Die Liebe zu Christus erneuern, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

…an Karfreitag 2026, Offenbarung 2,1-7, Sendschreiben an Ephesus,

Liebe Gemeinde,

in einigen sozialen Schichten kehrt die Feier der Verlobung zurück. Statistiken wie viele Verlobungen in Deutschland geschlossen werden gibt es nicht, da die Verlobung keine rechtliche Angelegenheit ist. Anzeichen für vermehrte individuell gestaltete Verlobungen gibt es aber schon. In den sozialen Medien werden Verlobungsfeiern gepostet und nachgeahmt. Auch führen Krisen zu privaten Versprechen, verbindlich zueinander zu gehören. Da wir wissen, wie ambivalent Beziehungen sind und auch eine Trennung vom Partner oder der Partnerin nicht ausgeschlossen werden kann, wurde früher von der Verlobungszeit als Prüfungs- oder Bewährungszeit gesprochen. Heute steht eher im Vordergrund, ein Fest der Liebe zu feiern und dieses auch dem Freundes- und Familienkreis mitzuteilen. Jetzt wissen und erwarten alle, dass eine Hochzeit aussteht. Durch das Ritual der Verlobung wird die Liebe eines Paares auf die Zukunft hin ausgerichtet. Es steht noch etwas aus. Das kann Freude und gelegentlich auch Angst und Zweifel auslösen. Im besten Fall bekommt die Liebe einen Schub. Wenn die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit sich zu lange hinzieht, kann das auch zu Ermüdungserscheinungen in der Beziehung führen.

Unser heutiger Karfreitagspredigttext ist ein Brief eines Verlobten an seine Braut. In der Beziehung liegt eine Störung vor, die dazu führen könnte, dass der Verlobte die Verlobung aufkündigt. Von seiner Seite aus will das der Bräutigam nicht, aber so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter. Am Schluss des Briefs betont der Verlobte, wie schön es doch sein kann, wenn die Liebe erneuert wird. Das könnte doch paradiesisch sein und helfen, dass die Liebe ihr Ziel erreicht.

Lesung des Predigttextes, Luther 2017

Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

 

Mit Christus verlobt?

In der frühen Christenheit und auch später haben die Gläubigen ihren Glauben mit einer Ehe verglichen. Das Bild der ausstehenden Hochzeitsfeier ist biblisch begründet. (Math. 25,1-13) Die Braut ist die Gemeinde und der Bräutigam ist der auferstandene Christus. Die Braut bereitet sich auf die himmlische Vermählung mit Christus vor. Sie freut sich auf dieses große eschatologische Fest. Sichtbar wurde das im letzten Jahrhundert bei den evangelischen Diakonissen. Sie trugen eine weiße Haube als Zeichen, dass sie mit Christus vermählt sind. Sie gehören zu Christus und warten auf seine Wiederkunft. Im Himmel werden sie Brot und Wein mit ihrem Bräutigam teilen (Markus 14,25).

In der Auslegung der 7 Sendschreiben ist es hilfreich das Bild der Vermählung mit dem Bräutigam Christus durchgehend zu bedenken. Es richtet den Blick der Gläubigen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Die Leiden um des Glaubens willen und die konkreten Herausforderungen der Gemeinde können durch Umkehr und die Liebe zu Christus überwunden werden. (Siehe Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, S. 1001)

Im Schreiben an die Gemeinde Ephesus wird festgestellt, dass die Liebe zu Christus „erkaltet ist“. Die Gläubigen in Ephesus leiden an einem Christus-Burnout. Ein fiktives Gespräch zwischen Lydia, der Name ist nicht zufällig gewählt (unsere Gemeinde heißt Lydia-Gemeinde Herzogenrath) und Jesus versucht die Störung in der Christusbeziehung anschaulich zu machen.

Lydia und Jesus

Lydia (Gemeindeleitung aus Ephesus) und Jesus unterhalten sich über den Brief:

Lydia: Also ehrlich Jesus, dein Brief hat mich ganz schön enttäuscht. Ich versteh die Welt nicht mehr. Du hast mir doch versprochen, dass wir bald heiraten, und jetzt lese ich, dass ich dich mehr lieben soll, sonst ist es aus mit uns. Ich bemühe mich doch schon so lange einen guten Weg zu gehen, alles richtig zu machen.

Jesus: Das sehe ich auch, aber es reicht mir nicht.

Lydia: Das verstehe ich wirklich nicht. Meine ganze Kraft setze ich dafür ein, dass hier alles trotz widriger Umstände läuft. Ich achte auf das, was gesagt wird und lasse mich nicht von dem vielen Geschwätz der anderen abbringen, halte die Gemeinde auch auf Kurs in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Ich finde es ungeheuerlich, dass du das nicht siehst. Wir sind doch auf einem guten Weg?

Jesus: Das habe ich auch am Anfang des Briefs geschrieben und wirklich gewürdigt…

Lydia: Aber alles, was du danach sagst, macht mich schlecht. Damit kann ich auch auf dein Lob verzichten. Es ist doch so: Deine fundamentale Kritik an unser Gemeindeleben findet sich in der Mitte deines Briefs. Das ist deine Hauptaussage. So siehst du unsere Beziehung. Das ist wie ein Hamburger. Oben und Unten Lob und in der Mitte harte Kritik. Da stinkt das Wesentliche. Das schmeckt mir ganz und gar nicht. Ich habe das bis heute nicht verdaut.

Jesus: Wie hast du denn den Brief gelesen?

Lydia: Also lesen kann ich, Jesus. Ich widerspreche dir. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Meine Liebe zu dir zeigt sich in erster Linie darin, was ich mache Ich muss ich doch mein Handeln danach ausrichten, was funktioniert oder nicht funktioniert. Das ist doch wichtig, dass es weitergeht. Wenn ich das nicht tun würde, würde es keiner machen. Also ich übernehme Verantwortung. Das ist konkret: Können wir uns die Kirchen und Häuser noch in der Gemeinde leisten? Ich mache mir Gedanken, wie der Pfarrdienst organisiert werden kann, wenn die bald alle in den Ruhestand gehen. Ich sitze stundenlang in Meetings, bin im Dauerstress für unsere Sache. Und du sagst, ich habe dich nicht mehr lieb?

