Religion (setzt) in Bewegung! Ausstellungsbericht von Dr. Vera und Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto 1 Werbeplakat PRAYMOBIL, Joachim Leberecht

Playmobil wer kennt sie nicht, die kleinen Plastikfiguren, die seit gut 50 Jahren in vielen Kinderzimmern zu finden sind? Ganze Welten lassen sich damit phantasievoll gestalten, ganze Epochen nachspielen”. Mit dem Titel seiner neuesten Ausstellung, Praymobil, knüpft das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen bewusst an diese Erfahrung an: Beweglichkeit, sinnliche Erfahrung und Spiel sind in dieser Schau verknüpft mit religiöser (Gebrauchs-)Kunst.

Bewegte Bildwerke

Die Ausstellung zeigt 80 Exponate, darunter 70 Leihgaben, davon viele aus Tirol und der Schweiz. Vor allem im Alpenraum sind etliche mit den gezeigten Werken verbundene Bräuche noch lebendig. So gibt Praymobileinen lebhaften Eindruck davon, wie Kunst und religiöses Brauchtum zusammenkommen. Diese Zusammenstellung ist insofern einzigartig, als noch nie so viele, auch seltene, bewegte Bildwerke zu sehen waren.

Im Spätmittelalter, aus dem die meisten Ausstellungsstücke stammen, wurde mithilfe beweglicher Elemente versucht, eine Illusion des Lebendigen herzustellen. Bei einem Jesus am Kreuz (Foto 2) Christus mit beweglichen Armen) können Kopf, Kinn und sogar die Zunge bewegt werden und das Bluten aus der Wunde in der Seite dargestellt werden. Das Karfreitagsgeschehen konnte auf diese Weise besonders realistisch nachvollzogen werden. Durch ihre ebenfalls beweglichen Arme konnte die Figur nach dem Gottesdienst sogar vom Kreuz abgenommen, Maria in den Schoß und anschließend in ein Grab gelegt werden.

Spielen mit dem neugeborenen Jesuskind

Neben beweglichen Christusfiguren sind Himmelfahrtsgruppen zu sehen: Dabei konnten Jesus oder auch Maria durch ein Loch in der Kirchendecke (das Heilig-Geist-Loch”) hochgezogen werden. Auch das kleine Christuskind ist in zahlreichen Ausführungen ausgestellt. Gezeigt werden schwangere Marienfiguren, denen zu Weihnachten das kleine Baby aus dem Bauch genommen werden konnte. (Foto 3 Maria mit Bauchkasten).

Für das Baby gab es eine ganze Reihe von Möbeln; es konnte in Wiegen gelegt oder auf Kissen, Stühle oder der Mutter Maria auf den Schoß gesetzt werden. Diese Figuren waren besonders in Frauenklöstern beliebt und wurden den zum Teil sehr jungen Novizinnen zur Pflege anvertraut.

Die Ausstellung versucht erfolgreich ein Crossover von Kunst, Brauchtum, bildendem Theater, Musik, Performance und Gebrauchsgegenständen. Und Gebrauchsgegenstände sind die gezeigten Stücke im doppelten Sinn: Zum einen wurde die Kunst teilweise intensiv genutzt (beispielsweise indem Kinder sich an Palmsonntag zu Jesus auf seinen hölzernen Esel dazusetzen durften) (Foto 4 Jesus reitet auf einem Esel) und hat auch entsprechende Gebrauchsspuren. Zum anderen wurde sie auch gebraucht, um Glauben/Religion erlebbar und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen. Die sinnlich-spielerischen Aspekte von Kunst bzw. religiösen Gegenständen und deren interaktiver Gebrauch stellen eine Verbindung her zwischen den Menschen damals und uns heute.

Perspektivwechsel

Den Ausstellungsverantwortlichen ist es ein Anliegen, durch immer wieder neue Perspektivwechsel auf (mittelalterliche) Kunst die Relevanz von Kunst für die Menschen von heute zu erhalten. Dabei verschieben die Kuratoren Michael Rief und Dagmar Preising in ihrem Beitrag Handelnd oder bewegt? im Ausstellungskatalog (S.18-20) den von Peter Jetzler seit 1983 in die kunsthistorische Literatur eingebrachten Begriff von „handelnden Bildwerken“ in „bewegte Bildwerke“. Aus unserer Sicht greift der Begriff bewegte Bildwerke  für das rituelle Nachspielen der Passionshandlung zu kurz, denn hier ist doch Christus der Handelnde. Vielleicht wird zukünftig unterschieden zwischen handelnden Bildwerken und bewegten Bildwerken. Für beides gibt es gute Argumente.

