Museum am Dom, Würzburg, Bericht von Joachim Leberecht

Besuch des MAD

Anfang des neuen Jahres 2026 habe ich das MAD, das Museum am Dom in Würzburg, besucht. Es war nicht mein erster Besuch des noch jungen Diözesanmuseums (2003). MAD hat sich zum Ziel gesetzt alte und neue Kunst miteinander ins Gespräch zu bringen. Um einen Rundgang durch die Ausstellung für die Besucher*innen interessant zu machen, wurde das Büro bungalow beauftragt Konzept und Design für einen Ausstellungsrundgang zu entwickeln. Das Ergebnis hat mich überzeugt. Zu den Themenfeldern Zeitreisende*r, Philosoph*in, Kunsthistoriker*in und Handwerker*in wurden zweisprachige (deutsch/englisch) Guides aufgelegt. Die einzelnen thematischen Begleithefte bieten neben einer Gesamtübersicht der Ausstellung in ansprechendem Design Informationen zum Kunstwerk, zur Biographie des/der Künstler*in und im Fall der PHILOSOPH*IN, meiner Wahl, existentielle Fragestellungen zum Weiterdenken. Im besten Fall kommt es zu Vertiefung und zu einer interessanten wechselseitigen Wahrnehmung von religiösen und philosophischen Fragestellungen. Ich habe selten eine kirchliche Ausstellung erlebt, der es kunstpädagogisch gelingt, das moderne Lebensgefühl zu versprachlichen und damit eine existentielle Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk anzuregen. Dabei wird das Kunstwerk nicht theologisch verzweckt, sondern es spricht für sich selbst. Diese Freiheit der Kunst im religiösen Kontext ist bei MAD das leitende Konzept. Nichts ist hier bieder oder verstaubt, nichts verengt, sondern auf Weite hin ausgestellt.

Anhand von vier der zehn Exponate, die das Begleitheft Philosoph*in näher in den Blick nimmt, will ich einen Eindruck vermitteln.

Bild 1 Begleitheft Philosoph*in

Girl with a Knife 2006 (Nina Sten-Knudsen)

Den Gegensatz von Ferne und Nähe, Weite und Isolation beschreibt das monumentale Gemälde Girl with a Knife der dänischen Künstlerin Nina Sten-Knudsen. Im Vordergrund der sich scheinbar ins Unendliche weitenden Landschaft malt die Künstlerin eine Frau, deren verweilender Blick auf ein (scharfes?) Messer in ihrer offenen Handfläche fällt. Neben der Beschreibung des Bildes stellt die Philosph*in folgende Fragen: „Was geht da in ihr vor? Warum enthält die ansonsten ruhige Darstellung plötzlich diesen Aspekt einer Gefahr? Ist diese real oder nur vorgetäuscht?… Ist das Messer als Symbol für die innere Verfasstheit der Figur zu deuten? Wie aus dem Nichts entsteht eine magische Atmosphäre, wird der Bildraum zum Lebensraum, zu einem Raum offen für Deutungen.“ (Seite 6)

Bild 2 Begleitheft Philosoph*in

Abziehendes Gewitter 1987 (Wolfgang Mattheuer)

Wer heute ein Zeichen setzen will gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, greift zum Symbol des Regenbogens. Der Regenbogen mit seinen bunten leuchtenden Farben öffnet Zukunft. Er steht einem: „Sollen wir immer alles schwarz sehen?“ (Seite 9) entgegen. Das Dunkle wird nicht geleugnet. Es ist mit im Blick, aber es verzieht sich. Die dunkle schwarze Farbmasse „wandelt sich plötzlich auf der rechten Seite zu einer lebensspendenden Erscheinung zarter, rosafarbener Blüten. Frisches hoffnungsvolles Grün durchbricht die trostlose Dunkelheit. Altes und Neues stehen sich gegenüber.“ (Seite 8)

Bild 7 Begleitheft Philosoph*in

Cast Iron Cross Egg 2002 (David Nash Esher)

„Das Kreuz, welches sich öfters in seinen Werken finden lässt, nur als religiöses Werk zu verstehen, wäre zu kurz gedacht. Vielmehr sind es für ihn zwei Linien, die einen Punkt ergeben, oder vier, die von einem Zentrum ausgehen. Gleichzeitig markiert man mit einem Kreuz auch ein Verortetsein auf einer Karte, kreuzt etwas an oder addiert bzw. multipliziert mit dem Zeichen.“ (Seite 18)

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Tod oder Leben? Was sind die Pole unseres Lebens? Werden und Vergehen? Gesetz und Autonomie?

