Predigt Rogate 2020, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Predigt Matthäus 6, 5-15

„…und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“

 

Liebe Gemeinde,

Hand aufs Herz – haben Sie in den letzten Wochen während die Herzogenrather Kirchenglocken angesichts der Pandemie jeden Abend um 19:30 Uhr zum Gebet aufgerufen haben das eine oder andere Mal ein stilles Gebet gesprochen? Von einigen habe ich gehört, dass sie sich jeden Abend um 19:30 Uhr zum Gebet – eine jede und ein jeder für sich – verabredet haben. Es stärkt und motiviert, wenn wir wissen, wir sind mit anderen zur selben Zeit im Gebet verbunden. Und für viele mag das Läuten, wenn sie es je nach Windrichtung gehört haben, zumindest ein kurzes Innehalten – vielleicht verbunden mit einem Stoßseufzer oder ein kurzes: „Herr, erbarme dich“ verbunden gewesen sein.

Aber all die, die auf das Läuten zum Gebet geachtet haben und sich dadurch als Gemeinschaft – trotz des Abstandsgebot und der ausgesetzten Gottesdienste – erlebt haben, ist eines gemein. Sie haben hingehört und sich – und sei es nur für einen kurzen Moment – auf Gott hin ausgerichtet. Andere haben davon gehört, dass die christlichen Kirchen zu einem Gebet aufrufen und auch wenn sie sich nicht beteiligt haben, fanden sie einen Glockenaufruf zum Gebet angesichts der Pandemie und den damit verbundenen Ängsten und Sorgen angemessen. Wer wollte, konnte hören, sich mit anderen verbunden wissen und wahrnehmen, dass Menschen stellvertretend für die Erkrankten, die Helferinnen und Helfer und die um ihre Toten Trauernden eintreten.

Wiederum gab es andere, die sich in ihrer Abendruhe gestört fühlten, weil ein zusätzliches Läuten im öffentlichen Raum erschallte. Wir haben als Gemeinde von einem Mitbürger eine Beschwerde erhalten, der das Läuten als echte Störung und Minderung seiner Lebensqualität empfand.

Angesichts der Äußerung Jesu zum öffentlichen Gebet – „wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu“ (V.6) – könnte der Eindruck entstehen, dass Jesus ein öffentliches Gebet und damit auch ein Glockenläuten zum Gebet ablehnt. Drückt sich also in der Beschwerde – und diese ist ja in der jüngsten Vergangenheit aufs Gesamte gesehen in unserer pluralistischen Gesellschaft landauf und landab nicht neu, nicht der Geist Jesu aus, der das Gebet in den verborgenen Raum verlegen will?

Gerade wo wir wissen, wie schädlich für die Gesundheit Lärm sein kann – unabhängig wie subjektiv das Läuten der Glocken empfunden wird – stellt sich diese Frage für uns um so dringender: Ist es noch zeitgemäß zu unseren Gottesdiensten und zum Gebet vernehmbar und manchmal auch sehr lange mit lautem und mächtigem Glockengeläut zu läuten?

Noch scheint es so zu sein, dass das Läuten von einer großen Mehrheit akzeptiert und getragen wird. Viele Menschen sehen und empfinden darin eine Fortsetzung und ein eingebettet sein in die abendländische christliche Kultur. Anders fällt das Urteil schon aus, wenn die Muslime zu ihrem Freitagsgebet öffentlich aufrufen. Für den Ruf des Muezzin gibt es nur eingeschränkte Genehmigungen.

Wenn ich die Worte Jesu richtig einordne, wendet er sich gegen jede Zurschaustellung des Gebets. Das Gebet, sagt Jesus, ist etwas, was sich jeder Machtdemonstration und letztlich auch jeder Öffentlichkeit entzieht, da seine Kräfte im Verborgenen wirken.

Das bedeutet für unseren Kontext, dass wir als Gemeinden vor Ort auf die Beschwerden sensibel eingehen sollten und – wie wir es auch schon getan haben – nach Lösungen schauen, die einen Konflikt wegen des Läutens befrieden. Zumindest sollten wir uns die Frage stellen, ob die Beschwerde angemessen ist. Ein Beleidigtes – wir machen es aber, weil es immer schon so war – ist hier nicht angemessen. Eben so wenig ein Vorschnelles und zuvorkommendes Einschränken des Läutens.

Denn anders als zur Zeit Jesus ist unser Alltag nicht durch viele religiöse Rituale geprägt und strukturiert. Die Religion ist in unseren Breitengraden fast ausschließlich in das Private abgewandert und prägt das öffentliche Leben nicht mehr selbstverständlich. Es gilt der Konsens: Religion ist Privatsache. Das lässt sich soziologisch darlegen. Es gibt kaum ein größeres Tabu als über seinen Glauben im Alltag zu sprechen.

Liebe Gemeinde, als evangelischer Christ freue ich mich über jedes Zeichen des Glaubens – und sei es noch so unscheinbar wie manch verwittertes Wegkreuz im öffentlichen Raum. Auch unsere Kirchengebäude – selbst, wenn sie entwidmet sind – sind Zeugen einer anderen Welt. Sie weisen auf das Verborgene hin.

