Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17 – Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

„Als sie nun Mahl gehalten, sagt zu Simon Petrus Jesus: Simon, Sohn des Johannes (1,42), liebst du mich mehr als diese? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Hüte meine Lämmer. Sagt er ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Weide meine Schafe (1. Petr 5,2). Sagt er ihm zum dritten Mal: Simon, Sohn des Johannes, bist du mir Freund? Betrübt ward Petrus, dass er so gesagt hat, zu ihm, zum dritten Mal: Bist du mir Freund? Und er sagte ihm: Herr, alles weißt du, du erkennst, dass ich dir Freund bin (16,30). Sagt zu ihm Jesus: Hüte meine Schafe (10,1-18).

Übersetzung von Dr. Eugen Drewermann

 

Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17

Liebe Gemeinde,

was für einem intimen Gespräch zwischen Jesus und Simon Petrus dürfen wir hier belauschen? Intimeres als über die Liebe von Person zu Person gibt es nicht. In der Frage: „Liebst du mich?“ wird das Entscheidende angesprochen, was eine Liebesbeziehung ausmacht. Der Fragende legt seine ganze Person hinein und wagt diese Frage an sein Gegenüber. An der Antwort hängt Glück und Enttäuschung, hängt die Zukunft. Diese Frage wird in der Regel erst gestellt, wenn der Fragende im Herzen überzeugt ist, die Antwort kann nur Ja sein.

Der Philosoph Roland Barthes hat einmal gesagt, dass der Satz: „Ich liebe dich!“, ein unmöglicher Satz ist. Wenn er ausgesprochen ist, stimmt er schon nicht mehr, da er nicht einzulösen ist, da er gewissermaßen nur in der Schwebe wahr ist und nur glaubend erahnt werden kann. Ausgesprochen jedoch verliert er seine Gültigkeit. Es ist als sei diese ungeheure Aussage „Ich liebe Dich!“ ein Ding, das der Mensch haben kann und über das er verfügt. Der Satz: „Ich liebe Dich!“ ist unverfügbar und entzieht sich in dem Moment, wo er ausgesprochen wird.HerzeH Wer von uns kennt nicht die Schwierigkeit und manchmal auch Schalheit, wenn wir diesen Satz aussprechen? Und dennoch ist es so wichtig, dass wir zueinander sagen: „Ich liebe Dich!“, weil der Glaube – auch an die Liebe – über das Hören kommt, über die Versprachlichung unserer existentiellen Gefühle und Einstellungen.

Jesus fragt Simon Petrus nach der höchsten Form der Liebe, nach der Agape, der selbstlosen (göttlichen) Liebe. Die Frage ist schlechtweg nicht zu beantworten und Simon Petrus zieht sich mit seiner Antwort geschickt aus der Verlegenheit, erstens indem er sich nicht auf den unmöglichen Vergleich, dass er Jesus mehr liebe als andere einlässt und zweitens, indem er sagt: „Wer, wenn nicht du, weißt es schon längst, dass ich dein Freund bin? Simon Petrus spricht nicht von Agape sondern von Phileo, der freunschaftlichen Liebe. Das ist eine Selbstbescheidung, gewachsen auch aus der bitteren Erkenntnis, dass seine Hingabe an Jesus, dass seine Beziehung zu ihm seinem unsteten Ego unterworfen ist, seiner Launenhaftigkeit, seinen Zweifeln und auch seiner Selbstüberschätzung.

Freundschaft ist nach dem römischen Philosophen Sallust: „Dasselbe wollen, dasselbe nicht wollen.“ (1) In diesem Sinn liebt Simon Petrus Jesus. Darauf antwortet Jesus: „Hüte meine Lämmer!“ (Vers 15).

Ich muss hier an meinen Enkel denken, ein Jahr ist er jetzt alt. Seine Eltern hüten ihn, beschützen ihn, ernähren ihn, tragen um ihn Sorge. Sie nehmen sich selbst zurück und stillen seine Bedürfnisse. So ist es, wenn uns ein neues Leben anvertraut wird. Das ganze Leben ändert sich, wird umgestellt und eingestellt auf das kleine Kind. Ganz natürlich sind wir Menschen ausgestattet, dass Neugeborene zu beschützen und zu bewahren so gut es uns möglich ist. Das neue Leben braucht verantwortungsvolle und verlässliche Zuwendung.

Das traut Jesus Simon Petrus zu. Durch Vertrauen wachsen wir an unseren Aufgaben. Ohne Vertrauen wächst der Selbstzweifel, wachsen Angst und Furcht in uns.

Ein zweites Mal fragt Jesus Simon Petrus: „Liebst du mich?“ Und Simon Petrus antwortet wiederum: „Du weißt es, ich bin dein Freund.“

„Weide meine Schafe!“ antwortet Jesus. Der Verantwortungsbereich für Simon Petrus wird ausgeweitet. Jetzt geht es nicht mehr nur ums Hüten, es geht ums Weiden. Das muss vorrausschauend geschehen. Wo gibt es Nahrung? Wie können die Tiere am besten durch das Leben gehen? Wie können Sie begleitet werden? Wie sind sie zu schützen? Wohin sind sie zu führen?

