Gottes Spuren in Israels Urgeschichte, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020,

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Martin Buber: Moses, Unveränderter Nachdruck der 4. Auflage Copyright 1948 Gregor Müller Verlag, Verlag Lambert Schneider, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1994, Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN (print): 978-3-579-02575-9, Preis: 34,99 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Paperback/Moses/Martin-Buber/Guetersloher-Verlagshaus/e204930.rhd

 

Aus dem Impressum geht hervor, dass das Buch von Martin Buber, das vom Gütersloher Verlagshaus verlegt wird, von „Books on Demand“, Norderstedt, hergestellt wird. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite eine fotomechanische Wiedergabe des gebundenen Buches aus dem Lambert Schneider Verlag, mit dem auch von der Buber-Rosenzweig-Bibelübersetzung bekannten Druckbild. Solche Bücher nennt man Reprints, was in diesem Fall auch durch das Impressum klargestellt wird.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber ist auch nach über 70 Jahren noch aktuell. Es diskutiert die Ergebnisse der Exegese der fünf Bücher Mose* auch aus theologischer Sicht und distanziert sich vom damals dominanten Modell der Quellenscheidung in die bekannten Quellen E, J und P. Stattdessen favorisiert Buber eine Art Bearbeitungshypothese, die meines Wissens nach auch heute den Stand der Forschung darstellt. Diese Bearbeitung bezieht sich auf einen historischen Kern, der sich in der Bibel in oft nur sehr kurzen Textfragmenten zu erkennen gibt.

Bubers sachliche Untersuchung dieser Textabschnitte basiert auf seiner eigenen Übersetzungsarbeit in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, so dass er zumeist Argumente der Analyse des hebräischen Urtextes und seiner Textgeschichte entnimmt.

Die Hauptfrage Martin Bubers ist dabei die Wahrheit der biblischen Überlieferung. Diese historische Arbeit ist sozusagen im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft eine Quellenforschung, die auch noch nach der hinter dem Text liegenden mündlichen Tradition fragt.

Die ursprüngliche Gottesüberlieferung ist in der heute lesbaren Form in die Gattung einer Sage gestaltet, so dass die erzählte Geschichte als Fiktion erscheint.

Das Buch „Moses“ von Martin Buber folgt dem Erzählfaden des Pentateuchs in der vorliegenden Form und konzentriert sich dabei auf historisch bedeutsame Textelemente, die sich am Inhaltsverzeichnis ablesen lassen. Ich möchte diesen inhaltlichen Aufriss nun nicht noch einmal zusammenfassen, sondern den Erzählfaden der fünf Bücher Mose einfach als bekannt voraussetzen. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte, aufgezählt im Inhaltsverzeichnis, zeigen die Grundelemente der von Buber dargestellten Moseerzählung, die so gesehen auch als eine Grunderzählung der israelitischen Religion lesbar sind wie beispielsweise „Israel in Ägypten“, „der brennende Dornbusch“, „Passah“, „Sabbat“, „der Bundesschluss“, „die Worte auf den Tafeln“ usw..

Der Titel „Moses“ sagt dabei schon alles: Die Interpretation der Erzählung wird in die Perspektive des Mose eingezeichnet. Die Gestalt des Mose ist zwar die eines politischen Anführers und Befreiers, der zuletzt dem Volk der geeinten Stämme eine Verfassung gibt. Er ist dies aber zugleich als Prophet, da er mit Gott in Verbindung steht, und da das Volk Israel zugleich das Bundesvolk Gottes ist.

Diese besondere Kennzeichnung Moses als einen Propheten oder einer prophetischen Person soll im Folgenden durch einige Zusammenfassungen und Zitate verdeutlicht werden. Ich entnehme diese Texte durchaus dem konkreten Zusammenhang, so dass sie vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Geschichte der Bibel als des Wortes Gottes gesehen werden.

Buber stellt den Stoff der Bibel als Sage dar, die aber nur vom der Beziehung zu Gott verdeutlicht wird: „Das Werk der Sage ist groß und reißt heute wie je unser Herz hin; das darf uns aber nicht hindern, mit unserem nach Wirklichkeit verlangendem Blick, wo wir können, durch ihren Schleier zu dringen und, so gut wir können, die reine Gestalt zu schauen.“ (S. 167/8)

Das Bild, das der Text zeichnet, ist wie ein Gemälde einer historischen Erzählung. Das heißt aber nicht, dass der Bibeltext eine reine Phantasieproduktion ist. Diesen Gedanken verdeutlicht Buber immer wieder in Bezug auf die Gottesoffenbarung des Moses.

