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… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Predigt Römer 6,3+4, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

 über Römer 6,3+4, Die kostbare Perle,  6. Sonntag nach Trinitatis

3 Ihr wisst doch: Bei unserer Taufe wurden wir förmlich in Christus Jesus hineingetaucht. So wurden wir bei der Taufe in seinen Tod mit hineingenommen. 4 Und weil wir bei der Taufe mit ihm gestorben sind, wurden wir auch mit ihm begraben. Aber Christus ist durch die Herrlichkeit des Vaters vom Tod auferweckt worden. Und genauso sollen auch wir jetzt ein neues Leben führen. (Basis Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2010, Römer 6,3+4)

 

Liebe Gemeinde,

heute möchte ich Sie mitnehmen zu einem Besuch der documenta fifeteen in Kassel. Wir besuchen gemeinsam die katholische Kirche St. Elisabeth. Die Gemeinde hat die Künstlerin Birthe Blauth aus München beauftragt, die Kirche zu gestalten. Es geht mir nicht um das Konzept der Künstlerin, sondern ich lade Sie ein zu einer Art Phantasiereise in den von der Künstlerin gestalteten Kirchraum. Später wird das Geschaute mit den Paulusworten zur Taufe in Beziehung gesetzt. Wenn Sie mögen und es Ihnen hilft, schließen Sie bei unserer Reise die Augen und stellen Sie sich vor, Sie sind mit dabei.

Sie stehen mit einer überschaubaren Gruppe auf dem großen Vorplatz, einer der weiten öffentlichen Plätze der documenta mitten in Kassel. Der große Platz ist leer, es scheint die Sonne und es weht ein leichter Wind. Sie gehen mit der kleinen Gruppe in Richtung Elisabethkirche. Von weitem sehen sie den Kirchturm. Er ist nicht geschlossen, sondern offen. Auf dem Kirchturm ist ein Kreuz zu sehen.

Wir kommen näher und überqueren eine Straße, die nicht viel befahren ist. Rechts von der Kirche liegt eine Straße auf der der Verkehr nur so braust. Autos fahren an und fahren weiter in die Stadt hinein. Menschen gehen über die Fußgängerampel. Von rechts drängt der Lärm der Stadt in die Ohren.

Vor uns baut sich die schlichte, moderne Kirche auf. Wir gehen drei Stufen hoch, um auf den Vorplatz der Kirche zu gelangen. Unsere Augen suchen die Eingangstür. Sie bewegen sich auf die dunkle Tür zu. Sie gehen den anderen hinterher durch die Tür. Hinter der Tür ist es dunkel. Ihre Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Vor einem Tisch stehen drei Menschen. Einer flüstert, bitte ziehen sie ihre Schuhe aus, bevor sie in den Kirchraum gehen. An der Rückseite des dunklen Raums erkennen Sie ein Schuhregal. Sie ziehen ihre Schuhe aus, verstauen sie in einem Fach des Regals. Bevor sie in den Kirchraum eintreten, bekommen sie von einer weiteren Person einen kleinen Zettel. Der schwere schwarze Vorhang wird für Sie bei Seite geschoben. Sie gehen in den Kirchraum und während sie den ersten Schritt auf ein weiches Grün machen, lesen Sie auf dem kleinen Zettel. Bitte schweigen Sie an diesem Ort. Sie dürfen sich, bevor sie die Kirche verlassen, eine Perle aus der Schale mitnehmen.

Sie gehen tiefer in den Kirchraum hinein. Der ganze Kirchraum ist vollkommen leer, nur mit Rasen ausgelegt. Sie spüren das Gras unter ihren Füßen. Von den beiden Außenseiten mit großen Glasflächen fällt Licht in die Kirche. Sie sehen Menschen. Manche gehen langsam über die Wiese, anderen haben sich hingesetzt oder hingelegt. Sie schauen nach einem Platz, wo sie sich hinsetzen können. Sie setzen sich aufs Grün und lassen den Kirchraum auf sich wirken. Es ist still. Der Lärm der Straße ist nicht mehr zu hören. Sie atmen ein und aus und fühlen sich geborgen. Die Ruhe tut gut. Sie schließen die Augen und sind eine Zeit lang ganz für sich. Dann nehmen Sie wieder den Raum und die Menschen um sich herum wahr. In der Mitte des Kirchraums steht eine große Schale. Aus der Schale leuchtet es weiß. Ein Mensch kniet vor der Schale und fährt mit seinen Händen durch das Weiß. Dass werden Perlen sein, denken sie. Wie kommt es, dass sie so leuchten? Sie nähern sich langsam der Schale. Die Perlen leuchten wunderschön. Es sind tausende von weißen Perlen. Sie knien sich nieder und fahren mit der Hand durch die weiße Pracht. Dann tauchen Sie mit der Hand noch einmal in das Weiß ein, lassen die Perlen langsam in die Schale rieseln und von den letzten vier, fünf Perlen auf ihrer Handfläche suchen Sie eine für sich aus. Sie halten sie zwischen Daumen und Zeigefinger und freuen sich. Mit der Perle verlassen Sie langsam den Kirchraum – und öffnen jetzt wieder die Augen und kommen hier in unseren Kirchraum/Gottesdienstraum wieder an.

