Berliner Religionsgespräche, Pressemitteilung vom 06.04.2021

Woher kommt der Antisemitismus?

Berliner Religionsgespräche zum Thema Antisemitismus // Livestream aus der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Berlin, 1. April 2021 – In sozialen Netzwerken, im Klassenzimmer, bei Demonstrationen, bei Präsidentschaftswahlen, in linken und rechten politischen Diskursen – Hetze gegen Juden, antisemitische Clichées, Gewalt. In Ungarn mobi-lisiert der Ministerpräsident die Wähler mit Verschwörungstheorien vom angeblich jüdischen Geheimplan zur Überfremdung des Landes. Aus dem alten Antijudaismus, Antisemitismus ist ein neuer Hass auf Juden geworden. Das Feindbild vom allmächtigen Juden ist ersetzt und erweitert worden durch das Feindbild Israel. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten bilden eine Allianz mit Verschwörungstheoretikern und Israelfeinden, unter denen sich auch Menschen mit Migrationshintergrund, Coronaleugner und Impfgegner finden. Wie konnte es dazu kommen? Kann man das noch aufhalten?

Dienstag, 27. April 2021, 18 Uhr
Corona erlaubt uns leider keinen Besuch und keine Geselligkeit in den Räumen der BBAW. Schauen Sie bequem von zuhause aus den kostenlosen Livestream: www.bbaw.de/live. Eine Woche später ist die Aufzeichnung in der Mediathek zu finden: https://www.bbaw.de/mediathek

Unser Kooperationspartner Inforadio (rbb) sendet die Diskussion voraussichtlich am 16. Mai um 11.05 Uhr in der Reihe »Das Forum«.

Begrüßung und Einführung:
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies
Präsident Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Moderation:
Harald Asel
Redakteur Inforadio (rbb)

Es diskutieren:
Deborah Hartmann
Politikwissenschaftlerin, bis vor kurzem in Yad Vashem Leiterin der deutschsprachige Bildungsabteilung an der International School for Holocaust Studies, Jerusalem, Leiterin der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, Berlin
Dr. Stephanie Schüler-Springorum
Leiterin des Zentrums für Antisemitismus, Berlin
Prof. Dr. Peter Schäfer
Prof. em. für Judaistik, FU Berlin und Princeton University. Mitglied der Akademie und ehemaliger Direktor des Jüdischen Museums Berlin
Dr. Ronen Steinke
Jurist, Buchautor und innenpolitischer Korrespondent der SZ, Berlin

Schlusswort:
Dr. Cai Werntgen
Vorstand der Udo Keller Stiftung Forum Humanum und Verlag der Weltreligionen

Pressekontakt
Margarete Schwind, ms@schwindkommunikation.de

Beobachtungen zur Geschichte Jesu und des frühen Christentums, Hinweis auf eine Reihe Videos von Arte

Suchst Du den vorherigen Link, dann findest Du eine Sendereihe von ARTE über Jesus und die Geschichte des Urchristentums. In der ersten Sendung geht es um folgende Fragen: Hat Jesus die Kirche gegründet? War es eher eine besondere Form des Judentums als eine andere Religion?

Im Neuen Testament finden sich im jüdischen Kontext Gesten zur Öffnung gegen über den Heiden, z. B. den Zöllnern. Am Ende des ersten Jahrhunderts scheint die christliche Kirche im Ansatz vorhanden zu sein.

Aber zur Zeit Jesu fehlen präzisen Quellen, die sich Personen und Orte verifizieren lassen. Eine Frage, die mir auffällt ist z. B.: Warum heißt Jesus der Gesalbte, der Christus. Die Salbung in Bethanien durch Maria Magdalena ist damit doch wohl kaum gemeint, oder?

Die Sendungen lassen jeweils verschiedene Theologen und Religionswissenschaftlerinnen zu Wort kommen, das wirkt auf den ersten Blick authentisch, ist aber mit der Zeit ermüdend. Ich fühle mich an eine Vorlesung erinnert, wobei es mir schon lieber wäre, ich hörte einem oder einer einzigen Forscherin zu.

