Dokumente zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

zu: Dietrich Bonhoeffer: Konspiration und Haft, 1940-1945, Herausgegeben von Jørgen Glenthøj (+), Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, Dietrich Bonhoeffer Werke, 16. Band, Chr. Kaiser Verlag 1996 jetzt: Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Auflage 2016, ISBN 978-3-579-01886-7, gebunden, 956 Seiten, Preis: 199,00 Euro (print)

Zum Einstieg

Der Preis des umfangreichen Buches überrascht zunächst. Sicherlich ist die sorgfältige Edition aufwändig, zumal das Buch den Forschenden ausführliche Register an die Hand gibt (über 200 Seiten).

Der Herausgeberkreis dokumentiert die Editionsgeschichte im Vorwort und bietet im Nachwort den Versuch einer historischen und theologischen Einordnung der Widerstandstätigkeit Dietrich Bonhoeffers, die hier ausführlich dokumentiert wird. Die im zweiten Teil abgedruckten theologischen Arbeiten sind allesamt unveröffentlicht, da Bonhoeffer zwischen 1940 und 1943 und erst recht während der Haft jede Veröffentlichung verboten war.

Es gibt einige Fragen, mit denen ich die Lektüre dieser Materialsammlung angehe, die nicht nur allein von Bonhoeffer selbst verfasste Schriften enthält, und zugleich Briefes an ihn wie z. B. von Eberhard Bethge, dem späteren Herausgeber seiner Gefängnisbriefe und Biograph, sondern auch Gerichts- und Prozessunterlagen.

Fragen

Eine meiner Fragen ist: Inwieweit war der Verfasser friedensethischer Schriften selbst Kriegsdienstgegner oder gar Verweigerer, was ihm ja nicht vorzuwerfen wäre? Als er 1939 erneut aus den USA zurückkehrte, musste ihm diese anstehende Entscheidung immer deutlicher werden. Er führte von Schlawe (Pommern) aus sogenannte Sammelvikariate und musste sich dort auch mustern lassen. Der Einberufung entging er durch die „uK-Stellung“ auf Antrag der Abwehr im Bereich der Reichswehr, zu der er nun offiziell gehörte. Hierzu hatte sein Schwager von Dohnanyi gesorgt.

Wie viele Auslandsreisen Bonhoeffer absolviert hat und wofür, ist wohl noch lange im Unklaren geblieben. So musste er während seines Aufenthalts im Kloster Ettal mehrere Monate auf das Visum für die Schweiz warten. Die Frage der indirekten Kriegsdienstverweigerung sollte in den Prozessakten einen breiten Raum einnehmen. Hierbei wird auch indirekt deutlich, dass die Abwehr selbst juristisch angreifbar schien. Leitende Beamte wir Wilhelm Canaris (1887 – 1945) und Hans von Dohnanyi (1902 – 1945) wurden ja ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Frage, ist ob angesichts weitreichender Rede und Schreibverbote von herkömmlicher theologischer Arbeit überhaupt noch die Rede sein konnte. Trotzdem dokumentiert der Band, dass der Theologe Dietrich Bonhoeffer die Arbeit an theologischen Konzepten nicht aufgegeben hat.

Besonders der Briefwechsel mit Eberhard Bethge im ersten Teil erinnert in seiner Reflexion schon in weiten Zügen an die Gefängnisbriefe ( siehe: „Widerstand und Ergebung“, DBW Band 8). Zusätzlich wird immer wieder auf das Projekt der „Ethik“ (DBW, Band 6) Bezuggenommen, an der Bonhoeffer besonders in Ettal, aber letztlich bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hat. Einzelne Themen der „Ethik“ sind von einem Situationsbezug her zu bewerten, der in den Dokumenten zwischenzeitlich angesprochen wird.

Eine weitere Frage ist, inwieweit Bonhoeffer schon in den politischen Widerstand involviert war. Hierzu wird es kaum schriftliche Quellen geben. Der Besuch in der Schweiz 1941 rechnet mit einer Möglichkeit des Kriegsendes durch eine Art Regierungswechsel. Wie dieser Umsturz geplant war, bleibt offen. War das Attentat vom 20.07.1944 als Auslöser eines Militärputsches gedacht oder sollte es so schnell es geht zurück zur Demokratie kommen?