 

Du bist getauft. Du bist mit Christus durch das Dunkel hindurchgegangen. Du hast die Dunkelheit hinter dich gelassen und in dir ist ein Raum der Stille und Begegnung mit Gott. Zu diesem Schatz hast du jederzeit Zugang. Mit der Taufe grünt ein unvergängliches Leben in dir. Du bist geschützt, geborgen, gerettet. Christus hat dich mit seinem Tod teuer erkauft. Das Leben leuchtet weiß. Christus ist deine Perle. Dieser Schatz lebt und leuchtet in dir. Vor diesem Licht kann nichts bestehen, was dieses Licht verdunkelt. Kein Leid, kein Schmerz und kein Tod. Wie ein Sandkorn in einer Muschel mit Schichten ummantelt wird und zu einer kostbaren Perle heranreift, so hat Christus für dich das schlechthin Fremde – den Tod – umschlossen und in Leben verwandelt. Seine Auferstehung lebt seit deiner Taufe als kostbares Gut in dir. Du bist mit Christus in der Taufe den Weg vom Tod ins Leben gegangen.

Wir verlieren den Zugang zu der Perle in uns immer wieder. Aber wir können uns immer wieder, zu jeder Zeit und an jedem Ort, diesem Schatz in uns zuwenden. Diese Reise zu Christus in uns nennen wir glauben: Ein großes Vertrauen in den Gott unseres Lebens. Daraus wächst die Kraft das Leben und die Welt zu gestalten.

Hinabsteigen, Zeiten der Dunkelheit durchschreiten, um ins Licht zu kommen, um beschenkt zu werden: das ist Glauben. Das Neue, das Kostbare, das Schöne lebt in uns, daher lasst uns das Falsche, das Niederträchtige, das Unechte ablegen.

Amen

Joachim Leberecht

Link:

www.bblauth.de

www.st-elisabeth-kassel.de

Vaterkomplex und Fußballgott, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

Zu: 

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Rowohlt-Verlag, Hamburg, 4. Auflage 2021

Geschickt webt Friedrich C. Delius an einem Sonntagsbild in einem kleinen hessischen Dorf an der Grenze zur DDR im Jahr 1954. Der Titel mag leicht in die Irre führen, da der Tag an dem Deutschland Weltmeister wurde zwar eine emotionale Zäsur für Deutschland darstellt und bis heute im kollektiven Gedächtnis eingeschrieben ist, jedoch im Mittelpunkt der Erzählung steht der junge Ich-Erzähler und sein Vaterkonflikt. Das Trauma seiner Kindheit bildete sich durch die Rückkehr seines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Der Sohn musste den Platz an seiner Mutter verlassen und an den Vater abgeben. Dass der wortmächtige Vater zudem noch evangelischer Pfarrer war und die Familie im kleinen Dorf ein vorbildlich christliches Leben führen musste, verschlägt dem Sohn die Sprache. Das vorpubertäre Kind von 11 Jahren stottert, spricht nur, wenn er angesprochen wird, schämt sich seines Sprachmakels und flüchtet sich kindgerecht in Tagträume. Friedrich C. Delius gelingt es, dass der Leser sich mit dem Ich-Erzähler identifiziert und durch seine Augen einen Sonntag auf dem Land in den 50er Jahren in der BRD nacherlebt. Den restaurativen Ton der BRD fängt der Autor mit seinem Sonntag-Sittengemälde gut ein. Das steigert den alles beherrschenden Vaterkonflikt, der sich noch potenziert wird durch den allmächtigen göttlichen Vater, der dreifältig (Vater, Großvater, Vater-Gott) im Pfarrhaus gegenwärtig ist. Dem Vater-Gott ist alles zu verdanken, er sieht alles, ihm gilt es unbedingt Gehorsam zu leisten. Im Kapitel „Ich war Isaak“(S.78f) treibt der Autor seinen Vaterkonflikt auf die Spitze. Den Vaterkonflikt verbindet er mit der Erzählung von der Opferung Isaaks durch Abraham. Der Zugang zu dieser biblischen Erzählung ist das Entscheidende. Die drei Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) haben eine je eigene Sicht auf die biblische Erzählung, Friedrich C. Delius jedoch fragt nicht nach dem Glaubensgehorsam Abrahams, sondern schlüpft mit seinem Protagonisten ganz ich die kindliche Perspektive des potentiellen Opfers. Diese Identifikation ist äußerst wichtig, da sich Friedrich C. Delius mit der Erzählung von seinem Übervater befreit. Dieses biblische Narrativ verleiht ihm Sprache und ein entschiedenes Nein gegen einen übergriffigen Vater-(Gott). Ob ein elfjähriges Kind dazu kognitiv in der Lage ist, wage ich zu bezweifeln. Man merkt der stark biographischen Erzählung an, dass der gut fünfzigjährige Autor sich intensiv mit seinem eigenen Vaterkonflikt auseinandergesetzt hat., Er hat Tilmann Mosers Gottesvergiftung gelesen und schlägt in dieselbe Kerbe. Dennoch sollten wir die Erzählung nicht als biographisches Tagebuch eines Sonntags verstehen, sondern als kunstvolle Fiktion wahrnehmen. Denn darin liegt die Stärke von Friedrich C. Delius, sein unverwechselbarer Erzählstil. Aus meiner Sicht flacht die Spannung bei der Fussballreportage Ungarn – Deutschlands ab, wenngleich der Fußballgott einen echten Exodus für das Kind eröffnet, da dieser Gott ihm eine Welt außerhalb der Vaterwelt verheißt.

