Predigt Genesis 2, 4-9 u. 15 , Der Mensch als Teil einer großen Ordnung, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Liebe Gemeinde,

es gibt Geschichten, die wir Menschen brauchen, um nicht an den nackten Wahrheiten der Wissenschaften zu Grunde zu gehen. Es gibt Erzählungen, die bleiben, wohingegen sich die Erkenntnisse der Wissenschaften wandeln und zu immer neuen Wissensgeschichten führen. Glauben und Wissen schließen sich nicht aus, sondern bleiben notwendig aufeinander bezogen. Die Wissenschaft braucht den Glauben als Begrenzung, damit sie nicht selbst zum Glauben wird und der Glaube braucht Sprache: Verstehen, Vernunft und Wissen, damit er kommunizierbar ist.

Der Glutkern der biblischen Geschichte von der Erschaffung des Menschen wärmt, brodelt und glüht bis heute. Der Mensch ist Teil einer großen Ordnung, Teil eines großen Ganzen und hat darin eine besondere Aufgabe.

 

Gott macht den Menschen aus Staub von der Erde

„Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub.“

Wir sind aus Erdenstaub gemacht. Wir sind irdisch, wir sind Teil der Erde. Unser Körper ist aus Elementen der Erde zusammengesetzt. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Unsere Existenz ist leiblich, ist irdisch, ist bedürftig, ist vergänglich. Wir sind Leib. Den Menschen gibt es nur im Plural. Wir brauchen Nahrung, Berührung, das soziale Miteinander. Da wir leiblich sind, sind wir wie die Erde den äußeren Bedingungen der Umwelt ausgesetzt. Wir wachsen, wir blühen, wir vermehren uns, wir werden geprägt durch Wind und Wetter, durch Erziehung und Teilhabe und am Ende vergehen wir wie eine Blume auf dem Feld. Der Leib ist uns als Existenzform vorgegeben.

 

Vom Odem des Lebens beseelt

Wir sind nicht nur Leib. Wir sind beseelter Leib. Mit dem Odem Gottes wird der Leib zum Leben erweckt und bleibt lebendig. Solange wir atmen sind wir lebendig, aber Atmen allein als lebenswichtige Funktion des Körpers beschreibt den Vorgang des zum Leben erweckten Menschen rein mechanisch. Dadurch, dass Gott seinen Odem in die Nase des Menschen bläst, wird der Leib aus Erde beseelt. Die Seele des Menschen ist sein Geist. Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes aus Leib, Seele und Geist. Wir sind leib-seelische- geistige Wesen.

 

In den Garten gesetzt

Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden. Das sollte sein Lebensraum sein.

Ein Garten ist ein Stück befriedeter Natur. Es wächst und blüht. Alles hat seine Ordnung. Der Garten ist geschützt. In diesem geschützten Garten Gottes ist der Mensch zu Hause. Von Anfang an gehört zum Menschsein schöpferische Arbeit. Die Schönheit des Gartens soll erhalten bleiben. Der Garten wird gehegt und gepflegt. Kultur und Kunst gehören zum Menschsein. Die besondere Aufgabe des Menschen als Teil der Schöpfung ist es, den Garten zu bebauen und zu bewahren.

 

Liebe Gemeinde,

wie aktuell diese Geschichte ist, dass Gott dem Menschen die Aufgabe zugeteilt hat, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, brauch ich gar nicht ausführen.

Wir leben zwar nicht mehr im Garten Eden (im Paradies) und der geographische Ort des Garten Edens, der im heutigen Irak und Syrien liegt, ist  von Panzerspuren durchfurcht, liegt in Trümmern und ist zerstört, – genau das Gegenteil von einem blühenden Garten! –, der Pflanzen, Bäumen, Tieren und Menschen Schutz gewährt, doch der Auftrag bleibt, auch dieses Stück Land wieder zum Blühen zu bringen. In der Erzählung vom Anfang liegt auch eine Verheißung für heute und morgen.

 

Sein zum Tode

Der Mensch, eingedenk seiner Sterblichkeit und der Gefahren des Todes, eingedenk auch der Gewalt, der Machtspiele, der Ungerechtigkeit, lebt in Sorge. Für den Philosophen Martin Heidegger ist die Sorge die Existenzform des Menschen. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, der um seine Endlichkeit weiß. Diese Sorge wird von Martin Heidegger herausgearbeitet als „Sein zum Tode“. Diese Sorge macht ihn nicht nur produktiv, um Gefahren abzuwehren, sondern lähmt ihn auch, blockiert sein Bewusstsein, lässt ihn resignieren.

Wie sehr die Sorge um sich greift und Menschen besetzt, erleben wir gegenwärtig in der Corona-Pandemie. Unabhängig davon, wie wir die Gefahren der Pandemie einschätzten und abzuwehren versuchen, streben wir eine Sicherheit an, die möglichst absolut sein soll. Es gibt aber nur relative Sicherheit. Es gab noch keine Zeit im Leben der Europäer, die so sicher war wie heute. Doch durch vermeintliche Steigerung der Sicherheit im Namen der Gesundheit wird die Sorge nicht kleiner, sondern immer größer. Was das für langfristige Folgen für uns als Gesellschaft hat, ist noch gar nicht abzusehen.

