Kritik im Rahmen der Kommunikation, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

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Andreas Blessing, Philipp Barth: Kritisches Denken einfach erklärt, Edition Transkript, Transkript Verlag Bielefeld 2025, Paperback 120 Seiten, ISBN: 9 78-3 8376-7 435 – 4 (Print), Preis: 20,00 €

Die Forderung nach Kritik ist in unterschiedlichen Weltanschaulichen oder kommunikativen Situationen verschieden. Heute ist es das Internet oder besser gesagt die Informationsvermittlung der sozialen Netzwerke, die nach einer neuen und ausgeprägten Fähigkeit zu kritischem Denken verlangt. Dabei ist die Fähigkeit zur Kritik in der Gesellschaft gar nicht gut ausgebildet, weil alle wahrscheinlich versuchen einen Mittelweg zwischen Misstrauen und Vertrauen zu gehen.

Für mich als etwas älterem Zeitgenossen, kommt dabei der Umgang mit Kritik in den Sinn, der nach gesellschaftlicher Mitwirkung verlangt und der manchen gesellschaftlichen Institutionen unterstellt, Kritik nicht zu wünschen oder abzuwiegeln. Die Gegenbewegung dazu hat sich immer auf die Philosophie in der Nachfolgte Kants, Nietzsches und Marx berufen. Doch hiervon hat sich der Begriff des „kritischen Denkens“ in der Nachfolge entfernt.

Der Begriff kritisches Denken wird hier pragmatisch gebraucht und gehört eher in die Wissenschaftstheorie und die praktische Anwendung. In diesem Buch sind ein naturwissenschaftlicher und psychologischer Ansatz kombiniert. Andreas Blessing, geboren 1977, ist promovierter Psychologe, arbeitet in der Schweiz und lebt in Konstanz. Er veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten z. B. über Demenz und über Wissenschaftskommunikation. Philipp Barth geboren 1981, ist diplomierter Physiker, promovierter Biologe und lehrt an der ETH Zürich über „kritisches Denken als Kompetenz“.

Positiv gesagt wird kritisches Denken durch eine Aufzählung von Kriterien definiert. Denken unterliegt immer auch einer Flexibilität: „Wer denkt, kann seine Meinung ändern.“ (Seite 11) Dieses setzt demnach also die Bereitschaft zur Selbstkritik voraus; kritisches Denken verlangt die Begründung einer Aussage. Kritisches Denken gehört zur Kommunikationskompetenz, die eigentlich alle erreichen möchte. Doch nach dem Motto „grau lieber Freund ist alle Theorie“ zeigen sich die Hauptprobleme in der Anwendung kritischer Kommunikation im Alltag. Die positiven und kritischen Voraussetzungen guter Kommunikation werden in diesem Buch behandelt.

Das Buch teilt den Diskurs in 30 kleine Kapitel ein, die jeweils einen einzigen Gesichtspunkt der denkerischen Aktivität behandeln. Wissenschaftstheoretische im Allgemeinen oder philosophiegeschichtliche Diskurse spielen keine Rolle. Kritik ist also hier kleine weltanschauliche Idee, sondern die Pragmatik des Denkens überhaupt.

2 Beispiele: „Das logisch gültige Argument ist das Fundament der Rationalität.“ (Seite 19) Beispielsätze zeigen, dass Beobachtungen, inhaltliche Voraussetzungen und logische Schlüsse zueinander passen müssen. Die Frage von Weltbildern scheint einen subjektiven Aspekt zu zeigen. „Fest steht auch, dass wir von selbst bewusst entscheiden, und selbst dann unbewusste Prozesse eine entscheidende Rolle spielen“ (Seite 27).

Ein anderes Beispiel ist das, worin unsere Voraussetzungen und unsere Erfahrungen übereinstimmen. „Unsere Wahrnehmung wählt das aus, was die Verarbeitung von Informationen vereinfacht. Und das ist das, was mit unserer Weltanschauung übereinstimmt.  (Seite 31).

Diese Anfangszitate machen hoffentlich neugierig auf eine Mischung wissenschaftlicher Beobachtungen und Schlüsse, kombiniert mit Alltagsbeispielen und einfachen Anwendungen kritischen Denkens. Das Buch sollte nicht im Alltag der Universität vorbehalten bleiben.

