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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, Joachim Leberecht, Herzogenrath2020

Predigt Joh 9,1-7                                                   8. Sonntag nach Trinitatis

Den Glanz widerspiegeln

Lesung: Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

Liebe Gemeinde,

das ist schon recht archaisch, wie Jesus den Blinden heilt. Gerade in Corona-Zeiten mit der Angst vor zu viel Nähe und dem Gebot des Abstandhaltens klingt der Heilungsritus drastisch. Wo öffentliches Spucken längst sozial geächtet wird – selbst das Spucken von Fußballspielerinnen und Fußballspielern auf den Rasen wird als unanständig empfunden – wird hier von Jesus erzählt, wie er auf den Boden „rotzt“. Mit dem Staub der Erde vermengt er seine Spucke zu einem Brei und streicht diesen mit den Fingern auf die Augen des Blinden.

Wir haben ja schon von „Heilerde“ gehört, aber einer solchen Prozedur würde sich heute von uns keine freiwillig unterziehen. Die Angst vor Bakterien und Viren weckt zu großen Ekel und Abwehr.

Mit dem Blindsein haben wir weniger Probleme. Uns begegnen ja ab und an Menschen, die mit einem weißen Blindenstock oder einem Blindenhund unterwegs sind. Vielleicht fragen wir uns, ob dieser Mensch von Geburt an blind ist oder erst später sein Augenlicht verloren hat. Die Frage nach seiner Schuld stellen wir – Gott sei Dank – nicht, höchstens taucht sie am Horizont auf, dann aber mit Macht, wenn wir erfahren, dass das Blindsein von Generation zu Generation durch einen Gendefekt weitergegeben wird. Dann stellen wir uns schon die Frage, war das denn nötig? War das Handeln seiner Eltern verantwortlich, potentiell ein blindgeborenes Kind zur Welt zu bringen?

Wer so fragt, steckt schon mittendrin im Schlamassel der Schuldzuweisung oder in der ethisch schwierigen Frage, ob der Mensch zur Verhinderung von Krankheiten in das Genom eingreifen sollte.

Wir, die wir jeglichen Dreck und Unrat vermeiden, sollten uns die Zeichenhandlung Jesu mit der Schlammspucke einprägen. Es kann gar nicht genug Berührung von Erde und Mensch geben. Das Graben und Schaufeln, das in die Handnehmen von Erde schafft – wie viele Menschen, die Gartenarbeit lieben selbst aussagen – ein Gefühl der Verbundenheit mit der Erde und stärkt die eigenen seelischen Kräfte. Erde wird handgreiflich erfahrbar und der in ihr mit bloßen Händen Wühlende merkst selbst, dass er oder sie ein Teil dieser Erde ist. „Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden.“ Darin liegt auch ein Trost. Vielleicht müssten auch unsere Augen mit feuchter Erde bestrichen werden, dass wir heilsam erkennen, in welcher Einheit wir mit der Erde leben. Gaia – Mutter Erde – wird benetzt und das Leben wird fruchtbar. Auch das schwingt als uralte Weisheit in Jesu Zeichenhandlung mit.

Zur selbstredenden Zeichenhandlung tritt Jesu Wort, es ist für den Blinden ein sakramentales Wort. Nicht die Handlung und Heilung allein, sondern der damit verbundene Auftrag macht die Heilungsgeschichte besonders, da sie den Blinden in den messianischen Kontext der Sendung Jesu stellt.

Nachdem der Blinde sich mit Wasser des Teichs Siloah die Augen ausgewaschen hat, wird er sehend, fällt Licht in sein Auge. Er kehrt zu Jesus zurück. Von nun an wird er den Glanz widerspiegeln, der von Jesus, dem Licht der Welt, ausgeht.

Genau das ist auch unser Auftrag, liebe Gemeinde, einer jeder und eines jedem einzelnen von uns. Wir leben, um den Glanz widerzuspiegeln, der uns in Christus begegnet. Hier begegnet uns Gott in all seiner Herrlichkeit, Güte, Wahrheit und Liebe.

Die Endlichkeit, die Verletzlichkeit, das Verwundete und manchmal auch schwere Krankheiten sind teil unseres Lebens. Jesus kehrt die Frage, wo kommt das her und wer ist schuld daran, um. Modern gesprochen, nicht die Pathologie, sondern den Ressourcen gilt sein Blick. Dabei sind es nicht nur die Ressourcen und Heilungskräfte, die im Menschen selbst liegen. Es sind die Möglichkeiten Gottes, die sich hier am Blinden zeigen werden. Der Blinde wird im doppelten Sinne sehend. Die Blindheit wird von ihm genommen und er erkennt in Christus das Licht der Welt.

