Bonhoeffers Denken bleibt lebendig, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Rezension zu:

Kirche und Wahrheit, Im Auftrag der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion e. V., hrsg. Von Matthias Grebe, Nadine Hamilton, Karsten Lehmkühler und Gunter Prüller-Jagenteufel, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025 , Paperback, 233 Seiten, ISBN (print) 9783374079513,

Link: https://www.eva-leipzig.de/de/grebe-hamilton-lehmkuehler-preller-jagenteufel-kirche-und-wahrheit

Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, kurz „ibg, deutschsprachige Sektion“ geht mit dieser Veröffentlichung einen neuen Weg. Waren die Vorträge der Jahrestagungen in den vergangenen Jahren im Rundbrief der Gesellschaft ibg veröffentlicht worden, so hat man diese nun in eine gesonderte Publikation ausgegliedert, die zwar extra Geld kostet, aber durch die Erscheinung am Buchmarkt eine größere auch wissenschaftliche Öffentlichkeit erreicht. Dieser Publikation sei gewünscht, dass sie dort nun auch die Aufmerksamkeit bekommt, die sie und Dietrich Bonhoeffers Denken selbst verdient.

Tagungsbeiträge 2023 und 2024

Wenn der Buchtitel nun die beiden Themen der jeweiligen Tagungen in einen einzigen Satz verbindet, so sei nun aber nicht etwa nach einem inhaltlichen Zusammenhang der Begriffe Kirche und Wahrheit gefragt. Mehr als eine Zusammenstellung der Tagungsbeiträge ist das Buch allerdings nicht.

Verwenden Sie bitte den oben genannten Link zum Verlag, um die Leseprobe zur Kenntnis zu nehmen, die das Inhaltverzeichnis, die Vorbemerkung und die Einleitung enthält! Da die Einleitung eine kurze inhaltliche Zusammenfassung aller Beiträge enthält, soll darauf hier verzichtet werden. Stattdessen soll in dieser Rezension ein inhaltlicher Eindruck von den Beiträgen der beiden Jahrestagungen 2023 und 2024 vermittelt werden, wobei in die Tagung 2023 auch ein Gedenken an 50 Jahre ibg eingeflochten ist, doch dazu später.

Nachdenken über die praktische Theologie

Das Nachdenken über die praktische Theologie scheint bei der Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1045) vorgezeichnet, obwohl Bonhoeffer sich eher als Systematiker sah (als Dozent in Berlin 1932/33, d. Rez.). Michael Herbst, emeritierter Professor für praktische Theologie Greifswald bezieht sich in seinem Vortrag (S. 17 – 37) auf die Texte „Gemeinsames Leben“ (Dietrich Boenhoeffer Werke, kurz DBW, Bd. 5), Bonhoeffers Dissertation „Sanctorum Communio“ (DBW, Bd.1) und die als „Widerstand und Ergebung“ (DBW, Bd. 8) erschienen Gefängnisbriefe.

Die volkskirchliche Situation heute mahnt zur Sorge, es würde gelegentlich „keine Gemeinde“ mehr geben. Beibehaltung gegebener Strukturen lässt die aktive Beteiligung von Mitgliedern zwingend erscheinen, wobei zugleich ein Potential zur Veränderung aufscheint. Dass Bonhoeffer und seine „Vikare“ in einer vergleichbaren Situation zwischen 1938 und 1940 aktive volksmissionarische Aktivitäten ausprobierten, wird an dieser Stelle ruhig leider nicht erwähnt können. Hierzu gehörten damals auch Hausbesuche bei Kirchenmitgliedern (d. Rez.).

Kirchenentfremdung oder öffentliche Theologie

Christine Schließer beschreibt in ihrem Beitrag (S. 39 – 50) das Problem der westlichen Kirchenentfremdung aus ökumenischer Sicht und zitiert aus ökumenischen Dialogen in Ruanda, Rumänien und England. Christine Schließer fokussiert ihren Beitrag auf die „öffentliche Theologie“, die bereits von Dietrich Bonhoeffer in der „Ethik“ entwickelt worden ist und die von Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm weiterentwickelt wurde. Kirche im Sinne Jesu kann nicht anders als öffentlich sein. Eine Änderung der Bereiche zwischen öffentlich und privat findet nicht statt. Kirchliche Dimensionen sind fließend aufeinander bezogen. Missionarisch und öffentlich sind kein Gegensatz.

„Buße der Kirche“ wozu?

