Das Geheimnis von frühmittelalterlichen Glaubenszeugnissen in Religion, Kunst und Literatur, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2025

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Tobias Daniel Wabbel: Jesus und der heilige Gral, Auf der Suche nach dem Abendmahlskelch, Bassermann Verlag im Penguin Random House Verlag, München 2025, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-8094-5123-5,

Preis: 9,99 Euro (print), eBook (Amazon), 6,99 Euro

Während es bei anderen Büchern Tobias Daniel Wabbels (Der Templerschatz, 2020 und Die Templerkathedrale 2023) um die verlorenen Schätze des Templerordens geht, spürt er hier die Ursprünge historischer und religiöser Erzählungen auf und unterzieht sie einem Wahrheitscheck.

Wie präsent kann Jesus heute sein?

In einer Zeit, in der das Leben und Wirken Jesu und der frühen Gemeinden schon über 1000 Jahre zurücklag, kam eine ungeheure Nachfrage nach Gegenständen auf, die die Erzählungen der Bibel vergegenwärtigen konnten und auf eher primitive Art beweisen sollten. Wie viele Nägel des Kreuzes Jesu und dessen Holzsplitter, wie viele Blutstropfen, Lanzen und Tücher konnten die Wahrheit der biblischen Botschaft verdeutlichen?

War etwa der schlichte Kelch des Ludgerus, der heute in der Schatzkammer in Essen-Werden ist, schon in der Hand Jesu beim Abendmahl (Bild 1 des Rezensenten)?

Um die Umstände des Abendmahls und ihre glaubwürdige Überlieferung besser bewerten und verdeutlichen zu können, orientiert sich der Autor am Ablauf der jüdischen Festmahlzeit, gleichwohl wissend, dass diese im Talmud erst später schriftlich notiert worden ist. Wie viele Theologinnen und Theologen nimmt er einfach an, dass dieser Ablauf schon eine längere Tradition besaß und daher auch für die begleitende Mahlzeit vor Jesu Kreuzigung vorausgesetzt werden kann. Vielleicht war der Kelch ja dann auch schon früh aufgefunden worden und in Jerusalem, dem Ort der späteren Grabeskirche sicher verschlossen bewahrt worden. Aber, stopp, Tobias Daniel Wabbel betont damit auch zu Recht, dass mit sogenannten Sedermahl vier verschiedene Kelche eine Rolle spielen, wobei über dreien der Segen gesprochen wird und der vierte der neuen Mahlzeit nach der Vollendung des Reiches Gottes vorbehalten bleibt.

Dann hätten es also mindestens drei verschiedene Kelche gegeben, die Jesus in der Hand hatte. Hierzu findet sich ein liturgischer Kamm, der sehr detailliert aus Elfenbein geschnitzt ist in der Domschatzkammer des Essener Münsters. (Foto des Rezensenten). Dort ist sind auf der Darstellung des Abendmahltisches 12 Jünger mit Jesus versammelt und zur Mahlzeit kommen auf den Tischen verteilt insgesamt vier Kelche zum Einsatz.

Wer oder was ist der Heilige Gral?

Warum ist dann aber trotzdem von dem einen heiligen Gral die Rede? Nach den Nachforschungen des Wissenschaftsjournalisten Wabbels war dieser Kelch, bzw. diese Schale überdies keineswegs aus Metall geformt, sondern aus einem Edelstein geschnitzt worden. Was die Sache dann noch kompliziert macht, ist, dass die Leserinnen und Leser nun einen Gegenstand suchen, mit dem bei der Kreuzigung Jesu das Blut Jesu aufgefangen worden sein soll. Dazu findet Tobies Daniel Wabbel viele noch erhaltene Kirchenausmalungen von Schottland bis Dänemark, wozu damals auch noch die Insel Rügen gehörte. Dorthin führte zuletzt die Erkundungsreise, in die der Autor die Lesenden führt. Hier findet er auch den Namen Graal/Gral, meist mit zwei „a“ geschrieben in diversen Ortsnamen wie Graal-Müritz und anderen.

Um mehr über den heiligen Gral zu erfahren, werden dazu im Mittelteil des Buches die Gralslegenden und Gralsbücher über König Artus von Chretién de Troyes und Wolfram von Eschenbach und dessen Hauptgestalt Parceval oder eingedeutscht Parsival angeführt.

