Die konzentrative Bewegungstherapie betrachten, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg und Markus Chmielorz, Dortmund 2021

 

Zu:

Ute Backmann: Sexualität in der konzentrativen Bewegungstherapie, Ernst Reinhardt Verlag, München 2021, broschiert, 172 Seiten mit Sachregister und Literaturverzeichnis, ISBN: 978-3-497-03059-0 (print), Preis: 26,90 Euro

 

Link: https://www.reinhardt-verlag.de/55054_backmann_sexualitaet_in_der_konzentrativen_bewegungstherapie/

 

Im Grunde ist der Titel geschickt gewählt, da er eine Therapieform unter einen bestimmten Aspekt stellt. Dieser Aspekt soll die Sexualität sein.

 

Die Einführung geht zunächst ausführlich und ausdrücklich auf diesen Aspekt des Themas ein. Diese ersten 10 Seiten bilden ein Referat über die Bedeutung der Sexualität für die Psychologie, die Psychoanalyse und Psychotherapie. Praktische Anwendungsbeispiele fehlen hier noch.

 

Hierbei wird auch der Wandel des Verständnisses der Sexualität deutlich, dass diese weniger als unterschwelliges Grundthema angesehen wird, sondern sich hauptsächlich in der Frage der sexuellen Orientierung äußert. Da damit eine Selbstdefinition einhergeht, wird deutlich, dass die „konzentrative Bewegungstherapie“ auf Sexualität ebenfalls nicht direkt eingeht, sondern in ihrer Körperorientierung mitschwingt.

 

Diese Therapieform geht über die rein verbale oder meditative Form der Psychotherapie heraus und ist vermutlich vor allem in der klinischen Therapie möglich, da sie als eine begleitende Gruppentherapie funktioniert.

 

Im dritten Kapitel wird das Thema „Sexualität“ ausgeführt und hier beginnt die Stärke des Buches. Der inhaltliche Aspekt wird durch die Darstellung praktischer Beispiele verdeutlicht. Es geht dabei sowohl um die Übungen selbst, als auch die konkrete Praxiserfahrung.

 

Die Übungen sind ausschließlich körperorientiert von der Erfahrung des eigenen Mundraums bis hin zur Einhüllung in Decken. Man könnte auch sagen, dass es eine reflektierte Körperarbeit ist, die in der anschließenden Gruppensitzung ausgewertet wird.

 

Sexualität ist als Grundphänomen des Lebens dabei präsent, wird aber selten ausdrücklich thematisiert. Hierbei sind Entwicklungsstörungen genauso im Blick wie traumatisierende Erfahrungen wie sexueller Missbrauch oder Vergewaltigungen.

 

Wichtig wird am Ende des dritten Kapitels die Umdeutung des Ödipuskonfliktes durch Ilka Quindeau. Ute Backmann fasst dies so zusammen: „sexuelle Orientierung wird im Rahmen des Ödipuskonfliktes nicht endgültig festgelegt. Sexuelle Orientierung und Begehrensstruktur stellen das Ergebnis fortwährender Umschriften dar und können in verschiedenen Lebensphasen eine Wiederaufnahme mit jeweils unterschwelligen Lösungen finden. (Quindeau 2019). (Zitat S. 66).

 

Der Autorin gelingt es in hohem Maße, den Ansatz der KBT im gesellschaftlichen und medizinischen Kontext zu verorten und dabei einen normativen Blick zu öffnen für diejenigen, die als Lesben, Schwule und Bisexuelle lange als sexuelle Minderheiten und als trans* unter inter* Personen immer noch als geschlechtliche Minderheiten im Bereich von Medizin und Psychiatrie Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen und schwere Menschenrechtsverletzungen erlebt haben. Dass hier Geschlechtsidentitäten als ein Unterkapitel von sexuellen Identitäten erscheinen und nicht getrennt behandelt werden, überrascht allerdings und würde im sexual- und sozialwissenschaftlichen Diskurs nicht nur geteilt werden.

 

Dennoch: Die Reformulierung und Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie im Hinblick auf viel zu lange vorherrschende normative Vorstellungen von binärer Geschlechtsidentität und heterosexueller Identität sind überfällig und dringend notwendig. Dass die Autorin hier auch die psychoanalytischen Forschungsergebnisse zu sinnlichen Erfahrungen, körperlichen Erleben und der Bedeutung von Berührungen zusammenträgt, ist als ein großer Gewinn für die psychotherapeutische Praxis anzusehen – insbesondere auch deshalb, weil immer wieder Anleitungen für Übungen in der KBT angeboten werden.

