Kontaktstudium im Sommersemester 2026 an der Evangelischen Fakultät der Universität Leipzig, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Leipzig, Fakultät Evangelische Theologie

Ein Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Joachim Leberecht

 

Einleitung

In meinem Erfahrungs- und Reflexionsbericht gehe ich exemplarisch auf belegte Übungen, Seminare und Vorlesungen ein. Auch fließen außeruniversitäre Erfahrungen wie der Besuch von Gottesdiensten in meinem Bericht mit ein. Andere belegte Fakultätsveranstaltungen sind nicht minder berichtenswert, jedoch würde eine ausführliche Besprechung den Rahmen des Berichts sprengen. Gleiches gilt für gelesene Literatur, Erstellung von Seminarprotokollen etc. Die belegten Veranstaltungen werden am Ende aufgezählt. Das Studium hat mich theologisch bereichert und Anregungen für meine Praxis und Grundsatzüberlegungen für gegenwärtige Prozesse auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene angestoßen.

Gottesdienst

Liturgisches Handeln

Begonnen habe ich mein Kontaktstudium mit dem dreitätigen ökumenischen Fachgespräch des Instituts für Wissenschaftliche Liturgie (IWL) der VELKD in Leipzig über das Thema Agende. Inhaltlich fortgesetzt wurde die Thematik praktisch theologisch in der im Sommersemester belegten Übung: Grundformen Liturgischen Handelns. Diese Übung mit den Studierenden hat mir methodische Impulse für die Ausbildungskurse für Lektorinnen und Lektoren im Kirchenkreis Aachen gegeben, die ich gemeinsam mit einer Prädikantin als Synodalbeauftragte durchführe. Besonders wertvoll war hier die Anregung, das Gottesdienst-Buch stärker in die Kurse miteinzubeziehen. Exemplarisch habe ich daraufhin Einheiten der Lektorenschulung überarbeitet.

KI und Liturgie

Ein weiteres Blockseminar beschäftigte sich mit KI und Liturgie. Da es als Zoom-Format konzipiert war, konnten kirchliche KI-Experten uns mit ihrer Expertise in KI-Welten und KI-Praktiken hineinnehmen. Praktische Übungen und Reflexion der Praxis haben Chancen und Grenzen der KI-Nutzung gezeigt. Auch ethische Fragestellungen, wie etwa Nutzung von Energieressourcen und Ausbeutung von Arbeitskräften im kolonialen Stil kamen zur Sprache. Die Frage um Nutzung von KI zur Vorbereitung von Gottesdiensten war für mich neu, ich merke aber, wie für viele jüngere Menschen das Werkzeug KI selbstverständlich auch zur Vorbereitung von Predigten und Gebeten gehört. Was das für die Ausbildung von Prädikant:innen und Lektor:innen bedeutet, aber auch insgesamt für die Vorbereitung von Gottesdienstfeiern und Verkündigung, sollte aufmerksam und theologisch kritisch begleitet werden. Meine eher intuitive Zurückhaltung KI als Werkzeug für die Gottesdienstvorbereitung zu nutzen, liegt an meiner eingeübten Handlungskompetenz. Ich bin gespannt, wie sich KI in Forschung und Praxis von kirchlichen Handlungsfeldern als Werkzeug entwickeln wird.

Enzyklika

Während meiner Studienzeit hat Papst Leo XIV. die Enzyklika „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Die Enzyklika pocht auf die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika bereichert das Feld der christlichen Ethik und Wahrnehmung der Welt. Der christliche Glaube hat der Welt immer noch und gerade mit seinem Menschenbild wesentliches zu sagen. Mit viel Respekt und verbunden in gemeinsamer Glaubenstradition begleite ich aufmerksam die Äußerungen des Papstes zu Frieden, Bewahrung von Schöpfung und Menschlichkeit, wie zuletzt bei seinem Besuch auf Lampedusa und sein Eintreten für Migrant:innen in einem Europa, das sich zunehmend abschottet. Für mich ist die öffentliche Stimme des Papstes zu ethischen Fragen, geprägt von einem christlichen Menschenbild und dem Evangelium Jesu Christi, eine Stärke des globalen Katholizismus in gegenwärtigen Transformationsprozessen.

Gottesdienste in Leipzig

Die Gottesdienstvielfalt in Leipzig ist atemberaubend. Besonders ist hier das wöchentliche Angebot von Motetten und Kantaten in der Nicolai- und Thomaskirche zu nennen. Die kirchenmusikalische Qualität nicht nur hier, sondern auch an den Rändern Leipzigs, ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland einzigartig. Das habe ich genossen. Allein das einwöchige Bachfest kam mit einem Tagesprogramm von Angeboten wie ein Kirchentag daher. Der Gottesdienstbesuch, nicht nur bei den überregional ausstrahlenden Innenstadtkirchen, ist sehr hoch. Nimmt der Gottesdienstbesuch in unserer Region dramatisch ab, scheint er in Leipzig stabil zu sein. Bekanntlich hat Sachsen prozentual gesehen den höchsten Gottesdienstbesuch mit 5,6% sonntäglicher Beteiligung der Kirchenmitglieder aller Landeskirchen. Auffällig waren für mich auch die vielen Erwachsenentaufen in den Gottesdiensten. Es verging kaum ein Gottesdienst, wo nicht eine Erwachsenentaufe stattfand. Trotz intensiver und sozialistisch forcierter Säkularisierung in der ehemaligen DDR, hat sich die Kirchenmitgliedschaft auf 15% – 18% (ev. u. kath.) der Bevölkerung in den östlichen Bundesländern eingependelt. Vielleicht langfristig eine Kennzahl für die Kirchenmitgliederzahlen im deutschen Sprachraum? Die erhöhten Taufbegehren führen nicht unbedingt zu einem Anstieg der Kirchenmitglieder insgesamt, aber zu bewussten und auch nachhaltigen Konversionen mit hoher Bereitschaft, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Noch nie ist mir im Westen auf die Mitteilung, dass ich Pfarrer sei, wie hier geantwortet worden: Ich bin auch Christin/Christ. Das ist nicht nur einmal geschehen. Es gibt hier eine Art der Frömmigkeit und Kirchenzugehörigkeit, die ich aus dem Rheinland nicht kenne. In einigen Gemeinden knieen sich Menschen beim Empfang des Abendmahls auf die nackten Fliesen und empfangen das Brot oral. Ein besonderer Ausdruck der Kommunion mit Gott. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden, die sich weit der Kultur und der Stadt öffnen und ihre großen alten Kirchen für Wave-Konzerte und andere Events öffnen. Bei den Theologiestudierenden gibt es neben liberalen auch ultra-konservative Einstellungen, wie zum Beispiel die Ablehnung der Frauenordination. Das hat mich irritiert. Wenn ich jedoch zurückschaue mit welchen theologischen Voreinstellungen ich begonnen habe Theologie zu studieren, lässt mich das dieses Phänomen etwas milder betrachten. Wichtig scheint mir, dass die theologische Auseinandersetzung in hermeneutischen Fragen im Studium stattfindet und nicht ein Zurückziehen in die eigene theologische Blase. Dann kann das Studium fruchtbar sein und zu Reflexionen der eigenen Überzeugung beitragen. Oder spiegeln sich in der Ablehnung der Frauenordination gesellschaftliche Strömungen, die auf ein rückwärtsgewandtes Männerbild setzen und ihrerseits ein Symptom von verunsicherten männlichen Identitäten sind?