Cover zum Taschenbuch:

Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17 – Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

„Als sie nun Mahl gehalten, sagt zu Simon Petrus Jesus: Simon, Sohn des Johannes (1,42), liebst du mich mehr als diese? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Hüte meine Lämmer. Sagt er ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Sagt er ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dir Freund bin. Sagt er ihm: Weide meine Schafe (1. Petr 5,2). Sagt er ihm zum dritten Mal: Simon, Sohn des Johannes, bist du mir Freund? Betrübt ward Petrus, dass er so gesagt hat, zu ihm, zum dritten Mal: Bist du mir Freund? Und er sagte ihm: Herr, alles weißt du, du erkennst, dass ich dir Freund bin (16,30). Sagt zu ihm Jesus: Hüte meine Schafe (10,1-18).

Übersetzung von Dr. Eugen Drewermann

 

Predigt Bist du mein Freund? Joh 21,15-17

Liebe Gemeinde,

was für einem intimen Gespräch zwischen Jesus und Simon Petrus dürfen wir hier belauschen? Intimeres als über die Liebe von Person zu Person gibt es nicht. In der Frage: „Liebst du mich?“ wird das Entscheidende angesprochen, was eine Liebesbeziehung ausmacht. Der Fragende legt seine ganze Person hinein und wagt diese Frage an sein Gegenüber. An der Antwort hängt Glück und Enttäuschung, hängt die Zukunft. Diese Frage wird in der Regel erst gestellt, wenn der Fragende im Herzen überzeugt ist, die Antwort kann nur Ja sein.

Der Philosoph Roland Barthes hat einmal gesagt, dass der Satz: „Ich liebe dich!“, ein unmöglicher Satz ist. Wenn er ausgesprochen ist, stimmt er schon nicht mehr, da er nicht einzulösen ist, da er gewissermaßen nur in der Schwebe wahr ist und nur glaubend erahnt werden kann. Ausgesprochen jedoch verliert er seine Gültigkeit. Es ist als sei diese ungeheure Aussage „Ich liebe Dich!“ ein Ding, das der Mensch haben kann und über das er verfügt. Der Satz: „Ich liebe Dich!“ ist unverfügbar und entzieht sich in dem Moment, wo er ausgesprochen wird.HerzeH Wer von uns kennt nicht die Schwierigkeit und manchmal auch Schalheit, wenn wir diesen Satz aussprechen? Und dennoch ist es so wichtig, dass wir zueinander sagen: „Ich liebe Dich!“, weil der Glaube – auch an die Liebe – über das Hören kommt, über die Versprachlichung unserer existentiellen Gefühle und Einstellungen.

Jesus fragt Simon Petrus nach der höchsten Form der Liebe, nach der Agape, der selbstlosen (göttlichen) Liebe. Die Frage ist schlechtweg nicht zu beantworten und Simon Petrus zieht sich mit seiner Antwort geschickt aus der Verlegenheit, erstens indem er sich nicht auf den unmöglichen Vergleich, dass er Jesus mehr liebe als andere einlässt und zweitens, indem er sagt: „Wer, wenn nicht du, weißt es schon längst, dass ich dein Freund bin? Simon Petrus spricht nicht von Agape sondern von Phileo, der freunschaftlichen Liebe. Das ist eine Selbstbescheidung, gewachsen auch aus der bitteren Erkenntnis, dass seine Hingabe an Jesus, dass seine Beziehung zu ihm seinem unsteten Ego unterworfen ist, seiner Launenhaftigkeit, seinen Zweifeln und auch seiner Selbstüberschätzung.

Freundschaft ist nach dem römischen Philosophen Sallust: „Dasselbe wollen, dasselbe nicht wollen.“ (1) In diesem Sinn liebt Simon Petrus Jesus. Darauf antwortet Jesus: „Hüte meine Lämmer!“ (Vers 15).

Ich muss hier an meinen Enkel denken, ein Jahr ist er jetzt alt. Seine Eltern hüten ihn, beschützen ihn, ernähren ihn, tragen um ihn Sorge. Sie nehmen sich selbst zurück und stillen seine Bedürfnisse. So ist es, wenn uns ein neues Leben anvertraut wird. Das ganze Leben ändert sich, wird umgestellt und eingestellt auf das kleine Kind. Ganz natürlich sind wir Menschen ausgestattet, dass Neugeborene zu beschützen und zu bewahren so gut es uns möglich ist. Das neue Leben braucht verantwortungsvolle und verlässliche Zuwendung.

Das traut Jesus Simon Petrus zu. Durch Vertrauen wachsen wir an unseren Aufgaben. Ohne Vertrauen wächst der Selbstzweifel, wachsen Angst und Furcht in uns.

Ein zweites Mal fragt Jesus Simon Petrus: „Liebst du mich?“ Und Simon Petrus antwortet wiederum: „Du weißt es, ich bin dein Freund.“

„Weide meine Schafe!“ antwortet Jesus. Der Verantwortungsbereich für Simon Petrus wird ausgeweitet. Jetzt geht es nicht mehr nur ums Hüten, es geht ums Weiden. Das muss vorrausschauend geschehen. Wo gibt es Nahrung? Wie können die Tiere am besten durch das Leben gehen? Wie können Sie begleitet werden? Wie sind sie zu schützen? Wohin sind sie zu führen?

