Daseinsverwandlung, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024

zu: Das Weltgebäude muss errichtet werden. Man will ja irgendwo wohnen von Angela Krauss,

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, Gebunden, 110 Seiten, ISBN: 978-3-518-43118-4, 20,00€ (Print)

https://www.suhrkamp.de/buch/angela-krauss-das-weltgebaeude-muss-errichtet-werden-man-will-ja-irgendwo-wohnen-t-9783518431184

 

Worte als Wohnung 

Eine sehr unaufgeregte, komprimierte, treffsichere, durchdachte und dennoch schöne, nahezu lyrische Sprache begegnet mir in dem schmalen Bändchen von Angela Krauss. Die Autorin ist eine echte Neuentdeckung für mich und dass zu errichtende Weltgebäude klopft an meinen Bücherhimmel an.
Auch geschriebene Worte sind eine Wohnung. Aber selbst Worte entziehen sich wie Erinnerungen: „Sobald ich ein Wort finde, trifft es schon nicht mehr das, was ich erlebt habe.“(32). Der Ich-Erzählerin entwischen Worte, sie verändern sich, fliegen auf und davon. Das geschieht der Erzählerin nicht nur mit Worten, sondern mit allen Dingen, die ihr begegnen. Die Wahrnehmung von Personen und Dingen in Raum und Zeit wird dadurch erweitert. Es gibt immer die Dimension des Möglichen und der Daseinsverwandlung: Träume und Tagträume, Engel und Feen mit denen die Ich-Erzählerin spricht – besonders gern auch mit einer Tänzerin – sind Zwischenräume in Raum und Zeit. Diese Zwischenräume interessieren die Erzählerin und ich vermute stark auch die Schriftstellerin besonders. In den Zwischenräumen geschieht Anrede, dieser Anrede will als reale Möglichkeit in der Welt zu sein, wahrgenommen werden. Das ist raumgreifend und transzendiert das gewöhnliche Verständnis von Raum und Zeit als Messeinheit. „Die Unschärfe des großen Zusammenhangs“(33) schafft Freiheit und ist ein produktiver Zustand. Daraus entwickelt sich immer wieder neue Lebensformen.

Sehnsucht nach Verbindung


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hermann Hesse) Es geht um immer wieder neues Anfangen und sich auf das Leben, gleich ob es Glück oder Unglück bringt, einzulassen. „Anfangen erzwingt ein Hochgefühl“(82).
Der Alltag ist offen für Begegnungen und im Innersten sehnt sich der Mensch nach Verbindung: „Denn immer, wenn ein Mensch da ist, wollen wir ihm begegnen, sonst müsste er nicht da sein“(62). Wir müssen zu unserer Sehnsucht durchdringen, die noch unterhalb der Angstschicht verborgen liegt (63). Die Sehnsucht verbindet die Menschen miteinander, es widerfährt ein Gefühl der Einheit und der Liebe. Im Alltag, z.B.: beim Busfahren, kann es sein, dass eine kurze Begegnung stattfindet und dass zwei Menschen „zehn Minuten lang Freundinnen“ (66) sind.

Heimat


Die Vergangenheit ist vergangen und ragt doch in das JETZT hinein. Im zweiten Teil des Bändchens kreisen die Gedanken der Ich-Erzählerin um Herkunftsorte, um Wohnen und Miteinander leben im Erzgebirge. Da ist der geheimnisvolle Stumpf des verlorenen Fingers der Großmutter (71), die lebendige Erinnerung an den ersten erhaltenen Brief (79), gemeinsames Aufwachsen mit dem jüngeren, wesensverschiedenen Bruder unter einem Dach mit der Mutter. „Im Laufe der Jahre, …, „verlieren diese Erlebnisse nichts an Präsenz, jedoch unmerklich ihre Grenze“(92).

Abschied von der Mutter

Die Autorin nennt das Kapitel, wo die Tochter (Ich-Erzählerin) und Bruder die Mutter beim Weniger-Werden bis zum Sterben begleiten: Heilige Umkleideräume. Wer sich umkleidet steht an einer Schwelle, bereitet sich vor, „um in den weißen Raum zu treten“(105). Selten habe ich ein Kapitel über das Sterben einer vieles bestimmenden Mutter mit so viel gelebter Empathie, Geschwisternâhe und Offenheit für das, was auch jenseits des Sichtbaren geschieht gelesen, wie bei Angela Krauss. Kein Wunder, dass in Sternwarte, dem Ausblick des Bändchens, der Ich-Erzählerin von der Fee zugeflüstert wird: „Wir sterben nicht“(110).