Der Umgang mit Kommunikation braucht tatsächlich eine allgemeine Kompetenz an kritischem Denken. Aber sind wir dieser Notwendigkeit überhaupt gewachsen? Es ist zu wünschen, dass dies nicht nur an Universitäten, sondern auch in allen Schulformen gesehen und praktiziert wird.

Das Geheimnis von frühmittelalterlichen Glaubenszeugnissen in Religion, Kunst und Literatur, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

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Tobias Daniel Wabbel: Jesus und der heilige Gral, Auf der Suche nach dem Abendmahlskelch, Bassermann Verlag im Penguin Random House Verlag, München 2025, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-8094-5123-5,

Preis: 9,99 Euro (print), eBook (Amazon), 6,99 Euro

Während es bei anderen Büchern Tobias Daniel Wabbels (Der Templerschatz, 2020 und Die Templerkathedrale 2023) um die verlorenen Schätze des Templerordens geht, spürt er hier die Ursprünge historischer und religiöser Erzählungen auf und unterzieht sie einem Wahrheitscheck.

Wie präsent kann Jesus heute sein?

In einer Zeit, in der das Leben und Wirken Jesu und der frühen Gemeinden schon über 1000 Jahre zurücklag, kam eine ungeheure Nachfrage nach Gegenständen auf, die die Erzählungen der Bibel vergegenwärtigen konnten und auf eher primitive Art beweisen sollten. Wie viele Nägel des Kreuzes Jesu und dessen Holzsplitter, wie viele Blutstropfen, Lanzen und Tücher konnten die Wahrheit der biblischen Botschaft verdeutlichen?

War etwa der schlichte Kelch des Ludgerus, der heute in der Schatzkammer in Essen-Werden ist, schon in der Hand Jesu beim Abendmahl (Bild 1 des Rezensenten)?

Um die Umstände des Abendmahls und ihre glaubwürdige Überlieferung besser bewerten und verdeutlichen zu können, orientiert sich der Autor am Ablauf der jüdischen Festmahlzeit, gleichwohl wissend, dass diese im Talmud erst später schriftlich notiert worden ist. Wie viele Theologinnen und Theologen nimmt er einfach an, dass dieser Ablauf schon eine längere Tradition besaß und daher auch für die begleitende Mahlzeit vor Jesu Kreuzigung vorausgesetzt werden kann. Vielleicht war der Kelch ja dann auch schon früh aufgefunden worden und in Jerusalem, dem Ort der späteren Grabeskirche sicher verschlossen bewahrt worden. Aber, stopp, Tobias Daniel Wabbel betont damit auch zu Recht, dass mit sogenannten Sedermahl vier verschiedene Kelche eine Rolle spielen, wobei über dreien der Segen gesprochen wird und der vierte der neuen Mahlzeit nach der Vollendung des Reiches Gottes vorbehalten bleibt.

Dann hätten es also mindestens drei verschiedene Kelche gegeben, die Jesus in der Hand hatte. Hierzu findet sich ein liturgischer Kamm, der sehr detailliert aus Elfenbein geschnitzt ist in der Domschatzkammer des Essener Münsters. (Foto des Rezensenten). Dort ist sind auf der Darstellung des Abendmahltisches 12 Jünger mit Jesus versammelt und zur Mahlzeit kommen auf den Tischen verteilt insgesamt vier Kelche zum Einsatz.

Wer oder was ist der Heilige Gral?

Warum ist dann aber trotzdem von dem einen heiligen Gral die Rede? Nach den Nachforschungen des Wissenschaftsjournalisten Wabbels war dieser Kelch, bzw. diese Schale überdies keineswegs aus Metall geformt, sondern aus einem Edelstein geschnitzt worden. Was die Sache dann noch kompliziert macht, ist, dass die Leserinnen und Leser nun einen Gegenstand suchen, mit dem bei der Kreuzigung Jesu das Blut Jesu aufgefangen worden sein soll. Dazu findet Tobies Daniel Wabbel viele noch erhaltene Kirchenausmalungen von Schottland bis Dänemark, wozu damals auch noch die Insel Rügen gehörte. Dorthin führte zuletzt die Erkundungsreise, in die der Autor die Lesenden führt. Hier findet er auch den Namen Graal/Gral, meist mit zwei „a“ geschrieben in diversen Ortsnamen wie Graal-Müritz und anderen.

