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Zum Blog „der-schwache-glaube“ …

… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Predigt vom Weinstock, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Predigt Jubiläumskonfirmationen 2026

 

Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegarten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Johannes 15,5

Liebe Festgemeinde,

in der Oberstufe belegte ich das Fach Erziehungswissenschaften. Wir lernten, wie sich ein Baby entwickelt und langsam die Welt zu begreifen lernt. Sie kennen das: Kleine Babys greifen nach allem, was Ihnen vor die Nase gehalten wird. Anfangs können sie nur etwas festhalten, später spielen sie damit, stecken sich alles mögliche in den Mund und lachen. Noch später werden sie ärgerlich, wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie begehren.

Gut in Erinnerung ist mir noch, wie die Lehrerin uns verschiedene Entwicklungs- und sozialwissenschaftliche Theorien der kindlichen Entwicklung vorstellte. Ein Name hat sich bis heute bei mir eingebrannt: Arnold Gehlen, ein Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine These:

Der Mensch ist ein Mängelwesen

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das gilt besonders für Babys und Kleinkinder.

Das hat mich aufgebracht und ich protestierte. Der Mensch ist kein Mängelwesen. Er ist eine gute Schöpfung Gottes. Für meinen Glauben sind Babys bis zu aller erst ein Wunder, ein Geschenk. Und mit jedem Kind, das die Welt erblickt, wiederholt sich dieses Wunder. Das werden viele von Ihnen, die Sie sich heute an ihre Konfirmation erinnern und selbst Kinder bekommen haben, ähnlich empfunden haben. Und dieses Gefühl wird nicht alt. Es hat sich eingestellt und wird sich hoffentlich noch einstellen,

wenn das Leben, das durch Sie hindurchgegangen ist, wieder Leben gebiert. Die unter ihnen, die schon Großeltern sind, wissen wovon ich rede. Und die, die es noch nicht sind, dürfen sich wahrlich auf etwas Großartiges freuen. Ich sage immer: Die wahren Wunder des Lebens sind nicht größer als 50 cm.

Und natürlich ist so ein kleines Wesen bedürftig: nach Nahrung, nach Nähe, nach Wärme, nach Verlässlichkeit. Und Mutter und Vater schenken es ihm. Von Anfang an hängt unser Leben von anderen Menschen ab. Und am Anfang hängt es im wahrsten Sinn des Wortes von anderen ab. Und beim Menschen dauert die Abhängigkeit des Neugeborenen und später des Kindes und auch des Jugendlichen und inzwischen auch des jungen Erwachsenen sehr, sehr lange, bevor das Kind selbständig ist und das Leben ohne Hilfe bewältigt, gestaltet und seinen Platz in der Welt findet. Das meinte Arnold Gehlen mit seiner These: Der Mensch ist ein Mängelwesen. Er hat einfach das Leben beobachtet. Wie lange brauchen Vogeleltern oder andere Tiere für die Aufzucht ihrer Jungen und wie lange braucht der Mensch für die Aufzucht seiner Kinder? Der Unterschied ist gewaltig.

 

Was hat sich Gott dabei gedacht?

 

Was hat sich Gott dabei gedacht? Natürlich können wir nicht in Gottes Kopf hineinschauen, aber auch wir können beobachten und von unseren Erfahrungen berichten. Wir wissen, wie wichtig die Beziehung des Baby´s zu einer verlässlichen Bezugsperson ist. Nur über das persönliche Du findet das Kind zum Ich, zu einem Vertrauen zu sich selbst und in die Welt. Es geht also um Verbindung und Beziehung.

Unser Leben ist Beziehung. Und das hört nie auf. Das ist das Schöne und oft auch das Schwierige, weil wir uns immer selbst mitbringen. Mit unseren Sehnsüchten, mit unseren Übertragungen, mit unseren Verletzungen, mit unserem Bedürfnis nach Nähe, mit unserer Abwehr, mit unserer Scham. Aber auch mit unserer Lust, mit unserer Freude, mit unserem Sinn für Schönheit, mit unserer Liebesfähigkeit, mit unserem Glauben und der unbändigen Hoffnung, dass es gut wird.

Im Glauben geht es um Verbindung

Im Glauben geht es um Verbindung, Beziehung und Abhängigkeit. Es geht um die Verbindung mit Gott. Jesus ist in unserem Glauben das Du Gottes. Hier wird Gott sichtbar, erfahrbar und bekommt ein menschliches Antlitz.

Kein anderes Evangelium spricht derart intim von der Beziehung Jesu zu seinem himmlischen Vater und der Beziehung Jesu zu seinen Jüngerinnen und Jüngern  wie das Johannesevangelium. Es geht fast in jedem Wort Jesu um die Verbindung mit Gott und ihm. Dabei spricht Jesus oft in Bildern, die er der Natur entnimmt:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Eine Rebe kann nicht aus sich selbst sein. Sie wächst und reift nur in Verbindung mit dem Weinstock. Das sie verbunden ist mit dem Weinstock ist wichtig. Der Weinstock ist ihr Lebenselixier. Von dem Weinstock erhält die Rebe alles, was sie zum Leben braucht. Bricht die Verbindung zum Weinstock ab, vertrocknet die Rebe.

Im nächsten Satz überträgt Jesus das Bild des Weinstocks und der Reben auf die Beziehungsebene von Christus und Mensch. Hier geht es nicht um Trennung. Hier geht es um gegenseitige Durchdringung. Nicht als Selbstzweck, sondern es geht um die Steigerung des Lebens: um die Frucht. Auch wenn diese Worte mystisch klingen, zielen sie doch auf das konkrete Leben.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“

 

Die Einheit mit Gott ist ein seltenes Erleben. Manche streben es an, andere bekommen es geschenkt. In meinem Studium diesen Sommer in Leipzig haben wir in einem Seminar jüdische Geschichten aus dem Talmud gelesen. Immer wieder ging es um Rabbis und ihr intensives Gebet, ihre Versenkung in Schriftverse und ihre Abkehr von der Welt. Auch wenn die Tradition ihr Streben nach Einheit mit Gott würdigt, wird doch geschaut, wie sie mit ihrer Frau, mit ihren Kindern und Kollegen umgehen.