Alles Fragen, die uns selbst intensiv beschäftigen, besonders heute, da vor unseren Augen Grenzen überschritten werden, ein Land in das andere einfällt und es beherrschen will. Wie kann dem Unrecht gewehrt werden und das Recht wieder hergestellt werden, dass die Menschen selbstbestimmt ihr Leben führen können? Was sind die richtigen Mittel, um dieses Ziel zu erreichen? Wann ist Gewalt mit Gegenwehr und ebenso mit Gewalt zu begegnen, damit gerechter Friede werde? Was ist verhältnismäßig? Was aber steigert nur die Gewalt und die Anzahl der Opfer?

Jesus selbst ist den Weg der Gewaltlosigkeit gegangen und hat damit der Menschheit einen Weg gezeigt, Gewalt zu überwinden. Wir haben aber auch gelernt und wissen, dass in unserer Welt staatliche Gewalt den Auftrag hat – auch in Gemeinschaft der Völker – Völkerrecht und Menschenrechte durchzusetzen. Es gibt einen schier undurchdringlichen Knäul von Interessen, Motivationen und durch Medien vermittelte Haltungen. Aus meinem kleinen Blickwinkel heraus handeln wir in diesem Konflikt nicht mit Besonnenheit, wir liefern lieber schwere Waffen als mit voller Überzeugung auf ein Ende des Krieges hinzudrängen. Für mich ist der Weg, den wir beschritten haben, ein Irrweg – auch wenn er demokratisch legitimiert ist. Es ist gar nicht so einfach mit der Verantwortung, im Großen, aber auch im Kleinen.

Vielleicht fragt Jesus Simon Petrus Jesus deshalb ein zweites Mal: „Hast du mich lieb?“ Nur in der Liebe haben wie die Kraft auch schwere Wege zu gehen, Schuld einzugestehen, hinzufallen, wieder aufzustehen, weiterzugehen, es wieder und wieder zu versuchen in Beziehung zu leben, einander in Güte zu begegnen und die Angst voreinander zu überwinden.

Als Jesus Simon Petrus zum dritten Mal fragt: „Hast du mich lieb?“, wird dieser traurig. Es gibt Lebensthemen, die gehören zu uns und sie brechen immer wieder auf. Die Frage nach der Liebe und unsere Antwort darauf gehört dazu. Es gibt auch verschiedene Phasen im Leben. Wir können die drei Fragen auch als wiederkehrende Fragen in einer Biographie wahrnehmen. Der junge Mensch liebt leidenschaftlich, der Mensch in der Mitte seines Lebens bekommt die Einsicht, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern sich konkret in der Hingabe und Annahme eines Du bewähren muss. Es stimmt, jede und jeder ist für das verantwortlich, was er sich vertraut gemacht hat, wie es im Kleinen Prinzen heißt. Liebe ist nicht allgemein, sie ist immer konkret und auf ein Du bezogen. Eine Gruppe können wir nicht lieben.  Einen Menschen aber wirklich lieben ist das einfachste und schwierigste zugleich. Das zu erkennen braucht Zeit, oft ein ganzes Leben. Von daher ist die dritte Frage Jesu so etwas wie eine gesteigerte Wiederholung. Diese Frage stellt sich uns immer wieder und eindeutig ist sie aus uns selbst nicht zu beantworten, hinter der dritten Antwort Simon Petrus´ steckt viel Selbsterkenntnis. Sein Betrübt-Sein zeigt eine Reife, fremden und eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, sondern immer wieder selbst der Empfangende zu sein.

Auch wir sollten uns in unseren aufrichtigen Bemühungen zu lieben immer wieder unterbrechen lassen, dass es letztlich nicht unser Wille ist, auch nicht die ehrliche Absicht ein besserer Liebender oder Liebende zu werden, sondern das Liebe ein Widerfahrnis, ein Geschenk ist – das es zu ergreifen gilt, das uns gewährt wird von dem, der selbst die Liebe ist. Es braucht viel Leben um das zu spüren, um dem nahe zu kommen, um diese unserem Willen so paradoxe Erkenntnis in unser Leben zu integrieren. Die Trauer darüber ist ein erster Weg, aber dabei bleibt es nicht. Der Weg hat eine Richtung. Der Weg hat ein Ziel: „Folge mir nach!“ (Vers 18) sagt Christus oder ganz einfach und schlicht: Liebe und lasse dich lieben. Das ist die schönste Aufgabe des Lebens.

Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

1 Zitiert aus Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Seite 372

2 Die Predigt ist teilweise inspiriert durch: Eugen Drewermann: Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Patmos Verlag, Düsseldorf, 2003, S. 367-379

Ist der Weg der Gewaltlosigkeit Jesu ein Weg für die Kirche? Karfreitagspredigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2022

 

Predigt über den Albtraum der Frau des Pilatus (Mt 27,19)

 

Und als er (Pilatus) auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ (Matthäus 27,19)

 

Liebe Gemeinde,

die schwedische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf hat Christuslegenden gesammelt, aufgeschrieben und erstmals 1904 veröffentlicht. In der Legende über das Schweißtuch der heiligen Veronika erzählt sie – bis heute spannend – von einem Albtraum, den Claudia Procula, Pilatus’ Frau, geträumt hat. Ich zitiere ein Bild des Warntraums:

Der römische Landpfleger zu Jerusalem hatte eine junge Frau und diese träumte in der Nacht … einen langen Traum. Ihr träumte, sie stehe auf dem Dach ihres Hauses und sehe auf den großen schönen Hofplatz herunter, der nach morgenländlicher Sitte mit edlen Gewächsen bepflanzt war. …

Und es standen dort alle Menschen der Erde, die in Kriegen verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Leibern und mit tiefen, offenen Wunden, aus denen Blut rann, so daß der ganze Hof davon überflutet war. Und neben ihnen drängten sich dort all jene Menschen der Erde zusammen, die ihre Lieben auf den Schlachtfeldern verloren hatten. Es waren die Vaterlosen, die ihre Beschützer betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren Herzliebsten riefen, und die Mütter, die nach ihren Söhnen seufzten.

Die Vordersten drängten sich nach der Tür hin, und wie zuvor kam der Türhüter und öffnete.

Er fragte all diese im Kampf und Streit Verwundeten: „Was sucht ihr in diesem Hause?“

Und sie antworteten: „Wir suchen den großen Propheten von Nazareth, der Krieg und Feindschaft abschaffen und den Frieden auf Erden bringen wird. Wir suchen ihn, der die Schwerter zu Sensen umschmieden wird und die Speere zu Winzermessern.“

Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: „Kommt nun nicht mehr wieder, mich zu plagen! Ich habe es Euch schon oft genug gesagt: Der große Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.“

Dann schloss er das Tor. Doch sie, die träumte, dachte an all den Jammer, der nun laut werden würde. „Ich mag ihn nicht hören“, rief sie und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblick erwachte sie. Und nun merkte sie, daß sie vor Angst aus ihrem Bett gesprungen war und auf dem kalten Steinboden stand. (S.91/92)

 

So weit ein Ausschnitt aus der Christuslegende. Claudia Procula schreckt aus ihrem Albtraum auf und will gar nicht mehr einschlafen, weil sie vom Wehklagen der Kriegsverletzten und den Klagen um ihre Angehörigen erschüttert ist. Es hallt in ihr nach, wie sie nach dem Erlöser Jesus rufen. Aber Jesus ist tot. Ihr Mann Pilatus hat ihn getötet.

Sie kann den Albdruck auf ihrer Brust nicht aushalten, sie weint bitterlich über die Schuld ihres Mannes, über die zerplatzte Hoffnung der Geplagten.

Jesus, der Mensch Gottes, ein Prophet, ein Heiler, ein Gerechter ist tot: Güte, Wahrheit und Vertrauen haben verloren.

Das ist die Zeitenwende. Jetzt gilt es wieder und ganz entschieden nach Stärke zu streben, auf Angst zu setzen, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen und einzusehen, dass der Feind mit allen Mitteln zu bekämpfen ist und gerade nicht wie Jesus gelehrt hat, den Frieden zu suchen, zu versöhnen und zu heilen. Sein kurzes öffentliches Auftreten und Wirken waren umsonst.

War das alles nur ein kurzes Aufflackern eines Lichtes, nicht mehr als eine Fata Morgana? Folgten nicht viele diesem Menschen Jesus von Nazareth? Gab er ihnen nicht Hoffnung? Verkündigte er nicht, dass Gott verliebt ist in gelingendes Leben? Nahm er ihnen nicht die Grundangst, zu kurz zu kommen, ständig bedroht zu sein, Gott nicht zu genügen? Hob er nicht immer wieder den Blick gen Himmel, war er nicht voller Gottvertrauen, zog er nicht den Himmel auf die Erde, versicherte er nicht glaubhaft, dass sein Vater im Himmel für seine Kinder eine Wohnung im Himmel bereitete, wo sie ewige Heimat finden würden (Johannes 14,2)? Ist mit seinem Tod jetzt nicht auch alle Hoffnung gestorben?

Sein Tod ist unser Tod. Viele dachten, eine neue Zeit sei angebrochen, was für eine Illusion! Niemandem hat Jesus Gewalt angetan, mit Wahrheit hat Jesus die Menschen konfrontiert, die politisch Herrschenden wie die religiös Mächtigen, seine Anhängerinnen und Anhänger hat er Frieden gelehrt. Aber es hat ihm nichts genutzt. Verlacht und verspottet haben sie Jesus, er sei ein Verrückter, der von einer neuen Zeit und einem radikalen Glauben faselte, dessen Aura Spontanheilungen bewirkte, der die Menschen in die Irre führte, der in Wahrheit Gott lästerte und dessen Lehre bestehende Gesetze und die Ordnung auflöste. Jesus, in Wirklichkeit ein Anarchist? Schlimmer noch, ein Vorgaukler von religiösen Hoffnungen, die an der Realität platzen wie Seifenblasen?

