„Schäm dich!“, Predigt zu Römer 1,16a, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

5. Sonntag nach Trinitatis 2021

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ (Luther 2017)

Liebe Gemeinde,

„Schäm dich!“ ist der Imperativ unserer Zeit. Wie, du fliegst noch mit dem Flieger in den Urlaub? Schäm dich! Wie, du isst noch Fleisch? Schäm dich! Wie, du fährst einen Diesel? Schäm dich! Wie, du bestellst bei Amazon? Schäm dich!

Schon in der Geschichte von Kain und Abel spielt die Scham eine entscheidende Rolle. Kain blickte aus Scham zu Boden, als er sah, dass Gott Abels Opfer annahm, seine´s aber nicht würdigte. Mit dieser Scham konnte er nicht umgehen. Sie steigerte sich zur Gewalttat. Kain erschlug Abel. So wurde Scham in Schuld verschoben.

Bis heute ist Scham einer der Gründe für Gewalt, die scheinbar aus dem Nichts kommt, wie bei dem tödlichen Attentat des Somaliers mit subsidiärem Flüchtlingsschutz in Würzburg.

Die Scham hat Hochkonjunktur. Sie grassiert. Sie wächst exponentiell. Nicht die Meinungsfreiheit ist in unserer offenen Gesellschaft in Gefahr, aber viele Menschen haben Angst ihre Meinung offen zu äußern aus Scham vor der radikalen Verurteilung durch die angebliche Mehrheitsmeinung. Political Correctness ist gefragt. Wir haben zwar, Gott sei Dank, keine Scharia, aber eine kaum greifbare Minderheit, die über alle möglichen Kanäle Denk- und Sprachpolizei spielt und dabei die Schamanfälligkeit eines jeden Menschen schamlos ausnutzt.

Die Empörung über ein falsches Wort, über eine ungeschickte Geste, über einen Fehler bleibt nicht aus. Da können Sie sich sicher sein. Es geht um richtig oder falsch. Es scheint, als würde der Mensch in einer immer komplexer werdenden Welt nur noch weiß oder schwarz kennen – unabhängig vom politischen Lager oder der jeweiligen Blasen(um)welt. Vor lauter Scham verurteilt zu werden gilt: lieber nichts sagen und einfach still alles abnicken. Wenn die Schamwelle, die schon da ist, als Tsunami über uns kommt, gehen die Werte der Aufklärung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und der eigenen Erfahrung zu vertrauen, verloren.

Genau da setzt Paulus an. Bei seiner eigenen Erfahrung. Genauer gesagt, bei seiner eigenen Gotteserfahrung. Sie steht für ihn außer Frage, so dass er seine Scham vom Evangelium zu reden überwindet. Er hat Gottes Kraft am eigenen Leib erfahren, und diese Kraft bündelt sich für ihn in der Erkenntnis Jesu Christi, dass er – aber eben nicht nur er – sondern alle, die daran glauben, frei sind. Und das nicht, weil er moralisch richtig handelt oder besonders heilig ist, sondern, weil er in Gottes Augen frei ist, freigesprochen von allem. Von Gott hat der Mensch seine Würde und seine Freiheit. Sie ist unveräußerlich.

Selbst der schuldig gewordene Kain bekommt von Gott ein Schutzmal auf die Stirn gezeichnet. „Gott macht eine Differenz auf zwischen der Handlung und der Würde einer Person.“ (Klaas Huizing)1 Das heißt für Kain: Du brauchst dich nicht zu Tode schämen und niemand darf dir aus Rache oder falsch verstandener Gerechtigkeit das Leben nehmen. Ich schenke es dir. Das ist Rechtfertigung durch Gott. So kann selbst die Schuld, die aus Scham entsteht, in ein neues Leben ohne Selbsthass führen, und dem Lynchmob bietet Gott die Stirn. Gleichzeitig wird Kain aufgefordert, die Sünde zu überwinden und sich sozial zu verhalten (Gen 4,6ff). Aggressionsgefühle lassen sich transformieren. Was für ein Narrativ!

Der Geschenkcharakter des Lebens ist ein hohes Lebensgut, ob wir uns schämen oder nicht. Auch für Paulus war es ein langer Weg, seine Selbstgerechtigkeit zu überwinden, einzusehen, dass sein Hass auf die Christen falsch war. Was sollte er machen, als er das erkannte? Sich auf ewig schämen?

Scham ist ein starkes Gefühl, aber wie jedes andere Gefühl auch können wir es mit Übung ausbalancieren. Scham ist auch nützlich. Eine schamlose Gesellschaft will niemand.