Meine letzte Frage ist die nach Befremdlichem. Wie verhält sich die pazifistische Position, mit der Bonhoeffer den waffenlosen Dienst als Agent der Abwehr dem Kriegseinsatz vorzieht zu anderen Arten des Widerstandes gegen Hitler? Warum bezieht sich Dietrich Bonhoeffer in seinem Brief gegen den Vorwurf „volkszersetzender Tätigkeit“ nicht in erster Linie auf die Religion, sondern seine adlige und zum Teil untadelige bürgerliche Herkunft (S. 62)? Und gibt es gar in den Rundbriefen im Gedenken an die Gefallenen eine Art „Kriegstheologie“, wenn es z. B. heißt: „Braucht Gott etwa unsere Brüder zu irgend einem verborgenen Dienst für uns in der himmlischen Welt?“ (S. 193) Warum bezieht er sich in dem Bericht über die Deportationen nicht auf den Verdacht, es könne sich um Ermordungen handeln (vgl. S. 213 „nach Polen“)? Und: Warum gibt es in der kritischen Ausgabe Stellen, die als nicht zitierfähig bezeichnet werden? Worum geht es dabei, um private Beziehungen etwa?

Was typisch ist

Wie schon in „Widerstand und Ergebung“ werden zahlreichen theologische Fragen reflektiert. Erstaunlich sind dabei Bonhoeffers Formulierungen, die seinen Veröffentlichungen eine besondere Tiefe geben. Dazu am Ende der fragmentarischen Rezension ein Beispiel: „Die Unverantwortlichkeit der Zukunft gegenüber ist Nihilismus, die Unverantwortlichkeit der Gegenwart gegenüber ist Schwärmerei. Beides müssen wir überwinden und in dieser Aufgabe, die auch eine höchst persönliche ist – werden wir uns einmal vereinigen müssen und können…“ (Brief an Christoph Bethge, hier S. 223).

Würdigung

Der hier skizzenhaft rezensierte Band 16 der Dietrich Bonhoeffer Werke zeigt dass, wie schon bei der Neubearbeitung der Gefängnisbriefe unter der Überschrift „Widerstand und Ergebung“, überlieferte Dokumente und auch Briefe an und über Dietrich Bonhoeffer zum Verständnis seines Wirkens hinzugehören.

Hierbei wird zudem auch die historische Perspektive zu würdigen sein, in der Bonhoeffers Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu bedenken ist. Letztlich ist ihm in der Funktion als Agent der Abwehr eine politische Funktion zugewachsen, die es neben der theologischen auch in Zukunft stärker zu würdigen ist. Dadurch wäre Bonhoeffers Theologie nun erst recht eine politische Theologie geworden.

Am Heiligenschein gekratzt, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Ralf Frisch: Widerstand und Versuchung, Als Bonhoeffers Theologie die Fassung verlor, Theologischer Verlag Zürich 2022, Softcover, 172 Seiten, ISBN 978-3-290-18478-0 (Print), Preis: 19,90 Euro (25,00 Schweizer Franken)

 

Vorwort zur Rezension: Der Freund, Herausgeber seiner Briefe und Biograph Dietrich Bonhoeffers, Eberhard Bethge sieht die religionskritischen Einlassungen Bonhoeffers in der Kontinuität seines Schaffens und zeigt beispielsweise in der Biographie oftmals Querverbindungen auf. Daher kann der Text der Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“) keine einmalige Versuchung sein. Möglicherweise sind Bonhoeffers Ausschläge von ökumenisch über politisch bis theologisch modern nicht einlinig zu werten. Mag sein, dass man diese letzte Lebensphase als Gefährdung einstufen kann, aber bitte nicht als Versuchung.

Dass dieser Mensch, der 1945 als evangelischer Pfarrer und Theologe und als Mitwirkender einer Verschwörung und somit als Staatsfeind hingerichtet wurde als Opfer des Nationalsozialismus, nach seinem Tod ein fragmentarisches Werk hinterlässt, wird niemand in Abrede stellen. Besonders die „Ethik“, eine Sammlung nicht vom Autor autorisierter Manuskripte, sind ein Beispiel dafür. Das gilt erst recht für die Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“).

Trotzdem ist die Beobachtung bemerkenswert, dass Bonhoeffers Ausführungen oft ins Grundsätzliche formuliert sind. Doch als persönliche Anmerkungen im Briefwechsel mit Eberhard Bethge gemeinte Ansätze atheistischer Theologie dürfen m.E. nicht überbewertet werden. Dass diese neben den Gedichten gleichwohl die Perlen dieser Schrift sind, macht es Ralf Frisch möglich, hier am Heiligenschein eines Märtyrers zu kratzen.