 

Die Übungen ermöglichen den Klient*innen eine Selbstermächtigung in Bezug auf ihre sexuelle und geschlechtliche Identität. Ein weiteres Kapitel mit hohem Praxisbezug und der Darstellung von therapeutischen Methoden widmet sich störungsspezifischen Aspekten wie Trauma (insbesondere durch sexuelle Gewalterfahrungen), Borderline-Störung, sexuelle Funktionsstörungen, Esstörungen und somatoforme Schmerzstörung.

 

Die psychodynamische Grundhaltung der Autorin durchzieht das Buch und wird im letzten, 6. Kapitel des Buches ein weiteres Mal mit Praxiserfahrungen vermittelt. Es geht um die Weiterentwicklung der Selbstkompetenzen von Psychotherapeut*innen im Hinblick auf Selbstreflexion und Selbsterfahrung: Auch Psychotherapeut*innen haben ein „persönliches sexuelles Skript“ (S. 149ff.), das von Bedeutung ist für Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung sexueller und erotischer Inhalte in der KBT.

 

Der Blick richtet sich dabei immer auf die Beziehungsgestaltung und dysfunktionale Kommunikations- und Interaktionsmuster. Das Buch verfolgt das Ziel zu sensibilisieren für unterschiedliche sexuelle und geschlechtliche Identitäten und Psychotherapeut*innen zu ermöglichen, reflektiert und professionell sexuelle und geschlechtliche Vielfalt jenseits binärer und heteronormativer Vorstellungen in der KBT anzuerkennen und wertzuschätzen: „Die binäre Geschlechterpolarität (…) sollte nicht weiter zementiert werden.“ Das ist wegweisend. Die selbstreflektierende Haltung der Therapeut*innen beinhaltet auch eine sensible Haltung im Hinblick auf Diskriminierungs- und sexuelle Gewalterfahrungen.

 

Ein weiteres Kapitel widmet sich den Gruppentherapieformen und deren besonderen Wirkfaktoren für Gestaltungs- und Symbolisierungsprozesse, in denen die Betonung der körperlichen Dimension, leiblicher Wahrnehmung und verbaler Reflexion psychisches Wachstum jenseits von Abwehrmechanismen durch rationalen Bewältigungsversuche ermöglichen.

 

Das Buch ermöglicht den Leser*innen, die auch außerhalb der KBT in therapeutischen, sozialpädagogischen oder seelsorgerischen Kontexten arbeiten, eine biographische Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Geschichte von Berührungen, Körperempfindungen, Sexualität, Intimität und schließlich sexueller und geschlechtlicher Identität. Es konfrontiert mit den eigenen Brüchen und dem eigenen psychischen Wachstum und setzt damit einen Kontrapunkt zu einem ausschließlich kognitiven Vorgehen. Es ist ein gelungener, theoretisch fundierter Beitrag zu Bindung, Kommunikation und Interaktion aus Anlass von Praxis für Praxis.

Persönliche Rezension zur Trauer, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

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Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer, Informationen für Betroffene und Angehörige, 2., überarbeitete Auflage, Hogrefe Verlag, Göttingen 2021, broschiert, 64 Seiten, ISBN: 978-3-8017-2976-9, Preis: 9,95 Euro

Bereits vor einiger Zeit erhielt ich vom Hogrefe Verlag den “Ratgeber Trauer” als Rezensionsexemplar, leider kam meine Lektüre etwas ins Stocken. Traurige Aktualität erhielt der Ratgeber für mich durch den Tod meiner Frau im April dieses Jahrs, der auch Anlass einer kurzen Betätigungspause im Blog war.

Der Tod gehört theologisch immer zu meinen Interessensgebieten, was bei der Beerdigungspraxis im Pastoralberuf ja auch nicht unüblich ist. Ich habe zudem an der Uni ein sehr interessantes und vielseitig angelegtes Tod-Seminar am Institut für christliche Gesellschaftswissenschaften besucht.

Das Seminar ist jetzt fast 40 Jahre her, aber der Name Yorick Spiegel hat sich mir eingebrannt. Seine Lehre von den Trauerphasen war lange prägend und taucht auch im Buch von Hansjörg Znoj wieder auf. Das Buch ist ein schmaler, aber wissenschaftlich fundierter Ratgeber von insgesamt nur 64 Seiten. Ich halte die Empfehlung, das Buch an Trauernde weiterzugeben trotzdem nicht für sinnvoll.