Paulus aber möchte mit seinem Statement: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“ Mut machen, die eigene Scham, vom Glauben und von der Kraft Gottes zu reden, zu überwinden. Paulus nimmt es in Kauf, verlacht zu werden, und nicht nur das, sogar verspottet, verurteilt, geschlagen und zuletzt getötet zu werden, weil er die Kraft Gottes erfahren hat. Diese führt ihn zu einer Freiheit im Glauben gegenüber Menschen, Herrschern und sonstigen Kräften zwischen Himmel und Erde.

Wer glaubt, ist nicht frei von Scham, aber der glaubende Mensch weiß um eine Freiheit, die größer ist als alle Scham, Furcht oder Tod.

In der letzten Woche habe ich mit einem Flüchtling gesprochen. Er kam als Minderjähriger in die Städteregion. Er hat mir von der Hölle seiner Kindheit erzählt, aber auch von der Erfahrung der Bewahrung durch Gott auf seiner monatelangen Flucht. Er hat die Kraft Gottes gespürt. Das waren seine Worte, und ich musste an Paulus denken und an die vielen Fluchtgeschichten in der Bibel. Er war dem Islam durch seine Kindheitserfahrungen entfremdet und hat im christlichen Glauben seine Heimat gefunden. Er hat eine Tochter mit einer deutschen Partnerin. Seine Tochter möchte er taufen lassen. Oft wird er von Muslimen angesprochen, ob er Muslim sei. Dann sagt er, er sei Christ, und alle Muslime wenden sich von ihm ab. Er hat sich ein Kreuz auf den Unterarm tätowieren lassen. Er ist noch jung und voller Scham, aber das Kreuz auf seinem Unterarm ist seine Art, sich nicht seines Glaubens zu schämen und mit Gott in Verbindung zu sein.

Philipp Mickenbecker war mit seinem Bruder erfolgreicher Youtuber. Er ist mit 23 Jahren gestorben. Drei Mal war er schwer an Krebs erkrankt. In dieser Zeit hat er sich intensiv mit Gott beschäftigt. Nie wollte er fromm sein. Er hat Gott herausgefordert und um Zeichen gebeten. Diese hat er bekommen. Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben: My Real Life Story. Es ist ein Spiegel- Bestseller und verbreitet sich rasch. Philipp hat die Kraft Gottes erfahren und schämt sich seiner Zweifel und seines Glaubens nicht.

Wir sind nicht Paulus. Wir sind nicht der Flüchtling. Wir sind nicht Philipp Mickenbecker. Wir haben unsere eigene Glaubens- und Schamgeschichte. Wir drücken auf unsere ganz eigene Art und Weise aus, dass wir uns unseres Glaubens nicht schämen. Nicht alles muss öffentlich gezeigt werden. Weniger ist oft mehr. Vieles muss auch bewahrt und geschützt werden. Gott wirkt auch durch das Verborgene, durch das Stille, durch das Geheimnis.

Eugen Drewermann sagte in einer Radiosendung2 zum Thema Scham: „In der Liebe darf man sich auf den anderen beziehen, wie man ist. Hintergrund ist ein liebevoller Blick, voller Akzeptanz, voller Zugewandtheit. Dafür steht in der Bibel Gott. Was passiert, wenn dieser Bezug verloren geht?“

Könnte es sein, dass in einer Gesellschaft, die den Gottesbezug zunehmend verliert, Beschämung und Ausgrenzung ein leichteres Spiel haben, da das gnädige Angesicht Gottes immer mehr in den Hintergrund gerät? Wenn das richtige Tun immer mehr in den Fokus gerät, gerät der Mensch dann nicht in ein Dilemma aus dem er nicht mehr herauskommt? Wo bleibt die Freiheit? Wo bleibt die Unterscheidung von Handlung und Person?

In einer fragilen und gewaltbereiten Schamgesellschaft ist das öffentliche oder stille unverschämte Gottesbekenntnis ein wichtiger Beitrag, gesellschaftliche Freiheit zu leben und zu gestalten.

Amen

 

 

 

 

1 Huizing, Klass: Die Scham als Tugendlehrerin, in: Anders handeln, Hg.: Andere Zeiten e.V., Neumünster, 1/2019, S. 8-9

2 Drewermann, Eugen: in Radio Bremen in der Sendung Redefreiheit  zum Thema Scham vom 28.04.2014

 

 

Predigt vom Verlieren & Wiederfinden, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Predigt Lukas 15, 8-10 ,   3. So. nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,

Jesus erzählt Gleichnisse, wenn er den Menschen etwas über Gott und sein Reich sagen will. Hier erzählt er von einer Frau, die einen Silbergroschen verliert und ihn mit Mühe solange sucht, bis sie ihn findet. Ihre Freude darüber ist so groß, dass sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen herbeiruft, dass sie sich mit ihr mitfreuen.