Die Frage ist, ob es bei so vielen unterschiedlichen Hinweisen und Bezügen eine einheitliche Antwort geben kann und ob das Ergebnis des Buches gerade darin liegt, dieses Dilemma festzustellen. Der Volksmund sagt ja zu Recht, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Ein Weg wäre es vielleicht, die ganze Thematik der christlichen Traditionsgeschichte zuzuordnen und dann festzustellen, dass es den einen Kelch gar nicht mehr geben kann. Doch dieses Fazit lässt der Autor offen, sondern weist lediglich darauf hin, dass wir durch unsere Suche selbst der Gestalt des Gekreuzigten näher gekommen sind, um dann zugleich festzustellen, dass sich eben nicht mehr alles in eine andere Zeit übertragen lässt.

Die Spannung zwischen Wort und Erfahrung.

Hier käme m. E. die Religion in Spiel, die anhand der biblischen Überlieferung Inhalt und Erzählung vergegenwärtigt, ohne damit zugleich zu behaupten, dass man genau weiß, wie es damals wirklich war. Dann wird die Wahrheit in der Gegenwart erfahrbar, ohne beweisen zu wollen, was damals geschah. Ich gebe Tobias Daniel Wabbel darin recht, dass sich schon vergangene Generationen an der Tradition abgemüht haben und sie in ihren jeweilig eigenen Kontext gestellt haben. Diese Vorgänge aufzuspüren in Literatur, Kunst und Religion ist wahrlich spannend. Und ist nicht eben genau dieses die Wahrheit der Auferstehung Christi, die uns fassungslos am leeren Grab stehen lässt, mit nichts anderem als der Zusage, dass Jesus immer da ist, wo wir an ihn denken, mit und ohne Kelch.

Predigt zu Heiligabend 2025, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Christvesper 2025: Legt die Waffen des Lichts an

 „Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende. Der Tag bricht schon an. Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.“                                                          Römer 13,10-12, Basis Bibel

Liebe Heiligabend-Gemeinde,

das ist mal ein Weihnachtsevangelium! Es passt so gar nicht in unsere Vorstellung von Weihnachten, erst recht nicht vom Heiligen Abend. Heiligabend, das ist doch der geschmückte Weihnachtsbaum, überall Lichter, ein Duft nach Orangen, Kartoffelsalat und Würstchen oder darf es lieber ein deftiger Bratengeruch sein? Weihnachten geht’s doch um Gemütlichkeit, dass wir ein paar ruhige Tage haben, wo der Dauerstress einmal von uns abfallen darf, wo wir als Familien miteinander Zeit verbringen, uns mit schön verpackten Geschenken bescheren, einander mit Wohlwollen begegnen. Einmal entschleunigen, wer braucht das nicht? Weihnachten geht es darum, das eigene Verwurzelt-Sein in der Familie oder als Paar zu spüren. Ich bin angenommen, so wie ich bin, wir spenden einander Geborgenheit. Das ist schön, wenn es gelingt und es gehört wesentlich zum Weihnachtsfest dazu.

Familien-Weihnachtsideal?

Aber manchmal schaffen wir es nicht dem Familien-Weihnachtsideal zu entsprechen, wir fühlen uns von allem überfordert, die kleinste Kritik und Missstimmung hinterlässt schale Freude oder es nervt uns die Scheinheiligkeit nach dem Motto: Piep, piep, piep…wir haben uns alle lieb.

Den Ton, den Paulus in unserem Heiligabend-Text anschlägt ist ganz anders, quer zu unseren Erwartungen und Sehnsüchten, ein Widerspruch zu kitschig-romantischen Weihnachtsgefühlen und einer kapitalistischen Konsum-Weihnacht. Ja, es gibt ein Weihnachtsevangelium quer zu unseren kulturellen-familiären Traditionen.

Das ist die Heilige Nacht.

Das Bild, das Paulus hier verwendet ist alt, uralt und hat sich über die Erfahrung in das Bewusstsein der Menschen eingegraben. Es ist die Erfahrung der Dämmerung. Wir stehen an der Schwelle. Die Dunkelheit der Nacht hört auf, bald bricht der Tag an.

Das ist die Heilige Nacht. Diese Heilige Nacht wiederholt sich Fest für Fest. Wir haben gesungen und ich liebe dieses aussagekräftige Adventslied: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ (EG 16,1 Jochen Klepper)

Die Heilige Nacht wiederholt sich heute für die, die glauben: dass das Licht mit dem Kind in der Krippe in die Welt gekommen ist. Jesus Christus hat die Dunkelheit der Welt überwunden. Auch wenn die Nacht immer wieder nach uns greift, gilt doch: Gottes Tag kommt – immer wieder und am Ende in Vollendung.

Als moderne von künstlichem Licht umgebene Menschen kennen wir die Stimmung der Dämmerung nicht mehr. Uns fehlt die Schwellenerfahrung. Das Warten und die Gewissheit, es wird licht. Unsere Seelen sind es nicht mehr gewöhnt über das langsame Hell-Werden zu staunen. Es mit Macht herbeizusehnen. In die Dämmerung zu lauschen, wie das Leben erwacht, die Vögel ihr Morgenlied singen und der Tag die Oberhand gewinnt.