Das Weltgebäude muss errichtet werden

Mit dem Titel nimmt Angela Krauss unzweifelhaft Bezug zu Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab (1). Bei Jean Paul (1763-1825) droht das Weltgebäude einzustürzen, da der Tote Christus sagt: Es gibt keinen Vater-Gott. Bei Angela Krauss soll das Weltgebäude erst errichtet werden. „Man will ja irgendwo wohnen.“
Die Daseinsverwandlung errichtet das Weltgebäude durch eine Punktmutation. „Es handelt sich dabei um eine weltweit gleichzeitig einsetzende Kalibrierung des Frontalkortex durch eine neue Frequenz“(109). Das hat zur Folge, dass der Menschheit neue Fähigkeiten zuwachsen, die zur Errichtung des Weltgebäudes hilfreich sind. Auch wenn Jean Paul und Angela Krauss eine Menge Bauzeit, Zerstörung und Wiederaufbau trennen, sind sie sich einig, dass die Zwischenräume wichtig sind, beide wollen die Welt in der Schwebe halten, beide sehen die Welt voller Geheimnisse: „Die Geheimnisse brauchen keine Anstrengungen zu ihrem Schutz, weil alles Geheimnis ist“(96).

Fazit


Ein ungeheuer lesenswertes Buch, das sich wegen der Fülle von Assoziationen
eignet mehrmals zu lesen. Vielleicht sind Form und Inhalt nicht allen zugänglich. Das macht aber nichts, versuchen kann man es einmal. Beim Lesen musste ich an das unter Theologie in Tübingen Studierende Bonmot über die Philosophie Ernst Blochs des Theologen Jürgen Moltmanns denken. Moltmann war von Ernst Blochs Philosophie der Hoffnung begeistert, kritisierte aber Bloch dahingehend, seine die Welt transzendierende Philosophie der Hoffnung komme ohne Gott aus, dass sei wie Fahrrad fahren ohne Pedale.

Auch wenn Angela Krauss ohne das Wort Gott auskommt, was ich in der literarischen Gattung überhaupt nicht vermisse, spricht sie von Daseinsverwandlung. Ein großes Geschehen. Wie ereignet es sich? Es widerfährt der Welt und dem Einzelnen. Vielleicht ist die Nähe zu dem, was Religion für Möglichkeiten bereithält, von ihr selbst nicht intendiert, aber es scheint mir an diesem Punkt ein Gespräch von Literatur und Religion fruchtbar.

1 Vgl. Link zur Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab

 https://www.projekt-gutenberg.org/jeanpaul/siebenks/siebn141.html

Heidegger im Hochschwarzwald, Rezension von  Christoph Fleischer, Fröndenberg /Ruhr 2024

zu:

Doris Feil: Hochschwarzwald, KJM Buchverlag, Hamburg 2024, Hrsg. In der Reihe: European Essays on Nature and Landscape, hrsg. Von Klaas Jarchow, gebunden, 139 Seiten, mehrfarbige und schwarz-weiße Abbildungen und Karten, ISBN 978-3-96194-235-0, 22,00 Euro (print)

Heideggers Waldhütte in Todtnauberg

Mittelpunkt des Buches ist Todtnauberg, der Ort der Waldhütte des Philosophen Martin Heidegger (1889 – 1976) und zugleich Titel des Gedichts von Paul Celan (1920 – 1970). Das Gedicht reflektiert die Landschaft des Hochschwarzwaldes wie die Begegnung des Dichters mit Heidegger gleichermaßen. Der Dichter und der Philosoph waren jeweils am Werk des anderen interessiert. Heidegger bereitete die Lesung Celans in Freiburg 1967 begleitend vor und lud Celan zu einem Besuch in der Waldhütte ein. Paul Celan, selbst an Botanik interessiert, bat Heidegger zweimal um eine geführte Wanderung in ein Hochmoor, einmal sogar, wie es heißt, bei strömendem Regen. Es ist in der Tat nicht immer leicht, sich zu bei der Lektüre auf Celan oder auf Heidegger zu konzentrieren. Dass Celan sich als Opfer des Nazi-Terrors versteht, zeichnet ihn keinesfalls aus.