Von einem Tag auf den anderen scheint friedensbewegtes Denken und Handeln von gestern. Deutsche Waffen werden in die Ukraine geliefert, damit diese sich verteidigen kann. Die Ukraine, ein Kriegsgebiet, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzt hatten. Im Zweiten Weltkrieg tötete die Wehrmacht über 20 Millionen russischstämmige Menschen, vor allem Zivilisten. Jetzt werden mit Hilfe deutscher Waffen wieder Russen getötet. Nach den sogenannten leichten wird jetzt ungeniert gefordert, dass schweres Kriegsgerät in die Ukraine geliefert werden soll. Wo soll die Spirale der Eskalation hinführen? Es wird nicht auf Deeskalation, es wird auf Krieg gesetzt. Der Traum von einem friedlichen Europa ist jäh geplatzt. Reflexartig wird zu den Waffen gegriffen. Rhetorik und Berichterstattung heizen den Krieg an. Es gilt nicht mehr politisch Sicherheit abzuwägen, sondern sich einzig und allein zu vergewissern, dass moralisch jetzt die Waffen sprechen müssen! Alternativen werden erst gar nicht mehr bedacht. Ein Armutszeugnis. Die deutsche Waffenindustrie reibt sich die Hände – 100 Milliarden Euro Sondervermögen stehen bereit. Wirtschaftsaufschwung einmal anders. Dabei ist die verhängnisvolle Liaison von Geld und Krieg bekannt. Die gesamte Konfliktforschung und Aufarbeitung der letzten beiden Weltkriege werden machtpolitisch ad acta gelegt. Wir sind nicht verantwortlich, wir waschen uns in Unschuld die Hände. Wir tun nur das, was die Sicherheitslage erfordert und die Mehrheit der Bevölkerung will.

Von all den zerplatzten Hoffnungen der einfachen Menschen in Galiläa und Judäa hatte die Nichte des Kaisers Tiberius, Claudia Procula, nicht viel gewusst. Sie diente und verehrte die römischen Götter, glaubte an die friedensstiftende Pax Romana. Sie sah sich zurecht oft bedroht durch die vielen Unruhen in Jerusalem, schätzte das verantwortliche Handeln ihres Mannes und Präfekten Pilatus, der besonders vor dem Passahfest unter Anspannung stand, weil die Gefahr bestand, dass Eiferer das Volk aufwiegelten, es zum Umsturz, zu blutigen Kämpfen kommen könnte.

Vor Pilatus Richterspruch über Jesus träumt Claudia Procula ihren irritierenden Traum. Natürlich glaubt sie, dass die Götter in Träumen zu den Menschen sprechen. Aber noch nie hatte sie einen derart aufwühlenden Traum gehabt. Sie hatte auch kein besonderes Herz für die einfachen, armen und ungebildeten Menschen. Es gibt Privilegierte und Unprivilegierte. So war es und so würde es immer sein. Das Schicksal der Götter meinte es gut mit ihr. Sie stammte aus kaiserlichem Haus. Diesem Stand entsprechend und ihn schützend richtete sie ihr Leben ein. Es war schon viel von ihr verlangt, ihrem Mann Pilatus nach Jerusalem zu folgen, in dieses heiße, staubige und dreckige Nest am Ende der Welt.

Umso mehr erschreckt sie vor den ihr fremden, übermächtigen Gefühlen des Mitleids für die durch Kriege aller Zeiten Verletzten, Trauernden, Heimatlosen, die im Schatten der Sieger versklavten und entrechteten Menschen. Sie hatte doch immer mit rauschenden Festen in Rom die glorreichen Siege des römischen Heeres gefeiert. Das Elend des Krieges hatte sie nie an sich herangelassen, nie wahrnehmen wollen, einfach ausgeblendet und verdrängt. Jetzt aber hatte sie es im Traum gesehen, mit einer solchen Wucht, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie wusste es, niemand konnte es ihr ausreden: Es war kein Traum, es war wahr. Die von Leid an Leib, Geist und Seele Gezeichneten gibt es nicht nur vereinzelt, es sind Massen. Sie alle kommen, um das Tor zum Hof des Palastes zu überwinden. Wer wird ihnen helfen können?

Im Traum ist sie gezwungen zuzuhören und das Leid zu sehen. Die Formulierung „ihr träumte“ macht sprachlich deutlich, dass der Albtraum ihr widerfährt. Die Verletzten und Trauernden sprechen von einem Menschen, der ihnen helfen kann, der ihnen Hoffnung gibt, der sie heilt, den sie in ihrer religiösen Tradition als Prophet, als Seher, als Heiler und Messias verehren. Und dieser Mensch – begreift sie augenblicklich – ist in der Macht ihres Mannes. Deshalb kam der schreckliche, bedrängende Traum über sie. Sie wird überschwemmt von Scham, Mitleid und Wut. Woher kommen diese starken Gefühle? Sie nimmt schmerzlich wahr, was für ein großes Unrecht Jesus von Nazareth durch ihren Mann geschehen wird. Der von vielen ersehnte Erlöser ist ein Gerechter, ein vom Himmel gesegneter Mensch. Wieso sollten sich auch sonst alle Geplagten nach ihm sehnen, ihn aufsuchen und sich von ihm berühren lassen?

