Hoffnung auf ein besseres Verstehen, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Rezension zu: 

Fjodor Dostojewskij: DER IDIOT. In der Neuübersetzung von Swetlana Geier, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 11. Auflage 2018 (Erstveröffentlichung 1868)

 

Einleitung

In meiner kurzen Einführung zum Roman „DER IDIOT“ (1868) von Fjodor Dostojewskij beziehe ich mich im Wesentlichen auf die Figur des Idioten, Fürst Myschkin. Mein Augenmerk gilt dabei der Frage, wie Dostojewskij diese Figur entwickelt, in welche Konflikte sie hineingerät und welche Motive sie leiten. Im Anschluss daran stelle ich die Figur des Idioten in den Kontext religiöser Wahrnehmungen und Deutungen.

Von Anfang an nehmen alle Personen, die dem Fürsten im Laufe der Geschichte begegnen, diesen als Sonderling wahr, der in einer Mischung aus Ehrlichkeit und Naivität sein Herz auf der Zunge trägt, der sich emphatisch seinem Gegenüber zuwendet, der eine ungeheure Freiheit ausstrahlt, da sein Wesen nicht an Geld oder Besitz hängt, der alle mit Augen der Güte anschaut, gerade auch die, die er durchschaut, und der, was ein durchgehender Wesenszug ist, wirklich zuhören kann. Die Menschen kommen bei ihm mit dem, was sie wirklich bewegt zur Sprache und oft auch zur Ruhe. Es scheint, als besäße der Fürst die Gabe, andere Menschen in ihrem Wesen, in ihrer Sehnsucht, in ihrem Getrieben-Sein und vor allem mit ihren seelischen Verwerfungen, Wunden und Leiden zu erkennen und zu lieben.

 

Handlung

Der Roman beginnt mit einem Gespräch des jungen Fürsten mit einem neureichen Russen, namens Rogoschin. Beide sitzen im Zug nach St.Petersburg. Rogoschin selbst ergeht es bei der Erstbegegnung im Zug mit dem Fürsten nicht anders als allen anderen, sodass er dem Fürsten freimütig von seiner Obsession für Natassja Filippowna erzählt. Sie will er zur Frau, auf diese Eroberung ist er um jeden Preis aus. Noch weiß der Leser nicht, dass sich eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung zwischen Fürst Myschkin, Rogoschin und Natassja  entwickeln wird. Der Roman beginnt und endet mit dem Aufeinandertreffen Myschkins mit Rogoschin. Letzterer tötet am Ende im hitzigen Fieberwahn Natassja Filippowna und besiegelt damit den tragischen Ausgang der Dreiecksbeziehung.

Der Fürst wurde schon als Kind als Idiot bezeichnet, weil er geistig zurückgeblieben war, kein Anschluss unter Gleichaltrigen hatte und unter epileptischen Anfällen litt. Von einem Gönner wird er mit Anfang zwanzig in ein Sanatorium in die Schweiz geschickt. Von dort kommt er sich noch auf dem Weg der Heilung befindend nach vierjährigem Aufenthalt in seine Heimat Russland zurück, blüht auf, verstrickt und verliert sich in der Liebe, im Mitgefühl und in altruistischer Selbstaufgabe. Seine Naivität und Güte stoßen bei seinen Gegenübern immer wieder auf Hass und Unverständnis. Der Alle-Versteher kann sich selbst nicht erklären, findet keine Sprache und kein Gehör für seine Gefühle. Nur sein Körper drückt seine inneren Spannungen aus. Erregung und Angst führen nach und nach wieder zu epileptischen Anfällen und letztlich in die geistige Umnachtung mit der Endstation Schweizer Sanatorium. Seine russischen Wochen sind voller Dramatik, enttäuschter Hoffnungen, zaghaften Verliebtseins, der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft – und Scheitern an moralischen Gesetzen und Gepflogenheiten des Adels.