Das Buch ist vielschichtig und könnte schon als Einführung in einen Martin-Heidegger-Tourismus gelesen werden, da etliche Orte der Begegnung dazu einladen.

Wintersport oder Naturerfahrung, oder beides?

An zwei Stellen habe ich Bedenken. Zunächst vermisse ich hier die Erwähnung des Winters bzw. Wintersports. Auf einer Homepage über Todtnauberg, Skilifte finde ich folgenden Text: „Egal ob groß, klein, jung oder alt, mutiger Anfänger oder leidenschaftlicher Ski-Profi – es ist für jeden das Passende dabei.“ (https://www.skilifte-todtnauberg.de) M. W. soll Heidegger, der damals Professor in Freiburg war, die Hütte gekauft haben, weil er begeisterter Skiläufer war. Doris Feil erwähnt hingegen Heidegger selbst nicht, wenn sie schreibt: „Von unangetastetem Schnee könnte ich noch sprechen, von dem Gefühl, im Januar ober am Skihang zu stehen…“ (S. 68)

Trotzdem geht es beim Skilaufen bei aller Faszination für die Natur doch eher um Sport unter extremen Bedingungen. Immerhin wird hier nach naturphilosophischen Ansätzen gefragt, die Heidegger in der Hölderlin-Rezeption findet: „Dieses allseitige Bezogensein von Erde und Himmel, Mensch und Gott nennt Heidegger „Geviert“. Nichtentfremdete Naturerfahrung im „Geviert“ könnte zu Seinserkenntnis hinführen. Da das Sein uns aber nach Heidegger durch das „Wesen der modernen Technik“ verstellt ist, kann seine Erfahrung nur indirekt – als Abwesenheit – gemacht werden.“ (S. 91f).

„Hochschwarzwald“als Landschaftsbeschreibung?

Mein zweites Fragezeichen ist die Frage nach der Verortung des Titels „Hochschwarzwald“ im Buch. Ich frage mich eben angesichts der Thematik der Reihe, ob in diesem Buch über Landschaft und Natur wirklich der „Hochschwarzwald“ im Mittelpunkt steht, wie es der Titel suggeriert, oder ob es nicht ausgehend vom Gedicht Celans um eine kritische Betrachtung der Begegnung des Nazi-Opfers Celan mit dem Nazi-Gefolgsmann Heidegger geht. Dass die Autorin diese Zeichnung voraussetzt, ist durchweg deutlich.

Heideggers Nähe zur Nazi-Ideologie wird sogar anhand der 1933 gehaltenen Rektoratsrede verdeutlicht, sogar unter Verwendung des Hitler-Buches „Mein Kampf“. Doch anstelle hier Celans Zerrissenheit zwischen Abscheu und Interesse an Heidegger zu verdeutlichen, kommt die Autorin dann auf Heideggers Hölderlin Rezeption zu sprechen. Zu Celan wird dann biografisch nichts mehr gesagt, aber seine dichterische Intention nachgezeichnet, „Gedichte zu schreiben, die Toten in Erinnerung zu rufen und jede Tendenz zur Flucht in eine geschichtsrelativierende, zeitenübergreifende oder punktuell ästhetische Seinserfahrung, die dem enttäuschten Heidegger bleibt, zunichte machen.“ (S. 93)

Erst danach bezogen auf den Titel lässt sich Landschaft hier natürlich auch kulturell oder sozial verstehen. Hierzu passt das Gedicht Celans „Todtnauberg“ genauso wie die Fahrstrecken und Wanderungen, dazu auch die Städte Freiburg und St. Blasien. Doris Feil, die auch die Fotos beigesteuert hat, folgt den Spuren ihrer eigenen Ausflüge und zeichnet sie nach.

Es ist für die Autorin zugleich eine Rückkehr in ihre eigene Geschichte. Die Hamburgerin (Sachsenwald) hat als Kind eine Zeit lang im Schwarzwald gelebt und die Schule in St. Blasien besucht. So wird das Buch zu einer Dokumentation historischer und persönlicher Spuren einer Landschaft, die nun sicher auch für Besucherinnen und Besucher nachvollziehbarer geworden ist.

