Ganzheitliche Theologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

Zu:

Richard Rohr: Alles trägt den einen Namen, Die Wiederentdeckung des universellen Christus, aus dem Englischen von Andreas Ebert, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, gebunden, 318 Seiten, Preis: 24,00 Euro

Richard Rohr (geb. 1943) ist Theologe eines franziskanischen Ordens, der für seine ganzheitliche Sicht bekannt ist.

Der anschauliche Impuls Rohrs zu Beginn des Buches ist die Vision einer Frau in der Londoner U-Bahn. Diese Frau heißt Caryll Hauslanders und hat die Vision, dass ihr in jedem Menschen Christus begegnet. „Christus ist überall“. In ihm hat jede Art von Leben Sinn und steht mit allen anderen Lebensformen in einer festen Verbindung.“ (S. 16).

Das Buch versteht sich als religiöse Entdeckungsreise dieser Vergegenwärtigung Christi in allen Lebensformen.

Die Kapitel des Buches stellen hierdurch eine Art Theologie dar, die diese Gegenwart Gottes (in Christus) in der Welt aufzeichnet. Manchmal fragt man sich beim Lesen, ob manche Aspekte nicht einfach eine moderne Form von katholischer Theologie sind.

Die Wege zu dieser Spiritualität, die Richard Rohr aufzeichnet, sind Wege, die aus den konfessionellen Streitereien herausführen, einfach weil der Glaube als eine Art von Leben in der Welt dargestellt wird.

Ich gebe statt einer ausführlichen Inhaltsangabe ein kleines Beispiel, das, wie ich finde, ein wenig zum Schmunzeln ist:

Die Widmung hat mich schon gewundert. Richard Rohr widmet das Buch seinem kürzlich verstorbenen Labrador, der Hündin Venus, die über fünfzehn Jahre alt wurde.

Die Gegenwart der Hündin hat, so schreibt er später, eine spirituelle Dimension.

Was das bedeutet, wird schlagartig deutlich, wenn man den Abschnitt über das Abendmahl liest. Warum glaubt die katholische Gemeinde an die Präsenz Christi in der Oblate, was heißt hier Realpräsenz Christi?

Nach Richard Rohr muss diese Aussage nicht nur von Christus, sondern auch vom Menschen her verstanden werden. Hierdurch steht in seiner Theologie die Anthropologie immer in einer Korrespondenz dazu. In diesem Zusammenhang ist von der Hündin Venus die Rede. Sie ist ein Symbol für diese Präsenz, was ich im Folgenden erläutern möchte.

Ich fasse den entsprechenden Abschnitt kurz zusammen: Denken wir einmal an einen Hund oder eine Hündin. Ihr rudelorientiertes Verhalten macht Hunde zu einem Symbol der Präsenz. Und so ist es selbstverständlich, dass Richard Rohr über seine Hündin schreibt, die mit ihm in der Nacht zu einem Krankenbesuch aufbricht. Ein kurzes Zitat soll dies dann weiter verdeutlichen: „Sie stand für mich Modell, wie ich vor Gott da sein könnte, und wie wohl Gott mir gegenüber da sein muss: „… wie die Hände einer Dienerin auf die Hand ihrer Herrin gerichtet ist.“ (Psalm 152,2). Die Augen meiner Venus waren stets auf mich gerichtet.“ (S. 168)

Dieses Beispiel klingt für Menschen, die nicht mit Hunden zusammenleben etwas skurril, aber ich finde es treffend. So verspricht es ja auch Gott dem Mose: „Ich werde da sein.“ Und bezeichnet dies als seinen Namen. Als Christinnen und Christen ist dieses Gottesbild zugleich unser Vorbild, und es ist unser Wunsch für Gott und andere da zu sein. (d. Rez.)

Andacht zum Sonntag Jubilate, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

„Jauchzt Gott alle Lande! Lobsingt zur Ehre SEINES Namens! Rühmt IHN herrlich!“

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das biblische Votum, das dem heutigen Sonntag seinen Namen gibt. Jauchzt. Jubelt. Lobsingt Gott, und ehrt IHN, „der alles so herrlich regieret“.

Ewiger Gott, vielen von uns bleibt in diesen Tagen außerordentlicher Herausforderungen das Lob vollkommen im Hals stecken.

Dort, wo DU Gemeinschaft gewollt hast, sind wir – auch mitten in der Gemeinschaft – auf uns selbst gestellt.