Dr. Gernot Gerlach, emeritierter Dekan (Pfarrer in Ruhe), „Buße der Kirche (Metanoia), Ökumenizität und Diakonik (S. 51-70), erinnert an seine Veröffentlichung über die Kirche bis 2040 (vgl. Gernot Gerlach, Kirche 2040, Berlin 2021). Dies zeigt ein erweitertes Zitat aus seiner Einleitung: In der postmodernen Epoche der Metanoia „…ist damit die These verbunden, dass Kirchen am Leiden Gottes in der Welt teilhaben, sich in den Konflikten der Transfirmationsprozesse an die Zukunft erinnern … Quellen der Erneuerung erschließen, ökumenisch mit anderen lernen, teilen, helfen und feiern“ (S. 52). Gernot Gerlach führt seine Impulse auf Anregungen Dietrich Bonhoeffers zurück, die er im Fortgang entfaltet: In Teil 1 zum Stichwort der Buße der Kirche zitiert er vor allem aus einem Vortrag Bonhoeffers aus der Zeit der „illegalen Theologenausbildung: Finkenwalde 1935 – 1937“, (DBW 14), Gütersloh 1996. Der Ausdruck „Buße der Kirche“ ist in der Theologie annähernd singulär und wird ausgegrenzt, wozu auch die Endredaktion des ursprünglich von Dietrich Bonhoeffer mitverfassten „Betheler Bekenntnis“ angeführt wird, die diesen Begriff in der Endfassung nicht mehr enthält. Mit anderen Worten erinnert Gernot Gerlach an ein Zitat aus dem Buch „Nachfolge“: „Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.“ (S. 56, DBW 4, 38). Weitere Beispiele für eine Buße der Kirche findet Gerlach im „Schuldbekenntnis der Kirche“, das Bonhoeffer im Buch „Ethik“ überliefert, sowie einige Formulierungen aus „Widerstand und Vergebung“ (vgl. S. 57).

Das Kapitel II. ist überschrieben mit „Ökumenizität“ (S. 59ff). Bonhoeffer selbst war besonders nach 1934 aktiv ökumenisch engagiert (siehe Bonhoeffers Fanø-Rede 1934). Dazu kam die Bekenntnisfrage: Kirche gibt es nur als Bekennende Kirche (vgl. S. 60). Kirche steht täglich in der Buße, bekennt ihre Schuld und … ist auf die Gnade Gottes angewiesen“ (nach Dietrich Bonhoeffer 1940). Daraus folgt die Diakonität, da diese Kirche der Buße auf wechselseitige Unterstützung, auf gegenseitiges Tragen angewiesen ist (vgl. S. 65). Doch gilt dies nicht nur intern, sondern auch gegenüber den leidenden Brüdern und Schwestern Jesu, womit damals die verfolgten Juden gemeint sind. Gernot Gerlach begründet zum Ende des Beitrags, wie die Impulse Bonhoeffers auch heute für die Perspektive 2040 produktiv sein werden.

Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.

Heinrich Bedford-Strohm (S. 71-85) kommt nach einem längeren Abschnitt über die aktuelle volkskirchliche Situation zu sprechen und betont die Notwendigkeit der „öffentlichen Kirche“ (S. 75ff). Hier werden Bonhoeffers Fragmente zu seiner „Ethik“ herangezogen, „ … in der empirischen Kirche die geglaubte Kirche so weit wie irgend möglich sichtbare Gestalt gewinnen zu lassen“ (S. 77). Kurzgefasst: „Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“ (S. 79) Die Überschriften der Schlusskapitel sollen den Inhalt der Abschnitte kurz skizzieren:

  • Durch Sein in der Liebe missionarische Kraft entwickeln.
  • Die globale Ökumene stärken.
  • Die Kraft der Frömmigkeit für heutige Menschen erschließen. (vgl. S. 80 – 83).

„Kirchendämmerung“

Zum Ende des ersten Tagungsberichts erinnert Hartmut Rosenau an den Begriff „Kirchendämmerung?“ (S. 87 – 100). Die Überschrift ist eine Anleihe bei Friedrich Wilhelm Grafs Ausarbeitung zur „Kirchendämmerung“ (2011) der wiederum als Anspielung auf das Wort „Götzendämmerung“ bei Friedrich Nietzsche gedacht ist (1889). Hier findet sich der interessante Satz, dass Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer nicht mit Zerstörung eines Hammers zu tun hat, sondern mit einem feinmechanischen Hammer, mit dem Gegenstände angeschlagen, um zu prüfen, ob sie etwa rissig sind (vgl. S. 89).

Hier skizziert Hartmut Rosenaus Bonhoeffers Theologie als weisheitliche Theologie, die sich vorrangig an den Themen Schöpfung und Menschsein orientiert. (vgl. S. 94). Hierzu wird Bonhoeffer wörtlich zitiert: „Sie (die Kirche, d. Rez.) wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen.“ (hier S. 98). Hieraus schließt Hartmut Rosenau, dass diese Kirche wandelbar und veränderlich, „veränderungsbedürftig wie auch veränderungsfähig“ ist (S. 98).

Der zweite Teil des Buches „Jahrestagung 2024“: Wahrheit und der dritte Teil „50 Jahre internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, deutschsprachige Sektion e. V.“ werden im folgenden letzten Teil der Rezension nur kurz skizziert.