Verlieren und Wiederfinden sind Themen, die sich durch unser Leben ziehen und die uns immer wieder existentiell angehen.

Die Fernsehserie Letzte Spur Berlin im ZDF dreht sich darum, dass ein Team von Ermittlern einen Menschen sucht, der mir nichts, dir nichts wie vom Erdboden verschwunden ist. Meistens entspinnt sich darum eine komplizierte Geschichte und der Zuschauer gewinnt einen tiefen Einblick in die menschliche Seele und atmet am Ende auf, wenn die vermisste Person wiedergefunden wird.

Menschen können sich auch selbst verlieren, sich so sehr verausgaben bis in den Burnout hinein, dass sie sich selbst nicht mehr kennen und andere sie auch nicht mehr wiedererkennen. Wie sehr wünschten sie sich, sich wiederzufinden und sie strengen sich dabei an und merken, dass der Wille nicht reicht – sie leiden unter ihrem eigenem Ausgebrannt-Sein, sind in ihrem Selbstwertgefühl völlig verunsichert, verlieren sich Stück für Stück, oft auch ihre Arbeit, Partner oder Partnerin.

Ist da jemand, der sie sucht, dass sie sich wiederfinden können? Wollen sie sich wieder finden lassen? Haben Sie Geduld nach der Suche nach sich selbst?

Und wenn ihnen das Geschenk widerfährt, dass sie sich wieder finden. Was ist das dann für eine Freude?

Auch jede Sucht ist ein Verlust seiner selbst. Die Sucht füllt nicht die Lücke, die Leere, die Angst. Das weiß der süchtige Mensch intuitiv und er weiß, dass er sein Leben zerstört und andere damit unglücklich macht, aber er kommt nicht davon los. Die Sucht ist sein einziger Halt, denkt der Süchtige. Diesem Irrglauben ist der Süchtige verfallen. Doch es gibt Wege aus der Sucht.

Und der Verlust der Selbständigkeit? Davor fürchten sich Menschen unserer Breitengrade am meisten. Der Verlust der körperlichen Selbständigkeit und der Verlust der geistigen Fähigkeiten greifen stark in unser Selbstbild ein. Wer bin ich dann noch? Gibt es dann überhaupt noch ein Sich-Wiederfinden?

Sicher in vielen Fällen kein Wiederfinden als sei nichts geschehen. Verlieren und Wiederfinden sind Prozesse. Nichts ist mehr wie vorher und wird wie vorher sein. Der Verlust bleibt immer ein Teil der eigenen Biografie, selbst da, wo der Mensch sich wieder findet, aber die Freude am Leben – und sei es nur ein Lächeln, das erwidert wird – ist wirklich Freude, und wie jede Freude, wie jedes Glück, wie jede Liebe ein Wieder-Gefunden-Werden – und das ist möglich bis zum letzten Atemzug.

Jesus spricht von Gott, als würde Gott und die ganze Welt Gottes unter dem Verlust der Menschen leiden, die er verloren hat. So sehr verloren hat, dass diese Menschen keine Beziehung mehr zu ihm haben. Das Geschöpf ist von seinem Schöpfer getrennt. Da ist eine Beziehungsunfähigkeit, die ein großer Verlust ist für die himmlische Welt. In der Bibel heißt dieser Verlust Sünde. Sünde ist die Entfremdung von Gott. Sünde ist in erster Linie ein relationaler Begriff. Der Sünder, die Sünderin hat keine Beziehung mehr zu Gott. Das ist die Sünde, nicht irgendein moralisches Fehlverhalten.

Jesus sagt, die Freude unter den Engeln ist groß, wenn ein Sünder sich wieder auf Gott ausrichtet, wenn ein Mensch wieder die Beziehung zu Gott lebt – dann ist es, als sei Gott selbst das Geschenk des Wiederfindens widerfahren.

Verlust kann schwer wiegen. Der Gottesverlust, sagt Jesus – so wie ich ihn verstehe – , ist der größte Verlust für den Menschen. Der Mensch lebt in Gottesferne, entfremdet von Gott und entfremdet von sich selbst und den Nächsten, weil jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist.