Außer Taizé-Gottesdiensten und einem Ökumenischen Stadtgottesdienst sind mir hier keine Gottesdienste in anderer Form begegnet. Das scheint daran zu liegen, dass die klassischen lutherischen Gottesdienste mit ihrer Liturgie und der Kirchenmusik genug Kraft haben, Gottesdienstbesucher:innen zu binden. In einigen Gottesdiensten war die Anzahl von jungen Familien höher als die der älteren Generation. Es ist hier gang und gäbe, dass Kinder vor der Predigt den Kirchraum verlassen und eine eigene Katechese erhalten. Alles recht traditionell, aber hier funktioniert noch, was sich manche engagierten Gemeindemitglieder auch für unsere Gottesdienste und ihre Kinder wünschen, weil sie es so in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben oder auch in Freikirchen als Praxis kennen. Wo selbst der wöchentliche Kindergottesdienst im Rheinland kaum noch gefeiert wird, sondern sich andere Formate entwickelt haben, wird eine Praxis wie in Leipzig ins Leere laufen.

Auch die jüdische Gemeinde feiert regelmäßig ihre Schabbat-Feiern und Gottesdienste in einer den Krieg überstandenen, da in einer Häuserzeile integrierten, heute restaurierten Synagoge in der Innenstadt. Es war für mich eine Freude mit Kommiliton:innen an einer Schabbat-Begrüßung teilzunehmen. Der Rabbi gab uns eine Einführung in die Gemeinde und in die Liturgie. Da viele säkularisierte Juden aus Russland zur Gemeinde gehören, sieht der Rabbi seine Aufgabe darin, diesen Teil der Gemeinde in die Liturgie zu integrieren. Ein in Umschrift des Hebräischen herausgegebenes Gebets- und Gesangbuch mit vielen Psalmen und deutschen Texten ist dabei eine Hilfe. Die inbrünstige und leibbetonte Feier, das tranceartige Beten, das Umschalten von heilig zu profan während der Feier, die bewegte Gemeinde einschließlich der Kinder, waren ein lebendiges Zeugnis jüdischer Gottesdienstfeier. Kulturell beteiligt sich die Jüdische Gemeinde mit vielen Institutionen an der Jüdischen Woche, die sich unmittelbar an die Bachwoche anschloss.

Fragen an unsere Gottesdienstpraxis

Aus der Erfahrung der Schabbat-Begrüßung stellt sich mir die Frage, wie wir die liturgischen Schätze unserer Tradition weiter pflegen können, zumal der Gottesdienstbesuch abnimmt und damit auch eine mit der Liturgie vertraute Gemeinde. Bei aller Vielfalt der Zielgruppengottesdienste braucht es so etwas wie einen liturgischen Kanon und eine hohe liturgische Kompetenz, die andere Gottesdienstformate mitprägt und liturgisch gestaltet. Nur wer liturgischen Formen verinnerlicht hat, kann sie freier handhaben. Grundsätzlich müssen wir uns als Gottesdienstverantwortliche fragen: Ist die liturgische Schwelle unserer Agenden-Gottesdienste zu hoch? Produzieren unsere niedrigschwelligen Gottesdienste nicht eine Liturgievergessenheit, die schwer wieder einzufangen ist? Was ist ein Gottesdienst? Was ein Event? Was gibt es zu gewinnen? Was gibt es zu verlieren? Was verbindet? Wie werden unsere Gottesdienste emotionaler, ohne liturgisch zu verarmen? Oder anders gefragt: was hilft in der Moderne, Liturgie emotional zu erleben?

Nutzung und Rückbau von kirchlichen Gebäuden

Positiv überrascht und hoffnungsvoll für die Transformation unserer kirchlichen (Bau)-Landschaft bin ich, wenn ich sehe, wie vielfältig kirchliches Leben bei 15% des Bevölkerungsanteils in Leipzig ist. Zu bedenken ist allerdings, dass der kirchliche Gebäudebestand nicht derart überdehnt war wie bei uns. Ab den 60er bis weit in die 80er Jahre hinein musste ja jeder Pfarrer (hier bewusst männlich) in jedem Bezirk ein Gemeindehaus bauen. Es ist auch zu überdenken, wie viele Kirchen wir im Prozess des Rückbaus planen abzureißen, weil sie nicht mehr frequentiert sind oder nicht treibhausgasneutral benutzt werden können. Auch in Leipzig waren Kirchen im vierzigjährigen sozialistischen Dornröschenschlaf versunken, wurden fremdgenutzt oder von der Kirche wegen Geldmangels nur minimal in Schuss gehalten. Die Gemeinden haben sich aber diese Kirchen nach der Wende wieder als ihre Gottesdienststäten zurückgeholt. Das ist erstaunlich. Gefeiert wird auch in einer alten, kalten und nicht sanierten Kirche. Wir sind verwöhnt und haben zu hohe Ansprüche, nebst zu vieler Auflagen durch unsere Landeskirche und die staatliche Gesetzgebung. Das mindert Eigeninitiative und Neuaufbruch. Viele Kirchen in Leipzig haben einen Lost-Place-Touchund repräsentieren gerade dadurch das wandernde Gottesvolk und die Fragmentarität allen Lebens. Vor einem Abriss einer Kirche sollten wir in unserer Region und in der Landeskirche überlegen, ob der Schritt wirklich unausweichlich oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Auch für die Identität eines Quartiers oder eines Dorfes sind Kirchbauten, auch wenn sie gottesdienstlich nicht mehr genutzt werden, von hohem Wert. Sie bleiben ein Fingerzeig für die himmlische Dimension der menschlichen Existenz.