Rezension: Aus der vorangestellten Bemerkung ergibt sich der Verzicht auf einen inhaltlichen Abriss des Essays von Ralf Frisch, dem ich eine gründliche Beschäftigung mit dem Werk Bonhoeffers nicht absprechen möchte. Sein Gedankengang ist nachvollziehbar und stützt sich auf die selektive Wiedergabe fragmentarischer Texte. Sein Begriff der Versuchung könnte man auch als eine Entgleisung deuten. Leider bleibt die Wirkungsgeschichte der Texte Bonhoeffers weitgehend außen vor.

Die Pointe der Arbeit von Ralf Frisch sei dennoch verraten: Ralf Frisch, Theologieprofessor aus Nürnberg, findet in den Texten der Gefängnisbriefe nicht nur eine Kirchen- bzw. Religionskritik oder eine Glaubenskrise, sondern vielmehr eine auffallende Nähe zu einer der letzten Schriften Friedrich Nietzsches, des „Antichrists“, erschienen 1888. Da Bonhoeffer Nietzsche nicht im Gefängnis gelesen hat, muss er auf eine frühere Lektüre zurückgreifen, vielleicht sogar in seiner Schulzeit. Ralf Frisch ignoriert hier wiederum die Biografie Eberhard Bethges, in der Nietzsche ausdrücklich im Stichwortverzeichnis vorkommt.

Sympathisch an der Untersuchung von Ralf Frisch finde ich hingegen, dass er Friedrich Nietzsche keinesfalls als Atheist versteht, sondern in der Schrift vom Antichristen eine Hommage an den Gekreuzigten liest. Im Sinn der liberalen Theologie wird hier also Jesus gegen die Kirche ausgespielt. Der „Tod Gottes“ zielte dann auf das Ende der Konstruktion eines religiösen Heilssystems, in dem Gott instrumentalisiert wird.

Die Aussage, Bonhoeffer soll zuletzt ein religöses amor fati (Liebe zum Schicksal, d. Rez.) nach dem Muster Nietzsches gefunden haben, ist unwahrscheinlich, da er noch 1943.  „nach 10 Jahren“ ausdrücklich dagegen argumentiert. Im Gedicht „Von guten Mächten“ ist von Gott die Rede als einem Du, nicht vom Schicksal („Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittren, des Leids…“).

Das in der „Höhle des Lockdowns“ entstandene Buch schließt mit dem Satz: „Wir sollten wissen, dass Gott allein weiss, ob es Gott wirklich gibt.“ (S. 172). Das klingt nach den oft sehr bestimmend auftretenden Argumenten des Buches nun doch zu vage. Besser würde hier ein Zitat Bonhoeffers passen als seiner Habilitation „Akt und Sein“: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (aus: Dietrich Bonhoeffer: Akt und Sein, erschienen 1931, DBW“, S. 114)

Möglichkeit eines atheistischen Glaubens, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022,

zu:

Hartmut von Sass, Atheistisch glauben, Ein theologischer Essay, Matthes und Seitz, Berlin 2022, ISBN: 978-3-7518-0541-4, 150 Seiten, Klappenbroschur, Preis: 14,00 Euro

Da es im Essay/Büchlein von Hartmut von Sass darum geht, „atheistisch“ an Gott zu glauben, wird man zu Recht mit einer Auseinandersetzung mit Formen des Atheismus zu rechnen haben. Dies wird aber hier kaum geleistet, wozu sich der Autor allerdings auch äußert.

Stattdessen begibt er sich auf den Denkweg der theologischen Kritik des Theismus. Er katalogisiert etliche Varianten des (post-)modernen Umgangs mit theistischen Formen, um dann im zweiten Teil neu anzusetzen. Der Aufbau des zweiten Teils liest sich wie eine Kurzfassung der systematischen Theologie. Insofern kommt er hier auf das Ziel des Buchs zu sprechen. Im ersten Teil fällt mir auf, dass er eines der berühmtesten Zitate Dietrich Bonhoeffers ohne Nennung des Autors aufgreift: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (Zitat DBG, der Rezensent). Auch das Zitat von Gerhard Ebeling weist eine Nähe zu Bonhoeffer auf (S. 35): „… Glauben ist das Bestimmtsein der Existenz…“.