So heißt es bei Buber im Zusammenhang der Gesetzestafeln: „Mit seinem Wort ‚Ich werde da sein, als der ich da sein werde‘ bezeichnet er (Gott) sich als den, der nicht auf eine bestimmte Erscheinungsweise festgelegt ist, sondern sich jeweils den von ihm Geführten, um sie zu führen, so zu sehen gibt, wie es ihm beliebt.“ (S. 172)

Hier ist also durchaus noch offen, ob der Pentateuch eine Gründungsgeschichte des Volkes Israel ist oder eine Offenbarungsgeschichte Gottes darüber hinaus für die ganze Welt. Faktisch ist, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch bzw. zwischen Gott und Volk immer wieder zu scheitern droht. Für meinen Begriff ist diese realistische bis ins Negative zeichnende Sicht nur darin zu sehen, dass der Pentateuch ein erzähltes Rechtsbuch ist. Dazu schreibt Buber: „Die durch die Schuld gestörte Ordnung zwischen Himmel und Erde wird durch die Sühne wiederhergestellt.“ (S. 193). Das heißt auf das Volk bezogen, dass die religiöse und soziale Geschichte immer miteinander verknüpft ist.

Mose gelingt es immer wieder in der Perspektive Martin Bubers, Gottes Wort zu vernehmen und zu verkündigen und die Gegenwart Gottes im Verweis auf geschichtliche Ereignisse zu vergegenwärtigen. Aus der Gestalt des Hirtengottes der nomadischen Väterzeit wird im Lauf der Wüstenwanderung ein Gott der priesterlichen Religion und der Bundesgott des Volkes Israel. Moses ist der Erfinder eines Bundesgesetzes, das ein Volk zusammenführt und bildet.

Das Motiv der Wüstenwanderung zeigt die Geschichte der späteren Religion schon im Vorhinein auf. Im Kapitel „Der Widerspruch“ wird dazu der Korachspruch interpretiert (4. Mose 16,3), der als abtrünnig bestraften Rotte Korach. Während für Mose Gott immer unsichtbar ist und sich im Ereignis zeigt, behauptet das Volk, dass Gott in seiner Mitte sei und dadurch alle heiligt. Buber: „Göttliche Gegenwart heißt dem Volk als Volk: den Gott besitzen, mit andren Worten: den eigenen Willen zu Gottes Willen machen können.“ (S. 253)

Wenn in der Geschichte des Volkes die Gottesbeziehung immer wieder auch zu scheitern droht, ist das kein endgültiger Misserfolg, sondern ein schmerzhafter Lernprozess. Gerade Bubers penetrante Fragen nach der Wirklichkeit und Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit des Wortes Gottes macht die Spannung des Textes im Mosebuch aus.

Für mich als evangelischem Theologen ist es interessant, dass Buber seine Arbeiten als Religionsphilosoph vorlegt, nicht als jüdischer Theologe. Seine Interpretation des Mose ist christlich genauso anschlussfähig wie für das Judentum. Deshalb stehen in Deutschland die Namen Buber und Rosenzweig als Sinnbild für den interreligiösen Dialog.

 

  • Der Name „Moses“ ist eine übersetzerische Entscheidung von Martin Buber. Wo ich das Buch der Bibel meine, schreibe ich „Mose“, wie es von der Lutherbibel her gebräuchlich ist. Diese Schreibweise ist im Übrigen im Text durchaus häufig. Warum die Überschrift „Moses“ lautet, ist mir nicht klar. In der Bibelübersetzung wird der Name in der Umschrift hebräisch wiedergegeben: Mosche.

Rachegelüste, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Predigt 1. Petrus 2,21-25                                                                    25. April 2020

Christus „der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet.“ (23)

Liebe Gemeinde,

in seinem neuesten Roman „Das zweite Schwert“ erzählt Peter Handke eine Rachegeschichte. Eines Tages überkommt den Ich-Erzähler das dringende Bedürfnis, sich an einer Kritikerin zu rächen. Die Kritikerin hatte ihn und seine Mutter in einem Magazin auf das Schärfste verunglimpft. Wie so oft hatte er die Kritik hinuntergeschluckt, er hatte sich geärgert, aber es nicht weiter in sich brodeln lassen. Jetzt aber verspürt er den dringenden Wunsch, diese Kritikerin zu töten. Dafür bricht er auf, macht sich auf den Weg. Da er nicht anders kann als wahrnehmen, was er auf dem Weg sieht, werden seine Sinne immer wieder von der Schönheit der Natur betört. Auch begegnet er Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch und erkennt sehr klar, was diese Menschen mit ihren kleinen und großen Schwächen besonders „schön“ macht.