 

Sein zum Leben

Unsere Erzählung von der Erschaffung des Menschen erinnert uns an den Anfang und an die Bestimmung des Menschen. Der Mensch ist eine leib-seelisch-geistiges Wesen und lebt in den guten Ordnungen Gottes. Dass es Tag und Nacht gibt, die Jahreszeiten, dass die Welt sich weiterdreht und Gott das Leben erhält ist ein unendlicher Trost in aller Sorge, Trauer und Angst. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko dichtet:

Die Nacht

In der das Fürchten

Wohnt

Hat auch

Die Sterne und den Mond

 

Der christliche Glaube setzt der Sorge das Vertrauen in Gottes Treue entgegen. Es ist das Vertrauen, dass Gott, der gute Schöpfer, seine Schöpfung erhalten wird. Jetzt ächzt, stöhnt und seufzt die ganze Schöpfung, wenn aber die Kinder Gottes offenbar werden (Paulus), die, die heute gegen allen Augenschein bauen und bewahren, dann wird eine neue Schöpfung geboren: Das Alte wird vergehen, Neues wird werden und das nicht erst am Ende der Zeiten, wo Gott seine ganze Schöpfung heimholt, wo wir in Einheit und Frieden leben werden, sondern schon heute, hier und jetzt, wo Menschen die Sorge hinter sich lassen und ihre Bestimmung schöpferisch tätig zu sein, leben.

 

Wir sind begrenzt und haben Grenzen. Wir sind irdisch und haben für die Erde eine Verantwortung. Wir sind himmlisch, mit Seele und Geist ausgestatten – in Verbindung mit Gott – wir können vertrauen. Amen

 

 

 

Predigt Apostelgeschichte 6,1-7, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis: Wie eine Gemeinde funktioniert

 

Liebe Gemeinde,

die Frage, wie die Aufgaben in einer Gemeinde verteilt werden, stellt sich uns dringend. Jetzt, wo die Finanzen unserer Gemeinde coronabedingt eingebrochen sind, aber auch auf längere Sicht strukturell weniger werden, stellt sich diese Frage umso drängender. Die Frage ist auch damit verbunden, was gerecht ist. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Mehrzahl Kirchenbeamte und als erstes fein raus. Wir müssen nicht um Reduzierung unserer Arbeitszeit oder gar um unseren Arbeitsplatz fürchten, anders sieht es schon bei den Angestellten unserer Gemeinde aus. Lässt sich Arbeit umschichten, können Arbeitsbereiche aufgegeben werden, müssen Arbeitszeiten und Verträge wegen Geldmangels gekürzt werden? Eine hochbrisante Frage, die uns umtreibt, die zu Konflikten führt, weil es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt, wenn es um Menschen und die Frage nach Gerechtigkeit geht. Schnell kommt es zu Verletzungen, Resignation und Rückzug. Dazu kommt noch, dass die Menschen, die um eine Lösung ringen, unterschiedliche Ansichten und Bilder von Gemeinde haben. In der Tat müssen wir uns bewegen – alle – und manches Liebgewordene anders organisieren oder uns gar davon trennen. Allein schon der Druck zur Veränderung macht Angst und verunsichert. Auch die Frage der Macht spitzt sich zu. Wer schmiedet mit wem Pläne und versucht diese durchzusetzen?

In der Tat finde ich es tröstlich, dass uns in der Apostelgeschichte schon von der ersten Gemeinde in Jerusalem von einem Konflikt berichtet wird. Auch in dem so oft verklärten Leben der Urgemeinde – wenn wir nur so glaubten und lebten  wie die ersten Christen, würde alles besser sein – ging es von Anfang an nicht ohne handfeste Konflikte ab. Kirche und Gemeinde sind keine konfliktfreien Räume, so sehr wir uns das wünschten. Die große Sehnsucht danach in einer Gemeinschaft zu leben, die sich versteht und gut miteinander umgeht, hat vielmehr in vielen Gemeinden dazu geführt, möglichst Konflikte zu vermeiden oder gar nicht erst anzusprechen. Es gibt kaum mehr öffentliche Auseinandersetzungen, schon gar nicht auf Synoden.  Es ist gar nicht so einfach, den Finger in die Wunde zu legen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Oft ist geäußerter Unmut ein erster Hinweis, dass Veränderungen nötig sind.

Zuerst geht es also um das Hören – und das Aufeinander hören – wie so oft. Und da fängt die Schwierigkeit schon an. Können wir wirklich noch hören, hinhören, was der Einzelne oder eine Gruppe sagt oder sind wir schon bei den Antworten und Lösungen und übertreffen uns darin?

Jedenfalls ist in der Jerusalemer Gemeinde das Wunder des Hinhörens geschehen. Die griechischen Witwen wurden erhört. Sie wurden bei der Versorgung mit Lebensmitteln übergangen. Sie wurden gegenüber den einheimischen hebräischen Witwen benachteiligt.