Für uns persönlich wirft die Ausstellung vor allem die Frage auf, wie die Relevanz von Religion und Glauben für die Menschen heute weiterhin erhalten bleiben und immer wieder neu vermittelt werden kann. Ähnlich wie die Kunst muss schließlich auch der Glaube immer wieder aktualisiert und mit dem eigenen (Er-)Leben verbunden sein, damit er uns Menschen im wahrsten Sinn des Wortes bewegt.

Praymobil geht es nicht um eine Zur-Schau-Stellung von Kuriositäten (auch wenn von befremdlich” über unfreiwillig komisch” bis süß” einiges zu entdecken ist). Wer sich darauf einlässt, wird zum Nachdenken über den eigenen Glauben angeregt: Was verbindet mich mit den Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Wo will ich vielleicht keinen blutenden Jesus mehr sehen; aber wo ist mir die vertraute große Krippe in der Kirche doch lieb geworden und lässt mir die frohe Weihnachtsbotschaft extra nahekommen? Spannende Anstöße, die die Ausstellung gleichzeitig spielerisch und mit Potential auf Tiefgang gibt.

Wann und wo?

 

Praymobil ist im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, Wilhelmstr. 18, noch bis zum 15. März zu erleben. Neben einem normalen Museumsbesuch können auch Führungen durch die Ausstellung gebucht werden.

 

Einen besonderen Eindruck von der Wirkung der ausgestellten Kunst gibt eine musikalische Aufführung der spätmittelalterlichen Wolfenbüttler Marienklage am 22.2.26 in St. Adalbert in Aachen (https://ordovirtutum.de/marienklage/).

 

Dem reich bebilderten, informativen Katalog ist im besten Sinne anzumerken, dass die konzeptionell aufwändige Ausstellung durch eine jahrelange Vorlauf- und Planungsphase gegangen ist. Er ist im Paul Imhof Verlag erschienen und für 49,95 Euro im Museum erhältlich.

 

Mehr als nur Ortsgeschichte, Pressehinweis, Hartmut Hegeler, Unna 2025

Hartmut Hegeler: Rittersitz in Unna-Massen. Geschichte des adligen Rittergeschlechts von Romberg und Haus Massen.
Schriftenreihe der Stadt Unna 66. Stadtmarketing Unna, 2025, ISBN 978-3-927082-70-0
Hardcover 24,90 €

Das neu erschienene Buch von Hartmut Hegeler beleuchtet auf 298 Seiten die Geschichte von Haus Massen und der adeligen Familie von Romberg von den Anfängen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Erstmals liegt hiermit eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte des Rittersitzes dieser evangelischen Adeligen und ihrer Familien vor. Diese wird eingebettet in die Zeitgeschichte der Stadt Unna und der Historie der Grafschaft Mark. Diese Aristokraten gehörten zu den wohlhabendsten Familien in Westfalen, verkehrten mit den einflussreichen Personen ihrer Zeit und vermehrten durch geschickte Heiratspolitik Einfluss und Besitz. Doch sie waren auch von den Schattenseiten des Schicksals betroffen, von Krieg, Bankrott, Wahnsinn und Mord.

Viele Grabsteine in der Stadtkirche zeugen von ihrem Einsatz. Als der Kirchturm des evangelischen Gotteshauses in Unna am 4. Juni 1559 während des Nachmittagsgottesdienstes durch einen Blitzschlag entzündet wurde, ließ ihn die Freifrau Grude von Haus, Witwe von Bernd von Romberg, auf ihre Kosten wieder aufbauen. Seit der Zeit besaß die Familie von Romberg ein besonderes Läuterecht in der Kirche zu Unna. Zwei Kirchenbänke mit je vier Sitzen gehörten dem Rittergut Massen und standen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Stadtkirche.

Die Geschichte des Hauses Massen reicht weit über lokale Heimatgeschichte hinaus. Der berühmte Pfarrer Philipp Nicolai beschrieb in einem bis dato unbekannten Brief vom 14. April 1586 in bewegenden Worten die Rettung der Evangelischen in der Schlacht von Schwelm durch den „Romberger“ von Haus Massen.

Urkunden, Akten und erschütternde Quellen werfen neues Licht auf das Schicksal von dem Rittersitz Haus Massen. Die Historie der Adelsfamilie wird angereichert durch umfangreiches Bildmaterial (u.a. Abbildungen, Wappen, historische Karten) sowie genealogische Quellen. Ein Index erschließt Namen von Personen und Orten.

