Museum am Dom, Würzburg, Bericht von Joachim Leberecht

Besuch des MAD

Anfang des neuen Jahres 2026 habe ich das MAD, das Museum am Dom in Würzburg, besucht. Es war nicht mein erster Besuch des noch jungen Diözesanmuseums (2003). MAD hat sich zum Ziel gesetzt alte und neue Kunst miteinander ins Gespräch zu bringen. Um einen Rundgang durch die Ausstellung für die Besucher*innen interessant zu machen, wurde das Büro bungalow beauftragt Konzept und Design für einen Ausstellungsrundgang zu entwickeln. Das Ergebnis hat mich überzeugt. Zu den Themenfeldern Zeitreisende*r, Philosoph*in, Kunsthistoriker*in und Handwerker*in wurden zweisprachige (deutsch/englisch) Guides aufgelegt. Die einzelnen thematischen Begleithefte bieten neben einer Gesamtübersicht der Ausstellung in ansprechendem Design Informationen zum Kunstwerk, zur Biographie des/der Künstler*in und im Fall der PHILOSOPH*IN, meiner Wahl, existentielle Fragestellungen zum Weiterdenken. Im besten Fall kommt es zu Vertiefung und zu einer interessanten wechselseitigen Wahrnehmung von religiösen und philosophischen Fragestellungen. Ich habe selten eine kirchliche Ausstellung erlebt, der es kunstpädagogisch gelingt, das moderne Lebensgefühl zu versprachlichen und damit eine existentielle Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk anzuregen. Dabei wird das Kunstwerk nicht theologisch verzweckt, sondern es spricht für sich selbst. Diese Freiheit der Kunst im religiösen Kontext ist bei MAD das leitende Konzept. Nichts ist hier bieder oder verstaubt, nichts verengt, sondern auf Weite hin ausgestellt.

Anhand von vier der zehn Exponate, die das Begleitheft Philosoph*in näher in den Blick nimmt, will ich einen Eindruck vermitteln.

Bild 1 Begleitheft Philosoph*in

Girl with a Knife 2006 (Nina Sten-Knudsen)

Den Gegensatz von Ferne und Nähe, Weite und Isolation beschreibt das monumentale Gemälde Girl with a Knife der dänischen Künstlerin Nina Sten-Knudsen. Im Vordergrund der sich scheinbar ins Unendliche weitenden Landschaft malt die Künstlerin eine Frau, deren verweilender Blick auf ein (scharfes?) Messer in ihrer offenen Handfläche fällt. Neben der Beschreibung des Bildes stellt die Philosph*in folgende Fragen: „Was geht da in ihr vor? Warum enthält die ansonsten ruhige Darstellung plötzlich diesen Aspekt einer Gefahr? Ist diese real oder nur vorgetäuscht?… Ist das Messer als Symbol für die innere Verfasstheit der Figur zu deuten? Wie aus dem Nichts entsteht eine magische Atmosphäre, wird der Bildraum zum Lebensraum, zu einem Raum offen für Deutungen.“ (Seite 6)

Bild 2 Begleitheft Philosoph*in

Abziehendes Gewitter 1987 (Wolfgang Mattheuer)

Wer heute ein Zeichen setzen will gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, greift zum Symbol des Regenbogens. Der Regenbogen mit seinen bunten leuchtenden Farben öffnet Zukunft. Er steht einem: „Sollen wir immer alles schwarz sehen?“ (Seite 9) entgegen. Das Dunkle wird nicht geleugnet. Es ist mit im Blick, aber es verzieht sich. Die dunkle schwarze Farbmasse „wandelt sich plötzlich auf der rechten Seite zu einer lebensspendenden Erscheinung zarter, rosafarbener Blüten. Frisches hoffnungsvolles Grün durchbricht die trostlose Dunkelheit. Altes und Neues stehen sich gegenüber.“ (Seite 8)

Bild 7 Begleitheft Philosoph*in

Cast Iron Cross Egg 2002 (David Nash Esher)

„Das Kreuz, welches sich öfters in seinen Werken finden lässt, nur als religiöses Werk zu verstehen, wäre zu kurz gedacht. Vielmehr sind es für ihn zwei Linien, die einen Punkt ergeben, oder vier, die von einem Zentrum ausgehen. Gleichzeitig markiert man mit einem Kreuz auch ein Verortetsein auf einer Karte, kreuzt etwas an oder addiert bzw. multipliziert mit dem Zeichen.“ (Seite 18)

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Tod oder Leben? Was sind die Pole unseres Lebens? Werden und Vergehen? Gesetz und Autonomie?