Bild 8 Marienkrönung

 

Marienkrönung um 1510 (Tilmann Riemenschneider)

Theologischer Ausgangspunkt ist die Fragestellung, ob die Auferstehung auch für die sterblichen Gläubigen gilt. Das wird in der katholischen Glaubenslehre in der Dogmenentwicklung/Inszenierung von Maria eindeutig bejaht. In unserer Holzfigurengruppe wird Maria von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, (beide gleichaussehend!) bekrönt und damit „in die göttliche Familie einbezogen und hat [leiblich] Teil am ewigen Leben.“ (Seite 20)

Interessant zur figürlichen Darstellung von Gott, dem Vater, trotz des Bilderverbots, sind geschichtliche Anmerkungen im Begleitheft: Durch Bibelauslegung „taucht Gott als Alter an Tagen (Dan 7,9) und damit in der uns bekannten Weise als älterer Mann mit Bart seit dem 12./13. Jahrhundert auf. Doch konnten Künstler bis ins 14. Jahrhundert vereinzelt noch dafür bestraft werden. Im späten Mittelalter wurde Maria im Volksglauben bisweilen sogar als vierte göttliche Person dargestellt.“ (Seite 21)

Joachim Leberecht

Kritik im Rahmen der Kommunikation, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu:

Andreas Blessing, Philipp Barth: Kritisches Denken einfach erklärt, Edition Transkript, Transkript Verlag Bielefeld 2025, Paperback 120 Seiten, ISBN: 9 78-3 8376-7 435 – 4 (Print), Preis: 20,00 €

Die Forderung nach Kritik ist in unterschiedlichen Weltanschaulichen oder kommunikativen Situationen verschieden. Heute ist es das Internet oder besser gesagt die Informationsvermittlung der sozialen Netzwerke, die nach einer neuen und ausgeprägten Fähigkeit zu kritischem Denken verlangt. Dabei ist die Fähigkeit zur Kritik in der Gesellschaft gar nicht gut ausgebildet, weil alle wahrscheinlich versuchen einen Mittelweg zwischen Misstrauen und Vertrauen zu gehen.

Für mich als etwas älterem Zeitgenossen, kommt dabei der Umgang mit Kritik in den Sinn, der nach gesellschaftlicher Mitwirkung verlangt und der manchen gesellschaftlichen Institutionen unterstellt, Kritik nicht zu wünschen oder abzuwiegeln. Die Gegenbewegung dazu hat sich immer auf die Philosophie in der Nachfolgte Kants, Nietzsches und Marx berufen. Doch hiervon hat sich der Begriff des „kritischen Denkens“ in der Nachfolge entfernt.

Der Begriff kritisches Denken wird hier pragmatisch gebraucht und gehört eher in die Wissenschaftstheorie und die praktische Anwendung. In diesem Buch sind ein naturwissenschaftlicher und psychologischer Ansatz kombiniert. Andreas Blessing, geboren 1977, ist promovierter Psychologe, arbeitet in der Schweiz und lebt in Konstanz. Er veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten z. B. über Demenz und über Wissenschaftskommunikation. Philipp Barth geboren 1981, ist diplomierter Physiker, promovierter Biologe und lehrt an der ETH Zürich über „kritisches Denken als Kompetenz“.

Positiv gesagt wird kritisches Denken durch eine Aufzählung von Kriterien definiert. Denken unterliegt immer auch einer Flexibilität: „Wer denkt, kann seine Meinung ändern.“ (Seite 11) Dieses setzt demnach also die Bereitschaft zur Selbstkritik voraus; kritisches Denken verlangt die Begründung einer Aussage. Kritisches Denken gehört zur Kommunikationskompetenz, die eigentlich alle erreichen möchte. Doch nach dem Motto „grau lieber Freund ist alle Theorie“ zeigen sich die Hauptprobleme in der Anwendung kritischer Kommunikation im Alltag. Die positiven und kritischen Voraussetzungen guter Kommunikation werden in diesem Buch behandelt.