Hartmut Hegeler, Pfr.i.R., hat zahlreiche historische Arbeiten zur Geschichte der Frühen Neuzeit und zur Lokalgeschichte veröffentlicht.

Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025, Rezension zu Hartmut von Sass: Atheistisch Glauben. Ein theologischer Essay,

Matthes & Seitz, Berlin 2024. Vierte Auflage

Gott atheistisch gedacht

Gott hat nach dem Theologen und Religionsphilosophen Hartmut von Sass keine Geschichte, dennoch können Geschichten von ihm erzählt werden, wie etwa biblische Geschichten. In seinem Essay Atheistisch glauben entfaltet Hartmut von Sass keine Gotteslehre, sondern entwirft eine Architektur des Glaubens im 21. Jahrhundert. Im neuen Haus des Glaubens schreibt von Sass christliche Tradition fort und plädiert für einen existentiellen Glauben, der sich im Alltag und in der Welt bewährt.

Gott als Person hat ausgedient

Es ist von Sass wichtig zu zeigen, dass der Glaube auch dann nicht zu Ende ist, wenn es keine andere Welt neben dieser Welt, etwas ein Jenseits oder Gott als Subjekt (Person) gibt. Im Gegenteil: Glaube (ohne Netz) macht die Welt neu und Erfahrung des Glaubens schenkt eine neue Sicht auf die Welt. Hartmut von Sass unternimmt nichts Geringeres, als einen Glauben ohne Gott (Subjekt) zu skizzieren. Einen solchen Glauben bezeichnet er als atheistisch. Jegliche Metaphysik und jeglicher Theismus sind darin überwunden.

Der Glaube bereichert die Welt

Da der Glaube ein „menschlich Ding“ ist, ist er ein Weltaspekt, der neben anderen Weltaspekten und Zugängen, wie etwa ein naturwissenschaftlicher oder ein ökonomischer die Welt bereichert. Anhand der Ästhetik (Kunst) macht Hartmut von Saß deutlich, dass der Weltzugang immer mit dem Rezipienten zu tun hat. Darin ähneln sich Kunst- und Glaubenserfahrungen. Glauben wird als eigenständige religiöse Erfahrung in der Welt als gleichberechtigt gegenüber anderen Sicht- und Zugangsweisen zur Welt verortet. Dieser Glaube steht nicht in Widerspruch zu wissenschaftlichen Aussagen, auch kennt ein solcher Glaube keine Theodizee. Wo kein Gott ist, der rettend in die Welt eingreift, ist eine Theodizee überflüssig. Damit werden auf einem Schlag viele theologische Fragestellungen ad absurdum geführt. Nicht das Warum ist die entscheidende Frage, sondern das Wohin. Wie bewährt sich der angefochtene Glaube in Krisen und Leiden, ist eine weiterbringende Fragerichtung.

Glaube als Modus

Hartmut von Sass spricht von einem modalen Glauben. Im Modus des Glaubens leben und seine ganze Existenz darin verorten, qualifiziert das Leben als religiös. Wenn auch Hartmut von Sass die theologische Rede von einem handelnden Gott atheistisch verneint, so spricht er von Gott als Macht, die in menschlichem Leben wirklich wird. Gott ereignet sich. Diese Wirklichkeit Gottes ist und bleibt gebunden an der menschlichen Erfahrung. Außerhalb der menschlichen Erfahrung kann diese Wirklichkeit nicht qualifiziert werden. Wobei Hartmut von Sass festhält, dass Gottes Offenbarung nichts anderes sein kann als seine Liebe (1 Joh 4,16).

Eschatologie im Hier und Jetzt

Da Gott sich im Hier und Jetzt ereignet, entwickelt Hartmut von Sass im johanneischen Geist eine präsentische Eschatologie. Ein ewiges Leben bei Gott jenseits des Todes, etwa in „Gottes neuer Welt“, gehört bei ihm nicht zur Architektur eines modernen Glaubens. Hartmut von Sass bleibt sich treu, lediglich aus religiösen Erfahrungen über Gott zu reden. Da es keine Erfahrungen jenseits des Todes gibt, endet mit dem irdischen Leben das Leben selbst (Ganztodthese).

Ohne Gott an Gott glauben?