Jesus: Wann hast du denn das letzte Mal gebetet? Mir zugehört? Oder anders gefragt, wie nimmst du unsere Beziehung wahr? Was ist dir wichtig? Spürst du meine Nähe? Stärkt dich meine Liebe?

Lydia: Aber ich weiß nicht, was das jetzt soll. Es ist doch alles klar zwischen uns!? Oder soll ich ständig meinen Gefühlspuls prüfen und einer Art geistlichen Selbstoptimierung anheimfallen? Wir sind doch ein gutes Team. Ich bin doch mit nichts anderem zurzeit beschäftigt als diese ganzen Feiertage bis ins Kleinste vorzubereiten. Muss ja alles gut über die Bühne gehen. Hoffentlich kommen ein paar. Mir aber vorzuwerfen, ich sei nicht richtig innerlich gestimmt, finde ich echt verquer. Es geht doch nicht um eine gute Stimmung wie es viele Medien vorgaukeln, sondern einfach um dranbleiben, einfach weitermachen. Es werden schon bessere Zeiten kommen. Wirst du auch sehen, Jesus.

Jesus: Mir geht es nicht um die Aufrechterhaltung von Gottesdiensten.

Lydia: Was? Sag das noch einmal! Ich dachte, darin sind wir uns einig.

Jesus: Ich spüre deine Liebe nicht mehr Lydia. Irgendwie läuft seit einiger Zeit alles nach Plan. Ich wünsche mir mehr Tiefe in unserer Beziehung. Mehr Aussprache. Mehr Zweisamkeit…

Lydia: Das hast du schon geschrieben und hat mich arg verletzt. Wie gesagt, ich mache alles für dich. Viele sind gegangen, aber ich bin dir treu geblieben.

Jesus: Ach, Lydia, es macht mich traurig, dass du es nicht selbst spürst. Du zählst auf, was du alles machst und wie beständig du meinen Namen zitierst und schützt. Als bestünde deine Liebe im Dauerbetrieb für mich. Vielleicht will ich das gar nicht?

Lydia: Was willst du denn?

Jesus: Ich will dir Liebe schenken und ich erlebe, wie meine Liebe von dir abprallt, wie sie überhaupt keinen Zugang zu dir findet. Du machst zu. Du lässt dich nicht von mir berühren. Du lässt dich nicht von mir unterbrechen. Du machst alles richtig und doch fühlt es sich falsch an. Nicht lebendig.

Lydia: Das begreife ich immer noch nicht richtig…

Jesus: Lydia, meine Geliebte, ich bin eine (göttliche) Person mit einer unverwechselbaren Geschichte. Ich liege nicht auf dem Friedhof. Und ich bin auch kein Museum. Ich lasse mich nicht verwalten. Ich bin aus Fleisch und Blut und gebe mich ganz für dich hin.

Lydia: Karfreitag…

Jesus: Ja, Karfreitag

Lydia: Deine Hingabe, mein Leben.

Deine Hingabe mein Leben

Deine Hingabe mein Leben. Wie erschließt sich uns das, dass sich unsere Liebe zu Christus erneuert?

Wir können Anteil nehmen an Jesu Kreuzigung, nicht an seiner Historizität oder in einer distanzierten Betrachtung, sondern indem wir uns in sein Leiden und Sterben hineinbegeben. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir Lieder singen, die einen Ausdruck finden für Jesu Passion, die uns mit seinem Kreuz verbinden: „Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken“ (EG 91,1a). Es grenzt an Mystik, an Auflösung des eigenen Ichs im Erlösertod unseres HERRN. Es ist eine Bitte und damit ein Gebet. Ernstlich gesungen und gebetet vermag es die eigene Seele zu formen. Dadurch, dass wir gemeinsam Singen, werden wir gestärkt. Durch die Verehrung der Hingabe Jesu breitet sich in uns eine Gewissheit aus, die uns dankbar werden lässt. Vielleicht ahnen wir für einen Moment, was das alles bedeutet und was das mit uns zu tun hat. Es ist berauschend Sprachbilder zu finden für etwas, was größer ist als wir selbst. Wir nehmen die heilende Dimension, die uns in den Lauf der Dinge einordnet und das Leiden und Sterben Jesu deutet, wahr: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ (EG 98,1)

Aus dem verfluchten Holz wachsen grüne Zweige: Versöhnung. Vergebung. Frieden. Zugang zu Gott. Es ist nicht nur eine evozierte Empathie mit Jesu Leiden. Wir ahnen auch schon die Frucht seines Leidens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5) Gottes Sohn nimmt die Wunden der Welt auf sich, um sie zu heilen. Was für eine Botschaft in einer Welt die Opfer über Opfer produziert, die mit Gewalt und Krieg weiter Leben zerstört. Jesu Stellvertretertod ist Hoffnung für die Opfer über den Tod hinaus. Alle Gottverlassenheit trägt Jesus am Kreuz. Das kann im Glauben zu einer Quelle werden Ambivalenzen und Ambiguitäten in der Welt und auch im eigenen Leben zu trotzen. Der Karfreitag lehrt nicht nur passives Erleiden, er ist durch und durch widerständig. Der Karfreitag schenkt Hoffnung gegen die Hoffnung.

Karfreitag kann unsere Liebe zu Christus erneuern, da er uns vor Augen stellt wie sehr uns Christus zuerst geliebt hat, dass er bereit war sein Leben für uns zu geben. Ohne Hingabe kein Leben.

„Deine Hingabe, mein Leben.“ Lydia hat noch eine Restglut ihrer Liebe zu Christus entdeckt. Diese kann angefacht werden. Die Störung in der Beziehung zu Jesus kann ausgeräumt werden. Ein neuer Frühling kann die Gemeinde durchwehen.

