Eine Christusvision in der Krise, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu Offenbarung 1,9-19                                      Letzter Sonntag nach Epiphanias 2026

Hinführung zur Lesung

Liebe Gemeinde,

heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird noch einmal ein richtiges Textfeuerwerk entzündet, um auch dem letzten zweifelnden Menschen klarzumachen: Gott ist zu unserem Heil erschienen. Der letzte Sonntag nach Epiphanias ist mit dem Evangelium von der Verklärung Jesu ein Vorgeschmack auf seine Auferstehung, bevor wir als Gemeinde die Passionszeit durchschreiten und den Weg des Leidens Jesu bis zum Tod am Kreuz mitgehen. Aber auch die anderen Lesungen des Sonntags stehen in der Bedeutung, wie Gott den Menschen erscheint, dem Evangelium in nichts nach. In der alttestamentlichen Lesung hör(t)en wir, wie G*tt sich Mose im lodernden Dornbusch offenbart, in der paulinischen Epistel (2. Korinther 4,6-10), dass das Licht Gottes und seine Herrlichkeit in uns sterblichen Menschen nur schwach aufleuchtet, damit wir selbst nicht zu Übermenschen werden und damit allein Gott göttlich bleibt. Epiphanias ist die Lichtexplosion schlechthin, weil hier Gott in seinem ewigen Licht und Glanz erscheint. Gott erscheint auch in unserem Predigttext als dieses göttliche Licht. Keine Finsternis kann ihm etwas anhaben. Nichts kann dieses Licht trüben. Kein Leiden hält es auf. Es erhellt alles. Alles wird klar und offenbar. Das Gute und das Schlechte. Die Schuld und die Liebe. Der Tod und das Leben. Es ist ein Mensch, der dieses Licht sieht. Und alle, die durch ihn dieses Licht sehen und es anschauen, d. h. sich dahinein versenken, bekommen Anteil an diesem Licht und können im Glauben – mögen Welt und Teufel auch toben – ihr Leben bestehen. Ich lese den Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, aus dem ersten Kapitel, die Verse 9-18.

9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 

10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Christus erscheint dem Seher Johannes

 

Liebe Gemeinde,

der Seher Johannes bekommt diese Vision des Auferstandenen geschenkt. Das Bild, das er vom Auferstandenen zeichnet, ist geprägt von seiner eigenen Bilderwelt. Wie anders sollte sich Gott uns zeigen als durch die „Brille“, die wir aufhaben? Denn ohne uns kann nichts von Gott in uns aufleuchten. Die Bilder, die hier Johannes vom Auferstandenen zeigt, mögen uns fremd sein, vielleicht sogar abschrecken, aber sie enthalten etwas sehr Wertvolles für unseren Glauben und für unser Gemeindeverständnis durch die Zeiten hindurch. Es ist der auferstandene Jesus von Nazareth, der unter den sieben namentlich im Predigttext aufgezählten Gemeinden gegenwärtig ist mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die sieben Leuchter repräsentieren die sieben Gemeinden in Kleinasien. Es sind schlichte Ortsgemeinden, unter denen der Auferstandene lebt. Es ist nicht Rom, es ist nicht Byzanz, es ist nicht Alexandria. Es sind sieben Gemeinden aus teils unbedeutenden Städten oder Dörfern. In der Regel waren das Hauskirchen in der Ortsgemeinde. Dort haben sich eine Handvoll Christen versammelt und zu Christus gebetet. Wo eine Handvoll Christen beieinander sind und beten, da ist der Auferstandene Christus präsent, wie es schon das Evangelium nach Matthäus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(Matthäus 18,20) Diese kleinen Gemeinden waren in der Zeit, als der wegen seines Glaubens nach Patmos verbannte Seher Johannes seine Vision aufschreibt, selbst um ihres Glaubens willen bedroht. Von einem heißt es in der Offenbarung, er sei als Märtyrer gestorben. Es kostete unter Umständen das Leben, den eigenen Glauben zu bezeugen. Das ist bis heute in vielen Regionen der Welt nicht anders.

Versetzen wir uns einmal in die Lage eines Menschen, der wegen seines Glaubens an Jesus Christus bedroht ist, verfolgt wird oder gar um sein Leben fürchten muss, und hören wir aus seiner Sicht die Lesung noch einmal.

(Lesung erneut wie oben)

Welche Botschaft enthält die Vision?

 

Fürchte dich nicht. Diese drei Worte sind die frohe Botschaft. Hier dem Sinn nach nicht auf den einzelnen Menschen, sondern auf die sieben Gemeinden bezogen. Fürchte dich nicht, mag auch alles bedrohlich sein und mögt ihr nicht wissen, wie und ob es weitergeht. Fürchte dich nicht.

Ich habe die Macht, sagt der auferstandene Christus. Ich selbst bin der Schlüssel, denn ich habe den Tod überwunden und ich habe den Schlüssel zur Unterwelt. Da Christus selbst hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, hat er den Schlüssel des Totenreichs. Er hat das Totenreich geöffnet, so dass auch die Menschen am Heil teilhaben können, die vor seinem Kommen und seiner Auferstehung gelebt haben.

Erfahrungen mit Christus und neue Fragen

 

Ich weiß nicht, ob die christliche Lehre zur Zeit des Sehers Johannes schon in der Art fest ausgeformt war, wie ich es gerade beschrieben habe. Die großen christlichen Glaubensbekenntnisse wie das Apostolikum oder das Nizänum existierten noch gar nicht. Der Glaube als Lehr- und Dogmensystem war noch keine feste Orientierungsgröße für die Gläubigen. Sie lebten aus ihren Erfahrungen mit Christus und den Erfahrungen der Schwestern und Brüder der Gemeinde. Diese Erfahrungen versuchten sie zu deuten und einzuordnen: Entsprechen sie noch dem Geist Jesu oder eher nicht? Was führt weiter, was spaltet eher, was schenkt Orientierung, wenn der äußere Druck steigt? Was hilft, treu im Glauben zu stehen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie können wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Wie können wir uns dem Zugriff des Kaiserkults entziehen und allein Gott anbeten?