Der Tag ist nahe herbeigekommen. Und jetzt kommt´s. Das ist keine Zeit zum Weiterschlafen, träumen und sich noch einmal im Bett räkeln!

Wir werden aufgefordert: Hey, werdet wach! Verlasst eure Komfortzone, lasst euch nicht länger Einlullen von schlechten Vibes, Fake News und dem immer gleichen Gebabbel in eurer Blase. Wacht auf! Denkt selbst! Bildet euch euer eigenes Urteil!

Manchmal wundere ich mich, wie das Selber-Denken mehr und mehr verschwindet. Ich bin irritiert, wie verängstigt viele Menschen sind, wie viele sich ein Weltbild zimmern, dass alle Institutionen rundheraus ablehnt, wie zigtausende den religiösen Verschwörungs-Erzählungen glauben und hunderttausende User hemmungslos ihre Hasstiraden in den Sozialen Medien kundgeben. Es ist, als würden wir zerrieben in der Informationsflut. Auch hier stehen wir an einer Schwelle. Wir haben noch nicht gelernt, vernünftig mit der Digitalität aller Lebensbereiche umzugehen. Wir wissen aber schon: dauernd auf´s Handy schauen überfordert, macht süchtig und blöd, da eigene Erfahrungen verhindert werden und echte „face to face“ Kommunikation versickert, ja geradezu verlernt wird. Und gleichzeitig trimmen uns viele Medien zu einem scheinbar nicht mehr hinterfragbaren Konsens. Wer davon abweicht, kommt in Verruf und wird in eine Schmuddelecke gestellt. Das alles aber treibt uns weiter voneinander weg.

Weihnachten ruft uns heraus.

Weihnachten ruft uns heraus. Kehr um! Mach nicht mehr mit! Lebe nicht in deiner Scheinwirklichkeit! Stelle dich der Wahrheit, auch wenn sie schmerzt. Ingeborg Bachmann sagt den treffenden Satz dazu: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“(1)

Wirklich? Ja! Aber wir tun in unserer Befindlichkeits-Gesellschaft alles dafür, uns die Wahrheit nicht zuzumuten, einen Streit nicht auszutragen, lieber lassen wir den Konflikt schwelen. Aber bitte jetzt nicht nach dem Gottesdienst die Wahrheit deinem Nächsten genüsslich ins Gesicht schleudern nach dem Motto: Der Pfarrer hat doch gesagt, Weihnachten sollten wir uns mal so richtig die Meinung sagen. Richtig ist auch: Wahrheit ohne Liebe zerstört, ist besserwisserisch. Und manchmal ist ausblenden auch eine Möglichkeit überhaupt noch miteinander im Kontakt zu sein. Liebe Leute, ich will doch nur sagen: Weihnachten übertüncht unser Leben nicht. Im Gegenteil: Es kommt ans Licht, was nicht stimmt, was falsch läuft in der Welt. Weihnachten macht unser Leben hell und schenkt tiefe Freude. Wir empfangen das Leben als Gabe Gottes und wir sind aufgerufen, das Leben und vor allem den Frieden zu bewahren. Damit sind wir in Europa gescheitert. Nun dauert der Krieg in der Ukraine schon fast so lange wie der erste Weltkrieg. Wir Europäer haben keine vernünftige Entspannungspolitik mit Russland betrieben. Mit Feinden spricht man nicht, verhandelt nicht. Was für ein Irrglauben! Doch zurück zu unserem kleinen Leben.

Weihnachten fordert uns auf: Legt alles ab, was ins Finstere führt, was eine negative Energie hat: Die Lüge. Die Selbstsucht. Die Gewalt. Den Hass. Die Feindschaft. Den Größenwahn.

Jammer nicht länger herum. Übernimm Verantwortung für dein Leben, für dein kleines Leben. Das reicht. Träum dich nicht größer als du bist, mach etwas Gutes und fange damit jetzt an.