Bild 8 Marienkrönung

 

Marienkrönung um 1510 (Tilmann Riemenschneider)

Theologischer Ausgangspunkt ist die Fragestellung, ob die Auferstehung auch für die sterblichen Gläubigen gilt. Das wird in der katholischen Glaubenslehre in der Dogmenentwicklung/Inszenierung von Maria eindeutig bejaht. In unserer Holzfigurengruppe wird Maria von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, (beide gleichaussehend!) bekrönt und damit „in die göttliche Familie einbezogen und hat [leiblich] Teil am ewigen Leben.“ (Seite 20)

Interessant zur figürlichen Darstellung von Gott, dem Vater, trotz des Bilderverbots, sind geschichtliche Anmerkungen im Begleitheft: Durch Bibelauslegung „taucht Gott als Alter an Tagen (Dan 7,9) und damit in der uns bekannten Weise als älterer Mann mit Bart seit dem 12./13. Jahrhundert auf. Doch konnten Künstler bis ins 14. Jahrhundert vereinzelt noch dafür bestraft werden. Im späten Mittelalter wurde Maria im Volksglauben bisweilen sogar als vierte göttliche Person dargestellt.“ (Seite 21)

Joachim Leberecht

Kritik im Rahmen der Kommunikation, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu:

Andreas Blessing, Philipp Barth: Kritisches Denken einfach erklärt, Edition Transkript, Transkript Verlag Bielefeld 2025, Paperback 120 Seiten, ISBN: 9 78-3 8376-7 435 – 4 (Print), Preis: 20,00 €

Die Forderung nach Kritik ist in unterschiedlichen Weltanschaulichen oder kommunikativen Situationen verschieden. Heute ist es das Internet oder besser gesagt die Informationsvermittlung der sozialen Netzwerke, die nach einer neuen und ausgeprägten Fähigkeit zu kritischem Denken verlangt. Dabei ist die Fähigkeit zur Kritik in der Gesellschaft gar nicht gut ausgebildet, weil alle wahrscheinlich versuchen einen Mittelweg zwischen Misstrauen und Vertrauen zu gehen.

Für mich als etwas älterem Zeitgenossen, kommt dabei der Umgang mit Kritik in den Sinn, der nach gesellschaftlicher Mitwirkung verlangt und der manchen gesellschaftlichen Institutionen unterstellt, Kritik nicht zu wünschen oder abzuwiegeln. Die Gegenbewegung dazu hat sich immer auf die Philosophie in der Nachfolgte Kants, Nietzsches und Marx berufen. Doch hiervon hat sich der Begriff des „kritischen Denkens“ in der Nachfolge entfernt.

Der Begriff kritisches Denken wird hier pragmatisch gebraucht und gehört eher in die Wissenschaftstheorie und die praktische Anwendung. In diesem Buch sind ein naturwissenschaftlicher und psychologischer Ansatz kombiniert. Andreas Blessing, geboren 1977, ist promovierter Psychologe, arbeitet in der Schweiz und lebt in Konstanz. Er veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten z. B. über Demenz und über Wissenschaftskommunikation. Philipp Barth geboren 1981, ist diplomierter Physiker, promovierter Biologe und lehrt an der ETH Zürich über „kritisches Denken als Kompetenz“.

Positiv gesagt wird kritisches Denken durch eine Aufzählung von Kriterien definiert. Denken unterliegt immer auch einer Flexibilität: „Wer denkt, kann seine Meinung ändern.“ (Seite 11) Dieses setzt demnach also die Bereitschaft zur Selbstkritik voraus; kritisches Denken verlangt die Begründung einer Aussage. Kritisches Denken gehört zur Kommunikationskompetenz, die eigentlich alle erreichen möchte. Doch nach dem Motto „grau lieber Freund ist alle Theorie“ zeigen sich die Hauptprobleme in der Anwendung kritischer Kommunikation im Alltag. Die positiven und kritischen Voraussetzungen guter Kommunikation werden in diesem Buch behandelt.

Das Buch teilt den Diskurs in 30 kleine Kapitel ein, die jeweils einen einzigen Gesichtspunkt der denkerischen Aktivität behandeln. Wissenschaftstheoretische im Allgemeinen oder philosophiegeschichtliche Diskurse spielen keine Rolle. Kritik ist also hier kleine weltanschauliche Idee, sondern die Pragmatik des Denkens überhaupt.

2 Beispiele: „Das logisch gültige Argument ist das Fundament der Rationalität.“ (Seite 19) Beispielsätze zeigen, dass Beobachtungen, inhaltliche Voraussetzungen und logische Schlüsse zueinander passen müssen. Die Frage von Weltbildern scheint einen subjektiven Aspekt zu zeigen. „Fest steht auch, dass wir von selbst bewusst entscheiden, und selbst dann unbewusste Prozesse eine entscheidende Rolle spielen“ (Seite 27).

Ein anderes Beispiel ist das, worin unsere Voraussetzungen und unsere Erfahrungen übereinstimmen. „Unsere Wahrnehmung wählt das aus, was die Verarbeitung von Informationen vereinfacht. Und das ist das, was mit unserer Weltanschauung übereinstimmt.  (Seite 31).

Diese Anfangszitate machen hoffentlich neugierig auf eine Mischung wissenschaftlicher Beobachtungen und Schlüsse, kombiniert mit Alltagsbeispielen und einfachen Anwendungen kritischen Denkens. Das Buch sollte nicht im Alltag der Universität vorbehalten bleiben.

Der Umgang mit Kommunikation braucht tatsächlich eine allgemeine Kompetenz an kritischem Denken. Aber sind wir dieser Notwendigkeit überhaupt gewachsen? Es ist zu wünschen, dass dies nicht nur an Universitäten, sondern auch in allen Schulformen gesehen und praktiziert wird.