Mitten in diese Fragen und in ihre Bedrängnis hinein lesen die Gemeinden die Worte des Sehers. Das ist eine große Sache, sie hören und sehen bildlich, wie der Auferstandene zu ihnen spricht:

Fürchte dich nicht. Das ist Trost mitten in der Bedrängnis. Das ermutigt im Glauben treu zu sein und setzt Kräfte frei.

Fürchte dich nicht. Das ist Gottes Gegenwelt zur Ungerechtigkeit, ein Versprechen auf Heilung, eine Zusage von Frieden und Versöhnung, ein Abwischen aller Tränen, ein Versammeln aller Völker an einem Tisch.

Fürchte dich nicht. Das ist gegen den Tod gesagt. Gegen das Nichts. Gegen die Kälte. Gegen das Töten. Gegen die Einsamkeit. Gegen die Sorgen.

Fürchte dich nicht. Wo das geschieht, da erscheint Gott in seiner ganzen Herrlichkeit.

Herausforderungen als Ortsgemeinde heute

 

Liebe Gemeinde,

unsere Bedrängnisse, unsere Trübsale – heute nennen wir sie unsere Herausforderungen – als Gemeinde sind andere als die zur Zeit des Sehers Johannes. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Unterschiede oder die Parallelen aufzuzeigen. Ich möchte uns aber anregen, uns einmal vorzustellen, in was für einem Bild der Auferstandene Christus heute zu uns spricht. Was wäre seine Botschaft für uns? Vielleicht: Behaltet eure Kirchen; sie sind ein Fingerzeig für eine himmlische Wirklichkeit? Verabschiedet euch von der Kirchensteuer, sie bindet euch – wie vieles andere – zu sehr an den Staat? Duckt euch nicht weg in einer pluralistischen Gesellschaft? Öffnet eure Kirchen für die Menschen im Quartier? Steht für euren Glauben und für eure Werte ein, bewahrt alles Leben und folgt der Gewaltlosigkeit Jesu? Oder doch, greift zu den Waffen, geht mit Gewalt gegen das Böse vor, bevor die Tyrannen euch beherrschen? Schützt vor allen Dingen die Opfer, wenn nötig mit Gewalt?

Der auferstandene Christus erscheint uns in immer neuen Bildern, aber immer mit der Botschaft: Fürchte dich nicht. Seine Worte sprechen in unsere Situation hinein: Lydia-Gemeinde in Herzogenrath, sei nicht verzagt, auch wenn du dich fragst: Wie werden wir zukünftig mit weniger Pfarrpersonen auskommen? Welche Gebäude werden wir noch finanzieren können? Welche Gottesdienste noch feiern können? Welche Aufgaben noch ausführen? Dann erinnere dich daran, der Auferstandene ist mitten unter dir, der Engel der Gemeinde passt auf dich auf. Du musst das alles nicht aus eigener Kraft tun. Gott ist deine Quelle für das: „Fürchte dich nicht“ oder das: „Friede sei mit dir“, wie wir es uns gleich in der Mahlfeier zusprechen werden.

Literatur:

Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 4. Auflage 2020

Der erste Schritt ist wichtig für einen neuen Weg, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu: Apostelgeschichte 10, 21-36

 

  1. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

die lange Erzählung von Petrus Mission, wie er erkennt, dass Gott die Person nicht ansieht, dass Gott nicht unterscheidet in seiner Liebe, ob jemand Amerikaner ist, Russe oder Chinese, arm oder reich, gebildet oder ungebildet, Mann oder Frau oder alles dazwischen, gesund oder krank, ist aktuell.

Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium geschrieben hat, findet in den Erzählungen über die jüdischen Apostel Worte, wie das Evangelium von Gottes Liebe in Jesus Christus allen Menschen und Völkern gilt. Nicht Abgrenzung, nicht Verkapselung, nicht identitäre Rückwärtsbewegung, nicht die Kriterien rein und unrein, kurz gesagt: Nicht menschliche oder kulturelle Grenzen markieren die junge christliche Bewegung, sondern die Einladung an alle, dazu zu gehören, zu denen, die „Gott fürchten und das gerechte Tun“ im Glauben an Jesus Christus.

Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel

Diese Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel, sie wird durchbuchstabiert. Mal geht´s einen Schritt vor, mal einen zurück. Wie im normalen Leben auch. Das ist tröstlich. In der Erzählung von Petrus hören wir davon, wie sein durch Gott gelenkter Weg, ein Lernweg ist allein dadurch, dass er sich auf den Weg macht. Von außen betrachtet scheint Gott wie ein verborgener Marionettenspieler die Fäden so zu händeln, dass sich Petrus und Kornelius begegnen. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten: Ein Jude und ein Römer. Dazu noch ein Zenturio der römischen Besatzungsmacht. Zwar ein frommer Mensch, aber einer vom ganz anderen Ufer, einer, der nicht dazu gehört. Das weiß doch jedes Kind.

Kornelius heißt er mit Namen. Das ist uns überliefert. In seinem Namen spiegeln sich bis heute Menschen wider, die religiös auf der Suche sind, die ihr bisheriges religiöses oder areligiöses Leben in Frage stellen. Sie suchen eine spirituelle Heimat. Für Kornelius war der Eine Gott wichtig und er wollte zu einer Gemeinschaft gehören, die anerkennt, dass auch er als Dazugekommener wirklich dazugehört, die volle Gemeinschaft mit dem Heiligen Gott und der betenden Gemeinde hat. Kornelius war von den Menschen anerkannt, aber er gehörte nicht dazu. Er gehörte nicht zu dem Gott, der ihn immer mehr anzog. Wer nicht dazu gehört, resigniert irgendwann. Kornelius aber bleibt dran. In seinem Gebet steht ein Mann vor ihm mit der Botschaft: Befehle Petrus zu holen. Kornelius weicht nicht aus, tut diese Stimme nicht ab, folgt ihr und bereitet sein Haus auf die Begegnung mit dem Jesusjünger Petrus vor. Sollte Gott ihm etwas durch Petrus sagen, was er noch nicht wusste?