Wer die Dimension des Göttlichen, der göttlichen Liebe, in seinem Leben wieder entdeckt, wieder findet, den durchflutet eine Freude, die niemand nehmen kann.

Im Grunde genommen war die große Aufgabe des Gottessohnes Jesus den Menschen wieder neues Vertrauen zu Gott zu schenken. Dafür ist Jesus Mensch geworden, das hat ihn sein Leben gekostet, weil Jesus nicht anders konnte als von einem Gott der Liebe zu reden.

Gott hat mit der Auferweckung Jesu dafür gesorgt, dass der Verlust des Lebens aufgehoben wurde ins ewige Leben. Und im Glauben an Christus haben wir heute schon ewiges Leben in uns.

Es gibt ein Wiederfinden, jetzt schon und einmal in Ewigkeit. Und jedes Wiederfinden löst große Freude aus.

Amen

 

Predigt zu Joseph Beuys´ Glaube an die Christuskraft, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Wo ist denn Christus jetzt? Der ist doch irgendwo! Wenn ich sage, er ist überall vorhanden, er ist sogar im Menschen selbst, dann heißt das, er ist da. Die Entwicklung des Christentums ist nur so denkbar, dass dieses ‘Ich werde euch frei machen’ zunächst gar nicht geschieht. Zunächst muss der Mensch erst einmal durchmachen, was Christus selbst durchgemacht hat. Er muss auf der Erde ankommen, das heißt, er muss sich erst einmal an der Materie reiben. Er muss das Todeselement erleben, erleben, dass er in Einsamkeit dasteht und nach seinem Wesen und dem Wesen der Welt fragt.”

 

Die Wahrheit wird euch freimachen, sagt Christus im Johannesevangelium (Joh 8,32). Diese Wahrheit sieht Beuys in der Menschwerdung des Menschen. Der Mensch wird auf die Erde gespuckt. Er ist da. Er hockt auf dem Boden und will sich doch frei erheben, aufrecht gehen auf dieser Erde. Das gelingt aber nur, wenn er sich an der Erde reibt, wenn er seine Erdenexistenz annimmt, seine Sterblichkeit, seine extreme Einsamkeit im Kosmos. Hat ein Mensch diese geistig-seelische und physische Krise, dass er Staub ist und zu Staub wird, durchlebt, fängt er an, wesentlich zu werden und nach „dem Wesen der Welt“ zu fragen. Die Materie ist nicht alles. Diese Erkenntnis, dass es neben der materiellen Welt eine geistige Welt gibt, ist wie eine Neugeburt. Das ist die Geschichte des Christentums. Christus ist da. Christus ist nicht tot. Christus ist im Menschen. Im Menschen, der zu seinem geistigen Wesen durchgedrungen ist.

Der Künstler Joseph Beuys hat eine spirituelle Sicht auf den Menschen und auf die Welt. Sein gesamtes Werk ist eine Kritik an einer rein materialistischen Weltsicht, wie er selbst sagt:

 

Ich sage nur: es [die rein materialistische Weltsicht] ist eine einseitige Methode, ganz schlicht. Wer den Materialismus über alle Probleme der Welt stülpen will, tötet den Menschen ab, weil er eine in Teilbereichen richtige Methodik anwendet auf das Ganze.

 

Ich verstehe meine künstlerische Arbeit als religiöse Aufgabe, als Konfrontation mit dem Verdeckten.

 

Joseph Beuys, 1921 geboren in Kleve und im niederrheinischen Krefeld in einer streng katholischen Familie aufgewachsen, trat aus der Institution der Katholischen Kirche aus, beschäftigte sich aber weiter mit dem Christentum. Sein Lehrer Ewald Mataré an der Kunstakademie in Düsseldorf eröffnete ihm ein eigenständiges Verständnis des Kreuzes Jesu. Zu Anfang hat Beuys noch ganz traditionell den Gekreuzigten und das Kreuz dargestellt. Das hat ihm irgendwann nicht mehr genügt, da ausschließlich eine Leidensgestalt im Mittelpunkt stand. Im Studienjahr 1947/1948 entsteht ein Sonnenkreuz. Das Mysterium des Kreuzes wird darin mit kosmischen Kräften in Beziehung gebracht. Beuys spürte, dass die traditionelle Christusdarstellung den mystischen Christus, der mit seinem Licht den ganzen Kosmos durchdringt, nicht mehr adäquat zur Sprache brachte. Sein Sonnenkreuz aus Bronze nahm seine künstlerische Entwicklung vorweg, sich mit Energien und Kräften auseinanderzusetzen, die unmittelbar auf die Menschen und die Welt einwirken. Dieser Christus ließ sich nicht kirchlich bändigen, sondern setzte künstlerische Kreativität frei.