Der Roman ist eine Maigeschichte. Die Natur sprießt, grünt und entfaltet ihre Farbenpracht. Unbewusst irrt der Protagonist durch die Landschaft, kommt an einer Klosterruine vorbei und achtet auf kleine Zeichen auf dem Weg. Immer wieder mahnt ihn eine innere Stimme, sich an der Kritikerin zu rächen und sie endlich schnurstracks aufzusuchen. Doch er wird unterwegs vom prallen Leben auf andere Wege geführt. Zum Schluss befindet er sich in einem großen Saal. Die Tische sind gedeckt. Es herrscht eine vitalisierende und freudige Atmosphäre, die Menschen wenden sich einander zu und erzählen sich ihre Geschichten. Was soll er erzählen? Was bewegt ihn zutiefst?

Dann erkennt er unter den Menschen auch seine Kritikerin. Als er richtig hinschaut, sieht er, dass sie sich in einer Talkrunde mit anderen ihrer Zunft unterhält. Aber sie sitzt nicht an einem Tisch, sondern ist nur auf einer Leinwand zu sehen. Er kann gar nicht zu ihr, um sie zur Rede zu stellen. Sie ist nicht dabei. Sie gehört nicht dazu. Sie ist nicht zum Fest eingeladen. Da dämmert es ihm, dass es das Schlimmste ist, nicht dazu zu gehören. Er muss sich gar nicht mehr an ihr rächen. Ein Gefühl der Erleichterung, nicht zum Mörder geworden zu sein, überschwemmt ihn. Freude durchströmt ihn. „Rachegelüste, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020“ weiterlesen

Gottesdienstentwurf Miserikordias Domini, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

Miserikordias Domini 2020

Wenn auch immer noch räumlich voneinander getrennt, so kommen wir doch auch an diesem Sonntag – wie gerade in dieser Zeit an vielen Tagen auch innerhalb der Woche zusammen. Um gemeinsam vor Gott zu treten. Um uns darin gewiss zu machen, dass ER in unserer Mitte, in unserer Lebensgegenwart gegenwärtig ist. Dass ER uns mit dieser SEINER Gegenwart umschließt, auch, damit wir unsere Gemeinschaft auf neue und ganz eigene Weise erfahren können und dürfen. Sie leben dürfen, in der Gewissheit, niemals allein gelassen zu sein. Selbst, wenn wir meinen ins Bodenlose zu fallen. Wir fallen nie tiefer, als in die Hand DESSEN, in DESSEN Namen wir uns versammeln:

+Im Namen des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes + Amen. SEIN Friede und SEINE Gegenwart kommen auf uns, umhüllen uns und geben uns Kraft und Mut, die anstrengenden Herausforderungen der Zeit dankbar anzunehmen, in der Gewissheit, dass wir sie nicht alleine tragen müssen. Amen.

Eine Einladung zum Lied, das mithilfe eines Youtube Videos auch in Gemeinschaft gesungen werden kann (EG 358):

1) Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.
Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

2) Er kennet seine Scharen am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut;
der aus dem Wort gezeuget und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget und mit dem Wort sich wehrt.

3) Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet, frei und kühn,
die wundersame Pflanze, die immerdar ist grün.

4) Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht;
die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.

5) So hilf uns, Herr, zum Glauben und halt uns fest dabei;
lass nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn,
so lass uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn!

Lasst uns miteinander den Psalm des heutigen Sonntags beten. Gebetsworte, die Menschen zu allen Zeiten Trost, Halt und Hilfe gewesen sind. Weil sie sie daran erinnert haben, nicht allein gelassen zu sein. Auch, wenn Vieles, wenn Alles dagegen zu sprechen schien:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. (Psalm 23)

Jesus, du Hirte unseres Lebens,
zu dir kommen wir als erwachsene Menschen,
mit unserer Erfahrung, das Leben zu gestalten.
Wir fühlen uns stark und voller Ideen
und fragen oft nicht nach dir.
Jesus, du Hirte unseres Lebens,
manchmal sind wir bedürftig wie Kinder.
Wir gehen unsere eigenen Wege
und möchten doch, dass du sie mitgehst
und uns hilfst, wenn es schwierig wird.
Mit diesem Zwiespalt kommen wir zu dir.
Erwachsen und Kind zugleich, stark und bedürftig.
Nimm uns sanft an die Hand oder auf den Arm,
geh mit uns und führe uns zum guten Leben.
Schenk uns Orientierung durch dein Wort.

Lass uns darauf vertrauen, dass Du Dich immer wieder zu uns auf den Weg machst, wenn wir uns verlaufen haben. Du suchst nach uns. Trotz allem.

Gib uns aber auch den Mut, selbst umzukehren, wenn wir merken, dass wir auf dem „Holzweg“ sind.

Führe uns von unseren unsicheren, oder auch selbstsicheren Wegen zurück auf den Weg, der der Weg zu DEINER Weide, zu unserer Heimat ist, in der wir Ruhe finden werden in DEINER Gegenwart.

