Predigt über Psalm 73 – Christoph Fleischer, Werl 2011

Liebe Gemeinde, abweichend von der Predigtordnung möchte ich heute über Psalm 73 predigen. Ich meine, dass uns dieser Psalm auf recht anschauliche Weise die Erfahrung des Glaubens vermittelt. Ich werde in der Predigt einige modernere Übertragungen Übersetzungen vorlesen und diese kommentieren. Zunächst lese ich …

Psalm 73 in der Übersetzung von Jörg Zink (aus: Jörg Zink: Er wird meine Stimme hören, Kreuz-Verlag Stuttgart 1967)

Voll Güte ist Gott gegen die Aufrichtigen,
gegen alle, die reines Herzens sind.

Aber fast wäre ich gestrauchelt mit meinen Füßen,
um ein Haar ausgeglitten auf meinem Weg,
denn ich beneidete die Prahler,
als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.
Es gibt ja keine Qualen für sie,
und gesund und feist ist ihr Leib.
Sie tragen keine Last wie andere Menschen
und leiden keine Qual wie die anderen Leute.
Darum tragen sie ihren Hochmut umher
Wie ein Geschmeide am Hals
Und prangen in ihrer Gewalttat
Wie in einem stolzen Gewand.
Ihre Schuld dringt aus ihrem Fett,
und von bösen Plänen quillt ihr Herz über.
Sie spotten und höhnen und reden verächtlich,
von oben herab reden sie ihr wirres Geschwätz.
Was sie reden, soll herabtönen vom Himmel,
und was sie sagen, soll gelten auf Erden.
Darum fällt ihnen der Pöbel zu
Und schlürft ihre Worte wie Wasser.
Sie sprechen: Da ist doch kein Gott, der es weiß!
Wie sollte ein Gott sein, der es merkt?
Ach, das sind die Gottlosen!
Sie steigern ihre Macht in ewigem Glück.

Es war umsonst, dass ich mein Herz rein hielt
Und meine Hände wasche ich vom Unrecht.
Ich leide doch Qual den ganzen Tag
Und erfahre meine Strafe alle Morgen.
Hätte ich gedacht: Ich will reden wie sie!,
dann hätte ich alle deine Kinder verraten.

So sann ich nach, ob ich´s vielleicht verstünde,
aber es war mir zu schwer,
bis ich ins Heiligtum Gottes eintrat
und das Ende erkannte, das ihnen bevorsteht.

Ja, auf schlüpfrigen Grund stellst du sie,
in Täuschungen stürzen sie dahin.
Wie sind sie doch im Nu zunichte,
verschwunden, im Schrecken vergangen.
Wie ein Traum vergessen ist, wenn man erwacht,
so gehst du über ihr Bild hin, Herr,
wenn du aufstehst!

Es tat mir weh im Herzen
Und verwundete mich in meinem Innern,
ich war ein Narr und ohne Verstand,
ich war wie ein Tier vor dir.

Nun aber bleibe ich stets an dir,
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.
Du leitest mich nach deinem Rat
Und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
Wenn ich nur dich habe,
frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten,
so bist du doch, Gott, allezeit
meines Herzens Trost und mein Teil.

Im Tode enden, die von dir weichen,
die dir die Treue brechen, gehen zugrunde!
Mir aber ist deine Nähe kostbar.
Meine Hoffnung setze ich auf den Herrn,
von ihm und seinen Taten redet mein Mund.

Kategorie: Allgemeines
Erstellt von: Christoph Fleischer
Liebe Gemeinde!

