Ausstellung „ESEL“ in Unna, ein Hinweis an die Kuratorinnen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Das Stadtmuseum in Unna zeigt zur Zeit die Ausstellung über den Esel. Daher möchte ich zunächst aus einer kurzen Pressenotiz zitieren, die zudem auf eine noch aktuelle Führung hinweist:

„DER ESEL. Viel mehr als Unnas Stadtsymbol“
Kostenlose Führung durch die Ausstellung

Kreisstadt Unna.

Seit dem 21. November ist die Ausstellung „DER ESEL. Viel mehr als Unnas Stadtsymbol“ im Hellweg-Museum Unna für Gäste geöffnet. Die erste Führung findet am Sonntag, 5. Dezember, statt und startet um 15 Uhr. Es gilt die 2G-Regel.

Bei dem einstündigen Rundgang mit Historikerin und Museumspädagogin Birgit Hartings erfahren die Besucher*innen nicht nur, wieso der Esel in Unna eine so wichtige Rolle spielt. Auch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften und der Wandel vom Nutztier zum Freizeitpartner in unseren Breitengraden werden thematisiert. Danach begeben sich die Teilnehmenden auf die vielfältigen Spuren, die der Esel in der Kulturgeschichte hinterlassen hat. Diese lassen sich unter anderem in Religion, Kunst, Literatur und Sprache, aber auch im Strafwesen finden. Eine Schandmaske aus der Frühen Neuzeit gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Dieses Verlies ist direkt in das Gebäude des Stadtmuseums integriert.

Auf dem folenden Bild ist ebenfalls ein Esel dargestellt. Dieser steht vor der Krippe am Unnaer Weihnachtsmarkt. Er erinnert ein wenig an eine Comikfigur.

Mir selbst kam ein anderer Esel in den Sinn, auf den die Unnaer Ausstellung nicht hinweist, der Esel aus der Drüggelter Kapelle (Möhnesee). Und so schrieb ich die Kuratorinnen der Ausstellung in einer Email an:

Warum steht der Esel im Wasser oder am Wasser? Er ist ohne Gepäck, warum? Hat das etwas mit dem Übergang zwischen Soester Börde und Arnsberger Wald zu tun?

Kathrin Götker:

Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Darstellung eines Esels im/am Wasser und dem Übergang zwischen Soester Börder und Arnsberger Wald ist mir nicht bekannt. Falls es eine entsprechende Erzähltradition gibt, wäre das aber sicherlich eine gute Erklärung für diese spezielle Darstellung.

Ansonsten: Da der Esel keine Anzeichen von Domestizierung zeigt, wird es sich sicherlich um die Darstellung eines Wildesels handeln. Sollte er tatsächlich im Wasser stehen (das ist auf dem Foto nicht richtig zu erkennen), wäre das in der Tat sehr ungewöhnlich, da Esel das Betreten von Wasser üblicherweise meiden. Vielleicht steht das Tier doch eher an einer Wasserstelle?

Durch die Position am Kapitell eines Kirchenbaus liegt ein Zusammenhang zur christlich-allegorischen Bildwelt nahe, die sowohl sehr negative (Teufelstier, Tier der Ungläubigen, …) und auch sehr positive (Tier der Genügsamkeit, Duldsamkeit, Einfältigkeit, später auch: Tier der Pilger, …) Deutungen bereithält. Eine konkrete Verbindung zum Wasser findet sich z. B. im Buch der Natur des Konrad von Megenberg und in der Enzyklopädie De proprietatibus rerum des Bartholomäus Anglicus. Dort wird die natürliche Vorliebe des (Wild-)Esels für reines, bewegtes Wasser (und die Ablehnung von trübem Wasser) mit der Tugend der Genügsamkeit und der intuitiven Orientierung an der lebendigen Lehre Gottes (und der Verachtung der weltlichen Lehre) in Verbindung gebracht. Könnte das eine Spur sein? Gibt es vielleicht weitere Bildwerke an anderen Kapitellen, so dass sich ein Programm erschließen ließe?