Heideggers Ausblick Richtung Frankreich © Dos Feil.jpg
Brunnen vor Heideggers Hütte © Dos Feil.jpg
Heideggers Hüttengrundstück © Dos Feil.jpg

Rezension zu „Drachenjahre“, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024                                                                                            

Zu:

Robert Rother, Drachenjahre. Wie ich sieben Jahre und sieben Monate im chinesischen Gefängnis überlebte, Edel Books – Ein Verlag der Edel Germany GmbH, 2020, ISBN: 9783841906991, Broschiert, Seitenzahl 224, Preis: -antiquarisch erworben-

Wie ein Eisberg – der größte Teil bleibt verborgen

Einleitung
„Ich kann sagen, wie es war, was ich erlebt und gesehen habe. Aber nicht, was ich dachte und fühlte und was ich heute darüber denke und fühle“, schreibt Robert Rother im letzten Kapitel seines Buches. Diese beiden Sätze haben mir geholfen, Rothers Erzählstil besser zu verstehen. Während des Lesens habe ich mich gefragt, warum sind die Geschichten, die einer emotionale Achterbahn gleichen, gleichzeitig so distanziert geschrieben? Warum gehen Robert Rothers Erlebnisse nicht in die Tiefe? Warum kann ich nicht in seine Seele hineinsteigen und miterleben, was Rother durchlebt und durchlitten hat?
Warum darf ich nur den sichtbaren Teil des Eisbergs sehen und nicht seine ganze Tiefe und Größe?

Zweifacher Schutz
Ich glaube, dahinter steckt ein doppelter Schutz. Auch Marketing-Gründe spielen dabei eine Rolle.

Erstens: Wenn es eine Überlebungsstrategie für Robert Rother war gefühlshart – ja gefühlskalt – zu sein, dann ist allein schon das Aufschreiben seiner Geschichte ein therapeutischer Akt, der sicher nicht ungefährlich war. Robert Rother näherte sich durch das Schreiben seinen Gefühlen, ja seinem Unbewussten an, und er schreibt intuitiv über sich selbst, als würde er sich beobachten. Dadurch bleibt er auf eine gute Art auf Distanz zu dem Drachen in ihm und gleichzeitig besänftigt er das Ungeheuer.

Zweitens: Stellen wir uns einen Moment vor, wir wären selbst nur einen Tag in einem chinesischen Drecksloch untergebracht. Was für eine Menge von Gedanken und Gefühlen würden wir durchleben? Aber wie sollten wir das alles mitteilen und versprachlichen? Wir würden sagen: es war schrecklich. Wir würden Äußeres beschreiben – wie es auch Robert Rother in Drachenjahre macht- das innere Erleben mit seinem ganzen Chaos könnten auch wir nur streifen. Letztlich glaube ich, dass wir Leser es auch nicht aushalten würden, wenn ein Mensch uns brutal in sein Innenleben ziehen würde. Wir würden uns verschließen. Nur die wenigsten von uns sind in der Lage mit in die Tiefe hinabzusteigen. Robert Rothers Schutz, schützt auch Leserinnen und Leser.

Heldenreise
Drittens: Auch Vermarktungsgründe haben nicht unwesentlich die Story beeinflusst. Ein Erzähler, der mit seiner Geschichte eine Spannung aufbaut und in überschaubaren Kapiteln seine Erzählung aufteilt, der lässt sich gut auf dem Markt platzieren.
Und wie wir von Robert Rother wissen, will er immer ganz oben mitschwimmen und vor allen Dingen wahrgenommen werden. Böse gesagt: Er will immer Held sein (auch im Knast) – und Drachenjahre ist wie eine Heldenreise aufgebaut. Das funktioniert immer.

Ghostwriter
Die Heldenreise ist aber nicht auf Rothers Mist gewachsen. Ein Profi hat hier mitgeholfen. An dieser Stelle möchte ich ein Lob für Thomas Schmoll aussprechen, Rothers kongenialer Ghostwriter. Die Fülle des Materials, die Erlebnisse und Gedanken Rothers hat Thomas Schmoll sortiert und dem Buch eine gut lesbare Form gegeben. In einfachen, kurzen Sätzen und einer direkten Sprache fesseln die überschaubaren fünfundzwanzig Kapitel. Rothers Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Rück- und Vorblenden. Erst, wer das ganze Buch gelesen hat, stellt fest, wieviel Themen, Lebensphasen und Beziehungen – ja echte Freundschaften – aus dem Leben Rothers angeschnitten werden.

Das Buch setzt sich wie ein Puzzle zusammen. Immer mehr Teile (Kapitel) ergeben ein Ganzes, wobei das Ganze – wie erwähnt -nur der sichtbare Ausschnitt des Eisbergs ist. Die gesamte Korrektur, Struktur- und Redaktionsarbeit sind Thomas Schmoll in Abstimmung mit dem Autor hervorragend gelungen.