Mystische Erlebnisse sind das eine, die Liebe aber ist das Kriterium. Das ist die Frucht. Wir können nicht mit Christus in Verbindung sein und gleichzeitig ein Leben ohne Liebe führen. Die Frucht, die von selbst reift und wächst, ist ein Leben im Geiste Jesu. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“(Joh 15,12)

Und dann sagt Jesus den Satz gegen den wir uns als moderne Menschen mit Händen und Füßen wehren:

„Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Wir alle sind abhängig von Liebe

 

Was ist Religion? Was ist der Glaube?

Ist Religion ein Gefühl der „Abhängigkeit“ von Gott (Schleiermacher) und der Glaube gelebte Liebe?

Kehren wir zurück zum Anfang. Das Neugeborene ist abhängig von Bezugspersonen. Nur durch die Abhängigkeit wächst und reift es. Leben ist Verbindung und Beziehung. Das hält unser ganzes Leben an bis zuletzt. Und gerade, wenn unsere Kräfte weniger werden, merken wir, wie abhängig wir sind von den Menschen, die uns beistehen, begleiten oder gar pflegen.

Könnte es sein, dass viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft einsam sind oder sich immer mehr zurückziehen, weil sie sich anderen Menschen nicht zumuten wollen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Sehnsucht nach Kontakt und Beziehung leben können? Sie scheinen Getriebene ihres Glaubenssatzes: Bloß keine Abhängigkeit.

Wir alle aber sind abhängig von Liebe, von Zuwendung, von miteinander reden. Ja, wir machen uns verletzlich, aber auch das gehört dazu. Ja, wir machen uns schuldig, aber auch das gehört dazu. Ja, wir bedürfen der Vergebung, aber auch das gehört dazu und wir müssen oft schmerzhaft lernen, dass es besser ist jemanden zu vergeben, damit wir nicht in Schuld verstrickt bleiben und der Groll uns innerlich zerfrisst.

Der Glaubende ist Gottes bedürftig

Der Glaubende ist Gottes bedürftig und er weiß darum. Das macht ihn nicht klein. Das macht ihn nicht groß. Das macht ihn frei. Frei zu lieben.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Das Leben ist ein Wunder

Sie schauen zurück auf ihr Leben. Viele Jahrzehnte liegen hinter Ihnen. Jahrzehnte des Werdens und Vergehens, von Anfang bis jetzt. Sie haben geliebt und sind geliebt worden. Sie haben es so gut gemacht wie sie konnten. Sie mussten mit sich selbst klar kommen, sich immer wieder anpassen und auch neu erfinden. Die Herausforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft haben Spuren hinterlassen. Mitten in der Hoch-Zeit des Lebens ist kaum Zeit inne zu halten. Wie geht es Ihnen heute? Was spüren Sie? Ist da neben Wehmut auch Dankbarkeit für das, was Ihnen widerfahren ist, was Sie selbst gestalten und prägen durften? Dankbarkeit kann sich einstellen und sich in Ihnen ausbreiten, wie auch Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens und der Wunsch in Frieden versöhnt zu leben. Das Leben ist ein Wunder. Es ist so vielfältig wie die Frucht des Weinstocks. Der Wein, den wir kosten, hebt das Leben. Die ganze Fülle des Lebens ist darin verborgen.

Der du das Brot erkoren und den Wein,

um dich in Ihnen zu gestalten.

Nun fällt von dort geheimnisvoll ein Schein

auf jede Mahlzeit, die wir halten. (Manfred Hausmann)

Gleich beim Abendmahl schmecken wir das Brot des Lebens und trinken aus dem Kelch des Heils. Die Feier des Mahls weist in die Zukunft. In die Herrlichkeit Gottes, in die Gemeinschaft mit ihm. Leben Sie ihr Leben als Gesegnete froh und gestärkt weiter.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Edith Silbermann – Begegnung mit dem Autor Paul Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

 

Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro

Dieses antiquarisch erworbene Buch ist bemerkenswert. Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben (vgl. Links am Ende des Beitrags).

Interessant ist das Buch in mehrfacher Hinsicht. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der das Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).

Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.

Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam.  Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und weist diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.

Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).

Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)

Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suizid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.

Im letzten Artikel „`Huhediblu` – Versuch einer Deutung“ (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.

Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019 und andere

Gedicht S. 61:

Zwölf Uhr schlägst und alles, alles schweigt nun,
alles schweigt nun
und die Hitze in der Küche steigt nun
steigt nun, steigt nun
tipp tapp, tipp tapp, tippe tippe tipp tapp
tipp tipp tapp

Heinzelmännchen späht nun durch die Ritzen,
durch die Ritzen;
Nasen spitz und spitze Zipfelmützen,
Zipfelmützen,
tipp, etc.

Spähn sie sacht aus all ihren Verstecken,
dunkeln Ecken
huschen Schatten, die sie sehr erschrecken;
sehr erschrecken,

Was da alles war auf unsern breiten,
unsern breiten
Tischen voller, voller Süßigkeiten!
Süßigkeiten!

Um den Weihnachtsbaum, vor dem sie wachen,
staunend wachen,
läutet laut ihr Lied, ihr helles Lachen,
helles Lachen
tipp, etc.

Bis es Tag wird lärmt der tolle Reigen,
tolle Reigen:
Bis es tagt muß Ängstlichkeit schon schweigen,
ja muß schweigen,
tipp, etc.

Doch wird Tag, muß aller Reigen ruhen,
Reigen ruhen,
Zwergvolk stiehl sich fort auf leichten Schuhen,
leichten Schuhen,
tipp, etc.

(S. 61f)

 

 

Pressemeldung Stadt Iserlohn vom 18.8.2026, Stollenvortrieb für die Sanierung des Oestricher Baches schreitet voran

Aktuelle Informationen:  Stadt Iserlohn
18. August 2026,  Iserlohn
Iserlohn.
Für die Sanierung des Oestricher Baches kommen die Arbeiten am neuen Stollenvortrieb nach einer anspruchsvollen Anfangsphase planmäßig voran.

Wer derzeit an der Baustelle an der Lenne vorbeikommt, ahnt kaum, was sich wenige Meter unter der Oberfläche abspielt. Seit Mitte Mai wird dort in aufwendiger Handarbeit und mit viel technischem Know-how ein neuer Stollen im klassischen Vortriebsverfahren hergestellt. Mittlerweile ist der Stollen bereits rund zehn Meter lang und wächst Stück für Stück weiter in den Baugrund hinein.

Die Baugrube wurde unmittelbar am Flussufer hergestellt und bildet den Zugang zum Stollen. Trotz der beengten Platzverhältnisse wurde eine kompakte und funktionale Baustelleneinrichtung geschaffen, die den Vortrieb ermöglicht und gleichzeitig die Eingriffe in die Umgebung geringhält.