Alles Fragen, die uns selbst intensiv beschäftigen, besonders heute, da vor unseren Augen Grenzen überschritten werden, ein Land in das andere einfällt und es beherrschen will. Wie kann dem Unrecht gewehrt werden und das Recht wieder hergestellt werden, dass die Menschen selbstbestimmt ihr Leben führen können? Was sind die richtigen Mittel, um dieses Ziel zu erreichen? Wann ist Gewalt mit Gegenwehr und ebenso mit Gewalt zu begegnen, damit gerechter Friede werde? Was ist verhältnismäßig? Was aber steigert nur die Gewalt und die Anzahl der Opfer?

Jesus selbst ist den Weg der Gewaltlosigkeit gegangen und hat damit der Menschheit einen Weg gezeigt, Gewalt zu überwinden. Wir haben aber auch gelernt und wissen, dass in unserer Welt staatliche Gewalt den Auftrag hat – auch in Gemeinschaft der Völker – Völkerrecht und Menschenrechte durchzusetzen. Es gibt einen schier undurchdringlichen Knäul von Interessen, Motivationen und durch Medien vermittelte Haltungen. Aus meinem kleinen Blickwinkel heraus handeln wir in diesem Konflikt nicht mit Besonnenheit, wir liefern lieber schwere Waffen als mit voller Überzeugung auf ein Ende des Krieges hinzudrängen. Für mich ist der Weg, den wir beschritten haben, ein Irrweg – auch wenn er demokratisch legitimiert ist. Es ist gar nicht so einfach mit der Verantwortung, im Großen, aber auch im Kleinen.

Vielleicht fragt Jesus Simon Petrus Jesus deshalb ein zweites Mal: „Hast du mich lieb?“ Nur in der Liebe haben wie die Kraft auch schwere Wege zu gehen, Schuld einzugestehen, hinzufallen, wieder aufzustehen, weiterzugehen, es wieder und wieder zu versuchen in Beziehung zu leben, einander in Güte zu begegnen und die Angst voreinander zu überwinden.

Als Jesus Simon Petrus zum dritten Mal fragt: „Hast du mich lieb?“, wird dieser traurig. Es gibt Lebensthemen, die gehören zu uns und sie brechen immer wieder auf. Die Frage nach der Liebe und unsere Antwort darauf gehört dazu. Es gibt auch verschiedene Phasen im Leben. Wir können die drei Fragen auch als wiederkehrende Fragen in einer Biographie wahrnehmen. Der junge Mensch liebt leidenschaftlich, der Mensch in der Mitte seines Lebens bekommt die Einsicht, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern sich konkret in der Hingabe und Annahme eines Du bewähren muss. Es stimmt, jede und jeder ist für das verantwortlich, was er sich vertraut gemacht hat, wie es im Kleinen Prinzen heißt. Liebe ist nicht allgemein, sie ist immer konkret und auf ein Du bezogen. Eine Gruppe können wir nicht lieben.  Einen Menschen aber wirklich lieben ist das einfachste und schwierigste zugleich. Das zu erkennen braucht Zeit, oft ein ganzes Leben. Von daher ist die dritte Frage Jesu so etwas wie eine gesteigerte Wiederholung. Diese Frage stellt sich uns immer wieder und eindeutig ist sie aus uns selbst nicht zu beantworten, hinter der dritten Antwort Simon Petrus´ steckt viel Selbsterkenntnis. Sein Betrübt-Sein zeigt eine Reife, fremden und eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, sondern immer wieder selbst der Empfangende zu sein.

Auch wir sollten uns in unseren aufrichtigen Bemühungen zu lieben immer wieder unterbrechen lassen, dass es letztlich nicht unser Wille ist, auch nicht die ehrliche Absicht ein besserer Liebender oder Liebende zu werden, sondern das Liebe ein Widerfahrnis, ein Geschenk ist – das es zu ergreifen gilt, das uns gewährt wird von dem, der selbst die Liebe ist. Es braucht viel Leben um das zu spüren, um dem nahe zu kommen, um diese unserem Willen so paradoxe Erkenntnis in unser Leben zu integrieren. Die Trauer darüber ist ein erster Weg, aber dabei bleibt es nicht. Der Weg hat eine Richtung. Der Weg hat ein Ziel: „Folge mir nach!“ (Vers 18) sagt Christus oder ganz einfach und schlicht: Liebe und lasse dich lieben. Das ist die schönste Aufgabe des Lebens.

Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

1 Zitiert aus Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Seite 372

2 Die Predigt ist teilweise inspiriert durch: Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Patmos Verlag, Düsseldorf, 2003, S. 367-379

Ist der Weg der Gewaltlosigkeit Jesu ein Weg für die Kirche? Karfreitagspredigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

 

Predigt über den Albtraum der Frau des Pilatus (Mt 27,19)

 

Und als er (Pilatus) auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ (Matthäus 27,19)

 

Liebe Gemeinde,

die schwedische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf hat Christuslegenden gesammelt, aufgeschrieben und erstmals 1904 veröffentlicht. In der Legende über das Schweißtuch der heiligen Veronika erzählt sie – bis heute spannend – von einem Albtraum, den Claudia Procula, Pilatus’ Frau, geträumt hat. Ich zitiere ein Bild des Warntraums:

Der römische Landpfleger zu Jerusalem hatte eine junge Frau und diese träumte in der Nacht … einen langen Traum. Ihr träumte, sie stehe auf dem Dach ihres Hauses und sehe auf den großen schönen Hofplatz herunter, der nach morgenländlicher Sitte mit edlen Gewächsen bepflanzt war. …

Und es standen dort alle Menschen der Erde, die in Kriegen verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Leibern und mit tiefen, offenen Wunden, aus denen Blut rann, so daß der ganze Hof davon überflutet war. Und neben ihnen drängten sich dort all jene Menschen der Erde zusammen, die ihre Lieben auf den Schlachtfeldern verloren hatten. Es waren die Vaterlosen, die ihre Beschützer betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren Herzliebsten riefen, und die Mütter, die nach ihren Söhnen seufzten.