Das zweite Wunder in Jerusalem war, dass die Gemeinde erkannt hat, hinter dem Übersehen liegt ein strukturelles Problem. Die Apostel, die auch die Lebensmittel in der Gemeinde verteilten, waren überfordert. Das lag weniger an ihnen als Personen als an der übergroßen Aufgabe, allen bedürftigen Gemeindegliedern gerecht zu werden.

Wenn wir das nur in den Blick bekämen, dass bei allen Mängeln, die Personen mit sich bringen, es Strukturen sind, die überfordern, die zu Ungerechtigkeiten führen, die demotivieren und oft in den Burnout führen, dann wären viele Aufgabe immer noch eine große Herausforderung, aber wir wären ein Stück leichter und würden uns nicht offen oder unbewusst mit Schuldvorwürfen überhäufen.

Liebe Gemeinde,

ich habe in meiner langen Gemeindetätigkeit leider schon viele Menschen erlebt, die sich als Ehrenamtliche oder als Mitarbeitende sehr engagiert haben, dann aber sich wegen anhaltender Konflikte zurückgezogen haben, enttäuscht waren, dass in einer christlichen Gemeinde ungerecht miteinander umgegangen wird. Sie konnten Ideal und Realität nicht mehr zueinander bringen. Es ist viel leichter Menschen für Konflikte verantwortlich zu machen, als hinter den streitenden und oft verletzten Personen die Macht von strukturellen Problemen in den Blick zu nehmen.

Das Wunder geschieht in Jerusalem und es kommt zu einer Arbeitsteilung. Die Apostel werden entlastet. Sie sollen vorranging im Gebet und „beim Dienst des Wortes“ bleiben, wie es Martin Luther so treffend übersetzt. Daraus ist später in vielen Kirchenordnungen die Formulierung für Pastoren als „Diener am Wort“ geworden. Leider ist diese schöne Formulierung aus unserer rheinischen Kirchenordnung verschwunden, als die Synode eine gendergerechte Überarbeitung der Kirchenordnung verabschiedet hat. Die Sache aber bleibt hochaktuell wie der Prozess „Zeit fürs Wesentliche“ zeigt. In diesem Prozess sollen die Presbyterien mit den Pfarrpersonen vereinbaren, wie Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Zeit für das Wesentliche ihres Berufes verwenden können. Dazu gehört dann auch, dass sie bereit sind Aufgaben abzugeben und gegenüber der Gemeinde, gemeinsam mit dem Presbyterium vertreten wird, warum eine Pfarrerin oder ein Pfarrer nicht mehr alles macht, sondern ihren/seinen Dienst fokussiert.

Nichts anderes ist in der Jerusalemer Gemeinde geschehen. Die Apostel sollten beim Wesentliche bleiben. Damit die Ungerechtigkeit bei der Essensverteilung unter den Witwen aufhört, wurde das Amt des Diakons geboren. Sieben Männer wurden gewählt, die diesen Dienst übernahmen. Ihnen wurden durch die Apostel die Hände aufgelegt. Sie wurden für ihren Dienst gesegnet.

Später im 19. Jahrhundert, in Zeiten der sozialen Verelendung durch die beginnende Industrialisierung, wurde dieser gemeindlich diakonische Dienst – den, ich betone es hier, besonders oft Frauen ausgeübt haben – durch Johann Wicherns Rede auf einer Kirchenkonferenz mit den Worten: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ zur Wesensäußerung der Kirche. Die ersten Schritte zu einer strukturellen Armenfürsorge wurden geschaffen unter dem Namen Innere Mission, im 20. Jahrhundert wurde daraus das Diakonische Werk.

Liebe Gemeinde,

ich bin froh, Mitglied eines Presbyteriums zu sein, dass sich mit aller Kraft und viel Kreativität den Herausforderungen unserer Zeit stellt. Wir ringen um Lösungen. Das ist nicht konfliktfrei. Es würde uns allen guttun, zuerst hinzuhören und wahrzunehmen – wirklich zu hören – zu gewichten und abzuwägen und erst dann zu entscheiden. Beten Sie mit uns für gerechte und zukunftsfähige Weichenstellungen.

Gottes Geist leite uns und öffne uns allen die Ohren

Amen

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, Joachim Leberecht, Herzogenrath2020

Predigt Joh 9,1-7                                                   8. Sonntag nach Trinitatis

Den Glanz widerspiegeln

Lesung: Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

Liebe Gemeinde,

das ist schon recht archaisch, wie Jesus den Blinden heilt. Gerade in Corona-Zeiten mit der Angst vor zu viel Nähe und dem Gebot des Abstandhaltens klingt der Heilungsritus drastisch. Wo öffentliches Spucken längst sozial geächtet wird – selbst das Spucken von Fußballspielerinnen und Fußballspielern auf den Rasen wird als unanständig empfunden – wird hier von Jesus erzählt, wie er auf den Boden „rotzt“. Mit dem Staub der Erde vermengt er seine Spucke zu einem Brei und streicht diesen mit den Fingern auf die Augen des Blinden.

Wir haben ja schon von „Heilerde“ gehört, aber einer solchen Prozedur würde sich heute von uns keine freiwillig unterziehen. Die Angst vor Bakterien und Viren weckt zu großen Ekel und Abwehr.