Handout für Betroffene?

Ein Ratgeber in wissenschaftlicher Fachsprache kann kein Handout für Betroffene sein. Das bedeutet nicht, dass dafür nur das wissenschaftliche Publikum in Frage kommt. Jede Person, die irgendwie und irgendwann mit der Begleitung Trauernder zu tun hat, sollte den Inhalt der Broschüre kennen.

Was ist Trauer? Wie äußert sie sich? Was ist normal? Was könnte auf eine Trauerstörung hindeuten?

Phasen von Schock bis zur Neuorientierung

Wichtig fand ich im Vergleich zur älteren Trauerliteratur etwa, dass sich die Phasen von Schock bis zur Neuorientierung nicht wie auf einem Stundenplan verhalten. Gemeint sind eher Erfahrungsebenen, die nebeneinander, übereinander, miteinander und eben nicht schlicht nacheinander geschehen.

Auch sind trauernde Menschen im Prinzip alltagstauglich. Trauer ist keine Krankheit, wenn sie auch belastend ist. Auch in praktischer Hinsicht ist Entlastung sinnvoll.

Trauer hat schon Ähnlichkeit mit einer Depression und ich habe den Verdacht, dass beide Zustände darin verwandt sind, dass sie manchmal unbewusst ablaufen. Ich denke als psychologischer Laie, dass bei einer Depression auch eine Trauererfahrung oder ein Trauma im Hintergrund stehen können.

Trauer kein permanentes Gefühl

Wichtig war für mich bei der Lektüre des Ratgebers eine Sache, die ich in meine eigene Trauer hineingenommen habe, nämlich, dass die Trauer kein permanentes Gefühl ist. Sie ist eine Vorbelastung aufgrund der Erfahrung des Todes, die unterschwellig präsent ist und situativ aufleuchtet. Daher meine ich auch, dass man sich nicht zwangsläufig nach außen hin als Trauernder darstellen müsste.

Der Ratgeber geht für mich ein wenig zu schnell in die Richtung der pathologischen Trauer bzw. der Trauerstörung, obwohl es schon ein wichtiger Aspekt ist.

Ich persönlich habe den Rat des Ratgebers nicht befolgt, mit dem Umzug bis zum Ende des Trauerjahres zu warten. Im Gegenteil: Ich könnte unter bestimmten Umständen das Aus- und Aufräumen und die Wohnungssuche auch als tätige Trauerbewältigung sehen. Ich konnte und wollte mich mit dem Aufenthalt im großen und nun fast menschenleeren Haus nicht abfinden und bin bewusst in eine Wohnung gezogen.

Wo bleiben die Abschiednahme und das Gedenken?

Was mir insgesamt im Ratgeber fehlt, ist der bzw. die Verstorbene selbst. Im Gegensatz zur religiösen Trauerbewältigung bzw. Trauerbegleitung, fehlt hier mit der Abschiednahme auch das Gedenken. Der Ratgeber ist ausschließlich an der Person der Trauernden interessiert und blendet das Objekt der Trauer, das verlorene Gegenüber (weitestgehend) aus.

Ich bin wahrlich kein Friedhofsgänger, weil ich den bzw. die Verstorbenen eher im Leben vermute als im Grab. Aber trotzdem hat auch mir der gelegentliche Blumengruß oder der Besuch am Grab gutgetan und geholfen, mich zu orientieren.

Die im Ratgeber präsentierte neuere und auch schon die ältere Richtung der Psychologie tut m. E. gut daran, nicht nur über den Objektverlust zu reflektieren, sondern auch darüber, wie sich die bleibende Gegenwart der Verstorbenen in uns selbst gestaltet, z. B. als unterschwellige Erinnerung. Das gilt doch auch für andere Arten des Verlustes.

Martin Heidegger schreibt sinngemäß, dass das Leben nur nach vorn und in die Zukunft hineingelebt, aber dass es nur im Blick in die Vergangenheit verstanden werden kann.

Dazu reicht es meines Erachtens nicht aus, nur die Verstorbenen als Verluste und Aufgaben zu sehen. Oft wird mir dann, wenn ich etwas verliere, dessen Wert erst richtig bewusst. Diese Erfahrung des Bewusstseins sollte auch auf der Seite der Psychologie mehr gewürdigt werden.