Ähnliches gilt auch für andere Autorinnen wie Dorothee Sölle und ihre Vor- oder Mitdenkerinnen. Aber die Frage der Referenz mag ja letztlich für einen Essay egal sein, der schlicht einen neuen Ansatz ausdrückt.

Sein Aufsatz ist philosophisch stringent formuliert. Er stellte Bezüge zu traditionellen und aktuellen Denkwegen auf. Diese Denkwege werden übersichtlich strukturiert und zumindest ansatzweise auf ihre Konsequenzen hin überprüft (obwohl mir diese Schlüsse manchmal etwas schnell erscheinen).

Im folgenden Zitat scheint mir die wahre Intention des Autors aufzuleuchten, die dann doch m. E. zum Panentheismus in einer gewissen Affinität steht: „Kein ontologisch autarkes Wesen wird nun theologisch charakterisiert, sondern die Theologie expliziert den glaubend vollzogenen Bezug auf diese eine Welt. Der atheistischen Revision religiösen Glaubens geht es folglich nicht um einen zur Welt addierten Referenten, sondern um eine irreduzible Referenz auf die uns umgebende Welt.“ (S. 38). Damit die Welt nicht direkt mit Gott gleichgesetzt wird, heißt es auch, es gehe um die Beziehung zum „Ganzen“.

An einem Bild, das sowohl als Hase als auch als Ente beschrieben werden kann, wird gezeigt, dass der Glaube nicht die Erfahrung der Welt ändert, sondern einen Perspektivenwechsel beschreibt. Das erinnert dann tatsächlich schon an einen philosophischen Gedankengang, wobei die Frage offen bleibt, ob von Sass das auch bis zum Ende des Buche durchhalten kann. Der Glaube kann also auf keinen Fall als „Hinterwelt“ gesehen werden, sondern allenfalls als neues Denken.

Im nächsten Abschnitt wechselt Hartmut von Sass ungeachtet aller Begrifflichkeit in eine positive Theologie, indem er feststellt: „Gottes Wirklichkeit ist sein liebendes Wirken am Menschen.“ (S. 62). Diese Bestimmung bewirkt nun eine Art existentiale Interpretation, die Hartmut von Sass gleich auf die Grundfrage anwendet. Glaube an Gott ist keine Einstellung zu etwas oder Glaube an jemanden, sondern eine Art Grundverständnis des Lebens: „Nicht an Gott wird geglaubt, sondern in Gottes Wirklichkeit wird gelebt. Gott ist die Wirklichkeit des Glaubens.“ (S. 65)

Da ich gerade noch sehr interessiert der religionsphilosophischen Spur des Autors gefolgt bin, reibe ich mir die Augen. Wo ist die ontologische Grundfrage geblieben, das Interesse an atheistischer Theologie? Atheismus bedeutet hier also nur, von einer abstrakten Gotteslehre abzusehen und eine Theologie der Existenz zu formulieren. Doch ist das noch Atheismus?

Eine Zwischenbesinnung fragt nach Aporien quasi postmoderner Gottesbegriffe, die meist auf eine Definition des Gottesbegriffs hinauslaufen und demnach konstruiert sind. Dazu gehört auch die bekannte Tautologie, Gott könne nur durch Gott selbst erkannt werden. Hierbei nimmt von Sass das bekannte Modell auf, verknüpft es dabei zugleich mit seiner Rezeption: „Wie niemals betrachtete Bilder kaum Kunst sein können, weil ihr Publikum zwar nicht Ursache, aber doch Medium ist, in dem Werke zu Kunst werden, so zeigt sich Gott in seiner Offenbarung, die er selbst ist, wenn sie von jemandem vernommen wird.“ (S. 69f)

Das Thema „Anfechtung“ bringt es auf den Punkt. Schon nach Luther und Calvin ist Glaube selbst ein unverfügbares Geschenk, kein Koffer von Sicherheiten. Hier spricht von Sass zu Recht von Dekonstruktion: „Im spätmodernen Vokabular könnte man auch von einer Dekonstruktion sprechen, die den Glauben auf seine Brüche und inneren Spannungen hin befragt, ohne ihn zu verabschieden.“ (S. 74)

Glaube ist ohne Anfechtung, ja Unglaube nicht denkbar, wäre eine sture Wahrheitsbehauptung. Anfechtung im Inneren des Christseins ist das, was gesellschaftlich der Atheismus ist. Dass an dieser Stelle jeder Fundamentalismus scheitern muss, weil er den Zweifel ausblendet und den Glauben damit dem Scheitern aussetzt, wird hier (noch) nicht angedeutet.