Die Vordersten drängten sich nach der Tür hin, und wie zuvor kam der Türhüter und öffnete.

Er fragte all diese im Kampf und Streit Verwundeten: „Was sucht ihr in diesem Hause?“

Und sie antworteten: „Wir suchen den großen Propheten von Nazareth, der Krieg und Feindschaft abschaffen und den Frieden auf Erden bringen wird. Wir suchen ihn, der die Schwerter zu Sensen umschmieden wird und die Speere zu Winzermessern.“

Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: „Kommt nun nicht mehr wieder, mich zu plagen! Ich habe es Euch schon oft genug gesagt: Der große Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.“

Dann schloss er das Tor. Doch sie, die träumte, dachte an all den Jammer, der nun laut werden würde. „Ich mag ihn nicht hören“, rief sie und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblick erwachte sie. Und nun merkte sie, daß sie vor Angst aus ihrem Bett gesprungen war und auf dem kalten Steinboden stand. (S.91/92)

 

So weit ein Ausschnitt aus der Christuslegende. Claudia Procula schreckt aus ihrem Albtraum auf und will gar nicht mehr einschlafen, weil sie vom Wehklagen der Kriegsverletzten und den Klagen um ihre Angehörigen erschüttert ist. Es hallt in ihr nach, wie sie nach dem Erlöser Jesus rufen. Aber Jesus ist tot. Ihr Mann Pilatus hat ihn getötet.

Sie kann den Albdruck auf ihrer Brust nicht aushalten, sie weint bitterlich über die Schuld ihres Mannes, über die zerplatzte Hoffnung der Geplagten.

Jesus, der Mensch Gottes, ein Prophet, ein Heiler, ein Gerechter ist tot: Güte, Wahrheit und Vertrauen haben verloren.

Das ist die Zeitenwende. Jetzt gilt es wieder und ganz entschieden nach Stärke zu streben, auf Angst zu setzen, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen und einzusehen, dass der Feind mit allen Mitteln zu bekämpfen ist und gerade nicht wie Jesus gelehrt hat, den Frieden zu suchen, zu versöhnen und zu heilen. Sein kurzes öffentliches Auftreten und Wirken waren umsonst.

War das alles nur ein kurzes Aufflackern eines Lichtes, nicht mehr als eine Fata Morgana? Folgten nicht viele diesem Menschen Jesus von Nazareth? Gab er ihnen nicht Hoffnung? Verkündigte er nicht, dass Gott verliebt ist in gelingendes Leben? Nahm er ihnen nicht die Grundangst, zu kurz zu kommen, ständig bedroht zu sein, Gott nicht zu genügen? Hob er nicht immer wieder den Blick gen Himmel, war er nicht voller Gottvertrauen, zog er nicht den Himmel auf die Erde, versicherte er nicht glaubhaft, dass sein Vater im Himmel für seine Kinder eine Wohnung im Himmel bereitete, wo sie ewige Heimat finden würden (Johannes 14,2)? Ist mit seinem Tod jetzt nicht auch alle Hoffnung gestorben?

Sein Tod ist unser Tod. Viele dachten, eine neue Zeit sei angebrochen, was für eine Illusion! Niemandem hat Jesus Gewalt angetan, mit Wahrheit hat Jesus die Menschen konfrontiert, die politisch Herrschenden wie die religiös Mächtigen, seine Anhängerinnen und Anhänger hat er Frieden gelehrt. Aber es hat ihm nichts genutzt. Verlacht und verspottet haben sie Jesus, er sei ein Verrückter, der von einer neuen Zeit und einem radikalen Glauben faselte, dessen Aura Spontanheilungen bewirkte, der die Menschen in die Irre führte, der in Wahrheit Gott lästerte und dessen Lehre bestehende Gesetze und die Ordnung auflöste. Jesus, in Wirklichkeit ein Anarchist? Schlimmer noch, ein Vorgaukler von religiösen Hoffnungen, die an der Realität platzen wie Seifenblasen?