Mit dem Blindsein haben wir weniger Probleme. Uns begegnen ja ab und an Menschen, die mit einem weißen Blindenstock oder einem Blindenhund unterwegs sind. Vielleicht fragen wir uns, ob dieser Mensch von Geburt an blind ist oder erst später sein Augenlicht verloren hat. Die Frage nach seiner Schuld stellen wir – Gott sei Dank – nicht, höchstens taucht sie am Horizont auf, dann aber mit Macht, wenn wir erfahren, dass das Blindsein von Generation zu Generation durch einen Gendefekt weitergegeben wird. Dann stellen wir uns schon die Frage, war das denn nötig? War das Handeln seiner Eltern verantwortlich, potentiell ein blindgeborenes Kind zur Welt zu bringen?

Wer so fragt, steckt schon mittendrin im Schlamassel der Schuldzuweisung oder in der ethisch schwierigen Frage, ob der Mensch zur Verhinderung von Krankheiten in das Genom eingreifen sollte.

Wir, die wir jeglichen Dreck und Unrat vermeiden, sollten uns die Zeichenhandlung Jesu mit der Schlammspucke einprägen. Es kann gar nicht genug Berührung von Erde und Mensch geben. Das Graben und Schaufeln, das in die Handnehmen von Erde schafft – wie viele Menschen, die Gartenarbeit lieben selbst aussagen – ein Gefühl der Verbundenheit mit der Erde und stärkt die eigenen seelischen Kräfte. Erde wird handgreiflich erfahrbar und der in ihr mit bloßen Händen Wühlende merkst selbst, dass er oder sie ein Teil dieser Erde ist. „Von Erde bist du genommen Mensch und zur Erde sollst du wieder werden.“ Darin liegt auch ein Trost. Vielleicht müssten auch unsere Augen mit feuchter Erde bestrichen werden, dass wir heilsam erkennen, in welcher Einheit wir mit der Erde leben. Gaia – Mutter Erde – wird benetzt und das Leben wird fruchtbar. Auch das schwingt als uralte Weisheit in Jesu Zeichenhandlung mit.

Zur selbstredenden Zeichenhandlung tritt Jesu Wort, es ist für den Blinden ein sakramentales Wort. Nicht die Handlung und Heilung allein, sondern der damit verbundene Auftrag macht die Heilungsgeschichte besonders, da sie den Blinden in den messianischen Kontext der Sendung Jesu stellt.

Nachdem der Blinde sich mit Wasser des Teichs Siloah die Augen ausgewaschen hat, wird er sehend, fällt Licht in sein Auge. Er kehrt zu Jesus zurück. Von nun an wird er den Glanz widerspiegeln, der von Jesus, dem Licht der Welt, ausgeht.

Genau das ist auch unser Auftrag, liebe Gemeinde, einer jeder und eines jedem einzelnen von uns. Wir leben, um den Glanz widerzuspiegeln, der uns in Christus begegnet. Hier begegnet uns Gott in all seiner Herrlichkeit, Güte, Wahrheit und Liebe.

Die Endlichkeit, die Verletzlichkeit, das Verwundete und manchmal auch schwere Krankheiten sind teil unseres Lebens. Jesus kehrt die Frage, wo kommt das her und wer ist schuld daran, um. Modern gesprochen, nicht die Pathologie, sondern den Ressourcen gilt sein Blick. Dabei sind es nicht nur die Ressourcen und Heilungskräfte, die im Menschen selbst liegen. Es sind die Möglichkeiten Gottes, die sich hier am Blinden zeigen werden. Der Blinde wird im doppelten Sinne sehend. Die Blindheit wird von ihm genommen und er erkennt in Christus das Licht der Welt.

Wir wissen um Heilungen – meist durch die Medizin – auch heute. Auch hier wirkt Gott vielfältig. Wir wissen aber auch, dass Krankheit bleibt und wir sterblich sind. Auch in unseren Begrenzungen und Krankheiten sind wir vollwertige Menschen, geliebt von Gott und erfahren auch in unseren Krankheiten durch Menschen und durch medizinische Hilfe seine heilmachende Gegenwart. Mit Gott haben wir eine Zukunft. Es gibt immer einen Weg.

Das bedeutet, dass wir uns nicht länger den Kopf zerbrechen sollten, wer schuldig ist oder warum gerade ich oder ein lieber Mensch unter einer Krankheit leidet, sondern, dass wir schauen, wie wir einander mehr Licht und Hoffnung in das Leben bringen.

Denn auch wir sind gesandt, den Glanz Gottes widerzuspiegeln. Amen.

 

 

Predigt zum dritten Sonntag nach Trinitatis, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

An Gott gedacht in schwieriger Zeit

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili­gen Geistes. Amen.                                                                                                  

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat; der Bund und Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände. Amen.