Reflektierend möchte ich am Schluss über den Ratgeber sagen, dass er ein wichtiges Hilfsmittel für die Begleitender Trauender und ggf. ihrer Therapie darstellt. Da Betroffene im Allgemeinen nicht die Reflektionsebene der wissenschaftlichen Psychologie nachvollziehen können, sehe ich diesen Ratgeber wie schon oben ausgeführt, nicht als Handout für Betroffene, sondern als Hilfsmittel für Begleitende an.

Klar ist, dass wir Betroffene, die wir Menschen in der Begegnung mit dem Tod nun einmal sind, damit zu leben haben, dass das Leben Fragen aufwirft, die wir uns nicht beantworten können und müssen. Aber es schenkt uns auch unendlich viel, das in der Erinnerung präsent bleibt. Das schließt auch eine neue Liebe nicht aus, sondern eröffnet gerade den Weg dorthin.

Hierzu gibt es keinen besseren Text als das Stufengedicht von Hermann Hesse, in dem es zum Ende heißt: „Nimm Abschied und gesunde.“

Frankfurter Buchmesse 2021, Notizen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

 

Foto Niklas Fleischer

Vorrede: Anmerkung zum Format dieses Kurzberichts.

Dem zuvor erschienen Bericht von Niklas Fleischer kann ich nur zustimmen und möchte keinen zweiten anfügen. Niklas hat mich lediglich gebeten, seinem Bericht meine inhaltlichen Notizen hinzuzufügen. Ich muss zugeben, dass ich diese erst aus dem Fundus meiner Mitbringsel rekonstruiert habe. Es geht ja eigentlich auch nur darum, dadurch zu veranschaulichen, dass die traditionelle Buchmessenarbeit durchaus möglich war und vielleicht abgesehen von der etwas schlechteren Auswahl durch die neue Raumaufteilung auch weniger hektisch ausgeführt werden konnte. Ich habe gerade in dem Bericht der Frankfurter Buchmesse selbst noch gesehen, dass das Programm digital zu verfolgen war. Daran haben wir nun offensichtlich weniger teilgenommen, aber das ist trotzdem gut und sinnvoll, zumal diese Beiträge ja meist auch später noch eingesehen werden können.

Foto Niklas Fleischer
Ein Hinweis:

Da dies bewusst nur Notizen sind, führe ich das Format der Buchangaben nicht so gründlich aus, bitte also die Leserinnen und Leser sich im Internet durch Stichwortsuche einen passenden Ort für ihre Recherchen zu suchen. Meist sind das die Verlagsseiten, aber auch die Portale der großen Internet-Buchhändler.

Blaue Frau

Zunächst fiel mir die „Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel aus dem Verlag S.Fischer ins Auge, da es die diesjährige Preisträgerin des deutschen Buchpreises ist, und ich vor der Buchmesse davon gehört hatte. Es interessiert mich auch inhaltlich, da es um die Aufarbeitung einer Vergewaltigung geht, die als Traumatisierung einen Menschen das ganze Leben verfolgen kann. Der Verlag S. Fischer wartete seit 2007 auf einen erneuten Buchpreis. Es ist wirklich einer von den guten Literaturverlagen.

Foto Niklas Fleischer

Mensch, Gott

Bei Suhrkamp finde ich eine Auswahl von Texten von Wolf Biermann unter der Überschrift, „Mensch, Gott“ mir wird sofort klar, dass die Texte, nicht nur die Lieder von Biermann auch religiöse Anspielungen haben und profan christliche Inhalte verbreiten. Man denke nur an das Lied: „Ermutigung“, das in der christlichen Friedensbewegung rauf und runter gesungen wurde. Da ich den Newsletter von Suhrkamp bekomme und im Blogger-Verteiler bin, versuche ich mal ein Rezensionsexemplar zu erhalten.

 

Michelangelo

Bei Wagenbach, dem linken Literaturverlag, finde ich den Schwerpunkt „Kunst“ interessant. Erste Raffaels Schule von Athen und jetzt „Michelangelo“, das fällt ins Auge. Man setzt dabei auf Qualität. Der Preis des Buches wird ab dem 1.1.2022 bei 98,00 Euro liegen, vorher ein wenig niedriger. Da kann man nur sagen: Was nichts kostet, das taugt nichts.