Das Buch teilt den Diskurs in 30 kleine Kapitel ein, die jeweils einen einzigen Gesichtspunkt der denkerischen Aktivität behandeln. Wissenschaftstheoretische im Allgemeinen oder philosophiegeschichtliche Diskurse spielen keine Rolle. Kritik ist also hier kleine weltanschauliche Idee, sondern die Pragmatik des Denkens überhaupt.

2 Beispiele: „Das logisch gültige Argument ist das Fundament der Rationalität.“ (Seite 19) Beispielsätze zeigen, dass Beobachtungen, inhaltliche Voraussetzungen und logische Schlüsse zueinander passen müssen. Die Frage von Weltbildern scheint einen subjektiven Aspekt zu zeigen. „Fest steht auch, dass wir von selbst bewusst entscheiden, und selbst dann unbewusste Prozesse eine entscheidende Rolle spielen“ (Seite 27).

Ein anderes Beispiel ist das, worin unsere Voraussetzungen und unsere Erfahrungen übereinstimmen. „Unsere Wahrnehmung wählt das aus, was die Verarbeitung von Informationen vereinfacht. Und das ist das, was mit unserer Weltanschauung übereinstimmt.  (Seite 31).

Diese Anfangszitate machen hoffentlich neugierig auf eine Mischung wissenschaftlicher Beobachtungen und Schlüsse, kombiniert mit Alltagsbeispielen und einfachen Anwendungen kritischen Denkens. Das Buch sollte nicht im Alltag der Universität vorbehalten bleiben.

Der Umgang mit Kommunikation braucht tatsächlich eine allgemeine Kompetenz an kritischem Denken. Aber sind wir dieser Notwendigkeit überhaupt gewachsen? Es ist zu wünschen, dass dies nicht nur an Universitäten, sondern auch in allen Schulformen gesehen und praktiziert wird.

Das Geheimnis von frühmittelalterlichen Glaubenszeugnissen in Religion, Kunst und Literatur, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

zu:

Tobias Daniel Wabbel: Jesus und der heilige Gral, Auf der Suche nach dem Abendmahlskelch, Bassermann Verlag im Penguin Random House Verlag, München 2025, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-8094-5123-5,

Preis: 9,99 Euro (print), eBook (Amazon), 6,99 Euro

Während es bei anderen Büchern Tobias Daniel Wabbels (Der Templerschatz, 2020 und Die Templerkathedrale 2023) um die verlorenen Schätze des Templerordens geht, spürt er hier die Ursprünge historischer und religiöser Erzählungen auf und unterzieht sie einem Wahrheitscheck.

Wie präsent kann Jesus heute sein?

In einer Zeit, in der das Leben und Wirken Jesu und der frühen Gemeinden schon über 1000 Jahre zurücklag, kam eine ungeheure Nachfrage nach Gegenständen auf, die die Erzählungen der Bibel vergegenwärtigen konnten und auf eher primitive Art beweisen sollten. Wie viele Nägel des Kreuzes Jesu und dessen Holzsplitter, wie viele Blutstropfen, Lanzen und Tücher konnten die Wahrheit der biblischen Botschaft verdeutlichen?

War etwa der schlichte Kelch des Ludgerus, der heute in der Schatzkammer in Essen-Werden ist, schon in der Hand Jesu beim Abendmahl (Bild 1 des Rezensenten)?

Um die Umstände des Abendmahls und ihre glaubwürdige Überlieferung besser bewerten und verdeutlichen zu können, orientiert sich der Autor am Ablauf der jüdischen Festmahlzeit, gleichwohl wissend, dass diese im Talmud erst später schriftlich notiert worden ist. Wie viele Theologinnen und Theologen nimmt er einfach an, dass dieser Ablauf schon eine längere Tradition besaß und daher auch für die begleitende Mahlzeit vor Jesu Kreuzigung vorausgesetzt werden kann. Vielleicht war der Kelch ja dann auch schon früh aufgefunden worden und in Jerusalem, dem Ort der späteren Grabeskirche sicher verschlossen bewahrt worden. Aber, stopp, Tobias Daniel Wabbel betont damit auch zu Recht, dass mit sogenannten Sedermahl vier verschiedene Kelche eine Rolle spielen, wobei über dreien der Segen gesprochen wird und der vierte der neuen Mahlzeit nach der Vollendung des Reiches Gottes vorbehalten bleibt.