Wer den Stollen betritt, fühlt sich eher an ein Bergwerk als an eine gewöhnliche Tiefbaubaustelle erinnert. Tatsächlich erfolgt der Vortrieb in klassischer bergmännischer Bauweise, einem traditionellen Verfahren, das heute nur noch vergleichsweise selten zum Einsatz kommt, aber gerade unter den gegebenen Rahmenbedingungen seine besonderen Stärken ausspielt.

Die Stollensicherung besteht dabei aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen und Holzverzug, die an die örtlichen Baugrund- und Lastverhältnisse angepasst sind. Die einzeln angepassten Hölzer werden dabei in präziser Handarbeit Stück für Stück zwischen Baugrund und Stahlbögen eingebracht und sichern den Baugrund so unmittelbar nach dem Vortrieb. Dadurch entsteht die typische Stollenschale, die den Boden unmittelbar sichert.

Auch wenn das Verfahren auf traditionellen Prinzipien beruht, kommen moderne Hilfsmittel zum Einsatz. Ein elektrisch betriebener Kleinbagger unterstützt den Ausbau des Altbetons und kann direkt im Stollen eingesetzt werden.

Der beim Vortrieb anfallende Boden und Betonbruch wird über Loren aus dem Stollen transportiert und mit dem Kran aus der Baugrube gehoben – über denselben Weg, auf dem später auch die neuen Bauteile eingebracht werden.

Parallel zum Vortrieb wird das bestehende Beton-Kastenprofil zurückgebaut. Die Herausforderung besteht darin, dass der Rückbau innerhalb des neuen Stollenquerschnitts stattfindet. Dabei wird äußerst behutsam gearbeitet, um den umgebenden Boden nicht zu beeinträchtigen. Die Arbeiten erfolgen abschnittsweise, damit die Standsicherheit jederzeit gewährleistet bleibt. Der Rückbau des bestehenden Kastenprofils schafft Platz für das neue Bauwerk.

Anstelle des bisherigen Kastenprofils wird ein neues Kreisprofil eingebaut. Am Ende ersetzt ein Rohr aus glasfaserverstärktem Kunststoff das bestehende Kastenprofil. Sämtliche Maßnahmen wurden im Vorfeld mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises abgestimmt.

Der Stollenvortrieb zählt nicht zu den alltäglichen Baustellenverfahren. Gerade deshalb bietet das Projekt einen spannenden Einblick in ein Handwerk, das traditionelle Bauweisen mit moderner Technik verbindet. Wo oberirdisch nur eine überschaubare Baustelle zu sehen ist, entsteht im Untergrund mit viel Erfahrung, Präzision und Fingerspitzengefühl Meter für Meter ein neues Bauwerk.

Der Neubau des Bauwerkes war erforderlich geworden, nachdem im Herbst 2025 bei einer statischen Untersuchung der Gewässerverrohrung des Oestricher Baches ein partieller Einsturz festgestellt wurde.

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Zu dieser Meldung können wir Ihnen folgende Medien anbieten:
Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.


Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.


Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.


Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.


Exodus – Aufbruch in eine bessere Welt, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Sommerkirche am 9. August 2026 

in der Markuskirche Herzogenrath

Predigttext: Ex 14, 21-31

Liebe Gemeinde,

wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden frage, was ihr Ziel im Leben ist, sagen immer einige: „Die Welt ein wenig besser machen.“ Das finde ich gut. Dahinter steht die Erkenntnis und auch die Erfahrung, dass wir in dieser einen Welt anders leben müssten: gerechter und auch friedlicher. Das „ein wenig“ zeigt an, dass die Jugendlichen ahnen, dass das gar nicht einfach ist. Aber sie tragen noch ein Stück Hoffnung in sich. Hoffnung, dass Veränderungen zum Besseren, zu einer menschlicheren Welt, möglich sind.

Exodus als Hoffnungsgeschichte

Die biblische Hoffnungsgeschichte schlechthin ist die Exodusgeschichte. Gott befreit sein Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Aus dem Land der Knechtschaft soll das Volk in das Land der verheißenen Freiheit aufbrechen. Das ist nicht nur eine Geschichte unter vielen. Es ist die Geschichte. Die Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt. Das ist das Geschenk des Judentums an die Welt. Wo immer ein Volk und Menschen unterdrückt werden: Brecht aus diesen Verhältnissen aus. Wir können uns die Moderne gar nicht anders vorstellen, ohne die Energie und den Glauben an Veränderungen, die aus diesem Stoff kommt. Das die westliche Welt auf Zukunft ausgerichtet ist, steckt im Exodus des Volkes Israel und in seinem Glauben an den einen Gott, der geschichtlich handelnd gedacht und geglaubt wird, der mitgeht und begleitet.

Durch die wechselvolle Geschichte von Verlierern und Gewinnern, von Wissen und Erkenntnis, von Macht und Kriegen, bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen lebendig – gerade bei den Armen und Leidenden. Sie bleibt auch im Volk Gottes lebendig, wenn im Passahmahl an die Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung durch Gottes rettende Tat erinnert wird. Auch wenn wir gemeinsam Brot und Wein teilen im Gedenken an die Rettungstat Gottes durch die Hingabe seines Sohnes. Wir haben kraft seiner Auferstehung Anteil am Exodus und können uns mit einer ungerechten Welt nicht abfinden.

Beschleunigung durch Digitalisierung und KI

Zum ersten Mal erlebt die Welt einen Modernisierungsschub durch Digitalisierung und KI, der rasanter verläuft als alle bisherigen technischen Entwicklungen, wie etwa 

die Industrialisierung mit ihren Verwerfungen im 18./19. Jahrhundert. Das durch KI beschleunigte globale Finanz- und Wirtschaftssystem wirbelt mehr Staub auf als eine Wüste an Sandkörnern hat. Lang geglaubte stabile Systeme wie die liberalen Demokratien geraten ins Wanken.Da wird nach starker Führung gerufen. Das Recht, besonders das internationale, wird untergraben. Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander. Die meisten Länder sind von ein paar wenigen abhängig. Eine neue Art von Kolonisierung. Schon jetzt gibt es Abgehängte und Millionen Verlierer. Der Verbrauch von Ressourcen übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Die wenigen KI-Chefs lenken nicht nur Entwicklung und Datenströme, sondern konzentrieren Macht und Einfluss auf sich, gebären sich als Feudalherren einer neuen Weltordnung, wo sich der Mensch ganz der Maschine und ihren Interessen zu unterwerfen hat. Die Tec-Mogule erinnern mich an den Pharao, der seine Sklaven weiter unterdrücken und ausnutzen will. Das darf nicht so bleiben.