Von einem Tag auf den anderen scheint friedensbewegtes Denken und Handeln von gestern. Deutsche Waffen werden in die Ukraine geliefert, damit diese sich verteidigen kann. Die Ukraine, ein Kriegsgebiet, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzt hatten. Im Zweiten Weltkrieg tötete die Wehrmacht über 20 Millionen russischstämmige Menschen, vor allem Zivilisten. Jetzt werden mit Hilfe deutscher Waffen wieder Russen getötet. Nach den sogenannten leichten wird jetzt ungeniert gefordert, dass schweres Kriegsgerät in die Ukraine geliefert werden soll. Wo soll die Spirale der Eskalation hinführen? Es wird nicht auf Deeskalation, es wird auf Krieg gesetzt. Der Traum von einem friedlichen Europa ist jäh geplatzt. Reflexartig wird zu den Waffen gegriffen. Rhetorik und Berichterstattung heizen den Krieg an. Es gilt nicht mehr politisch Sicherheit abzuwägen, sondern sich einzig und allein zu vergewissern, dass moralisch jetzt die Waffen sprechen müssen! Alternativen werden erst gar nicht mehr bedacht. Ein Armutszeugnis. Die deutsche Waffenindustrie reibt sich die Hände – 100 Milliarden Euro Sondervermögen stehen bereit. Wirtschaftsaufschwung einmal anders. Dabei ist die verhängnisvolle Liaison von Geld und Krieg bekannt. Die gesamte Konfliktforschung und Aufarbeitung der letzten beiden Weltkriege werden machtpolitisch ad acta gelegt. Wir sind nicht verantwortlich, wir waschen uns in Unschuld die Hände. Wir tun nur das, was die Sicherheitslage erfordert und die Mehrheit der Bevölkerung will.

Von all den zerplatzten Hoffnungen der einfachen Menschen in Galiläa und Judäa hatte die Nichte des Kaisers Tiberius, Claudia Procula, nicht viel gewusst. Sie diente und verehrte die römischen Götter, glaubte an die friedensstiftende Pax Romana. Sie sah sich zurecht oft bedroht durch die vielen Unruhen in Jerusalem, schätzte das verantwortliche Handeln ihres Mannes und Präfekten Pilatus, der besonders vor dem Passahfest unter Anspannung stand, weil die Gefahr bestand, dass Eiferer das Volk aufwiegelten, es zum Umsturz, zu blutigen Kämpfen kommen könnte.

Vor Pilatus Richterspruch über Jesus träumt Claudia Procula ihren irritierenden Traum. Natürlich glaubt sie, dass die Götter in Träumen zu den Menschen sprechen. Aber noch nie hatte sie einen derart aufwühlenden Traum gehabt. Sie hatte auch kein besonderes Herz für die einfachen, armen und ungebildeten Menschen. Es gibt Privilegierte und Unprivilegierte. So war es und so würde es immer sein. Das Schicksal der Götter meinte es gut mit ihr. Sie stammte aus kaiserlichem Haus. Diesem Stand entsprechend und ihn schützend richtete sie ihr Leben ein. Es war schon viel von ihr verlangt, ihrem Mann Pilatus nach Jerusalem zu folgen, in dieses heiße, staubige und dreckige Nest am Ende der Welt.

Umso mehr erschreckt sie vor den ihr fremden, übermächtigen Gefühlen des Mitleids für die durch Kriege aller Zeiten Verletzten, Trauernden, Heimatlosen, die im Schatten der Sieger versklavten und entrechteten Menschen. Sie hatte doch immer mit rauschenden Festen in Rom die glorreichen Siege des römischen Heeres gefeiert. Das Elend des Krieges hatte sie nie an sich herangelassen, nie wahrnehmen wollen, einfach ausgeblendet und verdrängt. Jetzt aber hatte sie es im Traum gesehen, mit einer solchen Wucht, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie wusste es, niemand konnte es ihr ausreden: Es war kein Traum, es war wahr. Die von Leid an Leib, Geist und Seele Gezeichneten gibt es nicht nur vereinzelt, es sind Massen. Sie alle kommen, um das Tor zum Hof des Palastes zu überwinden. Wer wird ihnen helfen können?

Im Traum ist sie gezwungen zuzuhören und das Leid zu sehen. Die Formulierung „ihr träumte“ macht sprachlich deutlich, dass der Albtraum ihr widerfährt. Die Verletzten und Trauernden sprechen von einem Menschen, der ihnen helfen kann, der ihnen Hoffnung gibt, der sie heilt, den sie in ihrer religiösen Tradition als Prophet, als Seher, als Heiler und Messias verehren. Und dieser Mensch – begreift sie augenblicklich – ist in der Macht ihres Mannes. Deshalb kam der schreckliche, bedrängende Traum über sie. Sie wird überschwemmt von Scham, Mitleid und Wut. Woher kommen diese starken Gefühle? Sie nimmt schmerzlich wahr, was für ein großes Unrecht Jesus von Nazareth durch ihren Mann geschehen wird. Der von vielen ersehnte Erlöser ist ein Gerechter, ein vom Himmel gesegneter Mensch. Wieso sollten sich auch sonst alle Geplagten nach ihm sehnen, ihn aufsuchen und sich von ihm berühren lassen?