Dann hätten es also mindestens drei verschiedene Kelche gegeben, die Jesus in der Hand hatte. Hierzu findet sich ein liturgischer Kamm, der sehr detailliert aus Elfenbein geschnitzt ist in der Domschatzkammer des Essener Münsters. (Foto des Rezensenten). Dort ist sind auf der Darstellung des Abendmahltisches 12 Jünger mit Jesus versammelt und zur Mahlzeit kommen auf den Tischen verteilt insgesamt vier Kelche zum Einsatz.

Wer oder was ist der Heilige Gral?

Warum ist dann aber trotzdem von dem einen heiligen Gral die Rede? Nach den Nachforschungen des Wissenschaftsjournalisten Wabbels war dieser Kelch, bzw. diese Schale überdies keineswegs aus Metall geformt, sondern aus einem Edelstein geschnitzt worden. Was die Sache dann noch kompliziert macht, ist, dass die Leserinnen und Leser nun einen Gegenstand suchen, mit dem bei der Kreuzigung Jesu das Blut Jesu aufgefangen worden sein soll. Dazu findet Tobies Daniel Wabbel viele noch erhaltene Kirchenausmalungen von Schottland bis Dänemark, wozu damals auch noch die Insel Rügen gehörte. Dorthin führte zuletzt die Erkundungsreise, in die der Autor die Lesenden führt. Hier findet er auch den Namen Graal/Gral, meist mit zwei „a“ geschrieben in diversen Ortsnamen wie Graal-Müritz und anderen.

Um mehr über den heiligen Gral zu erfahren, werden dazu im Mittelteil des Buches die Gralslegenden und Gralsbücher über König Artus von Chretién de Troyes und Wolfram von Eschenbach und dessen Hauptgestalt Parceval oder eingedeutscht Parsival angeführt.

Die Frage ist, ob es bei so vielen unterschiedlichen Hinweisen und Bezügen eine einheitliche Antwort geben kann und ob das Ergebnis des Buches gerade darin liegt, dieses Dilemma festzustellen. Der Volksmund sagt ja zu Recht, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Ein Weg wäre es vielleicht, die ganze Thematik der christlichen Traditionsgeschichte zuzuordnen und dann festzustellen, dass es den einen Kelch gar nicht mehr geben kann. Doch dieses Fazit lässt der Autor offen, sondern weist lediglich darauf hin, dass wir durch unsere Suche selbst der Gestalt des Gekreuzigten näher gekommen sind, um dann zugleich festzustellen, dass sich eben nicht mehr alles in eine andere Zeit übertragen lässt.

Die Spannung zwischen Wort und Erfahrung.

Hier käme m. E. die Religion in Spiel, die anhand der biblischen Überlieferung Inhalt und Erzählung vergegenwärtigt, ohne damit zugleich zu behaupten, dass man genau weiß, wie es damals wirklich war. Dann wird die Wahrheit in der Gegenwart erfahrbar, ohne beweisen zu wollen, was damals geschah. Ich gebe Tobias Daniel Wabbel darin recht, dass sich schon vergangene Generationen an der Tradition abgemüht haben und sie in ihren jeweilig eigenen Kontext gestellt haben. Diese Vorgänge aufzuspüren in Literatur, Kunst und Religion ist wahrlich spannend. Und ist nicht eben genau dieses die Wahrheit der Auferstehung Christi, die uns fassungslos am leeren Grab stehen lässt, mit nichts anderem als der Zusage, dass Jesus immer da ist, wo wir an ihn denken, mit und ohne Kelch.

Religion (setzt) in Bewegung! Ausstellungsbericht von Dr. Vera und Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto 1 Werbeplakat PRAYMOBIL, Joachim Leberecht

Playmobil wer kennt sie nicht, die kleinen Plastikfiguren, die seit gut 50 Jahren in vielen Kinderzimmern zu finden sind? Ganze Welten lassen sich damit phantasievoll gestalten, ganze Epochen nachspielen”. Mit dem Titel seiner neuesten Ausstellung, Praymobil, knüpft das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen bewusst an diese Erfahrung an: Beweglichkeit, sinnliche Erfahrung und Spiel sind in dieser Schau verknüpft mit religiöser (Gebrauchs-)Kunst.