Der Mythos erzählt von Gott als handelndes Subjekt. Immer wieder wurden religiöse Erfahrungen von Menschen in einem komplexen Geflecht in Sprache, Glaubenssätze und später Dogmen überführt. Das sehen wir besonders in der Christologie, wie aus Jesus von Nazareth dem Menschensohn der Gottessohn wurde. Aus meiner Sicht nimmt Hartmut von Saß dem christlichen Glauben das Geheimnis, wenn seine Architektur des Glaubens nur religiöse Erfahrungen gelten lässt, nicht aber ein systematisch-theologisches Denken darüber, welche Macht hier erfahren wird. Wer oder was offenbart sich hier? Wer oder was entzieht sich hier? Wie kommt es zu einer religiösen Erfahrung oder gar Gewissheit? Ferner: Am Anfang steht der Mythos. Die Gotteserfahrung wird mit der Sprache des Mythos gedeutet. Daraus entstehen Glaubenssätze, die überliefert werden. Die Ähnlichkeit und Differenz zwischen Mythos, Erfahrung und Dogma (Vernunft) führt in eine produktive Spannung in der Ökumene, im Dialog der Religionen, im Gespräch mit modernen Wissenschaften und im Lebensvollzug (Ethik/Kultur).

Die Produktivität der Spannung zeigt und löst sich im theologischen Ansatz Hartmut von Sass auf: Ohne Gott an Gott zu glauben. Wie aber kann der Glaube ohne Gottes Handeln den Mythos bewahren? Und ist atheistisch Glauben nicht unter der Hand ein neues Dogma?

Joachim Leberecht

„Gott ist gegenwärtig“, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

Zu:

Johannes Burkardt: Gerhard Tersteegen, Die Bernières-Louvigny-Übersetzungen, Luther-Verlag Bielefeld 2023, broschiert, 1120 Seiten, ISBN 978-3-7858-0863-4, Preis: 29,90 Euro (print)

Aufbau des Buches

Das genannte Buch hat zwei Teile, die umfangreiche Einleitung in die Beschäftigung Gerhard Tersteegens (1697 – 1769) mit ausgewählten Texten des (damals) bekannten römisch-katholischen französischen Laientheologen Jean de Bernières-Louvigny aus Caen (Normandie, Frankreich, 1602-1659). Die Einleitung hat 184 Seiten und ist der eigentlich informative Teil des Buches. Daraufhin folgt auf ca. 900 Seiten der editorische Teil. Gedruckt kann ein solches Buch nur mit einem kräftigen Druckkostenzuschuss der Evangelischen Kirche von Westfalen zu einem erschwinglichen Preis erscheinen.

Eigenhändiger Text des Übersetzers eingefügt

Während Gerhard Tersteegen im ersten Teil noch der vom Autor gegebenen Einteilung folgt, hat er später stärker in den Aufbau eingegriffen und eine eigenhändige Einleitung hinzugefügt: „Vorrede des Ausgebers. Von dem Unterschied und Fortgang in der Gottseligkeit.“ Mit einem 47 Punkte enthaltenden Inhaltsverzeichnis. In dieser Vorrede vermutetet man nicht zu Unrecht die Darlegung der eigentlichen Motivation zur Herausgabe der Benieres-Louvigny-Auswahl in deutscher Sprache. Dieser Text sollte einmal in Hochdeutsch gefasst werden, denn er enthält das theologisch-mystische Programm Gerhard Tersteegens. (Anm.: Der Text wurde auch in seine eigene Aufsatzsammlung „Weg der Wahrheit“ aufgenommen. Erschienen in Solingen,1768. D. Rez.)

Weitere Inhalte der Bernières-Louvigny Übersetzung

Gerhard Tersteegen, sonst überwiegend als Kirchenlieddichter bekannt, dokumentiert in seiner Übersetzungsarbeit zwei Werke von Bernières-Louvigny, und zwar die „Geistlichen Liebes-Kernen oder kräftige Auszüge aus denen Büchern des Herrn Bernières, genannt Der inwendige Christ mit einigen Zugaben“ und das zweite Hauptwerk: „Das Verborgene Leben in Christo in Gott“ (Titel nicht in der historischen Schreibweise, sondern hochdeutsch, um die Rezension verständlicher zu machen. D. Rez.). Dieser Buchteil hat, ergänzt um eine Konkordanz der Erstausgabe des „Verborgenen Lebens“ mit weiteren Ausgaben, einem Bibelstellenindex und einem Namens- und Ortsindex ca. 900 Seiten.

Editorische Einleitung von Johannes Burkardt

Doch nun zurück zur editorischen Einleitung des Buches von Johannes Burkardt: Die Einleitung umfasst auch einzelne Untersuchungen, Ausblick auf die Entstehung der Werke Bernières-Louvignys, die weitere Verbreitung, aber auch die Ausgestaltung der Übersetzung und bewusster Auswahl und Edition. Tersteegen, so Johannes Burkardt greift durchaus in das ihm vorliegende Werk ein, in dem er auch noch Gedichte hinzufügt. Solche den Inhalt illustrierende Gedichte sind keinesfalls nur von Tersteegen, sondern auch von Johannes Scheffler (Angelus Silesius), womit Tersteegen sich auch als Herausgeber und Übersetzer dazu bekennt, die Arbeit eines Mystikers verbreiten zu wollen und so selbst als Mystiker zu erscheinen.