Zweierlei geschieht mit unseren Empfindungen. Auf der einen Seite spüren und ahnen wir die ungeheure Macht der KI selbst und auf der anderen Seite sehen und wissen wir um unsere eigene Abhängigkeit von sozialen Medien, und wir erleben von Tag zu Tag, wie KI unseren Alltag und unsere Kommunikation verändert. Die KI sitzt uns im Nacken – wie einst die Ägypter den Israeliten – und gleichzeitig haben wir noch keinen Weg als Menschheit gefunden, wie wir durch das Meer der Herausforderungen einigermaßen trockenen Fußes hindurchgehen können. Die Angst verschlungen zu werden, einfach nicht mehr mitzuhalten mit den Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren, die Gefahren der Manipulation, besonders unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen, die hundertfach erzeugten Narrative, die die Frage nach Wahrheit relativieren, sind ja keine Hirngespinste, sondern Realität.

Ach, wäre doch da einer wie Mose, der seinen Stab hebt und ein Weg für die Menschheit tut sich auf, noch einmal der Gefahr entrinnen und sich ans andere Ufer retten, nicht ersäuft werden von der Flut der Informationen, von den Algorithmen, die wie Seeungeheuer unser begrenztes, fehlerhaftes und schönes Menschsein bedrohen.

Die Zeit der Helden ist vorbei

Liebe Gemeinde,

die Zeit der Helden ist endgültig vorbei, selbst wo die Heldengeschichte des Odysseus zur Zeit in den Kinos schon über eine Milliarde Doller eingespielt hat. Es braucht keine Helden. Es braucht uns alle. Es ist ja das Volk Israel, das hier durch das rote Meer zieht. Nicht ein Einzelner, sondern die Vielen – auf Gottes Verheißung hin. 

Ja, bevor sich eine Menge in Bewegung setzt, braucht es viel Ermutigung, Zuspruch und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Glauben, dass Veränderungen möglich sind. Veränderungen, die wir vorher nicht für möglich gehalten haben.Mose resigniert nicht. Er vertraut Gottes Weisung. Darum lesen und hören wir heute die Exodusgeschichte. Der Blick in die biblische Geschichte und das Hören und immer wieder Hören, dass Gott Befreiung seines Volkes will und schenkt, soll uns doch selbst auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führen. Für das glaubende Volk Gottes ist der Blick in die biblische Geschichte ein Blick in Gottes Zukunft mit der Welt. Diese Zukunft wird Gott aber nicht per Mausklick oder durch Wunder schaffen, sondern durch uns. Wir sind gefragt. Wir tragen Verantwortung. Wir sind als Christinnen und Christen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes neuer Weltordnung, die sich nicht an Machtherrschaft und Gewalt orientiert, sondern an das Gemeinwohl, an Gerechtigkeit und Frieden für alles Lebende. Dafür gilt es die Schutzlosen zu schützen, Übergriffe und Gewalt abzuwehren, um das Recht zu erhalten. Wir wissen, dass die Vollendung der Schöpfung nicht durch uns geschieht, aber wir dürfen in einer noch unerlösten Welt, in einer selbstsüchtigen, wo sich wieder einmal die Macht des Stärkeren durchsetzen will, dem Recht aufhelfen, wo immer wir können. Es gilt die Würde allen Lebens zu bewahren. Die Sünde mag mächtig sein und der Teufel mag wüten, die Gnade aber und unser Gott sind mächtiger. Die technisch aufpolierten Streitwagen der Ägypter, großartige Waffenkunst auf der Höhe der Zeit, wurden ausgebremst. Sie konnten nichts mehr anrichten. Wir sollten die Kriege und die Rüstungsindustrien ausbremsen, statt sie zu füttern. Sie sind unersättlich. Es ist ein Irrglaube, Sicherheit durch immer mehr und immer tödlichere Waffen herstellen zu können. Lernen wir stattdessen wieder die Sprache der Diplomatie und des Ausgleichs. Ohne Vertrauen und aufeinander zugehen, wird kein Rechtsbruch geheilt, wird es keine Friedensverträge geben.

Universalistische Rechtsentwicklung

Wir erinnern uns: Nach der Katastrophe von zwei Weltkriegen mit Millionen Toten wurden im 20. Jahrhundert die modernen Menschenrechte (1948) verabschiedet, das Völkerrecht (1945) neu gefasst mit dem Verbot von Angriffskriegen, die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) verabschiedet, Abrüstungsvereinbarungen getroffen und vieles andere. Manche Theologen glauben und ich neige dem zu, dass Gottes Weltherrschaft, sein Regiment, wie früher gesagt wurde, sich in der Rechtsentwicklung zum Schutz aller Völker und Menschen abbildet. Einem Recht, das allen gilt, Freiheit ermöglicht, Grenzen der Macht entwickelt und vor allem die Würde des Menschen – und ich ergänze allen Lebens – schützt.

Ein anderes Beispiel: Die Sklaverei war über Jahrtausende ein ehernes Gesetz. Es war ein langes Ringen, dass die Sklaverei gesetzlich weltweit abgeschafft wurde. Oft standen dem wirtschaftliche Interessen entgegen. Die Mächtigen wollten es nicht. Es 

kam aber der Punkt, wo es zu einem gleichen Stand aller Menschen vor dem Gesetz kam. Für die Abschaffung der Sklaverei haben auch viele Christinnen und Christen beharrlich gekämpft. Sie wollten dieses Unrecht aus der Welt schaffen. Sie wollten, um es mit den Konfirmand:innen zu sagen, die Welt „etwas besser“ machen.

Doch richten wir den Blick wieder auf die skizzierte Herausforderung, wie wir als Menschheit und wir als Kirche einen Weg finden durch die rasante technische Entwicklung.

