Zu: Ursprungsparadigmen, ZNT – Zeitschrift für Neues Testament, Heft 55, 28. Jahrgang, Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.), Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2025, Paperback, ISBN 978-3-381-14051-0, Einzelheft 39,00 Euro (print)
Brückenschlag
Folgender Satz aus der Verlagshomepage weist auf das Ziel der Zeitschrift für Neues Testament hin, dem auch dieses Einzelheft verpflichtet ist: „Das Ziel der Zeitschrift ist der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Textauslegung und der kirchlich-schulischen sowie gesellschaftlichen Praxis, welchem auch die konzeptionelle Gestaltung der Zeitschrift dient.“ (https://www.narr.de/theologie/zeitschriften/znt/)
Dieses Heft stellt die Sachlage am Beispiel der Einleitungswissenschaft dar (Sachthema), von der verschiedene Konzepte zu Wort kommen. Im Prinzip geht es aber dabei um Hermeneutik, wie es im Editorial des Herausgeberkreises dargestellt wird. Exemplarisch sei ein Satz daraus zitiert: „Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind.“ (S. 7)
Innovation durch Dialogbereitschaft
Die Einführung ins Thema bietet ein „Werkstattbericht“ des katholischen Theologen aus Münster, Wolfgang Grünstäudl, „Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht.“ (S.9-24). Was mit Innovation gemeint ist, verdeutlicht er an der Konzeptarbeit für „Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT)“ von 1944 bis 1961. Innovativ ist diese Arbeit durch ihre Dialogbereitschaft mit verschiedenen Kontexten von der Exegese bis zur Religionswissenschaft. In der Gegenwart wird die aus „sozialwissenschaftlicher Herkunft“ stammende „Netzwerkanalyse“ (s. S. 23) zu solchen zusätzlichen Aufgaben gehören. Dies wird hier leider nur in Andeutungen und Windungen am Beispiel des 1. Petrusbriefes gezeigt.
Verständnis für die Kanonentwicklung
Der Hauptteil wird durch drei Aufsätze mit verschiedenen Thematischen Schwerpunkten eingeführt. Sandra Huebenthal, Professorin für katholische Theologie in Passau und Prag, stellt vor „Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum.“ (S. 25-45) Sie beklagt die starke Ausdifferenzierung der Fachdiskurse, die die Orientierung am Ganzen erschwert, wie sie auch Ziel der Einleitungswissenschaft ist. In der Orientierung am Kanon in Differenzierung und Einheit schlägt sie das Symbol des Familienalbums vor. Trotz ihrer Kritik an der Differenzierung schlägt sie eine weitere Kategorie für die Einleitungswissenschaft vor, die Kulturwissenschaft. Aussagekräftige Tabellen wie Vorstellung 22 „Deutschsprachiger Einleitungen seit 1983“ (S.38) oder „Aufteilung unterschiedlicher Frageperspektiven…“ (S.43) zeigt, wie die Autorin die gegliederte Weiterarbeit vorstellt. Die Textgruppen des NT werden ebenfalls chronologisch gegliedert in eine Tabelle eingetragen. Auf die Einbeziehung außerkanonischer Schriften geht sie nicht ein, da das Motiv Familienalbum vermutlich die Rolle der Schrift für die Kirchenentwicklung vorstellt, quasi als kanonischer Leitfaden.
Frage nach dem Ursprungsparadigma setzt bei der Textkritik an
Der zweite Artikel des Hauptteils geht auf die Frage der Textkritik ein (Jan Heilmann: Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung). Zunächst habe ich den Artikel beiseitelegt, weil mir die Konzentration auf die Einleitungsfragen eher an einem Ursprungsparadigma orientiert schien. Doch das Gegenteil ist der Fall, weil die Frage nach der Textproduktion, mit der sich die Edition und die Textkritik beschäftigt, an das Ursprungsparadigma der Textentstehung rührt. Hierzu schreibt Jan Heilmann, Professor an der TU Dresden (nach Robin Faith Walsh, siehe Anmerkung 54): „Die Annahme einer idealisierten einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebildeter Autoren zu verstehen, die in literarischen Netzwerken agierten.“ (S. 59)
Doch mehr Autoren als Redaktoren?
