Ein gutes und ein liebendes Herz, Predigt Lukas 8,4-15, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Am Sonntag Sexagesimae 2021

 Predigttext (Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006)

4 Als viel Volk zusammengekommen war und die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte zu ihm strömten, redete er mit Hilfe eines Vergleiches: 5 »Jemand ging hinaus, die Saat zu säen. Beim Säen fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels pickten es auf.

6 Anderes fiel auf felsigen Boden und verdorrte, sobald es aufging, da es keine Feuchtigkeit fand. 7 Wieder anderes fiel mitten unter Dorngestrüpp, und da dieses wuchs, wurde es erstickt.

8 Ein anderer Teil fiel auf gute Erde und wuchs und brachte hundertfältige Frucht.« Er sagte es und rief: »Wer Ohren hat, zu hören, höre!«
9 Diejenigen, die von ihm lernen wollten, fragten ihn, was das für ein Vergleich wäre.

10 Er antwortete: »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse der Königsmacht Gottes kennen zu lernen! Den Übrigen ist es gegeben, zu vergleichen, damit sie sehen, wenn sie nicht sehen, und hören, wenn sie nicht verstehen.

11 Vergleicht die Saat mit dem Wort Gottes. 12 ›Die auf den Weg fallen‹: das sind die Menschen, die das Wort gehört haben. Aber dann kommt eine diabolische Macht und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden.

13 ›Die auf den Felsen fallen‹: das sind solche, die das Wort gehört haben und es mit Begeisterung aufnehmen, aber keine Wurzel haben. Die glauben nur für den Augenblick, im Moment der Prüfung jedoch machen sie sich davon.

14 ›Was ins Dorngestrüpp fällt‹: das sind solche, die zwar gehört haben, die aber auf ihrem Weg durch Vorsorgen und Reichtum und Lebensgenüsse erstickt werden und keine Reife erlangen.

15 ›Was aber auf gute Erde fällt‹: das sind die, die mit ihrem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.  

Liebe Gemeinde,

bei den vielen Nachrichten, Informationen und Meinungen, die wir hören und die wir abrufen können, müssen wir die Kunst des Ausblendens einüben, damit wir nicht an den vielen Informationen ersticken oder gar völlig orientierungslos werden. Dabei ist es interessant zu fragen, welchen Nachrichten wir Vertrauen schenken und warum das so ist. Es tobt ja geradezu eine Schlacht der Worte, wie etwa die Pandemie eingeordnet werden kann und welche Mittel am besten geeignet sind, sie einzudämmen oder gar zu besiegen.

Unsere Kommunikation wird im Angesicht der tödlichen Gefahr schnell martialisch, es scheint nur ein Entweder-Oder zu geben, und ganz schnell sind wir dabei, andere scharf zu verurteilen, die sich aus unserer Sicht nicht richtig verhalten.

Es wäre sicherlich einmal spannend das Gleichnis vom vierfachen Acker auf das Hören, das Verhalten und die Ausdauer, wie wir Menschen auf die zahlreichen Apelle der Politiker:innen und Wissenschaftler:innen reagieren, zu übertragen.

Aber das ist nicht das Ziel meiner Predigt. Mich interessiert: Wie kommt es dazu, dass Menschen von Gott so angesprochen werden, dass es sie ihr Leben lang nicht mehr loslässt? Wie kommt es dazu, dass Menschen bei allem Wandel, der auch das Verständnis des Glaubens betrifft, sich immer wieder von Gott berühren lassen, sich treu zur Gemeinde halten, ihren Glauben bewahren und leben?

Natürlich unterliegt dieses Bleiben Schwankungen und Anfechtungen, es gibt Zeiten der Dürre und der Unlust, vor allem auch der Enttäuschung von sich und anderen, aber immer wieder holt diese Menschen eine schier unstillbare Sehnsucht nach der Verbindung mit Gott ein, selbst dort, wo sie kaum fähig sind, gedanklich ihren Glauben in Worte zu fassen.

Der Glaube ist einfach selbstverständlich in ihrem Leben, auch wenn er sich kaum äußerlich oder durch ein besonders frommes Verhalten zeigt. Und das Überraschende ist, dass diese Art Glauben Spuren hinterlässt, die Jesus „hundertfältige Frucht“ nennt. Nicht ablesbar, nicht mathematisch evident, aber wirklich, eine Wirkung entfaltend, die wir Segen nennen.

Was ist es also, so will ich es einmal sagen, dass wir unsere Organe öffnen und gottoffen sind oder, wie es traditionell heißt, dass wir Gottes Wort hören, bewahren und tun?

Die Antwort finden wir im Evangelium selbst: „Was aber auf gute Erde fällt: das sind die, die mit einem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.“ (Lukas 8,15; Bibel in gerechter Sprache)

Diese weisheitliche Einsicht, dass ein gutes, das heißt doch ein bereites, und ein liebendes, das heißt hier ein auf Gott hingewendetes Herz, Frucht bringt, bestätigen die modernen Lern- und Motivationstheorien für Lernen und das Leben insgesamt.