Hier treffen zwei aufeinander. Da ist nicht einer der Wissende, der die Wahrheit gepachtet hat. Da werden Fäden gezogen und ein zartes Netz entsteht. Das ist ein Anfang. Ob er tragfähig ist? Das Neue kann nur entstehen, wenn es Menschen gibt, die dafür offen sind. Wir haben unsere Vorstellungen und Überzeugungen, die uns helfen zu leben und gleichzeitig hindern, uns ein anderes Leben und eine andere Ordnung vorzustellen. Wir fürchten das Chaos und aus Angst vor Veränderungen erstarren wir, halten krampfhaft am Alten fest.

Gottes Wege sind anders als unsere Vorstellungen

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Aber Gottes Wege sind ganz anders als unsere Vorstellungen. Es fällt uns immer wieder schwer, uns von dem zu lösen, was uns vertraut ist, was für uns von Kindesbeinen an selbstverständlich ist. Das haben wir so gelernt und das muss immer so bleiben. Ich glaube beide waren überrascht, Petrus und auch Kornelius, dass es einen neuen Weg gibt, einen bisher unbeschrittenen. Im Rückblick stellt sich alles klar und einfach dar, aber wenn wir einen Weg gehen, zumal einen geistlichen Weg, einen Weg wie wir zu einer neuen Gewissheit oder einfach zum Glauben kommen, ist dieser Weg alles andere als gerade und leicht, er ist verschlungen, zuweilen vernebelt, die Sicht ist versperrt und der Sinn, warum jetzt, warum hier bleibt uns verschlossen. Religion ist keine Mathematik und erst recht kein Algorithmus. Der Mensch braucht Religion, sonst besteht die Gefahr von anderen Göttern beherrscht zu werden. Religion ist die (allzu menschliche) Rückbindung an Gott, das Wunder wie an Fäden geführt zu werden und doch die Schritte selbst zu wählen.

Schauen wir etwas näher in die Erzählung hinein.

Unser Predigttext ist die Fortsetzung einer Geschichte um Petrus, der auf dem flachen Dach eines Hauses bei Tag träumt. In seinem Traum wird er mit dem konfrontiert, wozu er berufen ist: Altes loszulassen und Neues zu wagen. Der Geist Gottes macht ihn hellhörig. Er, Petrus, wird gesucht. Er soll zu den Menschen, die ihn suchen, herabsteigen. Der erste Satz unsere Erzählung heißt schlicht: „Da stieg Petrus herab.“ (Apg 10,21a) Das griechische Wort für herabsteigen (katabeino) bezeichnet nicht nur den räumlichen Weg des hinunter Gehens, sondern das Wort kann auch symbolisch verstanden werden. Petrus steigt nicht nur herab, er bewegt sich auf die Ebene der ihn aufsuchenden Nichtjuden, der römischen Gesandten. Er gewährt ihnen Gastfreundschaft und macht sich tags darauf mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu Kornelius. Schon hier vollzieht Petrus den ersten Schritt zu einem Perspektivwechsel im Sinne seiner göttlichen Vision, das für Gott nichts unrein ist. Eine andere Sichtweise führt zu einem neuen Umgang miteinander und Verständnis füreinander.

 

Ein neuer Weg wird beschritten

Der erste Schritt ist wichtig, für so vieles.

Der neue Weg verändert Petrus und später auch Kornelius, noch aber weiß niemand, ob das Neue weitergeht oder nicht. Ist der Anfang ein Ende, eine Sackgasse, ein Irrtum (?) oder endet mit dem Neuen etwas Altes? Ist das ein Bruch, ein radikaler gar (?) oder zeigt sich im Neuen etwas, was sich bewähren wird, was wachsen wird, was Gutes hervorbringt?

Kornelius, das wird erzählt, ist so überwältigt, dass ihn Furcht und Zittern befällt. Die Botschaft des Engels ist wahr. Er wirf sich vor die Füße Petri und verehrt ihn anbetend. Dieser aber hebt ihn auf die gleiche Ebene und sagt schlicht: „Steh auf, auch Ich bin ein Mensch.“ (Apg 10,26) 

 

Bei dieser Szene kommt mir die Einführung eines Kollegen in Erinnerung. Dieser kniete sich bei der Einführung auf die nackten Fliesen im Altarraum. Als der scheidende Pfarrer ihm mit Handschlag gratulierte und sein Votum sprach, zog er ihn auf die Beine und sagte lapidar: Bei uns kniet man nicht…

Wie dem auch sei, wie immer wir unsere Ehrfurcht vor Gott ausdrücken, sie wird einen Ausdruck finden.

Als Petrus Kornelius Geschichte hört, wie Gott sich ihm gezeigt hat, fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen. „Nun erfahre ich die Wahrheit, dass Gott die Person in Wahrheit nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist der Herr über alles.“ (Apg 10,34-36)

Petrus erzählt weiter. Er verkündigt das Evangelium. Der Heilige Geist fällt auf die Hörenden. Nichts hindert Petrus mehr daran Kornelius und sein Haus zu taufen. Jetzt gehört Kornelius sichtbar dazu: Zu Gott und der Gemeinschaft der Christinnen und Christen.

Liebe Gemeinde,

der Anfang hört nicht auf. Er geht über alle Grenzen hinweg weltweit weiter bis heute, wo Menschen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, sich taufen lassen und Gott mit ihrem Leben loben und ehren.