Das bitten wir Dich, der DU lebst und herrscht in der Einheit mit dem VATER und dem HEILIGEN GEIST von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (1)

Die Gnade Gottes unseres Vaters und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder nah und fern!

Miteinander Gottesdienst feiern hat sich grundlegend verändert in den zurückliegenden Wochen. Einerseits sind Räume geschrumpft. Meine Gedanken erreichen plötzlich Menschen, die ich in den Kirchen und Gemeinden, in denen ich sonst Dienst tue, nicht angetroffen hätte. Andererseits sind Entfernungen scheinbar unendlich weit geworden. Denn jeder ist erstmals für sich allein. Sich selbst überlassen. Selbst der Weg zum unmittelbaren Nachbarn scheint kaum überwindbar. Auch wenn das hier, wo ich lebe, auf dem Land immer noch ein wenig anders aussieht.

Ich war gestern mit meiner Partnerin in einer Kleinstadt in der Nähe spazieren. Es war schön, einmal wieder ein paar Menschen zu begegnen. Wenn auch nur auf Abstand. Meine Partnerin hat es genossen in das ein oder andere Geschäft zu gehen. Hat sich nach Hosen umgesehen. Hat Tücher gekauft. Für die Maskenpflicht. Hat Beauty – Accessoires gekauft. Wir haben zusammen einen Cappuccino – to – go auf einer Bank in der Fußgängerzone getrunken. Aber gerade der Abstand zwischen den Menschen war immer und immer wieder zu spüren. Für mich am gravierendsten auf der Mauer um die Marienkirche am Marktplatz dieser kleinen Stadt.

Unbedingt die Abstandregeln einhaltend hatten sich Menschen hier mal kurz mal länger hingesetzt, um die Sonne zu genießen. Und vielleicht ein wenig Gemeinschaft, die es aber definitiv nicht gab. Bei aller scheinbaren Weite, die wir einhalten: Grenzen und Begrenzungen. Grenzen und Begrenzungen, in die hinein aber auch das „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ nachhallt, mit dem wir gerade unser Gebet beendet haben. Mitten in alle Grenzen und Begrenzungen, die wir – nicht nur derzeit – erfahren, sind wir zu einer umfassenden, Freiheit und Frieden schenkenden Grenzenlosigkeit eingeladen. Schon und gerade auch jetzt.

Diese Grundgedanken haben mich bewogen, über einen möglichen Predigttext des heutigen Sonntags nachzudenken, der in unseren protestantischen Gemeinden mitunter wenig Berücksichtigung findet. Einfach deswegen, weil Luther das Werk, dem er entnommen ist, in die sogenannten Apokryphen „verbannt“ hat und es vorab schon auch im Judentum nicht den Status einer „Heiligen Schrift“ erlangt hat.

Obwohl es immer und immer wieder in den unterschiedlichsten Ausgaben des Talmud gerne zitiert worden ist. Im Buch Jesus Sirach (Ben Sira; verfasst um 190 / 180 v.Chr.) heißt es im 18. Kapitel: „Was ist ein Mensch und was ist sein Nutzen? Was ist gut an ihm und was ist schlecht an ihm?

9 Die Zahl der Tage eines Menschen beträgt höchstens hundert Jahre, aber unberechenbar ist für einen jeden der Schlaf. 10 Wie ein Wassertropfen aus dem Meer und wie ein Sandkorn, so gleichen wenige Jahre einem Tag der Ewigkeit. 11 Deswegen war der Herr mit ihnen geduldig und goss über sie sein Erbarmen aus. 12 Er sah ihren Untergang und erkannte, dass er schlimm ist, deswegen vermehrte er seine Bereitschaft zur Versöhnung.

13 Das Erbarmen eines Menschen gilt seinem Nächsten, das Erbarmen des Herrn aber gilt allen Lebewesen. Er weist zurecht, erzieht und lehrt und führt wie ein Hirt seine Herde zurück. 14 Er zeigt Erbarmen mit denen, die Erziehung annehmen, und mit denen, die sich um seine Entscheidungen mühen.“

Was ist der Mensch? Eine Frage, die seit Menschengedenken Menschen beschäftigt und immer wieder zu neuen, zu anderen, zu ideologisch geprägten Ergebnissen führt.

„Was ist der Mensch?“ ist manchmal eine Frage in meiner Beerdigungsliturgie. Ja, ich habe sie, genauso wie die Antwort am Anfang meiner „Laufbahn“ von einem älteren Kollegen übernommen. Nicht unreflektiert. „Was ist der Mensch? – Er ist mehr als wir vor Augen haben!! Wertgeachtet der Liebe in den Augen Gottes erfüllt sich das vollkommene Menschsein, auch dieses Menschen, der nun die Herrlichkeit der Ewigkeit schauen wird.“.