Wir wissen, wir lernen einfacher und nachhaltiger, wenn wir etwas mögen. Wenn wir uns wirklich für etwas interessieren, dann wollen wir mehr darüber hören und erfahren, dann überwinden wir sogar Unlust und andere Widerstände, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns interessiert.

Wir saugen förmlich alles auf, was wir dazu hören, wir investieren Zeit und Geld, ganz selbstverständlich. Die Sache, die Person oder die Leidenschaft gehört einfach zu uns. Sie ist nicht abzustellen. Sie zieht uns unerklärlich an. Sie erfüllt uns.

Es brauchte viele Jahre, bis einer meiner Söhne seine Vorliebe für mathematisches Denken entdeckte. Das war vorher nicht ersichtlich. Im Gegenteil, es fiel ihm schwer oder er hatte einfach keine Lust für die Schule zu lernen. Dann hat es einfach einmal Klick gemacht, ab da ging es ihm leicht von der Hand und auch seine Berufswahl wurde von seiner Neigung bestimmt.

Nicht anders ist es mit dem Glauben und dem Bleiben in der Beziehung zu Gott. Wenn wir mit Gott, den wir von Herzen liebgewonnen haben, verbunden bleiben – einfach weil unser Herz mit jeder Faser spürt, es ist gut auf Gott ausgerichtet zu sein –  dann gehört der Glaube zu uns wie das tägliche Brot.

Die Form, wie wir unseren Glauben leben, kann sich ändern, was bleibt schon gleich in unserem Leben, es wandelt sich alles, und das meine ich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.

Was aber bleibt, ist eine Haltung von Respekt gegenüber dem Göttlichen und allen, die ernsthaft ihre Religion leben. Wir sind und bleiben spirituelle Menschen und haben eine spirituelle Sicht auf das Leben, und das erfüllt uns. Nicht nur wir, sondern auch andere bekommen von dieser Ausrichtung, diesem unserem guten und liebenden Herzen Gott gegenüber etwas ab, mögen wir es merken oder nicht.

Schön ist es, wenn wir Resonanz erleben, aber das ist nicht die Voraussetzung, dass etwas wirkt, vielleicht wirkt es sogar noch über unser Leben hinaus. Worauf sich ein Mensch in Liebe ausrichtet, das bleibt nicht ohne Segen. Diese Energie, einmal in die Welt gesetzt, bewirkt Gutes!

Es geht letztlich um diesen Einfall, dass Gott in unseren Sinn kommt oder anders herum, es geht darum, dass wir selbst entdecken, dass Gott nicht nur etwas mit unserem Leben zu tun hat, das wir theoretisch bedenken und aus dem wir alle möglichen Dinge ableiten, sondern, dass wir in der Tiefe unserer Existenz mit Gott verbunden sind, nicht nur als ewige Sehnsucht in uns, sondern wirklich heute, hier und jetzt mit einem liebenden Herzen.

Es ist nicht das Wissen das uns mit Gott verbindet, sondern es ist die Gewissheit, die sein Wort (Geist) in unserem Herzen bewirkt, die uns in aller menschlichen Zwiespältigkeit eindeutig zu einem fruchtbaren Boden macht. Der fruchtbare Boden ist gottoffen. Dahin lasst uns unsere Sinne öffnen, denn solch eine Gottoffenheit geht einher mit einer Welt- und Menschenoffenheit.

Der, der den Boden fruchtbar macht, bereitet in uns auch ein gutes und liebendes Herz. Wir müssen es einfach schlagen lassen. Und hören, hinhören, was Gott uns sagt, und das Gehörte leben im Austausch mit anderen, denn „niemand lebt für sich allein.“(Paulus, Römer 8,14). Amen.

 

 

 

 

Eine subversive Novelle, Predigt Rut 1,1-19a, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Am 3. Sonntag nach Epiphanias 2021. Predigttext (Lutherbibel 2017):

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

6Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

14Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließnicht von ihr. 15Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

18Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Liebe Gemeinde,

meine Tante und mein Onkel – Gott habe sie selig – führten eine christliche Ehe mit festen Werten, aber auch voller Liebe und Zuwendung zu den Menschen. Mein Onkel war evangelischer Pfarrer und meine Tante war ganz Mutter und Pfarrfrau. Sie hatten vier Kinder, und wir, meine Geschwister und ich, waren auch zu viert und oft mit unseren Cousinen und Cousins zusammen.

Als die Zwillinge im Pfarrhaus flügge wurden, achteten die Eltern mit Argusaugen darauf, dass sie auch die richtigen Partner mit nach Hause brachten. Meine Cousinen konnten es ihren Eltern nicht recht machen. Der eine kam aus einem niedrigeren Sozial- und Bildungstand, der andere war gar katholisch. Das ging gar nicht und musste verhindert werden. Es kam wie es kommen musste, meine Cousinen heirateten jede ihre Liebe und letztendlich traute sie ihr Vater. Ein langer Weg lag dazwischen. Das Kennenlernen des anderen. Der Abbau von Vorurteilen. Die Einsicht, dass es immer um den konkreten Menschen geht, seine Geschichte, seine Gaben und Unzulänglichkeiten, seine Beziehungsfähigkeit und die Bindung, ja die Liebe, die auf dem gemeinsamen Weg entsteht.