Bildnachweis: https://www.lempertz.com/de/kataloge/lot/998-1/521-joseph-beuys.html

abgerufen am 29.05.202

Im erwähnten Interview resümiert Beuys:

 

Die alten Glaubenskräfte sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Du musst erst deinen Glauben verlieren, so wie Christus für einen Augenblick seinen Glauben verloren hat, als er am Kreuz war. Das heißt, [du] muss[t] selbst sterben, [du] muss[t] völlig verlassen sein von Gott wie Christus damals in diesem Mysterium verlassen war.

 

Für Beuys ist das Prozesshafte wichtig. Der Prozess führt, wie schon das Kreuz Jesu zeigt, durch das Sterben und die völlige Gottverlassenheit zu einem neuen Leben in der Auferstehung. Vom Boden erheben muss sich der Mensch aber selbst, aus eigener Kraft. Kein Gott und kein Christus helfen ihm dabei.

 

Auferstehen muss der Mensch schon selbst.

 

Wenn der Mensch sein kreatives Potential entdeckt, seine Gefühle wahrnimmt und seiner Intuition vertraut, wird er zur Heilung der Welt beitragen. In diesem Sinn ist jeder Mensch für Beuys ein Künstler. Deshalb gehört auch die Kunst nicht hermetisch abgeriegelt in eine Kunstwelt, sondern mitten in die Gesellschaft. Provokative Kunst irritiert und hat Transformationskraft. Die Transformation der Gesellschaft geht laut Beuys nicht von Parteien oder Institutionen aus, die Teil des Systems sind. Veränderung kann nur von außen durch veränderte Praxis kommen.

Beuys sieht im Leben, in der Gesellschaft, ja, im ganzen Kosmos eine treibende Kraft. Sie nennt er Christuskraft. In der Kirche als Institution ist diese Kraft für ihn nicht mehr lebendig. Parallel zur erstarrten Parteien-Demokratie und parallel zu einem Staat, der zu sehr in die Freiheit der Einzelnen eingreift, gilt es nach Beuys, die Institution Kirche zu überwinden, damit die Christuskraft sich frei entfalten kann. Lapidar stellt Beuys fest:

 

Der Christusimpuls ist innerhalb der Kirche nicht mehr gegenwärtig.

 

 

Aus meiner Sicht legt Joseph Beuys mit solchen Aussagen den Finger in die Wunde Kirche. Natürlich könnte ich mit theologischen Argumenten seine Wahrnehmung abwehren, aber ich glaube, dass es spirituelle Menschen außerhalb der Kirchen gibt, die tiefer und schärfer erkennen, was die Krise der Kirche ist, als sie selbst. Es gibt eine prophetische Kritik an der Institution Kirche, einschließlich der verwalteten Gemeinden vor Ort, auf die wir besonders hören sollten. Beuys ist eine Stimme davon. Hier ist vor einer Auseinandersetzung und kritischem Nachfragen vor allem Demut und Selbstkritik angesagt.

 

Wenn wir Beuys´ Kritik heute hören, fällt mir als erstes der Missbrauchsskandal ein, der die Kirchen seit gut zehn Jahren umtreibt und jede Menge Vertrauen kostet. Wo ist hier in der Kirche Christus zu spüren?

Auch frage ich mich, inwieweit die christlichen Gemeinden und Kirchen überhaupt etwas Grundsätzliches mit Christuskraft anstoßen oder bewegen. Ich habe eher den Eindruck, dass wir den Entwicklungen der Gesellschaft hinterherlaufen, dass wir juristisch alles haarklein umsetzen, was der Gesetzgeber von uns verlangt, anstatt selbst auf positive rechtliche und andere Veränderungen hinzuwirken. Wir sind Kitt in der Gesellschaft, ja, aber anstößig und irritierend wie Christus, war die Kirche seit der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert nicht mehr. Wir sind oft viel zu viel mit uns selbst beschäftigt. Die Selbsterhaltungskräfte der Institution Kirche sind groß. Auch das hat die Pandemie gezeigt. Kirchen konnten sich stumm aus dem öffentlichen Leben verabschieden, fast ihre gesamte Gemeindearbeit einstellen oder digital organisieren. Es passiert nichts. Es läuft einfach weiter. Das Geld für die Religionsbeamten fließt.

Und niemand merkt es. Und niemand nimmt Anstoß daran. Im Gegenteil, Kirche klopft sich auf die Schulter und lobt sich, wie digital sie geworden ist.