Nach dem Begriff „Wahrheit“ braucht man bei Bonhoeffer in der Tat nicht lange zu suchen. Florian Höhne, Professor und neuer Vorsitzender der ibg, greift das Thema der digitalen Wahrheit auf und geht damit klar über Bonhoeffers zeitlichen Kontext hinaus. Bonhoeffer hingegen hatte sich in erster Linie mit Propaganda auseinanderzusetzen.

Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet

Florian Höhne wird im Buch „Nachfolge“ (1937) fündig. Dort sieht er Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet. Im Jahr 1942 notierte er, damals noch unveröffentlicht, dass zur Wahrheit die Schuldübernahme gehört. In der „Christuswirklichkeit“ stellt sich die Wahrheitsfrage differenzierter. Hierzu gibt es ein Beispiel, das Kant überliefert, von Bonhoeffer in der „Ethik“ zitiert. Im Interesse der Christuswirklichkeit kann die formale Wahrheit Schuld bedeuten, die Lüge dagegen wahr sein.  (vgl. S. 111) Zusammenfassend spricht Florian Höhne von einer „kohärentistischen Verantwortungsethik“ (S. 114). Die dazu passende Zusammenfassung hätte m. E. gerade von diesen Beispielen her auch den sog. Pragmatismus ins Spiel bringen sollen, mit dem sich m. E. Bonhoeffers Verhalten einfacher erklären lässt. Er könnte ihn in den USA kennengelernt haben (d. Rez.).

Auch der anglikanische Priester Matthias Greben greift Bonhoeffers Begriff der Christuswirklichkeit auf. „Wahrheit manifestiert sich in der Begegnung mit Christus und führt zur Mündigkeit des Glaubenden.“ (S. 125) Dies wird nun auf den Kontext der Säkularität bezogen. Wichtig ist hier mit Habermas auf die Gefahr der Entsolidarisierung hinzuweisen. (vgl. S. 128).

Karsten Lehmkühler wiederum greift in „Zwischen Wahrheit und Verhüllung“ Äußerungen Bonhoeffers aus den Gefängnisbriefen auf. Stephen Plant weist, in englischer Sprache, auf die politische Dimension der Wahrheit hin.

(Während diese Beiträge, manchmal parallel, auf die Widerstandszeit Bonhoeffers hinweisen, kommt in „Bilder und Bildbearbeitungen im Wandel, eine bildethische Reflexion am Beispiel politischer Motive“ von Christian Schicha Bonhoeffer gar nicht vor, jedoch Bildpropaganda aus dem Nationalsozialismus.

Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch

Es ist sicherlich angebracht, den von Dietrich Bonhoeffer sehr hoch geschätzten Wahrheitsbegriff ins Zentrum zu stellen. Hier wäre es sicher im Sinn der vorherigen Tagungen besser gewesen, die Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch zu sehen, innergemeindlich und gegenüber der Gesellschaft. Die des subversiven Widerstands sind da m. E. als berechtigte Ausnahme zu sehen, die letztlich den Wahrheitsbegriff gar nicht tangiert. Die Tagungsberichte zeigen, dass die Literatur unter dem Namen Bonhoeffer und die von ihm gelebte Zeitgeschichte ein wesentlicher Hintergrund bleiben.

Dies lebendig zu halten, gibt es seit 50 Jahren die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft. Als Dokumente dazu ist die Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zur Jubiläumstagung gegeben, eine Rezension über die „Grunewald-Gefährten“ von Cornelius Bormann. Dass diese Personen, z. T. Verwandte Dietrich Bonhoeffers und Freunde der Familie als Widerstandkreis anzusehen sind, wird eigentlich auch schon aus der Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges deutlich.

Am Ende des Buches ist eine Zeittafel zur Geschichte der ibg und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis gegeben.

Bilanz der Aufarbeitung Martin Heideggers, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Cover online  kopiert, Copyright Reclam

Rezension zu: Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie, Heidegger und der Nationalsozialismus, Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2026, gebunden, 239 Seiten, mit Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personenregister, ISBN 978-3-15-011574-9, Preis: 24,00 Euro (print)

Bewertungen im Rückblick?

Kann Hannah Arendts (1906 – 1976) Arbeit zu Bertold Brecht (1889 – 1956) als Vorbild auch der Arbeit zu Martin Heidegger (1889-1976) gelten? Mit diesen Gedanken leitet Oliver Jahraus (geboren 1964) seine Überlegungen zur „Verstrickung“ Martin Heideggers ein. Immerhin sind es bei Brecht selbstkritische Töne, die in einem seiner Gedichte anklingen: „Gedenkt/ Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht/ Auch der finsteren Zeit/ Der ihr entronnen seid/…“ (S. 9)

Heideggers Verflechtungen

Nicht nur die Frage, wie besonders die Selbstkritik Brechts zu seiner Verstrickung in den Stalinismus der DDR gedacht ist, sondern auch, ob und wie Martin Heidegger auf seine Verflechtung in den Nationalsozialismus eingeht, wird in diesem Werk aufgearbeitet. Die Bemerkungen Heideggers selbst und die fehlenden Entschuldigungen, die kleinen Rechtfertigungen und vom Antisemitismus nicht unbeeinflussten posthumen Veröffentlichungen zeigen, dass die Frage nach dem NS – Engagement Heideggers ihn zum philosophischen Dauerbrenner gemacht haben.