Und was ist mit China?
Auch wenn Drachenjahre keine gesellschaftspolitische Analyse des chinesischen Volkes und des kommunistischen Systems sind, bekommt der Leser doch eine Ahnung davon, wie dieses Land funktioniert, wie die Wirtschaft kapitalistisch aufgestellt ist, der Arbeitsdruck enorm hoch ist und die Eliten hemmungslos ausbeuten und absahnen. Ein patriarchaler Kapitalismus unter der diktatorischen Knute der Einheitspartei, das ist China heute. Die Situation in den Gefängnissen spottet jeder Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Wer die (ungeschriebenen) Gesetze verletzt, bekommt die volle Härte des Polizeistaats zu spüren. Robert Rother zeigt aber auch, wie kreative Geschäftsideen im Graubereich der vorhandenen Gesetze in China zu Erfolg führen können. Anerkennung findet, wer Geld-Macht hat. Aus einer langen Tradition der Standesgesellschaft in China ist eine konsumorientierte Statusgesellschaft geworden. Eingehegt wird der Kapitalismus durch Zucht, Ordnung und Willkür der staatlichen Behörden. Die Angst regiert überall und niemand ist gefeit vor den Klauen der Machthaber. Das erfährt man plastisch durch Rothers Erzählen nebenbei. Rother fühlte sich frei, bis das System mit aller Härte durchgriff. Das alles garniert mit einem durch und durch korrupten Gemeinwesen und einer Verachtung von individuellen Menschenrechten und Person-Sein. Auch um das System China zu entlarven anhand seiner Knast-erfahrungen, hat Rother zu Papier und Feder gegriffen.

Eine Pilgerreise
Neben der schon in der frühen Kindheit eingeübten Widerstandskraft gegen eine immer wiederkehrende lebensbedrohende Atemnot, einer ausgeprägten Willenskraft, einer feinen Nase, sich mit hilfreichen Menschen zu umgeben, einer Neugier und Wissbegierde – immerhin hat er sage und schreibe 300 Bücher im Knast verschlungen – steht eine radikale Wahrnehmung seiner Verlorenheit und ein intensives Suchen nach spirituellen Wahrheiten. Robert Rother hat seine verkümmerte religiöse Ader entdeckt, hat seine verdorrte Wurzel genährt und bewässert durch Lektüre Heiliger Schriften und Nachahmung spiritueller Mitgefangener. Das hat zu seiner Konversion geführt. Das Beten und die Neuausrichtung seines Geistes und damit seines Wesens hat ich durch die Wüstenjahre der Haft geführt. In Drachenjahren beschreibt Rother seinen neu gefundenen Glauben in Kapitel 14: „Das ganze hier ist ein pures Geschenk Gottes.“ Auch wenn die Aussage in der Euphorie der Entdeckung geschieht, der Geist ist durch nichts zu beeinträchtigen: „Gott schenkt eine Freiheit, die mir keiner nehmen kann. Mein Geist ist mit seinem Geist verbunden, wie alles mit allem verbunden ist.“ Zugang zu geistigen Wahrheiten findet Rother über die Lektüre des schwedischen Mystikers Emmanuel Swedenborg (1688-1772). Das Glaubenskapitel hat mich besonders angesprochen, weil Robert Rother in einer Extremsituation erfährt, was Glaube bewirkt und welche Kraft aus ihm kommt. Das ist ermutigend. Robert Rother ist im Knast kein religiöser Spinner, sondern ein Liebhaber Gottes und der Menschen geworden. Seine unermessliche Wut auf das Unrecht und auf die sadistische Haltung vieler Wärter hat sich gewandelt, von Rachegelüsten hin zu Vergebungsbereitschaft:

Fazit
Die Drachenjahre von Robert Rother lohnen sich zu lesen. Sie erzählen von der Unverfügbarkeit des Lebens, von Erfolg und Scheitern, von Familie und Kameradschaft, von Schuld und Vergebung, von Liebe und Weisheit.

