Die Liebe zu Christus erneuern, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

…an Karfreitag 2026, Offenbarung 2,1-7, Sendschreiben an Ephesus,

Liebe Gemeinde,

in einigen sozialen Schichten kehrt die Feier der Verlobung zurück. Statistiken wie viele Verlobungen in Deutschland geschlossen werden gibt es nicht, da die Verlobung keine rechtliche Angelegenheit ist. Anzeichen für vermehrte individuell gestaltete Verlobungen gibt es aber schon. In den sozialen Medien werden Verlobungsfeiern gepostet und nachgeahmt. Auch führen Krisen zu privaten Versprechen, verbindlich zueinander zu gehören. Da wir wissen, wie ambivalent Beziehungen sind und auch eine Trennung vom Partner oder der Partnerin nicht ausgeschlossen werden kann, wurde früher von der Verlobungszeit als Prüfungs- oder Bewährungszeit gesprochen. Heute steht eher im Vordergrund, ein Fest der Liebe zu feiern und dieses auch dem Freundes- und Familienkreis mitzuteilen. Jetzt wissen und erwarten alle, dass eine Hochzeit aussteht. Durch das Ritual der Verlobung wird die Liebe eines Paares auf die Zukunft hin ausgerichtet. Es steht noch etwas aus. Das kann Freude und gelegentlich auch Angst und Zweifel auslösen. Im besten Fall bekommt die Liebe einen Schub. Wenn die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit sich zu lange hinzieht, kann das auch zu Ermüdungserscheinungen in der Beziehung führen.

Unser heutiger Karfreitagspredigttext ist ein Brief eines Verlobten an seine Braut. In der Beziehung liegt eine Störung vor, die dazu führen könnte, dass der Verlobte die Verlobung aufkündigt. Von seiner Seite aus will das der Bräutigam nicht, aber so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter. Am Schluss des Briefs betont der Verlobte, wie schön es doch sein kann, wenn die Liebe erneuert wird. Das könnte doch paradiesisch sein und helfen, dass die Liebe ihr Ziel erreicht.

Lesung des Predigttextes, Luther 2017

Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

 

Mit Christus verlobt?

In der frühen Christenheit und auch später haben die Gläubigen ihren Glauben mit einer Ehe verglichen. Das Bild der ausstehenden Hochzeitsfeier ist biblisch begründet. (Math. 25,1-13) Die Braut ist die Gemeinde und der Bräutigam ist der auferstandene Christus. Die Braut bereitet sich auf die himmlische Vermählung mit Christus vor. Sie freut sich auf dieses große eschatologische Fest. Sichtbar wurde das im letzten Jahrhundert bei den evangelischen Diakonissen. Sie trugen eine weiße Haube als Zeichen, dass sie mit Christus vermählt sind. Sie gehören zu Christus und warten auf seine Wiederkunft. Im Himmel werden sie Brot und Wein mit ihrem Bräutigam teilen (Markus 14,25).

In der Auslegung der 7 Sendschreiben ist es hilfreich das Bild der Vermählung mit dem Bräutigam Christus durchgehend zu bedenken. Es richtet den Blick der Gläubigen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Die Leiden um des Glaubens willen und die konkreten Herausforderungen der Gemeinde können durch Umkehr und die Liebe zu Christus überwunden werden. (Siehe Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, S. 1001)

Im Schreiben an die Gemeinde Ephesus wird festgestellt, dass die Liebe zu Christus „erkaltet ist“. Die Gläubigen in Ephesus leiden an einem Christus-Burnout. Ein fiktives Gespräch zwischen Lydia, der Name ist nicht zufällig gewählt (unsere Gemeinde heißt Lydia-Gemeinde Herzogenrath) und Jesus versucht die Störung in der Christusbeziehung anschaulich zu machen.

Lydia und Jesus

Lydia (Gemeindeleitung aus Ephesus) und Jesus unterhalten sich über den Brief:

Lydia: Also ehrlich Jesus, dein Brief hat mich ganz schön enttäuscht. Ich versteh die Welt nicht mehr. Du hast mir doch versprochen, dass wir bald heiraten, und jetzt lese ich, dass ich dich mehr lieben soll, sonst ist es aus mit uns. Ich bemühe mich doch schon so lange einen guten Weg zu gehen, alles richtig zu machen.