Der Lernweg für Onkel und Tante war noch nicht zu Ende. Der jüngste Sohn heiratete und ließ sich nach zehn Jahren scheiden. Eine Scheidung war für seine konservativen Eltern, die selbst eine glückliche Ehe führten, eine Katastrophe. Allerdings ging es um ihren Sohn und sie konnten seinen Schritt nachvollziehen, auch wenn ihnen die Ehe heilig blieb.

Es war für sie auch schwierig, als ein Ziehsohn sich ihnen anvertraute, dass er homosexuell sei. Besonders meine Tante wollte es nicht akzeptieren, aber da sie ihren Ziehsohn liebte, konnte sie ihm weiter mit Herzensgüte begegnen. Homosexualität hatte einen Namen bekommen, und Furcht und Ablehnung waren völlig fehl am Platz.

Viele durch ihre Kindheit geprägte Vorstellungen, manche auch vermeintlich als christlich tradierte Einstellung, wurden vom Leben selbst korrigiert.

Das war ein langer Prozess.

Dieser ging weiter, als der geschiedene Sohn eine türkischstämmige Frau heiratete, eine liberale Muslimin. Ich glaube, dass es Tante und Onkel sehr schwer fiel und viele Gebete und innere Bereitschaft brauchte, die neue Schwiegertochter wirklich anzunehmen. Ich habe nie mit ihnen darüber gesprochen, aber wahrgenommen habe ich, dass beide auf Familienfesten der neuen Frau mit Liebe und Freundlichkeit begegnet sind. Die Beiden haben auch gesehen, dass ihr Sohn in der Beziehung glücklich war, dass er liebte und geliebt wurde. Seine Frau wurde in die große Familie aufgenommen.

Bei Familienzusammenkünften hat mein Onkel – zuletzt bei der Feier der Diamantenen Hochzeit – von dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus als tragenden Grund ihrer Ehe und ihres Lebens ganz selbstverständlich gesprochen und in seinem Gebet alle mit eingeschlossen.

Fast eine Rut-Geschichte, denke ich. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Das Universale ist individuell. Die Liebe ist der Maßstab. Sie schafft neue Wege, sie überwindet menschlich geschaffene Gebote und führt zu neuen Erfahrungen und Einstellungen.

Theologisch gesprochen: Gottes Wege mit seinen Menschen sind so ganz anders, als wir Menschen es uns denken und wünschen. Es ist gerade so, als machte Gott uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Als würde er uns unterbrechen und ständig herausfordern. Das Einzige was bleibt, ist Vertrauen auf seine Wege. Seine Liebe und sein Heil gehen verschlungene Wege, aber am Ende steht immer: Gott meint es gut mit uns und bleibt sich selbst treu. Manchmal scheint es, als habe Gott eine gute Portion Humor.

So erzählt die kleine, aber berühmte Rut-Novelle im ersten Testament, wie eine ausländische Nichtjüdin zur Stammmutter des Geschlechts Davids wird. Aus diesem Geschlecht wird der zukünftige Messias Jesus hervorgehen. Es ist eine subversive Erzählung gegen das damals herrschende Gesetz, keine (religiöse) Mischehe einzugehen. Gesetz und Praxis des Mischehenverbots waren weit verbreitet und hatten zum Ziel, den eigenen Glauben zu bewahren und vor fremden Einflüssen rein zu halten. Noomi aber legt das jüdische Gesetz, das ausdrücklich eine Ehe mit einer Moabiterin verbietet, mit Zuhilfenahme einer anderen jüdischen Vorschrift geschickt und kreativ aus.

Oder anders gesagt:  Gott widersteht der Uniformität, dem Reinheitsgedanken, dem auch heute wieder in unserem Land in rechten Gruppierungen grassierenden Allmachtswahn, Menschen auszugrenzen und abzuwerten; und Gott stellt den Rückzug in die Nische, in die eine kleine von gleichgesinnten Menschen geprägte Blasenwelt in Frage.

Im Anderen begegnet Gott uns selbst.

Im Kern der Rut-Geschichte stehen zwei Frauen: die ausländische Schwiegertochter Rut und die jüdische Schwiegermutter Noomi. Es ist eine Flucht- und Heimkehrgeschichte: Distanz und Nähe, Tod und Leben liegen dicht beieinander.

Die Männer sterben. Die Frauen bleiben übrig.

Was sollen sie tun, recht- und mittellos wie sie damals waren? Noomi entschließt sich, nach Israel in das Land ihrer Herkunft zurück zu kehren. Rut bindet sich an sie. Sie sagt: Dein Schicksal ist mein Schicksal, deine Heimat ist meine Heimat, dein Gott ist mein Gott.