„Status Confessionis“, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2024

Zu: Dietrich Bonhoeffer, Berlin 1932 – 1933, Dietrich Bonhoeffer Werke, hrsg. Von Eberhard Bethge (+) u. a., Zwölfter Band, hrsg. Von Carsten Nicolaisen und Ernst-Albert Scharfenroth, Chr. Kaiser Verlag 1997, 2. Auflage 2016, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997, ISBN 978-3-579-01882-9, gebunden, 630 Seiten, 128,00 Euro (print)

https://www.penguin.de/Buch/Berlin-1932-1933/Carsten-Nicolaisen/Guetersloher-Verlagshaus/e204686.rhd

Mit dem Titel dieser Rezension steige ich mittendrin ein: In einem Brief an Karl Barth vom 9.9.33, also schon gegen Ende des Berichtszeitraums, heißt es: „Daß der status confessionis da ist, daran kann ja nicht gezweifelt werden, aber worin sich die confessio heute am sachgemäßesten ausdrückt, darüber sind wir uns nicht im klaren.“ (S. 125, Tippfehler „im klaren“ steht so im Text). Laut Anmerkung ist hiermit kein „Bekenntnisfall“ wie etwa im Sinn einer Lehrbeanstandung gemeint, sondern eine „Bekenntnissituation“.

Der Berichtszeitraum wurde ursprünglich mit „1933“ angegeben (siehe Buchumschlag), umfasste aber schlicht zwei Semester der Lehrtätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die er als Privatdozent neben seiner Anstellung als Pfarrer in Berlin ausübte. Der gemeinte Zeitraum beginnt im November 1932 und endet mit dem September 1933. Dietrich Bonhoeffer wechselte in ein Auslandspfarramt in London. Inhaltlich gesehen umfasst der Zeitraum umfasst also die Monate der Machtergreifung Hitlers mit den entsprechenden Konsequenzen wie der Entmachtung des Reichstages und ersten Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden. Dass sich Bonhoeffer klar auf die Seite der Juden gestellt hat, lässt sich z. B. deutlich am Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ ablesen (S. 349-358).

Der Beginn von Bonhoeffers Tätigkeit als Pfarrer in Berlin 1931 fiel zusammen mit der Aufgabe als Dozent an der Humboldt Universität. Im Jahr 1933 war Bonhoeffer, der nun wieder in seiner Heimatstadt lebte, 27 Jahre alt. Er war zudem eingebunden in die Arbeit des Weltbundes der Kirchen. Sein Arbeitspensum muss immens gewesen sein, da er akademische Lehrveranstaltungen und zugleich Gottesdienste und Predigten vorbereitet und durchführte. Politisch engagiert im Sinn einer Partei war er jedoch nicht.

Der Berichtsband „Dietrich Bonhoeffer, Berlin 1932 – 1933“ lädt dazu ein, Texte Bonhoeffers im historischen Kontext zu lesen und dabei seine biografischen Grundentscheidungen kennenzulernen. Das Angebot des Auslandspfarramts nahm er 1933 gerne an, da ihm hin und wieder schon Repressalien des NS-Staates angedroht wurden wie der Entzug der Lehrerlaubnis an der staatlichen Universität.

Die Briefe und Dokumente des ersten Teils (S. 13 – 150) lassen sich sicherlich gut ergänzend zu einer bekannten Bonhoeffer-Biografie lesen.

Der Zweite Teil enthält Dokumente zu „Lehrveranstaltungen“ und wissenschaftliche Texte, die zum Teil auch schon an anderer Stelle veröffentlicht worden sind. Das „Betheler Bekenntnis“, das unter Mitarbeit Bonhoeffers entstand, liegt in einer Synopse der Hauptentwürfe vor. Das endgültig edierte Papier bleibt unberücksichtigt, da Bonhoeffer selbst daran nicht mehr mitgearbeitet hat. Dieser Text gehört sicher in eine biografische Quellensammlung, jedoch war Bonhoeffer hierbei nur Mitautor.

In diesen Texten begegnet uns ein noch sehr junger Theologe, der angesichts der Herausforderungen der Zeit klare Positionen bezieht. Sein späteres Martyrium ist in diesem Berichtszeitraum bereits vorgezeichnet. Man lese nur den folgenden Satz vor dem Hintergrund des späten Gefängnisgedichts „Von guten Mächten“, mit dem Dietrich Bonhoeffer seinen Angehörigen Weihnachtsgrüße übermittelt: „Und dann ist es eben gut, dass es, auch wenn es einem noch so widersinnig erscheinen will, wieder Weihnachten wird und man von neuem dazu aufgerufen wird nun nicht an dem Dunklen und dem Hoffnungslosen hängen zu bleiben, sondern von neuem die Botschaft von dem Licht, das im Finstern scheint,  ernstzunehmen und von hier aus neu zu leben.“ (S. 34).