Von vornherein ist der Fürst verloren, ein Einsamer, ein Fremder, einer, der nicht in die Gesellschaft passt, der in jedes Fettnäpfchen tritt, der den Erwartungen nicht entspricht, der messianisch begrüßt und fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Dostojewskij gelingt es überzeugend den Fürsten als Projektionsfläche der Sehnsüchte seines Umfelds zu stilisieren: dauernd fließen Tränen der Selbsterkenntnis, Verschüttetes der eigenen Seele, Unterdrücktes kommt durch Begegnung mit ihm – besonders bei den Frauenfiguren – zu Tage. Das alles wühlt die Menschen derart auf, dass das Zulassen von Gefühlen und das Aufblitzen von Selbsterkenntnis umschlägt in Abwehr, Hass und auch Gewalt. Fast alle laufen von ihm davon, ob es Natassja Filippowna ist oder später Aglaja Jepantschin. Sie können seine Gegenwart nicht ertragen und werden von seiner Herzensgüte und seinem Anderssein doch immer wieder magisch angezogen.

Der Fürst aber selbst leidet darunter, dabei wartet er passiv und sehnsüchtig, dass er Resonanz erfährt. Trotz der gegenteiligen Erfahrung glaubt er an die Liebe. Besonders hofft er auf sein Liebesglück mit Aglaja und erträgt eine Kränkung nach der anderen durch sie und ihre Familie. Den Höhepunkt seiner Liebesqual – für mich der modernste und aufregendste Gedanke Dostojewskijs – ist die Kulmination seiner in sich streitenden Gefühle, die in der Aussage mündet, dass er zwei Frauen liebt (843). Dabei geht Myschkin ganz von seinem Wesen aus, von dem, was ihn ausmacht und innerlich bindet. Er liebt beide, aber das ist wichtig, auf verschiedene Weise. Natassja Filippowna liebt er aus Mitgefühl. Sie nennt er eine Gepeinigte und „Geisteskranke“ (843). Er fühlt sich gedrängt, sie aus Liebe zu erlösen, und wie es ihr plötzlicher Wunsch ist, sie zu heiraten, da „in seinen Augen, eine verlorene Frau sogar um einiges höher stehe als eine nicht verlorene“ (831).  Die andere, Aglaja, ist nicht verloren. Als er vorher im Kreise ihrer Familie offiziell um ihre Hand anhält, brüskiert Aglaja ihn, was für ein Idiot er sei. Gleichzeitig spürt Aglaja, dass der Fürst, den sie intuitiv unendlich liebt und begehrt, noch an Natassja gebunden ist. Das kann Aglaja nicht ertragen. Als sie ihre Rivalin zur Rede stellt, tritt Natassja Filippowna wieder in das Leben des Fürsten und zerreißt den noch „morschen Faden“ seines Lebens (815/816).

 

Hingabe

Für die Erkenntnis, dass es für ihn nicht nur eine Liebe gibt, muss der Fürst alles erleben, durchleben und erleiden, und der Leser mit ihm. In den wenigen Monaten macht der Fürst eine Entwicklung durch. Seine zwei Lieben lassen ihn reifen. Auch wenn er beide loslassen muss, hat er doch bis zuletzt geliebt und ist sich treu geblieben. Im Grunde liebt er nicht nur die zwei Frauen, sondern alle Menschen, sogar Rogoschin, der ihn einmal mit einem Messer hinterrücks umbringen wollte. Mit diesem Messer hat Rogoschin dann Natassja Filippowna – kurz nachdem er dem Fürsten die geschmückte Braut auf dem Weg zur Kirche entreißt – mit einem Stich ins Herz getötet. Dennoch hält der Fürst in einer gemeinsam verbrachten Nacht, nach dem Mord Rogoschins an seiner Braut, den Kopf des fiebernden Rogoschin, liebkost und streichelt ihn durchs Haar und Gesicht. Handelt so ein Idiot?