Sie hätte auch wie Orpa an der Grenze in ihre Heimat umkehren können.

Wir Menschen haben immer eine Wahl.

Rut bindet sich mit ihrer ganzen Existenz an Noomi. Sie bilden seitdem eine enge Lebensgemeinschaft, auch nachdem sich das Schicksal wendet. Aber als sie die Worte ausspricht, kann sie nicht wissen, was sie erwartet. Auch Noomi kann ihr nichts versprechen. Menschlich gesehen erwartet sie Not, Elend und Ablehnung – wie auch viele, die als Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien zu uns kamen und später in ihre Dörfer zurückkehrten und dort oft als Verräterinnen und Verräter gebrandmarkt wurden.

Gott selbst ist es, der Noomi und Rut segnet, der Unheil in Heil verwandelt. So kommt es schlussendlich in der Rut-Erzählung zu dem biblischen Traumpaar von Rut und Boas. Gott schreibt Heilsgeschichte entgegen der menschlichen Erwartung.

Aus allen Völkern schafft Gott das Heil.

Ende gut – alles gut?

Nein, das Ende ist nur der Anfang und der Ausgang ist und bleibt offen. Die Geschichte erzählt von Gottes Barmherzigkeit, die größer ist als unsere menschlichen engen (und ausgrenzenden religiösen) Vorstellungen.

Die Rut-Geschichte ist und bleibt eine Anfrage an alle Gläubigen gleich welcher Religion.

Wir können uns fragen und selbstreflektiert mit unseren Begegnungen, Stimmungen, Abwehrhaltungen und Vorurteilen umgehen: Wie sehen wir unser Gegenüber? Zuerst als Mensch in seiner Bedürftigkeit oder fragen wir sofort nach Glauben oder Unglauben, nach Volk oder Ethnie, nach arm oder reich?

Ach es gibt so viel Spielarten von Freund- und Feinddenken mit denen wir uns alle selbst ins Abseits stellen.

Hier haben wir alle zu lernen und immer wieder umzukehren von hartnäckigen Hindernissen und Vorurteilen, die sich in unser Herz schleichen.

Wenn Gottes Barmherzigkeit so groß ist, dass seine Liebe allen Menschen gilt, wie sollten wir dann engherzig und verbohrt sein?

Wenn wir aber wirklich an Gottes Liebe glauben, dann lasst uns kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden und gemeinsam sitzen am Tisch des Herrn, heute schon und für immer in seinem Reich.

Amen

 

 

 

 

Geist & Leib, Predigt Römer 12,1-8, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

1. Sonntag nach Epiphanias 2021

Geist & Leib

Bibeltext aus der Lutherbibel 2017:

12 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 

6Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.

8Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er.  Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Liebe Gemeinde,

wir haben einen Leib, wir sind leibhaftig. Mit unseren Sinnen nehmen wir die Welt um uns herum wahr. Mit unseren Händen begreifen wir die Welt und nehmen Kontakt mit Dingen, vor allem aber auch mit Menschen auf. Wir können mit unseren Händen trösten, dort wo wir mit den Augen erkennen, dass jemand Trost braucht. Dazu braucht es auch den Geist, sozusagen einen anderen „Sinn“, dessen Funktion darin besteht, über die Welt und auch über sich selbst nachzudenken. Der Geist nimmt nicht nur die Außenwelt „sinnlich“ wahr, sondern richtet sich auch nach innen, löst Gefühle der Freude, der Trauer und des Mitgefühls aus. Das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist ist hochkomplex und an sich schon ein atemberaubendes Wunder.

Liebe Gemeinde,

das Wunder von Weihnachten ist, dass Gott (Geist) sich einen Körper gegeben hat. Gott hat sich ganz bewusst in einen begrenzten, endlichen Körper hineingegeben. Diese Erscheinung Gottes feiern wir in der Epiphaniaszeit, der kirchlichen Festzeit nach der Geburt Jesu. In Jesus wurde Gott Leib mit Geist und Seele.

Nach Jesu Tod und seiner Auferstehung können wir mit dem erhöhten Christus Gemeinschaft haben im Geist. Leibhaftig wird diese Gemeinschaft im Glauben erfahren, wenn wir Christi Leib in Brot und Wein empfangen. Im Abendmahl ist Christus leibhaftig durch Wort und Geist in Brot und Wein gegenwärtig. Die versammelte Gemeinde bildet dann den Leib Christi. Das ist ein Geheimnis, da es nicht offensichtlich ist, dass wir, die wir heute hier in der Markuskirche zusammen sind und Abendmahl feiern der Leib Christi sind. Das alles will im Glauben erfasst und wahrgenommen werden. Es ist eine Wirklichkeit, die über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht, auch wenn wir Brot und Wein schmecken. Es ist doch der Geist der die Verbindung zu Gott herstellt. Unser Geist ermöglicht uns von innen her dieses Geschehen zu deuten, zu verknüpfen, ja, zu glauben. Gottes Geist schenkt uns die Erkenntnis, dass wir Teil des Leibes Christi sind. Der Geist Gottes verbindet uns mit Gott und untereinander.