Wie ganz anders klingt das, als das, was wir so oft über den einen oder anderen Menschen, oder gar über ganze Menschengruppen hören. Wertschätzung taucht auf. Achtung. Liebe. Unabhängig jedweder Herkunft, jedwedem sozialen Status.

Für alle klingt mit an, was der Beter in Psalm 8 so ausspricht: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt.“

Eine Ehre und Herrlichkeit, die allzu oft mit Füßen getreten wird. Weil Menschen meinen, sich an die Stelle Gottes setzen zu müssen. Und sich über Schwestern und Brüder erheben zu können. Wer erkennt, dass wir alle mit den gleichen Rechten und der gleichen Würde ausgestattet sind, kann und darf es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dass den Ärmsten das letzte Hemd und letzte Stück Brot geraubt und das Wasser abgegraben wird. Und dass Sterbende allein gelassen werden. Corona hin. Corona her.

Ja, unser Leben ist beschränkt. In unserem Text werden 100 Jahre genannt. In der Radioandacht von heute Morgen erzählte der stellvertretende theologische Leiter meiner Landeskirche von seiner ersten und dann folgenden Begegnung(en) mit einer bis dato völlig vitalen und lebensfrohen Dame an ihrem 103. Geburtstag, den sie mit viel Freude und Esprit gefeiert und genossen hat. Auch, wenn sie im Verlauf immer wieder einmal traurig erwähnte, dass der „liebe Gott“ sie wohl vergessen hat. Erst kurz vor ihrem Tod mit nahezu 105 konnte sie an ihrem Lebensende mit einem Lächeln im Gesicht sagen: „ER hat doch an mich gedacht.“

Ja, unser Leben ist begrenzt. Es währet 60, oder 70 Jahre. Oder eben 100. Oder 105. Die Begrenzung des Lebens verleiht unserem Leben einen tiefen Sinn. Denn sie entzieht uns der Beliebigkeit. Wir sind nicht gefangen in eine perpetuum mobile, einem „immer weiter so!“. Sondern eingeladen, einzutreten in den Durchgang zur Ewigkeit.

Auch wenn uns auf dem Weg dorthin, der, der sich unser GOTT nennt mitunter als der Fremde, der Unerkannte, der Ferne, der Abweisende darstellen mag. Ich bin sicher: Nicht erst seit jenem Tag, an dem ER selbst ans Kreuz gegangen ist, an dem ER alles Leiden und den Tod E R L E B T hat, ist ER bei allen, die leiden, die zweifeln, die verzweifeln. ER erträgt es auch, nicht erkannt zu werden. Aber ER gibt sich Mühe, dass man IHN irgendwann wieder wahrnimmt und erkennt: ER ist, ER war da.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem HERRN. Amen.

  1. Weil ich Jesu Schäflein bin,
    freu‘ ich mich nur immerhin
    über meinen guten Hirten,
    der mich wohl weiß zu bewirten,
    der mich liebet, der mich kennt
    und bei meinem Namen nennt.

    2. Unter seinem sanften Stab
    geh‘ ich aus und ein und hab‘
    unaussprechlich süße Weide,
    dass ich keinen Mangel leide;
    Und sooft ich durstig bin,
    führt er mich zum Brunnquell hin.

    3. Sollt‘ ich denn nicht fröhlich sein,
    ich beglücktes Schäfelein?
    Denn nach diesen schönen Tagen
    werd‘ ich endlich heimgetragen
    in des Hirten Arm und Schoß:
    Amen, ja mein Glück ist groß!

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns seinen Frieden. Amen.

Bleibt gesund und Gott befohlen, bis wir uns hoffentlich bald persönlich begegnen. Euer Emanuel Behnert.

(1) Birgit Neuhaus in Pastoralblätter 4/2020 zu Miserikordias Domini in Auszügen.

Gewalt als treibende Kraft? Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

 

Zu: Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN: 978-3-518-42940-2, Preis: 20,00 Euro

Link:

Das zweite Schwert ist nicht aus Stahl. Es besteht aus Worten. Nicht nur mit dem Titel greift Peter Handke biblische Metaphern auf (Lk 22, 36-38; Hebr 4,12). Der Roman hätte auch „Die Rache ist mein, spricht der Herr“ (5. Mose 32,35) heißen können, aber dieses Zitat hatte schon Leo Tolstoi seiner „Anna Karenina“ vorangestellt. „Das zweite Schwert“erzählt von Rachegelüsten, die den Ich-Erzähler zu einer Reise nötigen. Er bricht auf, um einer Kritikerin den Garaus zu machen. Auch dieses literarische Motiv ist in der neueren Literatur – wie etwa in Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) – bekannt.