Enzyklika Magnificat humanitas

Ein Christ von heute schreibt über die Herausforderung mit der KI: „Wir sind aufgerufen, um über die große Baustelle unseres Zeitalters nachzudenken: Was bauen wir? Während die technologische Entwicklung Sprachen, Beziehungen, Institutionen und Machtformen rasch verändern, müssen und können wir Gläubigen…das großartige Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde, bewahren und zur Geltung bringen.“ (MH 90)

Sie haben es sicherlich gemerkt. Diese Worte hat Papst Leo der IV in seiner ersten Enzyklika (Mai 2026): Magnifica humanitas aufgeschrieben. In seiner Enzyklika setzt sich der Papst im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz mit den globalen sozialen Verwerfungen, die Ausgrenzung der Armen und der Migrantinnen und Migranten und vor allem mit die Bewahrung der menschlichen Würde auseinander.

Er fordert Teilhabe, Transparenz und Kontrolle über die Entwicklung der KI-Systeme. Papst Leo unterscheidet Künstliche Intelligenz von menschlicher Intelligenz, generische Zahlen und Texte versus Erfahrungswissen. Er legt eine geistliche Beurteilung der KI vor, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder naiv zu meinen, wir könnten das Rad zurückdrehen oder aufhalten. Der Papst ruft aber alle Menschen guten Willens auf, nicht nur die Gläubigen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, nicht zu resignieren trotz vieler Gefahren, sondern zu Handeln. Das Heft des Handelns als Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt.

Ist er damit der heutige Mose für uns? Also doch wieder ein Held, der sagt, wo es lang geht? Alle ihm hinterher? Nein.

Nein, hier spricht nicht einer mit einem Wahrheitsanspruch für die Wissenschaft- Finanz- und Wirtschaftswelt, obgleich der Papst wirtschaftlich mehr Gerechtigkeit für alle Völker einfordert, er geht sogar an die Heilige Kuh des Eigentums und stellt Gemeinwohl über Privatbesitz.Hier spricht ein gläubiger Mensch, der für eine menschlichere Welt wirbt. Die Enzyklika wirbt für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Das steht uns auch als evangelische Kirche gut zu Gesicht. Das entspricht der biblischen Exodus-Tradition. Das entspricht all dem, wie sich Gott gezeigt und offenbart hat, zuletzt in seinem Sohn. Statt der Kultur der Macht (Ägypten) sollen wir gemeinsam eine Kultur der Liebe Gottes leben. Voller vertrauen auf den Gott, der nicht aufhört seine Menschen und seine Schöpfung zu lieben, zu retten und zu befreien.

Aufbrechen und Verantwortung übernehmen

Um etwas zu ändern und zu bewirken braucht es Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das ganze Volk Israel ging durch das rote Meer. Die Geschichte lehrt, dass es immer wieder vieler Menschen bedurfte, um Rechte zu erkämpfen und die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir modernen Individualisten müssen auch wieder lernen, dass Gemeinschaft nicht vom Himmel fällt, sondern gelebt werden will. Sie entsteht, wenn jede und jeder sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Auch wir Christinnen und Christen müssen wieder lernen zusammen zu rücken, dass wir uns als Volk Gottes erleben in einem säkularen Umfeld. Nur wenn wir gemeinsam aufbrechen, werden wir eine neue Gestalt unserer Gemeinden finden. Die Sommerkirche ist ein Teil davon. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir wollen einander wahrnehmen, stärken und Gemeinschaft erfahren. Dazu gebe Gott seinen Segen.

Joachim Leberecht

Literatur:

Papst Leo der XIV: Die großartige Menschheit. Die Enzyklika »Magnifica humanitas« über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Mit einer Einführung von Godehard Brüntrup SJ, Patmos Verlag, 2026

Kontaktstudium im Sommersemester 2026 an der Evangelischen Fakultät der Universität Leipzig, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Leipzig, Fakultät Evangelische Theologie

Ein Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Joachim Leberecht

 

Einleitung

In meinem Erfahrungs- und Reflexionsbericht gehe ich exemplarisch auf belegte Übungen, Seminare und Vorlesungen ein. Auch fließen außeruniversitäre Erfahrungen wie der Besuch von Gottesdiensten in meinem Bericht mit ein. Andere belegte Fakultätsveranstaltungen sind nicht minder berichtenswert, jedoch würde eine ausführliche Besprechung den Rahmen des Berichts sprengen. Gleiches gilt für gelesene Literatur, Erstellung von Seminarprotokollen etc. Die belegten Veranstaltungen werden am Ende aufgezählt. Das Studium hat mich theologisch bereichert und Anregungen für meine Praxis und Grundsatzüberlegungen für gegenwärtige Prozesse auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene angestoßen.

Gottesdienst

Liturgisches Handeln

Begonnen habe ich mein Kontaktstudium mit dem dreitätigen ökumenischen Fachgespräch des Instituts für Wissenschaftliche Liturgie (IWL) der VELKD in Leipzig über das Thema Agende. Inhaltlich fortgesetzt wurde die Thematik praktisch theologisch in der im Sommersemester belegten Übung: Grundformen Liturgischen Handelns. Diese Übung mit den Studierenden hat mir methodische Impulse für die Ausbildungskurse für Lektorinnen und Lektoren im Kirchenkreis Aachen gegeben, die ich gemeinsam mit einer Prädikantin als Synodalbeauftragte durchführe. Besonders wertvoll war hier die Anregung, das Gottesdienst-Buch stärker in die Kurse miteinzubeziehen. Exemplarisch habe ich daraufhin Einheiten der Lektorenschulung überarbeitet.

KI und Liturgie

Ein weiteres Blockseminar beschäftigte sich mit KI und Liturgie. Da es als Zoom-Format konzipiert war, konnten kirchliche KI-Experten uns mit ihrer Expertise in KI-Welten und KI-Praktiken hineinnehmen. Praktische Übungen und Reflexion der Praxis haben Chancen und Grenzen der KI-Nutzung gezeigt. Auch ethische Fragestellungen, wie etwa Nutzung von Energieressourcen und Ausbeutung von Arbeitskräften im kolonialen Stil kamen zur Sprache. Die Frage um Nutzung von KI zur Vorbereitung von Gottesdiensten war für mich neu, ich merke aber, wie für viele jüngere Menschen das Werkzeug KI selbstverständlich auch zur Vorbereitung von Predigten und Gebeten gehört. Was das für die Ausbildung von Prädikant:innen und Lektor:innen bedeutet, aber auch insgesamt für die Vorbereitung von Gottesdienstfeiern und Verkündigung, sollte aufmerksam und theologisch kritisch begleitet werden. Meine eher intuitive Zurückhaltung KI als Werkzeug für die Gottesdienstvorbereitung zu nutzen, liegt an meiner eingeübten Handlungskompetenz. Ich bin gespannt, wie sich KI in Forschung und Praxis von kirchlichen Handlungsfeldern als Werkzeug entwickeln wird.

