Rezension zu:
Kirche und Wahrheit, Im Auftrag der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion e. V., hrsg. Von Matthias Grebe, Nadine Hamilton, Karsten Lehmkühler und Gunter Prüller-Jagenteufel, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025 , Paperback, 233 Seiten, ISBN (print) 9783374079513,
Link: https://www.eva-leipzig.de/de/grebe-hamilton-lehmkuehler-preller-jagenteufel-kirche-und-wahrheit
Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, kurz „ibg, deutschsprachige Sektion“ geht mit dieser Veröffentlichung einen neuen Weg. Waren die Vorträge der Jahrestagungen in den vergangenen Jahren im Rundbrief der Gesellschaft ibg veröffentlicht worden, so hat man diese nun in eine gesonderte Publikation ausgegliedert, die zwar extra Geld kostet, aber durch die Erscheinung am Buchmarkt eine größere auch wissenschaftliche Öffentlichkeit erreicht. Dieser Publikation sei gewünscht, dass sie dort nun auch die Aufmerksamkeit bekommt, die sie und Dietrich Bonhoeffers Denken selbst verdient.
Tagungsbeiträge 2023 und 2024
Wenn der Buchtitel nun die beiden Themen der jeweiligen Tagungen in einen einzigen Satz verbindet, so sei nun aber nicht etwa nach einem inhaltlichen Zusammenhang der Begriffe Kirche und Wahrheit gefragt. Mehr als eine Zusammenstellung der Tagungsbeiträge ist das Buch allerdings nicht.
Verwenden Sie bitte den oben genannten Link zum Verlag, um die Leseprobe zur Kenntnis zu nehmen, die das Inhaltverzeichnis, die Vorbemerkung und die Einleitung enthält! Da die Einleitung eine kurze inhaltliche Zusammenfassung aller Beiträge enthält, soll darauf hier verzichtet werden. Stattdessen soll in dieser Rezension ein inhaltlicher Eindruck von den Beiträgen der beiden Jahrestagungen 2023 und 2024 vermittelt werden, wobei in die Tagung 2023 auch ein Gedenken an 50 Jahre ibg eingeflochten ist, doch dazu später.
Nachdenken über die praktische Theologie
Das Nachdenken über die praktische Theologie scheint bei der Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1045) vorgezeichnet, obwohl Bonhoeffer sich eher als Systematiker sah (als Dozent in Berlin 1932/33, d. Rez.). Michael Herbst, emeritierter Professor für praktische Theologie Greifswald bezieht sich in seinem Vortrag (S. 17 – 37) auf die Texte „Gemeinsames Leben“ (Dietrich Boenhoeffer Werke, kurz DBW, Bd. 5), Bonhoeffers Dissertation „Sanctorum Communio“ (DBW, Bd.1) und die als „Widerstand und Ergebung“ (DBW, Bd. 8) erschienen Gefängnisbriefe.
Die volkskirchliche Situation heute mahnt zur Sorge, es würde gelegentlich „keine Gemeinde“ mehr geben. Beibehaltung gegebener Strukturen lässt die aktive Beteiligung von Mitgliedern zwingend erscheinen, wobei zugleich ein Potential zur Veränderung aufscheint. Dass Bonhoeffer und seine „Vikare“ in einer vergleichbaren Situation zwischen 1938 und 1940 aktive volksmissionarische Aktivitäten ausprobierten, wird an dieser Stelle ruhig leider nicht erwähnt können. Hierzu gehörten damals auch Hausbesuche bei Kirchenmitgliedern (d. Rez.).
Kirchenentfremdung oder öffentliche Theologie
Christine Schließer beschreibt in ihrem Beitrag (S. 39 – 50) das Problem der westlichen Kirchenentfremdung aus ökumenischer Sicht und zitiert aus ökumenischen Dialogen in Ruanda, Rumänien und England. Christine Schließer fokussiert ihren Beitrag auf die „öffentliche Theologie“, die bereits von Dietrich Bonhoeffer in der „Ethik“ entwickelt worden ist und die von Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm weiterentwickelt wurde. Kirche im Sinne Jesu kann nicht anders als öffentlich sein. Eine Änderung der Bereiche zwischen öffentlich und privat findet nicht statt. Kirchliche Dimensionen sind fließend aufeinander bezogen. Missionarisch und öffentlich sind kein Gegensatz.
„Buße der Kirche“ wozu?