Sie weiß, wenn ihr Mann Pilatus Jesus zum Tode verurteilt, dann ist er nicht nur verantwortlich für den Tod eines Unschuldigen, sondern seine Schuld reicht bis in den Himmel, ist zweifellos eine Beleidigung der Götter. Der Zorn der Götter wird erregt – zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben nimmt Claudia den Ernst des Lebens wahr, schreckt sie auf vor der Heiligkeit des Lebens. Sie ahnt, dass Pilatus durch die Verurteilung des Gerechten zum Tode am Kreuz eine Tragödie auslöst, die die Welt ins Wanken bringen wird, auch die kleine Welt ihrer Ehe. Noch hat ihr Mann Jesus von Nazareth nicht zum Tode verurteilt. Noch kann sie ihrem Mann eine Warnung zukommen lassen. Das tut sie, wie es im Evangelium nach Matthäus heißt, mit den Worten: „Ich habe heute Nacht viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ (Matthäus 27,19b)

Wir wissen, wie es ausgeht. Pilatus findet keine Schuld an Jesus von Nazareth, fragt die aufgehetzte Menge nach ihrem Urteil, verkündigt das rechtskräftige Todesurteil für Jesus „und wäscht sich die Hände in Unschuld“ (Matthäus 27, 24).

Claudia Procula aber lässt dieser Traum ihr ganzes Leben nicht mehr los. Später – so erzählt Gertrud von le Fort in ihrer lesenswerten Novelle „Die Frau des Pilatus“ – lebt sie mit ihrem Mann in Rom. Dort besucht sie nach einer langen durch den Traum ausgelösten religiösen Sinnsuche die Versammlungen der Christen. Sie verehren Jesus von Nazareth als den Christus, der von Gott gesandt wurde, der den Fluch des Kreuzes in Heil verkehrte, der noch für seine Peiniger betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34); der sich im Tode Gott überließ, der am dritten Tag von den Toten auferstand. Claudia Procula, so die Legende, wurde selbst Christin, ließ sich von Güte, Liebe und Gewaltlosigkeit ihres HERRN einholen und erfüllen und empfing die Bluttaufe als Märtyrerin. In Gertrud le Forts Novelle ist es Pilatus selbst, der mitansehen muss, wie die Löwen seine geliebte Frau zerfleischen. Wieder nur hatte er den Befehl von Kaiser Nero blind ausgeführt und die kleine Gruppe der unschuldigen Nazarener für einen verheerenden Brand in Rom geopfert.

Es müssen halt Menschen geopfert werden. Daran führt kein Weg vorbei – oder?

Heute gedenken wir des Opfers Jesu am Kreuz. Auch Jesus wurde geopfert durch die Mächtigen. Im Unterschied aber zu den vielen Opfern, die die Herrschenden opfern, hat Jesus dieses Opfer selbst angenommen, ist aus freien Stücken diesen Weg für uns in den Tod gegangen. Daraus folgt für mich: Wir sollen keine Menschen mehr opfern. Es ist ein für alle Mal genug.

 

Wo bleibt das eindeutige Zeugnis der Kirchen von der Gewaltlosigkeit Jesu?

Das ist das Evangelium. Ich schäme mich für den orthodoxen Patriarchen Kyrill, der in seinen Predigten den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gutheißt und die Raketen segnet. Ich schäme mich für die Priester in der Ukraine, die ebenfalls Menschen und Waffen segnen. Ich schäme mich für die Kirchen in der westlichen Welt, die ihre Lehre von einem gerechten Krieg aus der Mottenkiste holen und Waffenlieferungen ethisch absegnen. Wo bleibt das eindeutige Zeugnis der Kirchen von der Gewaltlosigkeit Jesu? Gewaltlosigkeit ist nicht Schwäche, sondern fordert große Stärke und volles Vertrauen auf Gott. Gleichzeitig weiß ich, dass wir nicht vorschnell oder voreilig uns einbilden sollten, wir könnten konsequent gewaltlos leben. Ich erinnere mich an Jesu Warnung an seine Jüngerinnen und Jünger: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Oder könnt ihr die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde?“ (Mk 10,38) Vielleicht bleibt uns ein vorschnelles Ja im Hals stecken, wenn wir auf die Erfahrungen der Jünger in der Passionsgeschichte schauen — und uns selbst eingestehen, was wir über uns selbst wissen.

Das Glaubenszeugnis von Pilatus’ Frau steht nicht allein. Zum ersten, sie hat ihren Mann Pilatus gewarnt, hat auf Gottes Botschaft im Albtraum gehört. Auch wir alle, du und ich, können unsere warnende Stimme erheben – selbst da, wo die Kirche als Institution auffällig still bleibt. Selbst da, wo wir nicht Gehör finden, wo wir als Minderheit in einer Gesellschaft verlacht und nicht ernst genommen werden. Zum zweiten ist Claudia Procula mit der Taufe ihres HERRN getauft worden. Auch wenn das eine Legende ist, steht sie doch für das Glaubenszeugnis vieler Christinnen und Christen, die um ihres Glaubens willen getötet wurden. Darunter sind viele, die nicht die Waffe in die Hand nehmen wollten, die den Dienst an der Waffe um ihres Glaubens willen verweigerten. Das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit hat in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Tod viel zur Ausbreitung des christlichen Glaubens beigetragen. Auf diese jesuanische Wurzel sollten wir uns neu besinnen. Wer wenn nicht wir Christinnen und Christen sollte sonst in unserer Gesellschaft für Gewaltlosigkeit eintreten?

Ich träume davon, dass der Albtraum Krieg überwunden wird

 

Ich träume davon, dass der Albtraum Krieg überwunden wird und das sinnlose Töten ein Ende findet. Was träumen Sie und wofür setzen Sie sich ein? Wie würden Sie sich verhalten, wenn es hart auf hart kommt?