So plötzlich die Gewissheit zur Rache über den Protagonisten hereinbricht, so unbestimmt verfolgt er sein Ziel. Der Ich-Erzähler wird immer wieder von seinen Wegen, der Natur und den Begegnungen unterwegs – aber auch von der Muße und seiner Menschenscheue – derart in den Bann gezogen, dass er darüber vergisst, Rache zu nehmen. „Und eine namenlose Freude packte mich, am Nichtstun jetzt, und am weiteren Lassen und Nichtstun, weiter so und lassen, und so weiter, und so fort“ (S.38).

Seine Irrungen und Wirrungen finden an der Endstation eines Schienenersatzfahrzeugs ein Ende. Alle Fahrgäste strömen in die Bahnhofsgaststätte. Auch er. In einem großen Saal wird ein Fest gefeiert. Dort sitzen all jene – und noch mehr – denen der Protagonist auf seinem Weg begegnet ist. Ein buntes Völkchen ist versammelt. Nachdem der Ich-Erzähler sich umgesehen hat, nimmt er zuletzt im hinteren Teil der Gaststube eine Leinwand wahr. Auf ihr flimmert seine Kritikerin mit anderen ihrer Zunft. Niemand der Anwesenden achtet auf die Talkrunde. Seine Kritikerin ist nur zweidimensional zu sehen. Sie ist nicht beim Fest dabei. Sie wird nur an die Wand geworfen. Sie ist ausgeschlossen. Könnte das nicht heißen, so dämmert es ihm, dass das die eigentliche Rache ist? Sie ist beim Fest nicht mit dabei und das ohne sein Zutun. Ein Gefühl der Erleichterung, nicht zum Mörder geworden zu sein, durchströmt ihn. Alle Rachegelüste, die erlittene Kränkung und die unbändige Wut fallen von ihm ab.

Mich hat die Schlussszene sehr an das Gleichnis vom großen Abendmahl bei Lukas (Lk 14,15ff) erinnert. Nicht von ungefähr stellt Peter Handke seinem neuesten literarischen Werk eine ungewöhnliche Stelle aus dem Lukasevangelium voran: „Und Er sagte zu ihnen: Wer jetzt einen Geldbeutel hat, nehme den, ebenso einen Reiseranzen, und wer keins davon hat, verkaufe sein Gewand und kaufe ein Schwert!… Sie aber sagten: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter! Und Er sagte zu ihnen: Das genügt.“ (Lk 22, 36-38).

„Das zweite Schwert“ ist eine geistvolle Lektüre, ein nicht enden wollendes Selbstgespräch, ein wiederholtes Erzählen von Aufbruch – viele Schritte und Plätze sind Handke-Lesern schon bekannt –,  ein immer wieder gründliches Beobachten dessen, was in das Blickfeld gerät, ein Schweben und Eintauchen in Handkes Sprachkosmos, eine in die Natur lockende Frühlingsgeschichte und vieles mehr.

Das Thema Gewalt als treibende Kraft, die scheinbar verwirrend aus dem Nichts hervortritt, ist ein Grundthema bei Peter Handke. Rache wird hier auf frappierende Art und Weise ad absurdum geführt. Das ist hohe literarische Kunst.

 

Ostersonntag 2020, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

 

„Christus spricht: Ich war tot. Aber siehe, ich  bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,18)

Christus spricht. Die lange Zeit des Schweigens ist vorüber. Wohl dem, der Ohren hat zu hören. Wohl dem dessen Tränen getrocknet sind und dessen Augen klar sehen und erkennen können. Wohl dem, dessen Herz nicht im Netz der Trauer hängen geblieben, sondern bereit ist, sich Neuem, Lebendigen zu öffnen. Mit diesen Gedanken möchte ich Sie liebe Schwestern und Brüder, liebe Leser, einladen vielleicht mit den Menschen in Ihrer Umgebung, oder auch virtuell verbunden über Youtube z.B., einzustimmen in ein Auferstehungslied, das uns Mut machen will, dem Leben zu trauen. Weil wir dem vertrauen dürfen, der dem Leben die Bahn gebrochen und uns eine vollkommen neue Lebensgrundlage geschenkt hat.

 

 

  1. Der Engel sagte: „Fürchtet euch nicht!
    Ihr suchet Jesus, hier ist er nicht.
    Sehet, das Grab ist leer, wo er lag:
    er ist erstanden, wie er gesagt.“
    Refr. Lasst uns lobsingen…

 

  1. Er ist erstanden, hat uns befreit;
    dafür sei Dank und Lob allezeit.
    Uns kann nicht schaden Sünd‘ oder Tod,
    Christus versöhnt uns mit unserm Gott.