Predigt zu Heiligabend 2025, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Christvesper 2025: Legt die Waffen des Lichts an

 „Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende. Der Tag bricht schon an. Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.“                                                          Römer 13,10-12, Basis Bibel

Liebe Heiligabend-Gemeinde,

das ist mal ein Weihnachtsevangelium! Es passt so gar nicht in unsere Vorstellung von Weihnachten, erst recht nicht vom Heiligen Abend. Heiligabend, das ist doch der geschmückte Weihnachtsbaum, überall Lichter, ein Duft nach Orangen, Kartoffelsalat und Würstchen oder darf es lieber ein deftiger Bratengeruch sein? Weihnachten geht’s doch um Gemütlichkeit, dass wir ein paar ruhige Tage haben, wo der Dauerstress einmal von uns abfallen darf, wo wir als Familien miteinander Zeit verbringen, uns mit schön verpackten Geschenken bescheren, einander mit Wohlwollen begegnen. Einmal entschleunigen, wer braucht das nicht? Weihnachten geht es darum, das eigene Verwurzelt-Sein in der Familie oder als Paar zu spüren. Ich bin angenommen, so wie ich bin, wir spenden einander Geborgenheit. Das ist schön, wenn es gelingt und es gehört wesentlich zum Weihnachtsfest dazu.

Familien-Weihnachtsideal?

Aber manchmal schaffen wir es nicht dem Familien-Weihnachtsideal zu entsprechen, wir fühlen uns von allem überfordert, die kleinste Kritik und Missstimmung hinterlässt schale Freude oder es nervt uns die Scheinheiligkeit nach dem Motto: Piep, piep, piep…wir haben uns alle lieb.

Den Ton, den Paulus in unserem Heiligabend-Text anschlägt ist ganz anders, quer zu unseren Erwartungen und Sehnsüchten, ein Widerspruch zu kitschig-romantischen Weihnachtsgefühlen und einer kapitalistischen Konsum-Weihnacht. Ja, es gibt ein Weihnachtsevangelium quer zu unseren kulturellen-familiären Traditionen.

Das ist die Heilige Nacht.

Das Bild, das Paulus hier verwendet ist alt, uralt und hat sich über die Erfahrung in das Bewusstsein der Menschen eingegraben. Es ist die Erfahrung der Dämmerung. Wir stehen an der Schwelle. Die Dunkelheit der Nacht hört auf, bald bricht der Tag an.

Das ist die Heilige Nacht. Diese Heilige Nacht wiederholt sich Fest für Fest. Wir haben gesungen und ich liebe dieses aussagekräftige Adventslied: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ (EG 16,1 Jochen Klepper)

Die Heilige Nacht wiederholt sich heute für die, die glauben: dass das Licht mit dem Kind in der Krippe in die Welt gekommen ist. Jesus Christus hat die Dunkelheit der Welt überwunden. Auch wenn die Nacht immer wieder nach uns greift, gilt doch: Gottes Tag kommt – immer wieder und am Ende in Vollendung.

Als moderne von künstlichem Licht umgebene Menschen kennen wir die Stimmung der Dämmerung nicht mehr. Uns fehlt die Schwellenerfahrung. Das Warten und die Gewissheit, es wird licht. Unsere Seelen sind es nicht mehr gewöhnt über das langsame Hell-Werden zu staunen. Es mit Macht herbeizusehnen. In die Dämmerung zu lauschen, wie das Leben erwacht, die Vögel ihr Morgenlied singen und der Tag die Oberhand gewinnt.

Der Tag ist nahe herbeigekommen. Und jetzt kommt´s. Das ist keine Zeit zum Weiterschlafen, träumen und sich noch einmal im Bett räkeln!

Wir werden aufgefordert: Hey, werdet wach! Verlasst eure Komfortzone, lasst euch nicht länger Einlullen von schlechten Vibes, Fake News und dem immer gleichen Gebabbel in eurer Blase. Wacht auf! Denkt selbst! Bildet euch euer eigenes Urteil!

Manchmal wundere ich mich, wie das Selber-Denken mehr und mehr verschwindet. Ich bin irritiert, wie verängstigt viele Menschen sind, wie viele sich ein Weltbild zimmern, dass alle Institutionen rundheraus ablehnt, wie zigtausende den religiösen Verschwörungs-Erzählungen glauben und hunderttausende User hemmungslos ihre Hasstiraden in den Sozialen Medien kundgeben. Es ist, als würden wir zerrieben in der Informationsflut. Auch hier stehen wir an einer Schwelle. Wir haben noch nicht gelernt, vernünftig mit der Digitalität aller Lebensbereiche umzugehen. Wir wissen aber schon: dauernd auf´s Handy schauen überfordert, macht süchtig und blöd, da eigene Erfahrungen verhindert werden und echte „face to face“ Kommunikation versickert, ja geradezu verlernt wird. Und gleichzeitig trimmen uns viele Medien zu einem scheinbar nicht mehr hinterfragbaren Konsens. Wer davon abweicht, kommt in Verruf und wird in eine Schmuddelecke gestellt. Das alles aber treibt uns weiter voneinander weg.

Weihnachten ruft uns heraus.

Weihnachten ruft uns heraus. Kehr um! Mach nicht mehr mit! Lebe nicht in deiner Scheinwirklichkeit! Stelle dich der Wahrheit, auch wenn sie schmerzt. Ingeborg Bachmann sagt den treffenden Satz dazu: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“(1)

Wirklich? Ja! Aber wir tun in unserer Befindlichkeits-Gesellschaft alles dafür, uns die Wahrheit nicht zuzumuten, einen Streit nicht auszutragen, lieber lassen wir den Konflikt schwelen. Aber bitte jetzt nicht nach dem Gottesdienst die Wahrheit deinem Nächsten genüsslich ins Gesicht schleudern nach dem Motto: Der Pfarrer hat doch gesagt, Weihnachten sollten wir uns mal so richtig die Meinung sagen. Richtig ist auch: Wahrheit ohne Liebe zerstört, ist besserwisserisch. Und manchmal ist ausblenden auch eine Möglichkeit überhaupt noch miteinander im Kontakt zu sein. Liebe Leute, ich will doch nur sagen: Weihnachten übertüncht unser Leben nicht. Im Gegenteil: Es kommt ans Licht, was nicht stimmt, was falsch läuft in der Welt. Weihnachten macht unser Leben hell und schenkt tiefe Freude. Wir empfangen das Leben als Gabe Gottes und wir sind aufgerufen, das Leben und vor allem den Frieden zu bewahren. Damit sind wir in Europa gescheitert. Nun dauert der Krieg in der Ukraine schon fast so lange wie der erste Weltkrieg. Wir Europäer haben keine vernünftige Entspannungspolitik mit Russland betrieben. Mit Feinden spricht man nicht, verhandelt nicht. Was für ein Irrglauben! Doch zurück zu unserem kleinen Leben.

