Wir müssen die Wissenschaft schützen! – Intellektuelle Unredlichkeit am Beispiel der neusten Debatte über die Gefahren der Luftverschmutzung, Lars Jaeger, Freiburg 2019

Foto: Niklas Fleischer, Ort des Fotos ist Hamburg

Wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit einem Mal in das Zentrum einer heftigen politischen Diskussion geraten, erlebten wir jüngst mit der Debatte um die gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden. Ausgelöst wurde sie durch die Publikation eines Positionspapiers des Pneumologen (Lungenforschers) Dieter Köhler zusammen mit dem lange in der Automobilindustrie tätigen Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch vom 22. Januar 2019.

In ihrem zweiseitigen Papier, das eher die Form einer Presseerklärung als einer wissenschaftlichen Stellungnahme oder gar Forschungsstudie hat, behaupten die Autoren keck, dass die von diversen Gesundheitsorganisationen (darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO) geteilten Ansichten zu Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Die vielen Studien zu den Gefahren von Luftverschmutzung hätten grosse Schwächen, die herangezogenen Daten seien einseitig interpretiert worden, und ganz generell seien die Stickoxidforscher parteiisch, so die Autoren. Harter Tobak. Wäscht hier endlich mal jemand der wissenschaftlichen Gemeinschaft den Kopf und erklärt uns, wie es wirklich ist? Die aufgestellten Behauptungen wiegen derart schwer, dass man erwarten sollte, dass sie auch mit entsprechend validen und starken Argumenten, bestenfalls harten wissenschaftlichen Belegen untermauert werden. In diesem Fall wäre eine solche Stellungnahme wünschenswert und würde der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Debatte in dieser wichtigen Frage sehr helfen. Schliesslich ist das Thema um die mit dem Verkehr verbundenen gesundheitlichen Belastungen im Auto-Land Deutschland und den jüngsten Manipulationsskandalen von VW und Konsorten besonders brisant. Doch hier herrscht leider komplette Fehlanzeige: Statt der erwarteten wissenschaftlichen Belege begeben sich die Autoren in eine peinliche Scheindebatte mit teils haarsträubenden Begründungen, die doch sehr an die Argumentationsmuster von Klimawandelleugnern und Tabaklobbyisten erinnern. Betrachten wir sie im Folgenden im Einzelnen.

Als erstes ziehen Köhler und Koch das banale Argument heran, dass Korrelationen keine Kausalitäten darstellen. Wir kennen diese Aussage aus anderen wissenschaftsskeptischen Zirkeln. Was sie für viele Menschen so verführerisch macht, ist, dass sie wahr ist, auch wenn sie gar keine Anwendung findet. Natürlich können wir aus einer Datenstudie, die uns Korrelationen aufzeigt, niemals ganz sicher auf Kausalitäten schliessen. Wer das behauptet (oder als Kritikpunkt an einer bestehenden Auffassung anführt), hat das Wesen der Wissenschaft nicht begriffen. So wie eine wissenschaftliche Theorie niemals mit dem Anspruch auf letzte Wahrheit auftreten kann, sind Beobachtungen und Daten niemals letztbegründend für kausale Verbindungen. Allerdings darf durchaus von einer Kausalität ausgegangen werden, respektive von der Richtigkeit einer wissenschaftlichen Theorie (auch wenn sie nicht 100% sicher ist), wenn 1. die Effekte in vielen verschiedenen, voneinander unabhängigen und mit unterschiedlichen Methoden durchgeführten Studien beobachtet worden sind, und 2. es dazu einen glaubhaften Mechanismus oder eine plausible Theorie gibt. Beide Bedingungen sind hier ohne Weiteres erfüllt: Es gibt Zehntausende von Studien zu Luftschadstoffen und ihrem Einfluss auf unsere Gesundheit, und die Verbindung von Feinstaub bzw. Stickoxiden und Entzündungen in der Lunge ist sehr plausibel (Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas). Und selbst wenn sich diese Erkenntnis trotz all der Studien irgendwann mal als falsch herausstellen sollte (eine gewisse – wenn auch sehr geringe – Wahrscheinlichkeit dafür besteht immer, wie auch dafür, dass der Klimawandel tatsächlich nicht menschenverursacht ist), so gebietet es die Risikoethik bis dahin, das Augenmerk auf die Möglichkeit sehr schädlicher (im Fall des Klimawandels gar apokalyptischer) Entwicklungen zu richten.