Auch deshalb liebe ich das Kirchengeläut, weil es hörbar die Menschen erinnert, Gott mit Lob, Dank und Bitte zu begegnen. Ich glaube, dass diese sinnlichen Zeichen einer pluralistischen Gesellschaft gut zu Gesichte stehen, weil sie Trost und Halt spenden in einer sich schnell verändernden Gesellschaft.

Natürlich ist das Gebet kein Selbstzweck, es steht jeder Verzweckung entgegen – wie Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zurecht lehrt. Das Gebet ist immer auf Gemeinschaft angelegt. Das Beten allein im stillen Kämmerlein – so nötig und wichtig auch diese Gebetskultur ist – birgt die Gefahr, in sich zu verkümmern.

Es hat mich schon sehr verwundert, dass ein Kollege aus dem Kirchenkreis ernsthaft meinte, dass das Gebet im stillen Kämmerlein jetzt das Gebot der Stunde sei und den Gottesdienst vollständig ersetzen würde. Eben nicht.

Nein, beide Gebetsformen sind wie Ein- und Ausatmen. Die eine Gebetsform lebt von der anderen und umgekehrt. Mein persönliches Gebet lebt und wird oft genug, wenn mir die Worte versagen, vom Gebet in der gottesdienstlichen Gemeinschaft getragen. Und anders herum werde ich durch das gemeinsame Beten angeregt zum persönlichen Gebet.

Beten ist zutiefst ein kommunikativer Akt und führt aus der Vereinzelung heraus. Daher lehrt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger, wenn ihr betet, so sprecht: Vater unser…

Das Grundgebet der Christenheit ist ein Gemeinschaftsgebet: Es heißt nicht: „Mein Vater“, sondern „Unser Vater“.

Jeder kommunikative Akt weist über sich hinaus. Daher können die Religionen gar nicht anders als äußerlich sicht- und erkennbar werden. Darum läuten wir auch die Glocken. Wir rufen zum Gebet – und beim „Vater unser“ – läutet die Vater-Unser-Glocke. Der öffentliche Raum wird so weit die Glocken tragen in das Gebet mit hineingenommen. Wir dürfen uns freuen, dass wir in einem Land leben, wo wir unseren Glauben leben dürfen, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich. Das Läuten ist eine Einladung mitzubeten. Nur wer sich im Gebet übt, wird aus der Kraft des Gebets sein Leben führen können. Das ist unser Zeugnis und unser Geschenk für die Welt. Daran lasst uns festhalten.

Amen

 

 

Andacht zum Sonntag Jubilate, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

„Jauchzt Gott alle Lande! Lobsingt zur Ehre SEINES Namens! Rühmt IHN herrlich!“

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das biblische Votum, das dem heutigen Sonntag seinen Namen gibt. Jauchzt. Jubelt. Lobsingt Gott, und ehrt IHN, „der alles so herrlich regieret“.

Ewiger Gott, vielen von uns bleibt in diesen Tagen außerordentlicher Herausforderungen das Lob vollkommen im Hals stecken.

Dort, wo DU Gemeinschaft gewollt hast, sind wir – auch mitten in der Gemeinschaft – auf uns selbst gestellt.

Dort, wo wir auf Nähe und Wärme hoffen, müssen wir kalte Distanz erfahren. Von oben verordnet.

Sterbende werden allein gelassen. Und Schwerstkranke warten vergeblich auf die Nähe vertrauter Menschen.

EWIGER, das Jubeln bleibt uns im Hals stecken.

Wir dürfen einander nicht mehr ins Gesicht schauen. Erkennst DU auch, dass wir dadurch auch DICH nicht mehr so erkennen können und dürfen, so wie DU wirklich bist, so, wie DU uns begegnen willst: in unserem Nächsten.

So wie sie, unsere Nächsten bist DU für viele von uns fremd und fern geworden. Wir verstehen nicht. Aber wir wollen an DIR festhalten.

Wir wollen einstimmen in den Lobgesang, der DIR zu Ehren von alters her erklingt. Weil Menschen sich zu allen Zeiten daran erinnern: DU führst durchs finstere Tal und deckst uns den Tisch im Angesicht unserer Feinde. DU salbst unser Haupt. Und lädst uns zum Leben ein. DU schenkst uns voll ein. Schon mitten im Untergang. Und lädst uns damit zur Feier des Lebens schon JETZT ein. Darum bekennen wir mit dem Beter aus alter Zeit, gegen alle Zeitströmungen dieser Zeit schon jetzt:

„Jauchzet Gott, alle Lande! / 2 Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich! 3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht. 4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir, lobsinge deinem Namen. Sela. 5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. 6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, / sie gingen zu Fuß durch den Strom; dort wollen wir uns seiner freuen. 7 Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, / seine Augen schauen auf die Völker. Die Abtrünnigen können sich nicht erheben. 8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, 9 der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“ (aus Ps.66)

Bewahrt und gehalten. Im Leben. Im Sterben. Im Gelingen. Und in der Krise.