Liebe braucht Erneuerung

Liebe braucht Erneuerung. Auch die Liebe zu Christus braucht Erneuerung. Ein Weg kann sein, sich zu erinnern und dem nachzuspüren, was uns im Glauben an Christus einmal sehr wichtig war – so wie es Lydia ergangen ist. Was verbindet uns mit Jesus? Was sind die Quellen unseres Glaubens? Wie können wir uns von Christus lieben lassen? Stärkung und Erneuerung geschehen, wenn wir Abendmahl feiern, Brot und Wein im Glauben miteinander teilen. In Brot und Wein ist Christus unter uns gegenwärtig. Jedes Brechen des Brotes, jeder Schluck aus dem Kelch des Heils, nimmt das künftige Hochzeitsmahl mit unserem HERRN vorweg und erinnert an sein Sterben uns zugute: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit.“

Joachim Leberecht

Eine Christusvision in der Krise, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu Offenbarung 1,9-19                                      Letzter Sonntag nach Epiphanias 2026

Hinführung zur Lesung

Liebe Gemeinde,

heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird noch einmal ein richtiges Textfeuerwerk entzündet, um auch dem letzten zweifelnden Menschen klarzumachen: Gott ist zu unserem Heil erschienen. Der letzte Sonntag nach Epiphanias ist mit dem Evangelium von der Verklärung Jesu ein Vorgeschmack auf seine Auferstehung, bevor wir als Gemeinde die Passionszeit durchschreiten und den Weg des Leidens Jesu bis zum Tod am Kreuz mitgehen. Aber auch die anderen Lesungen des Sonntags stehen in der Bedeutung, wie Gott den Menschen erscheint, dem Evangelium in nichts nach. In der alttestamentlichen Lesung hör(t)en wir, wie G*tt sich Mose im lodernden Dornbusch offenbart, in der paulinischen Epistel (2. Korinther 4,6-10), dass das Licht Gottes und seine Herrlichkeit in uns sterblichen Menschen nur schwach aufleuchtet, damit wir selbst nicht zu Übermenschen werden und damit allein Gott göttlich bleibt. Epiphanias ist die Lichtexplosion schlechthin, weil hier Gott in seinem ewigen Licht und Glanz erscheint. Gott erscheint auch in unserem Predigttext als dieses göttliche Licht. Keine Finsternis kann ihm etwas anhaben. Nichts kann dieses Licht trüben. Kein Leiden hält es auf. Es erhellt alles. Alles wird klar und offenbar. Das Gute und das Schlechte. Die Schuld und die Liebe. Der Tod und das Leben. Es ist ein Mensch, der dieses Licht sieht. Und alle, die durch ihn dieses Licht sehen und es anschauen, d. h. sich dahinein versenken, bekommen Anteil an diesem Licht und können im Glauben – mögen Welt und Teufel auch toben – ihr Leben bestehen. Ich lese den Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, aus dem ersten Kapitel, die Verse 9-18.

9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 

10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Christus erscheint dem Seher Johannes

 

Liebe Gemeinde,

der Seher Johannes bekommt diese Vision des Auferstandenen geschenkt. Das Bild, das er vom Auferstandenen zeichnet, ist geprägt von seiner eigenen Bilderwelt. Wie anders sollte sich Gott uns zeigen als durch die „Brille“, die wir aufhaben? Denn ohne uns kann nichts von Gott in uns aufleuchten. Die Bilder, die hier Johannes vom Auferstandenen zeigt, mögen uns fremd sein, vielleicht sogar abschrecken, aber sie enthalten etwas sehr Wertvolles für unseren Glauben und für unser Gemeindeverständnis durch die Zeiten hindurch. Es ist der auferstandene Jesus von Nazareth, der unter den sieben namentlich im Predigttext aufgezählten Gemeinden gegenwärtig ist mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die sieben Leuchter repräsentieren die sieben Gemeinden in Kleinasien. Es sind schlichte Ortsgemeinden, unter denen der Auferstandene lebt. Es ist nicht Rom, es ist nicht Byzanz, es ist nicht Alexandria. Es sind sieben Gemeinden aus teils unbedeutenden Städten oder Dörfern. In der Regel waren das Hauskirchen in der Ortsgemeinde. Dort haben sich eine Handvoll Christen versammelt und zu Christus gebetet. Wo eine Handvoll Christen beieinander sind und beten, da ist der Auferstandene Christus präsent, wie es schon das Evangelium nach Matthäus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(Matthäus 18,20) Diese kleinen Gemeinden waren in der Zeit, als der wegen seines Glaubens nach Patmos verbannte Seher Johannes seine Vision aufschreibt, selbst um ihres Glaubens willen bedroht. Von einem heißt es in der Offenbarung, er sei als Märtyrer gestorben. Es kostete unter Umständen das Leben, den eigenen Glauben zu bezeugen. Das ist bis heute in vielen Regionen der Welt nicht anders.

Versetzen wir uns einmal in die Lage eines Menschen, der wegen seines Glaubens an Jesus Christus bedroht ist, verfolgt wird oder gar um sein Leben fürchten muss, und hören wir aus seiner Sicht die Lesung noch einmal.

(Lesung erneut wie oben)

Welche Botschaft enthält die Vision?

 

Fürchte dich nicht. Diese drei Worte sind die frohe Botschaft. Hier dem Sinn nach nicht auf den einzelnen Menschen, sondern auf die sieben Gemeinden bezogen. Fürchte dich nicht, mag auch alles bedrohlich sein und mögt ihr nicht wissen, wie und ob es weitergeht. Fürchte dich nicht.

Ich habe die Macht, sagt der auferstandene Christus. Ich selbst bin der Schlüssel, denn ich habe den Tod überwunden und ich habe den Schlüssel zur Unterwelt. Da Christus selbst hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, hat er den Schlüssel des Totenreichs. Er hat das Totenreich geöffnet, so dass auch die Menschen am Heil teilhaben können, die vor seinem Kommen und seiner Auferstehung gelebt haben.

