagen, dass wir den Text einmal gemeinsam als Gemeinde lesen, um so zu erfahren, was wir sagen und meinen, wenn wir diese urchristliche Botschaft nachsprechen.

LESEN DES TEXTBLATTES MIT DER GEMEINDE (siehe Anhang)

Eine kleine Änderung ist vielleicht nur dann aufgefallen, wenn sie schon bei der anfänglichen Verlesung des Predigttextes das Textblatt verfolgt haben. Anstelle “machte uns selig” übersetzte ich “machte er uns heil”. Es steht hier nämlich das gleiche Wort, das auch in dem Wort Heiland gegeben ist, genauso passen würden die Begriffe: Retter und retten oder Erlöser und erlösen. Es geht nicht nur um unser Heil, sondern es geht um unser persönliches heil Werden, gerettet Werden und erlöst Werden, womit immer irgendwie dasselbe gemeint ist.

Hier gibt es schon die erste Möglichkeit auf Weihnachten als Grund und Anlass dieser Predigt hinzuweisen: In diesem Kind Jesus, das menschlich geboren wird, geschieht unser Heil. Jesus bringt Heil in unser Leben.

Daher möchte ich versuchen drei weitere Worte einzuführen, die hier nur am Rand oder gar nicht vorkommen. Es sind die Begriffe: “Glaube, Hoffnung, Liebe.” Sie wissen es, ich erinnere an den auch als Trauspruch bekannten Satz:

1.Kor 13,13 ”Nun aber bleiben  Glaube, Hoffnung,  Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.”

Nur die Reihenfolge und die Gewichtung ist hier etwas anders.

Zunächst geht es um die Liebe.

“Gott macht uns heil nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.” Der Gegensatz ist also nicht Sünde und Glaube, sondern die menschliche Liebe und die Liebe Gottes.

Manche meinen vielleicht, dass Gerechtigkeit und Liebe nicht so viel miteinander zu tun haben, doch das sehe ich anders. Ich glaube, dass es in der Liebe um nichts anderes geht, als um sich selbst, dem anderen, den Partner, den Kindern, den Freunden und Verwandten und letztlich dem Leben selbst gerecht zu werden. Gerechtigkeit ist im Sinn des Glaubens nichts anderes als die Verwirklichung des Satzes: “Du sollst Gott den Herrn von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.” Jesus sagt zu Recht: „Tue dies, so wirst du leben“. Doch wie ist die Erfahrung? Werden wir Menschen einander gerecht? Fangen wir in der Kindheit an: Haben wir uns von unseren Eltern immer gerecht behandelt gefühlt? Ok, natürlich nicht, jedenfalls nicht durchgehend. Und in der Ehe, in Zusammensein mit dem Partner? Was ist mit den Kindern? Waren wir auch schon von Freunden enttäuscht? Diese Liste könnte man jetzt so weit durchgehen und immer ist klar: auch wenn die Liebe sicherlich die tragende Kraft des Lebens ist, selbst das Vertrauen in uns selbst, so können wir doch nur feststellen: Wir werden einander nicht gerecht. Oder anders gesagt: Selbst bei optimaler Gerechtigkeit gibt es die Erfahrung des Scheiterns, der Enttäuschungen.

Jetzt scheiden sich die Geister: Die einen sagen: „Gib dich damit ab. Nobody is perfect. Unser Leben ist nicht heil und wird es auch nicht. Und wenn es nicht klappt, dann liegt es zumindest zum Teil an dir selbst.“ Die anderen, wie unser Text sagen dagegen: „Gib die Erwartung des sinnvollen Lebens nicht auf.  Erwarte sie allerdings eher von Gott, als von den Mitmenschen. Lebe mit Enttäuschungen und vertraue auf gute Erfahrungen in der Zukunft. Wer auf Gott vertrauet, den oder die verlässt er auch nicht.“

Dabei darf man sicherlich den Glauben an Gott und das menschliche Vertrauen nicht so sehr voneinander trennen.

Hier geht es auch um Werte. Es geht aber auch darum, woher wir das Heil unseres Lebens erwarten. Ja, es ist uns zugesagt: Gott ist Heiland, hat uns heil gemacht durch seine Barmherzigkeit.

Wir haben auch hier das Weihnachtsthema herausgehört. Gottes Liebe, Gottes Nähe ist die menschliche Nähe Jesu. In Jesus ist Gott selbst da und macht uns heil. Daher passt das Wort „Heiland“ in diesem Text sowohl auf Gott als auch auf Jesus. Gott ist uns gegenüber als Liebe erfahrbar, in dem er aus unserer Unfähigkeit vollkommen zu lieben durch seine Barmherzigkeit neues Leben und Zukunft schafft.

Das führt schon direkt zum Begriff des Glaubens, der hier doch eher in der Mitte steht und den Vorrang innehat.

In Jesus ist uns erschienen, so möchte ich den Anfang ergänzen, Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe. Gott ist uns gegenüber also der Heiland, der Retter, der Erlöser. Was das eigentlich bedeutet, können wir uns klarmachen, wenn wir daran denken, wem denn sonst Freundlichkeit und Menschenliebe zugesprochen wird. Hier ist von der Politik die Rede, aus damaliger Sicht vom Königtum. Der römische Kaiser ließ sich als Heiland bezeichnen und wurde wegen seiner Menschenliebe gerühmt. Seine Herrschaft war universell. Selbst der jüdische Dichter Josephus rühmt die Wohltaten der römischen Zentralpolitik.