Refr.: Lasst uns lobsingen…

Lassen wir uns an diesem Morgen hinein nehmen in das Ostergeschehen, wie der Evangelist Markus es uns in seinem 16. Kapitel überliefert hat:

 

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich. —- Wort des lebendigen Gottes. /Dank sei Gott dem Herren.

 

Antworten wir auf die Worte des Evangeliums mit dem Bekenntnis unseres Glaubens:

Glaubensbekenntnis Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden. Und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn,  empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

 

Die Gnade Gottes, unseres Vaters und die Liebe unseres HERRN Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

  1. Haben Sie es gerade eben bewusst mitgelesen? Bewusst mitgebetet? Jenes alte, großartige Bekenntnis der christlichen Kirchen, das sich mit wenigen Unterschieden durchgesetzt und in allen christlichen Religionsgemeinschaften annährend gleich gebetet wird. Das Credo. Ich glaube…

„…„und (ich glaube) an Jesus Christus, unseren Herrn, …am dritten Tage auferstanden von den Toten … ich glaube an den Heiligen Geist, … die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“

Glaube ich das wirklich? Angesichts der Widernisse, die sich mir auf meinem Lebensweg in den Weg stellen? Glaube ich das wirklich, angesichts der gegenwärtigen geschichtlichen und sozialen Situation, die einen jeden von uns in eine zunehmende Isolation treibt. Und nicht für wenige zur Belastungsprobe auf Leben und Tod wird?

Kann ich in meiner gegenwärtigen Lebenssituation überhaupt noch ein positives Glaubensbekenntnis formulieren, oder in ein solches ohne Vorbehalt einstimmen? Wie kann ich, angesichts der Erfahrungen meines Lebens, die ja auch meinen Glauben prägen, eben diesen ehrlich und ohne Vorbehalt bekennen? Gott in SEINEM Handeln, auch in meinem Leben wahrnehmen? Auch und gerade dann, wenn er vollkommen fern, fremd und unnahbar scheint? Vielleicht, indem ich mich eben nicht ausschließlich an alte und großartige Überlieferungen halte, sosehr sie auch ihre Berechtigung in unserem Glaubensleben haben. Sondern vor allem, indem ich meinen Glauben auf meine ganz eigene Weise bekenne: „Als ich ein Kind war, glaubte ich wie ein Kind. Ich glaubte an einen lieben Gott … er war mir schon vertraut in Jesus … Als ich erwachsen wurde, begann ich wie ein Erwachsener zu glauben… Mal sprach ich ihm die Kompetenz ab, oft auch die Liebe. Schließlich verweigerte ich ihm überhaupt die Anerkennung … Ich diskutierte in langen Nächten über Gottes Existenz, aber da war am Morgen kein Gott … Jesus wurde zum Traum … Und Auferstehung? Auferstehung war eine zynische Lüge in der Hand der Händler, zur Täuschung der Elenden … weiß Gott aber nicht der Grund meiner Hoffnung. Nun, da ich älter werde, entdecke ich neu die verschütteten Spuren Gottes. Ich beginne wieder, seiner Liebe zu trauen. Und so sage ich heute mutig, trotzig, befreit, jedoch ohne Anspruch auf Endgültigkeit: Gott hat Zeit für mich, hat Geduld mit mir … Mir ist Gott mit den Jahren wieder lieb geworden. Er wird meine Umwege verstehen.“ (Gerhard Engelsberger in Bausteine 10/2019 – Glauben und Bekennen; Beilage der Pastoralblätter)

Gottes Spuren festzustellen in unserem Leben, bedeutet auch, darauf zu achten, darauf zu lauschen, welche Umwege Gott selbst gehen musste, um uns zu erreichen, ohne uns in unserer uns zugedachten Freiheit einzuschränken. SEIN größter und doch vollkommen gerader Umweg endete nicht am Kreuz und nicht in einer dunklen Grabeshöhle am Rand der Stadt. Sondern in SEINER Lebenszusage an uns: „ICH lebe. Und ihr sollt auch leben.“

  1. Ich blicke auf das Bild des Anfangs. Ein buntes, Leben versprühendes Bild. Drei Menschen in verschieden farbigen bunten Gewändern. Wir sehen sie nur von hinten. Sie sind dem Horizont vor ihnen zugewendet. Grün und fruchtbar erscheint er. Im Glanz der aufgehenden Sonne. Sie selbst sind beschattet von zwei grünenden Bäumen. Rechts und links von ihnen. Die Zweige über ihnen scheinen ein Dach zu bilden. „Damit dich die Sonne des Tages nicht sticht, noch der Mond des Nachts.“ Aber vor ihnen breitet sich Leben pur aus. In das sie behütet und beschirmt, eigentlich ohne Sorge hineingehen dürfen und sollen.