Bewegte Bildwerke

Die Ausstellung zeigt 80 Exponate, darunter 70 Leihgaben, davon viele aus Tirol und der Schweiz. Vor allem im Alpenraum sind etliche mit den gezeigten Werken verbundene Bräuche noch lebendig. So gibt Praymobileinen lebhaften Eindruck davon, wie Kunst und religiöses Brauchtum zusammenkommen. Diese Zusammenstellung ist insofern einzigartig, als noch nie so viele, auch seltene, bewegte Bildwerke zu sehen waren.

Im Spätmittelalter, aus dem die meisten Ausstellungsstücke stammen, wurde mithilfe beweglicher Elemente versucht, eine Illusion des Lebendigen herzustellen. Bei einem Jesus am Kreuz (Foto 2) Christus mit beweglichen Armen) können Kopf, Kinn und sogar die Zunge bewegt werden und das Bluten aus der Wunde in der Seite dargestellt werden. Das Karfreitagsgeschehen konnte auf diese Weise besonders realistisch nachvollzogen werden. Durch ihre ebenfalls beweglichen Arme konnte die Figur nach dem Gottesdienst sogar vom Kreuz abgenommen, Maria in den Schoß und anschließend in ein Grab gelegt werden.

Spielen mit dem neugeborenen Jesuskind

Neben beweglichen Christusfiguren sind Himmelfahrtsgruppen zu sehen: Dabei konnten Jesus oder auch Maria durch ein Loch in der Kirchendecke (das Heilig-Geist-Loch”) hochgezogen werden. Auch das kleine Christuskind ist in zahlreichen Ausführungen ausgestellt. Gezeigt werden schwangere Marienfiguren, denen zu Weihnachten das kleine Baby aus dem Bauch genommen werden konnte. (Foto 3 Maria mit Bauchkasten).

Für das Baby gab es eine ganze Reihe von Möbeln; es konnte in Wiegen gelegt oder auf Kissen, Stühle oder der Mutter Maria auf den Schoß gesetzt werden. Diese Figuren waren besonders in Frauenklöstern beliebt und wurden den zum Teil sehr jungen Novizinnen zur Pflege anvertraut.

Die Ausstellung versucht erfolgreich ein Crossover von Kunst, Brauchtum, bildendem Theater, Musik, Performance und Gebrauchsgegenständen. Und Gebrauchsgegenstände sind die gezeigten Stücke im doppelten Sinn: Zum einen wurde die Kunst teilweise intensiv genutzt (beispielsweise indem Kinder sich an Palmsonntag zu Jesus auf seinen hölzernen Esel dazusetzen durften) (Foto 4 Jesus reitet auf einem Esel) und hat auch entsprechende Gebrauchsspuren. Zum anderen wurde sie auch gebraucht, um Glauben/Religion erlebbar und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen. Die sinnlich-spielerischen Aspekte von Kunst bzw. religiösen Gegenständen und deren interaktiver Gebrauch stellen eine Verbindung her zwischen den Menschen damals und uns heute.

Perspektivwechsel

Den Ausstellungsverantwortlichen ist es ein Anliegen, durch immer wieder neue Perspektivwechsel auf (mittelalterliche) Kunst die Relevanz von Kunst für die Menschen von heute zu erhalten. Dabei verschieben die Kuratoren Michael Rief und Dagmar Preising in ihrem Beitrag Handelnd oder bewegt? im Ausstellungskatalog (S.18-20) den von Peter Jetzler seit 1983 in die kunsthistorische Literatur eingebrachten Begriff von „handelnden Bildwerken“ in „bewegte Bildwerke“. Aus unserer Sicht greift der Begriff bewegte Bildwerke  für das rituelle Nachspielen der Passionshandlung zu kurz, denn hier ist doch Christus der Handelnde. Vielleicht wird zukünftig unterschieden zwischen handelnden Bildwerken und bewegten Bildwerken. Für beides gibt es gute Argumente.

Für uns persönlich wirft die Ausstellung vor allem die Frage auf, wie die Relevanz von Religion und Glauben für die Menschen heute weiterhin erhalten bleiben und immer wieder neu vermittelt werden kann. Ähnlich wie die Kunst muss schließlich auch der Glaube immer wieder aktualisiert und mit dem eigenen (Er-)Leben verbunden sein, damit er uns Menschen im wahrsten Sinn des Wortes bewegt.