Enzyklika

Während meiner Studienzeit hat Papst Leo XIV. die Enzyklika „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Die Enzyklika pocht auf die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika bereichert das Feld der christlichen Ethik und Wahrnehmung der Welt. Der christliche Glaube hat der Welt immer noch und gerade mit seinem Menschenbild wesentliches zu sagen. Mit viel Respekt und verbunden in gemeinsamer Glaubenstradition begleite ich aufmerksam die Äußerungen des Papstes zu Frieden, Bewahrung von Schöpfung und Menschlichkeit, wie zuletzt bei seinem Besuch auf Lampedusa und sein Eintreten für Migrant:innen in einem Europa, das sich zunehmend abschottet. Für mich ist die öffentliche Stimme des Papstes zu ethischen Fragen, geprägt von einem christlichen Menschenbild und dem Evangelium Jesu Christi, eine Stärke des globalen Katholizismus in gegenwärtigen Transformationsprozessen.

Gottesdienste in Leipzig

Die Gottesdienstvielfalt in Leipzig ist atemberaubend. Besonders ist hier das wöchentliche Angebot von Motetten und Kantaten in der Nicolai- und Thomaskirche zu nennen. Die kirchenmusikalische Qualität nicht nur hier, sondern auch an den Rändern Leipzigs, ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland einzigartig. Das habe ich genossen. Allein das einwöchige Bachfest kam mit einem Tagesprogramm von Angeboten wie ein Kirchentag daher. Der Gottesdienstbesuch, nicht nur bei den überregional ausstrahlenden Innenstadtkirchen, ist sehr hoch. Nimmt der Gottesdienstbesuch in unserer Region dramatisch ab, scheint er in Leipzig stabil zu sein. Bekanntlich hat Sachsen prozentual gesehen den höchsten Gottesdienstbesuch mit 5,6% sonntäglicher Beteiligung der Kirchenmitglieder aller Landeskirchen. Auffällig waren für mich auch die vielen Erwachsenentaufen in den Gottesdiensten. Es verging kaum ein Gottesdienst, wo nicht eine Erwachsenentaufe stattfand. Trotz intensiver und sozialistisch forcierter Säkularisierung in der ehemaligen DDR, hat sich die Kirchenmitgliedschaft auf 15% – 18% (ev. u. kath.) der Bevölkerung in den östlichen Bundesländern eingependelt. Vielleicht langfristig eine Kennzahl für die Kirchenmitgliederzahlen im deutschen Sprachraum? Die erhöhten Taufbegehren führen nicht unbedingt zu einem Anstieg der Kirchenmitglieder insgesamt, aber zu bewussten und auch nachhaltigen Konversionen mit hoher Bereitschaft, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Noch nie ist mir im Westen auf die Mitteilung, dass ich Pfarrer sei, wie hier geantwortet worden: Ich bin auch Christin/Christ. Das ist nicht nur einmal geschehen. Es gibt hier eine Art der Frömmigkeit und Kirchenzugehörigkeit, die ich aus dem Rheinland nicht kenne. In einigen Gemeinden knieen sich Menschen beim Empfang des Abendmahls auf die nackten Fliesen und empfangen das Brot oral. Ein besonderer Ausdruck der Kommunion mit Gott. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden, die sich weit der Kultur und der Stadt öffnen und ihre großen alten Kirchen für Wave-Konzerte und andere Events öffnen. Bei den Theologiestudierenden gibt es neben liberalen auch ultra-konservative Einstellungen, wie zum Beispiel die Ablehnung der Frauenordination. Das hat mich irritiert. Wenn ich jedoch zurückschaue mit welchen theologischen Voreinstellungen ich begonnen habe Theologie zu studieren, lässt mich das dieses Phänomen etwas milder betrachten. Wichtig scheint mir, dass die theologische Auseinandersetzung in hermeneutischen Fragen im Studium stattfindet und nicht ein Zurückziehen in die eigene theologische Blase. Dann kann das Studium fruchtbar sein und zu Reflexionen der eigenen Überzeugung beitragen. Oder spiegeln sich in der Ablehnung der Frauenordination gesellschaftliche Strömungen, die auf ein rückwärtsgewandtes Männerbild setzen und ihrerseits ein Symptom von verunsicherten männlichen Identitäten sind?

Außer Taizé-Gottesdiensten und einem Ökumenischen Stadtgottesdienst sind mir hier keine Gottesdienste in anderer Form begegnet. Das scheint daran zu liegen, dass die klassischen lutherischen Gottesdienste mit ihrer Liturgie und der Kirchenmusik genug Kraft haben, Gottesdienstbesucher:innen zu binden. In einigen Gottesdiensten war die Anzahl von jungen Familien höher als die der älteren Generation. Es ist hier gang und gäbe, dass Kinder vor der Predigt den Kirchraum verlassen und eine eigene Katechese erhalten. Alles recht traditionell, aber hier funktioniert noch, was sich manche engagierten Gemeindemitglieder auch für unsere Gottesdienste und ihre Kinder wünschen, weil sie es so in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben oder auch in Freikirchen als Praxis kennen. Wo selbst der wöchentliche Kindergottesdienst im Rheinland kaum noch gefeiert wird, sondern sich andere Formate entwickelt haben, wird eine Praxis wie in Leipzig ins Leere laufen.

Auch die jüdische Gemeinde feiert regelmäßig ihre Schabbat-Feiern und Gottesdienste in einer den Krieg überstandenen, da in einer Häuserzeile integrierten, heute restaurierten Synagoge in der Innenstadt. Es war für mich eine Freude mit Kommiliton:innen an einer Schabbat-Begrüßung teilzunehmen. Der Rabbi gab uns eine Einführung in die Gemeinde und in die Liturgie. Da viele säkularisierte Juden aus Russland zur Gemeinde gehören, sieht der Rabbi seine Aufgabe darin, diesen Teil der Gemeinde in die Liturgie zu integrieren. Ein in Umschrift des Hebräischen herausgegebenes Gebets- und Gesangbuch mit vielen Psalmen und deutschen Texten ist dabei eine Hilfe. Die inbrünstige und leibbetonte Feier, das tranceartige Beten, das Umschalten von heilig zu profan während der Feier, die bewegte Gemeinde einschließlich der Kinder, waren ein lebendiges Zeugnis jüdischer Gottesdienstfeier. Kulturell beteiligt sich die Jüdische Gemeinde mit vielen Institutionen an der Jüdischen Woche, die sich unmittelbar an die Bachwoche anschloss.