Die Email, die, so Frau Götker, zunächst nicht für eine Veröffentlichung gedacht war, zeigt doch sehr sachkundig den Umgang mit ikonografischem Material. Selbstverständlich kann man hier aus dem zeitlichen Abstand heraus nur spekulieren. Die sonstige Ausstattung der Kirche ist mager an Bildwerken. Lediglich die Architektur des Zwölf-Säulen-Kreises weist auf die Israelpilgerfahrten wenn nicht gar auf die Kreuzzüge hin.

Der Esel rastet am frischen fließenden Wasser der Möhne, das Bild gefällt mir. Ob er hier auch mit auf die Pilgerfahrt ins Heilige Land geht, muss offen bleiben. Die Verbindung zur Schöpfung sowohl im Tier des Wildesels, der später zum Haus- und Lasttier wurde, als auch im Wasser passt zum Standort der Drüggelter Kapelle sehr wohl.

Zum Schluss ein Hinweis auf Johann Moritz Schwager aus Jöllenbeck. Der umtriebige Pfarrer der Aufklärung, der fleißig literarisch aktiv war, hinterließ einige Reisebeschreibungen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Dabei kam er ausgerechnet auch nach Unna und dort fielen auch ihm die vielen Hausesel als Nutztiere auf:

Link: https://museen.de/der-esel-unna.html

Ausstellungseröffnung Iserlohn: Stadt Kirche Bürgertum, Ein Bericht von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Als ehemaliger Bürger und gebürtigem Iserlohn interessiert mich manche Meldung, die ich durch den Pressedienst erhalte. So auch die Einladung zur heutigen (7.11.2021) Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum Iserlohn.

Wie die Kuratorin zu recht deutlich machte, liegt das Museum so nah am Kirchenensemble der Bauernkirche und der Obersten Stadtkirche, dass es nahe liegt, dazu eine Ausstellung zu machen.

Iserlohner Künstler malen Ihre Kirchen

In der Ausstellung am Ende, aber im Raum doch dominant, zeigen sich die zahlreichen Gemälde bekannter Iserlohner Künstler. Die Obersten Stadtkirche taucht dort immer wieder als das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt auf.

Dr. Sandra Hertel (im bild rechts), die durch die Ausstellung führte, sagte, dass sie im Stadtmuseum die Coronazeit genutzt hätten, den große Bestand an Gemälden zeitgenössischer und kürzlich verstorbener Künstler des 20. Jahrhunderts zu sichten und dass ihnen dabei die vorherrschende Rolle besonders der obersten Stadtkirche aufgefallen sei.

Stadt- und Kirchengeschichte verzahnt

Während die Stadt Iserlohn zunächst im Baarbachtal nahe der jetzigen Bauernkirche entstanden sei, war die Oberste Stadtkirche als etwas spätere alte Kirche auf dem Fels des Bilstein gebaut worden, von wo ausgehend eine Festung entstehen sollte, die jedoch danach zur befestigten Stadt gedieht.

Marientafeln und Reformationsgeschichte

Anhand der Marientafeln wurde klar, dass die Iserlohner Bürgerschaft über genügend Mitteln verfügte, um für die Kirche in Flandern einen Flügelaltar anfertigen zu lassen. Als man sich entschied, der Gemeinde die geschnitzte Seite permanent zu zeigen, wurden die sogenannten Marientafeln abgenommen und über dem Chorgestühl montiert.

Zwei Tafeln, die mit einem gekrönten König und mit Maria sind an das Ladnesmuseum in Münster gegangen.

Bürgertum und Kirchenbestand

Immer wieder wurde die feste Verbindung zwischen dem Bürgertum und der Kirche deutlich, im Kirchenbuch, im Visitationsbericht, in vorzeigbaren Kirchengegenständen wie dem Abendmahlsgeschirr. Die Stadt Iserlohn gibt es nicht ohne die Oberste Stadtkirche.