Selbst wenn ich noch eine altertümlichere Übersetzung genommen hätte, werden sie gespürt haben, wie aktuell dieser Text eigentlich ist. Fast möchte man meinen, er wäre aus einem aktuellen Anlass heraus geschrieben worden, etwa einer Inflation die alle Sparbücher vernichtet, aber die Immobilien der Reichen nicht antastet. Selbstverständlich handelt es sich nicht um einen politischen, sondern einen religiösen Text. Das heißt aber nur, dass die Erfahrung des Reichtums hier ganz in religiöser Perspektive dargestellt wird. Heute könnte man etwa die Frage stellen, warum die Länder Europas 180 Milliarden Euro für die Rettung der griechischen Staatsfinanzen und damit den Euro zusammenlegen können, aber keine 1,5 Milliarden zur Rettung der hungernden Menschen in den Dürre- und Katstrophengebieten? Sicherlich wird die Frage des Reichtums für die Einzelnen erst interessant, wenn sie selbst irgendwie betroffen sind. Normalerweise lässt mich das Problem kalt. Ich sehe es als Sozialneid und sinnlose Rechnerei an. Was nützen mir denn die Aussagen, dass 90 % des Kapitals in den Händen von 5 % der Bevölkerung liegen, oder so ähnlich? Ob das Leben von Reichen wirklich besser ist gemessen an Maßstäben der Lebensqualität, das mag ohnehin bezweifelt werden, müssen sie doch eine ungeheure Energie auch dafür aufwenden, ihren Wohlstand zu schützen, zu sichern und zu vermehren.

Trotzdem kann man auch die Welt des Reichtums nicht aus der religiösen Frage ausblenden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, um die es ja in der Religion geht, kann auch bei ökonomischen Problemen aufbrechen. Nehmen wir einmal die Erfahrungen, die der Psalmbeter erwähnt:

– Die anderen Menschen, die er beneidet, sind gut ernährt, vielleicht sogar fett, aber gesund. Sie leiden keine Qualen, die etwa durch Hunger oder Mangelernährung hervorgerufen werden. Sie haben auch nicht so schwer körperlich zu arbeiten, was zusätzlich krank machen kann.

– Die anderen geben mit ihrem Reichtum an. Und wenn es rechtlos ist, dann scheint es nur um Kavaliersdelikte wie Steuerhinterziehung oder so zu gehen. Im Psalm verbindet sich das Herausstreichen des Reichtums mit Unrechtsgefühl. Fehlende Chancengerechtigkeit oder Bevorzugung verwandtschaftlicher Bande mögen eine Rolle spielen. Er fühlt sich jedenfalls moralisch im Recht.

– Sie nehmen Einfluss auf die Politik durch Rede und Propaganda. Sie sorgen sogar dafür, dass die Menschen sie verehren. Heute würde man das Wahlgeschenke nennen. Hier geht es eher um Propaganda und Prahlerei.

– Nun kommt die Religion ins Spiel, denn diese, von denen die Rede ist, sind bewusst gottlos und religionsfern. Sie können ihr Glück selbst herstellen und brauchen Gott dafür nicht. Daher werden sie in vielen Texten der Psalmen und der Bibel insgesamt die Gottlosen genannt. Vermutlich sind sie keine Israeliten, wohnen aber im Volk oder in der Nachbarschaft.

– Jetzt kommen die Selbstzweifel: Die eigene Krankheit, vielleicht auch eine schwierige soziale Lage lassen Zweifeln an der Wirksamkeit des Glaubens aufkommen.

– Doch diese Zweifel behalten nicht das letzte Wort. Der Beter kommt in das Heiligtum und erfährt die Gegenwart Gottes als Grund des Umdenkens. Was geschieht dort? So müssen wir uns fragen. Die soziale Lage wird sich ja kaum geändert haben. Trotzdem ändert sich die Sichtweise durch Gottes Nähe.

– Zunächst gehen die Gedanken wieder zu den anderen. Während zuvor deren Vorzüge geschildert wurden, fallen jetzt auch die Nachteile in den Blick. Wenn sich das Leben ändert, dann wird das gute Leben zu einem bösen Traum. Es ist ein Zeiterscheinung. Wer vor Gott tritt, und damit ist auch der Tod gemeint, kann mit dem Reichtum nicht prahlen.

– Und damit tritt der Vertrauensbeweis hervor, der für den Beter nur aus der Nähe Gottes kommen kann. Es sind drei Erfahrungen, die die Religion wichtigmachen: 1. Nun aber bleibe ich stets an dir,
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. 2. Du leitest mich nach deinem Rat Und 3. Du nimmst mich am Ende mit Ehren an.