Praymobil geht es nicht um eine Zur-Schau-Stellung von Kuriositäten (auch wenn von befremdlich” über unfreiwillig komisch” bis süß” einiges zu entdecken ist). Wer sich darauf einlässt, wird zum Nachdenken über den eigenen Glauben angeregt: Was verbindet mich mit den Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Wo will ich vielleicht keinen blutenden Jesus mehr sehen; aber wo ist mir die vertraute große Krippe in der Kirche doch lieb geworden und lässt mir die frohe Weihnachtsbotschaft extra nahekommen? Spannende Anstöße, die die Ausstellung gleichzeitig spielerisch und mit Potential auf Tiefgang gibt.

Wann und wo?

 

Praymobil ist im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, Wilhelmstr. 18, noch bis zum 15. März zu erleben. Neben einem normalen Museumsbesuch können auch Führungen durch die Ausstellung gebucht werden.

 

Einen besonderen Eindruck von der Wirkung der ausgestellten Kunst gibt eine musikalische Aufführung der spätmittelalterlichen Wolfenbüttler Marienklage am 22.2.26 in St. Adalbert in Aachen (https://ordovirtutum.de/marienklage/).

 

Dem reich bebilderten, informativen Katalog ist im besten Sinne anzumerken, dass die konzeptionell aufwändige Ausstellung durch eine jahrelange Vorlauf- und Planungsphase gegangen ist. Er ist im Paul Imhof Verlag erschienen und für 49,95 Euro im Museum erhältlich.

 

Mehr als nur Ortsgeschichte, Pressehinweis, Hartmut Hegeler, Unna 2025

Hartmut Hegeler: Rittersitz in Unna-Massen. Geschichte des adligen Rittergeschlechts von Romberg und Haus Massen.
Schriftenreihe der Stadt Unna 66. Stadtmarketing Unna, 2025, ISBN 978-3-927082-70-0
Hardcover 24,90 €

Das neu erschienene Buch von Hartmut Hegeler beleuchtet auf 298 Seiten die Geschichte von Haus Massen und der adeligen Familie von Romberg von den Anfängen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Erstmals liegt hiermit eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte des Rittersitzes dieser evangelischen Adeligen und ihrer Familien vor. Diese wird eingebettet in die Zeitgeschichte der Stadt Unna und der Historie der Grafschaft Mark. Diese Aristokraten gehörten zu den wohlhabendsten Familien in Westfalen, verkehrten mit den einflussreichen Personen ihrer Zeit und vermehrten durch geschickte Heiratspolitik Einfluss und Besitz. Doch sie waren auch von den Schattenseiten des Schicksals betroffen, von Krieg, Bankrott, Wahnsinn und Mord.

Viele Grabsteine in der Stadtkirche zeugen von ihrem Einsatz. Als der Kirchturm des evangelischen Gotteshauses in Unna am 4. Juni 1559 während des Nachmittagsgottesdienstes durch einen Blitzschlag entzündet wurde, ließ ihn die Freifrau Grude von Haus, Witwe von Bernd von Romberg, auf ihre Kosten wieder aufbauen. Seit der Zeit besaß die Familie von Romberg ein besonderes Läuterecht in der Kirche zu Unna. Zwei Kirchenbänke mit je vier Sitzen gehörten dem Rittergut Massen und standen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Stadtkirche.

Die Geschichte des Hauses Massen reicht weit über lokale Heimatgeschichte hinaus. Der berühmte Pfarrer Philipp Nicolai beschrieb in einem bis dato unbekannten Brief vom 14. April 1586 in bewegenden Worten die Rettung der Evangelischen in der Schlacht von Schwelm durch den „Romberger“ von Haus Massen.

Urkunden, Akten und erschütternde Quellen werfen neues Licht auf das Schicksal von dem Rittersitz Haus Massen. Die Historie der Adelsfamilie wird angereichert durch umfangreiches Bildmaterial (u.a. Abbildungen, Wappen, historische Karten) sowie genealogische Quellen. Ein Index erschließt Namen von Personen und Orten.

Hartmut Hegeler, Pfr.i.R., hat zahlreiche historische Arbeiten zur Geschichte der Frühen Neuzeit und zur Lokalgeschichte veröffentlicht.