Immer wieder wurden so auch aktuelle Zeitströmungen im Bereich des Kircheninventars und seiner Veränderung deutlich. Wie zum Beispiel an der Veränderung des Orgelprospekts gezeigt werden konnte. Interessant war auch der Werdegang der Namensschilder im Kirchengestühl, die früher sogar das Wappen der jeweiligen Familien enthielt. Die Interessante Ausstellung zur Geschichte der Obersten Stadtkirche ist noch bis zm 27. Februar 2022 im Stadtmuseum Iserlohn zu besichtigen.

Link zur weiteren Information: https://www.iserlohn.de/kultur/museen/stadtmuseum-iserlohn/sonderausstellung

Predigt zum Gedenken der Reformation 2021: Geschenkte Freiheit, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1)

Liebe Gemeinde,

das Stichwort Freiheit wurde genau vor 500 Jahren mit der Freiheitsschrift Martin Luther zum Initial der Reformation: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Vielleicht war dieser Auftakt einer neuen kirchlichen Bewegung so klar und deutlich, dass er gleich den Bauernkrieg mit ausgelöst hat und religiöse Bewegungen wie die Täufer, die über das Ziel hinaus schossen.

Doch wie ist das heute mit der Freiheit? Landauf, landab machen sich viele Menschen Gedanken, wie unsere evangelische Kirche sich den Herausforderungen der Zeit stellen soll. Es gibt viele gute Ansätze und neuerdings auch ein Positionspapier der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland mit dem Titel: „E.K.I.R. 2030. Wir gestalten ‚evangelisch rheinisch‘ zukunftsfähig“. Im Positionspapier wird auf die protestantische DNA ecclesia semper reformanda hingewiesen, was soviel heißt wie: Die Reformation der Kirche ist nie abgeschlossen. Eine Kirche, die an alten Strukturen festhält, ist nicht offen für die lebensstiftenden Bewegungen und Veränderungsprozesse des Geistes Gottes.

Von der Notwendigkeit alte Strukturen aufzubrechen

Von der Notwendigkeit alte Strukturen aufzubrechen und neue Wege als Kirche zu gehen sind so gut wie alle überzeugt. Was aber ist ein guter Weg und wie können wir das beurteilen? Gibt es dafür theologische Kriterien oder gar eine Unterscheidung der Geister? In vielen grundsätzlichen Fragen herrscht Uneinigkeit. Das verunsichert viele Menschen.

Uneinigkeit ist erst einmal gar nicht schlimm, wenn sie produktiv ist, wenn Unterschiede deutlich werden und die gemeinsame Suchbewegung nicht dauerhaft gelähmt oder gar verlassen wird. Schon viele engagierte Christinnen und Christen haben sich mit aller Kraft für Veränderungen eingesetzt und sind dabei aufgerieben worden.

Sicherlich gibt es nicht nur ein Kriterium, um zu prüfen, ob die angestrebten Veränderungen mit dem, was die Kirche verkündigt und was ihr Innerstes ist, übereinstimmen. Jedoch sollte ein Kriterium, das aus meiner Sicht für die protestantischen Kirchen zur Urerfahrung als Glaubensgemeinschaft gehört, unbedingt berücksichtigt werden: Freiheit

Hier sind einige, nicht abgeschlossene oder gar annähernd vollständige Gedanken dazu:

Geschenkte Freiheit

Wir müssen uns die Freiheit nicht erarbeiten. Sie ist uns von Gott geschenkt. Unser Erlöser, unser Bruder und HERR Jesus Christus hat uns zur Freiheit befreit. Wir sind befreite Kinder Gottes und erleben diese Freiheit im Glauben. Gottes Geist teilt uns die Freiheit, die uns niemand streitig machen kann, mit. In der Gemeinschaft der Glaubenden bezeugen wir einander diese Freiheit. Das heißt konkret, wir sehen unser Gegenüber und die Anderen nicht von ihren Fehlern und Defiziten, sondern von Gott her, der uns alle zur Freiheit beruft, aufrecht und selbstverantwortlich unseren Glauben und unser Leben in dieser Welt zu leben. Die durch Gott geschenkte Freiheit ermöglicht Veränderungen und Neuanfänge, ohne Identität zu verlieren. Diese geschenkte Freiheit hat auch Bestand in schmerzhaften Prozessen, in Trauer über das Verlorene, über den Rückbau von Strukturen und selbst im Verlust von Kirchen und Gemeinden. Die geschenkte Freiheit macht uns heilsam passiv und gleichzeitig wachsam, widerständig und lebendig. Durch die von Gott geschenkte Freiheit wird der Mensch zu seinem rechten Maß befreit, das heißt er muss nicht alles selbst leisten, sondern er ist schon frei und darf das ausleben, was Gott an Möglichkeiten in ihm angelegt hat.