Nun folgt das zweite große Kapitel des Buches.

Die folgenden theologischen Skizzen machen nun tatsächlich ernst mit einer Dekonstruktion der religiösen Wirklichkeit. So ist die Schöpfung in der Tat nicht im Ansatz eine religiöse Theorie der Weltentstehung, sondern beschreibt schlicht das Entstehen des Glaubens.

Das gleiche Methodenspiel wird nun auf die Frage nach dem Bösen, also schlicht die Theodizee angewandt. Es ist sehr oft von Hiob die Rede. Am Ende kommt von Sass auf Jürgen Habermas zu sprechen und das „Bewusstsein von dem, was fehlt“. Hiob, so heißt es zuvor, ist kein Antwortgeber auf die Frage nach dem Leid, sondern illustriert hingegen, dass diese Frage nicht nur glaubende Menschen lebenslang begleitet.

Sünde und Schuld, die dann zur Sprache kommen, dürfen nicht verwechselt werden. Die Rede von der Sünde gilt nur innerhalb des Glaubens und bezeichnet eine Krise in der Beziehung zu Gott.

Hierzu ein Zitat: „Der Glaube an Gott schafft das Problem, das er selbst bekämpft, so ließe sich die zirkuläre Lage zuspitzen. Das spricht nicht gegen diesen Glauben, sondern entfaltet seine innere Dynamik. Wie mit dem Fußball die Abseitsfalle in die Welt kommt, die ohne ihren sportlichen Kontext selbst ins Abseits geriete, so haben die Sprachspiele des Glaubens nur innerhalb der Glaubenspraxis ihren Ort und Sinn.“ (S.110).

In diesem Abschnitt gesteht von Sass der Theologie tatsächlich einen Zirkelschluss zu, was m. E. philosophisch zu einer Aporie führt. Besser hingegen ist am Ende des Abschnitts die säkulare Deutung der Auferstehung, die m. E. schon von der Theologie des Paulus beispielsweise belegen lässt: „Die Verkündigung der Auferstehung von den Toten muss daher nicht als mirakelhafte Revision eines eigentlich unwiderruflichen Todes aufgefasst werden, auch nicht als martialische Opferung des Sohnes durch den auf Satisfaktion bestehenden Vater (…). Vielmehr kann Jesu Auferstehung als Artikulation eines Glaubens daran verstanden werden, dass sein Heilen und Predigen ein Geschehen sei, welches mit diesem Tod am Kreuz gerade nicht endet;“ (S. 116).

Als praktischer Aspekt des Glaubens ist nun das Beten zu besprechen. Hierbei geht es insbesondere um die Anrede bzw. den Adressaten des Gebets: „Wenn sogar für das Gebet als Bitte gezeigt werden kann, dass es keinen Gott als Quasi-Person reaktivieren muss, sind dem Theismus in all seinen Schattierungen die besten Gründe genommen.“ (S. 120) Gebete bekommen so etwas Unerhörtes. Die Wirklichkeit der Adresse bleibt unverfügbar und ist doch gerade deshalb gewünscht.

Dazu schiebt von Sass nun einen „Exkurs“ ein. Wieder wird die Beziehung zu Gott zu einer Beziehung in Gott. Dass religiöse Traktate nicht nur schon früher mit einem Gebet begannen, sondern auch schlicht als Gebet formuliert waren, wäre als bekannt vorauszusetzen, um nur an Karl Barths Anselmzitat zu denken. Ist also der von Sass entwickelte theologische Atheismus nichts anderes als dialektische Theologie? (d. Rezensent)

Im letzten Abschnitt geht es um Hoffnungsaspekte des Glaubens. Von Sass warnt davor, in den Ereignissen des Hoffnungsglaubens „die Haltepunkte eines geschichtstheologischen Fahrplans in Richtung Zukunft zu sehen“ (S. 139). Vom atheistischen Glauben her, ist nicht Gott, sondern der Glaube selbst der Dreh- und Angelpunkt, was zu einer präsentischen Eschatologie führt: „Man steht von den ›Toten‹ auf, indem man (wieder) zum Glauben findet; und wem dies widerfährt, der hat bereits das »ewige Leben« (so Joh 3,36);…“ (S. 139) Glaube ist demnach nun doch nichts anderes als das Leben für eine bessere Zukunft.