Und das Gebet?

Und der Christusglaube?

Und die Christuskraft?

 

Vielleicht würden wir nicht als überflüssig wahrgenommen oder überhaupt wahrgenommen, wenn wir uns wieder stärker auf die Christuskraft besinnen? Damit ist natürlich keine bloße Fixierung auf Christus oder das Wiederholen von dogmatisch richtigen Sätzen gemeint (wie im endlosen Streit um das rechte Verständnis von Abendmahl und Eucharistie), sondern ein inneres Erleben von Christus und seiner Kraft, eine Leidenschaft für das Leben, ein sich dem Geist Christi überlassen und sich von ihm in die Welt senden lassen.

Auf jeden Fall sollten wir Christus größer denken und fühlen, als wir es in der Kirche landläufig tun. Christus kommt uns von außen entgegen, klopft bei uns an, weil er in uns leben will. Auf den inneren Christus weist Beuys besonders hin. Dieser Christus bleibt aber nicht in der subjektiven Innerlichkeit, sondern drängt ins außen, hin zum Reich Gottes.

 

Pfingstansprache 2021 zu Apostelgeschichte 2,42, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 

„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brot brechen und im Gebet.“ Apostelgeschichte 2,42

Liebe Gemeinde,

in den letzten Tagen haben wir deutlich den Wind gespürt, manche Meteorologen sprechen ja schon vom Mai-Monsun.

Die Pfingstgeschichte erzählt von einem mächtigen Brausen: Hier ist es der Geist Gottes. Vom Geist erfasst lassen sich bis zu 3000 Menschen taufen. Das ist die Geburtsstunde der Kirche.

Doch was geschieht danach? Wie hat die noch junge Gemeinde ihr Leben gestaltet?

Das was hier in Jerusalem am Anfang geschah, wurde aufgeschrieben und jede christliche Kirche lebt bis heute den Anfang weiter, hört auf das Wehen des Geistes und fängt immer wieder neu an Kirche zu sein und erkennbar als Kirche zu leben.

In der Lehre der Apostel bleiben

Der Wanderrabbi Jesus von Nazareth hat seinen Jüngerinnen und Jüngern seine Lehre gelehrt. Wir finden diese Lehre in den Evangelien in Form von Spruchsammlungen, Gleichnissen und Erzählungen.

Wo immer Kirche auf dieser Welt ist, werden die Evangelien gelesen, gepredigt und gelebt. Wie immer sich unsere Kirche in unserer Gesellschaft verändert, ja verändern muss, weil immer mehr Menschen bewusst nicht in der Kirche sind, wird eine Rückbesinnung auf die Evangelien und auf Jesus Christus wieder stärker werden. Die Sichtbarkeit von Kirche und den Gläubigen wird in einer pluralen Gesellschaft erkennbarer werden. Ich glaube das. Ich hoffe das. Ich werde auch dafür eintreten, dass bei aller Profilierung die evangelische Freiheit nicht auf der Strecke bleibt. Wir brauchen keine Nischenkirche, sondern Gemeinden, die ihre Öffnung hin zu den Menschen, ihre Weite und ihre Vielstimmigkeit leben und zur Sprache bringen.

Gemeinschaft

Der Glaube will gelebt und im Miteinander erfahrbar sein. Unter Einsamkeit leiden immer mehr Menschen. Ich will mich für ein Gemeindeleben einsetzen, wo unterschiedliche Menschen eine Möglichkeit haben, sich zu begegnen, wo Gruppen sich selbst organisieren und treffen können, um Projekte zu gestalten, um ihr Leben selbständig in die Hand zu nehmen. Ich wünsche mir mehr Beteiligung, weniger Betreuung. Und das auf allen Ebenen.

Einen Schritt darauf zu gehen wir heute. Wir führen Arno Wunderlich in sein Amt als Presbyter ein. Unsere Kirche will strukturell junge Menschen in die Entscheidungen einer Gemeinde mit einbinden. Deshalb können Gemeinden in ihre Leitungsgremien junge Menschen nachberufen. Das ist ein guter und richtiger Weg. Mehr Beteiligung heißt auch mehr Leitungsbeteiligung. Das wird unsere Kirche gut tun.

Im Brot brechen

Damit ist in erster Linie die Fürsorge für die Armen gemeint. Von Anfang an war christliche Gemeinde diakonische Gemeinde. Das Achthaben, dass alle das, was sie zum Leben brauchen, haben, ist gelebte Gemeinde. Gemeinde wird auch in Zukunft daran erkennbar sein, dass sie für andere da ist – ganz materiell: Kleidung, Nahrung, Herberge.