Wir wissen um Heilungen – meist durch die Medizin – auch heute. Auch hier wirkt Gott vielfältig. Wir wissen aber auch, dass Krankheit bleibt und wir sterblich sind. Auch in unseren Begrenzungen und Krankheiten sind wir vollwertige Menschen, geliebt von Gott und erfahren auch in unseren Krankheiten durch Menschen und durch medizinische Hilfe seine heilmachende Gegenwart. Mit Gott haben wir eine Zukunft. Es gibt immer einen Weg.

Das bedeutet, dass wir uns nicht länger den Kopf zerbrechen sollten, wer schuldig ist oder warum gerade ich oder ein lieber Mensch unter einer Krankheit leidet, sondern, dass wir schauen, wie wir einander mehr Licht und Hoffnung in das Leben bringen.

Denn auch wir sind gesandt, den Glanz Gottes widerzuspiegeln. Amen.

 

 

„Todtnauberg“ – das Gedicht, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg, Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung, dtv Verlagsgesellschaft, München 2020, gebunden mit Lesebändchen, 350 Seiten, ISBN: 978-3-423-28229-1, Preis: 24,00 Euro

Link: https://www.dtv.de/buch/hans-peter-kunisch-todtnauberg-28229/

 

Durch Zufall finde ich in einem öffentlichen Bücherschrank einen kleinen Reiseführer über den Schwarzwald, erschienen bei Bertelsmann, Gütersloh 1972, also in etwa der Zeit, in die das Buch von Hans-Peter Kunisch die Leserinnen und Leser führt. Der Eintrag Todtnauberg besteht nur aus drei kurzen Sätzen: „Todtnauberg (1021m, 900 Einwohner), das 3 km abseits der Talstraße liegt. Das hübsche Bergdorf mit seiner unverkennbaren Schwarzwaldszenerie am Südhang des Feldbergs liegt nebelfrei und ruhig über ein weites Wiesengelände verstreut. Bis zu den Schweizer Alpen reicht die Sicht.“ Die Landschaft auf dem Buchcover passt zu dieser Beschreibung.

Sieht man zusätzlich kurz ins Internet, muss man das hier genannte „Wiesengelände“ als Ski- und Wintersportgebiet bezeichnen, mit Loipen und Liften durchzogen, heute eher vom Tourismus geprägt, als von der Landwirtschaft. Es gibt z. B. einen Wanderweg, der nach Martin Heidegger benannt ist. Obwohl von Freiburg aus recht gut erreichbar, ist die Lage am Südhang des Feldbergs schon recht abgelegen.

Nun zur Lektüre: Im Mittelpunkt der Erzählung von Hans-Peter Kunisch steht ein Ausflug zur Hütte Heideggers, wobei der Weg hin mit zwei VW-Käfern zurückgelegt worden ist. Er bedient sich was den Ausflug angeht bei diversen Aufzeichnungen zweier Augenzeugen. Die Literatur ist im Literaturverzeichnis des Buches belegt.

Dabei soll es auf der Rückbank zwischen Heidegger und Celan recht schweigsam zugegangen sein. Stellt man sich dann aber den recht steilen und in zahlreichenden Serpentinen verlaufenden Fahrweg vor, der zudem an einigen Stellen ein beachtliches Panorama bietet, so ist es schonverständlich, dass die Zeit für tiefgehende philosophische Gespräche hier noch nicht gekommen ist.

Wann sollte aber das von Celan im Gedicht anvisierte Gespräch stattfinden, bei dem das „auf eines Denkenden kommendes Wort im Herzen“ ausgesprochen worden wäre (Gedicht „Todtnauberg“, hier S. 172)?

Bezeichnend ist allerdings an der Erzählung von immerhin 350 Seiten, dass die Biographie Paul Celans in etlichen Facetten geschildert wird. Bei seiner Lesung am 24. Juli 1967 in Freiburg sollen an die tausend Besucherinnen und Besucher anwesend gewesen sein und der prominente Philosoph Heidegger habe in der ersten Reihe gesessen. Im Vorfeld habe Heidegger den Dichter und Übersetzer Celan regelrecht protegiert, indem er die Buchhandlungen der Stadt gebeten hat, im Schaufenster Bücher von Celan zu dekorieren.