Darum: „Ehre sei GOTT in der Höhe und auf Erden Fried den Menschen ein Wohlgefallen.

Allein Gott in der Höh´ sei Ehr
Und Dank für seine Gnade,
Darum daß nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Schade.
Ein Wohlgefalln Gott an uns hat;
Nun ist groß Fried ohn Unterlaß,
All Fehd hat nun ein Ende.“

Es ist das Vertrauen auf Gottes Wirken, das uns in unserem Leben die Kraft verleiht, weiterzugehen,

auch, wenn das Tal dunkel wird.

Es ist das Vertrauen auf Gottes Wirken, das uns daran festhalten lässt, dass ER das Werk SEINER Hände dem Verfall nicht preisgeben wird.

Es ist das Vertrauen auf Gott, das uns darin sicher macht, dass ER uns Hilfe und Rettung schicken wird.

Zur rechten Zeit. Es ist das Vertrauen in Gott, dass uns dadurch fähig macht, weiterhin einzutreten für die Schöpfung, die ER uns anvertraut hat. Amen.

Wenn Sie mögen, singen Sie mit. Vielleicht unterstützt von einer Datei auf Youtube o.ä.: Gott gab uns Atem, damit wir leben…

Link: https://www.youtube.com/watch?v=ThOZayivG-k

Gnade sei mit uns. Und Friede. Von GOTT unserem Vater. Und unserem HERRN, Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Lesenden in nah und fern!                  Dieser Sonntag „Jubilate“ neigt sich schon dem Ende zu, während ich diese Zeilen schreibe. Es war ein vergleichsweise „stiller“ Sonntag für mich. Noch immer kein gemeinsamer Gottesdienst. Kein Orgelspiel. Kein gemeinsamer Gesang. Ja, noch nicht einmal ein ganz zartes selbst angestimmtes Lied.  Selbst das statthabende Glockengeläut von 9:30h bis 9:45h heute Morgen habe ich irgendwie nicht mitbekommen.

Stattdessen Stille soweit das möglich war und ist. Beim Aufwachen mein Blick aus dem Fenster. Hinein in den Himmel. Zuerst eine geschlossene Wolkendecke. Noch einmal umdrehen. Wieder ein Blick in den Himmel. Viel, viel Blau. Aber wieder zunehmende Wolken. Da ist ein kleines blaues „Loch“ von Wolken umgeben. Mein Blick heftet sich an ihm fest. Um mich herum Ruhe und Stille. Und es dauert. Und dauert. Um zu erkennen, wie das Blau des Himmels langsam von sich verändernden Wolken bedeckt wird. Aber: Nicht weit davon tut sich dafür der Himmel auf und zeigt sein Leben einladendes Blau. „Jauchzt Gott alle Lande! Lobsingt zur Ehre SEINES Namens! Rühmt IHN herrlich!“ Auch – und manchmal vielleicht gerade – in der Stille!

Diese Stille. Ich nehme sie mit hinein in das Nachdenken über den eigentlichen Predigttext dieses Sonntags. (Johannes 15, 1 – 8) Der Weinstock und die Reben. Wie oft habe ich mich schon an ihm abgemüht. Mich gegen dieses „entweder – oder“ gestellt und gewehrt. Nein, es ging mir dabei nicht um ein „sowohl – als auch“.

Aber durchaus darum, dass ich es nicht glauben kann und will, dass DER, DER für alle das Leben erkämpft hat, einen verloren gibt. Egal, wie dieser zu IHM steht. Zu sicher bin ich, dass das letzte Wort DESSEN, DER durch den Tod ins Leben gegangen ist, für jeden von uns ein Wort der Gnade ist. „Wahrlich, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Kurz danach Stille. Und dennoch unendlicher Jubel. Jubel aber, den wir eben nur in der Stille hören können. Diese Stille. Ich nehme sie mit hinein in die Erinnerungen an zwei Hochzeiten, bei denen sich das Brautpaar genau diesen Text als das Evangelium ausgesucht hatte, das sie nicht nur durch diesen Tag, sondern auf den zukünftigen gemeinsamen Wegen ihres Lebens begleiten sollte. Der Weinstock und die Reben. Meine Bilder dazu. Weinpflanze. Sie gedeiht eigentlich nur, wenn man sie paarig anlegt. Sie hegt und pflegt. Ja, und auch immer wieder einmal beschneidet und zur rechten Zeit aberntet. Sicherlich braucht es auch den richtigen Boden und die entsprechende Umgebung, um irgendwann ausreichend gehaltvolle Weine abfüllen zu können. Der alte Schlossberg in Arnsberg, wo ich zuletzt junge Weinpflanzen gesehen habe reicht dafür möglicherweise doch nicht aus. Selbst wenn dort vor allem resistente Rebsorten angepflanzt werden. —-

Wie lange mag es dauern, bis wir gegen manches, was uns im Leben als Herausforderung begegnet, derart resistent werden, dass wir es nicht verachtend beiseiteschieben, uns aber auch nicht von ihm in unserem Dasein und Sosein so beeinflussen lassen, dass unser je eigenes Leben Gefahr läuft, nicht mehr wirklich gelebt werden zu können?! Denn ja! Wir sind eingeladen zum Leben. Zur Feier des Lebens. Denn: „Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, 9 der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“ Mitten in jeglicher Untergangsstimmung ist uns Lebenssicherheit verheißen. Und dort, wo kein Lobgesang angezeigt zu sein scheint, stimmt die Stille ihren ganz eigenen Lobgesang an.