„Mit Heidegger gegen Heidegger denken“

Da ist zuerst von Jürgen Habermas die Rede (1929 – 2026). Er kam von Heidegger zur Frankfurter Schule und bemerkte 1956 in einer Rezension in der FAZ, dass die Vorlesung Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ (1963) einen seit der Erstauflage 1935 unveränderten Text ohne Anmerkungen zur NS-Zeit liefert und damit  den folgenden Text unverändert darbietet: „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe … nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der ‚Werte‘ und der ‚Ganzheiten‘  (Zitat „Einführung…“, S. 152). Heideggers Nazi-Verflechtung kann, so Oliver Jahraus, zur Schlüsselfrage seines Werkes werden. Das Fazit für Habermas war: „Unvermutet hatte da ‚Dasein des Volkes‘ den Platz des je einzelnen ‚Daseins‘ eingenommen.“ (S. 20, Zitat Jürgen Habermas). Der Rezensionstitel der FAZ, nicht von Habermas selbst stammend, gab dem Denken fortan seine Prägung: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“.

Hier sollte nach 70 Jahren und im Jahr des Todes von Jürgen Habermas erlaubt sein zu fragen, ob dieses Motto in den dann folgenden Auseinandersetzungen eigentlich überboten worden ist, wenn auch das „mit Heidegger“ später zumindest philosophiegeschichtlich gedacht worden ist.

Dabei werden in der Untersuchung von Jahraus nun die verschiedenen Ebenen dieser Auseinandersetzung abgearbeitet, deren vorläufiger Höhepunkt die Veröffentlichung der sogenannten Schwarzen Hefte war.

Diese Untersuchung ist lesenswert und bearbeitet folgende Leitfragen, an der thematischen Vorgabe der „Verstrickung“ orientiert:

„1. In welchem Maße war Heidegger verstrickt?

2. Inwiefern führt die Verstrickung der Person zu einer Diskreditierung des Werkes, und schließlich:

3. Finden sich im Werk Strukturen, die der politischen Verstrickung zugrunde liegen?“ (S. 65, im Anschluss an Marion Heinz, hier Anmerkung 149).

Verstrickung

Die Ausarbeitungen von Oliver Jahraus kann man nicht einfach zum Ende überspringen. Obwohl das vorläufige Fazit nach der Bearbeitung der Diskussion um die sogenannten „Schwarzen Hefte“ gezeigt hat, dass die Habermas Formel gültig bleibt, wird gerade mit der Verstrickung der Philosophie ein Motiv gegeben, das angesichts noch weiterer Diskussionsthemen und Bewegungen nötig bleibt oder vielleicht sogar wird.

Vielleicht ist das bei aller Perfektion seines Buches das Problem, dass es gar nicht bemerkt, dass das „Zeitalter“ einer ganz neuen Bewegung gekommen ist, die mit der alten doch einiges verbindet, die so erneut zu genannter Verstrickung einlädt.

P.S. Und zuletzt, was m. E. im Buch von Oliver Jahraus fehlt, ist die Erwähnung der Frage, ob die Mitarbeit Heideggers an der Nietzsche-Ausgabe mit der Herausgabe des nur aus dem Nachlass konstruierten Bandes „Der Wille zur Macht“ nicht doch eine Art Mitarbeit am einer NS-Philosophie gewesen ist. Und somit auf das Rektorat kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm folgte, wenn sich auch der Philosoph aus der Tagespolitik herausgehalten hat. Weiterhin wäre es doch noch einmal spannend, das Rektorat Heideggers und sein Rücktritt daraus in die Geschichte des Nationalsozialismus einzuordnen, der inzwischen zum Hitlerismus geworden war und somit einem eigenständigen Denker hätten gefährlich werden können.

Sebastian Castellio hinterließ Freunde und Verehrer, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Peter Litwan: Arm, und doch reich, die ältesten Nachrichten über Sebastian Castellio, Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft, Band 4, Schwabe-Verlag Basel 2026, gebunden, 164 Seiten, ISBN 978-3-7965-5450-6 (print): 46,00 Euro

In der Reihe „Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft“ ist dieser 2026 erschienene Band erst die vierte Schrift. Die internationale Castellio Gesellschaft wurde 2017 gegründet (siehe: https://www.castellio.ch/aktivitaeten). Es ist offensichtlich an der Zeit, an einen Menschen zu erinnern, der sich gegen Verketzerung und für Toleranz Andersdenkender eingesetzt hat. Er wurde nach seiner Flucht aus Genf zunächst Mitarbeiter der Druckerei Oporin in Basel. Während die übrige Schweiz von Genf und Zürich aus bestimmt wurde, gehörte das ehemalig deutsche Basel zum Einflussbereich des oberdeutschen Luthertums (u. a. Bucer). Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam war inzwischen nach Freiburg ausgewandert. Castellio war ein bekannter Graecist und übernahm nach seiner Arbeit als Rektor in Genf in Basel den Lehrstuhl für Griechisch. Dass Friedrich Nietzsche über 300 Jahre später ein später Nachfolger Castellios war, wird an keiner Stelle erwähnt.