Religionssoziologie

Außer den Berichten und Analysen zu den diversen KMU habe ich mich vor meinem Kontaktstudium noch nicht ausführlich mit Religionssoziologie beschäftigt. Neben dem Judentum ist Religionssoziologie an der Evangelischen Fakultät in Leipzig ein Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Der Besuch der Vorlesung „Religion in Deutschland und Europa“ hat eine gute Übersicht und Einführung in religionssoziologische Fragestellungen vermittelt. Die grundlegenden religionssoziologischen Modelle von Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie und Marktmodell wurden mit ihren namhaften Vertreter:innen vorgestellt und diskutiert. Laut den neuesten Zahlen ist weltweit ein Rückgang von Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu verzeichnen. Selbst in Regionen, wo das charismatische oder das evangelikale Christentum stabil sind oder leicht wachsen (wie in den USA und Brasilien), gibt es insgesamt (langfristig) weniger Gläubige. Auffallend ist der Unterschied zwischen dem europäischen, eher liberalen, und dem nordamerikanischen, eher konservativen Christentum, wobei natürlich Europa sehr heterogen ist. Bilden Tschechien und die Niederlande die Spitze der säkularisierten Staaten, liegt z.B. Deutschland (hier großer Unterschied zwischen West und Ost) eher im oberen Mittelfeld bei der Religionszugehörigkeit seiner Bevölkerung. Ferner ist zu beobachten, dass ein eher konservatives konnotiertes Christentum (wie in den USA) vielfach organisiert in selbständigen Gemeinden stabiler ist als große religiöse Institutionen wie die katholische Kirche oder die evangelischen Kirchen. Inhaltlich geht das Erstarken der politischen Rechten im Westen mit einem stabilen und wachsenden konservativen bis fundamentalistischen christlichen Glauben einher (USA, Brasilien). Das Thema ist nicht neu, aber unter Trump aktuell, wird er doch von den meisten republikanisch wählenden Christen unterstützt.

Das Christentum vor der religiösen Indifferenz

In seinem Essay aus dem Jahr 2024: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ greift der katholische Theologe Jan Loffeld die religionssoziologischen Befunde auf, nimmt sie ernst und entwirft erste Schritte für ein neues Kirchenverständnis in der Gesellschaft. Dabei geht er über reine Religionssoziologie hinaus. Das gefällt mir, da Zahlen an und für sich erst einmal wenig aussagekräftig über eine lebendige und auch zukünftige Kirche sind. Im Folgenden formuliere ich meine Erkenntnisse aus Lektüre und Austausch mit Theolog:innen des Theologischen Salons des Kirchenkreises Aachen (Arbeitskreis: Zoom-Sitzung im Sommersemester 2026).

Zukünftige Kirche

Meiner Einsicht nach fällt es uns schwer, Bilder von einer zukünftigen Kirche zu entwickeln, da wir in Deutschland über Jahrhunderten zwei große Volkskirchen waren, manchmal fast deckungsgleich mit kommunalen Gemeinden. Wir sind weiter verliebt in den Selbsterhalt der Institution Kirche, drehen uns ständig um uns selbst und sind mit vielen anderen Institutionen im Optimierungswahn gefangen. Das führt nicht weiter und frustriert. Dazu kommen die verheerenden Auswirkungen der Missbrauchsskandale für das Vertrauen in die Institution Kirche und ihr Umgang mit Macht.

Das gesellschaftliche Christentum wurde trotz Aufklärung, atheistischen Strömungen, zwei Weltkriegen und Säkularisation von der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit nicht hinterfragt. Auch wenn das private und kirchliche Christentum vom gesellschaftlichen Christentum (D. Rösler) zu unterscheiden ist, war es doch Garant der Weitergabe von christlichen Werten und Kultur an die nächste Generation. Die lange selbstverständliche Weitergabe des Glaubens (und der Kirchenzugehörigkeit) bricht in der Generation der Kinder und erst recht der Enkelkinder der Boomer-Generation ab. Das habe ich in meiner über 35jährigen Berufsbiographie in den Gemeinden hautnah erlebt. Hier entlastet Religionssoziologie, da sie nachvollziehbar aufzeigt, dass leere Kirchen und Kirchenausstritte nicht an der Pfarrperson oder an der Gemeinde liegen, sondern in einer sich verändernden Gesellschaft (Megatrend: Säkularisierung, Individualisierung, Modernisierung). Was also in dieser Lage tun? Der Versuch mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert (EKD 2006) mit marktkonformem Denken und Jargon den Druck auf kirchliche Mitarbeiter:innen zu erhöhen und „Wachstum gegen den Trend“ zu postulieren ist krachend gescheitert. Ungeschönt gilt es die gesellschaftliche Situation zu realisieren. Wir leben in Europa und auch in Deutschland in einer zunehmend religiös indifferenten Gesellschaft. Das ist für Westeuropa relativ neu. Das heißt, die Menschen brauchen um glücklich zu sein keine Religion. Sie brauchen keine Religion, um ein sinnvolles Leben zu führen. In aller Kontingenzbewältigung ist für die Mehrheitsgesellschaft Religion keine Ressource mehr. Sie fehlt auch nicht. Das dritte Jahrtausend ist für Westeuropa das erste Jahrtausend ohne Gott (Glauben an Gott). Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wie etwa in der Zeit des Urchristentums oder auch in der Renaissance, fällt jeglicher transzendente Bezug der Mehrheitsgesellschaft weg. Es scheint so, dass die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lucács), die schon im 19. Jahrhundert die Philosophie und erst recht Anfang des 20. Jahrhunderts weite Teile des Bürgertums erfasst hat, gegenwärtig nicht einmal mehr gespürt und betrauert wird. Kontingenzerfahrungen werden nicht mehr religiös bewältigt Das heißt nicht, dass der Glaube und die Kirchen verschwinden werden, aber es heißt, dass wir uns ganz neu auf die veränderte gesellschaftliche Situation und die Rolle der Kirche in ihr einstellen müssen. Das betrifft unser lang eingeübtes Selbstverständnis, Gottes- und auch Menschenbild. Wir sind nicht die, die den Sinn des Lebens kennen, während die Nichtgläubigen ihn nicht kennen. Ein sinnvolles Leben kommt zunehmend ohne Religion aus Religiöse Indifferenz mag uns stören und wir mögen gar auf die „areligiösen Banausen“ herabblicken. Allerdings hilft eine solche Einstellung der Kirche und ihrem Bodenpersonal nicht weiter: Sie hindert uns eher, unseren neuen Platz einzunehmen, einfach unseren Glauben selbstbewusst zu leben nicht jenseits, sondern mitten in einer religiös indifferenten Gesellschaft. Dazu müssen wir sprachfähig werden. Der Vorgang der Entkirchlichung und das Finden einer neuen kirchlichen Identität sind hoch komplex, oft widersprüchlich, aber eine äußerst spannende Angelegenheit für Theologie und Kirche. Dazu gehört auch konversionssensibel zu werden. Wir müssen als Kirche in einer komplexen und pluralen Gesellschaft neu lernen, Menschen für den Glauben in der Nachfolge Jesu zu begeistern und sie zu einer evangelischen Freiheit in der Gemeinschaft befähigen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Davon bin ich überzeugt. Daran möchte ich weiter mitwirken mit den mir verliehenen Gaben.