Liebe Gemeinde,

wir haben uns im letzten Jahr voneinander entfremdet. Wir sind voneinander abgerückt. Unsere Hände berühren einander nicht mehr. Das ist ein ungeheuerlicher Verlust für uns Menschen. Der andere Körper wird für uns zur Gefahrenquelle. Die Gesichter erkennen wir nicht mehr deutlich und können sie nicht mehr deuten. Das alles hat etwas Autistisches an sich.

Kennen Sie das nicht auch, dass Sie sich im Supermarkt bedrängt fühlen, weil Ihnen jemand zu nahe kommt?  Schnell treten wir dann einen Schritt zurück. Wer hat noch nicht die Schelte bekommen, dass der Abstand nicht eingehalten wurde, die Maske nicht richtig sitzt, zu viele Menschen in einem Raum sind? Wer kennt das Schuldgefühl nicht, wenn man vor Schreck feststellt, ich habe meine Maske gar nicht auf, wo ist sie nur? Ach, jetzt muss ich sie sogar schon auf dem Parkplatz vor dem Geschäft tragen! Und nach dem Einkaufen erst einmal Händewaschen, den ganzen „Kontaktdreck“ abwaschen, wie ein religiöses Reinigungsritual fühlt sich das fast an. Überall sehen wir nur noch Gefahren und rücken voneinander ab. Als größte Schuld empfinden wir es, wenn wir jemanden anstecken würden. Das wäre schrecklich, besonders dann, wenn der Angesteckte einen schweren Krankheitsverlauf haben sollte.

Wir umarmen nicht mehr unsere Freundinnen und Freunde, weil wir nicht wollen, dass diese vielleicht ihre Eltern anstecken könnten. Sehr viele Menschen haben auch Angst, sich selbst anzustecken. Sie vermeiden fast jede Begegnung, ziehen sich zurück. Es gibt kaum noch Berührungen! Was macht das mit uns, frage ich mich. Was macht das mit Kindern und Jugendlichen, wenn sie dauernd ermahnt werden, sich nicht zu treffen, sich nicht zu berühren und möglichst Abstand zu halten? Was macht das mit Erwachsenen, was macht das besonders mit den Singles, was macht das mit alten Menschen in der Gesellschaft?

Es entfremdet uns voneinander. Es macht einsam. Es trennt uns von Lebensenergie. Es frustriert uns. Wie unter einer Glasglocke leben wir getrennt voneinander, und nur über Bildschirme schauen wir uns an.

Wir sind leibhaftige Wesen, und wenn wir uns nicht leibhaftig begegnen, verkümmern wir. Es ist wie mit den Muskeln. Wer lange krankheitsbedingt im Bett liegt, baut Muskeln ab. Wir entfremden uns Stück für Stück, wir entwöhnen uns voneinander.

 

 

Liebe Gemeinde,

wie wirkt sich das alles auf uns als Leib Christi aus? Die Entfremdung schmerzt, und auch wir als Gemeinschaft von Menschen, die der Geist im Glauben verbindet, leiden darunter. Es schmerzt, dass Gemeindeglieder, die gern leibhaftig am Gottesdienst teilnehmen, seit Wochen und Monaten nicht kommen, da sie sich und andere schützen wollen. Es schmerzt, dass wir nicht singen dürfen. Es schmerzt, dass wir einander nicht sehen und berühren können. Es schmerzt, dass die Chöre nicht üben können, dass Gruppen und Kreise sich nicht treffen können.

Gleichzeitig sehen und spüren wir, dass der Leib Christi sich weiterhin zu Gottesdienst und Abendmahl versammelt, dass wir zu Lob, Bitte und Klage auch stellvertretend für die, die nicht kommen, zusammenfinden und das Gebet vor Ort aufrecht erhalten. Wir wissen, der Leib Christi besteht nicht nur aus denen, die heute hier sind. Auch wenn die Gemeinschaft im Glauben intensiv im gemeinsamen Gebet vor Ort erfahren wird, ist sie nicht daran gebunden. Auch das ist ein Trost und eine Wahrheit, die uns bei aller sozialen Entfremdung und Isolation eine wirkliche Hoffnung ist.

Dass wir im Glauben einen Körper bilden, der mit Christus verbunden ist, schenkt uns die Möglichkeit, von der Energie des lebendigen Christus her zu leben, uns ermahnen zu lassen, uns trösten zu lassen, uns erneuern zu lassen wie jeder Körper Erneuerung braucht.

Auch wenn wir einen gemeinsamen Körper im Glauben bilden und Christus unsere Identität ist, der neue Mensch aus Gott geboren, sind wir doch alle Individuen. Nicht Uniformität zeichnet den Leib Christi aus, sondern, dass wir Schwestern und Brüder sind.