Dr. Gernot Gerlach, emeritierter Dekan (Pfarrer in Ruhe), „Buße der Kirche (Metanoia), Ökumenizität und Diakonik (S. 51-70), erinnert an seine Veröffentlichung über die Kirche bis 2040 (vgl. Gernot Gerlach, Kirche 2040, Berlin 2021). Dies zeigt ein erweitertes Zitat aus seiner Einleitung: In der postmodernen Epoche der Metanoia „…ist damit die These verbunden, dass Kirchen am Leiden Gottes in der Welt teilhaben, sich in den Konflikten der Transfirmationsprozesse an die Zukunft erinnern … Quellen der Erneuerung erschließen, ökumenisch mit anderen lernen, teilen, helfen und feiern“ (S. 52). Gernot Gerlach führt seine Impulse auf Anregungen Dietrich Bonhoeffers zurück, die er im Fortgang entfaltet: In Teil 1 zum Stichwort der Buße der Kirche zitiert er vor allem aus einem Vortrag Bonhoeffers aus der Zeit der „illegalen Theologenausbildung: Finkenwalde 1935 – 1937“, (DBW 14), Gütersloh 1996. Der Ausdruck „Buße der Kirche“ ist in der Theologie annähernd singulär und wird ausgegrenzt, wozu auch die Endredaktion des ursprünglich von Dietrich Bonhoeffer mitverfassten „Betheler Bekenntnis“ angeführt wird, die diesen Begriff in der Endfassung nicht mehr enthält. Mit anderen Worten erinnert Gernot Gerlach an ein Zitat aus dem Buch „Nachfolge“: „Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.“ (S. 56, DBW 4, 38). Weitere Beispiele für eine Buße der Kirche findet Gerlach im „Schuldbekenntnis der Kirche“, das Bonhoeffer im Buch „Ethik“ überliefert, sowie einige Formulierungen aus „Widerstand und Vergebung“ (vgl. S. 57).
Das Kapitel II. ist überschrieben mit „Ökumenizität“ (S. 59ff). Bonhoeffer selbst war besonders nach 1934 aktiv ökumenisch engagiert (siehe Bonhoeffers Fanø-Rede 1934). Dazu kam die Bekenntnisfrage: Kirche gibt es nur als Bekennende Kirche (vgl. S. 60). Kirche steht täglich in der Buße, bekennt ihre Schuld und … ist auf die Gnade Gottes angewiesen“ (nach Dietrich Bonhoeffer 1940). Daraus folgt die Diakonität, da diese Kirche der Buße auf wechselseitige Unterstützung, auf gegenseitiges Tragen angewiesen ist (vgl. S. 65). Doch gilt dies nicht nur intern, sondern auch gegenüber den leidenden Brüdern und Schwestern Jesu, womit damals die verfolgten Juden gemeint sind. Gernot Gerlach begründet zum Ende des Beitrags, wie die Impulse Bonhoeffers auch heute für die Perspektive 2040 produktiv sein werden.
Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.
Heinrich Bedford-Strohm (S. 71-85) kommt nach einem längeren Abschnitt über die aktuelle volkskirchliche Situation zu sprechen und betont die Notwendigkeit der „öffentlichen Kirche“ (S. 75ff). Hier werden Bonhoeffers Fragmente zu seiner „Ethik“ herangezogen, „ … in der empirischen Kirche die geglaubte Kirche so weit wie irgend möglich sichtbare Gestalt gewinnen zu lassen“ (S. 77). Kurzgefasst: „Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“ (S. 79) Die Überschriften der Schlusskapitel sollen den Inhalt der Abschnitte kurz skizzieren:
- Durch Sein in der Liebe missionarische Kraft entwickeln.
- Die globale Ökumene stärken.
- Die Kraft der Frömmigkeit für heutige Menschen erschließen. (vgl. S. 80 – 83).
„Kirchendämmerung“
Zum Ende des ersten Tagungsberichts erinnert Hartmut Rosenau an den Begriff „Kirchendämmerung?“ (S. 87 – 100). Die Überschrift ist eine Anleihe bei Friedrich Wilhelm Grafs Ausarbeitung zur „Kirchendämmerung“ (2011) der wiederum als Anspielung auf das Wort „Götzendämmerung“ bei Friedrich Nietzsche gedacht ist (1889). Hier findet sich der interessante Satz, dass Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer nicht mit Zerstörung eines Hammers zu tun hat, sondern mit einem feinmechanischen Hammer, mit dem Gegenstände angeschlagen, um zu prüfen, ob sie etwa rissig sind (vgl. S. 89).