Stille. In unterschiedlichen Facetten. Manchmal unterbrochen. Schon vor den ersten Unterbrechungen heute Morgen nehme ich ein Buch mit hinein, das mich durch diesen ganzen Tag begleitet. Margot Käßmann: „SEHNSUCHT nach Leben“. Wie viele der hier beschriebenen Gedanken und dargestellten Bilder wecken ganz eigene Gefühle in mir. Gestern, als ich zum ersten Mal in dieses Buch hineingelesen habe, bin ich auf der ersten Seite das erste Mal ins Stocken geraten. Als ich las: „Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben“.  (1)

Ja! Ich will an eine Zukunft glauben, der ich frei entgegen gehe. Ohne aber die Wurzeln vergessen zu haben, die mich halten und tragen. Denn ohne sie bin ich wie ein Blatt im Wind. Schon im Flug dem Verfall anheimgestellt.  Und dann kommt jenes Kapitel, von dem ich denke, das kannst Du schnell überlesen. SEHNSUCHT nach Freiheit. Habe ich nicht alle Freiheit der Welt? Und dann auf einmal: In und aus wie vielen auferlegten und selbstgeschaffenen Verliesen heraus erschaffe und gestalte ich eigentlich mein Leben? Ordne mich unter. Schweige, wo ich reden könnte und sollte. Lasse mich bestimmen, fremdbestimmen, wo ich gerne einen ganz anderen Weg gehen würde. Schweige. Aus Angst. Aus Bequemlichkeit. Aus Scham. Dabei bin ich doch eigentlich vom Grund auf berufen zu der Freiheit, „selbständig zu denken, mich nicht durch vorgegebene Regeln und Normen anderer begrenzen zu lassen und die Freiheit, Neues zu wagen.“(1)

Ja, ich darf meine Füße in einen neuen, unbekannten, weiten Raum zu setzen. In der berechtigten Hoffnung, die Wege auch dort nicht allein gehen zu müssen. Sondern immer wieder einen Hinweis zu finden, der mich auf den Weg zum Ziel hinführt. Selbst wenn ich mich einmal schwer verlaufen habe. Denn: „Wer an Gott glaubt, darf das eigene Leben leben, ohne sich von Vorgaben, Ideologien, Maßstäben, Gesetzlichkeiten anderer bevormunden zu lassen.“ Denn: „Wir sind zuallererst frei, weil Gott uns liebt.“ (1)

In meiner Stille dieses Sonntags, der zu lautem Jubel und Lobgesang einlädt, blicke ich wiederholt auf die Bilder, die das Kapitel „Sehnsucht nach Freiheit“ einrahmen. Eine ganze Seite dunkles Blau. Am Anfang ein schmaler Spalt, durch den das helle Licht der Sonne, eines – wie auch immer gearteten Lichtes – hereinstrahlt. Ein Spalt, der sich nach und nach Bahn bricht. Dessen Licht im Wesentlichen den Raum erfüllt. Ohne ihm seine Grundfarbe, sein Grundbefinden zu berauben. Auch wenn er es verändert. Die Farben erinnern mich an die Patena. Die Mutter Gottes in ihrem blauen Mantel. Und den gekreuzigten Sohn, meinen Heiland, den sie nach seinem Tod in den Händen hält. Stille. Trauer. Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem HERRN. Amen.

 

Es müssen, Herr, sich freuen von ganzer Seel und jauchzen hell, die unaufhörlich schreien: »Gelobt sei der Gott Israel‘!« Sein Name sei gepriesen, der große Wunder tut und der auch mir erwiesen das, was mir nütz und gut. Nun, dies ist meine Freude, zu hangen fest an dir, dass nichts von dir mich scheide, solang ich lebe hier.

Herr, du hast deinen Namen sehr herrlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Du hast mir Gnad erzeiget; nun, wie vergelt ich’s dir? Ach bleibe mir geneiget, so will ich für und für den Kelch des Heils erheben und preisen weit und breit dich hier, mein Gott, im Leben und dort in Ewigkeit.

Lasst uns alles, was uns bewegt zusammenfassen in den Worten, mit denen schon unser HERR gebetet, die ER uns überliefert hat, in denen alle unsere Bedürfnisse aufgehoben und ausgesprochen sind und die uns verbinden mit unzähligen Menschen auf der ganzen Welt:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

1) Wer unterm Schutz des Höchsten steht, im Schatten des Allmächtgen geht,
wer auf die Hand des Vaters schaut, sich seiner Obhut anvertraut,
der spricht zum Herrn voll Zuversicht: Du meine Hoffnung und mein Licht,
mein Hort, mein lieber Herr und Gott, dem ich will trauen in der Not.