Dort, wo wir auf Nähe und Wärme hoffen, müssen wir kalte Distanz erfahren. Von oben verordnet.

Sterbende werden allein gelassen. Und Schwerstkranke warten vergeblich auf die Nähe vertrauter Menschen.

EWIGER, das Jubeln bleibt uns im Hals stecken.

Wir dürfen einander nicht mehr ins Gesicht schauen. Erkennst DU auch, dass wir dadurch auch DICH nicht mehr so erkennen können und dürfen, so wie DU wirklich bist, so, wie DU uns begegnen willst: in unserem Nächsten.

So wie sie, unsere Nächsten bist DU für viele von uns fremd und fern geworden. Wir verstehen nicht. Aber wir wollen an DIR festhalten.

Wir wollen einstimmen in den Lobgesang, der DIR zu Ehren von alters her erklingt. Weil Menschen sich zu allen Zeiten daran erinnern: DU führst durchs finstere Tal und deckst uns den Tisch im Angesicht unserer Feinde. DU salbst unser Haupt. Und lädst uns zum Leben ein. DU schenkst uns voll ein. Schon mitten im Untergang. Und lädst uns damit zur Feier des Lebens schon JETZT ein. Darum bekennen wir mit dem Beter aus alter Zeit, gegen alle Zeitströmungen dieser Zeit schon jetzt:

„Jauchzet Gott, alle Lande! / 2 Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich! 3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht. 4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir, lobsinge deinem Namen. Sela. 5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. 6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, / sie gingen zu Fuß durch den Strom; dort wollen wir uns seiner freuen. 7 Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, / seine Augen schauen auf die Völker. Die Abtrünnigen können sich nicht erheben. 8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, 9 der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“ (aus Ps.66)

Bewahrt und gehalten. Im Leben. Im Sterben. Im Gelingen. Und in der Krise.

Darum: „Ehre sei GOTT in der Höhe und auf Erden Fried den Menschen ein Wohlgefallen.

Allein Gott in der Höh´ sei Ehr
Und Dank für seine Gnade,
Darum daß nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Schade.
Ein Wohlgefalln Gott an uns hat;
Nun ist groß Fried ohn Unterlaß,
All Fehd hat nun ein Ende.“

Es ist das Vertrauen auf Gottes Wirken, das uns in unserem Leben die Kraft verleiht, weiterzugehen,

auch, wenn das Tal dunkel wird.

Es ist das Vertrauen auf Gottes Wirken, das uns daran festhalten lässt, dass ER das Werk SEINER Hände dem Verfall nicht preisgeben wird.

Es ist das Vertrauen auf Gott, das uns darin sicher macht, dass ER uns Hilfe und Rettung schicken wird.

Zur rechten Zeit. Es ist das Vertrauen in Gott, dass uns dadurch fähig macht, weiterhin einzutreten für die Schöpfung, die ER uns anvertraut hat. Amen.

Wenn Sie mögen, singen Sie mit. Vielleicht unterstützt von einer Datei auf Youtube o.ä.: Gott gab uns Atem, damit wir leben…

Link: https://www.youtube.com/watch?v=ThOZayivG-k

Gnade sei mit uns. Und Friede. Von GOTT unserem Vater. Und unserem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Lesenden in nah und fern!                  Dieser Sonntag „Jubilate“ neigt sich schon dem Ende zu, während ich diese Zeilen schreibe. Es war ein vergleichsweise „stiller“ Sonntag für mich. Noch immer kein gemeinsamer Gottesdienst. Kein Orgelspiel. Kein gemeinsamer Gesang. Ja, noch nicht einmal ein ganz zartes selbst angestimmtes Lied.  Selbst das statthabende Glockengeläut von 9:30h bis 9:45h heute Morgen habe ich irgendwie nicht mitbekommen.

Stattdessen Stille soweit das möglich war und ist. Beim Aufwachen mein Blick aus dem Fenster. Hinein in den Himmel. Zuerst eine geschlossene Wolkendecke. Noch einmal umdrehen. Wieder ein Blick in den Himmel. Viel, viel Blau. Aber wieder zunehmende Wolken. Da ist ein kleines blaues „Loch“ von Wolken umgeben. Mein Blick heftet sich an ihm fest. Um mich herum Ruhe und Stille. Und es dauert. Und dauert. Um zu erkennen, wie das Blau des Himmels langsam von sich verändernden Wolken bedeckt wird. Aber: Nicht weit davon tut sich dafür der Himmel auf und zeigt sein Leben einladendes Blau. „Jauchzt Gott alle Lande! Lobsingt zur Ehre SEINES Namens! Rühmt IHN herrlich!“ Auch – und manchmal vielleicht gerade – in der Stille!