Weihnachten fordert uns auf: Legt alles ab, was ins Finstere führt, was eine negative Energie hat: Die Lüge. Die Selbstsucht. Die Gewalt. Den Hass. Die Feindschaft. Den Größenwahn.

Jammer nicht länger herum. Übernimm Verantwortung für dein Leben, für dein kleines Leben. Das reicht. Träum dich nicht größer als du bist, mach etwas Gutes und fange damit jetzt an.

Das heißt, wie es Luther übersetzt: „Die Waffen des Lichts anlegen.“ Wenn nicht zu Weihnachten, wann dann? Das heißt, sich mit Wahrheit gürten, dem Licht folgen. Sich nach dem göttlichen Licht ausstrecken. Wir brauchen doch Orientierung! Und wisst ihr was. Ihr könnt sagen, was ihr wollt: Diese Mega-Erzählung von Jesu Geburt ist besser als jeder Hollywood Block-Buster. Denn wenn es im letzteren zwar auch um den Kampf von Gut und Böse geht, bleiben die Filme doch im besten Sinn Unterhaltung. Die Mega-Erzählung von Christi Geburt aber schenkt Sinn und Zusammenhalt. Das Weihnachtsfest, selbst wenn unser Glaube schwach ist und erodiert, transzendiert uns, verweist uns auf eine andere Wirklichkeit. Das immerwährende Story-Telling auf unseren kleinen Bildschirmen aber macht uns nicht satt. Satt macht uns nur der Mythos. Es wird eine Zeit kommen, wo wir das wieder entdecken und sie ist schon angebrochen. Wissenschaft und Mythos schließen sich nicht mehr länger aus, sie verhalten sich komplementär zueinander (2). „Nicht Atome halten die Welt zusammen, sondern Erzählungen“(3). Wir leben von Erzählungen. Und das Weihnachtsevangelium gehört zu den wertvollsten Erzählungen der Weltliteratur.

Es erzählt von dem Baby Jesus. Von Anfang an ist sein Leben bedroht.

Mit Liebe und Vergebung hat Jesus auf Gewalt geantwortet. Jesus hat die Menschen mit den Augen Gottes gesehen und sie befreit von Stress, Angst und Resignation. Das Kleine in der Krippe ist größer als alles, was uns klein macht. Vertrauen schenkt Leben, gebiert Leben – immer wieder neu. Der Glaube ist es, der uns aus dem Sumpf und den Morast der Welt zieht. Dein ganzer Einsatz ist gefragt. Der Glaube fordert alles von dir. Er fordert dich selbst und ist gleichzeitig wie Weihnachten ein Geschenk. Ein Geschenk der Liebe Gottes.

Ja, mit dieser Energie kommen wir am Heiligen Abend in Berührung. Das Kleine in der Krippe ist nicht bloß süß, ein „holder Knabe im lockigen Haar“ (Stille Nacht, EG 46,1). Der Kleine ist unser großer Erlöser und Bruder, die Power-Bank Gottes für die Welt. Die Krippe ist schon aus dem Holz des Kreuzes geschnitzt, die Neugeburt der Auferstehung vertreibt die Finsternis.

Also seid ihr dabei?

Legt die Waffen des Lichts an. Das ist eine Kriegstüchtigkeit, die ich mir wünsche. Wenn wir ernsthaft zu den Waffen des Lichts greifen, dann werden sich „Gerechtigkeit und Frieden küssen“ (Ps 85,11)

Literatur

1 „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ –  aus Ingeborg Bachmanns berühmte Dankesrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden (1959)

2 Levi-Strauss: Anthropologie in der modernen Welt, Seite 110 Und wenn die moderne kosmologische Wissenschaft „selbst dazu tendiert, zu einer Geschichte des Lebens und zu einer Geschichte der Welt zu werden, können wir nicht ausschließen, dass das wissenschaftliche Denken und das mythische Denken, nachdem sie lange Zeit unterschiedliche Wege gegangen sind, sich eines Tages aneinander annähern werden.“

3 Der Ausspruch geht auf die amerikanische Schriftstellerin Muriel Ruheyser (1913-1980). Unser Verständnis der Welt wird durch Narrative geprägt, die Sinn stiften, statt durch die reine Materie. Erzählungen sind die Ordnungsformern unserer Wirklichkeit. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen u.a. forscht dazu.

„Selig sind die Frieden stiften,…“, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt Buß- und Bettag 2025

 

 „… denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Mt 5,9

 Ihr Lieben,

Ihr habt wie alle Jahre wieder mit den Kindern und Eltern des Familienzentrums St. Martin gefeiert. Ein Fest, das immer noch sehr beliebt ist. Die Geschichte des Heiligen Martin berührt Kinder und Erwachsene. Mit Lichtern wird durch die Straßen gezogen, St. Martins-Lieder werden gesungen, Weckmänner werden an die Kinder verteilt. Die Geschichte, wie der Offizier St. Martin seinen Mantelumhang teilt und die Hälfte des Mantels einem frierenden Bettler vor den Stadttoren gibt, wird erzählt und vielerorts auch gespielt.