Erfahrungen mit Christus und neue Fragen

 

Ich weiß nicht, ob die christliche Lehre zur Zeit des Sehers Johannes schon in der Art fest ausgeformt war, wie ich es gerade beschrieben habe. Die großen christlichen Glaubensbekenntnisse wie das Apostolikum oder das Nizänum existierten noch gar nicht. Der Glaube als Lehr- und Dogmensystem war noch keine feste Orientierungsgröße für die Gläubigen. Sie lebten aus ihren Erfahrungen mit Christus und den Erfahrungen der Schwestern und Brüder der Gemeinde. Diese Erfahrungen versuchten sie zu deuten und einzuordnen: Entsprechen sie noch dem Geist Jesu oder eher nicht? Was führt weiter, was spaltet eher, was schenkt Orientierung, wenn der äußere Druck steigt? Was hilft, treu im Glauben zu stehen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie können wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Wie können wir uns dem Zugriff des Kaiserkults entziehen und allein Gott anbeten?

Mitten in diese Fragen und in ihre Bedrängnis hinein lesen die Gemeinden die Worte des Sehers. Das ist eine große Sache, sie hören und sehen bildlich, wie der Auferstandene zu ihnen spricht:

Fürchte dich nicht. Das ist Trost mitten in der Bedrängnis. Das ermutigt im Glauben treu zu sein und setzt Kräfte frei.

Fürchte dich nicht. Das ist Gottes Gegenwelt zur Ungerechtigkeit, ein Versprechen auf Heilung, eine Zusage von Frieden und Versöhnung, ein Abwischen aller Tränen, ein Versammeln aller Völker an einem Tisch.

Fürchte dich nicht. Das ist gegen den Tod gesagt. Gegen das Nichts. Gegen die Kälte. Gegen das Töten. Gegen die Einsamkeit. Gegen die Sorgen.

Fürchte dich nicht. Wo das geschieht, da erscheint Gott in seiner ganzen Herrlichkeit.

Herausforderungen als Ortsgemeinde heute

 

Liebe Gemeinde,

unsere Bedrängnisse, unsere Trübsale – heute nennen wir sie unsere Herausforderungen – als Gemeinde sind andere als die zur Zeit des Sehers Johannes. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Unterschiede oder die Parallelen aufzuzeigen. Ich möchte uns aber anregen, uns einmal vorzustellen, in was für einem Bild der Auferstandene Christus heute zu uns spricht. Was wäre seine Botschaft für uns? Vielleicht: Behaltet eure Kirchen; sie sind ein Fingerzeig für eine himmlische Wirklichkeit? Verabschiedet euch von der Kirchensteuer, sie bindet euch – wie vieles andere – zu sehr an den Staat? Duckt euch nicht weg in einer pluralistischen Gesellschaft? Öffnet eure Kirchen für die Menschen im Quartier? Steht für euren Glauben und für eure Werte ein, bewahrt alles Leben und folgt der Gewaltlosigkeit Jesu? Oder doch, greift zu den Waffen, geht mit Gewalt gegen das Böse vor, bevor die Tyrannen euch beherrschen? Schützt vor allen Dingen die Opfer, wenn nötig mit Gewalt?

Der auferstandene Christus erscheint uns in immer neuen Bildern, aber immer mit der Botschaft: Fürchte dich nicht. Seine Worte sprechen in unsere Situation hinein: Lydia-Gemeinde in Herzogenrath, sei nicht verzagt, auch wenn du dich fragst: Wie werden wir zukünftig mit weniger Pfarrpersonen auskommen? Welche Gebäude werden wir noch finanzieren können? Welche Gottesdienste noch feiern können? Welche Aufgaben noch ausführen? Dann erinnere dich daran, der Auferstandene ist mitten unter dir, der Engel der Gemeinde passt auf dich auf. Du musst das alles nicht aus eigener Kraft tun. Gott ist deine Quelle für das: „Fürchte dich nicht“ oder das: „Friede sei mit dir“, wie wir es uns gleich in der Mahlfeier zusprechen werden.

Literatur:

Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 4. Auflage 2020

Der erste Schritt ist wichtig für einen neuen Weg, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu: Apostelgeschichte 10, 21-36

 

  1. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

die lange Erzählung von Petrus Mission, wie er erkennt, dass Gott die Person nicht ansieht, dass Gott nicht unterscheidet in seiner Liebe, ob jemand Amerikaner ist, Russe oder Chinese, arm oder reich, gebildet oder ungebildet, Mann oder Frau oder alles dazwischen, gesund oder krank, ist aktuell.

Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium geschrieben hat, findet in den Erzählungen über die jüdischen Apostel Worte, wie das Evangelium von Gottes Liebe in Jesus Christus allen Menschen und Völkern gilt. Nicht Abgrenzung, nicht Verkapselung, nicht identitäre Rückwärtsbewegung, nicht die Kriterien rein und unrein, kurz gesagt: Nicht menschliche oder kulturelle Grenzen markieren die junge christliche Bewegung, sondern die Einladung an alle, dazu zu gehören, zu denen, die „Gott fürchten und das gerechte Tun“ im Glauben an Jesus Christus.

Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel

Diese Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel, sie wird durchbuchstabiert. Mal geht´s einen Schritt vor, mal einen zurück. Wie im normalen Leben auch. Das ist tröstlich. In der Erzählung von Petrus hören wir davon, wie sein durch Gott gelenkter Weg, ein Lernweg ist allein dadurch, dass er sich auf den Weg macht. Von außen betrachtet scheint Gott wie ein verborgener Marionettenspieler die Fäden so zu händeln, dass sich Petrus und Kornelius begegnen. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten: Ein Jude und ein Römer. Dazu noch ein Zenturio der römischen Besatzungsmacht. Zwar ein frommer Mensch, aber einer vom ganz anderen Ufer, einer, der nicht dazu gehört. Das weiß doch jedes Kind.