Diese Stille. Ich nehme sie mit hinein in das Nachdenken über den eigentlichen Predigttext dieses Sonntags. (Johannes 15, 1 – 8) Der Weinstock und die Reben. Wie oft habe ich mich schon an ihm abgemüht. Mich gegen dieses „entweder – oder“ gestellt und gewehrt. Nein, es ging mir dabei nicht um ein „sowohl – als auch“.

Aber durchaus darum, dass ich es nicht glauben kann und will, dass DER, DER für alle das Leben erkämpft hat, einen verloren gibt. Egal, wie dieser zu IHM steht. Zu sicher bin ich, dass das letzte Wort DESSEN, DER durch den Tod ins Leben gegangen ist, für jeden von uns ein Wort der Gnade ist. „Wahrlich, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Kurz danach Stille. Und dennoch unendlicher Jubel. Jubel aber, den wir eben nur in der Stille hören können. Diese Stille. Ich nehme sie mit hinein in die Erinnerungen an zwei Hochzeiten, bei denen sich das Brautpaar genau diesen Text als das Evangelium ausgesucht hatte, das sie nicht nur durch diesen Tag, sondern auf den zukünftigen gemeinsamen Wegen ihres Lebens begleiten sollte. Der Weinstock und die Reben. Meine Bilder dazu. Weinpflanze. Sie gedeiht eigentlich nur, wenn man sie paarig anlegt. Sie hegt und pflegt. Ja, und auch immer wieder einmal beschneidet und zur rechten Zeit aberntet. Sicherlich braucht es auch den richtigen Boden und die entsprechende Umgebung, um irgendwann ausreichend gehaltvolle Weine abfüllen zu können. Der alte Schlossberg in Arnsberg, wo ich zuletzt junge Weinpflanzen gesehen habe reicht dafür möglicherweise doch nicht aus. Selbst wenn dort vor allem resistente Rebsorten angepflanzt werden. –-

Wie lange mag es dauern, bis wir gegen manches, was uns im Leben als Herausforderung begegnet, derart resistent werden, dass wir es nicht verachtend beiseiteschieben, uns aber auch nicht von ihm in unserem Dasein und Sosein so beeinflussen lassen, dass unser je eigenes Leben Gefahr läuft, nicht mehr wirklich gelebt werden zu können?! Denn ja! Wir sind eingeladen zum Leben. Zur Feier des Lebens. Denn: „Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, 9 der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“ Mitten in jeglicher Untergangsstimmung ist uns Lebenssicherheit verheißen. Und dort, wo kein Lobgesang angezeigt zu sein scheint, stimmt die Stille ihren ganz eigenen Lobgesang an.

Stille. In unterschiedlichen Facetten. Manchmal unterbrochen. Schon vor den ersten Unterbrechungen heute Morgen nehme ich ein Buch mit hinein, das mich durch diesen ganzen Tag begleitet. Margot Käßmann: „SEHNSUCHT nach Leben“. Wie viele der hier beschriebenen Gedanken und dargestellten Bilder wecken ganz eigene Gefühle in mir. Gestern, als ich zum ersten Mal in dieses Buch hineingelesen habe, bin ich auf der ersten Seite das erste Mal ins Stocken geraten. Als ich las: „Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben“.  (1)

Ja! Ich will an eine Zukunft glauben, der ich frei entgegen gehe. Ohne aber die Wurzeln vergessen zu haben, die mich halten und tragen. Denn ohne sie bin ich wie ein Blatt im Wind. Schon im Flug dem Verfall anheimgestellt.  Und dann kommt jenes Kapitel, von dem ich denke, das kannst Du schnell überlesen. SEHNSUCHT nach Freiheit. Habe ich nicht alle Freiheit der Welt? Und dann auf einmal: In und aus wie vielen auferlegten und selbstgeschaffenen Verliesen heraus erschaffe und gestalte ich eigentlich mein Leben? Ordne mich unter. Schweige, wo ich reden könnte und sollte. Lasse mich bestimmen, fremdbestimmen, wo ich gerne einen ganz anderen Weg gehen würde. Schweige. Aus Angst. Aus Bequemlichkeit. Aus Scham. Dabei bin ich doch eigentlich vom Grund auf berufen zu der Freiheit, „selbständig zu denken, mich nicht durch vorgegebene Regeln und Normen anderer begrenzen zu lassen und die Freiheit, Neues zu wagen.“(1)