Als Kirche sollten wir unbedingt Wert auf Qualität in den Kernbereichen Theologie, (Seelen)-Bildung, Kirchenmusik und Diakonie legen, um in einer religiös indifferenten Gesellschaft das Zeugnis Jesu hoffnungsfroh zu leben.

Fazit

In diesem Sinn würde ich mich freuen, wenn die segensreiche Institution Kontaktstudium trotz Verdichtung von pastoralen Diensten weiter ermöglicht und gefördert wird. Auch Pfarrpersonen brauchen Zeit für Theologie jenseits ihrer Wirkungsstätte. In einer solchen Studienauszeit bleibt auch genügend Zeit für Kultur, Begegnungen und andere Interessen, was ich in aller Freiheit in Leipzig genießen durfte. Dafür bin ich dankbar.

 

Belegte Veranstaltungen

Seminar: Die Seele der modernen Gesellschaft – Die Kultursoziologie von Eva Illouz

Prof. Dr. Roderich A. Barth

 

Seminar: Die Erzählungen und Fabeln des Talmuds

Nimrod Baratz

 

Vorlesung: Religion und Gesellschaft in Deutschland und Europa

Prof. Dr. Gert Pickel

 

Blockseminar/Übung: Liturgisches Handeln

PD Dr. Simone Ziermann

 

Blockseminar: KI und Liturgie. Ökumenische Fragestellungen, Erkundungen und Perspektiven

Prof. Dr. Alexander Deeg; PD Simone Ziermann

 

Blockseminar: Kommt mein Hund in den Himmel?

Daniel Walther

 

Vortrag PaulinerFORUM 2026: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne

Prof. Dr. Andreas Reckwitz

Vortrag und Gespräch: Zwischen Friedensethik und Kriegspädagogik

Generalmajor a.D. Michael Hochwart

Leipzig, den 5. Juli 2026

Bericht über die Frankfurter Buchmesse 2022, Niklas Fleischer, Dortmund 2022

Agora, mit Blick auf den Messeturm

Ein verregneter Oktobertag, was gibt es da schöneres als 200km über die A45 und Umleitungen im Sauerland zur Frankfurter Buchmesse nach Frankfurt zu fahren?

Tatsächlich ist die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2022 ein lohnenswertes Ziel, auch wenn sich die Anfahrt durch die Teilsperrung der A45 – wie auch schon in 2021 – mehr als nervenaufreibend gestaltet.

Zur Verteilung der Stände gibt in diesem Jahr – zu mindestens im Vergleich zum Vorjahr – gar nicht so viel zu berichten, da sich diese bis auf kleinere Ausnahmen weitestgehend wie 2021 gestaltete (Bericht vom Vorjahr hier im Blog). Der große Unterschied im Vergleich zum Vorjahr bestand für mich eher in der Besucherzahl, die sich scheinbar wieder normalisiert hat und die Messe wieder deutlich belebt hat. Trotz des Fachbesuchertages waren eigentlich alle Hallen ziemlich gefüllt, jedoch noch nicht in einem unangenehmen Maße, dies mag sich an den Publikumstagen sicherlich ändern.

Langenscheidt-Verlag in Halle 3.1

Auch für die Stände gab es in diesem Jahr trotz der anhaltenden Energie- und Wirtschaftskrise offenbar wieder mehr Budgets, die teilweise gebraucht oder improvisiert wirkenden Stände des Vorjahres waren jedenfalls nicht mehr zu finden. Witzig war zum Beispiel ein großer Grüffelo, mit dem man sich in Halle 3.0 beim BELTZ & Gelberg-Verlag fotografieren lassen konnte.

Grüffelo bei BELTZ & Gelbert

Beim Katapult-Verlag in Halle 3.1 konnten wir um 14 Uhr an der Autoren-Vorstellung des Buches „100 Karten über China“ teilnehmen. Der Vortrag war zwar informativ und ganz gut gemacht, hinterließ bei mir jedoch ein paar Fragezeigen, da zwar zuerst Chinas Qualitäten als Vielvölker- und multireligiöser Staat angepriesen wurden, jedoch kritische Punkte erst später benannt wurden – z.B. die Frage, welche dieser Religionen denn überhaupt ohne politische Verfolgung ausgeübt werden kann. Eine Diskussion mit den Autoren über diese und andere Themen wäre zwar lohnend gewesen, zeitliche Zwänge und die große Menge an weiteren Ständen zwangen jedoch nach einer halben Stunde zum Aufbruch.

Postkarten beim Katapult-Verlag

In Halle 3.0 fiel mir auf dem Rückweg aus Halle 3.1 noch der zwar nicht besonders große, jedoch besonders prominent platzierte Stand des Karl-May-Verlages auf. Die Frage, ob dies mit der anhaltenden Diskussion darüber – ob die angebotenen Werke Mays angesichts laufender Wokeness-Debatten noch zeitgemäß sind – zu tun hat, liegt zwar auf der Hand. Der Andrang am Stand schien sich jedenfalls in Grenzen zu halten, vielleicht auch weil von Karl May derzeit keine Neuvorstellungen mehr zu erwarten sind. Leider kann man bei einem Ein Tages-Besuch mit längerer Anfahrt nicht jede interessante Diskussion führen, die sich vielleicht angeboten hätte.