Durch Jesu Tod sind wir befreit und berufen zu gewaltlosem Widerstand. Gott der HERR ist es, der die Macht hat, nicht die Mächtigen dieser Erde, nicht die Waffen. Das ist unser Glaube.

Amen

Literatur:

Die Bibel. Martin Lutzer (2017)

Selma Lagerlöf: Christuslegenden, (Hg.) Karl-Maria Guth, Verlag Hoffenberg, Berlin 2016, S. 61-102

Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus, Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 2. Auflage 1987

Was geht, was könnte gehen und wohin geht die Reise? Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

 

Zu:

Thomas Dreier: COPYRIGHT, erschienen in der Reihe: Digitale Bildkulturen, Verlag Wagenbach, Berlin 2022, Paperback, 80 Seiten, Gedruckt auf Schleipen, ISBN: 978-3-8031-3717-3, Preis: 10,00 Euro (print)

 

Link: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1325-copyright.html

Hinweis zur Ausgabe

Das Format des Büchleins ähnelt dem der Reclam Hefte. Der Druck auf Schleipen ist dazu ein Gegensatz, denn das Papier ist etwas schwerer und dadurch griffiger. Auch schwarz-weiß-Fotos sind recht gut zu erkennen. Nur die Übersichtstabelle am Anfang („Verfahren bei Uploads“) ist kaum zu erkennen.

Warum „Copyright“?

Ich verzichte auf eine Inhaltsangabe, da der Titel in diesem Fall genügend aussagt. Das Copyright ist in der letzten Zeit immer stärker in der Diskussion, es wird aber auch immer stärker beachtet. Aber ich gehe hier nicht auf die Diskussion ein, sondern greife vier Aspekte heraus.

 

Das Privileg der „Künstler“ und warum es nicht für alle gilt.

Was ist „Fair use“, d. h. wie können Bilder und Texte kopiert und zitiert werden, ohne die Rechte eines/r anderen zu beschädigen? „Zeigt sich der EuGH mit der Berücksichtigung gegenläufiger Grundrechte ohnehin schon recht zurückhaltend, können sich Durchschnittsnutzer nicht einmal auf die Kunstfreiheit berufen. Denn sie privilegiert allein Künstler.“ (S. 51) Das von Joseph Beuys propagierte Postulat, jeder Mensch sei ein Künstler, besteht also in der Realität nicht. Klar, dass die Intention des Autors hier deutlich wird, der eine Weiterentwicklung anmahnt.

Das Bild als Zitat, die Ausnahme

Geschützt ist nun tatsächlich eine Ausnahme vom Zitatverbot von Bildern, das „zitatweise Zeigen ganzer Bilder“ (S. 53) „Beim Zitat darf das Bild allerdings nicht zu lediglich illustrativen Zwecken verwendet werden, sondern muss Beleg oder Erläuterung des aufnehmenden Textes sein.“ (S. 53f)

Doch warum sind hier eigentlich nur immer Bilder im Blick? Diese Frage zeigt, dass es gar nicht so klar ist, dass hier zwar das Zitieren von Bildern behandelt wird, dass aber auch andere Produkte mitgemeint sein können.

 

Leider nicht frei von Juristendeutsch

An einigen Stellen geht der Autor explizit auf juristische Entscheidungen ein, die offensichtlich vorrangig die Gesetzeslage bestimmen. Hierbei verfällt er selbst in Formulierungen, die dem Juristendeutsch sehr ähnlich sind und den Textfluss eher bremsen. Dazu zitiere ich ein Beispiel:

„Letztlich geht es um die grundsätzliche Frage, was zuerst erfolgen soll: Sollen Inhalte, die die Nutzer hochladen wollen, zunächst hochgeladen und erst nachfolgend gesperrt beziehungsweise entfernt werden, wenn sich die Rechteinhaber dagegen zur Wehr setzen, oder vielleicht sogar erst, nachdem ihnen im Beschwerdeverfahren oder von den Gerichten Recht gegeben worden ist.“ (S. 64f)

 

Was die Diskussion verändert hat.

Was das Copyrightverfahren vor einiger Zeit so virulent machte, das P2P-Filesharing ist hingegen inzwischen auf dem Rückmarsch, da die Streaming-Angebote am Markt gut angenommen werden. Da die Rechteinhaber hierbei im Voraus abgegolten werden, ist im Moment die Diskussion um das Copyright im Medienbereich nicht mehr so interessant. Auch die bekannten Tricks der Abmahnanwälte haben spürbar nachgelassen. Dies hat zu einer Beruhigung und Versachlichung beigetragen, die jedoch zeigt, dass die Frage selbst im Hintergrund immer präsent ist. Das Urheberrechtsverfahren wird dann nicht mehr zum Streitfall, wenn die Klärung etwaiger Ansprüche nicht erst im Streit, sondern vorab beim Erwerb der Werke mitverhandelt wird. Doch wäre dann nicht zu fragen, ob die Vereinheitlichung eines Verfahrens die Sachfrage selbst überflüssig macht?

Ist das schon der Friedensvertrag oder erst der Waffenstillstand, um das Bild des militärischen Konfliktes zu gebrauchen?