Ich träume von einer Kirche, die von der geschenkten Freiheit Gottes her lebt, denn nur diese Kirche hat eine befreiende Botschaft für alle Menschen, nur diese Kirche hat ein weites Herz und weiß die Quelle ihrer Kraft nicht in sich selbst, sondern in Gott.

 

Freiheit und Liebe

Die geschenkte Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie führt zur Verantwortung an dem Platz, wo wir als Gemeinde leben. Die geschenkte Freiheit ist der bleibende Auftrag, Kirche zu gestalten und erlebbar zu machen, dass Menschen in ihr diese Freiheit schmecken, von ihr angezogen werden, gestärkt werden ihr Leben zu bewältigen. Umgekehrt muss sich unsere Gemeinde immer wieder fragen lassen: Erleben denn Menschen bei uns diese Freiheit des Glaubens? Wie kann die und der Einzelne die geschenkte Freiheit – Gottes unbedingtes Ja zu ihr und ihm – erfahren? Was brauchen die Menschen wirklich? Was gibt ihnen Halt und Sinn? Wie können sie, wie können wir aus Entwurzelung, Einsamkeit und Überdruss, aus krankmachenden Strukturen ausbrechen, ohne sich wieder anderen ambivalenten Mächten auszusetzen? Das geht nur im Erfahrungsraum der Liebe, der geschenkten Freiheit. Es gilt die Sehnsucht nach Gott, die Sehnsucht nach Angenommensein und Dazuzugehören, aufzugreifen. Es gilt auch die Sehnsucht nach Partizipation und Selbstwirksamkeit, nach Resonanz, die die Menschen heute umtreibt wirklich ernst zu nehmen.

Ich träume von einer Kirche als Resonanzraum für Menschen, die auf der Suche sind nach Gott und seiner Wirklichkeit.

Ich träume von einer Kirche, die Zeugin ist von der Liebe Gottes und deren schwacher Glaube nicht aufhört in der Liebe tätig zu sein. (Gal 5,6b).

 

Freiheit und Wahrheit

Die Freiheit ist in die Wahrheit verliebt. In Wahrheit mutet die Kirche der Welt ihre Botschaft von der Versöhnung zu. Diese Versöhnung wird in der Gemeinde selbst gelebt, das heißt: Die Wahrheit mutet sich den Anderen zu. Nur im Geist der Wahrhaftigkeit kann Freiheit gedeihen und Liebe Wurzeln schlagen.

Martin Luther hat einmal sinngemäß gesagt: Das christliche Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden. Ich glaube, der Satz stimmt auch, wenn wir ihn auf die Kirche übertragen. Die christliche Kirche ist nicht ein Kirche-Sein, sondern ein Kirche-Werden. Diese Haltung, dass wir unterwegs sind, dass wir nach vorn ausgerichtet sind, immer wieder Gemeinde-Werden, gilt es einzuüben. Dann halten wir nicht nur an dem fest, was war oder ist, sondern richten uns auf das aus, was werden kann. Wir sind und bleiben für Gottes Wirken offen, für Veränderungen an und durch uns.

Ich träume von einer Kirche, die der Wahrheit verpflichtet ist und wahrhaftig miteinander umgeht. Ich träume von einer Kirche, die ein Raum der Freiheit ist, wo Wahrhaftigkeit und Vertrauen gedeihen.