„Durchs Wilde Kurdistan“

Meine persönlichen Highlights waren in diesem Jahr sicherlich wieder die beiden Etagen der Halle 3 und die generellen Eindrücke, die auf der Messe gewonnen werden konnten. Der Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“ war wie auch schon in den Vorjahren auch wieder ein besonderes Highlight.

Nachdenklich hat mich hingegen der Neubau (oder die Renovierung) der Halle 5 gemacht – ob man diesen Platz jemals wieder sinnvoll für die Buchmesse brauchen kann, oder ob auch hier die Grenzen des Wachstums erreicht sind, müssen die nächsten Jahre zeigen. Derzeit bin ich jedenfalls skeptisch.

Weiterhin: Corona stand für mich wie ein Elefant im Raum. Trotz hoher Inzidenzen bestand keine Maskenpflicht, auch bestand bei gefühlt 80-90% der Besucher keine Motivation, freiwillig eine Maske zu tragen. Angesichts aktueller Warnungen vor neuen Herbstwellen fand ich dies schon etwas komisch, und der ein oder andere Besucher wird sicherlich mit Omikron nach Hause gehen. Dies wird sich an den Besuchertagen der Messe sicherlich noch verschlimmern. Auch die Beheizung der Hallen war für meinen persönlichen Geschmack deutlich zu warm, da sich ein Besuch der Agora um zwischendurch „durchzulüften“ und risikofrei die Maske absetzen zu können geradezu angeboten hat. Um die Jacke bei jedem Wechsel der Halle auszuziehen hatte ich jedoch nach Mitnahme des ein oder anderen Kataloges schlichtweg keinen Platz in den Taschen mehr. Vielleicht hätte man auch hier angesichts aktueller Aufrufe zum Energiesparen anders vorgehen können.

Aber: Unterm Strich hat sich die Buchmesse, wie in den Vorjahren, erneut sehr gelohnt. Es wird sicherlich spannend in 2023 zu erleben, ob die Erholung der Messekultur weiter geht, oder ob wir 2019 die Frankfurter Buchmesse im größten Umfang der Messegeschichte erlebt haben.

Buchcover-Installation am GU Stand

Frankfurter Buchmesse 2021, Notizen, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2021

 

Foto Niklas Fleischer

Vorrede: Anmerkung zum Format dieses Kurzberichts.

Dem zuvor erschienen Bericht von Niklas Fleischer kann ich nur zustimmen und möchte keinen zweiten anfügen. Niklas hat mich lediglich gebeten, seinem Bericht meine inhaltlichen Notizen hinzuzufügen. Ich muss zugeben, dass ich diese erst aus dem Fundus meiner Mitbringsel rekonstruiert habe. Es geht ja eigentlich auch nur darum, dadurch zu veranschaulichen, dass die traditionelle Buchmessenarbeit durchaus möglich war und vielleicht abgesehen von der etwas schlechteren Auswahl durch die neue Raumaufteilung auch weniger hektisch ausgeführt werden konnte. Ich habe gerade in dem Bericht der Frankfurter Buchmesse selbst noch gesehen, dass das Programm digital zu verfolgen war. Daran haben wir nun offensichtlich weniger teilgenommen, aber das ist trotzdem gut und sinnvoll, zumal diese Beiträge ja meist auch später noch eingesehen werden können.

Foto Niklas Fleischer
Ein Hinweis:

Da dies bewusst nur Notizen sind, führe ich das Format der Buchangaben nicht so gründlich aus, bitte also die Leserinnen und Leser sich im Internet durch Stichwortsuche einen passenden Ort für ihre Recherchen zu suchen. Meist sind das die Verlagsseiten, aber auch die Portale der großen Internet-Buchhändler.

Blaue Frau

Zunächst fiel mir die „Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel aus dem Verlag S.Fischer ins Auge, da es die diesjährige Preisträgerin des deutschen Buchpreises ist, und ich vor der Buchmesse davon gehört hatte. Es interessiert mich auch inhaltlich, da es um die Aufarbeitung einer Vergewaltigung geht, die als Traumatisierung einen Menschen das ganze Leben verfolgen kann. Der Verlag S. Fischer wartete seit 2007 auf einen erneuten Buchpreis. Es ist wirklich einer von den guten Literaturverlagen.

Foto Niklas Fleischer

Mensch, Gott

Bei Suhrkamp finde ich eine Auswahl von Texten von Wolf Biermann unter der Überschrift, „Mensch, Gott“ mir wird sofort klar, dass die Texte, nicht nur die Lieder von Biermann auch religiöse Anspielungen haben und profan christliche Inhalte verbreiten. Man denke nur an das Lied: „Ermutigung“, das in der christlichen Friedensbewegung rauf und runter gesungen wurde. Da ich den Newsletter von Suhrkamp bekomme und im Blogger-Verteiler bin, versuche ich mal ein Rezensionsexemplar zu erhalten.

 

Michelangelo

Bei Wagenbach, dem linken Literaturverlag, finde ich den Schwerpunkt „Kunst“ interessant. Erste Raffaels Schule von Athen und jetzt „Michelangelo“, das fällt ins Auge. Man setzt dabei auf Qualität. Der Preis des Buches wird ab dem 1.1.2022 bei 98,00 Euro liegen, vorher ein wenig niedriger. Da kann man nur sagen: Was nichts kostet, das taugt nichts.

 

St. Maria zur Wiese

Machen wir bei Kunst weiter: Da meine Wege neuerdings in die Normandie führen, fiel mir das Buch über die Normannen ins Auge. Es sind zwei Ausstellungsbände zum Preis von einem, 49,00 Euro und ist eine Koproduktion von „Schnell und Steiner“ mit der Stadt Mannheim. zu Hause nehme ich den Katalog zur Hand und finde etwas, das mir auch sehr interessant erscheint mit lokalem Bezug: Eva Maria Bongardt: „Die Kirche St. Maria zur Wiese in Soest und ihre Bildausstattung.“ Das Buch ist bereits erschienen und kostet ambitionierte 76,00 Euro. Wer die Kirche kennt und vielleicht schon Gottesdienste dort gefeiert hat, weiß, dass die Bildaustattung phänomenal ist.