Das Gedicht „Todtnauberg“ entstand quasi in Auswertung des auf die Lesung folgenden Ausflugs in den Schwarzwald. Der kurze Besuch in Heideggers Hütte, der aber nicht ohne einen kleinen Fußmarsch zu haben war, hatte wohl den Hintergrund, seitens Heidegger Celan um den bereits genannten Eintrag ins Gästebuch zu bitten. Der anschließende Besuch ins Moor musste wegen eintretenden Regens und unpassenden Schuhwerkes abgebrochen werden.

Das Buch ist hier sehr ausführlich und schildert auch einige Details der Ausflüge, auch des zweiten Besuchs im Moor, das dann aber nahe der B 500 im Südschwarzwald lag und mit Heideggers Hütte und Todtnauberg nichts mehr zu tun hatte.

Die Gespräche der Teilnehmenden und die Zusammensetzung der Gruppe werden sehr detailliert geschildert, nicht aber aus der Phantasie des Erzählers, sondern den Quellentexten einiger Teilnehmer. Dass darauf Paul Celan ein oder mehrere Gedichte machen würde, war wohl auch erwartetet worden. Es war wohl üblich, dass Celan Reiseerfahrungen und Begegnungen in lyrischer Gestalt aufzeichnete, so hat er auch eine recht bald folgende Israelreise dokumentiert.

Immer wieder geht es im Buch darum, dass Celan eine mündliche oder vielleicht sogar eher schriftliche Stellungnahme Heideggers erwartet habe, die aber so wie erwartet nicht eintraf. Einen vorhandenen Brief Heideggers, in dem dieser sich für den Einzeldruck des Gedichts „Todtnauberg“ bedankte, ließ allerdings Celan sogar unbeantwortet.

Auch wenn das Buch von Hans-Peter Kunisch auf die Person Martin Heideggers eingeht und seine fragwürdige Verflechtung in den Nationalsozialismus thematisiert, liegt die Perspektive der Erzählung übe weite Züge hinweg bei Celan, für den der Termin des ersten Schwarzwaldausflugs eine Art „Freigang“ während einer längere psychiatrischen Behandlung war, der sich Celan in Paris auch auf Wunsch seiner Familie immer öfter unterziehen musste.

Die Frage, auf welches Wort Heideggers Celan wirklich gewartet hat, muss bis zuletzt offenbleiben. Hätte er wirklich über die eigene Verflechtung reden sollen oder wäre es eher eine Art allgemeines Schuldbekenntnis geworden, das dann wohl auch die Anteilnahme am Schicksal von Pauls Celans Eltern einbezogen hätte, die im KZ umkamen?

Doch die biografische Tiefe des Buches im Blick auf Paul Celan lässt auch hierbei einen Charakter erscheinen, der nicht nur allgemein historisch oder politische, sondern auch persönliche Schwierigkeiten offenbart. Celan hatte immer wieder Kontakt zu Überlebenden aus Czernowitz und war bemüht, dabei auch seine eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Am Ende des Buches stirbt Celan im Jahr 1970 in den Fluten der Seine, was eher auf einen Suizid als einen Unfall deutet, da er als guter Schwimmer galt.

Die Verzweiflung Celans ist allerdings keine Reaktion auf das fehlende Wort Heideggers. Welche dunkle Seite lag in der eigenen Biografie? Was ist daran, dass inzwischen Belege dafür aufgetaucht sind, dass das bekannte Gedicht „Todesfuge“ ein Plagiat gewesen sein könnte? (Die Quellentexte dazu sind im Buch belegt. Paul Celan lagen Texte eines damaligen rumänischen Freundes vor, die Formulierungen der Todesfuge wörtlich vorwegnehmen.)

Klar ist, dass das Buch selbst hier auf der erzählerischen Ebene keine Antworten geben kann. Obwohl die Quellen gut belegt sind, die Hans-Peter Kunisch heranzieht, so muss man das Buch insgesamt doch eher als historisch-biografische Erzählung bezeichnen.

„Todtnauberg“ ist ein sehr gründlich recherchiertes und zugleich einfühlsam erzähltes Buch. Ein bedeutender Dichter und ebenso bedeutender wie zugleich zweideutiger Denker haben eine denkwürdige Begegnung am Südhang des Feldbergs erlebt, ohne sich bis zuletzt darüber auszutauschen.