Erinnerung an St.Martin

Weniger bekannt aus dem Leben St. Martins ist, dass er als 15jähriger von seinem Vater gezwungen wurde in das römische Heer einzutreten und dort ungefähr mit vierzig Jahren, nachdem er getauft wurde, den Militärdienst quittierte. Der Erzählung nach soll Martin vor Kaiser Julian getreten sein mit den Worten „Bis heute habe ich dir gedient, gestatte mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen!“

In den ersten Jahrhunderten nach Christi war es weit verbreitet, dass Männer, wenn sie Christen wurden, sich weigerten die Waffe in die Hand zu nehmen. Für sie und für viele christliche Gemeinden war klar, es gilt Gottes Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Und auch Jesus war ihr Vorbild. Seine Gewaltlosigkeit und sein Aufruf zur Feindesliebe waren für die ersten Christen nicht naive Spinnerei, sondern der Weg in ein neues Leben, dass die Herrschaft der Mächtigen auf den Kopf stellte. Oft genug wurden sie für ihre Gewaltlosigkeit und ihre Kriegsdienstverweigerung nicht nur verlacht und verspottet, mussten Repressalien hinnehmen, sondern sie wurden von den Herrschern getötet. Sie starben als Märtyrer, weil sie Soldaten Christi waren. Dass sie ihren Überzeugungen treu waren, brachte ihnen bei den Mitmenschen viel Respekt ein. Leben und Glauben vielen nicht auseinander, sondern der gelebte Glaube war eine Kraft, die nicht zu töten war. Nachfolge Christ war gelebte Kreuzesnachfolge. Hatte Jesus nicht gesagt: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele? Wer sein Leben aber um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen. Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“(Mk 8,34ff)

„Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15)

Mit diesen Worten Jesu möchte ich uns und vor allem meine Evangelische Kirche zur Buße rufen. Kehrt um! Verlasst die Wege der propagierten Kriegstüchigkeit! Widersprecht doch endlich den Abermilliarden Investitionen in Waffensysteme, die zu einer endlosen Rüstungsspirale führen. Aber meine Kirche schweigt. Sie ist erstarrt. Oder schlimmer: Sie glaubt nicht mehr dem Evangelium. Wenn die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Annette Kurschuss zu Beginn des Ukrainekriegs sagt: „Waffenhilfe ist Nächstenliebe!“ verkehrt sie das Evangelium ins Gegenteil. Wenn die EKD ihre neueste Friedensdenkschrift (2025) herausbringt und darin den Besitz von Atomwaffen unter der Hand still legitimiert und nicht ächtet, nimmt sie die Zerstörung allen Lebens auf dem Globus in Kauf, und opfert Jesus und ihren eigenen Glauben auf dem Altar der Abschreckung. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel!

Aber zurück zu unseren Kindern. Was sollen sie lernen? Was sollen wir sie lehren? Wie reagieren wir auf die Bundeswehrwerbung, die jungen Männern wie Frauen mit Kameradschaft und sinnvollen Einsätzen für Demokratie anwirbt? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass die Bundeswehr in die Schulen geht, um junge Frauen und Männer anzuwerben? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass Sönke Neitzel, Carlo Masala, Rodrich Kiesewetter und andere sogenannte Militärexperten behaupten, ein Krieg mit Russland stehe kurz bevor? Das war der letzte Friedenssommer, sagen sie und schüren Angst ohne Ende. Wie stoppen wir die mentale Umerziehung zur Kriegstüchtigkeit unserer Kinder und der ganzen Gesellschaft? Wie begegnen wir der unverhohlenen Kriegstreiberei in vielen Medien?

Wenn die sich klein- und gesundschrumpfenden Kirchen überhaupt noch eine Botschaft für ein zukünftiges Europa haben, dann kann es doch nur die Botschaft: „Kehrt um!“ sein. Kehrt um von eurem einseitigen Setzen auf Waffensysteme und einer Aufrüstung ohne Ende, sucht endlich wieder Diplomatie und Versöhnung, baut Brücken der Verständigung, stoßt einen europäischen Friedensprozess an, sonst endet das Friedensprojekt Europa in ein Kriegsprojekt. Das ist Selbstzerstörung pur. Dazu kommt: Deutschland soll wieder größte Militärmacht Europas werden.  Das haben unsere Väter und Mütter nicht gewollt!

Hat dieser Stellvertreterkrieg denn nicht schon genug Menschenleben gekostet und Schaden angerichtet? Beide Seiten beharren auf ihre Maximalforderungen. Der Klügere gibt nach. Warum widersprechen so wenige?

Kehrt um!

Aber vielleicht hört uns schon längst niemand mehr. Wir Christen sind einfach – je höher es in der Institution Kirche geht, je mehr – zu angepasst. Wir wollen angesehen sein und merken nicht, dass wir schon längst nicht mehr systemrelevant sind. Das Geld ist es. Die Rüstungsindustrie soll die Retterin aus der wirtschaftlichen Krise sein. Ja, spinnt denn unsere Regierung?

Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens

Aber ich brauche gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen: Umkehr beginnt bei uns selbst. Wollen wir Jesus in seiner Gewaltlosigkeit nachfolgen? Wollen wir Soldaten Christi werden – ohne Waffengebrauch? Wollen wir unsere Kinder friedens- oder kriegstüchtig machen?

Ich wünsche mir eine Kirche und ein neues Lernen in der Kirche, wie Gewaltlosigkeit in den Konflikten unserer Zeit geht. Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wieder an ihre erste Zeit erinnert, wo Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens war.

Ausgerechnet ein Philosoph, nämlich Olav Müller von der Humboldt-Universität Berlin, brachte kürzlich in einen Radiointerview folgende Idee für ein verpflichtendes Jahr für junge Frauen und Männer zur Sprache. Die jungen Frauen und Männer sollten die Möglichkeit haben zu wählen, ob sie ihre Dienstzeit für die Gesellschaft in der Bundeswehr oder mit einem  intensiven Lernen von Verteidigung durch gewaltfreie Aktionen und Maßnahmen verbringen. Denn auch Friedenstüchtigkeit will gelernt sein.

Lasst uns umkehren, dazu ist es nie zu spät, und unseren Glauben an das Evangelium festigen mit Jesu Seligpreisung: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

 

 

Feindesliebe: verrückt, unsinnig, unmöglich!?, Dr. Vera Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 

 9. November 2025, Evangelische Lydia-Gemeinde Herzogenrath, Lukas-Gemeindezentrum, Herzogenrath-Kohlscheid

 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

(Amen)

Wir hören den Predigttext aus dem Lukasevangelium im 6. Kapitel. Da spricht Jesus:

27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Was für ein Text. Was für ein Anspruch! Und: Was für eine zutiefst in uns lebende Sehnsucht berührt Jesus da.