Jesus: Das sehe ich auch, aber es reicht mir nicht.

Lydia: Das verstehe ich wirklich nicht. Meine ganze Kraft setze ich dafür ein, dass hier alles trotz widriger Umstände läuft. Ich achte auf das, was gesagt wird und lasse mich nicht von dem vielen Geschwätz der anderen abbringen, halte die Gemeinde auch auf Kurs in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Ich finde es ungeheuerlich, dass du das nicht siehst. Wir sind doch auf einem guten Weg?

Jesus: Das habe ich auch am Anfang des Briefs geschrieben und wirklich gewürdigt…

Lydia: Aber alles, was du danach sagst, macht mich schlecht. Damit kann ich auch auf dein Lob verzichten. Es ist doch so: Deine fundamentale Kritik an unser Gemeindeleben findet sich in der Mitte deines Briefs. Das ist deine Hauptaussage. So siehst du unsere Beziehung. Das ist wie ein Hamburger. Oben und Unten Lob und in der Mitte harte Kritik. Da stinkt das Wesentliche. Das schmeckt mir ganz und gar nicht. Ich habe das bis heute nicht verdaut.

Jesus: Wie hast du denn den Brief gelesen?

Lydia: Also lesen kann ich, Jesus. Ich widerspreche dir. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Meine Liebe zu dir zeigt sich in erster Linie darin, was ich mache Ich muss ich doch mein Handeln danach ausrichten, was funktioniert oder nicht funktioniert. Das ist doch wichtig, dass es weitergeht. Wenn ich das nicht tun würde, würde es keiner machen. Also ich übernehme Verantwortung. Das ist konkret: Können wir uns die Kirchen und Häuser noch in der Gemeinde leisten? Ich mache mir Gedanken, wie der Pfarrdienst organisiert werden kann, wenn die bald alle in den Ruhestand gehen. Ich sitze stundenlang in Meetings, bin im Dauerstress für unsere Sache. Und du sagst, ich habe dich nicht mehr lieb?

Jesus: Wann hast du denn das letzte Mal gebetet? Mir zugehört? Oder anders gefragt, wie nimmst du unsere Beziehung wahr? Was ist dir wichtig? Spürst du meine Nähe? Stärkt dich meine Liebe?

Lydia: Aber ich weiß nicht, was das jetzt soll. Es ist doch alles klar zwischen uns!? Oder soll ich ständig meinen Gefühlspuls prüfen und einer Art geistlichen Selbstoptimierung anheimfallen? Wir sind doch ein gutes Team. Ich bin doch mit nichts anderem zurzeit beschäftigt als diese ganzen Feiertage bis ins Kleinste vorzubereiten. Muss ja alles gut über die Bühne gehen. Hoffentlich kommen ein paar. Mir aber vorzuwerfen, ich sei nicht richtig innerlich gestimmt, finde ich echt verquer. Es geht doch nicht um eine gute Stimmung wie es viele Medien vorgaukeln, sondern einfach um dranbleiben, einfach weitermachen. Es werden schon bessere Zeiten kommen. Wirst du auch sehen, Jesus.

Jesus: Mir geht es nicht um die Aufrechterhaltung von Gottesdiensten.

Lydia: Was? Sag das noch einmal! Ich dachte, darin sind wir uns einig.

Jesus: Ich spüre deine Liebe nicht mehr Lydia. Irgendwie läuft seit einiger Zeit alles nach Plan. Ich wünsche mir mehr Tiefe in unserer Beziehung. Mehr Aussprache. Mehr Zweisamkeit…

Lydia: Das hast du schon geschrieben und hat mich arg verletzt. Wie gesagt, ich mache alles für dich. Viele sind gegangen, aber ich bin dir treu geblieben.

Jesus: Ach, Lydia, es macht mich traurig, dass du es nicht selbst spürst. Du zählst auf, was du alles machst und wie beständig du meinen Namen zitierst und schützt. Als bestünde deine Liebe im Dauerbetrieb für mich. Vielleicht will ich das gar nicht?

Lydia: Was willst du denn?

Jesus: Ich will dir Liebe schenken und ich erlebe, wie meine Liebe von dir abprallt, wie sie überhaupt keinen Zugang zu dir findet. Du machst zu. Du lässt dich nicht von mir berühren. Du lässt dich nicht von mir unterbrechen. Du machst alles richtig und doch fühlt es sich falsch an. Nicht lebendig.