Im Brotbrechen teilt sich Christus uns heute mit. In Wein und Brot wird Christus geschmeckt, aufgenommen und gelebt. Das Mahl ist Kommunikation mit Gott und allen Geschöpfen. Hier wird der Glaube erneuert, Vergebung zugesprochen, Neuanfang möglich.

Gebet

Gemeinde ist, wo gemeinschaftlich gebetet wird. Im Gebet beteiligen wir Gott an unserem Leben, ziehen Gott in die Welt hinein. Das ist unsere Aufgabe und unser stellvertretender Dienst für die Welt. Es kommt dabei nicht auf die Menge der Beterinnen und Beter an. Es kommt darauf an, dass gebetet wird. Wobei das Beten und das Tun des Gerechten zusammen gehören (Bonhoeffer). Da schließt sich wieder der Kreis, angefangen von der Lehre Jesu über die Gemeinde als Gemeinschaft derer, die sich beteiligen, und dem Brot brechen, dem Teilen und der Teilhabe an Gott.

Liebe Pfingstgemeinde,

diese vier Säulen machen eine geistbewegte Gemeinde aus. Ich freue mich, dass Gott seinen Geist immer wieder neu über uns ausgießt – lasst uns miteinander Lydia-Gemeinde in Herzogenrath in weltweiter ökumenischer Verbundenheit als Schwestern und Brüder in der Nachfolge Jesu leben. Amen.

 

Sich Gott überlassen, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

                                                              

Predigt zur Taufe eines Konfirmanden, Sonntag Rogate 2021  

 

„Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.“ 1. Petrus 5,7 (Luther 2017, Taufspruch)

Liebe Gemeinde,

Kennen Sie den Finnen Ere Karjalainen?

Nein, den Namen noch nie gehört? Ich auch nicht, bevor ich nicht eine kleine Recherche gemacht habe. Der damals 18-jährige Finne hält einen bislang ungebrochenen Weltrekord. Raten Sie mal in welcher Disziplin…

Im Handy-Weitwurf. 2012 holte er sich mit einem legendären Wurf über 101,46 Meter den Weltmeistertitel im Handy-Weitwurf. In Finnland ist das ein bekanntes Event, das jährlich ausgetragen wird. Menschen aus aller Welt nehmen an den Weltmeisterschaften teil. Nokia ist ja ein bekanntes finnisches Produkt – jedenfalls vor deiner Geburt hatte fast jeder ein Nokia-Handy – und diese Knochen lassen sich gut werfen. Nach einer Weltmeisterschaft werden dann alle Handys ordentlich recycelt.

Der Mensch hat schon immer gerne alle möglichen Gegenstände geworfen: weit geworfen, von sich weggeworfen und sich mit anderen darin gemessen.

Und so manches Handy wird auch heute aus Enttäuschung und Wut weggeworfen, aufs Bett geschleudert oder weit ins Wasser befördert.

Ein Freund erzählte mir, dass er sich wunderte, dass seine Geliebte nicht mehr auf seine Anrufe und Nachrichten reagierte, bis er von anderer Seite erfuhr, dass sie das Handy mit all den gespeicherten Liebes-Chat-Nachrichten einfach in einen See geworfen hatte. Das war der Anfang vom Ende einer leidenschaftlichen Beziehung.

Was tun wir nicht alles um den Kopf frei zu bekommen? Viele rennen sich die Seele aus dem Leib, umarmen Bäume im Wald, verbinden sich mit kosmischen Energien, fragen Engel um Rat, pendeln, legen Karten, lesen einen Ratgeber nach dem anderen, sprechen mit ihren Freundinnen und Freunden. Innere Unruhe ist echt eine Plage, und sie lässt sich nicht auf Knopfdruck stillen.

Was also machen, wenn sich die Sorgen wie ein hohes Gebirge vor einem auftürmen und nicht nur die freie Sicht versperren, sondern das Lebensgefühl niederdrücken? Die Schwere hängt einem wie ein fetter Mühlstein am Hals, auf der Brust liegt ein Felsbrocken, der Atem wird flach, das Gedankenkarussell der Sorgen dreht sich unaufhörlich.

Das Fatale ist, dass wir Menschen dazu neigen mit immer den gleichen Strategien gegen Sorgen und Ängste anzukämpfen. Wenn die Aufgaben uns beschweren und niederdrücken, müssen wir halt noch effektiver werden und schneller arbeiten, mehr lernen für die nächste Klassenarbeit, unsere Zeit besser einteilen. Wenn die Kilos nicht purzeln wollen, müssen wir halt die richtige Diät suchen und uns am Riemen reißen.