Zum dritten Sonntag nach Trinitatis grüßen wir uns mit einem Bibelvers aus dem Lukasevangelium, der uns durch diesen Tag und durch diese Woche begleiten soll und will. Im 19. Kapitel des Evangeliums heißt es im 10. Vers: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“                                                                                              

Welch ein großes Wort der Gnade! Eröffnung einer Lebensperspektive, wo viele noch nicht einmal den Blick auf den nächsten Schritt wagen, ihn gar für möglich halten. GOTTES Blick auf einen jeden Einzelnen von uns vermag unser Leben grundlegend zu verändern. GOTTES Blickrichtung der Demut begegnet der menschlichen Blickrichtung des Hochmuts, der Leistungsstärke, der jeder zu genügen hat, will er nicht der Be – und Verurteilung anheimfallen, wenn er die geforderten Leistungen und Normen nicht erfüllen kann. Er begegnet also durchaus allen, die durch die Maschen des Netzes der Leistungsgesellschaft gefallen sind. Er begegnet allen, die auf unterschiedliche Art und Weise das Kreuz des Lebens in übergroßem Maß tragen müssen. Das sie zu den Gebeugten und Mühseligen der Gesellschaft, der Zeit, des Tages macht. Zumindest immer wieder einmal. GOTTES Blickrichtung der Demut begegnet aber eben auch all denen, die sich von diesem System des „immer mehr“ gefangen nehmen lassen, ohne zu merken, wie sie sich dabei nach und nach immer mehr selbst verlieren, zu Verlorenen werden. Das Hamsterrad von: Immer höher, immer schneller, immer weiter… es wird durch SEINEN Blick angehalten. Und alle, die sich darin gefangen fühlen, sind eingeladen, zur Ruhe zu kommen und „sich erquicken“ zu lassen.

Darüber möchte ich mit Euch an diesem Morgen, oder wann immer Ihr das lest, nachdenken. Euch einladen, zur Ruhe zu kommen. Und Gemeinschaft zu fühlen. Auch über eine räumliche Distanz hinweg.

Wenn ihr mögt, nehmt Euch ein Gesangbuch und singt oder summt es mit. Oder logt Euch bei Youtube ein, wo dieses Lied auf vielfältige Weise  hinterlegt ist, das uns auf unserem Weg immer wieder, nicht nur am heutigen Tag und in dieser Woche, sondern vielleicht sogar als grundsätzlicher Trostanker auf unserem Weg durch das Leben begleiten will: (EG 353)

„Jesus nimmt die Sünder an. Saget doch dies Trostwort allen,
welche von der rechten Bahn auf verkehrten Weg verfallen.
Hier ist, was sie retten kann: Jesus nimmt die Sünder an.

Wenn ein Schaf verloren ist, suchet es ein treuer Hirte;
Jesus, der uns nie vergisst, suchet treulich das Verirrte,
dass es nicht verderben kann: Jesus nimmt die Sünder an.

Kommet alle, kommet her, kommet, ihr betrübten Sünder!
Jesus rufet euch, und er macht aus Sündern Gottes Kinder.
Glaubet’s doch und denket dran: Jesus nimmt die Sünder an.

Jesus nimmt die Sünder an; mich hat er auch angenommen
und den Himmel aufgetan, dass ich selig zu ihm kommen
und auf den Trost sterben kann: Jesus nimmt die Sünder an.“

 

In Ehrfurcht und Demut treten wir an die Seite SEINES Volkes und beten mit unseren jüdischen Schwestern und Brüder Verse des 103. Psalms: „Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist SEINEN heiligen Namen. Lobe den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat: der dir all deine Sünde vergibt und heilt alle diene Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt it Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.                                                  

Der HERR schafft Recht und Gerechtigkeit allen, die Unrecht leiden. ER hat SEINE Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel SEIN Tun. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. ER wird nicht für immer hadern, noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt ER SEINE Gnade walten über denen, die ihn fürchten.            

So fern der Morgen ist vom Abend, lässt ER unsere Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“ (Ps. 103, 1 – 13)

Wir beten: Ewiger, ferner und doch auch so unendlich naher, in mir wohnender Gott:  Bevor ich in der Frühe erwache, hat dein Licht schon die Welt umarmt. Bevor ich einen ersten Finger rühre, rührt mich dein Ruf: Du sollst leben! Heute. In jedem Augenblick dieses Tages. Bewusst und unbewusst. Ich schenke Dir jeden Augenblick. Ewige, ferner und doch auch so unendlich naher, in mir wohnender Gott: Du bist mein Bevor, du bist mein Danach, im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich leben, blühen und reifen. Im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich aussteigen aus dem Hamsterrad des Müssens und der Zwänge. Im Licht deiner Barmherzigkeit darf ich mich aufmachen, hinein in das Leben hinein. Hinein in dich, der du das Leben bist. Dafür danke ich dir immer wieder neu. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Wenn ihr mögt, hört hinein in das Lied:

Gott sieht mich an

https://youtu.be/hqHvRs3jtZY

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

„Gott sieht mich an jetzt und heute. Gott ist bei mir – morgen und immer. Das ist gut. Das ist gut. Das ist gut.“ — Ist es das wirklich? Seit mehr als 10 Tagen ringe ich mit dem Predigttext des heutigen Sonntags. Wie gerne hätte ich ihn beiseitegelegt, zu Gunsten von Textsequenzen aus der vergangenen Woche. Johannistag, am 24.06. „Er muss wachsen. Ich aber muss abnehmen.“ Ja, das hätte gepasst. Warum? Es hätte mich und IHN ins rechte Licht, ins rechte Verhältnis zueinander gerückt. —–                                                    Confessio Augustana am 25.06. Eine, wenn nicht DIE Grundlegung des lutherischen Bekenntnisses nach dem Thesenanschlag, Ausschlaggebend für die Schmalkaldischen Artikel zehn Jahre später. „Du Mensch Gottes, jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens….“