Die Schriften der noch jungen Internationalen Castellio Gesellschaft zeigen, dass das Thema Toleranz im Vordergrund steht. Dazu gehört natürlich die historische Aufarbeitung der Geschichte Castellios. In der Schriftenaufzählung wird hingewiesen, dass die ersten beiden Bände als PDF-Datei heruntergeladen werden können (https://www.castellio.ch/publikationen). Dabei wird selbstredend die Auseinandersetzung mit Calvin hervorzuheben sein, wie im zweiten Band. Der hier zu besprechende Band konzentriert sich eher auf biographische Grundinformationen über Sebastian Castellio. Darauf wird in dieser Rezension hauptsächlich einzugehen sein.

Der Gegenstand des Buches geht zunächst auf Castellio wenig ein, sondern stellt ein Buchprojekt des Druckers und Verlegers Johannes Oporin (1507-1569) vor. Das mehrbändige Buch heißt Theatrum vitae humanae und wird zunächst von Theodor Zwinger (1533 – 1588) herausgegeben, inspiriert vom Lateinprofessor Conrad Lycostenes (1518-1561), seinem Stiefvater, der inzwischen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war, jedoch über einige Vorarbeiten für das Mammutwerk verfügte, einer Art „who is who“.

Interessant ist, dass der Verleger Oporin hat eine Zuwendung von 1000 Talern vom Bergwerksbesitzer Weitmoser aus Gastein erhalten hat, um seine Buchprojekte zu realisieren (vgl. S. 16). Die erste Auflage des genannten Titels erschien 1565, die zweite, erneut neu gesetzt mit einem Namensregister 1571, die dritte nun auf 4373 Seiten angewachsen 1586. In der Baseler Universitätsbibliothek befinden sich ein Exemplar aus 1565, drei aus 1571 und eine Ausgabe von 1586 in vier Bänden. Nach einem Vergleich der Ordnungsschemata der verschiedenen Auflagen kommt das hier zu besprechende Buch auf Sebastian Castellio zu sprechen und bietet je einen synoptischen Vergleich zu den unterschiedlichen Nennungen Castellios im Theatrum vitae humanum. Nun werden in einem weiteren Kapitel die biografischen Informationen zusammengefasst. Insgesamt wird hierbei deutlich, das Castellio als gelehrt und engagiert erscheint, ohne eigenes Zutun in Armut geraten ist, sich aber durch Arbeit und Ansehen eine bescheidene Existenz aufgebaut hat.

Seine Umtriebigkeit, sein Streit mit Calvin, sein Protest gegen die Hinrichtung Servets als Ketzer und seine Toleranzschrift werden eher verschwiegen oder nur am Rand erwähnt. Auch der Prozess vor dem Baseler Rat, der durch seinen frühen Tod ohne Entscheidung bleibt, ist außen vor.

Ergänzt wird die Skizzierung seines Lebenslaufs, der den Savoyarden [n. b.. das Herzogtum bzw. Königreich Savoyer gehörte erst 1860 zu Frankreich, d. Rez.] über Genf nach Basel führte durch eine Behandlung seines Epitaphs, eines beschrifteten Grabsteins im Baseler Münster, der später ersetzt wurde. Ergänzt wird diese durch eine Erwähnung epitaphähnliche Gedichte als freundschaftliche Nachrufe auf Castellio. Alle diese Texte sind in diesem Buch zweisprachig Lateinisch im Original und ins Deutsche übersetzt.

Exemplarisch sei auf den ersten Satz des Epitaphs hingewiesen, auf Deutsch: „Iowa [sic; recte: Jehova, d. Rez.] dem besten und größten geweiht.“ (S. 75). Hierzu wird ein kleiner Abschnitt aus der dritten Auslage des Theatrum zitiert, die auf die Verwendung des Gottesnamens in der lateinischen Bibelübersetzung eingeht. Er ist damit über die Übersetzungspraxis Luthers und die Dogmatik Calvins hinausgegangen, die aus dem Glauben an Gott einen Herrschaftsbegriff herausgelesen hat (d.Rez., bei Luther: Der Herr; bei Calvin: l’Éternel. Instrumentalisierung des Gottesnamens zur dogmatischen Unterwerfung bzw. Autorität]):

„Die Juden haben den Namen Gottes mit den vier Buchstaben, der nicht ausgesprochen werden durfte, mit so viel Ehrfurcht begleitet, dass sie ihn niemals nannten, sondern an seiner Stelle als Elohim oder Adonai aussprachen … Als Erster in unserem Jahrhundert hat Sebastian Castellio die Gemüter von diesem Aberglauben befreit, der in seinen biblischen Schriften allenthalben den Namen „Jowa“ gebraucht hat, …“ (S. 63).