Viele von uns haben in den letzten Wochen mitgefiebert, mitgebangt, gebetet und gehofft beim Blick auf den fragilen Prozess zurück in ein friedliches Miteinander in Gaza. Beim Hören und Lesen der Nachrichten scheint es fast täglich, dass das eine Aufgabe ist, die die menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Fast möchte man darüber verzweifeln. Aber Glauben geht anders. Da ist die Tür immer mindestens einen Spaltbreit offen für die Hoffnung.

Diese Hoffnung entgegen allen äußeren Anzeichen halten schon die alttestamentlichen Propheten immer wieder hoch, wie Micha in dem starken Stück, das wir gerade gehört haben [der alttestamentlichen Lesung aus Micha 4,1-5]. Gott wird hier als der Handelnde, als der Friedens-Initiator beschrieben. In dieser Tradition stehen wir! Das ist eine der Kraftquellen, zu der uns unser jüdisch-christlicher Glaube immer wieder einlädt. Damit wir das augenscheinlich so hoffnungslose tägliche Leben ertragen und hoffnungsfroh gestalten können.

An dieser Quelle hat auch Jesus immer wieder aufgetankt. Auf diesem Fundament stand er. Bei Gott hat er immer wieder Kraft gefunden. Vor diesem Hintergrund, auf diesem festen Boden stehend, so erfahrungsgesättigt stellt nun Jesus seinen Anspruch auf Feindesliebe. Und der klingt doch echt verrückt, eine unsinnige Zumutung, utopisch. Hören wir also noch einmal genauer hin, was Jesus uns hier als Zuspruch und Anspruch sagt.

  1. „Liebet eure Feinde“: verrückt? Auf jeden Fall! Wir Christinnen und Christen sind im wahrsten Sinne ver-rückt. Nicht von dieser Welt. Wir stehen als Gemeinde Gottes in einem anderen Referenzrahmen. So spricht Gott schon zur Zeit des AT mehrfach zu Mose: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (3Mo 11,44.45; 19,2). Und „heilig“ bedeutet hier weniger das, was wir heute vielleicht eher hören, etwa ethisch oder moralisch hochstehend und besonders brav. Nein, es heißt, abgesondert für Gott, zum exklusiven Tempelbereich gehörend. Es heißt Thomas Merton folgend, dass wir bei aller äußeren Aktion dadurch definiert sind, dass unsere Wurzeln tiefer reichen als die sichtbare Welt um uns herum. Dass wir in unserem Inneren bei Gott zur Ruhe kommen können und dass daraus unsere Kraft kommt für beherztes Handeln. Unsere Perspektive ist tiefer. Und weiter. Sie reicht über diese Welt hinaus. Das ist eine echte Verschiebung unserer Ausrichtung, da werden wir tatsächlich ver-rückt. Das gibt uns im besten Fall Um-Orientierung im Leben und lässt uns unsere Prioritäten neu ordnen.

Diese Ausrichtung auf Gott ist dem Evangelisten Lukas besonders wichtig. Er ist der Evangelist, der das mehr als seine „Kollegen“ Matthäus, Markus und Johannes in seiner Jesus-Biographie in den Mittelpunkt stellt: Es geht um Gott! Es geht um Jesu ganz besondere Beziehung zu ihm (Er spricht Gott von seinem ersten Wort als Jugendlicher (Lk 2,49) bis zu seinem letzten Wort als Sterbender (Lk 23,46 vgl. 23,34) als Vater an) — und dann auch um unsere.

Was heißt das denn nun konkret für uns? Was erwarten wir denn tatsächlich (noch) von Gott? In unserem eigenen Leben, in der Gemeinde, gar für das, was derzeit bei uns gesellschaftlich passiert? Was ist möglich, wenn wir die Bibel lesen als ein Wort „wie Feuer,… und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“ (Jer 23,29)? Wer, wenn nicht wir, kann denn so manchem gesellschaftlichen Diskurs eine weitere Perspektive vielleicht nicht entgegen-halten, aber sie wenigstens offen-halten? Was könnten wir mit Gottes Hilfe sowohl als Individuen als auch als Kirche bewegen, wenn wir uns etwas mehr von Gott ver-rückt machen ließen?!

Da geht doch noch was! Wir glauben an einen mächtigen Gott! Da ist doch noch so viel mehr „drin“ als ein lascher Gott, in dessen Wort wir uns nur noch bei dem bedienen, was sich wohltuend und gefühlsstreichelnd für im besten Fall lieb gewordene, aber nicht wirklich aufrüttelnde Zeremonien am Sonntagmorgen oder Heiligabend eignet. Ein GOTT, dessen manchmal unbequeme Ansprüche wir lieber unter den Tisch fallen lassen, weil er in unseren aufgeklärten und verteidigungspragmatischen Zeiten doch sowieso als überholt angesehen wird.

Wie soll so ein zur Bedeutungslosigkeit eingehegtes Überbleibsel christlicher Tradition denn noch jemandem, der ganz verschluckt wird von der Dauerbelustigung am Handy oder der allgegenwärtigen Drohnenangst, in den Gottesdienst locken? — Und was erwarte ich persönlich denn tatsächlich (noch) von Gott? Vielleicht können wir ja versuchen, etwas weniger angepasst und etwas mehr ver-rückt zu sein?!

  1. Denn ja, es ist verrückt: Liebet eure Feinde! Außerdem ist es auch noch unsinnig, eine Zumutung. Es ist keine sinnlose (!) Challenge, die Jesus hier seinen Zuhörer_innen aufgibt. Wohl ist es eine Zu-Mut-ung im besten Sinn.

Jemandem, der mich schlägt, auch noch die andere Wange hinhalten? Jemandem, der mir meinen Mantel nimmt, auch noch den Pulli geben? Genau darin besteht die Zumutung. Dass Jesus uns herausfordert: Überdenkt die Norm. Dreht das Normale um. Dreht den Spieß um?! Im menschlichen System von Geben und Nehmen gilt „Wie du mir, so ich dir“. Du produzierst Waffen, also kurble ich meine Wirtschaft an und mache noch mehr. Dann bekommst du sicher ganz viel Angst und streckst mir die Hand zum Frieden entgegen. Oder?!