Der Fürst ist alles andere als ein Idiot, er ist seiner Seele verhaftet. Deshalb erkennt er andere leidende Seelen. Deshalb sieht er neben der Schönheit Natassja Filippownas gleichzeitig ihren Schmerz. Er ist von ihr gebannt und ihr Schmerz ist wie ein Bann. Ein Freund stellt ihm die entscheidende Frage: „Wie weit darf demnach das Mitleid gehen?“ (840)

Wer verloren ist, muss gerettet werden, auch um den Preis der Selbstverleugnung, das ist die Überzeugung des Fürsten. Diesen Schritt geht er bewusst. Es ist eine Form der Selbstaufgabe durch Hingabe.

Der Fürst ist eine kranke Seele, ja, eine verletzte – eine traumatisierte würden wir heute sagen. Seine Seele ist geprägt von der unheimlichen Erfahrung epileptischer Anfälle, dem Verlust des Bewusstseins, dem Kontrollverlust über den eigenen Körper. Kurz vor den Anfällen kommt es fast immer zu einem gesteigerten Bewusstsein, einer unio communio mit der ganzen Lebenswelt (800/801). Danach folgen Zusammenbruch, Zuckungen und Spastiken, die verstörend sind. Der Treuherzige löst Ekel aus.

Ein solcher Held ist unser Idiot. Ein Schwacher, ein Verletzter, ein Kranker, der durch Güte und Zuwendung irritiert und Menschen mit sich und ihren Ängsten und Sehnsüchten in Berührung bringt. Er gibt jeder und jedem immer noch eine Chance und sieht wider besseren Wissens das Gute in allen.

 

Religiöse Wahrnehmungen und Deutungen

Über das Thema der religiösen Deutung der Figur Myschkin im Idioten ist viel geschrieben worden. Ist Myschkin nun ein Christussymbol (Romano Guardini: Religiöse Gestalten in Dostojewskijs Werk, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 7. Auflage 1989, S.265ff) oder eher ein Christusbild, wie Eugen Drewermann meint (Eugen Drewermann, Daß auch der Allerniedrigste mein Bruder sein, Walter Verlag, Zürich/Düsseldorf, 1998, S.133ff)? Oder lesen christliche Theologinnen und Theologen Dostojewskij falsch und voreingenommen, setzen sie ihre hermeneutische Brille auf und finden, was sie suchen? Ist nicht vielmehr Dostojewskij ein am Glauben Verzweifelnder, ein Suchender, der schreibt und schreibt, weil er gerade nicht mehr „orthodox“ glauben kann? Ist Dostojewskij damit nicht ein moderner Schriftsteller, ein Humanist und Aufklärer par excellence, wie es zum Beispiel Manès Sperber in einem Aufsatz zum hundertjährigen Todestag von Dostojewskij 1981 schreibt? (siehe Drewermann, S. 136)

Ich glaube es ist bei Dostojewskij wie bei jeder guten Kunst. Sie evoziert eigene Gefühle, ein Betroffensein, ein Erkannt-Werden, ein Angesprochen-Sein, ein Nachdenken und auch einen Kummer, wenn die Kunst wieder aus den Blick gerät, wenn wie bei Literatur die Aufmerksamkeit für einen Roman wieder in den Alltag versinkt und nach und nach dem Vergessen anheimfällt. Aber wieso geht es nicht nur mir so, dass mich Dostojewskijs Romane packen, aufrütteln und trotz des zeitlichen Abstands existentiell berühren, wie der Idiot? Was kam da nicht alles wieder an Erlebtem in mir selbst hoch und wollte bedacht werden? Ich glaube, dass es vielen Menschen mit Dostojewskijs Romanen ähnlich ergeht. Es gibt immer wieder Wellen und Zeiten, wo ein Werk besonders spricht und aufgegriffen wird.