 

Freiheit und Gerechtigkeit

Wenn die geschenkte Freiheit nicht zur Gerechtigkeit im Umgang miteinander, im Sehen und Gesehen-Werden, in der Verteilung der Güter, dass alle ausreichend zum Leben haben, in der gleichen Würde aller Menschen ohne Ansehen der Person führt, dann kann sie noch so geistlich vor sich hergetragen werden, sie wird dem Willen Gottes nicht gerecht. Wo Gerechtigkeit nicht angestrebt wird und Fuß fasst, ist die Freiheit ein Spielball der Macht und der bestehenden Verhältnisse.

Ich träume von einer Kirche, in der es gerecht zugeht und die zu Recht und Gerechtigkeit beiträgt.

 

Liebe Gemeinde,

das sind nur einige Gedanken zu einer Kirche, die in unserer Gesellschaft im Umbruch steht. Die neue Gestalt der Kirche ist noch nicht erkennbar, um sie wird gerungen. Wir dürfen ganz aktiv auf Gott vertrauen und darin völlig passiv sein, dass Gott seinen Weg mit unserer Kirche gehen wird. Hier sind das Gebet und das Hören auf Gottes Wort und seinen Geist gefragt. Wir sind Empfangende, darin bin ich gewiss. Und wir dürfen mit unserem schwachen Glauben und unseren vorläufigen Erkenntnissen mit Herz und Verstand neue Kirchenformen denken, wagen und gestalten, aber wir sollten niemals vergessen:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1)

Amen

Persönliche Rezension zur Trauer, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Zu:

Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer, Informationen für Betroffene und Angehörige, 2., überarbeitete Auflage, Hogrefe Verlag, Göttingen 2021, broschiert, 64 Seiten, ISBN: 978-3-8017-2976-9, Preis: 9,95 Euro

Bereits vor einiger Zeit erhielt ich vom Hogrefe Verlag den “Ratgeber Trauer” als Rezensionsexemplar, leider kam meine Lektüre etwas ins Stocken. Traurige Aktualität erhielt der Ratgeber für mich durch den Tod meiner Frau im April dieses Jahrs, der auch Anlass einer kurzen Betätigungspause im Blog war.

Der Tod gehört theologisch immer zu meinen Interessensgebieten, was bei der Beerdigungspraxis im Pastoralberuf ja auch nicht unüblich ist. Ich habe zudem an der Uni ein sehr interessantes und vielseitig angelegtes Tod-Seminar am Institut für christliche Gesellschaftswissenschaften besucht.

Das Seminar ist jetzt fast 40 Jahre her, aber der Name Yorick Spiegel hat sich mir eingebrannt. Seine Lehre von den Trauerphasen war lange prägend und taucht auch im Buch von Hansjörg Znoj wieder auf. Das Buch ist ein schmaler, aber wissenschaftlich fundierter Ratgeber von insgesamt nur 64 Seiten. Ich halte die Empfehlung, das Buch an Trauernde weiterzugeben trotzdem nicht für sinnvoll.

Handout für Betroffene?

Ein Ratgeber in wissenschaftlicher Fachsprache kann kein Handout für Betroffene sein. Das bedeutet nicht, dass dafür nur das wissenschaftliche Publikum in Frage kommt. Jede Person, die irgendwie und irgendwann mit der Begleitung Trauernder zu tun hat, sollte den Inhalt der Broschüre kennen.

Was ist Trauer? Wie äußert sie sich? Was ist normal? Was könnte auf eine Trauerstörung hindeuten?

Phasen von Schock bis zur Neuorientierung

Wichtig fand ich im Vergleich zur älteren Trauerliteratur etwa, dass sich die Phasen von Schock bis zur Neuorientierung nicht wie auf einem Stundenplan verhalten. Gemeint sind eher Erfahrungsebenen, die nebeneinander, übereinander, miteinander und eben nicht schlicht nacheinander geschehen.

Auch sind trauernde Menschen im Prinzip alltagstauglich. Trauer ist keine Krankheit, wenn sie auch belastend ist. Auch in praktischer Hinsicht ist Entlastung sinnvoll.