 

 

Passion und Ostern mit Kindern nachspielen, Rezension und Hinweis von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Der Text, der sich mit Bildern hier auf der Seite der Ev. Kirchengemeinde Gütersloh findet, ist von Pfarrer i. R. Christoph von Stieglitz verfasst und mehrfach überarbeitet und erweitert worden. Ich behandle diesen Text auf meiner Homepage, um zu zeigen, dass es durchaus sinnvoll ist, kürzere anschauliche Texte online zu veröffentlichen.

Inhalt der Arbeitshilfe.

Elemente der Passion Jesu werden veranschaulicht, indem sie auf einer Passionslandschaft nachgestellt und erzählt werden. Der dazu gegebene Text dieser Auswahl biblischer Geschichten könnte dazu auch vorgelesen werden. Er orientiert sich am Matthäusevangelium.

Der Text ist nicht frei von theologischen Fachbegriffen (Messias, Evangelisten, Deutung, usw./ d. Rez.) und müsste dann ohnehin den Gegebenheiten angepasst werden. Es ist sinnvoll, sich an den Text eines Evangeliums anzulehnen, um so eine stringentere Erzählstruktur zu erreichen. Hierzu sei an den Film „Das erste Evangelium“ von Pasolini erinnert. (D. Rez.). Auch hier ist es das Matthäusevangelium, dass den leitenden Bibeltext bietet.

Ob der häusliche Kontext wirklich ideal ist, sei dahingestellt. Es geht ja vordergründig auch nur darum, in der Zeit der Pandemie ein häusliches Programm zur Osterfeier anzubieten. Ich denke andererseits, dass hierzu eher religionspädagogische Erlebnisfelder in Frage kämen, wie die Kontaktstunde, der Kindergottesdienst oder der Religionsunterricht allgemein. Vielleicht wäre es auch sinnvoll, den Text exemplarisch zu spielen und auf Video aufzunehmen. Auch ein solches Video kann in der Pandemiezeit und darüber hinaus eine Gelegenheit sein, die biblische Geschichte zu Hause zu vermitteln.

Aufgefallen sind mir zwei Details. Zum einen die Kreuzigung, über die im Überblick nur wenig berichtet wird, weil wohl deren Brutalität wohl kaum kindgerecht dargestellt werden kann. Leider wird die Passion dadurch um ihre Pointe gebracht. Sowohl die sozialtheologische Deutung, die Jesu Tod als Martyrium für die Armen sieht, als auch die heilsgeschichtlich- theologische, die hier den Sohn Gottes stellvertretend leiden sieht, sieht die Kreuzigung als Erzählhöhepunkt.

Welche Deutung bietet die Auferstehungsgeschichte wirklich?

Die zweite Frage richte ich an die Auferstehungsgeschichte, deren symbolische Pointe durch die realistische Darstellung undeutlich wird. Mal ist Jesus weg wie im leeren Grab, dann ist er wieder da, und erscheint den Jüngerinnen und Jüngern. Wieso etwa haben die Jüngerinnen und Jünger Jesus beerdigt und gehen zum Grab, wo sie doch zuvor vom Jerusalem geflohen sind? Und warum gehen sie erst am frühen Morgen zum Grab, obwohl der Sabbat schon am Abend zuvor beendet ist?

Insgesamt ist eine Veranschaulichung unabdingbar, und dafür steht diese Arbeitshilfe. Anderseits besteht die Gefahr, dass die symbolische Pointe der Bibel durch Erzähldetails verdeckt oder verschoben wird.

Am meisten verspricht mir der Gedanke, das gegebene Konzept als Plot eines Videoprojekts anzusehen, um die Passionsgeschichte als Trickfilm zu erarbeiten. Auch die anschauliche Darstellung im Stil eines Bibelgartens ist möglich. Ein Ausflug in das Freilichtmuseum des Heiligen Landes in den Niederlanden wäre zu erwägen.

Heideggers Vermächtnis, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Martin Heidegger: Vorläufiges I – IV (Schwarze Hefte1963 – 1970), Gesamtausgabe Band 102, Herausgegeben von Peter Trawny, Vittorio Klostermann Frankfurt/Main 2022, kartonierte Ausgabe,  441 Seiten, ISBN 978-3-465-02687-7, Preis: 48,00 Euro

 

 

Problematik der „Schwarzen Hefte“

 

Die zu recht problematischen „Schwarzen Hefte“ während der Nazi-Zeit werden hiermit fortgesetzt. Von antisemitischen Äußerungen distanziert er sich nicht, so weit ich das gelesen habe, aber er zeigt auf, dass sein Rücktritt vom Rektorat 1934 auch als Distanzierung gemeint war. Er habe Entscheidungen getroffen, die nicht auf der Linie des damaligen Mainstream lagen.

Doch was haben diese schwarzen Hefte (1963 – 1970) sonst für eine Funktion?

Vertiefung und Bestätigung

 

Es geht um eine Dokumentation von Notizen, die im Zusammenhang stehen mit den Schwerpunkten seines Denkens. Dabei bezeichnet er seine Philosophie mit seinem Nachnamen, spricht von sich als „Heidegger“ und nicht in der ersten Person.

Er geht dabei immer wieder auf sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ ein. Es gibt keine Abkehr von diesem Denken, sondern allenfalls eine Vertiefung und Bestätigung.