Ja, ich darf meine Füße in einen neuen, unbekannten, weiten Raum zu setzen. In der berechtigten Hoffnung, die Wege auch dort nicht allein gehen zu müssen. Sondern immer wieder einen Hinweis zu finden, der mich auf den Weg zum Ziel hinführt. Selbst wenn ich mich einmal schwer verlaufen habe. Denn: „Wer an Gott glaubt, darf das eigene Leben leben, ohne sich von Vorgaben, Ideologien, Maßstäben, Gesetzlichkeiten anderer bevormunden zu lassen.“ Denn: „Wir sind zuallererst frei, weil Gott uns liebt.“ (1)

In meiner Stille dieses Sonntags, der zu lautem Jubel und Lobgesang einlädt, blicke ich wiederholt auf die Bilder, die das Kapitel „Sehnsucht nach Freiheit“ einrahmen. Eine ganze Seite dunkles Blau. Am Anfang ein schmaler Spalt, durch den das helle Licht der Sonne, eines – wie auch immer gearteten Lichtes – hereinstrahlt. Ein Spalt, der sich nach und nach Bahn bricht. Dessen Licht im Wesentlichen den Raum erfüllt. Ohne ihm seine Grundfarbe, sein Grundbefinden zu berauben. Auch wenn er es verändert. Die Farben erinnern mich an die Patena. Die Mutter Gottes in ihrem blauen Mantel. Und den gekreuzigten Sohn, meinen Heiland, den sie nach seinem Tod in den Händen hält. Stille. Trauer. Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem HERRN. Amen.

 

Es müssen, Herr, sich freuen von ganzer Seel und jauchzen hell, die unaufhörlich schreien: »Gelobt sei der Gott Israel‘!« Sein Name sei gepriesen, der große Wunder tut und der auch mir erwiesen das, was mir nütz und gut. Nun, dies ist meine Freude, zu hangen fest an dir, dass nichts von dir mich scheide, solang ich lebe hier.

Herr, du hast deinen Namen sehr herrlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Du hast mir Gnad erzeiget; nun, wie vergelt ich’s dir? Ach bleibe mir geneiget, so will ich für und für den Kelch des Heils erheben und preisen weit und breit dich hier, mein Gott, im Leben und dort in Ewigkeit.

Lasst uns alles, was uns bewegt zusammenfassen in den Worten, mit denen schon unser HERR gebetet, die ER uns überliefert hat, in denen alle unsere Bedürfnisse aufgehoben und ausgesprochen sind und die uns verbinden mit unzähligen Menschen auf der ganzen Welt:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

1) Wer unterm Schutz des Höchsten steht, im Schatten des Allmächtgen geht,
wer auf die Hand des Vaters schaut, sich seiner Obhut anvertraut,
der spricht zum Herrn voll Zuversicht: Du meine Hoffnung und mein Licht,
mein Hort, mein lieber Herr und Gott, dem ich will trauen in der Not.

2) Er weiß, dass Gottes Hand ihn hält, wo immer ihn Gefahr umstellt;
kein Unheil, das im Finstern schleicht, kein nächtlich Grauen ihn erreicht.
Denn seinen Engeln Gott befahl, zu hüten seine Wege all,
dass nicht sein Fuß an einen Stein anstoße und verletzt mög sein.

3) Denn dies hat Gott uns zugesagt: Wer an mich glaubt, sei unverzagt,
weil jeder meinen Schutz erfährt; und wer mich anruft, wird erhört.
Ich will mich zeigen als sei Gott, ich bin ihm nah in jeder Not;
des Lebens Fülle ist sein Teil, und schauen wird er einst mein Heil.

Der Herr segne Dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden. Amen.