Um mehr über den heiligen Gral zu erfahren, werden dazu im Mittelteil des Buches die Gralslegenden und Gralsbücher über König Artus von Chretién de Troyes und Wolfram von Eschenbach und dessen Hauptgestalt Parceval oder eingedeutscht Parsival angeführt.

Die Frage ist, ob es bei so vielen unterschiedlichen Hinweisen und Bezügen eine einheitliche Antwort geben kann und ob das Ergebnis des Buches gerade darin liegt, dieses Dilemma festzustellen. Der Volksmund sagt ja zu Recht, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Ein Weg wäre es vielleicht, die ganze Thematik der christlichen Traditionsgeschichte zuzuordnen und dann festzustellen, dass es den einen Kelch gar nicht mehr geben kann. Doch dieses Fazit lässt der Autor offen, sondern weist lediglich darauf hin, dass wir durch unsere Suche selbst der Gestalt des Gekreuzigten näher gekommen sind, um dann zugleich festzustellen, dass sich eben nicht mehr alles in eine andere Zeit übertragen lässt.

Die Spannung zwischen Wort und Erfahrung.

Hier käme m. E. die Religion in Spiel, die anhand der biblischen Überlieferung Inhalt und Erzählung vergegenwärtigt, ohne damit zugleich zu behaupten, dass man genau weiß, wie es damals wirklich war. Dann wird die Wahrheit in der Gegenwart erfahrbar, ohne beweisen zu wollen, was damals geschah. Ich gebe Tobias Daniel Wabbel darin recht, dass sich schon vergangene Generationen an der Tradition abgemüht haben und sie in ihren jeweilig eigenen Kontext gestellt haben. Diese Vorgänge aufzuspüren in Literatur, Kunst und Religion ist wahrlich spannend. Und ist nicht eben genau dieses die Wahrheit der Auferstehung Christi, die uns fassungslos am leeren Grab stehen lässt, mit nichts anderem als der Zusage, dass Jesus immer da ist, wo wir an ihn denken, mit und ohne Kelch.

Religion (setzt) in Bewegung! Ausstellungsbericht von Dr. Vera und Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto 1 Werbeplakat PRAYMOBIL, Joachim Leberecht

Playmobil wer kennt sie nicht, die kleinen Plastikfiguren, die seit gut 50 Jahren in vielen Kinderzimmern zu finden sind? Ganze Welten lassen sich damit phantasievoll gestalten, ganze Epochen nachspielen”. Mit dem Titel seiner neuesten Ausstellung, Praymobil, knüpft das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen bewusst an diese Erfahrung an: Beweglichkeit, sinnliche Erfahrung und Spiel sind in dieser Schau verknüpft mit religiöser (Gebrauchs-)Kunst.

Bewegte Bildwerke

Die Ausstellung zeigt 80 Exponate, darunter 70 Leihgaben, davon viele aus Tirol und der Schweiz. Vor allem im Alpenraum sind etliche mit den gezeigten Werken verbundene Bräuche noch lebendig. So gibt Praymobileinen lebhaften Eindruck davon, wie Kunst und religiöses Brauchtum zusammenkommen. Diese Zusammenstellung ist insofern einzigartig, als noch nie so viele, auch seltene, bewegte Bildwerke zu sehen waren.

Im Spätmittelalter, aus dem die meisten Ausstellungsstücke stammen, wurde mithilfe beweglicher Elemente versucht, eine Illusion des Lebendigen herzustellen. Bei einem Jesus am Kreuz (Foto 2) Christus mit beweglichen Armen) können Kopf, Kinn und sogar die Zunge bewegt werden und das Bluten aus der Wunde in der Seite dargestellt werden. Das Karfreitagsgeschehen konnte auf diese Weise besonders realistisch nachvollzogen werden. Durch ihre ebenfalls beweglichen Arme konnte die Figur nach dem Gottesdienst sogar vom Kreuz abgenommen, Maria in den Schoß und anschließend in ein Grab gelegt werden.

Spielen mit dem neugeborenen Jesuskind

Neben beweglichen Christusfiguren sind Himmelfahrtsgruppen zu sehen: Dabei konnten Jesus oder auch Maria durch ein Loch in der Kirchendecke (das Heilig-Geist-Loch”) hochgezogen werden. Auch das kleine Christuskind ist in zahlreichen Ausführungen ausgestellt. Gezeigt werden schwangere Marienfiguren, denen zu Weihnachten das kleine Baby aus dem Bauch genommen werden konnte. (Foto 3 Maria mit Bauchkasten).

Für das Baby gab es eine ganze Reihe von Möbeln; es konnte in Wiegen gelegt oder auf Kissen, Stühle oder der Mutter Maria auf den Schoß gesetzt werden. Diese Figuren waren besonders in Frauenklöstern beliebt und wurden den zum Teil sehr jungen Novizinnen zur Pflege anvertraut.

Die Ausstellung versucht erfolgreich ein Crossover von Kunst, Brauchtum, bildendem Theater, Musik, Performance und Gebrauchsgegenständen. Und Gebrauchsgegenstände sind die gezeigten Stücke im doppelten Sinn: Zum einen wurde die Kunst teilweise intensiv genutzt (beispielsweise indem Kinder sich an Palmsonntag zu Jesus auf seinen hölzernen Esel dazusetzen durften) (Foto 4 Jesus reitet auf einem Esel) und hat auch entsprechende Gebrauchsspuren. Zum anderen wurde sie auch gebraucht, um Glauben/Religion erlebbar und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen. Die sinnlich-spielerischen Aspekte von Kunst bzw. religiösen Gegenständen und deren interaktiver Gebrauch stellen eine Verbindung her zwischen den Menschen damals und uns heute.

Perspektivwechsel

Den Ausstellungsverantwortlichen ist es ein Anliegen, durch immer wieder neue Perspektivwechsel auf (mittelalterliche) Kunst die Relevanz von Kunst für die Menschen von heute zu erhalten. Dabei verschieben die Kuratoren Michael Rief und Dagmar Preising in ihrem Beitrag Handelnd oder bewegt? im Ausstellungskatalog (S.18-20) den von Peter Jetzler seit 1983 in die kunsthistorische Literatur eingebrachten Begriff von „handelnden Bildwerken“ in „bewegte Bildwerke“. Aus unserer Sicht greift der Begriff bewegte Bildwerke  für das rituelle Nachspielen der Passionshandlung zu kurz, denn hier ist doch Christus der Handelnde. Vielleicht wird zukünftig unterschieden zwischen handelnden Bildwerken und bewegten Bildwerken. Für beides gibt es gute Argumente.

Für uns persönlich wirft die Ausstellung vor allem die Frage auf, wie die Relevanz von Religion und Glauben für die Menschen heute weiterhin erhalten bleiben und immer wieder neu vermittelt werden kann. Ähnlich wie die Kunst muss schließlich auch der Glaube immer wieder aktualisiert und mit dem eigenen (Er-)Leben verbunden sein, damit er uns Menschen im wahrsten Sinn des Wortes bewegt.

Praymobil geht es nicht um eine Zur-Schau-Stellung von Kuriositäten (auch wenn von befremdlich” über unfreiwillig komisch” bis süß” einiges zu entdecken ist). Wer sich darauf einlässt, wird zum Nachdenken über den eigenen Glauben angeregt: Was verbindet mich mit den Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Wo will ich vielleicht keinen blutenden Jesus mehr sehen; aber wo ist mir die vertraute große Krippe in der Kirche doch lieb geworden und lässt mir die frohe Weihnachtsbotschaft extra nahekommen? Spannende Anstöße, die die Ausstellung gleichzeitig spielerisch und mit Potential auf Tiefgang gibt.

Wann und wo?

 

Praymobil ist im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, Wilhelmstr. 18, noch bis zum 15. März zu erleben. Neben einem normalen Museumsbesuch können auch Führungen durch die Ausstellung gebucht werden.

 

Einen besonderen Eindruck von der Wirkung der ausgestellten Kunst gibt eine musikalische Aufführung der spätmittelalterlichen Wolfenbüttler Marienklage am 22.2.26 in St. Adalbert in Aachen (https://ordovirtutum.de/marienklage/).

 

Dem reich bebilderten, informativen Katalog ist im besten Sinne anzumerken, dass die konzeptionell aufwändige Ausstellung durch eine jahrelange Vorlauf- und Planungsphase gegangen ist. Er ist im Paul Imhof Verlag erschienen und für 49,95 Euro im Museum erhältlich.

 

Mehr als nur Ortsgeschichte, Pressehinweis, Hartmut Hegeler, Unna 2025

Hartmut Hegeler: Rittersitz in Unna-Massen. Geschichte des adligen Rittergeschlechts von Romberg und Haus Massen.
Schriftenreihe der Stadt Unna 66. Stadtmarketing Unna, 2025, ISBN 978-3-927082-70-0
Hardcover 24,90 €

Das neu erschienene Buch von Hartmut Hegeler beleuchtet auf 298 Seiten die Geschichte von Haus Massen und der adeligen Familie von Romberg von den Anfängen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Erstmals liegt hiermit eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte des Rittersitzes dieser evangelischen Adeligen und ihrer Familien vor. Diese wird eingebettet in die Zeitgeschichte der Stadt Unna und der Historie der Grafschaft Mark. Diese Aristokraten gehörten zu den wohlhabendsten Familien in Westfalen, verkehrten mit den einflussreichen Personen ihrer Zeit und vermehrten durch geschickte Heiratspolitik Einfluss und Besitz. Doch sie waren auch von den Schattenseiten des Schicksals betroffen, von Krieg, Bankrott, Wahnsinn und Mord.

Viele Grabsteine in der Stadtkirche zeugen von ihrem Einsatz. Als der Kirchturm des evangelischen Gotteshauses in Unna am 4. Juni 1559 während des Nachmittagsgottesdienstes durch einen Blitzschlag entzündet wurde, ließ ihn die Freifrau Grude von Haus, Witwe von Bernd von Romberg, auf ihre Kosten wieder aufbauen. Seit der Zeit besaß die Familie von Romberg ein besonderes Läuterecht in der Kirche zu Unna. Zwei Kirchenbänke mit je vier Sitzen gehörten dem Rittergut Massen und standen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Stadtkirche.

Die Geschichte des Hauses Massen reicht weit über lokale Heimatgeschichte hinaus. Der berühmte Pfarrer Philipp Nicolai beschrieb in einem bis dato unbekannten Brief vom 14. April 1586 in bewegenden Worten die Rettung der Evangelischen in der Schlacht von Schwelm durch den „Romberger“ von Haus Massen.

Urkunden, Akten und erschütternde Quellen werfen neues Licht auf das Schicksal von dem Rittersitz Haus Massen. Die Historie der Adelsfamilie wird angereichert durch umfangreiches Bildmaterial (u.a. Abbildungen, Wappen, historische Karten) sowie genealogische Quellen. Ein Index erschließt Namen von Personen und Orten.

Hartmut Hegeler, Pfr.i.R., hat zahlreiche historische Arbeiten zur Geschichte der Frühen Neuzeit und zur Lokalgeschichte veröffentlicht.

Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025, Rezension zu Hartmut von Sass: Atheistisch Glauben. Ein theologischer Essay,

Matthes & Seitz, Berlin 2024. Vierte Auflage

Gott atheistisch gedacht

Gott hat nach dem Theologen und Religionsphilosophen Hartmut von Sass keine Geschichte, dennoch können Geschichten von ihm erzählt werden, wie etwa biblische Geschichten. In seinem Essay Atheistisch glauben entfaltet Hartmut von Sass keine Gotteslehre, sondern entwirft eine Architektur des Glaubens im 21. Jahrhundert. Im neuen Haus des Glaubens schreibt von Sass christliche Tradition fort und plädiert für einen existentiellen Glauben, der sich im Alltag und in der Welt bewährt.

Gott als Person hat ausgedient

Es ist von Sass wichtig zu zeigen, dass der Glaube auch dann nicht zu Ende ist, wenn es keine andere Welt neben dieser Welt, etwas ein Jenseits oder Gott als Subjekt (Person) gibt. Im Gegenteil: Glaube (ohne Netz) macht die Welt neu und Erfahrung des Glaubens schenkt eine neue Sicht auf die Welt. Hartmut von Sass unternimmt nichts Geringeres, als einen Glauben ohne Gott (Subjekt) zu skizzieren. Einen solchen Glauben bezeichnet er als atheistisch. Jegliche Metaphysik und jeglicher Theismus sind darin überwunden.

Der Glaube bereichert die Welt

Da der Glaube ein „menschlich Ding“ ist, ist er ein Weltaspekt, der neben anderen Weltaspekten und Zugängen, wie etwa ein naturwissenschaftlicher oder ein ökonomischer die Welt bereichert. Anhand der Ästhetik (Kunst) macht Hartmut von Saß deutlich, dass der Weltzugang immer mit dem Rezipienten zu tun hat. Darin ähneln sich Kunst- und Glaubenserfahrungen. Glauben wird als eigenständige religiöse Erfahrung in der Welt als gleichberechtigt gegenüber anderen Sicht- und Zugangsweisen zur Welt verortet. Dieser Glaube steht nicht in Widerspruch zu wissenschaftlichen Aussagen, auch kennt ein solcher Glaube keine Theodizee. Wo kein Gott ist, der rettend in die Welt eingreift, ist eine Theodizee überflüssig. Damit werden auf einem Schlag viele theologische Fragestellungen ad absurdum geführt. Nicht das Warum ist die entscheidende Frage, sondern das Wohin. Wie bewährt sich der angefochtene Glaube in Krisen und Leiden, ist eine weiterbringende Fragerichtung.

Glaube als Modus

Hartmut von Sass spricht von einem modalen Glauben. Im Modus des Glaubens leben und seine ganze Existenz darin verorten, qualifiziert das Leben als religiös. Wenn auch Hartmut von Sass die theologische Rede von einem handelnden Gott atheistisch verneint, so spricht er von Gott als Macht, die in menschlichem Leben wirklich wird. Gott ereignet sich. Diese Wirklichkeit Gottes ist und bleibt gebunden an der menschlichen Erfahrung. Außerhalb der menschlichen Erfahrung kann diese Wirklichkeit nicht qualifiziert werden. Wobei Hartmut von Sass festhält, dass Gottes Offenbarung nichts anderes sein kann als seine Liebe (1 Joh 4,16).

Eschatologie im Hier und Jetzt

Da Gott sich im Hier und Jetzt ereignet, entwickelt Hartmut von Sass im johanneischen Geist eine präsentische Eschatologie. Ein ewiges Leben bei Gott jenseits des Todes, etwa in „Gottes neuer Welt“, gehört bei ihm nicht zur Architektur eines modernen Glaubens. Hartmut von Sass bleibt sich treu, lediglich aus religiösen Erfahrungen über Gott zu reden. Da es keine Erfahrungen jenseits des Todes gibt, endet mit dem irdischen Leben das Leben selbst (Ganztodthese).

Ohne Gott an Gott glauben?

Der Mythos erzählt von Gott als handelndes Subjekt. Immer wieder wurden religiöse Erfahrungen von Menschen in einem komplexen Geflecht in Sprache, Glaubenssätze und später Dogmen überführt. Das sehen wir besonders in der Christologie, wie aus Jesus von Nazareth dem Menschensohn der Gottessohn wurde. Aus meiner Sicht nimmt Hartmut von Saß dem christlichen Glauben das Geheimnis, wenn seine Architektur des Glaubens nur religiöse Erfahrungen gelten lässt, nicht aber ein systematisch-theologisches Denken darüber, welche Macht hier erfahren wird. Wer oder was offenbart sich hier? Wer oder was entzieht sich hier? Wie kommt es zu einer religiösen Erfahrung oder gar Gewissheit? Ferner: Am Anfang steht der Mythos. Die Gotteserfahrung wird mit der Sprache des Mythos gedeutet. Daraus entstehen Glaubenssätze, die überliefert werden. Die Ähnlichkeit und Differenz zwischen Mythos, Erfahrung und Dogma (Vernunft) führt in eine produktive Spannung in der Ökumene, im Dialog der Religionen, im Gespräch mit modernen Wissenschaften und im Lebensvollzug (Ethik/Kultur).

Die Produktivität der Spannung zeigt und löst sich im theologischen Ansatz Hartmut von Sass auf: Ohne Gott an Gott zu glauben. Wie aber kann der Glaube ohne Gottes Handeln den Mythos bewahren? Und ist atheistisch Glauben nicht unter der Hand ein neues Dogma?

Joachim Leberecht