Pandemie, die erste

Beim Passagen-Verlag aus Wien fiel mir auf: Jean-Luc Nancy: „Ein allzu menschlicher Virus“. Das Buch ist frisch erschienen. Die Pandemie gibt in der Tat zu denken. Das Büchlein ist zudem auch nicht allzu dick. Für mich ist Jean-Luc Nancy als Schüler irgendwie auch inhaltlich der Nachfolger von Jacques Derrida, der Begründer der Postmoderne.

Liberale Glaubenshaltung

Kommen wir mal zu religiösen Themen: Beim Vier Türme Verlag des Benediktinerklosters Münsterschwarzach schreibt der allseits bekannte Anselm Grün, und vermittelt eine sakrale Haltung, die mit der modernen Lebensauffassung vereinbar ist und spirituelle Impulse gibt. Reizvoll sind dazu im Katalog die Neuerscheinungen „Checkliste Himmel“, Glaube zum Ausfüllen. Oder genauso postmodern: Gesine Palmer: „Vielfalt statt Konsens in den Religionen“. vielleicht wird die liberale Glaubenshaltung, von der hier die Rede ist, auch mal die Kirche retten.

Geschlechtervielfalt

Hierzu gibt es im eher unbekannten Verlag Nünnerich-Asmus (www.na-verlag.de“ ein Ausstellungskatalog mit dem sinnigen Titel „G*tt w/m/d“, Geschlechtervielfalt in biblischen Zeiten. Die dazu gehörige Ausstellung wird bis zum 19.12.2021 im Bibelhaus Frankfurt gezeigt.

Jesus oder Paulus

Bei C.H.Beck fällt mein Blick auf das Buch von Johannes Fried: „Jesus oder Paulus“ (22,00 Euro). Ist ja klar: wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, wie Fried in einem andren Buch darstellt, dann muss er nach der Kreuzigung weitergelebt haben. Doch davon ist außer bei als Erscheinung des Auferstandenen in der Bibel nicht die Rede. Wäre also spannend zu lesen, wie der Altmeister der profanen Geschichte die Gegenwart Jesu weiter begründet. Auch der richtige Tod des Erlösers würde mich dann auch interessieren.

Ist die Zukunft der Kirche bezahlbar?

Pragmatisch ist da eher der Neuenkirchener Verlag mit der Arbeit von David Guttmann und Fabian Peters: #Projektion2060, Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, Analyse – Chancen – Visionen, 26,00 Euro. Es ist diesmal keine Umfrage, sondern eine ökonomische Studie, die sich sehen lässt.

Etwas Psychologie zum Schluss:

Bei Hogrefe greife ich das Gesamtverzeichnis 2022 ab, zumal da noch einige Rezensionen offen sind. …

Beim Psychosozialverlag aus Gießen wird ein Buch aus 2020 offen verschenkt: Steven Taylor: „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ (Übersetzt aus dem Amerikanischen).

Eine Neuerscheinung berührt mich persönlich: Anja Röhl: Heimweh-Verschickungskinder erzählen, Hardcover, 24,90 Euro (weitere Info hier: www.verschickungsheime.de).

1700 Jahre jüdisches Leben

Zu guter Letzt: Aus dem Homunculus-Verlag bekomme ich hoffentlich recht bald das Rezensionsexemplar von Uwe Seltmann: „Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.“ Es ist kein Katalog zur gegenwärtigen Jubiläumsausstellung, sondern eher ein begleitendes Sachbuch.

Wäre doch gelacht, …

…wenn ich von dieser Buchmesse nicht auch Anregungen und Lesetipps mitgenommen hätte. Mein Eindruck: Die bleibende Präsenz der Verlage ohne Massenandrang ist für diese Aufnahme von Informationen kein Nachteil gewesen.

Foto Niklas Fleischer

Bericht mit Fotografien von der Frankfurter Buchmesse 2021 – Gastland Kanada Niklas Fleischer, Dortmund 2021

Foto vom Autor: Blick auf die Agora der Buchmesse, mit Messeturm

Einleitung

Messen… Mensch, da war ja mal etwas, bevor Covid-19 die Art, wie wir öffentlich umgehen und uns mit anderen Menschen versammeln gänzlich umgekrempelt hat. Zur Erinnerung, die Älteren werden es auch noch kennen: der Duden beschreibt Messen als „große [internationale] Ausstellung von Warenmustern eines oder mehrerer Wirtschaftszweige“.

Vorahnung auf einen anderen Messeverlauf

Genug der der Ironie: Ziemlich genau vor zwei Jahren habe ich hier an dieser Stelle das letzte Mal von der Buchmesse berichtet – zwei Jahre, in denen eher viel passiert ist. Auch wenn das öffentliche Leben durch die Impferfolge langsam wieder Fahrt aufnimmt, sind Zusammenkünfte mit vielen Menschen – zu mindestens für mich – immer noch etwas Ungewohntes, nahezu Befremdliches. Umso mehr habe ich mich gefreut, in diesem Jahr wieder auf die Buchmesse zu fahren – mit der Frage im Hinterkopf: Wie würde es wohl sein?

Re:Connect

In diesem Jahr hat sich die Frankfurter Buchmesse selber den Titel „Re:Connect“ gegeben – eigentlich ein ziemlich technischer Begriff, bei genauem Hinsehen aber eigentlich recht passend:

In der IT bezeichnet ein „Reconnect“ einen erneuten Verbindungsaufbau, beispielsweise nach einem Verbindungsabbruch. Wenn wir also unseren Internet-Router Zuhause neu starten, beispielsweise weil die Videokonferenz im Home-Office zur Diashow wurde, oder abends Netflix Probleme bereitet – dann ist das ein Reconnect. Wir versuchen, eine verlorene Verbindung wieder aufzunehmen – im Falle der Buchmesse sicherlich den menschlichen Kontakt zwischen AutorInnen, Verlagen und LeserInnen.

Foto vom Autor: Bücherstapel beim Lübbe-Verlag
Wie würde also dieser „erneute Verbindungsaufbau“ mit der Literaturwelt sein?