– Für alle anderen Menschen ist mit dem Tod alles aus und ihr Reichtum gilt nur für diese Zeit. Der Glauben dagegen ist von Hoffnung bestimmt und gilt über den Tod hinaus. Das heißt aber nicht, dass der Glaube nur für die Zeit danach gilt und wichtig ist, nur als Vertröstung quasi. Der Glaube gibt eine andere Sicherheit: Vertrauen statt Kampf, Orientierung am Recht statt Rechtlosigkeit und Leichtigkeit statt Absicherung.

Ich gehe nicht auf aktuelle Ereignisse in dieser Predigt ein, bin mir aber bewusst, dass uns allen noch das sinnlose Attentat in Norwegen vor Augen steht oder andere solcher sinnloser Ereignisse. Es geht dabei gar nicht um eine Schuldfrage, selbst wenn das Wort Sünde gebraucht werden sollte. Sondern es geht um die Frage nach dem guten Leben, dass nicht abhängig ist vom Glauben an die materielle Sicherheit.

Ich finde diesen Psalm wirklich hilfreich, weil die Frage nach dem Glauben in unsren menschlichen Lebensalltag hinunter holt. Die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Glauben und Unglauben wird dadurch vermieden, dass der Glaubende selbst auch die Selbstzweifel zugibt, nicht frei ist vom Neid und von der Klage über sein Schicksal. Der Glaube ist also kein Polster, mit dem man alle Probleme und Anfechtungen des Lebens umgeht. Vielleicht ist der Glaube eher ein lebenslanger Lernprozess.

Und so lese ich jetzt nacheinander noch drei moderne Übertragungen des Psalms. Das sind jetzt keine Übersetzungen mehr, sondern sie gehen darüber hinaus. Der erste Text ist von mir. Er setzt den Psalm in Gedichtform. Der zweite Text ist von Peter Spangenberg, der den Psalm wörtlich verfolgt und in die heutige Gedankenwelt überträgt und der dritte Text ist von Uwe Seidel, eine Kirchentags-Pfarrer.

„Wenn ich einmal reich wär´…“ Nach Psalm 73.

Du, Gott, das kann ich manchmal nicht verstehen,
Dass Menschen, die nicht steh´n zu dir,
Im Leben so viel Gutes sehen,
So ganz im Gegensatz zu mir.

Du, Gott, so würd´ ich dir sogar verzeihen,
Wenn ich auch etwas Reichtum hätt´.
Stattdessen muss ich mir was leihen,
Und schlafe nicht im Himmelbett.

Du, Gott, sollt ich denn ganz und gar vergessen,
Was du mir immer hast gesagt,
Dass nicht nur gilt, was Menschen essen,
Auch ob ihr Glauben unverzagt.

Du, Gott, bei dir find´ ich den Sinn des Lebens,
Weil ich erkenne, du bist nah.
An deiner Hand kein Schritt vergebens.
Du bist mein Freund und du bleibst da.

(Christoph Fleischer. Psalmengedichte, in: www.der-schwache-glaube.de)

Der Psalm redet den Wunsch nach Wohlstand und Reichtum nicht aus. In meinen Augen ist die Religion nicht dazu da, sich selbst und anderen ein schlechtes Gewissen einzureden, sondern dazu, in der Nähe Gottes den Sinn des Lebens zu finden.

Psalm 73 (Peter Spangenberg, Höre meine Stimme, Die Psalmen, Hamburg 1995)