Fragen an unsere Gottesdienstpraxis

Aus der Erfahrung der Schabbat-Begrüßung stellt sich mir die Frage, wie wir die liturgischen Schätze unserer Tradition weiter pflegen können, zumal der Gottesdienstbesuch abnimmt und damit auch eine mit der Liturgie vertraute Gemeinde. Bei aller Vielfalt der Zielgruppengottesdienste braucht es so etwas wie einen liturgischen Kanon und eine hohe liturgische Kompetenz, die andere Gottesdienstformate mitprägt und liturgisch gestaltet. Nur wer liturgischen Formen verinnerlicht hat, kann sie freier handhaben. Grundsätzlich müssen wir uns als Gottesdienstverantwortliche fragen: Ist die liturgische Schwelle unserer Agenden-Gottesdienste zu hoch? Produzieren unsere niedrigschwelligen Gottesdienste nicht eine Liturgievergessenheit, die schwer wieder einzufangen ist? Was ist ein Gottesdienst? Was ein Event? Was gibt es zu gewinnen? Was gibt es zu verlieren? Was verbindet? Wie werden unsere Gottesdienste emotionaler, ohne liturgisch zu verarmen? Oder anders gefragt: was hilft in der Moderne, Liturgie emotional zu erleben?

Nutzung und Rückbau von kirchlichen Gebäuden

Positiv überrascht und hoffnungsvoll für die Transformation unserer kirchlichen (Bau)-Landschaft bin ich, wenn ich sehe, wie vielfältig kirchliches Leben bei 15% des Bevölkerungsanteils in Leipzig ist. Zu bedenken ist allerdings, dass der kirchliche Gebäudebestand nicht derart überdehnt war wie bei uns. Ab den 60er bis weit in die 80er Jahre hinein musste ja jeder Pfarrer (hier bewusst männlich) in jedem Bezirk ein Gemeindehaus bauen. Es ist auch zu überdenken, wie viele Kirchen wir im Prozess des Rückbaus planen abzureißen, weil sie nicht mehr frequentiert sind oder nicht treibhausgasneutral benutzt werden können. Auch in Leipzig waren Kirchen im vierzigjährigen sozialistischen Dornröschenschlaf versunken, wurden fremdgenutzt oder von der Kirche wegen Geldmangels nur minimal in Schuss gehalten. Die Gemeinden haben sich aber diese Kirchen nach der Wende wieder als ihre Gottesdienststäten zurückgeholt. Das ist erstaunlich. Gefeiert wird auch in einer alten, kalten und nicht sanierten Kirche. Wir sind verwöhnt und haben zu hohe Ansprüche, nebst zu vieler Auflagen durch unsere Landeskirche und die staatliche Gesetzgebung. Das mindert Eigeninitiative und Neuaufbruch. Viele Kirchen in Leipzig haben einen Lost-Place-Touchund repräsentieren gerade dadurch das wandernde Gottesvolk und die Fragmentarität allen Lebens. Vor einem Abriss einer Kirche sollten wir in unserer Region und in der Landeskirche überlegen, ob der Schritt wirklich unausweichlich oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Auch für die Identität eines Quartiers oder eines Dorfes sind Kirchbauten, auch wenn sie gottesdienstlich nicht mehr genutzt werden, von hohem Wert. Sie bleiben ein Fingerzeig für die himmlische Dimension der menschlichen Existenz.

Religionssoziologie

Außer den Berichten und Analysen zu den diversen KMU habe ich mich vor meinem Kontaktstudium noch nicht ausführlich mit Religionssoziologie beschäftigt. Neben dem Judentum ist Religionssoziologie an der Evangelischen Fakultät in Leipzig ein Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Der Besuch der Vorlesung „Religion in Deutschland und Europa“ hat eine gute Übersicht und Einführung in religionssoziologische Fragestellungen vermittelt. Die grundlegenden religionssoziologischen Modelle von Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie und Marktmodell wurden mit ihren namhaften Vertreter:innen vorgestellt und diskutiert. Laut den neuesten Zahlen ist weltweit ein Rückgang von Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu verzeichnen. Selbst in Regionen, wo das charismatische oder das evangelikale Christentum stabil sind oder leicht wachsen (wie in den USA und Brasilien), gibt es insgesamt (langfristig) weniger Gläubige. Auffallend ist der Unterschied zwischen dem europäischen, eher liberalen, und dem nordamerikanischen, eher konservativen Christentum, wobei natürlich Europa sehr heterogen ist. Bilden Tschechien und die Niederlande die Spitze der säkularisierten Staaten, liegt z.B. Deutschland (hier großer Unterschied zwischen West und Ost) eher im oberen Mittelfeld bei der Religionszugehörigkeit seiner Bevölkerung. Ferner ist zu beobachten, dass ein eher konservatives konnotiertes Christentum (wie in den USA) vielfach organisiert in selbständigen Gemeinden stabiler ist als große religiöse Institutionen wie die katholische Kirche oder die evangelischen Kirchen. Inhaltlich geht das Erstarken der politischen Rechten im Westen mit einem stabilen und wachsenden konservativen bis fundamentalistischen christlichen Glauben einher (USA, Brasilien). Das Thema ist nicht neu, aber unter Trump aktuell, wird er doch von den meisten republikanisch wählenden Christen unterstützt.

Das Christentum vor der religiösen Indifferenz

In seinem Essay aus dem Jahr 2024: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ greift der katholische Theologe Jan Loffeld die religionssoziologischen Befunde auf, nimmt sie ernst und entwirft erste Schritte für ein neues Kirchenverständnis in der Gesellschaft. Dabei geht er über reine Religionssoziologie hinaus. Das gefällt mir, da Zahlen an und für sich erst einmal wenig aussagekräftig über eine lebendige und auch zukünftige Kirche sind. Im Folgenden formuliere ich meine Erkenntnisse aus Lektüre und Austausch mit Theolog:innen des Theologischen Salons des Kirchenkreises Aachen (Arbeitskreis: Zoom-Sitzung im Sommersemester 2026).