Für den Besuch hatten wir uns in diesem Jahr einen Fachbesucher-Tag ausgesucht. An diesen Tagen dient die Frankfurter Buchmesse einzig und allein Fachbesuchern, und wie in unserem Fall natürlich Bloggern und Journalisten. Verkauft wird an diesen Tagen – von Ausnahmen, wie z.B. Papeterie abgesehen – nichts, stattdessen dient die Messe an diesen Tagen der Geschäftsanbahnung zwischen Verlagen und Buchhändlern, Autoren und Verlagen, fremdsprachigen Verlagen und Übersetzern, etc. Die Öffentlichkeit hat noch draußen zu bleiben.

Hierdurch bleibt der große Andrang an diesen Tagen aus – bei meinem Besuch im Jahr 2019 wirkte die Messe an einem öffentlichen Besuchertag beinahe schon überfüllt – und kann sich in Ruhe der Geschäftsanbahnung und dem Empfang von Geschäftskunden an den Ständen widmen.

 

Der Einlass

Nach Prüfung des Tickets, des Impfnachweises und Personalausweises ging es also endlich los, wir konnten die Fahrbänder betreten und uns in Richtung von Halle 3.1 aufmachen. Was hier direkt auffiel: Von Überfüllung konnte keine Rede sein. Abstandsregeln konnten problemlos eingehalten werden. Ob dies am Fachbesuchertag lag, oder an der generellen Ticketbegrenzung auf 25000 Besucher, kann ich mangels einer Vergleichsmöglichkeit nicht genau sagen – vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Dem Sicherheitsgefühl war dies für mich aber eher zuträglich.

Foto vom Autor: Fahrband / Skywalk („Via Mobile“)

Halle 3

Zur Erklärung, Halle 3 ist normalerweise der „Hot Spot“ der Buchmesse. Im Untergeschoss 3.0 tummeln sich die großen Deutschen Belletristik-Verlage, die viele Menschen anziehen und normalerweise Menschenaufläufe garantieren. Im Obergeschoss 3.1 finden sich hingehen spezialisierte Verlage. Schon beim Studium der Hallenpläne fiel eine Veränderung auf: Auch die wissenschaftliche Literatur – 2019, wenn ich mich recht erinnere, noch ein ganzes Stockwerk einer der kleineren Hallen – fanden sich nun hier.

Entdeckungen im Obergeschoss

Wir kamen über den Skywalk zuerst in Halle 3.1 an. Wie schon beim Eindruck war es nicht zu voll – im Gegenteil. Ein surreales Gefühl schlich sich bei mir ein: Bin ich wirklich schon auf der Buchmesse?

Foto vom Autor: Social Distancing

An dieser Stelle kamen bei mir langsam leise Zweifel auf, ob sich die Buchmesse in diesem Jahr für alle Beteiligten wirklich lohnt – oder ob es sich eher um eine Generalprobe handelt – um für die Post-Covid-Zeit nicht völlig aus der Übung zu kommen. Für Menschen, die in Pre-Covid Jahren auf der Buchmesse waren, hatte dieser Anblick definitiv etwas Surreales.

Andererseits: Man konnte die vielen Stände genießen, ohne ständig von Menschentrauben umringt zu werden. Die Atmosphäre hatte beinahe etwas Ruhiges, Intimes. Nicht unbedingt etwas, was Geschäftsleute sich wünschen, die dieses Jahr angesichts Papierknappheit und Inflationsrisiken schon genug Sorgenfalten zulegen werden – als Besucher fand ich dies jedoch eher angenehm.

Highlights und Bemerkenswertes

Dennoch war auch diese Halle mit Highlights gesegnet, beispielsweise der wie jedes Jahr großartige Stand der „Stiftung Buchdruckkunst“, andererseits auch spannender Stände politischer Bildung, wie der Neuen Darmstädter Verlagsanstalt.

Foto vom Autor: Shortlist des Förderpreises für Junge Buchgestaltung

Noch einmal zurück zur „Stiftung Buchdruckkunst“: An diesem Stand wird, wie jedes Jahr erneut deutlich, dass Bücher auch eine visuelle und haptische Kunstform sind. Im vorherigen Bild ist die Shortlist eines Förderpreises für Junge Buchgestaltung zu sehen, auf der mir vor allem das Buch „Berlin Maps“ aufgefallen war.

Nach einem eher längeren Verbleib bei diesem Stand ging es also weiter. Ein Stand pries Bücher unter dem Schlagwort „Anti-Idiotikum“ an, hier verschwand für mich aber leider der literarische Inhalt etwas unter der sehr plakativen Aufmachung.

Foto vom Autor: Anti-Idiotikum
Das Erdgeschoss – Tummelplatz der großen Verlage, aber nicht unbedingt Tummelplatz vieler Besucher

Nach einer kurzen Frischluft-Pause ging es ins Erdgeschoss, der Halle 3.0. Hier wird geklotzt, und nicht gekleckert. Auch hier – 2019 war kaum ein Durchkommen – konnte man sich jedoch bequem bewegen und Abstandsregeln einhalten. Die Bücherstapel der großen Verlage waren auch in diesem Jahr vorhanden, und auch bei der Standdekoration wurde vielerorts nicht gespart. Andererseits gingen andere Verlage in diesem Jahr auch anders an die diesjährige Buchmesse – meiner Meinung nach etwas realistischer.

Der Moritz-Verlag beispielsweise ging erfrischend an das Messejahr und aktualisierte den Jubiläums-Messestand aus dem Jahr 2019 mit ein paar kreativen Eddingstrichen auf das Messejahr 2021. Sicher, eher aus der Not heraus geboren, für mich jedoch eine großartige Analogie dafür, dass in diesem Jahr eben nicht alles „Normal“ ist.

Foto vom Autor:  „Update“
Der in sich gekehrte Schweizer

Letztlich habe ich in dieser Halle auch mein Lieblingsfoto für dieses Jahr gemacht, und habe einen in sich gekehrten Leser fotografiert, der sich in Ruhe, mit viel Platz, am Stand des Schweizer Buchpreises informieren konnte. Er möge es mir verzeihen, aber die ruhige, in sich gekehrte Stimmung dieses Bildes passt für mich wunderbar zur Gesamtstimmung, die ich ansonsten in diesem Jahr auch auf der Messe wahrgenommen habe. Angenehm, aber fast etwas zu ruhig.