Christusbild

Ich zum Beispiel kann den Idioten nicht anders als religiös verstehen, weil ich mich als spiritueller Mensch besonders für Kultur und deren religiösen Bezug  interessiere. Die Gefahr besteht natürlich darin, den Idioten zu dogmatisieren, wenn Fürst Myschkin eine Christologie übergestülpt wird. Aber die Gefahr der Dogmatisierung gilt nicht nur für eine religiöse Sicht auf Myschkin, sie gilt genauso für eine areligiöse Sicht. Der Idiot ist für mich große Kunst, weil es Dostojewskij gelingt, Menschen, ob religiös oder nicht, in den Bann zu ziehen und zu einem eigenen „In-der-Welt-Sein“ bewegt. Es ist geradezu ein Zeichen von großer Kunst, wenn sie vielfältig gedeutet werden kann. Das liegt daran, dass sich gute Kunst immer auch jeglicher Vereinfachung entzieht. Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass für mich Myschkin nicht eins zu eins auf Christus – aber auch nicht auf Jesus von Nazareth – übertragen lässt.

Aber Myschkin ist für mich dennoch eine durch und durch religiöse Gestalt, und Dostojewskij gelingt es mit der Figur Myschkin, das Menschsein zu transzendieren. Ausgangspunkt ist und bleibt das Leiden. Zunächst das Erleiden einer Krankheit, die den Fürsten zum Außenseiter macht. Seine besondere Nähe zu Kindern betont Dostojewskij (98ff), als bewege sich der Fürst noch immer im Stadium der Unschuld. Die Erwachsenenwelt wird als die Welt der Gefährdung beschrieben. Hier nimmst alle Welt Anstoß, ja Ärgernis an Myschkin. Die Parallelen zu Jesus und die Ablehnung durch die religiösen und politischen Eliten bis hin zur Kreuzigung brauche ich nicht extra erwähnen. Auch der Fürst scheitert mit seiner menschlichen Herzensgüte und bezahlt dafür mit seiner eigenen Gesundheit. Er hat die Liebe gelebt, aber sie hat nur kurzfristig Erlösung und viel Verwirrung für seine Nächsten gebracht. Die große Veränderung bleibt aus, einzig vielleicht Kolja trägt den Keim der Güte in sich weiter.

 

Conditio Humana

Der Idiot ist Dostojewskijs zweiter großer Roman nach „Verbrechen und Strafe“ (1866/1867), dazwischen liegt nur noch der kleinere Roman „Der Spieler“, der als einziger in Buchform und nicht als Feuilletonbeilage erschien. Dostojewskij hat geschrieben, weil er schreiben musste. Sein eigenes Leiden an Epilepsie, aber auch seine Erlebnisse als zum Tode Verurteilter (88ff) und besonders seine in der sibirischen Verbannung geschärfte Menschenwahrnehmung kommen im Idioten zur Sprache. Der Fürst trägt das alles in sich. Er trägt aber auch prophetisches in sich und wie die meisten (biblischen) Propheten wird er abgelehnt, nicht gehört und verworfen.

Ich glaube, dass Dostojewskij im Idioten die Conditio Humana würdigt und den Kranken – wenn er wirklich „arm ist im Geist“ – als den eigentlich Gesunden beschreibt. Es bleibt die Hoffnung, dass das eine Gesellschaft das erkennt, würdigt und die Kranken, Schwachen und Armen nicht ausgrenzt, sondern mit ihnen lebt und sich durch sie bereichern lässt. Im leidenden Individuum liegt eine Wahrheit verborgen, die wir nicht aufgeben dürfen, wenn wir Menschen bleiben wollen. Dieser Wahrheit verleiht Dostojewskij in Fürst Myschkin eine Stimme. Er wird zum Zeichen der Menschlichkeit.