Zukünftige Kirche

Meiner Einsicht nach fällt es uns schwer, Bilder von einer zukünftigen Kirche zu entwickeln, da wir in Deutschland über Jahrhunderten zwei große Volkskirchen waren, manchmal fast deckungsgleich mit kommunalen Gemeinden. Wir sind weiter verliebt in den Selbsterhalt der Institution Kirche, drehen uns ständig um uns selbst und sind mit vielen anderen Institutionen im Optimierungswahn gefangen. Das führt nicht weiter und frustriert. Dazu kommen die verheerenden Auswirkungen der Missbrauchsskandale für das Vertrauen in die Institution Kirche und ihr Umgang mit Macht.

Das gesellschaftliche Christentum wurde trotz Aufklärung, atheistischen Strömungen, zwei Weltkriegen und Säkularisation von der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit nicht hinterfragt. Auch wenn das private und kirchliche Christentum vom gesellschaftlichen Christentum (D. Rösler) zu unterscheiden ist, war es doch Garant der Weitergabe von christlichen Werten und Kultur an die nächste Generation. Die lange selbstverständliche Weitergabe des Glaubens (und der Kirchenzugehörigkeit) bricht in der Generation der Kinder und erst recht der Enkelkinder der Boomer-Generation ab. Das habe ich in meiner über 35jährigen Berufsbiographie in den Gemeinden hautnah erlebt. Hier entlastet Religionssoziologie, da sie nachvollziehbar aufzeigt, dass leere Kirchen und Kirchenausstritte nicht an der Pfarrperson oder an der Gemeinde liegen, sondern in einer sich verändernden Gesellschaft (Megatrend: Säkularisierung, Individualisierung, Modernisierung). Was also in dieser Lage tun? Der Versuch mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert (EKD 2006) mit marktkonformem Denken und Jargon den Druck auf kirchliche Mitarbeiter:innen zu erhöhen und „Wachstum gegen den Trend“ zu postulieren ist krachend gescheitert. Ungeschönt gilt es die gesellschaftliche Situation zu realisieren. Wir leben in Europa und auch in Deutschland in einer zunehmend religiös indifferenten Gesellschaft. Das ist für Westeuropa relativ neu. Das heißt, die Menschen brauchen um glücklich zu sein keine Religion. Sie brauchen keine Religion, um ein sinnvolles Leben zu führen. In aller Kontingenzbewältigung ist für die Mehrheitsgesellschaft Religion keine Ressource mehr. Sie fehlt auch nicht. Das dritte Jahrtausend ist für Westeuropa das erste Jahrtausend ohne Gott (Glauben an Gott). Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wie etwa in der Zeit des Urchristentums oder auch in der Renaissance, fällt jeglicher transzendente Bezug der Mehrheitsgesellschaft weg. Es scheint so, dass die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lucács), die schon im 19. Jahrhundert die Philosophie und erst recht Anfang des 20. Jahrhunderts weite Teile des Bürgertums erfasst hat, gegenwärtig nicht einmal mehr gespürt und betrauert wird. Kontingenzerfahrungen werden nicht mehr religiös bewältigt Das heißt nicht, dass der Glaube und die Kirchen verschwinden werden, aber es heißt, dass wir uns ganz neu auf die veränderte gesellschaftliche Situation und die Rolle der Kirche in ihr einstellen müssen. Das betrifft unser lang eingeübtes Selbstverständnis, Gottes- und auch Menschenbild. Wir sind nicht die, die den Sinn des Lebens kennen, während die Nichtgläubigen ihn nicht kennen. Ein sinnvolles Leben kommt zunehmend ohne Religion aus Religiöse Indifferenz mag uns stören und wir mögen gar auf die „areligiösen Banausen“ herabblicken. Allerdings hilft eine solche Einstellung der Kirche und ihrem Bodenpersonal nicht weiter: Sie hindert uns eher, unseren neuen Platz einzunehmen, einfach unseren Glauben selbstbewusst zu leben nicht jenseits, sondern mitten in einer religiös indifferenten Gesellschaft. Dazu müssen wir sprachfähig werden. Der Vorgang der Entkirchlichung und das Finden einer neuen kirchlichen Identität sind hoch komplex, oft widersprüchlich, aber eine äußerst spannende Angelegenheit für Theologie und Kirche. Dazu gehört auch konversionssensibel zu werden. Wir müssen als Kirche in einer komplexen und pluralen Gesellschaft neu lernen, Menschen für den Glauben in der Nachfolge Jesu zu begeistern und sie zu einer evangelischen Freiheit in der Gemeinschaft befähigen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Davon bin ich überzeugt. Daran möchte ich weiter mitwirken mit den mir verliehenen Gaben.

Als Kirche sollten wir unbedingt Wert auf Qualität in den Kernbereichen Theologie, (Seelen)-Bildung, Kirchenmusik und Diakonie legen, um in einer religiös indifferenten Gesellschaft das Zeugnis Jesu hoffnungsfroh zu leben.

Fazit

In diesem Sinn würde ich mich freuen, wenn die segensreiche Institution Kontaktstudium trotz Verdichtung von pastoralen Diensten weiter ermöglicht und gefördert wird. Auch Pfarrpersonen brauchen Zeit für Theologie jenseits ihrer Wirkungsstätte. In einer solchen Studienauszeit bleibt auch genügend Zeit für Kultur, Begegnungen und andere Interessen, was ich in aller Freiheit in Leipzig genießen durfte. Dafür bin ich dankbar.

 

Belegte Veranstaltungen

Seminar: Die Seele der modernen Gesellschaft – Die Kultursoziologie von Eva Illouz

Prof. Dr. Roderich A. Barth

 

Seminar: Die Erzählungen und Fabeln des Talmuds

Nimrod Baratz

 

Vorlesung: Religion und Gesellschaft in Deutschland und Europa

Prof. Dr. Gert Pickel

 

Blockseminar/Übung: Liturgisches Handeln

PD Dr. Simone Ziermann

 

Blockseminar: KI und Liturgie. Ökumenische Fragestellungen, Erkundungen und Perspektiven

Prof. Dr. Alexander Deeg; PD Simone Ziermann

 

Blockseminar: Kommt mein Hund in den Himmel?

Daniel Walther

 

Vortrag PaulinerFORUM 2026: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne

Prof. Dr. Andreas Reckwitz

Vortrag und Gespräch: Zwischen Friedensethik und Kriegspädagogik

Generalmajor a.D. Michael Hochwart

Leipzig, den 5. Juli 2026