Kornelius heißt er mit Namen. Das ist uns überliefert. In seinem Namen spiegeln sich bis heute Menschen wider, die religiös auf der Suche sind, die ihr bisheriges religiöses oder areligiöses Leben in Frage stellen. Sie suchen eine spirituelle Heimat. Für Kornelius war der Eine Gott wichtig und er wollte zu einer Gemeinschaft gehören, die anerkennt, dass auch er als Dazugekommener wirklich dazugehört, die volle Gemeinschaft mit dem Heiligen Gott und der betenden Gemeinde hat. Kornelius war von den Menschen anerkannt, aber er gehörte nicht dazu. Er gehörte nicht zu dem Gott, der ihn immer mehr anzog. Wer nicht dazu gehört, resigniert irgendwann. Kornelius aber bleibt dran. In seinem Gebet steht ein Mann vor ihm mit der Botschaft: Befehle Petrus zu holen. Kornelius weicht nicht aus, tut diese Stimme nicht ab, folgt ihr und bereitet sein Haus auf die Begegnung mit dem Jesusjünger Petrus vor. Sollte Gott ihm etwas durch Petrus sagen, was er noch nicht wusste?

Hier treffen zwei aufeinander. Da ist nicht einer der Wissende, der die Wahrheit gepachtet hat. Da werden Fäden gezogen und ein zartes Netz entsteht. Das ist ein Anfang. Ob er tragfähig ist? Das Neue kann nur entstehen, wenn es Menschen gibt, die dafür offen sind. Wir haben unsere Vorstellungen und Überzeugungen, die uns helfen zu leben und gleichzeitig hindern, uns ein anderes Leben und eine andere Ordnung vorzustellen. Wir fürchten das Chaos und aus Angst vor Veränderungen erstarren wir, halten krampfhaft am Alten fest.

Gottes Wege sind anders als unsere Vorstellungen

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Aber Gottes Wege sind ganz anders als unsere Vorstellungen. Es fällt uns immer wieder schwer, uns von dem zu lösen, was uns vertraut ist, was für uns von Kindesbeinen an selbstverständlich ist. Das haben wir so gelernt und das muss immer so bleiben. Ich glaube beide waren überrascht, Petrus und auch Kornelius, dass es einen neuen Weg gibt, einen bisher unbeschrittenen. Im Rückblick stellt sich alles klar und einfach dar, aber wenn wir einen Weg gehen, zumal einen geistlichen Weg, einen Weg wie wir zu einer neuen Gewissheit oder einfach zum Glauben kommen, ist dieser Weg alles andere als gerade und leicht, er ist verschlungen, zuweilen vernebelt, die Sicht ist versperrt und der Sinn, warum jetzt, warum hier bleibt uns verschlossen. Religion ist keine Mathematik und erst recht kein Algorithmus. Der Mensch braucht Religion, sonst besteht die Gefahr von anderen Göttern beherrscht zu werden. Religion ist die (allzu menschliche) Rückbindung an Gott, das Wunder wie an Fäden geführt zu werden und doch die Schritte selbst zu wählen.

Schauen wir etwas näher in die Erzählung hinein.

Unser Predigttext ist die Fortsetzung einer Geschichte um Petrus, der auf dem flachen Dach eines Hauses bei Tag träumt. In seinem Traum wird er mit dem konfrontiert, wozu er berufen ist: Altes loszulassen und Neues zu wagen. Der Geist Gottes macht ihn hellhörig. Er, Petrus, wird gesucht. Er soll zu den Menschen, die ihn suchen, herabsteigen. Der erste Satz unsere Erzählung heißt schlicht: „Da stieg Petrus herab.“ (Apg 10,21a) Das griechische Wort für herabsteigen (katabeino) bezeichnet nicht nur den räumlichen Weg des hinunter Gehens, sondern das Wort kann auch symbolisch verstanden werden. Petrus steigt nicht nur herab, er bewegt sich auf die Ebene der ihn aufsuchenden Nichtjuden, der römischen Gesandten. Er gewährt ihnen Gastfreundschaft und macht sich tags darauf mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu Kornelius. Schon hier vollzieht Petrus den ersten Schritt zu einem Perspektivwechsel im Sinne seiner göttlichen Vision, das für Gott nichts unrein ist. Eine andere Sichtweise führt zu einem neuen Umgang miteinander und Verständnis füreinander.

 

Ein neuer Weg wird beschritten

Der erste Schritt ist wichtig, für so vieles.

Der neue Weg verändert Petrus und später auch Kornelius, noch aber weiß niemand, ob das Neue weitergeht oder nicht. Ist der Anfang ein Ende, eine Sackgasse, ein Irrtum (?) oder endet mit dem Neuen etwas Altes? Ist das ein Bruch, ein radikaler gar (?) oder zeigt sich im Neuen etwas, was sich bewähren wird, was wachsen wird, was Gutes hervorbringt?

Kornelius, das wird erzählt, ist so überwältigt, dass ihn Furcht und Zittern befällt. Die Botschaft des Engels ist wahr. Er wirf sich vor die Füße Petri und verehrt ihn anbetend. Dieser aber hebt ihn auf die gleiche Ebene und sagt schlicht: „Steh auf, auch Ich bin ein Mensch.“ (Apg 10,26) 

 

Bei dieser Szene kommt mir die Einführung eines Kollegen in Erinnerung. Dieser kniete sich bei der Einführung auf die nackten Fliesen im Altarraum. Als der scheidende Pfarrer ihm mit Handschlag gratulierte und sein Votum sprach, zog er ihn auf die Beine und sagte lapidar: Bei uns kniet man nicht…

Wie dem auch sei, wie immer wir unsere Ehrfurcht vor Gott ausdrücken, sie wird einen Ausdruck finden.

Als Petrus Kornelius Geschichte hört, wie Gott sich ihm gezeigt hat, fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen. „Nun erfahre ich die Wahrheit, dass Gott die Person in Wahrheit nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist der Herr über alles.“ (Apg 10,34-36)

Petrus erzählt weiter. Er verkündigt das Evangelium. Der Heilige Geist fällt auf die Hörenden. Nichts hindert Petrus mehr daran Kornelius und sein Haus zu taufen. Jetzt gehört Kornelius sichtbar dazu: Zu Gott und der Gemeinschaft der Christinnen und Christen.

Liebe Gemeinde,

der Anfang hört nicht auf. Er geht über alle Grenzen hinweg weltweit weiter bis heute, wo Menschen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, sich taufen lassen und Gott mit ihrem Leben loben und ehren.