Tersteegen trägt mit seiner Auswahl aus dem Werk Bernières zur mystischen und konfessionsungebundenen Christlichkeit bei, die sich nur zum Teil in dem von ihm vertretenen Pietismus widerspiegelt.

Der Autor Johannes Burkardt macht sich in der Herausgabe der Tersteegenschen Übersetzungsarbeit darum verdient, dem Mitbegründer des Pietismus Tersteegen sein Hauptverständnis als Mystiker zurückzugeben oder zumindest neu zu betonen.

Ein Beitrag Tersteegens zur Mystik

Schon bald nach seinem Tod wurden die Schriften Bernières-Louvignys im Französischen ediert und vermarktet, besonders von den Ursulinen aus Caen und deren Pater d´Àrgentan.

Doch warum greift Tersteegen diese Texte auf und gibt sich damit eine endlose editorische Mühe? Einer Bekannten, die angesichts „ihrer Sünden“ und negativen Reaktionen aus ihrem Umfeld verzweifelte, riet Tersteegen 1729 zur Lektüre Bernières, „Weil Gott (darin) nicht unbedingt ein Einsiedlerleben verlangt, sondern jeden an den Platz stellt, wo er ihn oder sie braucht“ (vgl. S. 49).

Tersteegen scheint damit die mehr auf moralische Fragen verkürzte kirchliche Lehre unterwandern zu wollen. Dabei kam ihm der Buchhändler und Verleger Böttinger aus Duisburg zu Hilfe, der das von Tersteegen übersetzte „Verborgene Leben“ herausgab, obwohl er im Generalverdacht stand, die Erlaubnis der theologischen Fakultät nicht eingeholt zu haben. (An dieser Stelle war mir als Leser nicht ganz klar, welche Fakultät genau gemeint war und wie das Verfahren der kirchlichen Zensur gedacht war. Oder hätte die Imprimatur des preußischen Staates eingeholt werden müssen, die dazu ein Gutachten einer theologischen Fakultät eingeholt hätte?  D. Rez.).

Gerhard Tersteegen zeigt in seiner ausführlichen Vorrede zur Ausgabe der Schriften Bernières-Louvigny eine klare Konzeption auf: Das wahre Christentum, die Vollkommenheit der ersten Christen gibt es nur bei den Mystikern. Das Wort Mystiker ist im Text Tersteegens nicht selten. 1750 hat er den Text „Handbrieflein von der wahren Mystik“ der Ausgabe hinzugefügt.

Johannes Burkardt erläutert die Konzeption des Buches „Das verborgene Leben“ (unter dieser Kurzfassung des ursprünglichen Titels) ausführlich und weist auf die Spruchsammlung im 3. Teil hin. Hier zeigt sich auch formal eine gewisse Nähe zu Johannes Scheffler (Angelus Silesius), wobei die Zitate in der Fassung Tersteegens nicht als Gedicht gefasst sind. Das geistliche Leben hat für ihn in der Folge Bernières ein klares Konzept: „Einstieg in den Weg der Liebe, Treue zu Gott, inneres Leiden, Gebet, …(usw.) (S. 97).

Was mir als Leser nicht klar geworden ist, ist, ob im Gebrauch dieser Bücher, die Tersteegen herausgibt, an eine gemeinschaftliche Lesung wie etwa in pietistischen Kreisen gedacht ist, und so der Pietismus auch eine gewisse Funktion in christlichem Schrifttum sieht. Der meditative Charakter der Texte Tersteegens spricht dafür. Ein selbständiges geistliches Leben ist mit der Hilfe dieses erbaulichen Schrifttums möglich geworden, über konfessionelle Grenzen hinaus.

Mystik ist überkonfessionell und ökumenisch

Fazit: Christliche Mystik ist in der Fassung Tersteegens überkonfessionell und ökumenisch, da es damals in evangelischen Kreisen sicherlich absolut unüblich war, Werke katholischer Autoren zu übersetzen und herauszugeben. Der mystische Pietismus ist in dieser Form keinesfalls eine christliche Sekte, sondern ein bewusst ökumenisches, die Mystik einbeziehendes Unterfangen, das die Verantwortung des Einzelnen bewusst einbezieht und sogar fordert.