Darauf folgt ein Nachwort bzw. ein Epilog. Er findet einen Ort für die nichtreligiöse Interpretation des Glaubens (ohne diesen Ausdruck zu gebrauchen) in einer Reflexion des Karsamstags.

Obwohl der Essay reichlich Anmerkungen enthält, finde ich doch wenig inhaltliche Referenzen, von dem sinntragenden Ebeling-Zitat am Anfang mal abgesehen. Dorothee Sölle, die den Ausdruck „atheistisch an Gott glauben“ als erste geprägte hat kommt genauso wenig zu Wort (außer in der ersten Anmerkung), wie Jürgen Moltmann, Dietrich Bonhoeffer und andere. Vielleicht ist das auch gut, dass es dem Autor nicht in erster Linie um Referenzen geht, sondern darum, einen eigenen Gedankengang zu entfalten und an einige Beispielen auszuführen. Dafür sollten wir ihm dankbar sein, weil sich von diesen Abschnitten auch neue Gedanken entwickeln lassen. Es ist jedenfalls deutlich geworden, dass dieser atheistische Glaube den Neuen Testament keinesfalls fremd ist, sondern sich von einigen Bibelstellen her direkt entfalten lässt.

Richard Wagner und seine Einflüsse, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Wolfgang W. Müller, Der Bayreuther Kreis und sein Umfeld, Religion – Macht – Musik, Schwabe Verlage, Basel, 2022, gebunden, 386 Seiten, 70,00 CHF

Wolfgang W. Müller ist emeritierter Professor für Dogmatik und war bis 2021 Leiter des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. (Verlagsprospekt).

Es ist ausgesprochen nützlich, den Komponisten und Autor Richard Wagner in seinen zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen. In diesem Buch kommt zusätzlich der Bayreuther Kreis um Houston Stewart Chamberlin (1855-1927) zu Wort. Das umfassende Konzept des Buches konzentriert die Wirkung beider nicht nur auf die Frage des Antisemitismus, sondern kommt zu einer differenzierten Würdigung. Gegen Ende des Buches geht es gleichwohl auch um die Wirkung Richard Wagners und seines Umfeld auf den Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus.

Ich habe mich bei der Lektüre auf die Darstellung Richard Wagners konzentriert und war doch wirklich erstaunt über seinen nicht zu unterschätzenden Einfluss allein schon durch die Musik. Will man Wagner mit der heutigen Musik vergleichen, kann man ihn nur als prominenten Musiker und Starkomponist bezeichnen.

Die Nähe zur Religion ist gleichwohl ausgeprägter als das der bekannte Opernzyklus andeutet. Wagner hat sich nicht nur theoretisch mit religiösen Fragen befasst, sondern auch in Opern und Opernfragmenten ausgeführt wie in „Das Liebesmahl der Apostel“.

So wie er politisch der Demokratiebewegung um die Paulskirche nahesteht, so entzieht er gleichwohl die Inhalte des neuen Testaments der kirchlichen Einbettung und deutet sie stattdessen selbständig. Religion, sowie sie auch in der Kunst dargestellt werden kann, ist für ihn die Erkenntnis der Einheit alles Lebendigen und die Täuschung sowie die Idee der Aufopferung. Allgemeine Ideale wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ sollen den „jüdischen Gottesbegriff“ ersetzen (vgl. S. 64).

So problematisch es ist, den christlichen Glauben seinem jüdischen und biblischen Kontext zu entziehen, so verständlich ist der Versuch, die religiösen Inhalte zu säkularisieren. Wagner soll sich gegen Ende seines Lebens vom Antisemitismus abgewandt haben, was seinen derartigen Einfluss auch durch den Bayreuther Kreis nicht ungeschehen gemacht hat.

So ist dieses umfangreiche Buch ein wertvolles Werk zur Einordnung der deutschen Geistesgeschichte auf dem Weg zum Nationalsozialismus, wobei Wagners Einfluss darauf nicht eingeengt werden kann, was schließlich auch die andauernde Wagner-Euphorie im Blick auf die Bayreuther Festspiele erklären mag.