Predigt zu Heiligabend 2025, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Christvesper 2025: Legt die Waffen des Lichts an

 „Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende. Der Tag bricht schon an. Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.“                                                          Römer 13,10-12, Basis Bibel

Liebe Heiligabend-Gemeinde,

das ist mal ein Weihnachtsevangelium! Es passt so gar nicht in unsere Vorstellung von Weihnachten, erst recht nicht vom Heiligen Abend. Heiligabend, das ist doch der geschmückte Weihnachtsbaum, überall Lichter, ein Duft nach Orangen, Kartoffelsalat und Würstchen oder darf es lieber ein deftiger Bratengeruch sein? Weihnachten geht’s doch um Gemütlichkeit, dass wir ein paar ruhige Tage haben, wo der Dauerstress einmal von uns abfallen darf, wo wir als Familien miteinander Zeit verbringen, uns mit schön verpackten Geschenken bescheren, einander mit Wohlwollen begegnen. Einmal entschleunigen, wer braucht das nicht? Weihnachten geht es darum, das eigene Verwurzelt-Sein in der Familie oder als Paar zu spüren. Ich bin angenommen, so wie ich bin, wir spenden einander Geborgenheit. Das ist schön, wenn es gelingt und es gehört wesentlich zum Weihnachtsfest dazu.

Familien-Weihnachtsideal?

Aber manchmal schaffen wir es nicht dem Familien-Weihnachtsideal zu entsprechen, wir fühlen uns von allem überfordert, die kleinste Kritik und Missstimmung hinterlässt schale Freude oder es nervt uns die Scheinheiligkeit nach dem Motto: Piep, piep, piep…wir haben uns alle lieb.

Den Ton, den Paulus in unserem Heiligabend-Text anschlägt ist ganz anders, quer zu unseren Erwartungen und Sehnsüchten, ein Widerspruch zu kitschig-romantischen Weihnachtsgefühlen und einer kapitalistischen Konsum-Weihnacht. Ja, es gibt ein Weihnachtsevangelium quer zu unseren kulturellen-familiären Traditionen.

Das ist die Heilige Nacht.

Das Bild, das Paulus hier verwendet ist alt, uralt und hat sich über die Erfahrung in das Bewusstsein der Menschen eingegraben. Es ist die Erfahrung der Dämmerung. Wir stehen an der Schwelle. Die Dunkelheit der Nacht hört auf, bald bricht der Tag an.

Das ist die Heilige Nacht. Diese Heilige Nacht wiederholt sich Fest für Fest. Wir haben gesungen und ich liebe dieses aussagekräftige Adventslied: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ (EG 16,1 Jochen Klepper)

Die Heilige Nacht wiederholt sich heute für die, die glauben: dass das Licht mit dem Kind in der Krippe in die Welt gekommen ist. Jesus Christus hat die Dunkelheit der Welt überwunden. Auch wenn die Nacht immer wieder nach uns greift, gilt doch: Gottes Tag kommt – immer wieder und am Ende in Vollendung.

Als moderne von künstlichem Licht umgebene Menschen kennen wir die Stimmung der Dämmerung nicht mehr. Uns fehlt die Schwellenerfahrung. Das Warten und die Gewissheit, es wird licht. Unsere Seelen sind es nicht mehr gewöhnt über das langsame Hell-Werden zu staunen. Es mit Macht herbeizusehnen. In die Dämmerung zu lauschen, wie das Leben erwacht, die Vögel ihr Morgenlied singen und der Tag die Oberhand gewinnt.

Der Tag ist nahe herbeigekommen. Und jetzt kommt´s. Das ist keine Zeit zum Weiterschlafen, träumen und sich noch einmal im Bett räkeln!

Wir werden aufgefordert: Hey, werdet wach! Verlasst eure Komfortzone, lasst euch nicht länger Einlullen von schlechten Vibes, Fake News und dem immer gleichen Gebabbel in eurer Blase. Wacht auf! Denkt selbst! Bildet euch euer eigenes Urteil!

Manchmal wundere ich mich, wie das Selber-Denken mehr und mehr verschwindet. Ich bin irritiert, wie verängstigt viele Menschen sind, wie viele sich ein Weltbild zimmern, dass alle Institutionen rundheraus ablehnt, wie zigtausende den religiösen Verschwörungs-Erzählungen glauben und hunderttausende User hemmungslos ihre Hasstiraden in den Sozialen Medien kundgeben. Es ist, als würden wir zerrieben in der Informationsflut. Auch hier stehen wir an einer Schwelle. Wir haben noch nicht gelernt, vernünftig mit der Digitalität aller Lebensbereiche umzugehen. Wir wissen aber schon: dauernd auf´s Handy schauen überfordert, macht süchtig und blöd, da eigene Erfahrungen verhindert werden und echte „face to face“ Kommunikation versickert, ja geradezu verlernt wird. Und gleichzeitig trimmen uns viele Medien zu einem scheinbar nicht mehr hinterfragbaren Konsens. Wer davon abweicht, kommt in Verruf und wird in eine Schmuddelecke gestellt. Das alles aber treibt uns weiter voneinander weg.

Weihnachten ruft uns heraus.

Weihnachten ruft uns heraus. Kehr um! Mach nicht mehr mit! Lebe nicht in deiner Scheinwirklichkeit! Stelle dich der Wahrheit, auch wenn sie schmerzt. Ingeborg Bachmann sagt den treffenden Satz dazu: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“(1)

Wirklich? Ja! Aber wir tun in unserer Befindlichkeits-Gesellschaft alles dafür, uns die Wahrheit nicht zuzumuten, einen Streit nicht auszutragen, lieber lassen wir den Konflikt schwelen. Aber bitte jetzt nicht nach dem Gottesdienst die Wahrheit deinem Nächsten genüsslich ins Gesicht schleudern nach dem Motto: Der Pfarrer hat doch gesagt, Weihnachten sollten wir uns mal so richtig die Meinung sagen. Richtig ist auch: Wahrheit ohne Liebe zerstört, ist besserwisserisch. Und manchmal ist ausblenden auch eine Möglichkeit überhaupt noch miteinander im Kontakt zu sein. Liebe Leute, ich will doch nur sagen: Weihnachten übertüncht unser Leben nicht. Im Gegenteil: Es kommt ans Licht, was nicht stimmt, was falsch läuft in der Welt. Weihnachten macht unser Leben hell und schenkt tiefe Freude. Wir empfangen das Leben als Gabe Gottes und wir sind aufgerufen, das Leben und vor allem den Frieden zu bewahren. Damit sind wir in Europa gescheitert. Nun dauert der Krieg in der Ukraine schon fast so lange wie der erste Weltkrieg. Wir Europäer haben keine vernünftige Entspannungspolitik mit Russland betrieben. Mit Feinden spricht man nicht, verhandelt nicht. Was für ein Irrglauben! Doch zurück zu unserem kleinen Leben.