Ein sehr ähnlicher (eigentlich der gleiche) Punkt ist der, den die Autoren als zweites „Argument“ aufführen: Es gibt zahlreiche andere Faktoren, die Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung beeinflussen. Auch das ist reichlich banal, kann aber kaum geeignet sein, einen bestehenden Konsens über die Schädlichkeit von Luftverschmutzung für unsere Gesundheit zu widerlegen. In Anbetracht des zum ersten Argument Gesagten erübrigt sich eine weitere Entgegnung zu diesem Punkt.

Als nächstes sprechen die Autoren über Schwellenwerte und die Frage, durch welche Mechanismen genau die Luftverschmutzung auf den menschlichen Körper wirkt („Toxizitätsmuster“). Tatsächlich lassen sich die Auswirkungen von Stickoxiden auf unsere Gesundheit nur schwer isoliert betrachten. Hierzu gibt es unzählige epidemiologische Studien mit oft Tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern und vielen Hunderten Variablen und entsprechend komplexen statistischen Modellen. Dabei wird das Risiko von Verzerrungen in den Studien so weit wie möglich reduziert, indem Forscher den Einfluss anderer bekannter Faktoren herausrechnen. Absolute Sicherheit gibt es allerdings nie. Dennoch gilt die schädliche Wirkung des Feinstaubs als eindeutig nachgewiesen, bei Stickoxiden sind die Unsicherheiten etwas grösser, gehen aber nichtsdestotrotz in eine eindeutige Richtung. Hier einen einzigen, alles zusammenfassenden Schwellenwert anzugeben, ab welcher Konzentration Feinstaub und Stickoxide definitiv schädlich sind, ist nahezu unmöglich. Doch daraus zu folgern, dass „alle diese Studien eine konstante Störgröße (Bias) messen“, ist geradezu irrsinnig. Mit der gleichen Argumentation könnte man sagen, wir verstehen nicht ganz genau, wie der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre das globale (und lokale) Klima beeinflusst, also müssen wir schlussfolgern, dass es diesen Einfluss gar nicht gibt. Mit einem derartigen Argument die wissenschaftliche Arbeit hinter tausenden Studien als fehlerhaft oder gar interessegeleitet zu erklären, ist sehr bedenklich.

Die haarsträubendste Argumentation, ironischerweise im Papier als „das stärkste Argument gegen die extrem einseitige Auswertung der Studien“ aufgeführt, bewahren sich die Autoren jedoch für den Schluss auf. Hier werden die Raucher herbeigezogen, die ja „quasi freiwillig an einer riesigen Expositionsstudie teilnehmen“. Aus der bekannten Tatsache, dass Rauchen die Lebenserwartung um ca. zehn Jahre verkürzt, schliessen Köhler und Koch wagemutig, dass Raucher, die mit jeder Zigarette einhundert bis 1000-fach so viel Stickoxide und Feinstaub einatmen, „nach wenigen Monaten alle versterben müssten“. Da sie das offensichtlich nicht tun, müssen die Studien falsch sein. Das ist natürlich kompletter Unsinn, worauf Experten längst hingewiesen haben. Dies beruht auf einer Variation des logischen Denkfehlers, auf den die Autoren in ihrem ersten Argument in derart polemischer Absicht hinweisen. Denn so gilt natürlich auch, dass aus einer fehlenden Korrelation in einem Zusammenhang nicht auf eine fehlende Kausalität in einem anderen, ggfs. damit verwandten Zusammenhang geschlossen werden kann. Nicht zuletzt rauchen die meisten Raucher nicht 24 Stunden und ebenso wenig als Schwangere, Babys und Kinder, wohingegen sie alle Abgase einatmen.

