Sich Gott überlassen, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

                                                              

Predigt zur Taufe eines Konfirmanden, Sonntag Rogate 2021  

 

„Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.“ 1. Petrus 5,7 (Luther 2017, Taufspruch)

Liebe Gemeinde,

Kennen Sie den Finnen Ere Karjalainen?

Nein, den Namen noch nie gehört? Ich auch nicht, bevor ich nicht eine kleine Recherche gemacht habe. Der damals 18-jährige Finne hält einen bislang ungebrochenen Weltrekord. Raten Sie mal in welcher Disziplin…

Im Handy-Weitwurf. 2012 holte er sich mit einem legendären Wurf über 101,46 Meter den Weltmeistertitel im Handy-Weitwurf. In Finnland ist das ein bekanntes Event, das jährlich ausgetragen wird. Menschen aus aller Welt nehmen an den Weltmeisterschaften teil. Nokia ist ja ein bekanntes finnisches Produkt – jedenfalls vor deiner Geburt hatte fast jeder ein Nokia-Handy – und diese Knochen lassen sich gut werfen. Nach einer Weltmeisterschaft werden dann alle Handys ordentlich recycelt.

Der Mensch hat schon immer gerne alle möglichen Gegenstände geworfen: weit geworfen, von sich weggeworfen und sich mit anderen darin gemessen.

Und so manches Handy wird auch heute aus Enttäuschung und Wut weggeworfen, aufs Bett geschleudert oder weit ins Wasser befördert.

Ein Freund erzählte mir, dass er sich wunderte, dass seine Geliebte nicht mehr auf seine Anrufe und Nachrichten reagierte, bis er von anderer Seite erfuhr, dass sie das Handy mit all den gespeicherten Liebes-Chat-Nachrichten einfach in einen See geworfen hatte. Das war der Anfang vom Ende einer leidenschaftlichen Beziehung.

Was tun wir nicht alles um den Kopf frei zu bekommen? Viele rennen sich die Seele aus dem Leib, umarmen Bäume im Wald, verbinden sich mit kosmischen Energien, fragen Engel um Rat, pendeln, legen Karten, lesen einen Ratgeber nach dem anderen, sprechen mit ihren Freundinnen und Freunden. Innere Unruhe ist echt eine Plage, und sie lässt sich nicht auf Knopfdruck stillen.

Was also machen, wenn sich die Sorgen wie ein hohes Gebirge vor einem auftürmen und nicht nur die freie Sicht versperren, sondern das Lebensgefühl niederdrücken? Die Schwere hängt einem wie ein fetter Mühlstein am Hals, auf der Brust liegt ein Felsbrocken, der Atem wird flach, das Gedankenkarussell der Sorgen dreht sich unaufhörlich.

Das Fatale ist, dass wir Menschen dazu neigen mit immer den gleichen Strategien gegen Sorgen und Ängste anzukämpfen. Wenn die Aufgaben uns beschweren und niederdrücken, müssen wir halt noch effektiver werden und schneller arbeiten, mehr lernen für die nächste Klassenarbeit, unsere Zeit besser einteilen. Wenn die Kilos nicht purzeln wollen, müssen wir halt die richtige Diät suchen und uns am Riemen reißen.

Heute ist das Schlagwort Resilienz in aller Munde. Resilienz fragt danach, wie wir widerstandsfähiger werden in Krisen. Wieso verkraften einige Menschen Krisen besser als andere? Was können wir daraus für uns lernen? Resilienz können wir trainieren, heißt es, und viele Firmen schicken ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Resilienz-Trainings-Kurse. Mit was für einem Ziel nur? Natürlich um das ganze Potential der Angestellten auszunutzen…

Wir sollen funktionieren. Dann sind wir gut für die Gesellschaft. Kein Wunder, dass die psychischen Belastungen für den Einzelnen steigen, wenn der Erwartungsdruck ins Unermessliche steigt.

Heute werden vielfach Kinder und Jugendliche in Talkshows gelobt, wie still sie gehalten haben in der Pandemie und sich klaglos in die Maßnahmen geschickt haben. Oder waren die Erwartungen der Erwachsenen und der Druck schuld zu sein, wenn ein anderes Familienmitglied erkrankt, so nachhaltig und groß, dass ihnen nichts anderes übrigblieb als zu funktionieren?

Nicht nur wir Erwachsenen haben Sorgen, Kinder und Jugendliche auch. Leider fallen sie schnell aus dem Raster unserer Wahrnehmung. Ich befürchte, wir haben unseren Kindern und Jugendlichen zu viel zugemutet und ihre lebenswichtigen Bedürfnisse nicht genug berücksichtigt.

Was ist wichtig bei Ängsten und Sorgen? Erst einmal, dass wir sie wahrnehmen. Natürlich merken wir den Druck und die Schwere, aber lassen wir die Gefühle wirklich zu? Sind wir nicht Weltmeister darin, unsere Gefühle zu verbergen, sie zu übergehen, sie zu überspielen? Es hilft doch auch nichts, traurig oder die ganze Zeit ängstlich zu sein. Dann will doch auf kurz oder lang niemand mehr etwas mit uns zu tun haben. Immer noch ist die Scham groß über seine wirklichen und wahren Gefühle zu sprechen. Die Scham ist so groß, dass wir Gefühle gar nicht richtig wahrnehmen, dass wir sie abspalten von uns. Sie dürfen einfach nicht zu uns gehören, da sie nicht zu unserem Selbstbild passen.

Die Verdrängung der Gefühle funktioniert so lange gut, bis Sorgen und Ängste überhandnehmen und uns schach-matt setzen. Die Sorgen und Ängste jetzt einfach wegzuwerfen wie einen Stein, das wäre doch was?

Ist denn, wenn alles nichts hilft, weder Sport, noch Therapie, noch Medikamente, der Glaube nicht eine Chance, Sorgen und Ängste los zu werden?

Nein, er ist es nicht. Immer dann nicht, wenn wir meinen, der Glaube ist dazu da, dass wir besser funktionieren.

Ja, er ist es, wenn ich mich ganz Gott überlasse. Das ist dann aber keine Leistung, wie eine Diät, die ich rigoros einhalte oder wie ein Lernprogramm, das mich fit für die digitale Welt macht.

Es ist ein Vertrauen auf Gott. Ein Sich-Gott-Überlassen. In diesem Sinn heißt es im 1.Petrusbrief: Überlasse dich ganz Gott. Alles, was dich betrifft, weiß Gott sowieso schon. Ihm ist nichts fremd. Keine Scham. Keine Angst. Kein Zweifel. Keine Wut. Keine Sehnsucht. Keine Sorge.

In diesem Sinn empfiehlt uns die biblische Weisheit: Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.

Vertrauen hilft. Und die Gewissheit: Gott sorgt für mich. Das heißt nicht, dass ich die Hände in den Schoß lege und nichts aktiv tue. Nein, Glaube als Ausdruck von höchster Passivität führt mich gerade in die aktive Auseinandersetzung mit Problemen, Konflikten, Sorgen und Ängsten. Der Glaube ist hier auch nicht ein Sonderbereich, der hinzukommt: Zum Sport, zum Gespräch, zur Therapie, zu den Medikamenten, sondern er ist in allem. In allem sind wir rückgebunden an Gott. Mein Glaube ist dann der persönliche Ausdruck der Beziehung zu Gott – und auf Gott darf ich alles werfen, wirklich alles. Das macht das Leben nicht automatisch einfacher, aber lebendiger und tiefer.

Amen

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