Aber ich war ein Esel

Gott ist dennoch Israels Trost

Trotz allem, was in unserem Land und in der Welt geschieht –
Gottes Wort ist der einzige wirkliche Lichtblick
Für alle, die noch offene Herzen haben.
Ich war auch kurz davor zu sagen: Es hat ja keinen Sinn mehr;
denn ich habe mich so maßlos geärgert,
weil es den Bösewichten so gut geht.
Sie fressen sich dick und rund und werden immer reicher;
sie kennen nicht die kleinen und großen Sorgen des Alltags;
deshalb geben sie auch so an und meinen,
sie könnten sich alles leisten.
Sie machen einfach das, was ihnen in den Sinn kommt
ohne Rücksicht auf andere.
Sie haben vor nichts mehr Ehrfurcht
und schimpfen obendrein.
Sie tun so, als wären sie der liebe Gott,
und die Masse der dummen Menschen läuft ihnen nach.
Sie meinen, Gott sähe das alles nicht.
Hat es denn gar keinen Sinn mehr, dass ich mich
nach meinem Gewissen richte, wo die andern so gut
mit allem durchkommen?
Aber ich merkte, als ich inbrünstig betete;
dass solche Menschen keinen Hintergrund und kein Fundament haben.
Wie ein böser Traum verfliegt, so sind sie eines Tages weg.
Trotzdem tat es mir weh und ging mir an die Nieren.
Aber ich war ein Esel.
Nein, ich bleibe dir treu, und du hältst mich fest, lieber Gott.
Du zeigst mir den Weg, wie du willst
und sagst am Ende: So war es gut!
Was gehen mich die Spinnereien
und die Raffgier anderer an?
Hauptsache, ich gehöre zu dir.
Das ist auch mein ganze Lebensinhalt: zu dir halten
und mich bei dir geborgen fühlen.
Davon soll mein Leben strahlen.

Die Nähe Gottes besteht aus Gottes Zusagen und Gottes Segensworten. Hierzu gehört auch der beseonders bekannte Abschnitts des Psalm: Nun aber bleibe ich stets an dir,
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat Und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Knapp zusammengefasst heißt das etwa so: DEu hältst mich fest. Du zeigst mir den Weg. Du sagt am Ende: So ist es gut. Auf Gottes Zusagen zu vertrauen, das ist Glauben.

Die Gottlosen reißen ihr Maul auf – Psalm 73 (Uwe Seidel in: Uwe Seidel/ Diethard Zils: Psalmen der Hoffnung, Texte für jeden Tag, Schriftenmissionsverlag Gladbeck 1973/ 1982, S. 98)

Die Güte Gottes ist unbegreiflich
für alle, die nach seinen Verheißungen leben.

Ich aber wäre fast aus der Bahn geworfen worden,
beinahe wäre ich vom Wege abgekommen.
Vor Wut hätte ich bald meine Orientierung verloren:
Ich habe mich über die Schaumschläger geärgert.
Diese Typen leiden keine Qualen.
Ihr Gewissen setzt ein dickes Fettpolster an.
Sie kennen keine Mühen,
ihre Sorgen sind in den Brunnen gefallen.
Einen Mantel der Gewalt haben sie umgelegt,
der sie vor jeder menschlichen Regung schützt.
Vor lauter Gier können sie schon nicht mehr gerade
aus den Augen sehen.
Und ihr Herz ist wie eine Landkarte böser Schlachtpläne.
Sie reißen ihr Maul auf bis zum Himmel
und lassen ihren Reden auf der Erde freien Lauf.

Darum hören die Leute sie so gerne,
wenn sie mit feurigen Worten das nationale Feuer anheizen,
wenn sie verächtlich über andere tönen;
dann schlürft das Volk ihre Ergüsse in vollen Zügen.
Sie sagen: „Ein Gott kümmert sich nicht um Politik und
Wirtschaft. Gott hat andere Interessen. Er ist für das Seelenheil
des einzelnen zuständig. Religion ist Privatsache!“
Ja, so reden sie und sind glücklich dabei.

Ich aber bleibe auf deiner Seite, Herr.
Wenn mich die anderen auch für verrückt erklären,
ich halte fest an deinen Rechten.
Du bist nicht in fernen Himmeln zu finden,
du stehst hier bei mir auf der Erde.
Du gibst mir zu verstehen, was Recht und rechts ist.
So weiß ich, aus welcher Richtung der Wind weht.

Noch einmal zum Schluss: Durch den Glauben wird die Sicherheitsfrage auf den Kopf gestellt. Der Glaube an Gott ist von der Definition des Gottesbegriffs her und vom Glaubensbegriff eine subjektive Erfahrungstatsache, die nicht auf materieller Sicherheit oder anderen sicheren Fakten beruht. Das mag theoretisch ein Nachteil sein. Der Glaube ist nicht beweisbar. Es gibt nur persönliche Erfahrungen. Doch andererseits zeigt sich der Glaube an den Grenzen des Lebens und im Bewusstsein von möglichen Krisen überlegen. Wie es Jesus sagt: ein Schatz im Himmel, der nicht von Motten zerfressen wird.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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