Was geht, was könnte gehen und wohin geht die Reise? Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

 

Zu:

Thomas Dreier: COPYRIGHT, erschienen in der Reihe: Digitale Bildkulturen, Verlag Wagenbach, Berlin 2022, Paperback, 80 Seiten, Gedruckt auf Schleipen, ISBN: 978-3-8031-3717-3, Preis: 10,00 Euro (print)

 

Link: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1325-copyright.html

Hinweis zur Ausgabe

Das Format des Büchleins ähnelt dem der Reclam Hefte. Der Druck auf Schleipen ist dazu ein Gegensatz, denn das Papier ist etwas schwerer und dadurch griffiger. Auch schwarz-weiß-Fotos sind recht gut zu erkennen. Nur die Übersichtstabelle am Anfang („Verfahren bei Uploads“) ist kaum zu erkennen.

Warum „Copyright“?

Ich verzichte auf eine Inhaltsangabe, da der Titel in diesem Fall genügend aussagt. Das Copyright ist in der letzten Zeit immer stärker in der Diskussion, es wird aber auch immer stärker beachtet. Aber ich gehe hier nicht auf die Diskussion ein, sondern greife vier Aspekte heraus.

 

Das Privileg der „Künstler“ und warum es nicht für alle gilt.

Was ist „Fair use“, d. h. wie können Bilder und Texte kopiert und zitiert werden, ohne die Rechte eines/r anderen zu beschädigen? „Zeigt sich der EuGH mit der Berücksichtigung gegenläufiger Grundrechte ohnehin schon recht zurückhaltend, können sich Durchschnittsnutzer nicht einmal auf die Kunstfreiheit berufen. Denn sie privilegiert allein Künstler.“ (S. 51) Das von Joseph Beuys propagierte Postulat, jeder Mensch sei ein Künstler, besteht also in der Realität nicht. Klar, dass die Intention des Autors hier deutlich wird, der eine Weiterentwicklung anmahnt.

Das Bild als Zitat, die Ausnahme

Geschützt ist nun tatsächlich eine Ausnahme vom Zitatverbot von Bildern, das „zitatweise Zeigen ganzer Bilder“ (S. 53) „Beim Zitat darf das Bild allerdings nicht zu lediglich illustrativen Zwecken verwendet werden, sondern muss Beleg oder Erläuterung des aufnehmenden Textes sein.“ (S. 53f)

Doch warum sind hier eigentlich nur immer Bilder im Blick? Diese Frage zeigt, dass es gar nicht so klar ist, dass hier zwar das Zitieren von Bildern behandelt wird, dass aber auch andere Produkte mitgemeint sein können.

 

Leider nicht frei von Juristendeutsch

An einigen Stellen geht der Autor explizit auf juristische Entscheidungen ein, die offensichtlich vorrangig die Gesetzeslage bestimmen. Hierbei verfällt er selbst in Formulierungen, die dem Juristendeutsch sehr ähnlich sind und den Textfluss eher bremsen. Dazu zitiere ich ein Beispiel:

„Letztlich geht es um die grundsätzliche Frage, was zuerst erfolgen soll: Sollen Inhalte, die die Nutzer hochladen wollen, zunächst hochgeladen und erst nachfolgend gesperrt beziehungsweise entfernt werden, wenn sich die Rechteinhaber dagegen zur Wehr setzen, oder vielleicht sogar erst, nachdem ihnen im Beschwerdeverfahren oder von den Gerichten Recht gegeben worden ist.“ (S. 64f)

 

Was die Diskussion verändert hat.

Was das Copyrightverfahren vor einiger Zeit so virulent machte, das P2P-Filesharing ist hingegen inzwischen auf dem Rückmarsch, da die Streaming-Angebote am Markt gut angenommen werden. Da die Rechteinhaber hierbei im Voraus abgegolten werden, ist im Moment die Diskussion um das Copyright im Medienbereich nicht mehr so interessant. Auch die bekannten Tricks der Abmahnanwälte haben spürbar nachgelassen. Dies hat zu einer Beruhigung und Versachlichung beigetragen, die jedoch zeigt, dass die Frage selbst im Hintergrund immer präsent ist. Das Urheberrechtsverfahren wird dann nicht mehr zum Streitfall, wenn die Klärung etwaiger Ansprüche nicht erst im Streit, sondern vorab beim Erwerb der Werke mitverhandelt wird. Doch wäre dann nicht zu fragen, ob die Vereinheitlichung eines Verfahrens die Sachfrage selbst überflüssig macht?

Ist das schon der Friedensvertrag oder erst der Waffenstillstand, um das Bild des militärischen Konfliktes zu gebrauchen?

 

 

%d Bloggern gefällt das: