Rezension zu „Drachenjahre“, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2024                                                                                            

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Robert Rother, Drachenjahre. Wie ich sieben Jahre und sieben Monate im chinesischen Gefängnis überlebte, Edel Books – Ein Verlag der Edel Germany GmbH, 2020, ISBN: 9783841906991, Broschiert, Seitenzahl 224, Preis: -antiquarisch erworben-

Wie ein Eisberg – der größte Teil bleibt verborgen

Einleitung
„Ich kann sagen, wie es war, was ich erlebt und gesehen habe. Aber nicht, was ich dachte und fühlte und was ich heute darüber denke und fühle“, schreibt Robert Rother im letzten Kapitel seines Buches. Diese beiden Sätze haben mir geholfen, Rothers Erzählstil besser zu verstehen. Während des Lesens habe ich mich gefragt, warum sind die Geschichten, die einer emotionale Achterbahn gleichen, gleichzeitig so distanziert geschrieben? Warum gehen Robert Rothers Erlebnisse nicht in die Tiefe? Warum kann ich nicht in seine Seele hineinsteigen und miterleben, was Rother durchlebt und durchlitten hat?
Warum darf ich nur den sichtbaren Teil des Eisbergs sehen und nicht seine ganze Tiefe und Größe?

Zweifacher Schutz
Ich glaube, dahinter steckt ein doppelter Schutz. Auch Marketing-Gründe spielen dabei eine Rolle.

Erstens: Wenn es eine Überlebungsstrategie für Robert Rother war gefühlshart – ja gefühlskalt – zu sein, dann ist allein schon das Aufschreiben seiner Geschichte ein therapeutischer Akt, der sicher nicht ungefährlich war. Robert Rother näherte sich durch das Schreiben seinen Gefühlen, ja seinem Unbewussten an, und er schreibt intuitiv über sich selbst, als würde er sich beobachten. Dadurch bleibt er auf eine gute Art auf Distanz zu dem Drachen in ihm und gleichzeitig besänftigt er das Ungeheuer.

Zweitens: Stellen wir uns einen Moment vor, wir wären selbst nur einen Tag in einem chinesischen Drecksloch untergebracht. Was für eine Menge von Gedanken und Gefühlen würden wir durchleben? Aber wie sollten wir das alles mitteilen und versprachlichen? Wir würden sagen: es war schrecklich. Wir würden Äußeres beschreiben – wie es auch Robert Rother in Drachenjahre macht- das innere Erleben mit seinem ganzen Chaos könnten auch wir nur streifen. Letztlich glaube ich, dass wir Leser es auch nicht aushalten würden, wenn ein Mensch uns brutal in sein Innenleben ziehen würde. Wir würden uns verschließen. Nur die wenigsten von uns sind in der Lage mit in die Tiefe hinabzusteigen. Robert Rothers Schutz, schützt auch Leserinnen und Leser.

Heldenreise
Drittens: Auch Vermarktungsgründe haben nicht unwesentlich die Story beeinflusst. Ein Erzähler, der mit seiner Geschichte eine Spannung aufbaut und in überschaubaren Kapiteln seine Erzählung aufteilt, der lässt sich gut auf dem Markt platzieren.
Und wie wir von Robert Rother wissen, will er immer ganz oben mitschwimmen und vor allen Dingen wahrgenommen werden. Böse gesagt: Er will immer Held sein (auch im Knast) – und Drachenjahre ist wie eine Heldenreise aufgebaut. Das funktioniert immer.

Ghostwriter
Die Heldenreise ist aber nicht auf Rothers Mist gewachsen. Ein Profi hat hier mitgeholfen. An dieser Stelle möchte ich ein Lob für Thomas Schmoll aussprechen, Rothers kongenialer Ghostwriter. Die Fülle des Materials, die Erlebnisse und Gedanken Rothers hat Thomas Schmoll sortiert und dem Buch eine gut lesbare Form gegeben. In einfachen, kurzen Sätzen und einer direkten Sprache fesseln die überschaubaren fünfundzwanzig Kapitel. Rothers Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Rück- und Vorblenden. Erst, wer das ganze Buch gelesen hat, stellt fest, wieviel Themen, Lebensphasen und Beziehungen – ja echte Freundschaften – aus dem Leben Rothers angeschnitten werden.

Das Buch setzt sich wie ein Puzzle zusammen. Immer mehr Teile (Kapitel) ergeben ein Ganzes, wobei das Ganze – wie erwähnt -nur der sichtbare Ausschnitt des Eisbergs ist. Die gesamte Korrektur, Struktur- und Redaktionsarbeit sind Thomas Schmoll in Abstimmung mit dem Autor hervorragend gelungen.

Und was ist mit China?
Auch wenn Drachenjahre keine gesellschaftspolitische Analyse des chinesischen Volkes und des kommunistischen Systems sind, bekommt der Leser doch eine Ahnung davon, wie dieses Land funktioniert, wie die Wirtschaft kapitalistisch aufgestellt ist, der Arbeitsdruck enorm hoch ist und die Eliten hemmungslos ausbeuten und absahnen. Ein patriarchaler Kapitalismus unter der diktatorischen Knute der Einheitspartei, das ist China heute. Die Situation in den Gefängnissen spottet jeder Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Wer die (ungeschriebenen) Gesetze verletzt, bekommt die volle Härte des Polizeistaats zu spüren. Robert Rother zeigt aber auch, wie kreative Geschäftsideen im Graubereich der vorhandenen Gesetze in China zu Erfolg führen können. Anerkennung findet, wer Geld-Macht hat. Aus einer langen Tradition der Standesgesellschaft in China ist eine konsumorientierte Statusgesellschaft geworden. Eingehegt wird der Kapitalismus durch Zucht, Ordnung und Willkür der staatlichen Behörden. Die Angst regiert überall und niemand ist gefeit vor den Klauen der Machthaber. Das erfährt man plastisch durch Rothers Erzählen nebenbei. Rother fühlte sich frei, bis das System mit aller Härte durchgriff. Das alles garniert mit einem durch und durch korrupten Gemeinwesen und einer Verachtung von individuellen Menschenrechten und Person-Sein. Auch um das System China zu entlarven anhand seiner Knast-erfahrungen, hat Rother zu Papier und Feder gegriffen.

Eine Pilgerreise
Neben der schon in der frühen Kindheit eingeübten Widerstandskraft gegen eine immer wiederkehrende lebensbedrohende Atemnot, einer ausgeprägten Willenskraft, einer feinen Nase, sich mit hilfreichen Menschen zu umgeben, einer Neugier und Wissbegierde – immerhin hat er sage und schreibe 300 Bücher im Knast verschlungen – steht eine radikale Wahrnehmung seiner Verlorenheit und ein intensives Suchen nach spirituellen Wahrheiten. Robert Rother hat seine verkümmerte religiöse Ader entdeckt, hat seine verdorrte Wurzel genährt und bewässert durch Lektüre Heiliger Schriften und Nachahmung spiritueller Mitgefangener. Das hat zu seiner Konversion geführt. Das Beten und die Neuausrichtung seines Geistes und damit seines Wesens hat ich durch die Wüstenjahre der Haft geführt. In Drachenjahren beschreibt Rother seinen neu gefundenen Glauben in Kapitel 14: „Das ganze hier ist ein pures Geschenk Gottes.“ Auch wenn die Aussage in der Euphorie der Entdeckung geschieht, der Geist ist durch nichts zu beeinträchtigen: „Gott schenkt eine Freiheit, die mir keiner nehmen kann. Mein Geist ist mit seinem Geist verbunden, wie alles mit allem verbunden ist.“ Zugang zu geistigen Wahrheiten findet Rother über die Lektüre des schwedischen Mystikers Emmanuel Swedenborg (1688-1772). Das Glaubenskapitel hat mich besonders angesprochen, weil Robert Rother in einer Extremsituation erfährt, was Glaube bewirkt und welche Kraft aus ihm kommt. Das ist ermutigend. Robert Rother ist im Knast kein religiöser Spinner, sondern ein Liebhaber Gottes und der Menschen geworden. Seine unermessliche Wut auf das Unrecht und auf die sadistische Haltung vieler Wärter hat sich gewandelt, von Rachegelüsten hin zu Vergebungsbereitschaft:

Fazit
Die Drachenjahre von Robert Rother lohnen sich zu lesen. Sie erzählen von der Unverfügbarkeit des Lebens, von Erfolg und Scheitern, von Familie und Kameradschaft, von Schuld und Vergebung, von Liebe und Weisheit.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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