Die Texte Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahr 1933 sind beileibe nicht nur von biografischem Wert. Hier sind Gedanken und theologische Konzepte angedacht, die bis heute bedacht werden können. Man lese nur den Vortrag „Christus und der Friede“ (S. 232 ff) und denke dabei an die heutigen Schwierigkeiten damit. Hier gilt beides: „Solange die Welt Gott los ist werden Kriege sein.“ (S. 233), Aber auch: „In der „Nachfolge Jesu stehen“ heißt „Zeuge des Friedens zu sein“ (ebd.)

Wer sich mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, wird immer auf eine glaubwürdige und zugleich zeitgemäße Auslegung des Evangeliums stoßen.

Hinweis: Link zu „Das Betheler Bekenntnis“

„Das Kapital“ von Karl Marx verstehen. Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2023

 

 

Zu: Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie, Erster Band, Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals, Originaltext und -paginierung nach der Erstauflage von 1867, Mit einer Konkordanz zur MEGA, Herausgegeben vom Institut für Sozialkritik, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2022, gebunden, Faksimile, 786 Seiten mit Nachwort zur Neuausgabe. ISBN 978-3-86259-149-7, 34,00 Euro (print) (Marx)

und: Aljoscha Bijlsma: Schwierigkeiten bei der Lektüre der Erstauflage des Kapitals. in: Sans Phrase, Zeitschrift für Ideologiekritik, Heft 21, Winter 2023, ça ira-Verlag, Freiburg 2023, ISBN 978-3-86259-921-9, Preis: 20.00 Euro, im Abo 15,00 Euro, S.237 – 258 (Bijlsma)

Warum die Erstauflage des „Kapitals“ lesen?

Die kommentierende Rezension von Aljoscha Bijlsma in der Zeitschrift Sans Phrase weicht ein wenig vom Nachwort des Herausgeberkreises in der Faksimileausgabe des „Kapital“ ab. Während dieser die Lektüre der historischen Erstauflage geradezu empfiehlt und gegenüber jeder Sekundärliteratur vorziehen will, betont jener die Schwierigkeiten der Lektüre.

Einleitende Bemerkungen.

Ein Faksimile kann eine fortlaufende Kommentierung nicht bieten. Stattdessen lädt es m. E. dazu ein, das Kapital von Karl Marx als historische Quelle zu lesen. Über die Wirkungsgeschichte kann man dabei auch ein wenig hinwegsehen, da diese schlicht nicht Thema sein kann.

Karl Marx ist am 5.5.1818 geboren und hat demnach erst mit knapp 50 Jahren die Arbeit an seinem Hauptwerk begonnen. Außer diesem hier vorliegenden Band wurden die anderen Bände von Friedrich Engels (1820 – 1895) nach einer letzten Bearbeitung herausgegeben.

Aljoscha Bijlsmas Aufsatz ist mehr als eine Rezension, bietet vielmehr die im Faksimile fehlende Einleitung über die Bedeutung dieser Marx-Ausgabe als Quelle und Denkanstoß. Er fragt die Leserinnen und Leser damit: Sollte man nicht doch die Denkbewegungen der ersten Schritte des Marxismus wieder aufgreifen und an die inhaltlichen Grundschritte marxistischen Denkens neu heranführen? Hierbei wird auch auf die Entwicklungen des philosophischen Denkens im 19. Jahrhundert hinzuweisen sein.

Als die erste Ausgabe des Kapitals erschien, war der Hegel-Schüler Kierkegaard schon fast 20 Jahre tot und Friedrich Nietzsches Bücher noch nicht geschrieben. (d. Rez.)

Worauf Karl Marx aufbaut.

Die Frage muss sein: Was hat Friedrich Hegel und mit ihm der gesamte Idealismus geleistet, dass man darauf die Kritik einer politischen Ökonomie aufbauen konnte. Aljoscha Bijlsma stellt fest: „Hegel nimmt das Opfer des Einzelnen nicht nur hin, sondern affirmiert es als seine höchste Pflicht:  Der Einzelne soll im Opfer noch sein Selbstbewusstsein gewinnen; (…)“ (Bijlsma, S. 252). Die Anknüpfung daran muss bei Marx nun zur wissenschaftlich zu begründenden Gegenbewegung werden, die im Grunde noch einem ähnlichen Denken verbunden bleibt. „Dass der Tausch von Arbeitskraft gegen Geld (Lohn) zwar dem Äquivalenzprinzip entspricht, ihm zugleich aber auch nicht entspricht und denjenigen, der nur seine Arbeitskraft feilbieten kann, eben um den Mehrwert ‚betrügt‘ ist für Max an dieser Stelle der Gegenstand des ersten Bandes.“ (S. 255).