Sie weiß, wenn ihr Mann Pilatus Jesus zum Tode verurteilt, dann ist er nicht nur verantwortlich für den Tod eines Unschuldigen, sondern seine Schuld reicht bis in den Himmel, ist zweifellos eine Beleidigung der Götter. Der Zorn der Götter wird erregt – zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben nimmt Claudia den Ernst des Lebens wahr, schreckt sie auf vor der Heiligkeit des Lebens. Sie ahnt, dass Pilatus durch die Verurteilung des Gerechten zum Tode am Kreuz eine Tragödie auslöst, die die Welt ins Wanken bringen wird, auch die kleine Welt ihrer Ehe. Noch hat ihr Mann Jesus von Nazareth nicht zum Tode verurteilt. Noch kann sie ihrem Mann eine Warnung zukommen lassen. Das tut sie, wie es im Evangelium nach Matthäus heißt, mit den Worten: „Ich habe heute Nacht viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ (Matthäus 27,19b)

Wir wissen, wie es ausgeht. Pilatus findet keine Schuld an Jesus von Nazareth, fragt die aufgehetzte Menge nach ihrem Urteil, verkündigt das rechtskräftige Todesurteil für Jesus „und wäscht sich die Hände in Unschuld“ (Matthäus 27, 24).

Claudia Procula aber lässt dieser Traum ihr ganzes Leben nicht mehr los. Später – so erzählt Gertrud von le Fort in ihrer lesenswerten Novelle „Die Frau des Pilatus“ – lebt sie mit ihrem Mann in Rom. Dort besucht sie nach einer langen durch den Traum ausgelösten religiösen Sinnsuche die Versammlungen der Christen. Sie verehren Jesus von Nazareth als den Christus, der von Gott gesandt wurde, der den Fluch des Kreuzes in Heil verkehrte, der noch für seine Peiniger betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34); der sich im Tode Gott überließ, der am dritten Tag von den Toten auferstand. Claudia Procula, so die Legende, wurde selbst Christin, ließ sich von Güte, Liebe und Gewaltlosigkeit ihres HERRN einholen und erfüllen und empfing die Bluttaufe als Märtyrerin. In Gertrud le Forts Novelle ist es Pilatus selbst, der mitansehen muss, wie die Löwen seine geliebte Frau zerfleischen. Wieder nur hatte er den Befehl von Kaiser Nero blind ausgeführt und die kleine Gruppe der unschuldigen Nazarener für einen verheerenden Brand in Rom geopfert.

Es müssen halt Menschen geopfert werden. Daran führt kein Weg vorbei – oder?

Heute gedenken wir des Opfers Jesu am Kreuz. Auch Jesus wurde geopfert durch die Mächtigen. Im Unterschied aber zu den vielen Opfern, die die Herrschenden opfern, hat Jesus dieses Opfer selbst angenommen, ist aus freien Stücken diesen Weg für uns in den Tod gegangen. Daraus folgt für mich: Wir sollen keine Menschen mehr opfern. Es ist ein für alle Mal genug.

 

Wo bleibt das eindeutige Zeugnis der Kirchen von der Gewaltlosigkeit Jesu?

Das ist das Evangelium. Ich schäme mich für den orthodoxen Patriarchen Kyrill, der in seinen Predigten den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gutheißt und die Raketen segnet. Ich schäme mich für die Priester in der Ukraine, die ebenfalls Menschen und Waffen segnen. Ich schäme mich für die Kirchen in der westlichen Welt, die ihre Lehre von einem gerechten Krieg aus der Mottenkiste holen und Waffenlieferungen ethisch absegnen. Wo bleibt das eindeutige Zeugnis der Kirchen von der Gewaltlosigkeit Jesu? Gewaltlosigkeit ist nicht Schwäche, sondern fordert große Stärke und volles Vertrauen auf Gott. Gleichzeitig weiß ich, dass wir nicht vorschnell oder voreilig uns einbilden sollten, wir könnten konsequent gewaltlos leben. Ich erinnere mich an Jesu Warnung an seine Jüngerinnen und Jünger: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Oder könnt ihr die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde?“ (Mk 10,38) Vielleicht bleibt uns ein vorschnelles Ja im Hals stecken, wenn wir auf die Erfahrungen der Jünger in der Passionsgeschichte schauen — und uns selbst eingestehen, was wir über uns selbst wissen.

Das Glaubenszeugnis von Pilatus’ Frau steht nicht allein. Zum ersten, sie hat ihren Mann Pilatus gewarnt, hat auf Gottes Botschaft im Albtraum gehört. Auch wir alle, du und ich, können unsere warnende Stimme erheben – selbst da, wo die Kirche als Institution auffällig still bleibt. Selbst da, wo wir nicht Gehör finden, wo wir als Minderheit in einer Gesellschaft verlacht und nicht ernst genommen werden. Zum zweiten ist Claudia Procula mit der Taufe ihres HERRN getauft worden. Auch wenn das eine Legende ist, steht sie doch für das Glaubenszeugnis vieler Christinnen und Christen, die um ihres Glaubens willen getötet wurden. Darunter sind viele, die nicht die Waffe in die Hand nehmen wollten, die den Dienst an der Waffe um ihres Glaubens willen verweigerten. Das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit hat in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Tod viel zur Ausbreitung des christlichen Glaubens beigetragen. Auf diese jesuanische Wurzel sollten wir uns neu besinnen. Wer wenn nicht wir Christinnen und Christen sollte sonst in unserer Gesellschaft für Gewaltlosigkeit eintreten?