Lydia: Das begreife ich immer noch nicht richtig…

Jesus: Lydia, meine Geliebte, ich bin eine (göttliche) Person mit einer unverwechselbaren Geschichte. Ich liege nicht auf dem Friedhof. Und ich bin auch kein Museum. Ich lasse mich nicht verwalten. Ich bin aus Fleisch und Blut und gebe mich ganz für dich hin.

Lydia: Karfreitag…

Jesus: Ja, Karfreitag

Lydia: Deine Hingabe, mein Leben.

Deine Hingabe mein Leben

Deine Hingabe mein Leben. Wie erschließt sich uns das, dass sich unsere Liebe zu Christus erneuert?

Wir können Anteil nehmen an Jesu Kreuzigung, nicht an seiner Historizität oder in einer distanzierten Betrachtung, sondern indem wir uns in sein Leiden und Sterben hineinbegeben. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir Lieder singen, die einen Ausdruck finden für Jesu Passion, die uns mit seinem Kreuz verbinden: „Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken“ (EG 91,1a). Es grenzt an Mystik, an Auflösung des eigenen Ichs im Erlösertod unseres HERRN. Es ist eine Bitte und damit ein Gebet. Ernstlich gesungen und gebetet vermag es die eigene Seele zu formen. Dadurch, dass wir gemeinsam Singen, werden wir gestärkt. Durch die Verehrung der Hingabe Jesu breitet sich in uns eine Gewissheit aus, die uns dankbar werden lässt. Vielleicht ahnen wir für einen Moment, was das alles bedeutet und was das mit uns zu tun hat. Es ist berauschend Sprachbilder zu finden für etwas, was größer ist als wir selbst. Wir nehmen die heilende Dimension, die uns in den Lauf der Dinge einordnet und das Leiden und Sterben Jesu deutet, wahr: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ (EG 98,1)

Aus dem verfluchten Holz wachsen grüne Zweige: Versöhnung. Vergebung. Frieden. Zugang zu Gott. Es ist nicht nur eine evozierte Empathie mit Jesu Leiden. Wir ahnen auch schon die Frucht seines Leidens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5) Gottes Sohn nimmt die Wunden der Welt auf sich, um sie zu heilen. Was für eine Botschaft in einer Welt die Opfer über Opfer produziert, die mit Gewalt und Krieg weiter Leben zerstört. Jesu Stellvertretertod ist Hoffnung für die Opfer über den Tod hinaus. Alle Gottverlassenheit trägt Jesus am Kreuz. Das kann im Glauben zu einer Quelle werden Ambivalenzen und Ambiguitäten in der Welt und auch im eigenen Leben zu trotzen. Der Karfreitag lehrt nicht nur passives Erleiden, er ist durch und durch widerständig. Der Karfreitag schenkt Hoffnung gegen die Hoffnung.

Karfreitag kann unsere Liebe zu Christus erneuern, da er uns vor Augen stellt wie sehr uns Christus zuerst geliebt hat, dass er bereit war sein Leben für uns zu geben. Ohne Hingabe kein Leben.

„Deine Hingabe, mein Leben.“ Lydia hat noch eine Restglut ihrer Liebe zu Christus entdeckt. Diese kann angefacht werden. Die Störung in der Beziehung zu Jesus kann ausgeräumt werden. Ein neuer Frühling kann die Gemeinde durchwehen.

Liebe braucht Erneuerung

Liebe braucht Erneuerung. Auch die Liebe zu Christus braucht Erneuerung. Ein Weg kann sein, sich zu erinnern und dem nachzuspüren, was uns im Glauben an Christus einmal sehr wichtig war – so wie es Lydia ergangen ist. Was verbindet uns mit Jesus? Was sind die Quellen unseres Glaubens? Wie können wir uns von Christus lieben lassen? Stärkung und Erneuerung geschehen, wenn wir Abendmahl feiern, Brot und Wein im Glauben miteinander teilen. In Brot und Wein ist Christus unter uns gegenwärtig. Jedes Brechen des Brotes, jeder Schluck aus dem Kelch des Heils, nimmt das künftige Hochzeitsmahl mit unserem HERRN vorweg und erinnert an sein Sterben uns zugute: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit.“

Joachim Leberecht

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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