Heute von Gott reden, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Rezension zu: Ralf Frisch: Gott. Ein wenig Theologie für das Anthropozän, TVZ, Zürich 2024

Vom Verschwinden und Wiederfinden Gottes im Anthropozän

Vier Grundfragen umkreist der Autor in seiner „Theologie für das Anthropozän“ in 42 kurzen Kapiteln: 1. Was meinen wir, wenn wir Gott sagen? 2. Was bedeutet es, wenn wir sagen, dass es Gott gibt? 3. Woher kommt das Wissen über Gott? 4. Was spricht für Gott trotz Gottes- und Religionskritik? (56) Ralf Frisch mutmaßt: „Vielleicht erscheinen diese Fragen nur deshalb als schwierig, weil es eine Tendenz im neuzeitlichen  theologischen Denken gibt, dem Nichtglauben mehr Glauben zu schenken als dem Glauben.“ (56)

Gebet als Lackmustest der Gottesvorstellung

Ralf Frischs kolumnenartiger theologischer Essay will Theologie und Kirche provozieren, indem er gegenwärtiger Theologie und kirchlicher Rede von Gott auf den Zahn fühlt. Seine These: Wer im Anschluss an Bonhoeffer meint ausschließlich von einem ohnmächtigen Gott reden zu können, verschweigt den Zeitgenossen im gottvergessenen Anthropozän den erlösenden Retter-Gott der biblischen Erzählungen. Die christliche Hoffnung lebt aber aus dem Glauben an einen (all)mächtigen Gott. Die Erzählung in den Evangelien von der Auferstehung Jesu zeigt einen wirkmächtigen Gott, der Tote erwecken kann. Gott ist bei Frisch keine Chiffre, sondern im Sinn der alten Kirchenlehre eine wirkmächtige Gottheit in drei Personen. Daher ist für Frisch auch das Gebet zu einem transzendenten Gott „der Lackmustest aller Gottesvorstellung“ (22). Wenn aber Gott als der ganz Andere vermeintlich nicht mehr „redlich“ gedacht werden kann, dann ist Gebet ausschließlich Transformation des eigenen Selbst.[i]

Der Glaube an die Anderswelt

 Nach Frisch Formulierung gibt es neben der Welt eine Anderswelt (12f), die der Mensch nicht mit den Mitteln der Welt messen und beschreiben kann. Vernünftiger Glaube ist denkbar (credo ut intelligam, Anselm von Canterbury). Auch wenn sich Gottes Gott-Sein der Ratio entzieht, ist Gott im Glauben erfahrbar.

Überforderung des Menschen im Anthropozän

Mit seinen vielen rhetorischen Wenn-Sätzen will Frisch auch denkerisch seine Leser:innen aus der Eindimensionalität einer alleinigen Zentrierung im Anthropozän auf den Menschen locken. Im Anthropozän ist allein der Mensch für die Lösung seiner Probleme verantwortlich. Wenn aber der Mensch für alles selbst verantwortlich ist in einer mündigen Welt (Bonhoeffer), dann überfordert er sich selbst. Hier bringt Frisch die gute alte lutherische Rechtfertigunslehre ins Spiel. Aus seiner Sicht verraten evangelische Theologie und Kirche den Ursprung ihrer Existenz. Es steht nicht mehr, aber auch nicht weniger als die evangelische Freiheit auf dem Spiel. Wenn Religion zu Moral verkommt, fängt sie an zu stinken (Nietzsche). „Weil das Heilige zum Moralischen geworden ist und nichts außer Moral heilig ist, wird Moral zum Statussymbol und moralisches Handeln zur Bedingung von Anerkennung. […] Die Ironie der Geschichte besteht allerdings darin, dass der Protestantismus der Gegenwart die Rolle eingenommen hat, die vor fünfhundert Jahren der Katholizismus innehatte“(189).

Das Heilige

Um von einer Theologie der Ohnmacht Gottes wegzukommen, reaktiviert Frisch die Rede vom Heiligen nach Rudolf Otto[ii] (84ff). Frisch plädiert für die Unverfügbarkeit und Heiligkeit Gottes, die der Mensch erfahren kann. Gott lässt sich in kein System und auch in keine Theologie (!) pressen. Wer den Heiligen erfährt im Guten wie im Bösen (deus absconditus) erschrickt vor seiner Macht. Biblisch ist der HERR Zebaoth ein mächtiger (Heeres)-Gott.  Die dunklen Seiten Gottes führen in den Zweifel, mitunter in die Verzweiflung. Mit Luther gilt es sich an den Deus revelatus zu halten. Für den Protestantismus im Anthropozän sind diese Fragen und Glaubenserfahrungen jedoch obsolet geworden, hier wird Gott kastriert und übrig bleibt eine Wohlfühlkirche Gleichgesinnter, die sich vom woken Zeitgeist nicht unterscheidet.  Die katholische Weltkirche, die das Geheimnis Gottes und des Menschen (!) besser bewahrt (197), ist für Frisch resilienter aufgestellt. Eine evangelische Wort-Kirche aber vernachlässigt Anbetung und das Geheimnis Gottes. Damit versperren die evangelischen Kirchen der Reformation sich selbst den Zugang zu einer tiefen Spiritualität und unterscheiden sich nicht mehr von der Welt.