Fazit

Es gibt im Judentum die Rede davon, dass der Messias daran zu erkennen ist, dass er selbst verwundet ist. Hier wird auf Jesaja 53, 12b („und durch seine Wunden sind wir geheilt“) Bezug genommen. Dostojewskij greift diesen Gedanken auf und überträgt ihn auf den Menschen, hier auf den Fürsten. Nicht zuletzt ist auch Dosotojewskij ein Teil der Figur. Wenn also der Mensch mit seinen Verletzungen die Chance in sich birgt, andere Menschen als bedürftig zu erkennen und ihnen mit echtem Mitgefühl zu begegnen – wer immer sie sind und was immer sie getan haben – dann gäbe es Hoffnung auf ein besseres Verstehen und Miteinander aller. Das wäre Erlösung.

 

Kränkung und Liebe, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Zu:

Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe. In der Neuübersetzung von Swetlana Geier, Fischer TB-Verlag, Frankfurt am Main, 16. Auflage Juli 2014

Link: https://www.fischerverlage.de/buch/fjodor-dostojewskij-verbrechen-und-strafe-9783596900107

Ölgemälde auf der Seite www.zeno.org

 

Immer wieder begeistert mich die Lektüre Dostojewskijs. Woran das liegt? Ich kenne kaum einen anderen Autor, der es versteht, seinen Romanfiguren derart Leben einzuhauchen wie Dostojewskij.

In Verbrechen und Strafe gelingt es Dostojewskij, seinen unsympathischen Protagonisten Rodion Raskolnikow dem Leser ohne Ekel näher zu bringen. Alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren werden ohne Beschönigung ihrer Irrungen und Wirrungen liebevoll nachgezeichnet. Der Blick für das Elend und die Elenden hängen zusammen. Das Elend wird gehasst, aber nicht die, die daraus hervorgehen.

Irrungen und Wirrungen

Rodion, ein verarmter mittelloser Student, der in einer schrankähnlichen Dachkammer sein Leben mehr tot als lebendig fristet, ist voller Scham. Er steigert sich in Gedankengänge hinein, dass er, der doch zu Höherem berufen ist, die alte Wucherin in seiner Straße ermorden darf. Die eiserne Pfandleiherin handelt sowieso nur nach dem unmoralischen Gesetz der Halsabschneiderei.

Als Jurastudent hat er einen Aufsatz verfasst, der den Eliten das Recht zugesteht, dem niederen gemeinen Volk Opfer abzuverlangen, damit die Gesellschaft sich entwickelt. Die wahrhaft Berufenen dürfen auf ihrem Weg zur Macht nicht zimperlich sein, ganz nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Rodion, der seine Armut und seine Nichtbeachtung als Kränkung empfindet, zimmert sich ein juristisches Gebilde, um seinen Mord vor sich selbst zu rechtfertigen und als Befreiung zu erleben. Er will groß rauskommen, verehrt werden und seine Würde wieder herstellen. Seine Kränkung, ein Nichts zu sein, trennt ihn von seiner wahren Bestimmung, ein Großer zu werden. Er tötet die verwitwete Beamten-Wucherin Aljona Iwanowna mit einem Beil und auch ihre liebenswerte Halbschwester Lisaweta, die ihn bei dem Mord überrascht.

Der Roman erzählt die Geschichte der großen Krise Rodion Raskolnikows vor und nach der Überschreitung dieser Grenze. Die Übersetzerin Svetlana Geier weist darauf hin, dass die wörtliche Übersetzung des russischen Romantitels Übertretung und Zurechtweisung statt Verbrechen und Strafe oder Schuld und Sühne heißt.

Übertretung und Zurechtweisung statt Verbrechen und Strafe oder Schuld und Sühne

Was geschieht, wenn ein Mensch die Grenze überschreitet? Das erzählt Dostojewskij in seinem Roman. Rodion wird heimgesucht von Krankheit und Verwirrung. Der reine Geist hilft nicht weiter. Es beginnt ein Versteck- und Offenbarungsspiel der besonderen Art. Rodion stößt alle seine Liebsten von sich weg, zuletzt auch Sonja, der er sich sehr nah fühlt, da sie sich für ihre Familie opfert.