Und dennoch: Wer mögen sie sein? Die drei Frauen am Morgen des dritten Tages auf dem Weg zum Grab? Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome? Auf dem Weg zu einem letzten Liebesdienst an einem, der nicht mehr unter ihnen ist, es nicht sein darf und kann? Trauer sind die Pflastersteine auf ihrem Weg. Und Angst. Wann sind sie das letzte Mal einem Verstorbenen begegnet, der ihnen so nahe stand, wie dieser Freund? Vielleicht noch nie. Die Fragen nach dem „Warum“ treiben sie um. Und die Fragen nach dem „Wie“ der „Wiederbegegnung“. Und was diese in ihnen auslösen wird. Am Ende wird es Entsetzen, Zittern und grenzenlose Angst sein, die sie verstummen lässt. Und nur nach und nach merken sie, dass dieses Ende nicht wirklich das Ende ist.

Ich blicke noch einmal auf das Bild. Wer mögen sie sein? Die zwei auf dem Weg nach Emmaus? Zu denen sich ein dritter dazu gesellt hat. Ein Fremder, der „zufällig“ in die gleiche Richtung zu gehen scheint. Sie haben ihn in ihre Mitte genommen. Ohne wahrzunehmen, dass die Farbe SEINES Gewandes die des Sonnenaufgangs ist. Sie sind gefangen in ihrer Trauer. In dem, was war. In dem, was sie verloren haben. Neues, eigenes können sie sich nicht vorstellen. Und plötzlich holt das Alte sie in vollkommen befreiender Weise ein. Sie erkannten IHN, als er beim „Abendmahl“ das Brot nahm, dankte, es brach und es ihnen reichte. Als ER über dem Kelch den Segen sprach und ihn mit Worten des Lebens weiterreichte. Mitten im Untergang – nicht nur des Tages – werden sie, werden wir mit einem neuen Mut zum Leben erfüllt. Und sie machen sich neu und verändert auf den Weg. Dorthin, wo gestern noch alles und alle vom größtmöglichen Unglück überschattet gewesen ist. Lebensfreude hat die Trauer abgelöst. Und sie verkünden voller Überzeugung allen: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.“                    Liebe Schwestern und Brüder! Wenn Sie in diesen Tagen ein besonderes Osterbrot, ein eigens für diese Tage gebackenen Hefezopf und eine Karaffe Wein in die Hand nehmen, halten Sie vielleicht einen Moment inne. Und erinnern sich an die Worte: Mein Leib für Euch gegeben. Mein Blut für Euch vergossen. Der Kelch des neuen und ewigen Bundes. Und fühlen Sie sich durchaus dabei verbunden mit unendlich vielen Glaubenden, die aus genau dieser Kraftquelle Tag für Tag leben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Lasst uns beten: Ewiger Gott, Du bist der Atem der Ewigkeit, du bist der Weg in die neue Zeit. Du bist das Leben, du bist das Leben, du bist das Leben, Gott. Wir danken dir für die Spuren des Lebens, das viel weiter ist als alles, was wir sehen und beschreiben können. Wir danken dir für die Hoffnung, die uns berührt. Darum bitten wir dich voll Vertrauen: Stärke die, denen die Hoffnung des Glaubens schwach geworden ist. Berühre die, welche sich einsam und verlassen fühlen. Lass Hoffnung und Leben wachsen bei allen, deren Leben gedemütigt und missbraucht worden ist. Sei nah unseren Kranken und allen, die sie begleiten. Nimm die Sterbenden an dein Herz. Berühre die ins Leben hineinwachsen mit deiner Liebe in Jesus. Schenke uns allen Frieden und Zuversicht in einer Zeit der Zweifel, Fragwürdigkeiten und Unsicherheiten. Mache uns immer wieder darin gewiss: Du bist da, in allem, was uns widerfährt. Und Du wirst nicht fallen lassen, oder preisgeben das Werk Deiner Hände, sondern voller Erbarmung zu jedem Deiner Geschöpfe, zu Deiner ganzen Schöpfung stehen. Auch wenn wir das vielleicht nicht wahrnehmen. Ehre sei Dir dafür in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Wenn Sie mögen, singen Sie mit:

Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesus scheiden,keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Er gibt Kraft zu dieser Pflicht; dies ist meine Zuversicht.

Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: Herr, Herr, meine Zuversicht!

Und der Friede Gottes bewahre und behüte uns auf all unseren Wegen. Und so segne uns der allmächtige Gott und schenke uns SEINEN Frieden: + Der VATER, der SOHN und der HEILIGE GEIST. + Amen.

Ich wünsche Ihnen / Euch allen ein erfülltes und behütetes Osterfest in einer stürmischen Zeit.

Ihr / Euer Emanuel Behnert.