Diejenigen von uns, die Geschwister haben oder mit anderen Kindern irgendwann in unserem Leben mal Streitigkeiten hatten, wissen: Wenn dich der oder die andere haut, dann hau am besten zurück so fest du kannst. Dann hört das Gegenüber direkt auf. Oder?!

Seltsam eigentlich, dass sich etwas, das sich doch weder im Kleinen noch im Großen jemals wirklich bewährt hat, plötzlich wieder als sinnvoll, als zielführend gilt. Dass es sich in den letzten Monaten gar nicht heimlich, gar nicht still und leise seinen Weg zurück in unseren gesellschaftlichen Konsens gebahnt hat. Während Jesu Aufforderung als „unrealistisch“, als „naiv“ weggewischt wird.

Was passiert, wenn wir unser Verhalten verschieben von „Wie du mir, so ich dir“ nach „Wie Gott mir, so ich dir“? Vielleicht würden wir ja erleben, dass wir, wenn wir aus dem scheinbar unausweichlichen Spiel der sich hochschaukelnden Drohungen und Gegendrohungen aussteigen, gar nicht schwächer werden, sondern im Gegenteil freier und stärker?!

Gut, sagt ihr jetzt. Die Theorie klingt prima. Und ja, wir wollen alle versuchen, etwas netter zu sein, wenn wir heute beim Nachhausekommen der unmöglichen Nachbarin über den Weg laufen. Aber im großen Rahmen muss man doch auch vernünftig sein. Denn wie soll das funktionieren:

  1. „Liebet eure Feinde!“ Letztlich bleibt das doch utopisch. —Oder vielleicht nicht?! Liebet eure Feinde, ist das wirklich so weltfremd? Jesus selbst kann man diesen Vorwurf jedenfalls nicht machen. Ihm geht es hier um viel mehr als eine schöne fromme Idee. Es geht ihm um die direkte praktische Umsetzung. Unser Bibeltext ist eingebettet in die sog. Feldrede (quasi Lukas’ Version der Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium). Und direkt im Anschluss an diese Rede schildert Lukas, wie Jesus in Kapernaum den Knecht eines Hauptmanns der römischen Besatzungsmacht heilt. Moment mal: Die Römer, das waren doch die Feinde Israels? Und was macht Jesus? Er heilt einen von ihnen. Und zeigt uns so, ganz ohne Worte: Es lohnt sich, immer wieder mal zu hinterfragen: Wer ist denn überhaupt mein Feind? Und wer ist mein Mitmensch, der mein Verständnis, meine Hilfe, meine Zuwendung braucht? Populistische Parteien schüren ja oft Ängste, indem sie Feindbilder an die Wand malen, Stereotype über „uns“ und „die anderen“ heraufbeschwören. Sobald wir jedoch jemanden von „denen da“ persönlich kennen lernen, wird oft unsere Wahrnehmung viel differenzierter. Selbst will ich schließlich auch nicht auf meine Nationalität oder Hautfarbe reduziert werden — ich bin doch viel mehr als das.

Okay, sagen wir vielleicht, aber Jesus war ja auch Gottes Sohn. Und das ist ja alles sehr lange her. Wie soll das denn funktionieren, so ein radikales Aussteigen aus der Logik von „Wie du mir, so ich dir“? Heute, in unserer Gesellschaft? Nun ja, ein Blick in die Geschichte zeigt: Er ist nicht der Einzige geblieben!

  • In Pennsylvania hat der Quäker Benjamin Lay als einzelner Privatmann (!) jegliche durch Sklavenarbeit entstandene Waren boykottiert und Gastgeber, die Sklav_innen hatten, gemieden. Ein Vierteljahrhundert individuellen Boykotts und Agitation haben dann 1758 dazu geführt, dass die Quäker in Philadelphia die Sklavenhaltung geächtet haben. Die Quäker und auch andere christliche Gruppen haben durch ihr anhaltendes gewaltfreies Handeln entscheidend dazu beigetragen, dass Sklavenhandel und Sklaverei in immer mehr Ländern gesetzlich verboten wurden.
  • Im Jahr 1955/56 fand in Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, der berühmt gewordene Busboykott statt, ausgelöst von Rosa Parks und mit organisiert von Martin Luther King jr.: Ganz ohne Gewalt war das ein entscheidender Protest gegen die Politik der Rassentrennung in den USA.
  • In Deutschland wurde nach dem 2. Weltkrieg das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als Grundrecht im Grundgesetz verankert.
  • Seit 1983 gibt es das Kirchenasyl, mit dem Schutzsuchende vor einer Abschiebung bewahrt werden können.
  • Die Montagsdemonstrationen in der DDR haben 1989/90 zur Friedlichen Revolution, zur Wende, geführt. Genau heute vor 36 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer, lasst uns daran denken: Was für ein — ganz reales — Wunder!

Bei all diesen friedlichen, gewaltfreien Aktionen haben Christinnen und Christen eine entscheidende Rolle gespielt. Sie waren ver-rückt genug, um über bestehende Rahmen hinaus zu denken und zu handeln. Sie haben sich von Gott herausfordern lassen, haben sich etwas zumuten lassen und anderen etwas zugemutet. Haben genug von Gott erwartet, der unseren Verstand übersteigt, um etwas zu wagen.

So wünsche ich mir auch für uns Glauben und Leben als Kirche Jesu in dieser Welt. Glauben, der tiefer verwurzelt ist als auf der Oberfläche unseres Alltags. Eine Kirche von Menschen, die mehr erwarten als das, was wir logisch fassen können. Und die darum auch mutig handeln.

Die sich nicht gemütlich einrichten, sondern als lebendige Fische gegen den Strom schwimmen. Die hoffen, wo nach menschlichem Ermessen kein Grund zur Hoffnung mehr ist. Darum: „Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.