 

St. Maria zur Wiese

Machen wir bei Kunst weiter: Da meine Wege neuerdings in die Normandie führen, fiel mir das Buch über die Normannen ins Auge. Es sind zwei Ausstellungsbände zum Preis von einem, 49,00 Euro und ist eine Koproduktion von „Schnell und Steiner“ mit der Stadt Mannheim. zu Hause nehme ich den Katalog zur Hand und finde etwas, das mir auch sehr interessant erscheint mit lokalem Bezug: Eva Maria Bongardt: „Die Kirche St. Maria zur Wiese in Soest und ihre Bildausstattung.“ Das Buch ist bereits erschienen und kostet ambitionierte 76,00 Euro. Wer die Kirche kennt und vielleicht schon Gottesdienste dort gefeiert hat, weiß, dass die Bildaustattung phänomenal ist.

Pandemie, die erste

Beim Passagen-Verlag aus Wien fiel mir auf: Jean-Luc Nancy: „Ein allzu menschlicher Virus“. Das Buch ist frisch erschienen. Die Pandemie gibt in der Tat zu denken. Das Büchlein ist zudem auch nicht allzu dick. Für mich ist Jean-Luc Nancy als Schüler irgendwie auch inhaltlich der Nachfolger von Jacques Derrida, der Begründer der Postmoderne.

Liberale Glaubenshaltung

Kommen wir mal zu religiösen Themen: Beim Vier Türme Verlag des Benediktinerklosters Münsterschwarzach schreibt der allseits bekannte Anselm Grün, und vermittelt eine sakrale Haltung, die mit der modernen Lebensauffassung vereinbar ist und spirituelle Impulse gibt. Reizvoll sind dazu im Katalog die Neuerscheinungen „Checkliste Himmel“, Glaube zum Ausfüllen. Oder genauso postmodern: Gesine Palmer: „Vielfalt statt Konsens in den Religionen“. vielleicht wird die liberale Glaubenshaltung, von der hier die Rede ist, auch mal die Kirche retten.

Geschlechtervielfalt

Hierzu gibt es im eher unbekannten Verlag Nünnerich-Asmus (www.na-verlag.de“ ein Ausstellungskatalog mit dem sinnigen Titel „G*tt w/m/d“, Geschlechtervielfalt in biblischen Zeiten. Die dazu gehörige Ausstellung wird bis zum 19.12.2021 im Bibelhaus Frankfurt gezeigt.

Jesus oder Paulus

Bei C.H.Beck fällt mein Blick auf das Buch von Johannes Fried: „Jesus oder Paulus“ (22,00 Euro). Ist ja klar: wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, wie Fried in einem andren Buch darstellt, dann muss er nach der Kreuzigung weitergelebt haben. Doch davon ist außer bei als Erscheinung des Auferstandenen in der Bibel nicht die Rede. Wäre also spannend zu lesen, wie der Altmeister der profanen Geschichte die Gegenwart Jesu weiter begründet. Auch der richtige Tod des Erlösers würde mich dann auch interessieren.

Ist die Zukunft der Kirche bezahlbar?

Pragmatisch ist da eher der Neuenkirchener Verlag mit der Arbeit von David Guttmann und Fabian Peters: #Projektion2060, Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, Analyse – Chancen – Visionen, 26,00 Euro. Es ist diesmal keine Umfrage, sondern eine ökonomische Studie, die sich sehen lässt.

Etwas Psychologie zum Schluss:

Bei Hogrefe greife ich das Gesamtverzeichnis 2022 ab, zumal da noch einige Rezensionen offen sind. …

Beim Psychosozialverlag aus Gießen wird ein Buch aus 2020 offen verschenkt: Steven Taylor: „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ (Übersetzt aus dem Amerikanischen).

Eine Neuerscheinung berührt mich persönlich: Anja Röhl: Heimweh-Verschickungskinder erzählen, Hardcover, 24,90 Euro (weitere Info hier: www.verschickungsheime.de).

1700 Jahre jüdisches Leben

Zu guter Letzt: Aus dem Homunculus-Verlag bekomme ich hoffentlich recht bald das Rezensionsexemplar von Uwe Seltmann: „Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.“ Es ist kein Katalog zur gegenwärtigen Jubiläumsausstellung, sondern eher ein begleitendes Sachbuch.

Wäre doch gelacht, …

…wenn ich von dieser Buchmesse nicht auch Anregungen und Lesetipps mitgenommen hätte. Mein Eindruck: Die bleibende Präsenz der Verlage ohne Massenandrang ist für diese Aufnahme von Informationen kein Nachteil gewesen.