Die Autoren weisen zuletzt darauf hin, dass alle gängigen Informationen über Schadstoffbelastungen „im Wesentlichen aus der gleichen Quelle“ stammen. Das ist eine grobe Falschaussage, in klareren Worte eine glatte Lüge, die schon an „Trump‘sche“ Verhältnisse heranreicht. Unzählige unabhängige Forschungsstudien haben zu dem wissenschaftlichen Konsens in dieser Frage beigetragen, der sich über viele Jahre herausgebildet hat. Keiner der beiden Autoren hat im Übrigen an dieser Forschungsarbeit je teilgenommen: Köhler hat in seiner Karriere keine einzige „peer-reviewte“ Studie zu Stickoxiden oder zu den medizinischen Auswirkungen von Feinstaub in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht, nur einen Aufsatz im nicht begutachteten Ärzteblatt, das eher ein offizielles Mitteilungsorgan der jeweiligen Kammer ist als ein akzeptiertes Wissenschaftsjournal. Und Koch ist ein Ingenieur, der weit entfernt von der medizinischen Forschung ist.

Anstatt ihre Zweifel und ihre Kritik in wissenschaftlichen Fachkreisen darzustellen und darüber mit Experten zu diskutieren und so zu einem konstruktiven wissenschaftlichen Austausch beizutragen, wählten die Autoren den Weg über die Öffentlichkeit. Offensichtlich geht es ihnen mehr um Effekthascherei, Selbstbestätigung, Lobbyismus oder die Verbreitung von Ideologien als um eine „Versachlichung der Diskussion“. Sie wollen Zweifel an wissenschaftlichen Aussagen säen, womit sie Verunsicherung erzeugen, die sich dann politisch instrumentalisieren lässt. Bei einem so bedeutenden Thema wie der Luftverschmutzung und der Gefährdung unserer Gesundheit ist das Argumentieren mit falschen Fakten und Lügen jedoch nicht nur unangebracht, sondern zutiefst unredlich. Wissenschaft ist nach wie vor die effektivste Methode gegen alternative Fakten. Deshalb diskreditieren und bekämpfen Populisten wie Köhler und Koch ihre Erkenntnisse mit so vehementen Worten. Dass sie damit teilweise sogar Erfolg haben, ist umso schlimmer. Tatsächlich hat eine unheilige Allianz aus Politikern von CSU, FDP und AfD sowie dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ihre Aussagen schnell begrüsst und fordert entsprechende Gesetzesänderungen. Spätestens bei der Aussage von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dass der Vorstoss „Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte“ bringe, muss die Zivilgesellschaft aufstehen und sich wehren, um gegen die Verunglimpfung der Wissenschaft durch skrupellose Populisten vorzugehen. Dies ist auch die Aufgabe einer aufgeklärten Presse, welche die Aussagen der Grenzwertkritiker teils erschreckend unkritisch wiedergab und damit erst dafür sorgte, dass diese populistische Streitschrift gegen etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt mediale Aufmerksamkeit erhielt. Dies ist zuletzt eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Und diese ist das Fundament unserer offenen Gesellschaft.

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus und sein neuestes Buch „Die zweite Quantenrevolution“ erschien im August 2018 bei Springer.

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Husarenritt durch die Wissenschaft, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu: Jorge Cham, Daniel Whiteson: no idea, was wir noch nicht wissen, Vorletzte Antworten auf die letzten Fragen des Universums, Aus dem Englischen von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag, München 2018, 463 Seiten, Softcover, ISBN: 978-3-570-10320-3, Preis: 15,00 Euro

Allgemeinverständliche Wissenschaftsliteratur, ist das so etwas wie die Quadratur des Kreises? Wie kann man einen komplizierten Sachverhalt einfach erklären? Immerhin, der Versuch ist streckenweise gelungen, dank der Zusammenarbeit des Wissenschaftlers Daniel Whiteson mit dem Comic-Zeichner Jorge Cham. Ein Comic ist das Buch allerdings nicht geworden. Der Textteil überwiegt, liefert allerdings auch manche Steilvorlage für gelungene Zeichnungen.