2) Er weiß, dass Gottes Hand ihn hält, wo immer ihn Gefahr umstellt;
kein Unheil, das im Finstern schleicht, kein nächtlich Grauen ihn erreicht.
Denn seinen Engeln Gott befahl, zu hüten seine Wege all,
dass nicht sein Fuß an einen Stein anstoße und verletzt mög sein.

3) Denn dies hat Gott uns zugesagt: Wer an mich glaubt, sei unverzagt,
weil jeder meinen Schutz erfährt; und wer mich anruft, wird erhört.
Ich will mich zeigen als sei Gott, ich bin ihm nah in jeder Not;
des Lebens Fülle ist sein Teil, und schauen wird er einst mein Heil.

Der Herr segne Dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden. Amen.

Anmerkung:

Margot Käßmann (Autorin): Sehnsucht nach Leben, Mit Bildern von Eberhard Münch. adeo, 2. Auflage 2015, Klappenbroschur, 176 Seiten, Preis: antiquarisch

 

Preisen und Loben, Andacht von Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Mittwochsgedanken in der 3. Woche nach Ostern (29.04.2020)

Gnade sei mit uns von Gott unserem Vater und unserem HERRN Jesus Christus. Amen.

Altarfresko, Hohnekirche Soest, Foto Christoph Fleischer

Liebe Schwestern und Brüder!

Gedanken in der Wochenmitte. Festgemacht am Psalm der heutigen Eucharistiefeier unserer katholischen Schwestern und Brüder. Psalm 103. „Lobe den HERRN meine Seele und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Loben den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat: der dir all deine Sünden vergibt und heilet all Deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen  Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler …. (V. 1 – 3)

Preisen und Loben. Das bleibt in diesen Tagen vielen im Halse stecken. Wenn überhaupt, unverständliches Röcheln kommt aus vielen Kehlen, das auch an das Röcheln derer erinnert, die bei jedem Atemzug um ausreichend Sauerstoff ringen. Und viele von uns formulieren sicher ihre Gebete in diesen Tagen ganz anders. Und mit einer Vielzahl von „Warum – Fragen“. Loben angesichts von Einschränkungen fällt vielen von uns schwer. Aber dennoch: Wenn wir genau hinschauen: Für wie vieles gilt es eigentlich trotz allem und gegen alles auch heute noch zu danken?! Die frei gesetzte Zeit ermöglicht es mir, mich mit meinem Herzenmensch auf den Weg zu machen. Zu Fuß. Lange Spaziergänge. Fernab der „Zivilisation“. Mitten in der Natur. Ich erlebe Natur wieder ganz elementar. Mit allen Sinnen. Gut, das Schmecken habe ich bislang ausgenommen. Obwohl „es mich immer wieder schon mal gejuckt hat“, ein Gänseblümchen zu pflücken. Und einfach nur hinein zu beißen. Oder einen Löwenzahn. Oder ein paar Blätter Bärlauch.

Mit dem Rad. Plötzlich nicht mehr die kürzeste Verbindung zwischen zwei Ortschaften nehmen. Durchaus aber für den Radfahrer sicherere und bescheidene (Um)Wege in Kauf nehmen, als jene, die uns schnell, manchmal zu schnell ans vermeintlich richtige Ziel führen. Und dabei dann vollkommen Neues entdecken. Oftmals verbunden auch mit der Aufforderung an Richtungsentscheidenden Punkten: „Warte mal bitte. Ich muss mich mal eben orientieren. Ich muss mal schauen, wo wir jetzt sind.“

„Lobe den HERRN meine Seele und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Loben den HERRN meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat.“

Jetzt, beim entschleunigten Schreiben, beim bewussten Erleben der Natur fällt mir ein altes Evangeliumslied ein, das ich schon oft an bestimmten Punkten in meiner Umgebung im Auto gesungen habe. Zu dem mir aber eben beim Radfahren im Moment noch die Puste fehlt. Wer mag, kann es ja auf youtube anklicken und gerne, wenn ihm danach ist, mitsingen:

1) Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,
die Du geschaffen durch Dein Allmachtswort,
wenn ich auf alle jene Wesen achte,
die Du regierst und nährest fort und fort,

Refr.: dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!
Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!