Trauer hat schon Ähnlichkeit mit einer Depression und ich habe den Verdacht, dass beide Zustände darin verwandt sind, dass sie manchmal unbewusst ablaufen. Ich denke als psychologischer Laie, dass bei einer Depression auch eine Trauererfahrung oder ein Trauma im Hintergrund stehen können.

Trauer kein permanentes Gefühl

Wichtig war für mich bei der Lektüre des Ratgebers eine Sache, die ich in meine eigene Trauer hineingenommen habe, nämlich, dass die Trauer kein permanentes Gefühl ist. Sie ist eine Vorbelastung aufgrund der Erfahrung des Todes, die unterschwellig präsent ist und situativ aufleuchtet. Daher meine ich auch, dass man sich nicht zwangsläufig nach außen hin als Trauernder darstellen müsste.

Der Ratgeber geht für mich ein wenig zu schnell in die Richtung der pathologischen Trauer bzw. der Trauerstörung, obwohl es schon ein wichtiger Aspekt ist.

Ich persönlich habe den Rat des Ratgebers nicht befolgt, mit dem Umzug bis zum Ende des Trauerjahres zu warten. Im Gegenteil: Ich könnte unter bestimmten Umständen das Aus- und Aufräumen und die Wohnungssuche auch als tätige Trauerbewältigung sehen. Ich konnte und wollte mich mit dem Aufenthalt im großen und nun fast menschenleeren Haus nicht abfinden und bin bewusst in eine Wohnung gezogen.

Wo bleiben die Abschiednahme und das Gedenken?

Was mir insgesamt im Ratgeber fehlt, ist der bzw. die Verstorbene selbst. Im Gegensatz zur religiösen Trauerbewältigung bzw. Trauerbegleitung, fehlt hier mit der Abschiednahme auch das Gedenken. Der Ratgeber ist ausschließlich an der Person der Trauernden interessiert und blendet das Objekt der Trauer, das verlorene Gegenüber (weitestgehend) aus.

Ich bin wahrlich kein Friedhofsgänger, weil ich den bzw. die Verstorbenen eher im Leben vermute als im Grab. Aber trotzdem hat auch mir der gelegentliche Blumengruß oder der Besuch am Grab gutgetan und geholfen, mich zu orientieren.

Die im Ratgeber präsentierte neuere und auch schon die ältere Richtung der Psychologie tut m. E. gut daran, nicht nur über den Objektverlust zu reflektieren, sondern auch darüber, wie sich die bleibende Gegenwart der Verstorbenen in uns selbst gestaltet, z. B. als unterschwellige Erinnerung. Das gilt doch auch für andere Arten des Verlustes.

Martin Heidegger schreibt sinngemäß, dass das Leben nur nach vorn und in die Zukunft hineingelebt, aber dass es nur im Blick in die Vergangenheit verstanden werden kann.

Dazu reicht es meines Erachtens nicht aus, nur die Verstorbenen als Verluste und Aufgaben zu sehen. Oft wird mir dann, wenn ich etwas verliere, dessen Wert erst richtig bewusst. Diese Erfahrung des Bewusstseins sollte auch auf der Seite der Psychologie mehr gewürdigt werden.

Reflektierend möchte ich am Schluss über den Ratgeber sagen, dass er ein wichtiges Hilfsmittel für die Begleitender Trauender und ggf. ihrer Therapie darstellt. Da Betroffene im Allgemeinen nicht die Reflektionsebene der wissenschaftlichen Psychologie nachvollziehen können, sehe ich diesen Ratgeber wie schon oben ausgeführt, nicht als Handout für Betroffene, sondern als Hilfsmittel für Begleitende an.

Klar ist, dass wir Betroffene, die wir Menschen in der Begegnung mit dem Tod nun einmal sind, damit zu leben haben, dass das Leben Fragen aufwirft, die wir uns nicht beantworten können und müssen. Aber es schenkt uns auch unendlich viel, das in der Erinnerung präsent bleibt. Das schließt auch eine neue Liebe nicht aus, sondern eröffnet gerade den Weg dorthin.