Doch die Themen der Sendungen sind interessant und verdienen einen größere Aufmerksamkeit.

Herzogenrather Passionspredigt: Judas der Schatten Jesu, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Karfreitag 2021, Lukas 22,47+48

„Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verräts du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Luther 2017)

Liebe Gemeinde,

Gerschom Wald beugte sich etwas vor und sagte:<< In allen Sprachen, die ich kenne, und auch in denen, die ich nicht kenne, wurde Judas ein Synonym für Verräter.“ (274) „Der Hass der Christen auf die Juden (ist) nicht von der Welt verschwunden. Er verschwindet nicht und wird nicht weniger. Mit oder ohne Judas, der Jude hätte für den Gläubigen immer den Verräter verkörpert. Generationen von Christen (haben) nie vergessen, dass das Volk vor der Kreuzigung gerufen hat: Kreuzige ihn, kreuzige ihn, sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ (276) Es ist „etwas Tiefes und Dunkles“ (276), was wir Juden mit den Christen haben.

(Amos Oz: Judas. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015)

 

Judas – ein eifriger Apostel?

Das sind resignierende Sätze über das Verhältnis von Christen und Juden, die der bekannte israelische Schriftsteller Amos Oz in seinem letzten großen Roman Judas (2015) der fiktiven Figur Gerschom Wald in den Mund legt. Amos Oz greift in Judas geschickt eine im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufkeimende Deutung und Verehrung von Judas auf, die Judas als treuen Apostel Jesu verehren. Seinen Verrat Jesu an die Hohenpriester deuten diese Judas-Anhänger als geschickten Schachzug ihres Apostels. Judas zwingt Jesus, endlich das Reich Gottes im Zentrum der Macht auszurufen.  Mit dem Kuss bekennt sich Judas zu Jesus und drängt Jesus zur Konfrontation mit seinen Gegnern. Was wäre sonst der Sinn gewesen, nach Jerusalem zu gehen? Auf dem Land hatte der Rabbi Jesus schon genug Nachfolgerinnen und Nachfolger.

Judas einfach als Verräter abzustempeln, der darüber hinaus dem Mammon verfallen war und im Evangelium des Johannes „Sohn des Verderbens“ genannt wird, wird seiner Berufung zur Nachfolge, seiner Verehrung des Rabbi Jesus und seiner Auseinandersetzung mit dessen Lehre wirklich nicht gerecht.

 

Entscheidendes Werkzeug in Gottes Händen

Was Judas auch dachte und was seine Motivationslage auch war, hervorzuheben ist, dass Judas theologisch gesehen ein entscheidendes Werkzeug in Gottes Händen mit seiner Welt war. Sollte ihm nicht dafür auch die nötige Verehrung zukommen?

(Siehe auch Walter Jens: Der Fall Judas, Radius Verlag, Stuttgart 1975, der in seinem Essay den Vatikan auffordert, Judas als Märtyrer selig zu sprechen.)

 

Es ist löblich, einen arg in Verruf geratenen Jünger und Apostel Jesu zur Ehrenrettung eine gute Absicht zu unterstellen, die dem monolithischen Bild als Verräter entgegenläuft, aber es ist müßig, da es dazu keine Aussagen von Judas oder anderen belastbaren Quellen gibt.

Wir sollten uns allerding auch im Klaren sein, dass alle vier Evangelien mit dem Judasbild, das sie zeichnen, ein eigenes literarisches und theologisches Interesse verfolgen. Die antijüdische Wirkungsgeschichte der neutestamentlichen Judasdarstellung – und Auslegung war und ist verheerend.

 

Jesus und Judas gehören zusammen

Heute an Karfreitag will ich es einmal deutlich sagen: Jesus und Judas haben mehr miteinander zu tun als uns auf den ersten Blick lieb ist. Sie bleiben eng aufeinander bezogen, auch wenn wir die Tendenz haben, beide scharf voneinander zu trennen: Der eine steht für Verrat, der andere für Treue. Der eine steht für Lüge, der andere für Wahrheit. Der eine steht für Verführung (durch den Mammon), der andere für Freiheit. Der eine steht für Sünde, der andere für Beziehung. Der eine richtet sich selbst (Selbstmord), der andere nimmt das Gericht auf sich. Der eine steht für Satan, der andere für Gott.