Hier skizziert Hartmut Rosenaus Bonhoeffers Theologie als weisheitliche Theologie, die sich vorrangig an den Themen Schöpfung und Menschsein orientiert. (vgl. S. 94). Hierzu wird Bonhoeffer wörtlich zitiert: „Sie (die Kirche, d. Rez.) wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen.“ (hier S. 98). Hieraus schließt Hartmut Rosenau, dass diese Kirche wandelbar und veränderlich, „veränderungsbedürftig wie auch veränderungsfähig“ ist (S. 98).
Der zweite Teil des Buches „Jahrestagung 2024“: Wahrheit und der dritte Teil „50 Jahre internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, deutschsprachige Sektion e. V.“ werden im folgenden letzten Teil der Rezension nur kurz skizziert.
Nach dem Begriff „Wahrheit“ braucht man bei Bonhoeffer in der Tat nicht lange zu suchen. Florian Höhne, Professor und neuer Vorsitzender der ibg, greift das Thema der digitalen Wahrheit auf und geht damit klar über Bonhoeffers zeitlichen Kontext hinaus. Bonhoeffer hingegen hatte sich in erster Linie mit Propaganda auseinanderzusetzen.
Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet
Florian Höhne wird im Buch „Nachfolge“ (1937) fündig. Dort sieht er Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet. Im Jahr 1942 notierte er, damals noch unveröffentlicht, dass zur Wahrheit die Schuldübernahme gehört. In der „Christuswirklichkeit“ stellt sich die Wahrheitsfrage differenzierter. Hierzu gibt es ein Beispiel, das Kant überliefert, von Bonhoeffer in der „Ethik“ zitiert. Im Interesse der Christuswirklichkeit kann die formale Wahrheit Schuld bedeuten, die Lüge dagegen wahr sein. (vgl. S. 111) Zusammenfassend spricht Florian Höhne von einer „kohärentistischen Verantwortungsethik“ (S. 114). Die dazu passende Zusammenfassung hätte m. E. gerade von diesen Beispielen her auch den sog. Pragmatismus ins Spiel bringen sollen, mit dem sich m. E. Bonhoeffers Verhalten einfacher erklären lässt. Er könnte ihn in den USA kennengelernt haben (d. Rez.).
Auch der anglikanische Priester Matthias Greben greift Bonhoeffers Begriff der Christuswirklichkeit auf. „Wahrheit manifestiert sich in der Begegnung mit Christus und führt zur Mündigkeit des Glaubenden.“ (S. 125) Dies wird nun auf den Kontext der Säkularität bezogen. Wichtig ist hier mit Habermas auf die Gefahr der Entsolidarisierung hinzuweisen. (vgl. S. 128).
Karsten Lehmkühler wiederum greift in „Zwischen Wahrheit und Verhüllung“ Äußerungen Bonhoeffers aus den Gefängnisbriefen auf. Stephen Plant weist, in englischer Sprache, auf die politische Dimension der Wahrheit hin.
(Während diese Beiträge, manchmal parallel, auf die Widerstandszeit Bonhoeffers hinweisen, kommt in „Bilder und Bildbearbeitungen im Wandel, eine bildethische Reflexion am Beispiel politischer Motive“ von Christian Schicha Bonhoeffer gar nicht vor, jedoch Bildpropaganda aus dem Nationalsozialismus.
Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch
Es ist sicherlich angebracht, den von Dietrich Bonhoeffer sehr hoch geschätzten Wahrheitsbegriff ins Zentrum zu stellen. Hier wäre es sicher im Sinn der vorherigen Tagungen besser gewesen, die Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch zu sehen, innergemeindlich und gegenüber der Gesellschaft. Die des subversiven Widerstands sind da m. E. als berechtigte Ausnahme zu sehen, die letztlich den Wahrheitsbegriff gar nicht tangiert. Die Tagungsberichte zeigen, dass die Literatur unter dem Namen Bonhoeffer und die von ihm gelebte Zeitgeschichte ein wesentlicher Hintergrund bleiben.
Dies lebendig zu halten, gibt es seit 50 Jahren die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft. Als Dokumente dazu ist die Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zur Jubiläumstagung gegeben, eine Rezension über die „Grunewald-Gefährten“ von Cornelius Bormann. Dass diese Personen, z. T. Verwandte Dietrich Bonhoeffers und Freunde der Familie als Widerstandkreis anzusehen sind, wird eigentlich auch schon aus der Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges deutlich.
Am Ende des Buches ist eine Zeittafel zur Geschichte der ibg und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis gegeben.









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