Ja, auch das hätte gepasst. Ich wäre ja ausgezeichnet gewesen. Aus der Menge der Masse hervorgehoben. Du Mensch Gottes. Ich wäre auf besondere Weise angesprochen gewesen. Auch dort, wo vielleicht sonst niemand das Gespräch mit mir mehr suchen würde. Ich wäre wer. Aber wäre ich damit wirklich der, der ich sein soll? Mensch Gottes? „Jage nach…“. Tue ich das nicht jetzt schon? Tag für Tag? Minute für Minute? Immer mehr, immer weiter, immer schneller, immer höher hinaus? Dann eben nur mit anderen Adverbien oder Werten?                           

Und plötzlich, beim Kreisen um mich und mein Tun, bei meinem Bemühen um den richtigen Platz in deiner Ordnung,  tut sich doch irgendwann die Frage auf: „Wo begegne ich tatsächlich Dir, Gott? Wer bist Du? Wo (wer) ist solch ein Gott, wie Du?“                             

Unser Predigttext für diesen Sonntag steht im Alten Testament im Buch des Propheten Micha im 7. Kapitel:

„ 18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“

Wo begegne ich tatsächlich Dir Gott? —- Mitten in meiner Schuld!   

Im Ringen um diesen nicht einfachen Predigttext, deshalb nicht einfach, weil er mich eben nicht heraushebt aus der Menge desr Schöpfung und der Geschöpfe, mich aber dennoch zu einem Mensch Gottes macht, bin ich dankbar für den Austausch, den ich mit Menschen in einer Facebook – Gruppe haben durfte, die auch in der Verkündigung stehen, und um ihre eigenen Antworten suchen und gesucht haben.                                                                         

Ein Bild, das ich hier jetzt einfügen möchte hat mich von Anfang an berührt, nicht mehr losgelassen. Auch, wenn das Meer ja gar nicht in unserem Predigttext vorkommt. Von der lieben Kollegin aber als Ihr Bild wunderbar erklärt worden ist:

Am Anfang steht auf einmal die grundsätzliche Frage: „Wo gibt es Gott?“ —- Ich werde Jahre zurückgeworfen. Als junger Mensch wurde ich einmal auf dem Weg zu einer kirchlichen Veranstaltung von einer Frau gefragt: „Wie kannst Du an diesen Gott glauben? Wo war er in Auschwitz, Terezin, Treblinka? Wo war er, als mein Kind vom Auto überfahren wurde?“ Fragen auf dem Seitenstreifen der damaligen B55, auf dem ich lediglich nach dem Weg zur Kirche gefragt hatte. Fragen, auf die ich damals für diese Frau keine zufriedenstellende Antwort geben konnte. Vielleicht auch, weil sie sich schon lange festgelegt hatte in ihrer Überzeugung: Angesichts der Schoah, angesichts des vielfältigen Leides auch in unseren Tagen, kann es einen Gott, einen gnädigen und barmherzigen sogar, doch gar nicht geben.  Aber dennoch:                                                                                  

Dieses Bild heute gibt, endlich auf wunderschön verständliche Weise eine Antwort auf diese Frage: „Im Meer, dort, wo es am tiefsten ist“. Ja, und eigentlich gehört hier ein Ausrufezeichen hin.                             

Gott ist da. In allem, was uns widerfährt. In allem, in dem wir schuldig werden. Aber auch in allem, in dem Andere an uns schuldig werden. Wir brauchen nicht zwingend selber in blindem Eifer aktiv zu werden. Es reicht, ruhig zu werden und zu bitten: „HERR führe Du und leite meinen Weg nach DEINEM Wort…“                                      

Wir sind verwiesen auf unser Schuldigsein und Schuldigwerden. Aber, es wird uns als Umwege unseres Lebens zugestanden. Und wir werden nicht darin verhaftet. Davon erzählt das bekannte  Evangelium dieses Sonntags, das nachzulesen ich Euch herzlich einlade: Lukas 15, 1 – 32. Die meisten kennen es unter der Überschrift des „verlorenen Sohnes“. In Anlehnung an meinen Konfirmator möchte ich lieber vom „wiedergefundenen Vater“ sprechen. Umwege und Abwege im Leben werden uns zugetraut und zugemutet. Aber eben auch die mutige Entscheidung umzukehren. Zurückzukehren. Fehler einzugestehen. Und das Schöne: Wir werden genau dann mit offenen Armen empfangen und mit einem Festkleid ausgestattet. Und jeder, auch der, der uns gram ist, wird eingeladen zum Festmahl.  Gott ist also auch und gerade da, wo das, was wir unsere Sünde nennen uns am meisten belastet und eventuell sogar anklagt. Kommt her zu mir alle… Bei mir ist (trotz allem) die Fülle des Lebens. Gottes ausgebreiteten Arme, die uns voller Liebe zu sich ziehen und in sich bergen, sind die ausgebreiteten Arme des Mannes am Kreuz, der all unsere Last und Sünde trug, damit wir befreiter in und durch das Leben gehen können. Nicht in Beliebigkeit unseres Handelns. Sondern in der Gewissheit, dass unsere Schuld uns nicht endlos anklagen kann, darf und wird. Trotz mancher Verfehlungen sind und bleiben wir reingewaschen durch das Blut des Lammes, der einem jeden von uns in einem letzten Gnadenwort zusagt: Wahrlich noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.                                                              