Hierzu gibt es keinen besseren Text als das Stufengedicht von Hermann Hesse, in dem es zum Ende heißt: „Nimm Abschied und gesunde.“

Frankfurter Buchmesse 2021, Notizen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

 

Foto Niklas Fleischer

Vorrede: Anmerkung zum Format dieses Kurzberichts.

Dem zuvor erschienen Bericht von Niklas Fleischer kann ich nur zustimmen und möchte keinen zweiten anfügen. Niklas hat mich lediglich gebeten, seinem Bericht meine inhaltlichen Notizen hinzuzufügen. Ich muss zugeben, dass ich diese erst aus dem Fundus meiner Mitbringsel rekonstruiert habe. Es geht ja eigentlich auch nur darum, dadurch zu veranschaulichen, dass die traditionelle Buchmessenarbeit durchaus möglich war und vielleicht abgesehen von der etwas schlechteren Auswahl durch die neue Raumaufteilung auch weniger hektisch ausgeführt werden konnte. Ich habe gerade in dem Bericht der Frankfurter Buchmesse selbst noch gesehen, dass das Programm digital zu verfolgen war. Daran haben wir nun offensichtlich weniger teilgenommen, aber das ist trotzdem gut und sinnvoll, zumal diese Beiträge ja meist auch später noch eingesehen werden können.

Foto Niklas Fleischer
Ein Hinweis:

Da dies bewusst nur Notizen sind, führe ich das Format der Buchangaben nicht so gründlich aus, bitte also die Leserinnen und Leser sich im Internet durch Stichwortsuche einen passenden Ort für ihre Recherchen zu suchen. Meist sind das die Verlagsseiten, aber auch die Portale der großen Internet-Buchhändler.

Blaue Frau

Zunächst fiel mir die „Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel aus dem Verlag S.Fischer ins Auge, da es die diesjährige Preisträgerin des deutschen Buchpreises ist, und ich vor der Buchmesse davon gehört hatte. Es interessiert mich auch inhaltlich, da es um die Aufarbeitung einer Vergewaltigung geht, die als Traumatisierung einen Menschen das ganze Leben verfolgen kann. Der Verlag S. Fischer wartete seit 2007 auf einen erneuten Buchpreis. Es ist wirklich einer von den guten Literaturverlagen.

Foto Niklas Fleischer

Mensch, Gott

Bei Suhrkamp finde ich eine Auswahl von Texten von Wolf Biermann unter der Überschrift, „Mensch, Gott“ mir wird sofort klar, dass die Texte, nicht nur die Lieder von Biermann auch religiöse Anspielungen haben und profan christliche Inhalte verbreiten. Man denke nur an das Lied: „Ermutigung“, das in der christlichen Friedensbewegung rauf und runter gesungen wurde. Da ich den Newsletter von Suhrkamp bekomme und im Blogger-Verteiler bin, versuche ich mal ein Rezensionsexemplar zu erhalten.

 

Michelangelo

Bei Wagenbach, dem linken Literaturverlag, finde ich den Schwerpunkt „Kunst“ interessant. Erste Raffaels Schule von Athen und jetzt „Michelangelo“, das fällt ins Auge. Man setzt dabei auf Qualität. Der Preis des Buches wird ab dem 1.1.2022 bei 98,00 Euro liegen, vorher ein wenig niedriger. Da kann man nur sagen: Was nichts kostet, das taugt nichts.

 

St. Maria zur Wiese

Machen wir bei Kunst weiter: Da meine Wege neuerdings in die Normandie führen, fiel mir das Buch über die Normannen ins Auge. Es sind zwei Ausstellungsbände zum Preis von einem, 49,00 Euro und ist eine Koproduktion von „Schnell und Steiner“ mit der Stadt Mannheim. zu Hause nehme ich den Katalog zur Hand und finde etwas, das mir auch sehr interessant erscheint mit lokalem Bezug: Eva Maria Bongardt: „Die Kirche St. Maria zur Wiese in Soest und ihre Bildausstattung.“ Das Buch ist bereits erschienen und kostet ambitionierte 76,00 Euro. Wer die Kirche kennt und vielleicht schon Gottesdienste dort gefeiert hat, weiß, dass die Bildaustattung phänomenal ist.