2) Blick ich empor zu jenen lichten Welten
und seh der Sterne unzählbare Schar,
wie Sonn und Mond im lichten Äther zelten,
gleich goldnen Schiffen hehr und wunderbar,
Refr.: dann jauchzt mein Herz …

3) Wenn mir der Herr in Seinem Wort begegnet,
wenn ich die großen Gnadentaten seh,
wie Er das Volk des Eigentums gesegnet,
wie Er’s geliebt, begnadigt je und je,
Refr.: dann jauchzt mein Herz …

4) Und seh ich Jesus auf der Erde wandeln
in Knechtsgestalt, voll Lieb und großer Huld,
wenn ich im Geiste seh Sein göttlich Handeln,
am Kreuz bezahlen vieler Sünder Schuld,
Refr.: dann jauchzt mein Herz … „Preisen und Loben, Andacht von Emanuel Behnert, Lippetal 2020“ weiterlesen

Rachegelüste, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Predigt 1. Petrus 2,21-25                                                                    25. April 2020

Christus „der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet.“ (23)

Liebe Gemeinde,

in seinem neuesten Roman „Das zweite Schwert“ erzählt Peter Handke eine Rachegeschichte. Eines Tages überkommt den Ich-Erzähler das dringende Bedürfnis, sich an einer Kritikerin zu rächen. Die Kritikerin hatte ihn und seine Mutter in einem Magazin auf das Schärfste verunglimpft. Wie so oft hatte er die Kritik hinuntergeschluckt, er hatte sich geärgert, aber es nicht weiter in sich brodeln lassen. Jetzt aber verspürt er den dringenden Wunsch, diese Kritikerin zu töten. Dafür bricht er auf, macht sich auf den Weg. Da er nicht anders kann als wahrnehmen, was er auf dem Weg sieht, werden seine Sinne immer wieder von der Schönheit der Natur betört. Auch begegnet er Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch und erkennt sehr klar, was diese Menschen mit ihren kleinen und großen Schwächen besonders „schön“ macht.

Der Roman ist eine Maigeschichte. Die Natur sprießt, grünt und entfaltet ihre Farbenpracht. Unbewusst irrt der Protagonist durch die Landschaft, kommt an einer Klosterruine vorbei und achtet auf kleine Zeichen auf dem Weg. Immer wieder mahnt ihn eine innere Stimme, sich an der Kritikerin zu rächen und sie endlich schnurstracks aufzusuchen. Doch er wird unterwegs vom prallen Leben auf andere Wege geführt. Zum Schluss befindet er sich in einem großen Saal. Die Tische sind gedeckt. Es herrscht eine vitalisierende und freudige Atmosphäre, die Menschen wenden sich einander zu und erzählen sich ihre Geschichten. Was soll er erzählen? Was bewegt ihn zutiefst?

Dann erkennt er unter den Menschen auch seine Kritikerin. Als er richtig hinschaut, sieht er, dass sie sich in einer Talkrunde mit anderen ihrer Zunft unterhält. Aber sie sitzt nicht an einem Tisch, sondern ist nur auf einer Leinwand zu sehen. Er kann gar nicht zu ihr, um sie zur Rede zu stellen. Sie ist nicht dabei. Sie gehört nicht dazu. Sie ist nicht zum Fest eingeladen. Da dämmert es ihm, dass es das Schlimmste ist, nicht dazu zu gehören. Er muss sich gar nicht mehr an ihr rächen. Ein Gefühl der Erleichterung, nicht zum Mörder geworden zu sein, überschwemmt ihn. Freude durchströmt ihn. „Rachegelüste, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020“ weiterlesen

Gottesdienstentwurf Miserikordias Domini, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Miserikordias Domini 2020

Wenn auch immer noch räumlich voneinander getrennt, so kommen wir doch auch an diesem Sonntag – wie gerade in dieser Zeit an vielen Tagen auch innerhalb der Woche zusammen. Um gemeinsam vor Gott zu treten. Um uns darin gewiss zu machen, dass ER in unserer Mitte, in unserer Lebensgegenwart gegenwärtig ist. Dass ER uns mit dieser SEINER Gegenwart umschließt, auch, damit wir unsere Gemeinschaft auf neue und ganz eigene Weise erfahren können und dürfen. Sie leben dürfen, in der Gewissheit, niemals allein gelassen zu sein. Selbst, wenn wir meinen ins Bodenlose zu fallen. Wir fallen nie tiefer, als in die Hand DESSEN, in DESSEN Namen wir uns versammeln:

+Im Namen des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes + Amen. SEIN Friede und SEINE Gegenwart kommen auf uns, umhüllen uns und geben uns Kraft und Mut, die anstrengenden Herausforderungen der Zeit dankbar anzunehmen, in der Gewissheit, dass wir sie nicht alleine tragen müssen. Amen.

Eine Einladung zum Lied, das mithilfe eines Youtube Videos auch in Gemeinschaft gesungen werden kann (EG 358):

1) Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.
Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

2) Er kennet seine Scharen am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut;
der aus dem Wort gezeuget und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget und mit dem Wort sich wehrt.

3) Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet, frei und kühn,
die wundersame Pflanze, die immerdar ist grün.

4) Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht;
die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.

5) So hilf uns, Herr, zum Glauben und halt uns fest dabei;
lass nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn,
so lass uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn!