Heute ist das Schlagwort Resilienz in aller Munde. Resilienz fragt danach, wie wir widerstandsfähiger werden in Krisen. Wieso verkraften einige Menschen Krisen besser als andere? Was können wir daraus für uns lernen? Resilienz können wir trainieren, heißt es, und viele Firmen schicken ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Resilienz-Trainings-Kurse. Mit was für einem Ziel nur? Natürlich um das ganze Potential der Angestellten auszunutzen…

Wir sollen funktionieren. Dann sind wir gut für die Gesellschaft. Kein Wunder, dass die psychischen Belastungen für den Einzelnen steigen, wenn der Erwartungsdruck ins Unermessliche steigt.

Heute werden vielfach Kinder und Jugendliche in Talkshows gelobt, wie still sie gehalten haben in der Pandemie und sich klaglos in die Maßnahmen geschickt haben. Oder waren die Erwartungen der Erwachsenen und der Druck schuld zu sein, wenn ein anderes Familienmitglied erkrankt, so nachhaltig und groß, dass ihnen nichts anderes übrigblieb als zu funktionieren?

Nicht nur wir Erwachsenen haben Sorgen, Kinder und Jugendliche auch. Leider fallen sie schnell aus dem Raster unserer Wahrnehmung. Ich befürchte, wir haben unseren Kindern und Jugendlichen zu viel zugemutet und ihre lebenswichtigen Bedürfnisse nicht genug berücksichtigt.

Was ist wichtig bei Ängsten und Sorgen? Erst einmal, dass wir sie wahrnehmen. Natürlich merken wir den Druck und die Schwere, aber lassen wir die Gefühle wirklich zu? Sind wir nicht Weltmeister darin, unsere Gefühle zu verbergen, sie zu übergehen, sie zu überspielen? Es hilft doch auch nichts, traurig oder die ganze Zeit ängstlich zu sein. Dann will doch auf kurz oder lang niemand mehr etwas mit uns zu tun haben. Immer noch ist die Scham groß über seine wirklichen und wahren Gefühle zu sprechen. Die Scham ist so groß, dass wir Gefühle gar nicht richtig wahrnehmen, dass wir sie abspalten von uns. Sie dürfen einfach nicht zu uns gehören, da sie nicht zu unserem Selbstbild passen.

Die Verdrängung der Gefühle funktioniert so lange gut, bis Sorgen und Ängste überhandnehmen und uns schach-matt setzen. Die Sorgen und Ängste jetzt einfach wegzuwerfen wie einen Stein, das wäre doch was?

Ist denn, wenn alles nichts hilft, weder Sport, noch Therapie, noch Medikamente, der Glaube nicht eine Chance, Sorgen und Ängste los zu werden?

Nein, er ist es nicht. Immer dann nicht, wenn wir meinen, der Glaube ist dazu da, dass wir besser funktionieren.

Ja, er ist es, wenn ich mich ganz Gott überlasse. Das ist dann aber keine Leistung, wie eine Diät, die ich rigoros einhalte oder wie ein Lernprogramm, das mich fit für die digitale Welt macht.

Es ist ein Vertrauen auf Gott. Ein Sich-Gott-Überlassen. In diesem Sinn heißt es im 1.Petrusbrief: Überlasse dich ganz Gott. Alles, was dich betrifft, weiß Gott sowieso schon. Ihm ist nichts fremd. Keine Scham. Keine Angst. Kein Zweifel. Keine Wut. Keine Sehnsucht. Keine Sorge.

In diesem Sinn empfiehlt uns die biblische Weisheit: Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.

Vertrauen hilft. Und die Gewissheit: Gott sorgt für mich. Das heißt nicht, dass ich die Hände in den Schoß lege und nichts aktiv tue. Nein, Glaube als Ausdruck von höchster Passivität führt mich gerade in die aktive Auseinandersetzung mit Problemen, Konflikten, Sorgen und Ängsten. Der Glaube ist hier auch nicht ein Sonderbereich, der hinzukommt: Zum Sport, zum Gespräch, zur Therapie, zu den Medikamenten, sondern er ist in allem. In allem sind wir rückgebunden an Gott. Mein Glaube ist dann der persönliche Ausdruck der Beziehung zu Gott – und auf Gott darf ich alles werfen, wirklich alles. Das macht das Leben nicht automatisch einfacher, aber lebendiger und tiefer.

Amen