Sowohl das Epitaph als auch das Theatrum scheinen mit der Verwendung des Gottesnamens einen eigenen und besonderen Schwerpunkt der Arbeit Castellios als Übersetzer herausgegriffen haben, und damit gezeigt, dass nicht nur seine Ablehnung von jeder Verketzerung und seine Idee von Toleranz, sondern auch seine Bibelübersetzung zu einer streitbaren Person gemacht hat, die danach bis auf wenige Ausnahmen totgeschwiegen, von seinen Schülern und Anhängern aber verehrt worden ist.

Von der Einleitungswissenschaft zu exegetisch-theologischen Grundfragen, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Ursprungsparadigmen, ZNT – Zeitschrift für Neues Testament, Heft 55, 28. Jahrgang, Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.), Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2025, Paperback, ISBN 978-3-381-14051-0, Einzelheft 39,00 Euro (print)

Brückenschlag

Folgender Satz aus der Verlagshomepage weist auf das Ziel der Zeitschrift für Neues Testament hin, dem auch dieses Einzelheft verpflichtet ist: „Das Ziel der Zeitschrift ist der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Textauslegung und der kirchlich-schulischen sowie gesellschaftlichen Praxis, welchem auch die konzeptionelle Gestaltung der Zeitschrift dient.“ (https://www.narr.de/theologie/zeitschriften/znt/)

Dieses Heft stellt die Sachlage am Beispiel der Einleitungswissenschaft dar (Sachthema), von der verschiedene Konzepte zu Wort kommen. Im Prinzip geht es aber dabei um Hermeneutik, wie es im Editorial des Herausgeberkreises dargestellt wird. Exemplarisch sei ein Satz daraus zitiert: „Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind.“ (S. 7)

Innovation durch Dialogbereitschaft

Die Einführung ins Thema bietet ein „Werkstattbericht“ des katholischen Theologen aus Münster, Wolfgang Grünstäudl, „Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht.“ (S.9-24). Was mit Innovation gemeint ist, verdeutlicht er an der Konzeptarbeit für „Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT)“ von 1944 bis 1961. Innovativ ist diese Arbeit durch ihre Dialogbereitschaft mit verschiedenen Kontexten von der Exegese bis zur Religionswissenschaft. In der Gegenwart wird die aus „sozialwissenschaftlicher Herkunft“ stammende „Netzwerkanalyse“ (s. S. 23) zu solchen zusätzlichen Aufgaben gehören. Dies wird hier leider nur in Andeutungen und Windungen am Beispiel des 1. Petrusbriefes gezeigt.

Verständnis für die Kanonentwicklung

Der Hauptteil wird durch drei Aufsätze mit verschiedenen Thematischen Schwerpunkten eingeführt. Sandra Huebenthal, Professorin für katholische Theologie in Passau und Prag, stellt vor „Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum.“ (S. 25-45) Sie beklagt die starke Ausdifferenzierung der Fachdiskurse, die die Orientierung am Ganzen erschwert, wie sie auch Ziel der Einleitungswissenschaft ist. In der Orientierung am Kanon in Differenzierung und Einheit schlägt sie das Symbol des Familienalbums vor. Trotz ihrer Kritik an der Differenzierung schlägt sie eine weitere Kategorie für die Einleitungswissenschaft vor, die Kulturwissenschaft. Aussagekräftige Tabellen wie Vorstellung 22 „Deutschsprachiger Einleitungen seit 1983“ (S.38) oder „Aufteilung unterschiedlicher Frageperspektiven…“ (S.43) zeigt, wie die Autorin die gegliederte Weiterarbeit vorstellt. Die Textgruppen des NT werden ebenfalls chronologisch gegliedert in eine Tabelle eingetragen. Auf die Einbeziehung außerkanonischer Schriften geht sie nicht ein, da das Motiv Familienalbum vermutlich die Rolle der Schrift für die Kirchenentwicklung vorstellt, quasi als kanonischer Leitfaden.

Frage nach dem Ursprungsparadigma setzt bei der Textkritik an

Der zweite Artikel des Hauptteils geht auf die Frage der Textkritik ein (Jan Heilmann: Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung). Zunächst habe ich den Artikel beiseitelegt, weil mir die Konzentration auf die Einleitungsfragen eher an einem Ursprungsparadigma orientiert schien. Doch das Gegenteil ist der Fall, weil die Frage nach der Textproduktion, mit der sich die Edition und die Textkritik beschäftigt, an das Ursprungsparadigma der Textentstehung rührt. Hierzu schreibt Jan Heilmann, Professor an der TU Dresden (nach Robin Faith Walsh, siehe Anmerkung 54): „Die Annahme einer idealisierten einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebildeter Autoren zu verstehen, die in literarischen Netzwerken agierten.“ (S. 59)

Doch mehr Autoren als Redaktoren?