Die zweite Schwierigkeit ist der Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Sachbüchern. Ich möchte den Unterschied mal mit zwei Spielen verdeutlichen. Das amerikanische Sachbuch ist ein Quartett mit 32 Karten, davon je vier zu einem Set gehörend. Das Thema bzw. die Grundaussage ist bei allen Bildern gleich. Die Quartette unterscheiden sich in ihren Unterthemen. Der Erkenntnisfortschritt liegt in der geschickten Illustration des immer gleichen Themas, das in diesem Fall schon mit dem Buchtitel gegeben ist.

Ein deutsches Sachbuch wäre hingegen wie ein Leiterspiel. Es geht einen Weg, hat Anfang und Ende und dazu gibt es Ereigniskarten, Pausen und Sprünge. Aber alles bleibt innerhalb eines roten Fadens, so dass es immer noch am Grundkonzept der Erzählung orientiert bleibt, die erst mit dem Ende eine Lösung päsentiert.

Das vorliegende Buch ist ein amerikanisches Sachbuch. Die Themen der Kapitel sind unterschiedlich, aber die Aussage ist immer die gleiche: Die Wissenschaft steht vor großen Rätseln. 

Ich halte es für wichtig und notwendig, diese Aussage gründlich zu bedenken, da sie die Wissenschaftsgläubigkeit der Moderne in Frage stellt. Das Problem liegt m. E. darin, dass sich die Wissenschaftlichkeit selbst hierdurch nicht erledigt. Die offenen Fragen sind die Fortsetzung einer sehr gründlichen Beschäftigung mit allen mathematischen, physikalischen, chemischen und biologischen Faktoren unserer Welt.

Die ersten Kapitel befassen sich mit dem Universum, die folgenden sind eher der Quantenmechanik gewidmet. Die Grundfragen der Wissenschaft werden in ihrer Prozesshaftigkeit und Offenheit geschildert.

Jetzt könnte man sagen, dass das Buch mehr Fragen aufwirft als es beantwortet, wäre ja schon vom Leitthema her vorgegeben, dass nämlich gerade das Wesen unserer heutigen Wissenschaft darin liegt, dass immer wieder neue offene Fragen entstehen. Manchmal entstehen aber die offenen Fragen auch durch die lockere und humorvolle Art und Weise, das Wesen der Wissenschaft zu vereinfachen. Im Kapitel 5 „Die Mysterien der Masse“ werden zwar die Schwierigkeiten der Quantenmechanik geschildert, aber es wird einfach unterschlagen, dass die Newtonsche Physik deshalb nicht ungültig ist.

Diese spaßige Art der Illustration und der Beispiele lassen vergessen, dass der Leser und die Leserin mindestens über ein naturwissenschaftliches Abitur verfügen sollte. Die leichte und lockere Weise, schwierige Themen aufzutischen, macht die Materie, um die es geht, nicht einfacher.

Phänomen Evangelikalismus, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu:

Frederik Elwert, Martin Radermacher, Jens Schlamelcher, transcript Verlag, Bielefeld 2017, gebunden, 447 Seiten, ISBN 978-3-8376-3201-9 (privat), Preis 39,99 Euro

Der Verlag transcript ist in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts als akademischer Veröffentlichungsverlag entstanden. Die Arbeit des Verlages wird als Netzwerk verstanden. Diverse Fachgebiete der Universitäten sind repräsentiert, in diesem Fall die Religionswissenschaft.

