Luthers Reformation – Kindern erzählt, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2015

Zu: Martin Luthers Wittenberger Thesen, Text von Meike Roth-Beck mit Bildern von Klaus Ensikat, Kindermann Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-934029-62-0, Preis: 19,90 Euro

lutherDie Geschichte Martin Luthers kann und soll Kindern erzählt werden. Die Illustrationen von Klaus Ensikat, einem erfahrenen und prämierten Illustrator, leisten mehr als nur die visuelle Ausgestaltung eines kindgerechten Textes. Dass dazu im Anhang Bilderklärungen gehören, zeigt, dass die Bilder hier schon wie in einer Graphic Novel einen Teil der Erzählung übernehmen.

Über die Anmerkungen hinaus sollte man feststellen, dass der Zeichner z. B. in den Darstellungen Martin Luthers (mit und ohne Doktorhut), aber auch den Bildern seiner Eltern und dem Ehepaar Luther die Abbildungen der Werkstatt Lukas Cranach entlehnt. In den übrigen Bildern zeigt sich einfach das Einfühlungsvermögen in die Welt der damaligen Zeit.

Es ist vielleicht im Sinn der Verlegerin in diesem Buch mehr als nur eine Geschichte zu erzählen, sondern auch wie in den anderen Büchern des Programms ein stück Weltliteratur kindgerecht zu präsentieren. (vgl. Barbara Kindermann und Klaus Ensikat: Faust, Johann Wolfgang von Goethe und andere Titel). Dieser Text ist hier der Thesenanschlag Martin Luthers aus dem Jahr 1517, die 95 Thesen, hier kurz die „Wittenberger Thesen“ genannt.

Diese Thesen waren damals als Einladung zur Diskussion gedacht, und können es auch heute sein, wenn man sie denn zeitgemäß liest.

Zunächst ergibt sich die Beschäftigung mit den Thesen einfach aus der Erzählung. Schon seit dem Besuch in Rom soll sich Luther über den Ablass geärgert haben. Die Auswahl der Thesen stellt also den Ablass in den Vordergrund, wobei die zeitgemäße freie Wiedergabe dazu führt, diesen Anlass als auch für heute aktuell anzusehen.

Die Thesen werden mit ihrer Nummerierung wiedergeben, zum Teil wörtlich, zum Teil frei übertragen. These 36 sagt, dass Reue zur Vergebung vor Gott ausreicht. These 45 sagt, dass es besser ist, einem Menschen in Not beizustehen als einen Ablassbrief zu kaufen. Die These 46 deutet an, dass den Armen durch den Ablass noch das letzte Geld abgezogen werden soll. Das berühmte Zitate der Ablasshändler aus These 27 darf ebenso nicht fehlen: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ (S. 25).

Luther ruft dazu auf, für den Papst zu beten, anstelle Geld zu spenden. Es wird dabei auch schon angedeutet, dass für Luther das Wort Gottes, also die Bibel, im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht und nicht die Kollekte, sprich die Ablässe.

Einmal möchte ich den Originaltext und die freiere Wiedergabe vergleichen. These 62 heißt bei Luther in der deutschen Fassung: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ (Martin Luther, Taschenausgabe, Band 2, Glaube und Kirchenreform, Berlin 1984). Meike Roth-Beck geht einen kleinen Schritt weiter und schreibt den Text auch für unsere Gegenwart: „Der wahre Schatz der Kirche sind nicht ihre Reichtümer, ihr Geld und ihr Besitz. Der wahre Schatz ist die frohe Botschaft von Gott, der jeden Menschen mit den gleichen, liebevollen Augen ansieht. Niemand wird bevorzugt, keiner geht verloren.“ (S. 27)

Auch die Wiedergabe der letzten beiden Thesen 94 und 95 ist Luther gemäß, wenn es sinngemäß heißt, dass die Kirche kann den Gläubigen keine falsche Sicherheit versprechen kann. Wörtlich lauten diese Thesen hier: „Christen sollten ermutigt werden, ihren eignen Weg durch das Leben zu finden. Auch wenn es ein steiniger Weg ins Himmelreich ist. Den Menschen ist nicht geholfen, wenn die Kirche ihnen eine Sicherheit vorgaukelt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.“ (S. 29)

Diese Botschaft ist in der Tat hoch aktuell und doch gut eingebettet in die erzählte Lutherbiographie. Kinder lernen früh die wichtigsten Fakten der Reformation und denken darüber nach, wie sie sich heute die Kirche wünschen. Das Buch ließe sich prima auch in Auszügen in einer Predigt vorlesen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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