Rodion hat Mitleid mit den Ärmsten der Armen und ist ihnen gegenüber großzügig. Er spürt aber auch, dass seine Tat ihn nicht zum Retter macht. Klassisch ist er ein hilfloser Helfer. Er gibt sich selbst die Schuld für seine Schwäche, dass er seiner reinen Vernunft nicht skrupelloser hat folgen können. Zuletzt bekennt er sich zur Tat, ohne sie zu bereuen.

Eine unerwartete Wendung geschieht auf den letzten Seiten im Epilog. Sonja, die Rodion Raskolnikow ohne Berechnung liebt, ist ihm ins sibirische Gefangenenlager gefolgt. Sie erträgt seine emotionale Kälte und leidet an seiner Selbstzerfleischung. Als Rodion aus dem Schweigen heraus und nach einer schweren Krankheitsphase endlich zu seiner Liebe zu Sonja durchbricht und ihr diese gleich einer Konversion unter Tränen beteuert, findet seine Seele Frieden. Er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Der Zugang zu seiner abgespaltenen Liebe bringt seiner gekränkten Seele Heilung.

Für Dostojewskij ist es aus meiner Sicht entscheidend, dass die Liebe zu Sonja und zu den Menschen mit der Liebe zu Gott aufs engste zusammen hängt.

Die Liebe Gottes erkennt Raskolnikow in Christus. Das Evangelium des auferstandenen Christus – für den reinen Verstand nur Kindereien und Blendwerk – schenkt ihm eine neue Sicht auf sich, auf die Welt und auf Gott. Der Mensch überschreitet Grenzen und wird schuldig, doch nur die Liebe deckt die Schuld zu und schenkt einen Neuanfang.

Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigtreihe in der Markuskirche 2020, 1. Predigt

1 „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23,34

Liebe Gemeinde,

seit dem Mittelalter werden die sieben Worte Jesu am Kreuz meditiert. Die letzten Worte Jesu haben eine breite literarische Spur hinterlassen. Viele von ihnen sind in das kollektive Bewusstsein eingegangen. Unsere Predigtreihe über die sieben Worte Jesu am Kreuz beginnt mit dem ersten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Es steht im Lukasevangelium. Stück für Stück möchte ich es entfalten und herausstellen, dass das erste Wort Jesu am Kreuz uns zu einem guten Leben führen will.

 

Vater

Jesus redet Gott mit Vater an. Jesus sagt einfach Vater zu Gott. Vorher hat Gott Jesus bei seiner Taufe Sohn genannt (Lukas 3,22). Ich habe das Lukasevangelium durchgeblättert und festgestellt, dass der lukanische Jesus Gott wiederholt direkt mit Vater anspricht.

Am auffälligsten ist das beim Vater unser, dem bekanntesten Gebet der Christenheit, wenn nicht des ganzen Erdkreises. Wir haben es nach dem Matthäusevangelium aus der Bergpredigt gelernt, und aus „Unser Vater“, wie es bei Matthäus heißt, wurde das „Vater unser“. In der Feldrede bei Lukas lehrt Jesu seine Jüngerinnen und Jünger einfach Vater zu sagen – ohne jegliches Pronomen. „Vater! Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme!“ (Lukas 11,2)

Weiter fällt auf: Lukas ist der einzige Evangelist, der das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt (Lukas 15). Im Gleichnis ist es der Vater, der den verlorenen Sohn mit offenem Armen wieder aufnimmt, obgleich der Sohn sich vorher von ihm losgesagt hatte. Jesus, der Lehrer in der Synagoge; Jesus, der das Reich Gottes verkündigt in Worten und kraft des Geistes durch Heilungen; Jesus, der in Gleichnissen spricht; der sterbende Jesus am Kreuz und der auferweckte Jesus nennt Gott schlicht Vater. „Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020“ weiterlesen

