Walter Benjamin, Biografische Notiz, Markus Chmielorz, Dortmund 2015

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Der Faschismus hat Europa mit Gewalt, Mord und Krieg überzogen. Menschen haben Nachbar_innen, Freund_innen, Kolleg_innen denunziert, verraten, ausgeliefert – weil sie Jüd_innen waren oder Kommunist_innen, weil sie Lesben und Schwule waren oder psychisch krank.

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Foto: Coll de Rumpisó, Blick nach Portbou (c) Markus Chmielorz 2015

In Portbou, dem kleinen katalanischen Grenzort zu Frankreich laufen Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre die Flüchlingsrouten zusammen: Erst in die eine Richtung, nach Norden, auf der Flucht vor dem Franco-Regime, dann in die andere Richtung, nach Süden auf der Flucht vor der Barbarei des Nationalsozialismus.

Am 26. September 1940 stirbt der Philosoph Walter Benjamin in einer Pension in Portbou, ein Selbstmord aufgrund einer Überdosis Morphium oder doch Mord, bleibt heute ungeklärt. Er war zuvor mit Lisa Fittko aus dem französischen Banyuls-sur-Mer auf einer alten Route über den Coll de Rumpisó in die Freiheit aufgebrochen. Doch in Spanien angekommen, stellte sich sein Transitvisum als nutzlos heraus. Benjamin konnte nicht weiter durch Spanien nach Portugal reisen, um von dort in die USA zu gelangen, noch konnte er zurück nach Frankreich.

„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. ich werde nichts wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren, sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“ (Walter Benjamin, Passagen-Werk, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1982)

Der Erzähler gräbt unter den Füßen und legt die verschütteten Bedeutungen frei. Er hält uns den Spiegel vor, sei er auch noch so brüchig. Sein Passagenwerk, zugleich assoziativ und erzählerisch wie scharf analysierend und kritisch, folgt auch der Spur der „verdrängten ökonomischen Bewusstseinsinhalten eines Kollektivs“ und ist damit heute aktueller denn je.

Walter Benjamin in Portbou mit einer Beschreibung der Ruta Walter Benjamin
walterbenjaminportbou.cat

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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