Mythos und Wissenschaft

Wie Ralf Frisch neue philosophische, naturwissenschaftliche und hermeneutische Erkenntnisse anreißt und mit der Theologie ins Gespräch bringt, ist anregend. Damit bricht er alte Grabenkämpfe auf und zeigt, dass sich für verschiedene Wissenschaften die Frage von Geist und Materie neu stellt. Wenn die Theologie bei ihrer Sache bleibt, wird sie eine interessante Gesprächspartnerin in der Frage sein, wie die Welt zu deuten ist.  Binäres Denken ist überwindbar. Es gilt nicht entweder – oder, sondern sowohl — als auch, und noch vieles mehr. Frisch verweist hier auf den agnostischen Philosophen Thomas Nagel (87), der in seiner Philosophie zeigt, dass der Naturalismus (Materialismus) in der Frage nach Geist und Bewusstsein keine befriedigenden Antworten gibt, ja gar nicht in der Lage ist, diese zu geben.

In der Frage zum Verhältnis wissenschaftlicher und mythologischer Welterklärung (Hermeneutik) zitiert Frisch Claude Lévi Strauss, der in seiner Vorlesung: Anthropologie in der modernen Welt darauf hinweist, dass die moderne Kosmologie „selbst dazu tendiert, zu einer Geschichte des Lebens und zu einer Geschichte der Welt zu werden, [daher] können wir nicht ausschließen, dass das wissenschaftliche und das mythische Denken, nachdem sie lange Zeit unterschiedliche Wege gegangen sind, sich eines Tages einander annähern werden (169).

Erzählen stiftet Sinn

Frisch bricht eine Lanze für das Erzählen biblischer Geschichten, „weil das göttliche Rettungsdrama der Welt“ (176) nach Karl Barth „nur erzählend beschrieben werden kann.“[iii]Immer wieder zieht Ralf Frisch aus Film, Literatur und Lyrik Parallelen zu genuin religiösen und damit theologischen Fragen. Theologie und Kirche sind „blind dafür, dass Religion und Dichtung Geschwister sind.“[iv] Wenn Gott der Heilige ist, dann ist Theo-Poesie eine sprachliche Annäherung an das Heilige oder zumindest ein Verweis auf das Göttliche. Lyrik vermag die Frage nach Gott offen zu halten. Poesie kann  Lobbyistin der göttlichen Wahrheit sein. Ingeborg Bachmann dichtet: „Wahrheit ist, was den Stein von unserem Grab wälzt.“ (175)

Kritische Würdigung

Frisch legt seine von Luther und Karl Barths geprägte Theologie und Gottesvorstellung als hell leuchtende weiße Folie auf andere theologische Denkansätze, die dann in einem schwarz-weißen, Freund-Feinddenken bis hin zum indirekten Vorwurf der Häresie verunglimpft werden (107f). Im Kapitel „Die letzte Häresie“ schreibt Frisch: „Am Ende gibt es in der Kirche und der Theologie des Anthropozän nur noch eine letzte dogmatische Häresie. Die Häresie an Gott als souveränen, eigensinnigen und lebendigen Akteur zu glauben, der nicht mit dem Agieren von Menschen identisch ist“ (111).

Auch wenn ich seiner Analyse, dass kirchliche Verlautbarungen und viele Predigten Religion durch Moral ersetzen, teile und durchaus in vielen Kapiteln aufgrund seiner spitzen Feder gelacht und geschmunzelt habe, teile ich Frischs schnelle Abkanzelung von Theologie und Kirche nicht. Natürlich verstehe ich, dass Zuspitzung ein rhetorisches Mittel ist, aber für mich kippt sein Ton zu oft ins Polemische, und seine Analyse bleibt unterkomplex. Die Überschriften vieler Kapitel sind reißerisch, die nichts anderes als Aufmerksamkeit generieren wollen. Wenn der Artikel dann gelesen ist, weiß man auch nicht mehr. Schnelligkeit geht vor Gründlichkeit. Aber bei aller Kritik: Seinen Finger legt Frisch oft zurecht in die Wunden heutiger Theologie und Kirche.