Erste Hilfe am leidenden Christus? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha, Auf der Suche nach dem überlebenden Christus, Verlag C. H. Beck, München 2019, gebunden, 189 Seiten, ISBN: 978 3 406 73141 9, Preis: 19,95 Euro

Der Ansatz des Buches, den unterschiedlichen Christusbekenntnissen und damit der Erinnerung an den historischen Jesus einmal neu auf die Spur zu gehen, ist sicherlich lohnenswert. Dass der Islam immer noch behauptet, Jesus wäre am Kreuz nicht gestorben, sondern zuvor ausgetauscht worden, muss doch in der Überlieferung irgendeinen Anhaltspunkt haben. Hier taucht beim renommierten Historiker Johannes Fried (geb. 1942) eine Variante auf, die zumindest einmal bedenkenswert ist: Der Lanzenträger von Golgatha rettete den sterbenden Christus, der nicht als tot, sondern als scheintot ins Felsengrab des Josef von Arimathäa gelegt worden ist. Die Evangelien werden nun aber dazu zum einen ins zweite Jahrhundert datiert und ihre Beschreibung der Kreuzigung und Auferstehung als Erzählung christlicher Bekenntnisse und nicht historischer Wahrheiten gedeutet. „Erste Hilfe am leidenden Christus? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019“ weiterlesen

Glauben in der Spätmoderne? Rezension von Konrad Schrieder, Hamm 2018


Rudolf Hubert: Wo alle anderen Sterne verlöschen. Glaube als Zukunftsmodell, Echter Verlag, Würzburg 2018, ISBN 978-3-429-05314-7, 133 S, broschiert, € 14,90.

Welche Bedeutung kann dem Glauben in einer modernen pluralistischen Gesellschaft noch zukommen? Dieser Frage geht Rudolf Hubert, Regionalleiter der Region Schwerin im Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. nach. Dazu lässt er Texte von Hans Urs von Balthasar, Karl Rahner, Reinhold Schneider und Eugen Drewermann sprechen. Die Erfahrung von Ohnmacht im Angesicht von Terror und anderen Katastrophen führt uns unsere eigene Geschichte als eine ständige Entfremdung vom Christentum vor Augen (S. 18 f.). Demgegenüber gilt es, das Christentum als „Anwalt echter Humanität“ (18) wiederzuentdecken. Dies versucht Rudolf Hubert in Abgrenzung zum atheistischen Humanismus, der meint, ohne Gott auskommen zu können und stattdessen das eigene Glücksstreben einer hedonistischen Ethik unterordnet (59, 79, 81).

Existentielle Grenzerfahrungen des Menschen angesichts des Todes und der Theodizeefrage können zu Anknüpfungspunkten für die Rede von Gott werden (60,64). Der Mensch stellt die Frage nach dem letzten Sinn, er ist selbst die Frage (33,88,92). Ja, es ist sogar so, dass der Glaubende einen „bekümmerten Atheisten“, der „vor dem finsteren Rätsel des Daseins“ verstummt, als jemanden ernstnehmen kann, der, auch wenn er Gott leugnet, sich nicht mit Klischees zufriedengibt, sondern eine „unerfüllte metaphysische Sehnsucht“ hat (96). 

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er offen ist für Gott, und wenn er das leugnet, dann widerspricht er sich selbst (95). Dennoch ist Gott nicht nur eine Vorstellung innerhalb des Menschen, sonder sein Gegenüber (41, vgl. 37). 

So kann Rahners Rede vom anonymen Christentum den Weg weisen, dass der Mensch sich nicht narzisstisch-sinnentleert in einer pluralistischen Gesellschaft verliert, sondern durch den Glauben an sich selbst und damit an Gott rückgebunden bleibt. 

Der Glaube transzendiert den Menschen und gibt seinem Leben Sinn. So ist der Mensch keine Funktion oder ein „Vehikel der Gene“, sondern ein „Kind der Liebe“ (88,94). Liebe ist „die Mitteilung der stärksten Kraft, der ein Mensch sich selber verdankt und die ihn zum Menschsein bestimmt“ (67) heißt es bei Drewermann, den Rudolf Hubert immer wieder als zuverlässigen Rahner-Interpreten heranzieht. Dieser Erfahrungshorizont des Geliebtwerdens um lieben zu können wird, Rahners Argumentation folgend, christologisch rückgebunden.