Von eben jener Robin Faith Walsh stammt der dritte Artikel des Hauptteils: Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien.“ (S. 69-85) Sie ist Associate Professor für Neues Testament in Miami, USA. Der Artikel erscheint hier in deutscher Sprache, unter Mitübersetzung des Mitherausgebers der ZNT Jan Heilmann. Das Zitat aus dem vorgenannten Artikel bietet schon so eine Art Zusammenfassung. Dazu nun einige illustrierenden Zitate. Zunächst: Wie konnte es dazu kommen, dass die Produkte von Schriftstellern als historische Gegebenheiten verstanden werden konnten? Hier schreibt Faith Walsh: „Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxographische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wissen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise (…) in gewissem Maße wörtlich genommen.“ (S.70f). Die Vorstellungen eines Textes präsentieren die persönliche soziale Realität der Autorinnen, ihre literarische Sozialisation und narrative Vorstellungskraft (vgl. S. 74). Nur durch die Theorie der mündlichen Überlieferung konnte die Qualität der Verfasser ignoriert und auf eine Traditionskette projiziert werden.
Fachlicher Dialog in der Einleitungswissenschaft
Die Anstöße dieser Artikel können nun im zweiten Hauptteil nachwirken, der sich der Einleitungswissenschaft selbst zuwendet. Udo Schnelle: „Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft“ (S.89-99) und Markus Vinzent „Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft“ (S. 101-113).
Die Einleitung, von denen Udo Schnelle eine vorgelegt hat, sortiert die Schriften des NT quasi chronologisch. Die Inbeziehungsetzung diverser Zitate bildet dann die Reihenfolge der Entstehung, z. B. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, er setzt … ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus…“ (S. 93) Markus Vinzent teilt etliche Überlegungen, betont aber, dass die Sammlungen eher als Ausgangspunkt eignen als die Einzelschriften. (vgl. S. 102) Am Ende des Artikels geht Markus Vinzent auf die Paulusbriefsammlung Marcions ein. Hier zeigt sich bereits, dass vier Deuteropaulinen erst im Nachhinein hinzugefügt worden sind. Die Kriterien dafür entstammen der sprachlichen Analyse.
Praktische Konsequenzen
Michael Sommer, „Geschichte und die Schulbücher“ (S.151-132) zeigt am Beispiel der Schulbücher, dass das Bild der Religionsentstehung als Ölbaum hier noch prägend ist. Das Bild entstammt dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Obwohl es für Dialog eintritt, zeigt es die Vorrangstellung des Christentums, da es die jüngeren Äste repräsentiert und die Äste eine getrennte Entwicklung aus einem gemeinsamen Ursprung zeigen. In neueren „Pasting of the ways“- Modellen wird deutlich, dass z. B. Judentum und Christentum sich mit ähnlichen Diskursen auseinandersetzen wie „Rolle der Thora, Messiaserwartung…“ usw. Dabei sind die Religionen einander näher als das heute manchmal erscheint (S.129, Anm. dazu: Daniel Boyarin,). Der letztgenannte Aspekt wird in der Rezension im „Buchreport“ Thomas Tops zu: „Jewish Christianity“ ebenfalls aufgenommen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausgabe der Zeitschrift das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Die Spezialisten für die Entstehung des Neuen Testaments sind bemüht, die Entwicklung der Schrift als Ganzer zu würdigen. Dabei müssen vorherige, lange gültige Grundpositionen aufgegeben werden. Dementsprechend wird in den Untersuchungen manchmal zu vorsichtig agiert. Hier wäre aber gerade Klarheit günstiger, um nicht neue Fantasien entstehen zu lassen. Hier wäre ein neuer Adolf von Harnack kombiniert mit einer Prise Albert Schweitzer wünschenswerter.