Vergessenheit des Seins

Immer wieder kommt er auf die Seinsvergessenheit zurück, die er der neuzeitlichen Philosophie vorwirft, auch in den gewohnten Heideggerschen Sprachspielen wie:

„Die Vergessenheit des Seins und seiner Wahrheit

            wandelt sich in die Enteignis

            das Aussagen in das Entsagen

            der Satz in das Bringen

            das Gespräch in das Erschweigen.“ (Vorläufiges I, Abschnitt b, S. 11)

(Korrigenda: S. 17, 1. Zeile muss es heißen: „Instrumentale“)

Unablässiges Fragen

 

Was ich an Heidegger sympathisch finde, ist die Aufforderung zum „unablässigen Fragen“ (S. 20).

Die Schüler Jaspers und Löwith werden positiv gewürdigt. Hier betont Heidegger die Kontinuität seines Denkens.

Mit „Fernsehkultur“ und „Illustrierten“ setzt er sich kritisch auseinander. „Horkheimer und Konsorten“ scheinen im Begriff der Dialektik der Metaphysik verhaftet.

Aus dem Fragen folgt das „verdankende Denken“ (S. 39), einen Gedanken, den ich ebenfalls sympathisch finde.

Den Impuls von Habermas „mit Heidegger und gegen Heidegger“ greift er auf und dreht ihn kritisch um: „gegen Heidegger – zu Heidegger“ (S. 53).

lyrische Versuche und Aphorismen

 

Zwischendurch finde ich lyrische Versuche, die nicht als Gedichte gezeichnet sind, vielleicht Aphorismen, so zum Dank:

„Wohne, ihn hütend, im Dank“ (S. 74).

Jeder Teil wird von einem Stichwortverzeichnis abgerundet, das Heidegger selbst erstellt hat. Dadurch wird deutlich, dass die Sentenzen keine Tagebuchnotizen sind, sondern bewusste Reflexionen.

(z. B. Industriegesellschaft, S. 139).

 

wenig Biografie, mehr Reflexion

Es gibt keine Datierung. Nur im dritten Teil werden leere Seiten notiert, die den erfahrenen Schlaganfall (1970) als Zäsur deutlich machen. Der Rest des Dritten Teils und der vierte sind sicher nicht nur im Jahr 1970 entstanden. Anspielungen auf die Besuche von Paul Celan, Hannah Arendt und Martin Buber habe ich nicht gefunden. Ein Tagebuch wollen die Schwarzen Hefte ohnehin nicht sein.

Im zweiten Teil kommen bekannte Themen wieder vor. Die Frage nach dem Denken tritt immer mehr in den Vordergrund. Was hier der Abschied der Metaphysik bedeutet, scheint etwa in folgendem Aphorismus auf:

„Es handelt sich nicht mehr um Grundlegungen, Prinzipien, Rückgang in den Grund und um Selbstbegründung, was alles in der Philosophie als die radikalste Aufgabe gilt, es handelt sich ebenso wenig um Sicherung und Gewissheit und Strenge und Beweisbarkeit – sondern nur noch darum: die Sache des Denkens zu finden und in ihr das Denken selbst.“ (S. 196)

Von dort her kritisiert Heidegger auf die gegenwärtige Wissenschaft, die im Grunde Bildung nur noch funktional als Ausbildung definiert. Das Denken der Industriegesellschaft dringt in alle Bereiche des Lebens ein.

Das dichtende Denken

Davon ausgenommen sieht er die Bedeutung der Dichtung, „das Unterwegs zum Eigentümlichen der Sprache“ (S. 204). (Könnte das auch eine Anspielung auf Paul Celan sein? der Rez.)

Kurz vor der Zäsur 1970 finden sich schon im dritten Teil zwei Gedichte, Der „Glockenturm“ und „der Tod“ (S. 247). Später ein Aphorismus als Aufzählung, den ich kurz zitieren möchte:

„Das Gesetz des Sanften.

            Der Sieg des Zarten.

            Die Macht des Geringen.

            Die Pracht des Schlichten.

            Der Glanz des Unscheinbaren.

            Die Stille des Ungedachten.

            Die Ruhe des Einfachen.“ (S. 255)

Das dichtende Denken, das hier immer wieder auch zum Gedicht findet, scheint das Grundthema des dritten Teils. Bei der flüchtigen Durchsicht habe ich eine Erwähnung Pauls Celans nicht gefunden, aber er wird mitgemeint sein.

Der vierte Teil hat keine 20 Seiten und greift noch einmal Grundgedanken von „Sein und Zeit“ und seiner Wirkungsgeschichte auf.

Peter Trawny fügt als Anhang noch ein weiteres Heft hinzu, das nicht zu den schwarzen Heften gehört und auch etwas früher datiert werden muss, überschrieben mit „Furchen“ (S. 369 – 431, einschließlich einiger Beilagen auf eingelegten Zetteln und einem Stichwortverzeichnis).

Diese Rezension ist nicht als wissenschaftliche Zusammenfassung gedacht, sondern als das Aufgreifen von Eindrücken. Die Denkwege Martin Heideggers sind meines Erachtens nicht hinfällig, vielleicht besonders, weil er sich der Instrumentalisierung und Funktionalisierung der philosophischen Debatte und des wissenschaftlichen Denkens entgegenstellt.