Christus ist als der Logos die trinitarische „Subsistenzweise“ (36 f.), die dazu bestimmt ist, Mensch zu werden. Als solcher ist er „am radikalsten Mensch“ (71) und Brücke zwischen Welt und Gott (vgl. 29, v. Balthasar). Diese Erkenntnis ergibt sich freilich aus der kategorialen Heilsgeschichte, in der sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Darin wird Christus dadurch zum Urtypus des Menschen, ohne dass das transzendentale Geheimnis Gottes dadurch aufgehoben oder vollständig erschlossen werden könnte. Oder mit Rahner: Das liebende Herz Jesu wird zu einem Realsymbol der transzendentalen Wirklichkeit des Menschen (53, gegen die positivistische Position auf S. 28). 

In Christus bleibt der Mensch zwangsläufig auf Gott bezogen. Der Autor zieht daraus die Konsequenz: „Wenn Christus das Geheimnis meines Lebens ist, das Geheimnis jedesmenschlichen Lebens, dann ergeben sich daraus Schlussfolgerungen für die Vermittlung und die Vermittler des Glaubens.“ (35). Es ist die priesterliche Existenz, die paradigmatisch für die Existenz schlechthin ist. Glaube hat etwas mit Einübung zu tun (ebd.), und so wird der Priester zum Mystagogen (101). Gott bleibt ein Geheimnis, und so bleibt auch die Sinnsuche ein Prozess (42), ebenso wie der Glaube nie fester verfügbarer Besitz sein kann (31). Die Erfahrung des Geistes, den Gott in seiner liebenden Selbstmitteilung in die Herzen ausgegossen hat (72) ermöglicht es, in Freiheit (103) das Gnadengeschenk des Glaubens anzunehmen (101), mehr noch, betend die eigenen Grenzen zu überschreiten (71) und dadurch, gegründet auf die Liebe, wirklichfrei zu sein (70) und ein sinnerfülltes Dasein zu führen – fernab von „Selbstüberschätzung, Hybris und falsch verstandener Autonomie“ (37 f.,71).

Rudof Hubert unternimmt in dem schmalen Band den erfreulichen Versuch, die großen Denkansätze des 20. Jahrhunderts in der katholischen Theologie wieder aufzugreifen und für den gegenwärtigen Lebenskontext fruchtbar zu machen, ein Anliegen, um das sich die herangezogenen Theologen stets bemüht haben. Es geht um nichts weniger als die Frage „wann und wo die Rede von Gott überhaupt sinnvoll ist“ (41). Der Glaube als „Vollzug des gläubigen Subjektseins“ (ebd.) ist Existenzweise nicht ein Moment im pluralistischen Konzert der Neuzeit, er ist existentialer Stand-punkt. Als Gegenüber  zu Gott erfährt sich der Mensch im Hören (49,56,103). Um dieses Wort lebendig werden zu lassen, bedarf es heute mehr denn je einer narrativen Theologie aber auch Multiplikatoren in den Gemeinden und der Gemeindeleitung, vor allem aber eines ganzheitlichen Vollzugs von Glauben und Leben (49 f.).

Rahners oft schwer zu verstehende Ansatz (37) hat seinen Ansatz bei der Anthropologie. „Erfahrung“ (41) ist ein transzendentaler Begriff, der im Menschen notwendig angelegt und auf Gott als sein Gegenüber ausgerichtet ist. Dieser katholische Ansatz ist auch – jenseits von Barth und Schleiermacher – für evangelische Christen bedenkenswert, nicht zuletzt auch aufgrund von Tillichs Rede von dem, „was uns unbedingt angeht“.