Lasst uns miteinander den Psalm des heutigen Sonntags beten. Gebetsworte, die Menschen zu allen Zeiten Trost, Halt und Hilfe gewesen sind. Weil sie sie daran erinnert haben, nicht allein gelassen zu sein. Auch, wenn Vieles, wenn Alles dagegen zu sprechen schien:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. (Psalm 23)

Jesus, du Hirte unseres Lebens,
zu dir kommen wir als erwachsene Menschen,
mit unserer Erfahrung, das Leben zu gestalten.
Wir fühlen uns stark und voller Ideen
und fragen oft nicht nach dir.
Jesus, du Hirte unseres Lebens,
manchmal sind wir bedürftig wie Kinder.
Wir gehen unsere eigenen Wege
und möchten doch, dass du sie mitgehst
und uns hilfst, wenn es schwierig wird.
Mit diesem Zwiespalt kommen wir zu dir.
Erwachsen und Kind zugleich, stark und bedürftig.
Nimm uns sanft an die Hand oder auf den Arm,
geh mit uns und führe uns zum guten Leben.
Schenk uns Orientierung durch dein Wort.

Lass uns darauf vertrauen, dass Du Dich immer wieder zu uns auf den Weg machst, wenn wir uns verlaufen haben. Du suchst nach uns. Trotz allem.

Gib uns aber auch den Mut, selbst umzukehren, wenn wir merken, dass wir auf dem „Holzweg“ sind.

Führe uns von unseren unsicheren, oder auch selbstsicheren Wegen zurück auf den Weg, der der Weg zu DEINER Weide, zu unserer Heimat ist, in der wir Ruhe finden werden in DEINER Gegenwart.

Das bitten wir Dich, der DU lebst und herrscht in der Einheit mit dem VATER und dem HEILIGEN GEIST von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (1)

Die Gnade Gottes unseres Vaters und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder nah und fern!

Miteinander Gottesdienst feiern hat sich grundlegend verändert in den zurückliegenden Wochen. Einerseits sind Räume geschrumpft. Meine Gedanken erreichen plötzlich Menschen, die ich in den Kirchen und Gemeinden, in denen ich sonst Dienst tue, nicht angetroffen hätte. Andererseits sind Entfernungen scheinbar unendlich weit geworden. Denn jeder ist erstmals für sich allein. Sich selbst überlassen. Selbst der Weg zum unmittelbaren Nachbarn scheint kaum überwindbar. Auch wenn das hier, wo ich lebe, auf dem Land immer noch ein wenig anders aussieht.

Ich war gestern mit meiner Partnerin in einer Kleinstadt in der Nähe spazieren. Es war schön, einmal wieder ein paar Menschen zu begegnen. Wenn auch nur auf Abstand. Meine Partnerin hat es genossen in das ein oder andere Geschäft zu gehen. Hat sich nach Hosen umgesehen. Hat Tücher gekauft. Für die Maskenpflicht. Hat Beauty – Accessoires gekauft. Wir haben zusammen einen Cappuccino – to – go auf einer Bank in der Fußgängerzone getrunken. Aber gerade der Abstand zwischen den Menschen war immer und immer wieder zu spüren. Für mich am gravierendsten auf der Mauer um die Marienkirche am Marktplatz dieser kleinen Stadt.

Unbedingt die Abstandregeln einhaltend hatten sich Menschen hier mal kurz mal länger hingesetzt, um die Sonne zu genießen. Und vielleicht ein wenig Gemeinschaft, die es aber definitiv nicht gab. Bei aller scheinbaren Weite, die wir einhalten: Grenzen und Begrenzungen. Grenzen und Begrenzungen, in die hinein aber auch das „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ nachhallt, mit dem wir gerade unser Gebet beendet haben. Mitten in alle Grenzen und Begrenzungen, die wir – nicht nur derzeit – erfahren, sind wir zu einer umfassenden, Freiheit und Frieden schenkenden Grenzenlosigkeit eingeladen. Schon und gerade auch jetzt.

Diese Grundgedanken haben mich bewogen, über einen möglichen Predigttext des heutigen Sonntags nachzudenken, der in unseren protestantischen Gemeinden mitunter wenig Berücksichtigung findet. Einfach deswegen, weil Luther das Werk, dem er entnommen ist, in die sogenannten Apokryphen „verbannt“ hat und es vorab schon auch im Judentum nicht den Status einer „Heiligen Schrift“ erlangt hat.

Obwohl es immer und immer wieder in den unterschiedlichsten Ausgaben des Talmud gerne zitiert worden ist. Im Buch Jesus Sirach (Ben Sira; verfasst um 190 / 180 v.Chr.) heißt es im 18. Kapitel: „Was ist ein Mensch und was ist sein Nutzen? Was ist gut an ihm und was ist schlecht an ihm?

9 Die Zahl der Tage eines Menschen beträgt höchstens hundert Jahre, aber unberechenbar ist für einen jeden der Schlaf. 10 Wie ein Wassertropfen aus dem Meer und wie ein Sandkorn, so gleichen wenige Jahre einem Tag der Ewigkeit. 11 Deswegen war der Herr mit ihnen geduldig und goss über sie sein Erbarmen aus. 12 Er sah ihren Untergang und erkannte, dass er schlimm ist, deswegen vermehrte er seine Bereitschaft zur Versöhnung.