Weihnachten fordert uns auf: Legt alles ab, was ins Finstere führt, was eine negative Energie hat: Die Lüge. Die Selbstsucht. Die Gewalt. Den Hass. Die Feindschaft. Den Größenwahn.

Jammer nicht länger herum. Übernimm Verantwortung für dein Leben, für dein kleines Leben. Das reicht. Träum dich nicht größer als du bist, mach etwas Gutes und fange damit jetzt an.

Das heißt, wie es Luther übersetzt: „Die Waffen des Lichts anlegen.“ Wenn nicht zu Weihnachten, wann dann? Das heißt, sich mit Wahrheit gürten, dem Licht folgen. Sich nach dem göttlichen Licht ausstrecken. Wir brauchen doch Orientierung! Und wisst ihr was. Ihr könnt sagen, was ihr wollt: Diese Mega-Erzählung von Jesu Geburt ist besser als jeder Hollywood Block-Buster. Denn wenn es im letzteren zwar auch um den Kampf von Gut und Böse geht, bleiben die Filme doch im besten Sinn Unterhaltung. Die Mega-Erzählung von Christi Geburt aber schenkt Sinn und Zusammenhalt. Das Weihnachtsfest, selbst wenn unser Glaube schwach ist und erodiert, transzendiert uns, verweist uns auf eine andere Wirklichkeit. Das immerwährende Story-Telling auf unseren kleinen Bildschirmen aber macht uns nicht satt. Satt macht uns nur der Mythos. Es wird eine Zeit kommen, wo wir das wieder entdecken und sie ist schon angebrochen. Wissenschaft und Mythos schließen sich nicht mehr länger aus, sie verhalten sich komplementär zueinander (2). „Nicht Atome halten die Welt zusammen, sondern Erzählungen“(3). Wir leben von Erzählungen. Und das Weihnachtsevangelium gehört zu den wertvollsten Erzählungen der Weltliteratur.

Es erzählt von dem Baby Jesus. Von Anfang an ist sein Leben bedroht.

Mit Liebe und Vergebung hat Jesus auf Gewalt geantwortet. Jesus hat die Menschen mit den Augen Gottes gesehen und sie befreit von Stress, Angst und Resignation. Das Kleine in der Krippe ist größer als alles, was uns klein macht. Vertrauen schenkt Leben, gebiert Leben – immer wieder neu. Der Glaube ist es, der uns aus dem Sumpf und den Morast der Welt zieht. Dein ganzer Einsatz ist gefragt. Der Glaube fordert alles von dir. Er fordert dich selbst und ist gleichzeitig wie Weihnachten ein Geschenk. Ein Geschenk der Liebe Gottes.

Ja, mit dieser Energie kommen wir am Heiligen Abend in Berührung. Das Kleine in der Krippe ist nicht bloß süß, ein „holder Knabe im lockigen Haar“ (Stille Nacht, EG 46,1). Der Kleine ist unser großer Erlöser und Bruder, die Power-Bank Gottes für die Welt. Die Krippe ist schon aus dem Holz des Kreuzes geschnitzt, die Neugeburt der Auferstehung vertreibt die Finsternis.

Also seid ihr dabei?

Legt die Waffen des Lichts an. Das ist eine Kriegstüchtigkeit, die ich mir wünsche. Wenn wir ernsthaft zu den Waffen des Lichts greifen, dann werden sich „Gerechtigkeit und Frieden küssen“ (Ps 85,11)

Literatur

1 „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ –  aus Ingeborg Bachmanns berühmte Dankesrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden (1959)

2 Levi-Strauss: Anthropologie in der modernen Welt, Seite 110 Und wenn die moderne kosmologische Wissenschaft „selbst dazu tendiert, zu einer Geschichte des Lebens und zu einer Geschichte der Welt zu werden, können wir nicht ausschließen, dass das wissenschaftliche Denken und das mythische Denken, nachdem sie lange Zeit unterschiedliche Wege gegangen sind, sich eines Tages aneinander annähern werden.“

3 Der Ausspruch geht auf die amerikanische Schriftstellerin Muriel Ruheyser (1913-1980). Unser Verständnis der Welt wird durch Narrative geprägt, die Sinn stiften, statt durch die reine Materie. Erzählungen sind die Ordnungsformern unserer Wirklichkeit. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen u.a. forscht dazu.

„Selig sind die Frieden stiften,…“, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt Buß- und Bettag 2025

 

 „… denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Mt 5,9

 Ihr Lieben,

Ihr habt wie alle Jahre wieder mit den Kindern und Eltern des Familienzentrums St. Martin gefeiert. Ein Fest, das immer noch sehr beliebt ist. Die Geschichte des Heiligen Martin berührt Kinder und Erwachsene. Mit Lichtern wird durch die Straßen gezogen, St. Martins-Lieder werden gesungen, Weckmänner werden an die Kinder verteilt. Die Geschichte, wie der Offizier St. Martin seinen Mantelumhang teilt und die Hälfte des Mantels einem frierenden Bettler vor den Stadttoren gibt, wird erzählt und vielerorts auch gespielt.