Ohnmacht oder Allmacht Gottes?

Die Frage der Bonhoeffer-Rezeption ist für mich der Dreh- und Angelpunkt seines Essays. Frisch meint, Bonhoeffer von Bonhoeffer unterscheiden zu müssen und sieht in Widerstand und Ergebung[v] eine wirkungsgeschichtlich fatale Rede von einem ohnmächtigen Gott, der die Welt sich selbst überlässt, mehr noch, der sich aus der Welt herausdrängen lässt. Die mündige Welt und der autonome Mensch sind sich selbst überlassen. Was bleibt, ist ein ohnmächtiger Gott, der seine Welt liebt, aber nicht rettend in die Welt eingreift.  An anderer Stelle fasst Frisch zusammen: „Und doch machte die Ohnmachtstheologie durch die Zeiten hindurch Karriere. Vor allem nach Auschwitz brach sie mit der Allmachtstheologie“ (91). Frisch sieht sogar einen Zusammenhang in der Verweichlichung und Hypersensibilisierung unserer Gegenwart und der Unfähigkeit vernichtenden Kulturen zu begegnen, weil Rede und Glaube an den allmächtigen Gott verschwunden sind (99f).

Das alles ist für mich nicht nachvollziehbar. Vor allen Dingen stellt sich Frisch mit seinem berechtigten Anliegen, in Theologie und Kirche von der Wirkmächtigkeit Gottes her zu denken und zu reden, selbst ein Bein, da er die Allmacht Gottes politisch funktionalisiert. Er macht genau das, was er anderen theologischen Ansätzen vorwirft. Erschwerend kommt hinzu, dass der unhinterfragte Glaube an die Allmacht Gottes (Autorität) gerade im Protestantismus mit der verhängnisvollen Trias Gott, Thron und Altar großen Schaden angerichtet hat. Für mich kann eine notwendige theologische Rede von der Macht Gottes im Blick auf die Wirkungsgeschichte nur tastend und demütig geschehen. Bei Ralf Frisch fehlt nur ein Schritt zu einer Theologia gloriae. Da bleibe ich doch lieber bei einer theologia crucis. Oder anders gesagt, wir müssen die Spannung aushalten zwischen den Polen einer theologia crucis und einer theologia gloriae. Theologie und Kirchen müssen sich immer wieder neu zwischen diesen Polen ausloten. Vielleicht hat Frisch recht, dass die Theologie nach Auschwitz die Rede von der Macht Gottes vernachlässigt hat, aber war es nach Jahrhunderten einer ungebrochenen Rede von der Allmacht Gottes und dem Axiom der Apathie Gottes nicht an der Zeit, Empathie, ohnmächtiges Aushalten Gottes und sein Leiden an der Welt herauszuarbeiten und zu betonen? Auf dieser Linie sehe ich auch Bonhoeffers Gedanken über die Ohnmacht Gottes. Sie sind in und aus der geschichtlichen Situation in der Meditation über der Schrift entstanden. Frischs Bonhoeffer-Rezeption kann ich nicht folgen. Aus meiner Sicht dogmatisiert er hier seine Sicht auf Bonhoeffer. Heraus kommt das Gegensatzpaar Ohnmachtstheologie versus Allmachtstheologie. Das sind Schlagwörter, die nicht wirklich weiterhelfen. Vielleicht hilft uns im Zeitalter des Anthropozän besser, erneut Kreuz und Auferstehung theologisch in den Blick zu nehmen. Die Rede von der Ohnmacht Gottes hat seine Zeit. Die Rede von der Macht Gottes hat seine Zeit. Beides muss und darf kritisch reflektiert werden. In diesem Sinn kann ich Frischs Essay empfehlen.

[i] Frisch referiert hier: Hartmut von Saß, Unerhörte Gebete? Das Bittgebet als Herausforderung für ein nachmetaphysisches Gottesbild, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie 2021, 39-65

[ii] Rudolf Otto: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Neuausgabe mit einem Nachwort von Hans Jonas, München 2014

[iii] Karl Barth, Gespräche 1964-1968, BGA 28, hg v. Eberhard Busch, Zürich 1997, 76

[iv] Martin Walser, Über Rechtfertigung. Eine Versuchung, Rowolth, Hamburg 2012, 72

[v] Dietrich Bonhoeffer: Theologische Briefe aus „Widerstand und Ergebung“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017