13 Das Erbarmen eines Menschen gilt seinem Nächsten, das Erbarmen des Herrn aber gilt allen Lebewesen. Er weist zurecht, erzieht und lehrt und führt wie ein Hirt seine Herde zurück. 14 Er zeigt Erbarmen mit denen, die Erziehung annehmen, und mit denen, die sich um seine Entscheidungen mühen.“

Was ist der Mensch? Eine Frage, die seit Menschengedenken Menschen beschäftigt und immer wieder zu neuen, zu anderen, zu ideologisch geprägten Ergebnissen führt.

„Was ist der Mensch?“ ist manchmal eine Frage in meiner Beerdigungsliturgie. Ja, ich habe sie, genauso wie die Antwort am Anfang meiner „Laufbahn“ von einem älteren Kollegen übernommen. Nicht unreflektiert. „Was ist der Mensch? – Er ist mehr als wir vor Augen haben!! Wertgeachtet der Liebe in den Augen Gottes erfüllt sich das vollkommene Menschsein, auch dieses Menschen, der nun die Herrlichkeit der Ewigkeit schauen wird.“.

Wie ganz anders klingt das, als das, was wir so oft über den einen oder anderen Menschen, oder gar über ganze Menschengruppen hören. Wertschätzung taucht auf. Achtung. Liebe. Unabhängig jedweder Herkunft, jedwedem sozialen Status.

Für alle klingt mit an, was der Beter in Psalm 8 so ausspricht: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt.“

Eine Ehre und Herrlichkeit, die allzu oft mit Füßen getreten wird. Weil Menschen meinen, sich an die Stelle Gottes setzen zu müssen. Und sich über Schwestern und Brüder erheben zu können. Wer erkennt, dass wir alle mit den gleichen Rechten und der gleichen Würde ausgestattet sind, kann und darf es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dass den Ärmsten das letzte Hemd und letzte Stück Brot geraubt und das Wasser abgegraben wird. Und dass Sterbende allein gelassen werden. Corona hin. Corona her.

Ja, unser Leben ist beschränkt. In unserem Text werden 100 Jahre genannt. In der Radioandacht von heute Morgen erzählte der stellvertretende theologische Leiter meiner Landeskirche von seiner ersten und dann folgenden Begegnung(en) mit einer bis dato völlig vitalen und lebensfrohen Dame an ihrem 103. Geburtstag, den sie mit viel Freude und Esprit gefeiert und genossen hat. Auch, wenn sie im Verlauf immer wieder einmal traurig erwähnte, dass der „liebe Gott“ sie wohl vergessen hat. Erst kurz vor ihrem Tod mit nahezu 105 konnte sie an ihrem Lebensende mit einem Lächeln im Gesicht sagen: „ER hat doch an mich gedacht.“

Ja, unser Leben ist begrenzt. Es währet 60, oder 70 Jahre. Oder eben 100. Oder 105. Die Begrenzung des Lebens verleiht unserem Leben einen tiefen Sinn. Denn sie entzieht uns der Beliebigkeit. Wir sind nicht gefangen in eine perpetuum mobile, einem „immer weiter so!“. Sondern eingeladen, einzutreten in den Durchgang zur Ewigkeit.

Auch wenn uns auf dem Weg dorthin, der, der sich unser GOTT nennt mitunter als der Fremde, der Unerkannte, der Ferne, der Abweisende darstellen mag. Ich bin sicher: Nicht erst seit jenem Tag, an dem ER selbst ans Kreuz gegangen ist, an dem ER alles Leiden und den Tod E R L E B T hat, ist ER bei allen, die leiden, die zweifeln, die verzweifeln. ER erträgt es auch, nicht erkannt zu werden. Aber ER gibt sich Mühe, dass man IHN irgendwann wieder wahrnimmt und erkennt: ER ist, ER war da.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem HERRN. Amen.

  1. Weil ich Jesu Schäflein bin,
    freu‘ ich mich nur immerhin
    über meinen guten Hirten,
    der mich wohl weiß zu bewirten,
    der mich liebet, der mich kennt
    und bei meinem Namen nennt.

    2. Unter seinem sanften Stab
    geh‘ ich aus und ein und hab‘
    unaussprechlich süße Weide,
    dass ich keinen Mangel leide;
    Und sooft ich durstig bin,
    führt er mich zum Brunnquell hin.

    3. Sollt‘ ich denn nicht fröhlich sein,
    ich beglücktes Schäfelein?
    Denn nach diesen schönen Tagen
    werd‘ ich endlich heimgetragen
    in des Hirten Arm und Schoß:
    Amen, ja mein Glück ist groß!

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns seinen Frieden. Amen.

Bleibt gesund und Gott befohlen, bis wir uns hoffentlich bald persönlich begegnen. Euer Emanuel Behnert.

(1) Birgit Neuhaus in Pastoralblätter 4/2020 zu Miserikordias Domini in Auszügen.