Pandemie, die erste

Beim Passagen-Verlag aus Wien fiel mir auf: Jean-Luc Nancy: „Ein allzu menschlicher Virus“. Das Buch ist frisch erschienen. Die Pandemie gibt in der Tat zu denken. Das Büchlein ist zudem auch nicht allzu dick. Für mich ist Jean-Luc Nancy als Schüler irgendwie auch inhaltlich der Nachfolger von Jacques Derrida, der Begründer der Postmoderne.

Liberale Glaubenshaltung

Kommen wir mal zu religiösen Themen: Beim Vier Türme Verlag des Benediktinerklosters Münsterschwarzach schreibt der allseits bekannte Anselm Grün, und vermittelt eine sakrale Haltung, die mit der modernen Lebensauffassung vereinbar ist und spirituelle Impulse gibt. Reizvoll sind dazu im Katalog die Neuerscheinungen „Checkliste Himmel“, Glaube zum Ausfüllen. Oder genauso postmodern: Gesine Palmer: „Vielfalt statt Konsens in den Religionen“. vielleicht wird die liberale Glaubenshaltung, von der hier die Rede ist, auch mal die Kirche retten.

Geschlechtervielfalt

Hierzu gibt es im eher unbekannten Verlag Nünnerich-Asmus (www.na-verlag.de“ ein Ausstellungskatalog mit dem sinnigen Titel „G*tt w/m/d“, Geschlechtervielfalt in biblischen Zeiten. Die dazu gehörige Ausstellung wird bis zum 19.12.2021 im Bibelhaus Frankfurt gezeigt.

Jesus oder Paulus

Bei C.H.Beck fällt mein Blick auf das Buch von Johannes Fried: „Jesus oder Paulus“ (22,00 Euro). Ist ja klar: wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, wie Fried in einem andren Buch darstellt, dann muss er nach der Kreuzigung weitergelebt haben. Doch davon ist außer bei als Erscheinung des Auferstandenen in der Bibel nicht die Rede. Wäre also spannend zu lesen, wie der Altmeister der profanen Geschichte die Gegenwart Jesu weiter begründet. Auch der richtige Tod des Erlösers würde mich dann auch interessieren.

Ist die Zukunft der Kirche bezahlbar?

Pragmatisch ist da eher der Neuenkirchener Verlag mit der Arbeit von David Guttmann und Fabian Peters: #Projektion2060, Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, Analyse – Chancen – Visionen, 26,00 Euro. Es ist diesmal keine Umfrage, sondern eine ökonomische Studie, die sich sehen lässt.

Etwas Psychologie zum Schluss:

Bei Hogrefe greife ich das Gesamtverzeichnis 2022 ab, zumal da noch einige Rezensionen offen sind. …

Beim Psychosozialverlag aus Gießen wird ein Buch aus 2020 offen verschenkt: Steven Taylor: „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ (Übersetzt aus dem Amerikanischen).

Eine Neuerscheinung berührt mich persönlich: Anja Röhl: Heimweh-Verschickungskinder erzählen, Hardcover, 24,90 Euro (weitere Info hier: www.verschickungsheime.de).

1700 Jahre jüdisches Leben

Zu guter Letzt: Aus dem Homunculus-Verlag bekomme ich hoffentlich recht bald das Rezensionsexemplar von Uwe Seltmann: „Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.“ Es ist kein Katalog zur gegenwärtigen Jubiläumsausstellung, sondern eher ein begleitendes Sachbuch.

Wäre doch gelacht, …

…wenn ich von dieser Buchmesse nicht auch Anregungen und Lesetipps mitgenommen hätte. Mein Eindruck: Die bleibende Präsenz der Verlage ohne Massenandrang ist für diese Aufnahme von Informationen kein Nachteil gewesen.

Foto Niklas Fleischer