Ein letzter Gedanke, den ich meiner Lektüre über Martin Buber in den letzten Tagen zu verdanken habe ist mir noch wichtig: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen.“                        

Trotz allem was war und gewesen ist: Gott nimmt uns in SEINEN Dienst. Abraham bricht auf aus seines Vaters Haus. Allein auf Gottes Geheiß hin. Er und seine Nachfahren werden Zeugen der Gegenwart  – auch des mitunter verborgenen – Gottes. Eben auch und gerade in den dunkelsten Stunden des Lebens.                                         

Und dann ist da noch Jakob. Er nimmt den Kampf auf mit Gott. Er ringt. Tag und Nacht… würden wir heute sagen. Er ringt. Gegen alle Chance. Aber vielleicht ändert sich diese ja bei ihm im Verlauf des Kampfs. „Ich lasse DICH nicht. DU segnest mich denn.“ Als Gottgeschlagener, ein Leben lang hinkend, aber dennoch als Gesegneter geht er aus diesem Kampf heraus.                                     

Gott ist da. Mitten im tiefsten Meer, das uns zu ertränken droht. Mitten im tiefsten Meer, in das wir eintauchen müssen, um tatsächlich gereinigt zu werden, ist ER da.  ER, der ohne eigene Schuld über das Wasser geht reicht uns seine Hand und fragt uns: „Wovor hast du Angst? Ich bin bei Dir, alle Tage, bis an das Ende der Welt.“ Und darüber hinaus…

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Könnt ich’s irgend besser haben als bei dir, der allezeit
soviel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit?
Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut:
mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab,
sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

 

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne Dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden. Amen

Bleibt wohl behütet und gesund. Ich denke an Euch. Auch im Gebet.

 

Predigt zu Trinitatis 2020, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Predigt 4. Mose 6,22-2,  Trinitatis 2020

Liebe Gemeinde,

Segen ist die Energie Gottes für unser Leben. Die aaronitischen Segensworte zum Ende des Gottesdienstes verdichten alles bisher Gesagte, Gefeierte, Gebetete. Sie stellen den Segensempfänger in einen langen Traditionsstrom, aktualisieren Gottes Lebenskraft im Moment des Segnens und befähigen den dafür offenen Menschen für die kommende Zeit.

Es gibt Worte, die sind für die Ewigkeit geschaffen und wenn sie mit Ernst und Erwartung ausgesprochen werden, stellt sich das ein, was ausgesprochen wird.

Wir Christinnen und Christen stellen uns hinein in die alten hebräischen Worte Israels und bezeugen damit den einen Gott aller Völker. Gott ist der Grund allen Lebens. Gott ist die Quelle des Segens.

Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte. Wie wurde der Segen gesprochen?

Segnen war ein priesterlicher Dienst und den Priestern vorbehalten.

(Vgl. zum Folgenden: Der Priestersegen, in: Roland Gradwohl, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, 2002, Bd.2, S.86-96)

Um die Gemeinde zu segnen, mussten sich die Priester vorbereiten und das Segnen nach festen Ritualen vollziehen. Dazu gehörte:

  1. Die Priester waschen sich die Hände
  2. Sie erheben die Hände in Haupthöhe
  3. Der Kopf des Segnenden wird durch den Gebetsmantel (Tallit) verhüllt
  4. Die Hände sind gespreizt
  5. Nach jedem der 3 Verse antwortet die Gemeinde: Amen
  6. Der Segnende steht auf einer erhöhten Fläche in Höhe der Torarollen
  7. Der Priester ist barfüßig
  8. Die Segnung geschieht in Richtung Gemeinde
  9. Niemand aus der Gemeinde darf den segnenden Priester anschauen
  10. Der Segen wird jeden Tag der Woche gesprochen, am Sabbat 2x

 

„So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet.“(V.23b)

Seit Jahrtausenden besteht der aaronitische Segen tatsächlich unverändert fort.

In einem Felsengrab bei Jerusalem entdeckten Archäologen zwei kleine Silberrollen mit den Worten des aaronitischen Segens aus dem 7 Jhd. vor Christus. Eines der ältesten Zeugnisse biblischer Texte.

„So sollt ihr sagen.“

Der Segen besteht aus drei Teilen.

Die Zahl der hebräischen Worte steigt von 3 auf 5 auf 7. Die Segensfülle nimmt zu.

  1. Der HERR segne und behüte dich

Segen ist die unbeschränkte Fülle an den Gaben Gottes – den materiellen wie den geistigen.