Wertformanalyse, was ist das eigentlich?

Doch zuletzt lässt dieser Kommentar sogar offen, ob die Lektüre der Erstauflage des ersten Bands des Kapitels von Karl Marx wirklich die erste Wahl ist (s. S. 258), wie es noch emphatisch im Nachwort des Faksimiles behauptet wird. Leserinnen und Leser müssen sich dort nämlich durch die ersten Schritte hindurcharbeiten, die Marx Wertformanalyse nennt. Die Begründungen zum Mehrwert sind nämlich erst dann möglich, wenn verstanden wird, was Wert in der Wirtschaft überhaupt ist.

Kein „Mehrwert“ ohne „Arbeit“!

Die Bedeutung der Arbeit schwingt allerdings schon von Anfang an mit: Waren sind „materialisierte Arbeit“ (Marx, S. 4). Der Maßstab dafür ist die Produktivkraft (Marx, S. 5).

Ohne stofflichen Reichtum keine Arbeit, ohne Arbeit kein stofflicher Reichtum. (vgl. Marx, S. 9). Man spürt förmlich, wie Marx noch um die Erfassung der Begrifflichkeit ringt, dabei wird doch nur in Theorie gefasst, was in der Praxis längst vorliegt (man lese nur z.B. Marx/Engels: Das Manifest… erschienen 1848) (der Rez.)

Beispiele der Lektüre

Im Verlauf dieser „Wertformanalyse“ werden die Begriffe dazu ausdifferenziert: Die einzelnen Gewerke z. B. von Handwerk und Industrie werden als „Verwirklichungsform menschlicher Arbeit“ betrachtet. Daher erhielt darin die Arbeit ihre Funktion für die Gestalten des Wertes.“ (vgl. Marx, S. 27).

Hier ist auch bereits von Arbeitsteilung die Rede. „Hier entsteht der Waarencharakter der Arbeit.“ (Schreibweise im Original, Marx, S. 32). Sobald die Menschen in irgendeiner Art und Weise füreinander arbeiten, erhält die Arbeit auch eine gesellschaftliche Form (vgl. Marx, S. 36). Dass dafür auch die Religion sinnstiftend ist, kommt in einer Nebenbemerkung vor: Das Christentum ist die Religion, die, namentlich im Protestantismus, „mit seinem Kultus des abstrakten Menschen“, die passende Religion zur Vergegenständlichung der Arbeit ist. (vgl. Marx, S. 40).

Doch das bleibt eine Nebenbemerkung. Marx wird im weiteren Ablauf dieser ersten Studie darauf eingehen, dass die menschliche Arbeit die Gewinnung von Kapital erst ermöglicht, da sie die Entwicklung des Wertes ermöglicht, der im Warenhandel zum Preis wird.

Diese kurze Skizze sollte zeigen, dass die Lektüre des Kapitals in der Urfassung auch als philosophische oder theologischer Fragestellung lohnt, gerade weil in dieser ersten Auflage noch die Grundlagen der Gedanken und Referenzen dargestellt werden, die vielleicht in späteren Auflagen weggekürzt worden sind.

Fazit:

Wäre nicht in der aktuellen Diskussion mancher Aspekt dieser Ökonomie noch einmal aufzuarbeiten? In der Wirtschaftsdebatte heißt es oft: Das sollten wir nicht den Chinesen überlassen. Der alte Gruß der Arbeiterklasse ist in China noch präsent, dass konnte ich der Fernsehübertragung des Volkskongresses entnehmen.

Die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation ist laut Marx ein „naturgeschichtlicher Prozess“ (Einleitung, S. XI). Ist es nicht gerade in der Zeit der „letzten Generation“ eine lohende Frage, die Zerstörungsgeschichte der Erde und ihre mögliche Rettung auch danach zu befragen? Die Kapitalisierung der menschlichen Arbeit ist demnach der Anfang dieser Zerstörung. Das besser zu verstehen, dazu sollten wir auch heute noch Marx in seinen Grundaussagen zur Kenntnis nehmen.