Ich träume davon, dass der Albtraum Krieg überwunden wird

 

Ich träume davon, dass der Albtraum Krieg überwunden wird und das sinnlose Töten ein Ende findet. Was träumen Sie und wofür setzen Sie sich ein? Wie würden Sie sich verhalten, wenn es hart auf hart kommt?

Durch Jesu Tod sind wir befreit und berufen zu gewaltlosem Widerstand. Gott der HERR ist es, der die Macht hat, nicht die Mächtigen dieser Erde, nicht die Waffen. Das ist unser Glaube.

Amen

Literatur:

Die Bibel. Martin Lutzer (2017)

Selma Lagerlöf: Christuslegenden, (Hg.) Karl-Maria Guth, Verlag Hoffenberg, Berlin 2016, S. 61-102

Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus, Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 2. Auflage 1987

Was geht, was könnte gehen und wohin geht die Reise? Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

 

Zu:

Thomas Dreier: COPYRIGHT, erschienen in der Reihe: Digitale Bildkulturen, Verlag Wagenbach, Berlin 2022, Paperback, 80 Seiten, Gedruckt auf Schleipen, ISBN: 978-3-8031-3717-3, Preis: 10,00 Euro (print)

 

Link: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1325-copyright.html

Hinweis zur Ausgabe

Das Format des Büchleins ähnelt dem der Reclam Hefte. Der Druck auf Schleipen ist dazu ein Gegensatz, denn das Papier ist etwas schwerer und dadurch griffiger. Auch schwarz-weiß-Fotos sind recht gut zu erkennen. Nur die Übersichtstabelle am Anfang („Verfahren bei Uploads“) ist kaum zu erkennen.

Warum „Copyright“?

Ich verzichte auf eine Inhaltsangabe, da der Titel in diesem Fall genügend aussagt. Das Copyright ist in der letzten Zeit immer stärker in der Diskussion, es wird aber auch immer stärker beachtet. Aber ich gehe hier nicht auf die Diskussion ein, sondern greife vier Aspekte heraus.

 

Das Privileg der „Künstler“ und warum es nicht für alle gilt.

Was ist „Fair use“, d. h. wie können Bilder und Texte kopiert und zitiert werden, ohne die Rechte eines/r anderen zu beschädigen? „Zeigt sich der EuGH mit der Berücksichtigung gegenläufiger Grundrechte ohnehin schon recht zurückhaltend, können sich Durchschnittsnutzer nicht einmal auf die Kunstfreiheit berufen. Denn sie privilegiert allein Künstler.“ (S. 51) Das von Joseph Beuys propagierte Postulat, jeder Mensch sei ein Künstler, besteht also in der Realität nicht. Klar, dass die Intention des Autors hier deutlich wird, der eine Weiterentwicklung anmahnt.

Das Bild als Zitat, die Ausnahme

Geschützt ist nun tatsächlich eine Ausnahme vom Zitatverbot von Bildern, das „zitatweise Zeigen ganzer Bilder“ (S. 53) „Beim Zitat darf das Bild allerdings nicht zu lediglich illustrativen Zwecken verwendet werden, sondern muss Beleg oder Erläuterung des aufnehmenden Textes sein.“ (S. 53f)

Doch warum sind hier eigentlich nur immer Bilder im Blick? Diese Frage zeigt, dass es gar nicht so klar ist, dass hier zwar das Zitieren von Bildern behandelt wird, dass aber auch andere Produkte mitgemeint sein können.

 

Leider nicht frei von Juristendeutsch

An einigen Stellen geht der Autor explizit auf juristische Entscheidungen ein, die offensichtlich vorrangig die Gesetzeslage bestimmen. Hierbei verfällt er selbst in Formulierungen, die dem Juristendeutsch sehr ähnlich sind und den Textfluss eher bremsen. Dazu zitiere ich ein Beispiel:

„Letztlich geht es um die grundsätzliche Frage, was zuerst erfolgen soll: Sollen Inhalte, die die Nutzer hochladen wollen, zunächst hochgeladen und erst nachfolgend gesperrt beziehungsweise entfernt werden, wenn sich die Rechteinhaber dagegen zur Wehr setzen, oder vielleicht sogar erst, nachdem ihnen im Beschwerdeverfahren oder von den Gerichten Recht gegeben worden ist.“ (S. 64f)

 

Was die Diskussion verändert hat.

Was das Copyrightverfahren vor einiger Zeit so virulent machte, das P2P-Filesharing ist hingegen inzwischen auf dem Rückmarsch, da die Streaming-Angebote am Markt gut angenommen werden. Da die Rechteinhaber hierbei im Voraus abgegolten werden, ist im Moment die Diskussion um das Copyright im Medienbereich nicht mehr so interessant. Auch die bekannten Tricks der Abmahnanwälte haben spürbar nachgelassen. Dies hat zu einer Beruhigung und Versachlichung beigetragen, die jedoch zeigt, dass die Frage selbst im Hintergrund immer präsent ist. Das Urheberrechtsverfahren wird dann nicht mehr zum Streitfall, wenn die Klärung etwaiger Ansprüche nicht erst im Streit, sondern vorab beim Erwerb der Werke mitverhandelt wird. Doch wäre dann nicht zu fragen, ob die Vereinheitlichung eines Verfahrens die Sachfrage selbst überflüssig macht?

Ist das schon der Friedensvertrag oder erst der Waffenstillstand, um das Bild des militärischen Konfliktes zu gebrauchen?