Anmerkung:

Margot Käßmann (Autorin): Sehnsucht nach Leben, Mit Bildern von Eberhard Münch. adeo, 2. Auflage 2015, Klappenbroschur, 176 Seiten, Preis: antiquarisch

 

Raum und Gesellschaft, Rezension von Felix Hemmers, Wesel 2020

Zu:

Rainer W. Ernst: Räumliche Ressourcen – Architektur im Prozess gesellschaftlicher Verantwortung, Transcript Verlag, Bielefeld 2018, 178 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4331-2, Preis: 29,99 Euro

Link: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4331-2/raeumliche-ressourcen/?number=978-3-8376-4331-2

Das Buch „Räumliche Ressourcen – Architektur im Prozess gesellschaftlicher Verantwortung“ beschreibt die raumtheoretischen Gedanken des Autors anhand seiner eigenen professionellen Entwicklung. Es ist eine Mischung aus Autobiografie, Architekturtheorie – und Philosophie sowie einer Ansammlung kreativer literarischer Werke. „Raum und Gesellschaft, Rezension von Felix Hemmers, Wesel 2020“ weiterlesen

Preisen und Loben, Andacht von Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Mittwochsgedanken in der 3. Woche nach Ostern (29.04.2020)

Gnade sei mit uns von Gott unserem Vater und unserem HERRN Jesus Christus. Amen.

Altarfresko, Hohnekirche Soest, Foto Christoph Fleischer

Liebe Schwestern und Brüder!

Gedanken in der Wochenmitte. Festgemacht am Psalm der heutigen Eucharistiefeier unserer katholischen Schwestern und Brüder. Psalm 103. „Lobe den HERRN meine Seele und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Loben den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat: der dir all deine Sünden vergibt und heilet all Deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen  Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler …. (V. 1 – 3)

Preisen und Loben. Das bleibt in diesen Tagen vielen im Halse stecken. Wenn überhaupt, unverständliches Röcheln kommt aus vielen Kehlen, das auch an das Röcheln derer erinnert, die bei jedem Atemzug um ausreichend Sauerstoff ringen. Und viele von uns formulieren sicher ihre Gebete in diesen Tagen ganz anders. Und mit einer Vielzahl von „Warum – Fragen“. Loben angesichts von Einschränkungen fällt vielen von uns schwer. Aber dennoch: Wenn wir genau hinschauen: Für wie vieles gilt es eigentlich trotz allem und gegen alles auch heute noch zu danken?! Die frei gesetzte Zeit ermöglicht es mir, mich mit meinem Herzenmensch auf den Weg zu machen. Zu Fuß. Lange Spaziergänge. Fernab der „Zivilisation“. Mitten in der Natur. Ich erlebe Natur wieder ganz elementar. Mit allen Sinnen. Gut, das Schmecken habe ich bislang ausgenommen. Obwohl „es mich immer wieder schon mal gejuckt hat“, ein Gänseblümchen zu pflücken. Und einfach nur hinein zu beißen. Oder einen Löwenzahn. Oder ein paar Blätter Bärlauch.

Mit dem Rad. Plötzlich nicht mehr die kürzeste Verbindung zwischen zwei Ortschaften nehmen. Durchaus aber für den Radfahrer sicherere und bescheidene (Um)Wege in Kauf nehmen, als jene, die uns schnell, manchmal zu schnell ans vermeintlich richtige Ziel führen. Und dabei dann vollkommen Neues entdecken. Oftmals verbunden auch mit der Aufforderung an Richtungsentscheidenden Punkten: „Warte mal bitte. Ich muss mich mal eben orientieren. Ich muss mal schauen, wo wir jetzt sind.“

„Lobe den HERRN meine Seele und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Loben den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat.“

Jetzt, beim entschleunigten Schreiben, beim bewussten Erleben der Natur fällt mir ein altes Evangeliumslied ein, das ich schon oft an bestimmten Punkten in meiner Umgebung im Auto gesungen habe. Zu dem mir aber eben beim Radfahren im Moment noch die Puste fehlt. Wer mag, kann es ja auf youtube anklicken und gerne, wenn ihm danach ist, mitsingen:

1) Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,
die Du geschaffen durch Dein Allmachtswort,
wenn ich auf alle jene Wesen achte,
die Du regierst und nährest fort und fort,

Refr.: dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!
Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!