Da wir aber Schwestern und Brüder sind, leiden wir mit den Leidenden in der Welt und hoffen auf die Überwindung des Leidens – in diesem Jahr konkret auf die Überwindung der Pandemie, auf das Ende der Entfremdung, die uns alle bedrückt und verunsichert. Im Leib und im Glauben haben wir Anteil an Christi Leiden und Auferstehen. Das ist unser vernunftgemäßer Gottesdienst.

 

 

Predigt Exodus 13,20-22, Altjahrsabend 2020, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

Predigttext (Lutherbibel Ausgabe 2017): So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde,

in der Wüste geht Gott seinem Volk am Tag in einer Wolkensäule, in der Nacht in einer Feuersäule voran. Beides sind Zeichen seiner Gegenwart in einer kargen, lebensfeindlichen Umwelt. Um in der Wüste zu überleben, braucht es vor allem die Fähigkeit, sich an die unwirtlichen Verhältnisse anzupassen, aufeinander zu achten, einander zu helfen, damit niemand verloren geht. Die Wüste zeigt, wie schutzlos der Mensch ist, wie angreifbar, aber auch seine Anpassungsfähigkeit, seinen Überlebenswillen. Mut und Unmut, Fata Morgana und Realität, Glaube und Unglaube liegen hier dicht beieinander.

Gottes Erscheinungen in Wolken- und Feuersäule sind Zeichen seiner zuverlässigen Gegenwart, aber diese Zeichen müssen im Glauben erfasst werden, denn die Wolke verhüllt, was sie offenbart, und das Feuer ist unnahbar. Für das Volk Israel wird deutlich, dass es uns Menschen unmöglich ist, Gott in seiner Heiligkeit und Herrlichkeit anzusehen, geschweige denn sein Handeln zu verstehen. 40 Jahre lang irrte das Volk Israel durch die Wüste, bevor es die Schwelle ins gelobte Land überschritt.

Seit einem Jahr leben wir global gesehen mit der Pandemie. Dazu ist viel gesagt und geschrieben worden, von Expert*innen und anderen schlauen Köpfen, von Moralaposteln und Selbstdarstellern. Auch haben wir in der Gemeinde, in der Familie und am Arbeitsplatz, ständig diskutiert und gestritten, was zu tun und was zu lassen ist. Wir haben oft geirrt und uns übereinander erhoben. Das hat uns mürbe und oft nicht nur unterschwellig aggressiv gemacht. Im Herbst zeigte sich dann ein Hoffnungschimmer am Horizont. Viele entwickelte Impfstoffe versprechen, dass wir aus dieser weltumspannenden Krise herauskommen oder sie zumindest eindämmen können, denn mit dem Virus müssen wir weiterhin leben. Frank Plasberg sagte zu Beginn seiner Fernsehsendung über erste positive Testergebnisse von Impfmitteln in „hart aber fair“ etwas lapidar: Endlich hat Gott angefangen, seine Arbeit zu tun.

Ja. Das sehe ich auch so. Gottes verlässliches Begleiten seiner Welt und seiner Menschheit sind auch in der Überwindung von Leid zu sehen. Die Impfstoffe sind auch Zeichen seiner Fürsorge für uns. Und die Menschen, die diese Impfgaben entwickelt haben, sind Co-Schöpfer*innen Gottes, die aktiv an der Erhaltung des Lebens mitgearbeitet haben. Wir sind geistbegabte Wesen, und Gottes Geist vermag durch unseren Geist das Leben vielfältig zu fördern. Die schnelle Entwicklung von Impfstoffen zeigt auch, wozu wir Menschen in der Lage sind, wenn wir über Grenzen hinaus unsere Ressourcen bündeln. Auch darin liegt in dem von vielen abgeschriebenen Jahr 2020 eine hoffnungsvolle Perspektive, die wir so sehr brauchen, damit andere Krisen überwunden werden können. Das gemeinsame Handeln kann zur Blaupause im nächsten Jahrzehnt und darüber hinaus werden.

Wenn aber die Überwindung von Leid durch uns Menschen eine Art ist, wie Gott die Welt regiert, nicht offensichtlich, aber verhüllt, ist dann nicht auch das Zulassen von Leid eine Art Feuerprobe für unser Menschsein und unseren Gottesglauben?

Ich weiß, diese Frage ist alt. Viele Menschen in Philosophie und Theologie haben sie zu beantworten versucht, meist unbefriedigend, weil diese Frage theoretisch – mit der Vernunft gesprochen – nicht ohne Aporien zu Ende gedacht werden kann. Auch das wussten die meisten ihrer Zunft. Dennoch haben sie versucht, eine Sprache dafür zu finden, und im Glaubensvolk, für die Menschen, die ihr Schicksal aus Gottes Hand nahmen, gab es dafür immer schon eine Sprache. Eine Sprache wie ein Zeichen einer Wolken- oder Feuersäule.