Von eben jener Robin Faith Walsh stammt der dritte Artikel des Hauptteils: Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien.“ (S. 69-85) Sie ist Associate Professor für Neues Testament in Miami, USA. Der Artikel erscheint hier in deutscher Sprache, unter Mitübersetzung des Mitherausgebers der ZNT Jan Heilmann. Das Zitat aus dem vorgenannten Artikel bietet schon so eine Art Zusammenfassung.  Dazu nun einige illustrierenden Zitate. Zunächst: Wie konnte es dazu kommen, dass die Produkte von Schriftstellern als historische Gegebenheiten verstanden werden konnten? Hier schreibt Faith Walsh: „Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxographische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wissen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise (…) in gewissem Maße wörtlich genommen.“ (S.70f). Die Vorstellungen eines Textes präsentieren die persönliche soziale Realität der Autorinnen, ihre literarische Sozialisation und narrative Vorstellungskraft (vgl. S. 74). Nur durch die Theorie der mündlichen Überlieferung konnte die Qualität der Verfasser ignoriert und auf eine Traditionskette projiziert werden.

Fachlicher Dialog in der Einleitungswissenschaft

Die Anstöße dieser Artikel können nun im zweiten Hauptteil nachwirken, der sich der Einleitungswissenschaft selbst zuwendet. Udo Schnelle: „Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft“ (S.89-99) und Markus Vinzent „Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft“ (S. 101-113).

Die Einleitung, von denen Udo Schnelle eine vorgelegt hat, sortiert die Schriften des NT quasi chronologisch. Die Inbeziehungsetzung diverser Zitate bildet dann die Reihenfolge der Entstehung, z. B. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, er setzt … ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus…“ (S. 93) Markus Vinzent teilt etliche Überlegungen, betont aber, dass die Sammlungen eher als Ausgangspunkt eignen als die Einzelschriften. (vgl. S. 102) Am Ende des Artikels geht Markus Vinzent auf die Paulusbriefsammlung Marcions ein. Hier zeigt sich bereits, dass vier Deuteropaulinen erst im Nachhinein hinzugefügt worden sind. Die Kriterien dafür entstammen der sprachlichen Analyse.

Praktische Konsequenzen

Michael Sommer, „Geschichte und die Schulbücher“ (S.151-132) zeigt am Beispiel der Schulbücher, dass das Bild der Religionsentstehung als Ölbaum hier noch prägend ist. Das Bild entstammt dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Obwohl es für Dialog eintritt, zeigt es die Vorrangstellung des Christentums, da es die jüngeren Äste repräsentiert und die Äste eine getrennte Entwicklung aus einem gemeinsamen Ursprung zeigen. In neueren „Pasting of the ways“- Modellen wird deutlich, dass z. B. Judentum und Christentum sich mit ähnlichen Diskursen auseinandersetzen wie „Rolle der Thora, Messiaserwartung…“ usw. Dabei sind die Religionen einander näher als das heute manchmal erscheint (S.129, Anm. dazu: Daniel Boyarin,). Der letztgenannte Aspekt wird in der Rezension im „Buchreport“ Thomas Tops zu: „Jewish Christianity“ ebenfalls aufgenommen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausgabe der Zeitschrift das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Die Spezialisten für die Entstehung des Neuen Testaments sind bemüht, die Entwicklung der Schrift als Ganzer zu würdigen. Dabei müssen vorherige, lange gültige Grundpositionen aufgegeben werden. Dementsprechend wird in den Untersuchungen manchmal zu vorsichtig agiert. Hier wäre aber gerade Klarheit günstiger, um nicht neue Fantasien entstehen zu lassen. Hier wäre ein neuer Adolf von Harnack kombiniert mit einer Prise Albert Schweitzer wünschenswerter.

 