2) Blick ich empor zu jenen lichten Welten
und seh der Sterne unzählbare Schar,
wie Sonn und Mond im lichten Äther zelten,
gleich goldnen Schiffen hehr und wunderbar,
Refr.: dann jauchzt mein Herz …

3) Wenn mir der Herr in Seinem Wort begegnet,
wenn ich die großen Gnadentaten seh,
wie Er das Volk des Eigentums gesegnet,
wie Er’s geliebt, begnadigt je und je,
Refr.: dann jauchzt mein Herz …

4) Und seh ich Jesus auf der Erde wandeln
in Knechtsgestalt, voll Lieb und großer Huld,
wenn ich im Geiste seh Sein göttlich Handeln,
am Kreuz bezahlen vieler Sünder Schuld,
Refr.: dann jauchzt mein Herz … „Preisen und Loben, Andacht von Emanuel Behnert, Lippetal 2020“ weiterlesen

Gottes Spuren in Israels Urgeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

Zu:

Martin Buber: Moses, Unveränderter Nachdruck der 4. Auflage Copyright 1948 Gregor Müller Verlag, Verlag Lambert Schneider, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1994, Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN (print): 978-3-579-02575-9, Preis: 34,99 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Paperback/Moses/Martin-Buber/Guetersloher-Verlagshaus/e204930.rhd

 

Aus dem Impressum geht hervor, dass das Buch von Martin Buber, das vom Gütersloher Verlagshaus verlegt wird, von „Books on Demand“, Norderstedt, hergestellt wird. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite eine fotomechanische Wiedergabe des gebundenen Buches aus dem Lambert Schneider Verlag, mit dem auch von der Buber-Rosenzweig-Bibelübersetzung bekannten Druckbild. Solche Bücher nennt man Reprints, was in diesem Fall auch durch das Impressum klargestellt wird.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber ist auch nach über 70 Jahren noch aktuell. Es diskutiert die Ergebnisse der Exegese der fünf Bücher Mose* auch aus theologischer Sicht und distanziert sich vom damals dominanten Modell der Quellenscheidung in die bekannten Quellen E, J und P. Stattdessen favorisiert Buber eine Art Bearbeitungshypothese, die meines Wissens nach auch heute den Stand der Forschung darstellt. Diese Bearbeitung bezieht sich auf einen historischen Kern, der sich in der Bibel in oft nur sehr kurzen Textfragmenten zu erkennen gibt.

Bubers sachliche Untersuchung dieser Textabschnitte basiert auf seiner eigenen Übersetzungsarbeit in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, so dass er zumeist Argumente der Analyse des hebräischen Urtextes und seiner Textgeschichte entnimmt.

Die Hauptfrage Martin Bubers ist dabei die Wahrheit der biblischen Überlieferung. Diese historische Arbeit ist sozusagen im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft eine Quellenforschung, die auch noch nach der hinter dem Text liegenden mündlichen Tradition fragt.

Die ursprüngliche Gottesüberlieferung ist in der heute lesbaren Form in die Gattung einer Sage gestaltet, so dass die erzählte Geschichte als Fiktion erscheint.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber folgt dem Erzählfaden des Pentateuchs in der vorliegenden Form und konzentriert sich dabei auf historisch bedeutsame Textelemente, die sich am Inhaltsverzeichnis ablesen lassen. Ich möchte diesen inhaltlichen Aufriss nun nicht noch einmal zusammenfassen, sondern den Erzählfaden der fünf Bücher Mose einfach als bekannt voraussetzen. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte, aufgezählt im Inhaltsverzeichnis, zeigen die Grundelemente der von Buber dargestellten Moseerzählung, die so gesehen auch als eine Grunderzählung der israelitischen Religion lesbar sind wie beispielsweise „Israel in Ägypten“, „der brennende Dornbusch“, „Passah“, „Sabbat“, „der Bundesschluss“, „die Worte auf den Tafeln“ usw..

Der Titel „Moses“ sagt dabei schon alles: Die Interpretation der Erzählung wird in die Perspektive des Mose eingezeichnet. Die Gestalt des Mose ist zwar die eines politischen Anführers und Befreiers, der zuletzt dem Volk der geeinten Stämme eine Verfassung gibt. Er ist dies aber zugleich als Prophet, da er mit Gott in Verbindung steht, und da das Volk Israel zugleich das Bundesvolk Gottes ist.

Diese besondere Kennzeichnung Moses als einen Propheten oder einer prophetischen Person soll im Folgenden durch einige Zusammenfassungen und Zitate verdeutlicht werden. Ich entnehme diese Texte durchaus dem konkreten Zusammenhang, so dass sie vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Geschichte der Bibel als des Wortes Gottes gesehen werden.