Unsere gegenwärtigen Kirchen allerdings bleiben da eher stumm, wie sie auch verstummten und es ihnen die Sprache verschlagen hatte, als im ersten Lockdown alle Kirchen in Deutschland für lange Zeit für die Öffentlichkeit geschlossen wurden. Es gibt eine Scham darüber zu sprechen, es gleicht einem Tabu, ähnlich wie es für die Dekonstruktivisten unmöglich war über die Liebe zu sprechen, ohne sie gleichzeitig damit schon zu zerstören.

Aber nicht über Liebe zu reden, hieße die Liebe zu verleugnen, und nicht über die Erfahrung von Leid aus Gottes Hand zu reden, hieße die Wirklichkeit, wie sie Glaubende erfahren, zu leugnen. Das aber führt zur Abspaltung und Verkümmerung des Glaubens selbst, da eine Wirklichkeit der Glaubenserfahrung nicht mehr in den Blick genommen wird. Mir kommt für diese Glaubenserfahrung ein altes Wort in den Sinn: Heimsuchung. Ich weiß, dieses Wort ist vielfach falsch benutzt worden und hat Ängste geschürt, hat die Menschen klein gemacht anstatt groß, ist zu Propagandazwecken und Machterhaltung durch kirchliche Institutionen und Personen missbraucht worden.

Dennoch möchte ich es am Ende des Jahres von der Pandemie als Heimsuchung reden und im Gespräch mit der Gemeinde danach fragen, ob es sinnvoll und hilfreich ist, neben Gottes Wirken in all dem Guten, das uns widerfährt, auch von Gottes Heimsuchung in all dem Bösen, das uns widerfährt, zu reden.

Heimsuchung verstehe ich hier nicht als Strafe für böse Taten oder gar als strafendes Gerichtshandeln Gottes an einer ungläubigen Welt, die seine Gebote nicht achtet, sondern ich versuche Heimsuchung anders zu verstehen. Sie ist ein Zeichen, dass Gott uns sucht, dass wir zu ihm heimfinden.

Zeigt nicht unsere Verletzlichkeit als Menschen, wie bedürftig wir sind? Hat uns das für viele gefährliche Virus nicht zurück in die Realität geholt, uns, die wir gefangen sind in unseren Schein-Realitäten? Hatten sich viele von uns nicht zurückgelehnt und es sich auf Kosten anderer gut gehen lassen, als lebten wir auf einer Insel der Seligen? Doch hart hat die Realität zugeschlagen und vieles, was wir für selbstverständlich hielten, ist zerbrochen.

Ist das nicht die Botschaft des Evangeliums, dass die, die zerbrochen sind und ein zerschlagenes Gemüt haben, bei Gott eine Heimat haben? Ist das nicht Heimsuchung, ein dringendes Rütteln am Kern des Menschseins, zur göttlichen Heimat seiner Existenz zurückzukehren?

Stattdessen haben wir Kirchen – wir, die dafür verantwortlich sind, die Frage nach Gott in unserer Gesellschaft offen zu halten – das Feld den Verschwörungstheoretiker*innen und den Hardlinern, die in allem das Gericht und die Strafe Gottes sehen, überlassen, und wir haben auch die Wissenschaft allein gelassen. Nur so konnte sie für viele zum Heilsersatz und zum einzigen Trost oder zur Furchtauslöserin werden.

Ich habe mich in dieser Zeit in einer spirituellen Wüste vorgefunden und die Kirche weithin als orientierungslos erlebt. Gottesdienste wurden und werden nicht mehr analog gefeiert. In den meisten evangelischen Gemeinden wurde die Feier des Abendmahls eigestellt. Gläubige konnten und können Gottes Gegenwart in Brot und Wein als Wegzehrung und Glaubensstärkung nicht mehr erfahren. Aus meiner Sicht ist den Kirchen – trotz vieler Aktivitäten im digitalen Raum und im eigenen Umfeld – in der breiten Öffentlichkeit nicht gelungen, den Menschen eine Sinndeutung der Pandemie anzubieten oder zumindest die Frage nach dem, was unser Menschsein ausmacht, zu stellen und den spirituellen Kern der Krise frei zu legen.

Wir haben mehr den Zahlen und Statistiken geglaubt als den Zeichen unseres Gottes, der verborgen und doch vernehmbar um uns und unser Vertrauen in aller Furcht und Angst geworben hat. Unsere Kirchen – und ich schließe mich darin ein – waren sehr kleingläubig und unser Glaubenszeugnis hat sich im Alltag verflüchtigt. Ich kann nur hoffen, dass Gott in vielen Menschen in aller Stille durch die Krise ein neues Fragen nach einer Gottesbeziehung ausgelöst hat, ein Bewusstsein der Verbundenheit, ja notwendigen Abhängigkeit von ihm und allen Menschen.