Erinnerung an St.Martin

Weniger bekannt aus dem Leben St. Martins ist, dass er als 15jähriger von seinem Vater gezwungen wurde in das römische Heer einzutreten und dort ungefähr mit vierzig Jahren, nachdem er getauft wurde, den Militärdienst quittierte. Der Erzählung nach soll Martin vor Kaiser Julian getreten sein mit den Worten „Bis heute habe ich dir gedient, gestatte mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen!“

In den ersten Jahrhunderten nach Christi war es weit verbreitet, dass Männer, wenn sie Christen wurden, sich weigerten die Waffe in die Hand zu nehmen. Für sie und für viele christliche Gemeinden war klar, es gilt Gottes Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Und auch Jesus war ihr Vorbild. Seine Gewaltlosigkeit und sein Aufruf zur Feindesliebe waren für die ersten Christen nicht naive Spinnerei, sondern der Weg in ein neues Leben, dass die Herrschaft der Mächtigen auf den Kopf stellte. Oft genug wurden sie für ihre Gewaltlosigkeit und ihre Kriegsdienstverweigerung nicht nur verlacht und verspottet, mussten Repressalien hinnehmen, sondern sie wurden von den Herrschern getötet. Sie starben als Märtyrer, weil sie Soldaten Christi waren. Dass sie ihren Überzeugungen treu waren, brachte ihnen bei den Mitmenschen viel Respekt ein. Leben und Glauben vielen nicht auseinander, sondern der gelebte Glaube war eine Kraft, die nicht zu töten war. Nachfolge Christ war gelebte Kreuzesnachfolge. Hatte Jesus nicht gesagt: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele? Wer sein Leben aber um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen. Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“(Mk 8,34ff)

„Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15)

Mit diesen Worten Jesu möchte ich uns und vor allem meine Evangelische Kirche zur Buße rufen. Kehrt um! Verlasst die Wege der propagierten Kriegstüchigkeit! Widersprecht doch endlich den Abermilliarden Investitionen in Waffensysteme, die zu einer endlosen Rüstungsspirale führen. Aber meine Kirche schweigt. Sie ist erstarrt. Oder schlimmer: Sie glaubt nicht mehr dem Evangelium. Wenn die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Annette Kurschuss zu Beginn des Ukrainekriegs sagt: „Waffenhilfe ist Nächstenliebe!“ verkehrt sie das Evangelium ins Gegenteil. Wenn die EKD ihre neueste Friedensdenkschrift (2025) herausbringt und darin den Besitz von Atomwaffen unter der Hand still legitimiert und nicht ächtet, nimmt sie die Zerstörung allen Lebens auf dem Globus in Kauf, und opfert Jesus und ihren eigenen Glauben auf dem Altar der Abschreckung. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel!

Aber zurück zu unseren Kindern. Was sollen sie lernen? Was sollen wir sie lehren? Wie reagieren wir auf die Bundeswehrwerbung, die jungen Männern wie Frauen mit Kameradschaft und sinnvollen Einsätzen für Demokratie anwirbt? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass die Bundeswehr in die Schulen geht, um junge Frauen und Männer anzuwerben? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass Sönke Neitzel, Carlo Masala, Rodrich Kiesewetter und andere sogenannte Militärexperten behaupten, ein Krieg mit Russland stehe kurz bevor? Das war der letzte Friedenssommer, sagen sie und schüren Angst ohne Ende. Wie stoppen wir die mentale Umerziehung zur Kriegstüchtigkeit unserer Kinder und der ganzen Gesellschaft? Wie begegnen wir der unverhohlenen Kriegstreiberei in vielen Medien?

Wenn die sich klein- und gesundschrumpfenden Kirchen überhaupt noch eine Botschaft für ein zukünftiges Europa haben, dann kann es doch nur die Botschaft: „Kehrt um!“ sein. Kehrt um von eurem einseitigen Setzen auf Waffensysteme und einer Aufrüstung ohne Ende, sucht endlich wieder Diplomatie und Versöhnung, baut Brücken der Verständigung, stoßt einen europäischen Friedensprozess an, sonst endet das Friedensprojekt Europa in ein Kriegsprojekt. Das ist Selbstzerstörung pur. Dazu kommt: Deutschland soll wieder größte Militärmacht Europas werden.  Das haben unsere Väter und Mütter nicht gewollt!

Hat dieser Stellvertreterkrieg denn nicht schon genug Menschenleben gekostet und Schaden angerichtet? Beide Seiten beharren auf ihre Maximalforderungen. Der Klügere gibt nach. Warum widersprechen so wenige?

Kehrt um!

Aber vielleicht hört uns schon längst niemand mehr. Wir Christen sind einfach – je höher es in der Institution Kirche geht, je mehr – zu angepasst. Wir wollen angesehen sein und merken nicht, dass wir schon längst nicht mehr systemrelevant sind. Das Geld ist es. Die Rüstungsindustrie soll die Retterin aus der wirtschaftlichen Krise sein. Ja, spinnt denn unsere Regierung?

Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens

Aber ich brauche gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen: Umkehr beginnt bei uns selbst. Wollen wir Jesus in seiner Gewaltlosigkeit nachfolgen? Wollen wir Soldaten Christi werden – ohne Waffengebrauch? Wollen wir unsere Kinder friedens- oder kriegstüchtig machen?

Ich wünsche mir eine Kirche und ein neues Lernen in der Kirche, wie Gewaltlosigkeit in den Konflikten unserer Zeit geht. Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wieder an ihre erste Zeit erinnert, wo Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens war.

Ausgerechnet ein Philosoph, nämlich Olav Müller von der Humboldt-Universität Berlin, brachte kürzlich in einen Radiointerview folgende Idee für ein verpflichtendes Jahr für junge Frauen und Männer zur Sprache. Die jungen Frauen und Männer sollten die Möglichkeit haben zu wählen, ob sie ihre Dienstzeit für die Gesellschaft in der Bundeswehr oder mit einem  intensiven Lernen von Verteidigung durch gewaltfreie Aktionen und Maßnahmen verbringen. Denn auch Friedenstüchtigkeit will gelernt sein.

Lasst uns umkehren, dazu ist es nie zu spät, und unseren Glauben an das Evangelium festigen mit Jesu Seligpreisung: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“