Zum Segen Gottes gehören nach dem Ersten Testament:

Kinder (Gen 1,28), Fruchtbarkeit der Herden und des Ackerbodens (Gen 49,25), gutes Gelingen der Arbeit (Ex 23,25), Glück der Familie (2. Sam 7,29), der Segen gilt allen Menschen und allen Völkern (Gen 12,3), Frieden (Ps 29,11)

Rabbi Sfarno sagt: „Adonai segne dich mit irdischem Besitz, denn ohne Mehl ist keine Tora.“ (Ohne materielle Güter keine geistige Arbeit/Kultur)

In einem jüdischen Midrasch heißt es: „Adonai behüte dich, damit seine Schechina (Gottes Gegenwart) nicht von dir weicht.“

 

  1. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig

Der Ewige wendet sich den Menschen zu. Gott verbirgt sein Angesicht nicht, sondern es leuchtet über uns. „Leuchten“ meint nichts anderes als Kraft schenken. Wenn Gott sein Angesicht leuchten lässt, dann ist durch Gottes Präsenz den Menschen geholfen (Ps 80,20). Sie geraten in sein Energiefeld und werden geisterfüllt aufgeladen wie ein Magnet, das sich an einer Quelle auflädt.

Die gnädige Zuwendung Gottes geschieht im Segen. Sie ist zu spüren und nicht selten beginnt auch der Mensch zu leuchten und zu strahlen. Gott begnadet mit Erkenntnis und Weisheit, dass der Mensch gefallen finde in den Augen vieler. Der Gesegnete weiß sich von Gott angenommen, gehört zur Gemeinde  und erlebt sinnlich Sinn.

 

 

  • Der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden

Wieder ist vom göttlichen Antlitz die Rede. Jetzt leuchtet es nicht über den Menschen, sondern Gott erhebt es über den Menschen. Eine kleine, aber inhaltlich bedeutsame Verschiebung. Zuerst kommt die Gnade des An-Geschaut-Seins. Die Energie beginnt zu fließen. Wenn sich das Angesicht Gottes erhebt über den Menschen ist das wie eine Bestätigung der Zuwendung. Die Erhebung ist ein besonderes sich zu dem Menschen stellen. Es ist ein Symbol von Gottes Liebe und Wohlgefallen. Keine Schuld trennt den Menschen mehr von Gott. Die Erhebung Gottes über den Menschen schenkt den Menschen Freiheit.

Das höchste Gut des Segens wird hebräisch mit Schalom bezeichnet. Rabbi Schimon sagt: „Groß ist der Frieden, denn es gibt kein größeres Gefäß des Segens als den Frieden.“

 

Hebräisches Denken im ersten Testament vollzieht sich in Räumen. Der Segen ist geistig nicht umherirrend, sondern füllt Räume: Den Menschen, die Gemeinde, das Land, die ganze Welt. Der segnende Priester versteht sich als Trichter durch den der Segen Gottes hindurchfließt und die empfangsbereite Gemeinde füllt. Jeder Mensch ist ein Gefäß und wird durch den Segen mit Gottes Lebenskraft gefüllt. Damit aber hört das Segnen nicht auf, sondern nimmt recht gesehen erst seinen Anfang. Der segensangefüllte Mensch geht in seine Lebenswelt und kann gar nicht anders als aus diesem mit Gottes Energie angefüllten lebendig Sein den Segen weitergeben. Das heißt der Segen breitet sich in andere Räume aus. Das können gute Gedanken sein (geistig), das kann eine gute Tat sein (Leib), das kann schöpferisches Arbeiten (geistig/leiblich) sein. Das kann ein Mitfühlen sein (seelisch). Da gibt es keine Grenzen.

Umgekehrt wird deutlich, dass Frieden als das höchste Gut des Segens ganz und gar Gottes Gabe ist, aber der Mensch berufen ist für den Frieden zu arbeiten und selbst den Frieden zu suchen. Auf diese Wechselwirkung kommt es an.

Liebe Gemeinde,

nach evangelischem Verständnis braucht es keine Priester mehr, sondern das Priestertum ist auf alle Getauften übergegangen. Jeder von uns kann und darf segnen und das muss auch nicht allein im Gottesdienst geschehen. Das kann mitten im Alltag, jeden Tag, stattfinden. Erstaunlich ist, dass viele Segensrituale sich bis heute kaum verändert haben. Wenn die Gemeinde gesegnet wird, erhebt der Segnende die Hände. Die Segnenden sind zwar nicht barfüßig, aber sie nehmen eine besondere Haltung ein.

Zum Segnen gehören Segensgesten dazu. Der Segen wird körperlich erfahren. Nehmen sie doch mal ihr Kind in den Arm oder ihren Partner und sagen Sie zu ihm: Ich segne dich im Namen Gottes. Das ist eine kurze Version. Sie können auch mit Worten des aaronitischen Segens einander segnen.

Gerade in diesen Zeiten haben wir Segen nötig. Genauso wie wir Frieden und Gerechtigkeit nötig haben. Lassen wir uns segnen, dass wir inne werden, wozu wir berufen sind: Schalom Gottes zu empfangen und zu leben.

Amen