Wir stehen an der Schwelle eines neuen ungewissen Jahres, doch wir dürfen vertrauen: Gott geht mit. Gott hat sein Volk in der Wüste begleitet und den rechten Weg gezeigt durch eine Wolken- und Feuersäule. Tag und Nacht ist unser Gott ein mitgehender Gott, der unser Leben will, der nur Gutes für uns will und der uns selbst in der Heimsuchung zu sich und zur Gemeinschaft mit ihm und seiner gesamten Schöpfung ruft.

So dürfen wir getrost und in der Gewissheit von Gottes Geleit in das neue Jahr hinübergehen und immer wieder heimkehren zu Gott selbst. Amen.

 

 

 

Predigt Ewigkeitssonntag 2020, Über die Trauer, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

„Ich bin durch der Hoffnung Band zu genau mit ihm verbunden“ EG 526,3a

 

Liebe Gemeinde,

der Tod eines Menschen geht bekanntlich denen nahe, die in der gemeinsamen Lebenszeit mit ihm verbunden waren. Der Verlust hinterlässt nicht nur eine Lücke, mehr noch eine undurchdringliche Leere.

Es kann aber auch sein, dass der Tod eines nahen Menschen die Wunde wieder aufreißt, die der Verstorbene dem Hinterbliebenen zugefügt hat, dann werden nur zu oft Wut und Groll das Verhältnis zu dem Gestorbenen bestimmen.

Bleiben wir aber heute bei denen, die dem Verstorbenen überwiegend im Guten nahe waren, denen ihre Zuwendung und Liebe galt, die ihn schmerzlich vermissen. Eine klaffende Wunde hat ihr Tod geschlagen. Und das verschlägt uns die Sprache. Vor dem Schmerz werden wir schweigsam. Tränen liegen uns näher.

Wir trauern. Wir müssen Abschied nehmen und den Toten ziehen lassen, obgleich wir das nicht wollen. Die Tränen fließen einfach angesichts des Verlustes. Wir erfahren das Zerstörerische des Todes.

Der Tod trennte, was im Leben zusammen gehörte: Ehemann und -frau, Eltern und Kinder. Der Tod trennt und stellt vor Augen: Das Leben des Verstorbenen ist endgültig zu Ende. Er wird nicht mehr sichtbar, hörbar und fühlbar. Der Tod schweigt und macht den Gestorbenen schweigend, entzieht ihn den Lebenden. Wie sollte das nicht einschneidend sein?

Unsere Liebe findet keine fühlbare Gegenliebe mehr und in der Trauer irren wir schwankend umher, weil wir weiter auf Zeichen der Gegenliebe hoffen. Viele von uns müssen durch eine Phase der Verstörung hindurch um dann, wenn es sich fügt, aber niemand kann die Zeit, wann das eintritt, vorhersagen, im Glauben tastend zu erfassen, dass der Verstorbene nicht im Tod geblieben ist, sondern verwandelt in Gott weiterlebt. Das ist ja das Band der Hoffnung, die dem Glaube innewohnt und dessen er sich gewiss ist. Schon jetzt sind wir mit „der Hoffnung Band“ mit Gott verbunden. Wie sollte dieses Band nicht über den Tod hinaus bestehen, wo Gottes Liebe doch den Tod überwunden hat?

Doch wahr ist auch: Je stärker einer mit dem Verstorbenen zeitlebens verbunden war, je mehr er zu seinem Leben und zu seiner Liebe gehörte, desto schmerzlich ferner ist er ihm durch den Tod – doch auch wieder näher, weil sehnlich entbehrt. Und also ist der Schmerz der Trauer selbst ein Ausdruck der Liebe: und zwar der Liebe, die über den Tod des Geliebten hinaus geblieben ist und ihm weiterhin gilt. Wen wir lieben, den behalten wir lieb – ganz von selbst, solange wir leben.

Wir brauchen den Verstorbenen nicht krampfhaft festhalten, da wir ihn ja lieb behalten. Unsere Trauer und unser Leben brauchen nicht rückwärts gewandt sein. Wir können uns der Gegenwart und auch der Zukunft öffnen, auch wenn Traurigkeit immer wieder wie eine starke Welle über uns schwappt.

Wenn wir, die Trauernden überzeugt sind, dass die Verstorbenen bei Gott gut aufgehoben sind und eins mit Gott leben, dann können wir die, um die wir trauern ziehen lassen, ohne sie zu verlieren. Sie sind uns gegenwärtig in unserer Liebe und in unserem Herzen. Aber nicht nur da, sie sind gegenwärtig wahr und wirklich als die, die wir lieben und das Leben mit ihnen geteilt haben bei Gott selbst. Gott hat sie verwandelt. Alle Schuld, alles Schwere, alles Leid ist von ihnen abgefallen.

Wir können sie Gott überlassen, seiner unendlichen Liebe, der sie umfängt. Wir können uns wieder dem weitergehenden Leben zuwenden und darin neu unseren Weg finden. Gott gebe es.

In der Worten von Dietrich Bonhoeffer finden wir beides wieder;

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.  Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. (Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 608)