Museum am Dom, Würzburg, Bericht von Joachim Leberecht

Besuch des MAD

Anfang des neuen Jahres 2026 habe ich das MAD, das Museum am Dom in Würzburg, besucht. Es war nicht mein erster Besuch des noch jungen Diözesanmuseums (2003). MAD hat sich zum Ziel gesetzt alte und neue Kunst miteinander ins Gespräch zu bringen. Um einen Rundgang durch die Ausstellung für die Besucher*innen interessant zu machen, wurde das Büro bungalow beauftragt Konzept und Design für einen Ausstellungsrundgang zu entwickeln. Das Ergebnis hat mich überzeugt. Zu den Themenfeldern Zeitreisende*r, Philosoph*in, Kunsthistoriker*in und Handwerker*in wurden zweisprachige (deutsch/englisch) Guides aufgelegt. Die einzelnen thematischen Begleithefte bieten neben einer Gesamtübersicht der Ausstellung in ansprechendem Design Informationen zum Kunstwerk, zur Biographie des/der Künstler*in und im Fall der PHILOSOPH*IN, meiner Wahl, existentielle Fragestellungen zum Weiterdenken. Im besten Fall kommt es zu Vertiefung und zu einer interessanten wechselseitigen Wahrnehmung von religiösen und philosophischen Fragestellungen. Ich habe selten eine kirchliche Ausstellung erlebt, der es kunstpädagogisch gelingt, das moderne Lebensgefühl zu versprachlichen und damit eine existentielle Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk anzuregen. Dabei wird das Kunstwerk nicht theologisch verzweckt, sondern es spricht für sich selbst. Diese Freiheit der Kunst im religiösen Kontext ist bei MAD das leitende Konzept. Nichts ist hier bieder oder verstaubt, nichts verengt, sondern auf Weite hin ausgestellt.

Anhand von vier der zehn Exponate, die das Begleitheft Philosoph*in näher in den Blick nimmt, will ich einen Eindruck vermitteln.

Bild 1 Begleitheft Philosoph*in

Girl with a Knife 2006 (Nina Sten-Knudsen)

Den Gegensatz von Ferne und Nähe, Weite und Isolation beschreibt das monumentale Gemälde Girl with a Knife der dänischen Künstlerin Nina Sten-Knudsen. Im Vordergrund der sich scheinbar ins Unendliche weitenden Landschaft malt die Künstlerin eine Frau, deren verweilender Blick auf ein (scharfes?) Messer in ihrer offenen Handfläche fällt. Neben der Beschreibung des Bildes stellt die Philosph*in folgende Fragen: „Was geht da in ihr vor? Warum enthält die ansonsten ruhige Darstellung plötzlich diesen Aspekt einer Gefahr? Ist diese real oder nur vorgetäuscht?… Ist das Messer als Symbol für die innere Verfasstheit der Figur zu deuten? Wie aus dem Nichts entsteht eine magische Atmosphäre, wird der Bildraum zum Lebensraum, zu einem Raum offen für Deutungen.“ (Seite 6)

Bild 2 Begleitheft Philosoph*in

Abziehendes Gewitter 1987 (Wolfgang Mattheuer)

Wer heute ein Zeichen setzen will gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, greift zum Symbol des Regenbogens. Der Regenbogen mit seinen bunten leuchtenden Farben öffnet Zukunft. Er steht einem: „Sollen wir immer alles schwarz sehen?“ (Seite 9) entgegen. Das Dunkle wird nicht geleugnet. Es ist mit im Blick, aber es verzieht sich. Die dunkle schwarze Farbmasse „wandelt sich plötzlich auf der rechten Seite zu einer lebensspendenden Erscheinung zarter, rosafarbener Blüten. Frisches hoffnungsvolles Grün durchbricht die trostlose Dunkelheit. Altes und Neues stehen sich gegenüber.“ (Seite 8)

Bild 7 Begleitheft Philosoph*in

Cast Iron Cross Egg 2002 (David Nash Esher)

„Das Kreuz, welches sich öfters in seinen Werken finden lässt, nur als religiöses Werk zu verstehen, wäre zu kurz gedacht. Vielmehr sind es für ihn zwei Linien, die einen Punkt ergeben, oder vier, die von einem Zentrum ausgehen. Gleichzeitig markiert man mit einem Kreuz auch ein Verortetsein auf einer Karte, kreuzt etwas an oder addiert bzw. multipliziert mit dem Zeichen.“ (Seite 18)

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Tod oder Leben? Was sind die Pole unseres Lebens? Werden und Vergehen? Gesetz und Autonomie?

Bild 8 Marienkrönung

 

Marienkrönung um 1510 (Tilmann Riemenschneider)

Theologischer Ausgangspunkt ist die Fragestellung, ob die Auferstehung auch für die sterblichen Gläubigen gilt. Das wird in der katholischen Glaubenslehre in der Dogmenentwicklung/Inszenierung von Maria eindeutig bejaht. In unserer Holzfigurengruppe wird Maria von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, (beide gleichaussehend!) bekrönt und damit „in die göttliche Familie einbezogen und hat [leiblich] Teil am ewigen Leben.“ (Seite 20)

Interessant zur figürlichen Darstellung von Gott, dem Vater, trotz des Bilderverbots, sind geschichtliche Anmerkungen im Begleitheft: Durch Bibelauslegung „taucht Gott als Alter an Tagen (Dan 7,9) und damit in der uns bekannten Weise als älterer Mann mit Bart seit dem 12./13. Jahrhundert auf. Doch konnten Künstler bis ins 14. Jahrhundert vereinzelt noch dafür bestraft werden. Im späten Mittelalter wurde Maria im Volksglauben bisweilen sogar als vierte göttliche Person dargestellt.“ (Seite 21)

Joachim Leberecht