Foto vom Autor: Der in sich gekehrte Schweizer

Die Agora

Wie jedes Jahr bietet die Agora Platz, Luft zu schnappen – in diesem Jahr mal zwischendurch die Maske abzusetzen – und etwas innezuhalten. Neben Speis und Trank gab es auch in diesem Jahr wieder Kunstinstallationen. Über große Videoleinwände wurden zudem Vorträge und Dialoge abgespielt.

In Erinnerung ist mir eine Installation einer Bank geblieben, wobei mir eine genaue Deutung des Kunstwerkes eher schwerfällt. Soll mir das etwas über die Schweiz sagen, oder über Europa? Andererseits ist es witzig, dass die Schweiz ausgerechnet in einem Bankenkunstwerk Nennung findet.

Foto vom Autor: Schweizer Bank

Zusätzlich stand eine Tretmühle bereit, auf der man sich durch eigene Körperkraft einen kurzen Film abspielen konnte. Bei einem haptischen Kunstwerk darf in diesem Jahr natürlich der Desinfektionsmittelspender nicht fehlen…. Ob den auch alle benutzt haben?

Auf jeden Fall ging es jetzt frisch gestärkt in die anderen Hallen.

Foto vom Autor: Kino zum Selbermachen

Die Hallen 4, 6 und Forum

Die Hallen 4 und 6 dienten in diesem Jahr vornehmlich den Internationalen Verlagen. Bis auf die englischsprachigen Stände finden sich hier viele Bücher, die mir nicht direkt zugänglich sind.

Genau in dieser gewissen Exotik liegt für mich jedoch auch der eigentliche Reiz diese Hallen zu besuchen, auch wenn ich kein Verlagsagent bin, der interessante Titel für Übersetzungen und hiesige Veröffentlichung sucht: Die Stände, Buchtitel und Cover sind in jedem Jahr aufs Neue eine visuelle Erfahrung. Im Gegensatz zur UNO und WHO ist auch Taiwan mit großen Ständen vertreten, ohne, dass es zu Konflikten oder Tumulten käme, Kanada, Japan, die vereinigten Staaten, etc. luden ein, die dortige Literatur zu erkunden.

<3860> Taiwan

 

Sehnsüchtiges Warten auf Besucher und neue visuelle Erfahrungen

Ein wenig schlich sich bei mir aber ein schlechtes Gewissen ein, da die Hallen eher leer waren und viele Standbetreiber offenbar sehnsüchtig auf Literaturagenten anderer Verlage warteten. Eine Hoffnung, die ich leider als Blogger enttäuschen musste.

Zuletzt besuchten wir noch das Forum: Auch hier fanden sich noch einige spannende Attraktionen zum Gastland Kanada. Mir fiel besonders eine Audiovisuelle-Installation zu Leonard Cohen ins Auge, bei der man sich mit Handbewegungen durch Kurzfilme und Geschichten zu Cohen informieren konnte. Etwas anstrengend zu benutzen, aber spannend. Zuletzt schmerzten jedoch eher die Beine, es stellte sich eine gewisse Reizüberflutung ein, angesichts der längeren Rückfahrt ging es mit dem Shuttlebus schließlich in Richtung des Parkhauses.

Foto vom Autor: Taiwan

Fazit

Die „Re:Connect“ war in diesem Jahr für mich eine Buchmesse der etwas anderen Art. Einerseits bin ich froh, dass es diese Institution weiterhin gibt. Auch in diesem Jahr gab es wieder großartige visuelle Eindrücke und Begegnungen, der Besuch hat sich generell absolut gelohnt.

Andererseits schlich sich bei mir in vielen Bereichen Nachdenklichkeit und etwas Mitleid ein, angesichts der vielen leeren Gänge und Stände. Viele Fragen kommen hier auf: Lohnt sich die Messe in diesem Format für alle Beteiligten noch? Wie geht es weiter? Ist eine Präsenzmesse nicht etwas verfrüht?

Re:Start oder Re:Connect?

Statt einem „Re:Connect“, wo meistens nach kurzer Wartezeit alle Verbindungen wieder zur Verfügung stehen und Netflix wieder ruckelfrei sein Programm abliefert, kam mir die Messe eher wie ein „Re:Start“ vor, also ein langsamer Neustart, bei dem beinahe von Null begonnen werden muss, gewissermaßen ein langsamer Wiederaufbau.

In vielen Bereichen scheinen Messen bereits ein Auslaufprodukt zu sein – siehe IAA. Die Konsumwelt ist deutlich kurzlebiger geworden, Produktvorstellungen aller Art gibt es inzwischen das ganze Jahr über im Internet. Dennoch ist gerade die Frankfurter Buchmesse für mich eine Institution der deutschen Kulturlandschaft. Ohne diese Messe würde etwas fehlen.

Ich hoffe deshalb auf ein Wiedersehen im Jahr 2022, hoffentlich ohne Pandemie, gerne wieder mit mehr Programm, mehr Begegnungen und mehr Ständen, aber durchaus mit den gewonnenen Platz und ohne Massenandrang. An den Schluss dieses Berichts setze ich deshalb Lichtsäulen mit dem überaus passenden Buchtitel: „Wo Geschichten neu beginnen“.

Foto vom Autor: „Wo Geschichten neu beginnen“.

Siegfried Niehaus, -Die Aplerbecker-Mark- wie sie wurde, was sie ist, hrsg. von Christoph Fleischer, Dortmund 1994

Es ist also in der Tat ein Artikel aus dem Jahr 1994, den ich hier im Jahr 2021 dokumentiere. Nach meiner Kenntnis ist die Aplerbecker Mark als Ortsteil noch weiter gewachsen als damals, aber in den Grundstrukturen doch gleich geblieben. Die alte Bebauung, um die es im Artikel geht, ist in der neuen Mark enthalten, wie die Hefe im Kuchen. Die alte Mark ist in der Kleinen Schwerter Straße genauso enthalten, wie in der Knyphausenstraße. Manche Straßen sind natürlich komplett neu in einem Wohngebiet in der modernen Bebauung der Siebziger Jahre und danach. In Baulücken oder aus Wiesen sind immer wieder kleine Baugebiete hingekommen.

Der Vortrag von Siegfried Niehaus wurde im Jahr 1986 und von mir als Tonbandmitschnitt abgetippt und redaktionell bearbeitet.  Das daraus entstandene bebilderte Heft habe ich jetzt einfach gescannt.

später folgt hier eine PDF-Datei