Foto Niklas Fleischer

Wie das Christentum aus dem Judentum entstand, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

Wie das Christentum entstand von Klaus Wengst

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Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, Eine Geschichte mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021, gebunden, 351 Seiten, mit Stellenregister, ISBN: 978-3-579-07176-3, Preis: 22,00 Euro (Print)

Ist der Titel wirklich passend?

Zunächst ein Einwand: Wie man sieht, habe ich den Titel des Buches in meiner Überschrift um ein kleines Detail erweitert. Mir fehlte die Bemerkung, dass das Christentum aus dem Judentum entstand.

Liest man den Wortlaut nämlich so, wie es auf dem Cover steht, erwartet man eine historische Abhandlung, vielleicht aufgeteilt nach den Hauptorten Jerusalem, Cäsarea, Athen, Korinth und Rom. Warum das offensichtlich so nicht leistbar ist oder war, wird deutlich, wenn man den Bezug zum Judentum hinzunimmt.

Warum es keine historische Abhandlung gibt, und was stattdessen geboten wird.

Dass eine historische Abhandlung lückenhaft wäre, steht außer Frage, aber sie gar nicht erst zu versuchen, enttäuscht die Leserinnen und Leser.

Was finden wir stattdessen? Um sich dieser Frage zu nähern, ist es sinnvoll, sich das Coverbild näher anzusehen. Ganz nebeneinander sitzen zwei lesende Figuren, die beide eine Krone tragen. Die eine links liest aus einer Schriftrolle, die Person rechts aus einem gebundenen Buche, früher Codex genannt.

Covergrafik: Die lesenden Geschwister

Die sind im Miteinander-Lesen verbunden, die Bücher jedoch sind verschieden, beziehen sich aber aufeinander. Das Neue Testament kann im Gottesverständnis und in der religiösen Ausrichtung ohne das Alte Testament nicht verstanden werden. Und das Alte Testament findet seine Fortsetzung in Schriften, die darin nicht mehr aufgenommen wurden. Zu diesen jüdischen Schriften zählen Fachleute auch viele Schriften des Neuen Testaments.

Geschichte der frühchristlichen Literatur

Wenn man sich nun also den Inhalt des Buches von Klaus Wengst (geb. 1942, em. Professor für Neues Testament aus Bochum) vor Augen führt, erkennt man eine, wenn auch selektive, Geschichte der neutestamentarischen Literatur. Das Buch verkörpert in meist narrativer Form die Literaturgeschichte des Neuen Testaments, früher meist unter dem Titel „Theologie des Neuen Testaments“ veröffentlicht.

So wie das Buch geschrieben ist, gehört es unbedingt an den Anfang des Theologiestudiums, egal ob für das Pfarramt oder das Lehramt. Ohne fremdsprachliche Anteile ist es auch für interessierte Laien verständlich.

Das Judentum ist die Wurzel, aus der ein neuer Baum wächst. Dieser neue Baum wächst daher aus dem alten heraus und wird unter dem Einfluss griechischer Philosophie zu einer Weltreligion, zum Christentum.

Wenn man diese Frage der Entstehungsgeschichte außer Acht ließe, entstünde ein Eindruck von der Einbindung des Christentums wie des Judentums in die antike, römisch dominierte Welt.

Am Anfang steht ein Verrat

Vielleicht ist es sogar die Geschichte eines Verrats. Denn nach dem ersten und erst recht dem zweiten jüdischen Krieg war die Ausübung der jüdischen Religion reglementiert und eingeschränkt. In dieser Situation rückt das Christentums endgültig von der jüdischen Mutter ab, um nicht ebenfalls unter die betreffenden Religionsgesetze zu fallen. Dass die Tempelsteuer nun vom römischen Staat erhoben wurde und ganz anderen Zwecken galt als vorher, wird eventuell mit dem Wort Jesu: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“ unterstützt.

Mit dem Judentum an Jesus Christus glauben, nicht dagegen

Das Christentum wird später im römischen Reich trotzdem verfolgt, aber nicht, weil es ein Teil des Judentums ist. Die Texte des Neuen Testaments passen zu den entsprechenden Religionsperioden und lassen Rückschlüsse der Entstehung des Christentums aus dem Judentum zu. Um diese Perspektive zu eröffnen und zu verstärken, hat Klaus Wengst einen wichtigen Beitrag geleistet.