Sebastian Castellio hinterließ Freunde und Verehrer, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Peter Litwan: Arm, und doch reich, die ältesten Nachrichten über Sebastian Castellio, Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft, Band 4, Schwabe-Verlag Basel 2026, gebunden, 164 Seiten, ISBN 978-3-7965-5450-6 (print): 46,00 Euro

In der Reihe „Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft“ ist dieser 2026 erschienene Band erst die vierte Schrift. Die internationale Castellio Gesellschaft wurde 2017 gegründet (siehe: https://www.castellio.ch/aktivitaeten). Es ist offensichtlich an der Zeit, an einen Menschen zu erinnern, der sich gegen Verketzerung und für Toleranz Andersdenkender eingesetzt hat. Er wurde nach seiner Flucht aus Genf zunächst Mitarbeiter der Druckerei Oporin in Basel. Während die übrige Schweiz von Genf und Zürich aus bestimmt wurde, gehörte das ehemalig deutsche Basel zum Einflussbereich des oberdeutschen Luthertums (u. a. Bucer). Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam war inzwischen nach Freiburg ausgewandert. Castellio war ein bekannter Graecist und übernahm nach seiner Arbeit als Rektor in Genf in Basel den Lehrstuhl für Griechisch. Dass Friedrich Nietzsche über 300 Jahre später ein später Nachfolger Castellios war, wird an keiner Stelle erwähnt.

Die Schriften der noch jungen Internationalen Castellio Gesellschaft zeigen, dass das Thema Toleranz im Vordergrund steht. Dazu gehört natürlich die historische Aufarbeitung der Geschichte Castellios. In der Schriftenaufzählung wird hingewiesen, dass die ersten beiden Bände als PDF-Datei heruntergeladen werden können (https://www.castellio.ch/publikationen). Dabei wird selbstredend die Auseinandersetzung mit Calvin hervorzuheben sein, wie im zweiten Band. Der hier zu besprechende Band konzentriert sich eher auf biographische Grundinformationen über Sebastian Castellio. Darauf wird in dieser Rezension hauptsächlich einzugehen sein.

Der Gegenstand des Buches geht zunächst auf Castellio wenig ein, sondern stellt ein Buchprojekt des Druckers und Verlegers Johannes Oporin (1507-1569) vor. Das mehrbändige Buch heißt Theatrum vitae humanae und wird zunächst von Theodor Zwinger (1533 – 1588) herausgegeben, inspiriert vom Lateinprofessor Conrad Lycostenes (1518-1561), seinem Stiefvater, der inzwischen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war, jedoch über einige Vorarbeiten für das Mammutwerk verfügte, einer Art „who is who“.

Interessant ist, dass der Verleger Oporin hat eine Zuwendung von 1000 Talern vom Bergwerksbesitzer Weitmoser aus Gastein erhalten hat, um seine Buchprojekte zu realisieren (vgl. S. 16). Die erste Auflage des genannten Titels erschien 1565, die zweite, erneut neu gesetzt mit einem Namensregister 1571, die dritte nun auf 4373 Seiten angewachsen 1586. In der Baseler Universitätsbibliothek befinden sich ein Exemplar aus 1565, drei aus 1571 und eine Ausgabe von 1586 in vier Bänden. Nach einem Vergleich der Ordnungsschemata der verschiedenen Auflagen kommt das hier zu besprechende Buch auf Sebastian Castellio zu sprechen und bietet je einen synoptischen Vergleich zu den unterschiedlichen Nennungen Castellios im Theatrum vitae humanum. Nun werden in einem weiteren Kapitel die biografischen Informationen zusammengefasst. Insgesamt wird hierbei deutlich, das Castellio als gelehrt und engagiert erscheint, ohne eigenes Zutun in Armut geraten ist, sich aber durch Arbeit und Ansehen eine bescheidene Existenz aufgebaut hat.

Seine Umtriebigkeit, sein Streit mit Calvin, sein Protest gegen die Hinrichtung Servets als Ketzer und seine Toleranzschrift werden eher verschwiegen oder nur am Rand erwähnt. Auch der Prozess vor dem Baseler Rat, der durch seinen frühen Tod ohne Entscheidung bleibt, ist außen vor.

Ergänzt wird die Skizzierung seines Lebenslaufs, der den Savoyarden [n. b.. das Herzogtum bzw. Königreich Savoyer gehörte erst 1860 zu Frankreich, d. Rez.] über Genf nach Basel führte durch eine Behandlung seines Epitaphs, eines beschrifteten Grabsteins im Baseler Münster, der später ersetzt wurde. Ergänzt wird diese durch eine Erwähnung epitaphähnliche Gedichte als freundschaftliche Nachrufe auf Castellio. Alle diese Texte sind in diesem Buch zweisprachig Lateinisch im Original und ins Deutsche übersetzt.

Exemplarisch sei auf den ersten Satz des Epitaphs hingewiesen, auf Deutsch: „Iowa [sic; recte: Jehova, d. Rez.] dem besten und größten geweiht.“ (S. 75). Hierzu wird ein kleiner Abschnitt aus der dritten Auslage des Theatrum zitiert, die auf die Verwendung des Gottesnamens in der lateinischen Bibelübersetzung eingeht. Er ist damit über die Übersetzungspraxis Luthers und die Dogmatik Calvins hinausgegangen, die aus dem Glauben an Gott einen Herrschaftsbegriff herausgelesen hat (d.Rez., bei Luther: Der Herr; bei Calvin: l’Éternel. Instrumentalisierung des Gottesnamens zur dogmatischen Unterwerfung bzw. Autorität]):

„Die Juden haben den Namen Gottes mit den vier Buchstaben, der nicht ausgesprochen werden durfte, mit so viel Ehrfurcht begleitet, dass sie ihn niemals nannten, sondern an seiner Stelle als Elohim oder Adonai aussprachen … Als Erster in unserem Jahrhundert hat Sebastian Castellio die Gemüter von diesem Aberglauben befreit, der in seinen biblischen Schriften allenthalben den Namen „Jowa“ gebraucht hat, …“ (S. 63).

Sowohl das Epitaph als auch das Theatrum scheinen mit der Verwendung des Gottesnamens einen eigenen und besonderen Schwerpunkt der Arbeit Castellios als Übersetzer herausgegriffen haben, und damit gezeigt, dass nicht nur seine Ablehnung von jeder Verketzerung und seine Idee von Toleranz, sondern auch seine Bibelübersetzung zu einer streitbaren Person gemacht hat, die danach bis auf wenige Ausnahmen totgeschwiegen, von seinen Schülern und Anhängern aber verehrt worden ist.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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