 

Bericht der Evangelien

Halten wir fest, was die Evangelien übereinstimmend über Judas berichten:

Judas zerschneidet das Tischtuch mit Jesus. Durch seinen Verrat an die Hohenpriester bricht er die Tischgemeinschaft mit seinem Rabbi Jesus von Nazareth. Mit ihm hatte er als berufener Jünger über ein Jahr in engster Gemeinschaft gelebt.

Auffällig ist, dass Jesus zwar seinen Verrat beim letzten Abendmahl voraussagt und Judas mit einem Wehe-Ruf belegt, gleichzeitig ihn aber nicht von seinem Leib und Blut ausschließt. Damit gibt er auch Judas voll und ganz Anteil an sich selbst. Es scheint fast als hätte Jesus damit ausgedrückt, nichts aber auch gar nichts kann dich von mir ausschließen. Nicht dein Verrat, auch nicht, dass du aus Verzweiflung Hand an dich legst.

 

Wirkung

Leider und besonders intensiv haben die protestantischen Kirchen über Jahrhunderte Kirchenzucht betrieben, indem sie „offensichtliche Sünder“ vom Abendmahl ausgeschlossen haben. Damit haben sie sich nicht an der Praxis Jesu orientiert. Theologisch verstand die Kirche sich, nicht nur, aber gerade wegen Judas als eine Gemeinschaft der (gerechtfertigten) Sünder (der Reinen und Unreinen), wo niemand über den anderen richten oder herrschen sollte, aber die Praxis sah und sieht anders aus.

 

Es scheint eine anthropologische Grundkonstante zu sein, Verräter oder Menschen, die vom Glauben abfallen und andere in Not bringen, zu Judassen zu machen. In der Tat haben es durch die Jahrhunderte viele Gemeinden erfahren und in Zeiten der Christenverfolgung erfahren es viele Gläubige heute, dass sie von eigenen Gemeindemitgliedern verraten werden. Judas und sein Geschick, der Wehe-Ruf Jesu und sein bitteres Ende sind dann ein warnendes Beispiel, was mit denen geschieht, die den Glauben an Christus verleugnen und Schwestern und Brüder an Leib und Leben gefährden.

 

Martin Luther

Martin Luther hat viele Judasse in der Kirche ausgemacht. Sie standen für ihn für eine falsche Kirche. So hat er den Papst einen echten Judas genannt, aber auch Karlstadt, den Bilderstürmer, und die geistverzückten Schwärmer und erst recht Thomas Müntzer, der sich 1525 mit dem Bauernaufstand solidarisierte und das Reich Gottes auf Erden mit Gewalt herbeiführen wollte. (WA TR 69)

 

Martin Luther ist aber auch mit seiner Rechtfertigungslehre, da ist niemand, der sich rühmen kann vor Gott, wir alle sind allein durch Gottes Gnade gerechtfertigt, der unauflöslichen Verbindung zwischen Jesus und Judas nahegekommen. Gerade weil wir alle Sünderinnen und Sünder sind, ich sage mal etwas platt, gerade weil wir alle Judasse sind: einander verraten, uns verfehlen, lügen, dem Mammon dienen und nicht Gott etc., ist Judas ein Synonym für die für Gott verschlossene Existenz des Menschen. Nicht wie Goethe, der Judas von oben herab einen bemitleidenswerten „armen Exapostel“ nannte, sah Luther in Judas auch sich selbst. Luther litt emphatisch mit Judas mit: mit seiner Verzweiflung nach vergeblicher Reue, mit seinem völligen allein sein bis zu seiner Selbsthinrichtung.

Die Einsicht in das eigene Begrenzt-Sein und der Glaube daran, dass Gott mich annimmt und sich zu mir stellt, mich gerecht spricht, sieht in Judas nicht den anderen, sondern sich selbst.

 

 

Theologische Deutung

Der erwählte Apostel Judas verkörpert die Ohnmacht der Bosheit angesichts der Gnade Gottes. Selbst der Verrat des Judas entlässt Judas nicht aus der Gnade Gottes. Verrat und Kreuzigung liegen zeitlich dicht beieinander. Sie verschränken sich und deuten einander. Es ist ähnlich wie beim Abendmahl. Jesus schließt Judas nicht aus. Bittet nicht Jesus nach dem Lukasevangelium auch für Judas: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Anstatt Judas als die Verkörperung der Sünde zu sehen und auch alle Judasse heute als Sündenböcke zu brandmarken und mit Eifer auszuschließen, gibt es auch für Judas eine (eschatologische) Zukunft bei Gott. Dann fällt von der Vergebung ein neues Licht auf Judas. Wenn die Sünde angesichts des Kreuzes wirklich nicht bestehen kann, dann kann es auch für alle Menschen die Möglichkeit zur Umkehr geben. Deshalb dürfen wir gegen alle Erfahrung immer noch für die Menschen hoffen, die sich scheinbar gänzlich dem Bösen verschrieben haben. Es wäre für uns Christinnen und Christen eine lebensfördernde und radikale einzuübende Perspektive, gerade wo unsere Gesellschaft so gespalten ist, Menschen nicht auf ihre Fehler oder ihre Meinung zu reduzieren, sondern sie von der Möglichkeit Gottes her zu sehen. Wer an Gott glaubt, gibt den anderen nicht auf und verloren.

Judas ist wie Jesus ein Gezeichneter. Judas hat Jesus ausgeliefert und den Schächern übergeben. Dasselbe griechische Wort für „verraten“(paradidónai) verwendet Paulus, um den Tod Jesu zu deuten. Gott hat Jesus und Jesus sich selbst dem „Fluch des Kreuzes“ ausgeliefert. Dieses Verstoßen-Sein verbindet Jesus mit Judas. Jesus nimmt das Gericht über die Sünde auf sich und schafft dadurch Zugang zu Gott. Das negativ konnotierte „ausliefern“(paradidónai) bei Judas wird durch das von Gottes Liebe motivierte „ausliefern“(paradidónai) seines eigenen Sohnes überboten.

Judas ist kein Sonderfall

Helmut Gollwitzer führt in „Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“, Christian Kaiser Verlag, München, 1970) diese Linie noch weiter. Wie bei Luther gilt für ihn: „Judas ist kein Sonderfall. Er ist unser aller Fall.“ (274) Das Neue Testament ist „…das Buch der großen Sorge um Judas Iskariot.“ (283) Darum müssen die Stellen im Neuen Testament, die Judas einzig auf seine Schuld festlegen vom Kreuz her neu gelesen werden. Vergebung und Gemeinschaft mit Gott bleiben Judas zugesagt und bleiben auch der ganzen Menschheit zugesagt „in der dauernd Judas vorkommt.“(295)

 

Judas als Schatten Jesu

Wenn wir Judas als Schatten Jesu sehen, dann ist Judas der Gegenspieler Jesu und gleichzeitig bleibt Jesus mit ihm verbunden. Es geht um die Frage der Nachfolge Jesu. Wie gehen wir mit dem Anderen, dem Fremden, aber ganz konkret auch mit den Bösen um? Dabei ist es gleich, ob das Andere uns äußerlich oder innerlich begegnet. Wenn wir fähig werden, den Schatten in Verbindung mit Jesus zu sehen, werden wir einen Zugang finden zu den anderen und zu uns selbst. Dann merken wir auf, wo wir wieder in die Falle tappen, andere zu Sündenbocken zu machen oder uns selbst zu geißeln.

 

Zuletzt möchte ich noch einmal auf Amos Oz eingehen. Ja, Juden und Christen verbindet „Tiefes und Dunkles.“ Ja, uns Christen verbindet mit den Juden unsere Schuld. Uns verbindet aber auch der Glaube an Gott, der Schuld vergibt und neues Leben schafft.

Amen

 

Jesu Predigt vom Reich Gottes gilt heute, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Claus Petersen: 21 Entdeckungen, Was Jesus wirklich lehrte, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, gebunden, 224 Seiten, ISBN 978-3-579-06616-5, Preis: 20,00 Euro (print)

Claus Petersen (geb. 1952) hat trotz (oder wegen?) seiner freikirchlichen Prägung schon zur Schulzeit sein Interesse für die Theologie entdeckt und war daher auch an einem altsprachlichen Gymnasium. Er studierte in Erlangen und Heidelberg und war eine Zeitlang Assistent für Altes Testament.

Als evangelischer Pfarrer verfolgte er einen eindeutigen, streitbaren Kurs. Er hat sich in seiner Predigt und Gotteslehre allein nach der Botschaft Jesu gerichtet, der Gegenwart des Reiches Gottes. Er war Mitgründer der ökumenischen Initiative „Heaven on Earth“ und veröffentlichte in Publik Forum 2007 den Aufruf „Wie Jesus an das Reich Gottes glauben.“

Während die persönliche Ebene des Themas im ersten Kapitel entfaltet wird, wird das Thema des Buches im zweiten Kapitel exegetisch näher erläutert.

21 Spruchtexte Jesu

Die 21 Spruchtexte Jesu, die im weiteren Verlauf des Buches einzeln erläutert werden, sind eine Auswahl aus der Überlieferung der Evangelien, die der Autor aus exegetischen Gründen dem historischen Jesus zuschreiben möchte. (Diese Methode hält man allerdings in der Theologie für problematisch, da es kaum Kriterien gibt, die eine solche Rückfrage nach der originalen Jesusüberlieferung rechtfertigen kann. d. Rez.)

Dass Claus Petersen vor allem die Reich Gottes Verkündigung für authentisch hält, dürfte in der Theologie Unterstützung finden. Was die Stärke des Buches ist, sich auf die „wahre“ Lehre Jesu zurückzugehen ist allerdings auch befremdlich. Der selektierende Umgang mit den biblischen Texten am Beispiel des Vater Unsers und der Seligpreisungen im Detail ist nicht leicht einzusehen.

Reich Gottes gegenwärtig

Die besondere Ausprägung, von der Petersen ausgeht, ist die Aussage, dass das Reich Gottes gegenwärtig ist. Es geht Jesus darum, „im Reich Gottes zu existieren, und zwar im hier und jetzt…“ (S. 44).

Die Mitte seiner Botschaft ist das „Genug“. Es ist eine Botschaft, die sich gegen den Reichtum richtet, gegen das „Zuviel“. Unserem heutigen System des Kapitalismus widerspricht die Politik Jesu.

Der Hauptteil des Buchs besteht darin, die vom Autor als authentisch gelesenen Jesustexte zu interpretieren. Allerdings bin ich von diesem Hauptteil enttäuscht. Es handelt sich nämlich bei diesen Texten eher um predigtartigen Meditationen. Die exegetischen Begründungen, die ich erwartet hätte, werden hier einfach vorausgesetzt. Diese hätte man aber nach der durchaus aufregenden Einleitung anders erwartet.

Das Buch ist im Hauptteil wie ein Lied mit 21 Strophen, die alle nach der gleichen Melodie gesungen werden. Schade um den aufregenden Ansatz von der revolutionären Botschaft Jesu, der nun vom Mittelteil her in der Luft hängt.

Ostern – Fest der Auferstehung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2021

Zu:

Jürgen Moltmann: Auferstanden in das ewige Leben, Über das Sterben und Erwachen einer lebendigen Seele, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, gebunden, 110 Seiten, ISBN: 987-3-579-06602-8, Preis: 12,00 Euro (print)

 

Jürgen Moltmann (geb. 1926!) hat seiner „Theologie der Hoffnung“ mit diesem Essay über Tod und Auferstehung einen neuen Aspekt hinzugefügt: das Leben nach dem Tod. Der Tod seiner Frau Elisabeth Moltmann-Wendel hat den Professor em. für systematische Theologie bewegt, den Aspekt der Todeserfahrung neu zu bedenken.

Tod als Ereignis ist uns Menschen eigentlich immer der Tod anderer. Für Jürgen Moltmann reichen die beiden Glaubensaussagen des „ewigen Lebens“ und der „Auferstehung der Toten“ nah aneinander. Sie deuten sich gegenseitig. Die Ewigkeit wird dabei nicht zeitlich gedacht. Sie ist die „Fülle des Lebens“. Schon in der Mystik ist von gegenwärtiger Ewigkeit die Rede gewesen.

Auferstehung Jesu

Der Begriff Auferstehung ist zunächst wie schon bei Paulus (1. Korinther 15) von der Auferstehung Jesu her zu klären.

Hierbei ist die Deutung des Todes Jesu, der Kreuzigung, von dem Verschwinden seines Leichnams ausgegangen. Wichtig ist aber dabei nach Moltmann, bei dem leeren Grab nicht stehen zu bleiben, sondern eher so etwas wie das Pfingstwunder als Auferstehungserfahrung Jesu zu deuten: Die „Einzigartigkeit der neuen Wirklichkeit“ (S. 23) zeigt sich in Jesu Erscheinungen.

„Sieg“ über den Tod

Da damit zugleich „die Hölle“ überwunden ist, wird die Auferstehung als „Sieg“ über den Tod gedeutet, Jürgen Moltmann bringt dies sogar mit der Hölle der Vernichtung jüdischer Menschen (Majdanek) in Verbindung: „Die auferstandenen jüdischen Kinder, die dort ermordet wurden, kamen im Nebel auf mich zu.“ (S. 29) (Es ist schon berechtigt zu fragen, ob Moltmann hier nicht Kategorien verwechselt. Die Ermordung steht einfach im Raum und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Das gilt auch für die Kreuzigung. Im Buch „Der gekreuzigte Gott“ verbindet Moltmann die Auferstehung stärker mit der Kreuzigung als hier. D. Rez.)

So gesehen, werden also die mit symbolischen Begriffen aufgeladenen Kreuzigungsüberlieferungen verständlich. Die Deutungen der Kreuzigung Jesu z. B. als Leiden des „Gottesknechts“ sind von der Auferstehung Jesu her motiviert. Jesus ist lebendig, aber ohne, dass dadurch sein Tod ungeschehen gemacht wird.

In der Anwendung des Auferstehungsbegriffs auf die menschlich allgemeine Ebene greift Jürgen Moltmann m. E. auf die Vorstellung der katholischen Kirche zurück von der Unsterblichkeit der Seele und der unmittelbaren Auferstehung. Es ist schon die Frage, ob man protestantisch gedacht nicht besser mit der dogmatischen Überlieferung zurechtkommt, wenn man die Glaubensartikel nicht so stark aneinander bezieht, wie Moltmann das hier macht und wie es wohl auch in der Trinitätslehre vorgeprägt ist, die aber nicht urchristlich ist.

 

Erfahrung des Todes fordert eine Antwort

Ich denke allerdings, dass es auch eine allgemeine Todesvorstellung ist, dass der verstorbene Mensch doch noch irgendwo da ist (d. Rez.).

Die Erfahrung des Todes fordert eine Antwort auf die Frage, ob die Verstorbenen jetzt direkt nach dem Tod auferstanden sind und in einer etwas anderen Wirklichkeit weiterleben.

Der Essay des hochbetagten Theologen Jürgen Moltmann ist von persönlichen Erfahrungen und theologischen Reflexionen geprägt. Dabei wagt er es immer wieder auch, wie von ihm gewohnt, theologische Wege zu verlassen, um sich auf eigene Denkwege zu begeben.

Die vielen Bibeltexte und Gesangbuchverse lassen mich dieses Buch fast ein wenig zu einer Erbauungsliteratur rechnen, wobei sich eben dies auch als gelungen zeigt. Glaubensaussagen und theologisches Denken sind miteinander im Dialog.