25 Autorinnen und Autoren stellen unterschiedliche Aspekte des Evangelikalismus vor. Dieser wird als Phänomen definiert und seine Geschichte in Europa und Nordamerika skizziert, um danach die Entwicklung in allen Erdteilen von 1950 bis heute darzustellen. Darauf folgt der Hauptteil des Buches, in dem thematische Querschnitte gezeichnet werden. Folgende Bereiche sind erfasst: „Glaube und Praxis“, „Sozialformen“, sowie diverse Funktionsbereiche wie . Im abschließenden Ausblick wird das Phänomen des Evangelikalismus zwischen Moderne und Postmoderne positioniert. „Phänomen Evangelikalismus, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017“ weiterlesen

Ethik der Wissenschaft, Rezension, Christoph und Niklas Fleischer, Welver, Dortmund 2017

Zu: Lars Jaeger: Supermacht Wissenschaft, Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, 413 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-579-08682-8, Preis: 22,99 Euro

Dr. Lars Jaeger (geb. 1969) hat zwar Physik, Mathematik und Philosophie studiert, arbeitet aber inzwischen als Finanzberater in der Nähe von Zürich. Daneben ist er freier Autor und bloggt über Wissenschaftsthemen (larsjaeger.ch).

In seinem neuen Buch „Supermacht Wissenschaft“ versucht der Autor einen Überblick über Zukunftsthemen aus Informatik, Medizin, Wirtschaftswissenschaft und anderen wissenschaftlichen Themengebieten zu geben, die allesamt das Potential haben die menschliche Existenz nachhaltig zu verändern. Hierbei stellt der Autor nicht nur aktuell (bereits absehbare) Entwicklungen vor, sondern versucht auch, diese Einzuordnen, mögliche Folgen aufzuzeigen und denkbare Lösungen für mögliche Konsequenzen aufzuzeigen. „Ethik der Wissenschaft, Rezension, Christoph und Niklas Fleischer, Welver, Dortmund 2017“ weiterlesen

Nun also doch – Gentechniker überschreiten eine neue Hemmschwelle auf dem Weg zu CRISPR Babys, Lars Jaeger

Vor mehr als zwei Jahren, im Mai 2015, stellte das Wissenschafts-Fachmagazin Nature in einem Artikel unter dem gleichnamigen Titel eine wichtige Frage: „Wo in der Welt könnte das erste CRISPR-Baby geboren werden?“ („Where in the world could the first CRISPR baby
be born?”). Indem es Experten und Regierungsstellen in 12 Ländern, die jeweils über eine gut finanzierte biologischer Forschungslandschaft verfügen, befragte, versuchte das Magazin, einen Quervergleich der verschiedenen Rechtslandschaft bzgl. Gene-Editing-Verfahren zu erfassen.
Die Antworten zeigten eine Vielzahl von Ansätzen. In einigen Ländern wäre bereits das Experimentieren mit menschlichen Embryonen eine Straftat, während in anderen fast alles zulässig ist.
Dabei wurde aber auch klar: In den meisten Ländern sind die staatlichen Entscheidungsträger der Geschwindigkeit der wissenschaftlichen Forschungsdynamik und des damit einhergehenden technologischen Wandels nicht gewachsen (und CRISPR ist nur ein Beispiel). Während gesetzgebende Instanzen Jahre für die Gestaltung der Rahmenbedingungen von neuen Technologien brauchen, entwickeln sich die Technologien längst weiter und machen diese Rahmen dann oft schon wieder überflüssig.
Wie CRISPR oder mit vollem Namen „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“ funktioniert, war bereits ausgiebig Thema in diesem Blog (http://larsjaeger.ch/?lang=de). Der regelmäßige Leser weiß, dass sich Gensequenzen mit Hilfe dieser neuen Technik punktgenau ersetzen, verändern oder entfernen lassen, und dies schnell, präzise und sehr billig. Das hat unter Wissenschaftlern, Ethikern und Patienten – leider weniger unter Politikern – zu breiter Besorgnis und heftiger Diskussion geführt. Es ist zu befürchten, dass, wenn derart präzise Genom-Bearbeitung in der klinischen Arbeit akzeptabel wird, um Krankheiten zu entlasten, es unweigerlich dazu kommen wird, dass diese Technologie auch dazu verwendet wird, menschliche Eigenschaften aus nicht-medizinischen Gründen zu verändern, bis hin zu Verbesserung der Intelligenz oder äußerlicheren Attraktivität eines Menschen. „Nun also doch – Gentechniker überschreiten eine neue Hemmschwelle auf dem Weg zu CRISPR Babys, Lars Jaeger“ weiterlesen