Die Antwort auf die immer wieder thematisierte Frage, ob mehr möglich gewesen wäre, muss bis zuletzt offenbleiben. Aber offensichtlich hat Pauls Celans Dichtung eine Sprache gefunden, die Gefühle und Gedanken offenlegte und anzusprechen vermochte. Diese wieder mehr zu lesen, lädt Hans-Peter Kunisch ein.

Zum gleichen Thema:

Werner Hamacher zu Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2019

Berlin – durch die Kneipentür betrachtet, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Helmut Krausser, Zur Wildnis, 45 Kurze aus Berlin, bis auf drei Texte zuerst erschienen als monatliche Kolumne in der ZITTY, Wagenbach Taschenbuch 814, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, Taschenbuch, 155 Seiten, ISBN: 978-3-8031-2814-0, Preis: 11,90 Euro

Link:

Der bekannte Schriftsteller Helmut Krausser (geb. 1964) lebt in Berlin und verbringt seine Freizeit in einer Gaststätte in Neukölln, wo er Backgammon spielt. Dadurch wird er Zeuge oder Mitwirkender von Begegnungen, in denen „Die Wildnis“, Neuköllner Eckkneipe, zum Brennglas des zeitgenössischen Berliner Lebens wird. Darauf soll auch der Bezug zur Zeitschrift ZITTY hinweisen, einer Berliner Programmzeitschrift.

In einem der letzten Texte des Buches überschrieben mit „Der Texaner“ wird das System der Backgammonturniere genauer erläutert. In der „Wildnis“ braucht man nicht mit Geldscheinen zu protzen, da der Einsatz pro Runde nur 2 Euro beträgt.

Der Text schildert, was passiert, wenn ein Mitspieler vergisst, die Spielschulden zu bezahlen, zumal er zuvor als Spielexperte aufgetreten ist. Es folgt eine Kneipendebatte über Fair Play, Ehre und Ritterlichkeit. Doch das Gute an der Gaststätte „Wildnis“ ist, dass solche Debatten oft ohne Konsequenzen bleiben.

Manchmal, wenn es besonders hoch hergeht, gibt Manni, der sozial eingestellte Wirt der „Wildnis“, eine Lokalrunde, um die Gemüter zu beruhigen. Auch in diesem Fall hatte der Texaner ja, wenn schon nicht die Spielschulden, aber wenigsten das Geld für seine große Fanta bezahlt.

Ich lese das Buch „Die Wildnis“ von Helmut Krausser wie eine Sammlung kurzer Milieustudien für einen seiner nächsten Romane. Die Kneipe gibt genügend Beispiele für das tägliche Leben, oder auch für einzelne Worte. Ein Beispiel dafür: „Neuerdings wird behauptet, man dürfe das Wort ‚Gutmensch’ nicht mehr benutzen, nur weil es ein paar Dumpfbacken als Kampfvokabel im Mund führen, wobei sie es regelmäßig grundfalsch verwenden. Für mich war es immer ein brauchbares Wort, folgendermaßen definiert: Ein Gutmensch war jemand, der sein Gutsein vor sich hertrug, aber im Grunde nicht wirklich altruistisch war.“ (S. 33)

Bezeichnend für den Anspruch von Schriftstellern an Sprache und Literatur sind nicht nur der Umgang mit Sprache in einer aktuellen Öffentlichkeit, sondern auch der kreative Umgang mit Begriffen. So kam eines Tages in der „Wildnis“ eine Diskussion darüber auf, ob Kartoffelsalat ausschließlich mit Zwiebeln hergestellt und angeboten werden darf. Aus einer lapidaren Bemerkung wird für den Autor eine philosophische Andeutung: „… denn der Makel an der Zwiebel ist die Blähung. Schrieb ich mir sofort auf, den Satz. (…) Beinahe Heidegger.“ (S. 102)

Es hat sich für den Schriftstelle Helmut Krausser gelohnt, seine Eckkneipe „Die Wildnis“ mit dem Backgammonspiel und auch seinem Notizbuch zu besuchen.

Auf Helmut Kraussers Hobbies Backgammon und Schach geht auch das Internet an anderer Stelle ein. Ob es das Lokal „Die Wildnis“ wirklich gibt, muss von hier aus offenbleiben. Der Inhalt der Texte ist so authentisch, dass er auch woanders vorkommt. Auch ein Vergleich zum Ruhrgebiet wäre angebracht.