Buber stellt den Stoff der Bibel als Sage dar, die aber nur vom der Beziehung zu Gott verdeutlicht wird: „Das Werk der Sage ist groß und reißt heute wie je unser Herz hin; das darf uns aber nicht hindern, mit unserem nach Wirklichkeit verlangendem Blick, wo wir können, durch ihren Schleier zu dringen und, so gut wir können, die reine Gestalt zu schauen.“ (S. 167/8)

Das Bild, das der Text zeichnet, ist wie ein Gemälde einer historischen Erzählung. Das heißt aber nicht, dass der Bibeltext eine reine Phantasieproduktion ist. Diesen Gedanken verdeutlicht Buber immer wieder in Bezug auf die Gottesoffenbarung des Moses.

So heißt es bei Buber im Zusammenhang der Gesetzestafeln: „Mit seinem Wort ‚Ich werde da sein, als der ich da sein werde‘ bezeichnet er (Gott) sich als den, der nicht auf eine bestimmte Erscheinungsweise festgelegt ist, sondern sich jeweils den von ihm Geführten, um sie zu führen, so zu sehen gibt, wie es ihm beliebt.“ (S. 172)

Hier ist also durchaus noch offen, ob der Pentateuch eine Gründungsgeschichte des Volkes Israel ist oder eine Offenbarungsgeschichte Gottes darüber hinaus für die ganze Welt. Faktisch ist, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch bzw. zwischen Gott und Volk immer wieder zu scheitern droht. Für meinen Begriff ist diese realistische bis ins Negative zeichnende Sicht nur darin zu sehen, dass der Pentateuch ein erzähltes Rechtsbuch ist. Dazu schreibt Buber: „Die durch die Schuld gestörte Ordnung zwischen Himmel und Erde wird durch die Sühne wiederhergestellt.“ (S. 193). Das heißt auf das Volk bezogen, dass die religiöse und soziale Geschichte immer miteinander verknüpft ist.

Mose gelingt es immer wieder in der Perspektive Martin Bubers, Gottes Wort zu vernehmen und zu verkündigen und die Gegenwart Gottes im Verweis auf geschichtliche Ereignisse zu vergegenwärtigen. Aus der Gestalt des Hirtengottes der nomadischen Väterzeit wird im Lauf der Wüstenwanderung ein Gott der priesterlichen Religion und der Bundesgott des Volkes Israel. Moses ist der Erfinder eines Bundesgesetzes, das ein Volk zusammenführt und bildet.

Das Motiv der Wüstenwanderung zeigt die Geschichte der späteren Religion schon im Vorhinein auf. Im Kapitel „Der Widerspruch“ wird dazu der Korachspruch interpretiert (4. Mose 16,3), der als abtrünnig bestraften Rotte Korach. Während für Mose Gott immer unsichtbar ist und sich im Ereignis zeigt, behauptet das Volk, dass Gott in seiner Mitte sei und dadurch alle heiligt. Buber: „Göttliche Gegenwart heißt dem Volk als Volk: den Gott besitzen, mit andren Worten: den eigenen Willen zu Gottes Willen machen können.“ (S. 253)

Wenn in der Geschichte des Volkes die Gottesbeziehung immer wieder auch zu scheitern droht, ist das kein endgültiger Misserfolg, sondern ein schmerzhafter Lernprozess. Gerade Bubers penetrante Fragen nach der Wirklichkeit und Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit des Wortes Gottes macht die Spannung des Textes im Mosebuch aus.

Für mich als evangelischem Theologen ist es interessant, dass Buber seine Arbeiten als Religionsphilosoph vorlegt, nicht als jüdischer Theologe. Seine Interpretation des Mose ist christlich genauso anschlussfähig wie für das Judentum. Deshalb stehen in Deutschland die Namen Buber und Rosenzweig als Sinnbild für den interreligiösen Dialog.

 

  • Der Name „Moses“ ist eine übersetzerische Entscheidung von Martin Buber. Wo ich das Buch der Bibel meine, schreibe ich „Mose“, wie es von der Lutherbibel her gebräuchlich ist. Diese Schreibweise ist im Übrigen im Text durchaus häufig. Warum die Überschrift „Moses“ lautet, ist mir nicht klar. In der Bibelübersetzung wird der Name in der Umschrift hebräisch wiedergegeben: Mosche.