Der Titusbrief wendet sich gegen diese staatlichen Lobhudeleien und sagt zugleich: Diese Attribute sind uns zu wichtig, als sie an irdische Könige zu geben. Sie gelten allein für Gott selbst. Das ist der eine Aspekt des Glaubens: Soli Deo Gloria: Gott allein gebührt die Ehre.

Der andere Aspekt wird hier mit den Worten Wiedergeburt und Erneuerung angezeigt: Das Bad, womit die Taufe gemeint ist, erneuert unser Leben durch die Gabe des Geistes. Damit wird die genannte Gottesvorstellung nun ganz konkret und persönlich. Wer den König preist, geht in der Masse des Volkes auf. Wer dagegen Gottes Menschenliebe kennt, weiß sich selbst angesprochen und gerettet. Der Glaube hebt uns aus der Masse und macht aus uns Persönlichkeiten.

Natürlich ist der Geist der Erneuerung auch ein Geist der Gemeinschaft, aber diese Gemeinschaft ist nicht an die Stelle Gottes zu setzen. Bitte hüten sie sich davor, nur an die Kirche zu glauben! Hüten sie sich davor, dem Friedensschluss und der Friedensbeteuerung von Menschen im Letzen zu vertrauen. Der Geist Gottes wird uns unverfügbar und persönlich gegeben. Gott verändert uns durch den Geist. Dass kann man doch bei aller Globalität und Universalität nur persönlich erfahren. Jeder Mensch, der aus der Kirche ausgetreten ist, kann nur persönlich zurückgewonnen werden. Solange wir die Menschen nur als Masse, als Öffentlichkeit ansprechen, ist nichts gewonnen. Im 19. Jahrhundert hat ein Philosoph die entscheidende Entdeckung gemacht, dass es eine Weiterentwicklung der Menschheit durch die Verbesserung des menschlichen Geistes gegeben hat. Er hat darin das Wirken des göttlichen Geistes gesehen. Dieser Philosoph hieß Friedrich Hegel. Er hat das Geschichtsdenken bis in unsere Zeit geprägt. Ich glaube, dass wir an seiner Erkenntnis nicht ernstlich vorbeikommen. Das ist kein gleichmäßiger und einliniger Vorgang. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Scheiterns. Ich nehme kein Wort von dem zurück, was ich unter dem Wort Liebe gesagt habe. Aber Gott wird Mensch durch Jesus. Die Person Jesus von Nazareth wird unser Leben nur erneuern, wenn wir uns nach seinen Worten richten und an seine Auferstehung glauben. Gott gibt uns durch die Gegenwart Jesu im Glauben seinen neuen Geist. Dazu gibt es ein gutes Beispiel, das sehr viel mit Weihnachten zu tun hat.

Der Heilige Franz von Assisi, ich nenne ihn bewusst heilig, war gebeten, in der Stadt Greccio Weihnachten zu feiern. Um dieser Stadt die Weihnachtsbotschaft so genau und gegenständlich wie möglich vor Augen zu führen, ließ er einen Ochsen und einen Esel in die Kirche bringen. Vor diese beiden Tiere wurde eine Holzkrippe gestellt, die mit Stroh gefüllt war. Im Beisein dieser Krippe feierte er dann mit den Bürgern von Greccio zu Weihnachten die heilige Messe. Das ist eigentlich noch mehr als nur Menschwerdung: Das heißt: nur dort, wo wir arm und auf Barmherzigkeit angewiesen sind, kann uns Gottes Nähe sicher sein.

So heißt es in einem Weihnachtslied: “So lass uns deine Krippe sein, komm, komm und lege bei mir ein, dich und all deine Freuden.”

Wenn wir symbolisch eine Krippe werden, beginnt in uns die Gegenwart Gottes.

Zum Schluss ist von Hoffnung die Rede. Dieser Begriff klappt nicht nach, denn ohne Zukunftsbezug ist diese Botschaft, dieser Glaube an Gott nicht denkbar.   Durch Christi Gnade gerecht geworden, sind wir die Erben des ewigen Lebens geworden, nach unserer Hoffnung. Wir erwarten noch etwas von Gott, auch jenseits von Gott, auch jenseits jedes Abschieds. Gott wird immer leben. Diese ewige leben ist auch unser ewiges Leben. Unser Leben ist bruchstückhaft, unvollkommen, fehlerhaft, es ist auch glücklich, und auch voller Freude. Aber Glück und Freude auch dieses Weihnachtsfestes werden zu Ende gehen. Gottes Güte macht unser Leben vollkommen. Gott spricht zu uns sein ewiges Ja. Und so sprechen wir nun den Predigttext noch einmal gemeinsam:

Brief des Paulus an Titus, Kapitel  3, Verse 4-7 (Textblatt, s.o.)

4 Als aber  erschien

die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes,

unseres Heilands,

5  machte er uns heil

nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen,

die wir getan hatten,

sondern nach seiner Barmherzigkeit

durch das  Bad der Wiedergeburt und Erneuerung

im heiligen Geist,

6 den er über uns reichlich ausgegossen hat

durch Jesus Christus, unsern Heiland,

7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden,

Erben des ewigen Lebens würden

nach unsrer Hoffnung.

Amen.