Der Berliner Alltag ist wahrscheinlich subtil angefüllt mit thematischen Impulsen, die man früher eher mit den Weisheiten der Taxifahrer in Verbindung gebracht hätte. Doch leider sucht man die Zeitschrift ZITTY inzwischen vergeblich am Kiosk. Die Printausgabe wurde im Frühjahr 2020 eingestellt.

Vom Regenbogen lernen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

Zu:

Jando: Die Weisheit des Regenbogens, Wegweiser des Herzens, Mit Illustrationen von Antje Arning, KoRos Nord, Bad Zwischenahn 2020, gebunden und farbig illustriert, 155 Seiten, ISBN: 978-3-945908211, Preis: 13,99 Euro

Link: https://jandoautor.com/2020/05/14/die-weisheit-des-regenbogens-wegweiser-des-herzens/

  

Wie einen Kuchen mit aromatisierten Rosinen durchziehen  das Buch immer wieder kleine, weisheitliche Sprüche, die der Erzähler oft seinem Vater zuordnet. Es sind Leitworte des Lebens, die immer zur nächsten Generation weitergegeben werden.

Wir verstehen damit das Leben als ununterbrochenen Lernprozess. So heißt es im Vorwort des Erzählers: „Ich habe gelernt, dass man manchmal nur eine schützende Hand braucht, die einen hält, und ein liebevolles Herz, das einen versteht.“ (S. 9)

Und so gebe ich im Folgenden einige Stichworte zur Geschichte dieses Buches, natürlich ohne die Pointe oder den Spannungsbogen des Buches vorweg zu nehmen.

Malin verbringt seit ihrem vierzehnten Geburtstag immer wieder mal ein Wochenende auf einem Reiterhof. An einem Wochenende vor Ostern ereignet sich ein plötzlicher Wintereinbruch. Malin tobt mit ihrem Hund Ava im Schnee herum.

Doch sie merkt nicht, dass sie sich in Gefahr befindet, rollt auf die Straße und kollidiert mit einem Auto. Beide, Ava und Malin überleben den Unfall schwer verletzt. Die Konsequenzen des Unfalls sind schmerzhaft.

Malin, die im Krankenhaus erwacht, hat Angst um ihren Hund Ava. Ihre Mutter Sina trifft eine gute Entscheidung. Sie bucht eine Woche Urlaub auf einer kleinen Insel. Dort leben sie bei Bent, der einen Rettungshof für Hunde betreibt. Bent wird auch an anderer Stelle als „Hundeversteher“ bezeichnet. Er wird mehr und mehr zur Hauptperson des Buches.

Jando gelingt es hierbei immer wieder, sensibel und einfühlsam das Leben als Beziehungsgeflecht erfahren zu lassen. Menschen und Tiere werden füreinander zu Stützen und Hinweisgebern.

Hier kommt auch Bents Vater Ohlsen ins Spiel. Er ist Leuchtturmwärter und rät seinem Sohn, sich nach dem Tod seiner Ehefrau wieder dem Leben neu zuzuwenden. Er lädt Malin auf den Leuchtturm ein, wodurch Sina und Bent einige Stunden gemeinsam verbringen können.

Doch die Sache wird kompliziert, so, als ob das neue Leben kaum mehr als ein bloßer Traum wäre.

Jando fasziniert nicht nur durch die Darstellung von Personen und Tieren, sondern auch durch die Schilderung von Ereignissen, die den Atem stocken lassen und Dramatik in die Geschichte bringen.

Der Sinn des Lebens bleibt unverfügbar und ereignet sich dennoch spürbar. Die Farben des Regenbogens symbolisieren das Beziehungsgeschehen. Weisheitliche Stichworte halten die Mutworte fest, die als Perlen immer wieder Elemente des Sinns in die Erzählung bringen .

Mein Fazit: Jandos Buch, wie schon seine Bücher vorher, trifft das Herz von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen. Jandos Bilder auf seiner Homepage, die ihm mit seinem Hovawart „Sunny“ am Ufer eines Sees frühmorgens zeigen, passen gut zur Erzählung des Buches und lassen Bent und Jando zu einer Person verschmelzen.

Ohne weiter ins Detail zu gehen, spüre ich eine tiefe lebensgeschichtliche Erfahrungsbasis des Autors, die zu wesentlichen Erkenntnissen führt: Lerne mit den Verletzungen zu leben und sei immer offen für die Zukunft. Sieh deine jetzigen und zukünftigen Beziehungen als Quelle der Hoffnung an.

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