Das heißt, wie es Luther übersetzt: „Die Waffen des Lichts anlegen.“ Wenn nicht zu Weihnachten, wann dann? Das heißt, sich mit Wahrheit gürten, dem Licht folgen. Sich nach dem göttlichen Licht ausstrecken. Wir brauchen doch Orientierung! Und wisst ihr was. Ihr könnt sagen, was ihr wollt: Diese Mega-Erzählung von Jesu Geburt ist besser als jeder Hollywood Block-Buster. Denn wenn es im letzteren zwar auch um den Kampf von Gut und Böse geht, bleiben die Filme doch im besten Sinn Unterhaltung. Die Mega-Erzählung von Christi Geburt aber schenkt Sinn und Zusammenhalt. Das Weihnachtsfest, selbst wenn unser Glaube schwach ist und erodiert, transzendiert uns, verweist uns auf eine andere Wirklichkeit. Das immerwährende Story-Telling auf unseren kleinen Bildschirmen aber macht uns nicht satt. Satt macht uns nur der Mythos. Es wird eine Zeit kommen, wo wir das wieder entdecken und sie ist schon angebrochen. Wissenschaft und Mythos schließen sich nicht mehr länger aus, sie verhalten sich komplementär zueinander (2). „Nicht Atome halten die Welt zusammen, sondern Erzählungen“(3). Wir leben von Erzählungen. Und das Weihnachtsevangelium gehört zu den wertvollsten Erzählungen der Weltliteratur.

Es erzählt von dem Baby Jesus. Von Anfang an ist sein Leben bedroht.

Mit Liebe und Vergebung hat Jesus auf Gewalt geantwortet. Jesus hat die Menschen mit den Augen Gottes gesehen und sie befreit von Stress, Angst und Resignation. Das Kleine in der Krippe ist größer als alles, was uns klein macht. Vertrauen schenkt Leben, gebiert Leben – immer wieder neu. Der Glaube ist es, der uns aus dem Sumpf und den Morast der Welt zieht. Dein ganzer Einsatz ist gefragt. Der Glaube fordert alles von dir. Er fordert dich selbst und ist gleichzeitig wie Weihnachten ein Geschenk. Ein Geschenk der Liebe Gottes.

Ja, mit dieser Energie kommen wir am Heiligen Abend in Berührung. Das Kleine in der Krippe ist nicht bloß süß, ein „holder Knabe im lockigen Haar“ (Stille Nacht, EG 46,1). Der Kleine ist unser großer Erlöser und Bruder, die Power-Bank Gottes für die Welt. Die Krippe ist schon aus dem Holz des Kreuzes geschnitzt, die Neugeburt der Auferstehung vertreibt die Finsternis.

Also seid ihr dabei?

Legt die Waffen des Lichts an. Das ist eine Kriegstüchtigkeit, die ich mir wünsche. Wenn wir ernsthaft zu den Waffen des Lichts greifen, dann werden sich „Gerechtigkeit und Frieden küssen“ (Ps 85,11)

Literatur

1 „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ –  aus Ingeborg Bachmanns berühmte Dankesrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden (1959)

2 Levi-Strauss: Anthropologie in der modernen Welt, Seite 110 Und wenn die moderne kosmologische Wissenschaft „selbst dazu tendiert, zu einer Geschichte des Lebens und zu einer Geschichte der Welt zu werden, können wir nicht ausschließen, dass das wissenschaftliche Denken und das mythische Denken, nachdem sie lange Zeit unterschiedliche Wege gegangen sind, sich eines Tages aneinander annähern werden.“

3 Der Ausspruch geht auf die amerikanische Schriftstellerin Muriel Ruheyser (1913-1980). Unser Verständnis der Welt wird durch Narrative geprägt, die Sinn stiften, statt durch die reine Materie. Erzählungen sind die Ordnungsformern unserer Wirklichkeit. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen u.a. forscht dazu.

Religion (setzt) in Bewegung! Ausstellungsbericht von Dr. Vera und Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto 1 Werbeplakat PRAYMOBIL, Joachim Leberecht

Playmobil wer kennt sie nicht, die kleinen Plastikfiguren, die seit gut 50 Jahren in vielen Kinderzimmern zu finden sind? Ganze Welten lassen sich damit phantasievoll gestalten, ganze Epochen nachspielen”. Mit dem Titel seiner neuesten Ausstellung, Praymobil, knüpft das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen bewusst an diese Erfahrung an: Beweglichkeit, sinnliche Erfahrung und Spiel sind in dieser Schau verknüpft mit religiöser (Gebrauchs-)Kunst.

Bewegte Bildwerke

Die Ausstellung zeigt 80 Exponate, darunter 70 Leihgaben, davon viele aus Tirol und der Schweiz. Vor allem im Alpenraum sind etliche mit den gezeigten Werken verbundene Bräuche noch lebendig. So gibt Praymobileinen lebhaften Eindruck davon, wie Kunst und religiöses Brauchtum zusammenkommen. Diese Zusammenstellung ist insofern einzigartig, als noch nie so viele, auch seltene, bewegte Bildwerke zu sehen waren.

Im Spätmittelalter, aus dem die meisten Ausstellungsstücke stammen, wurde mithilfe beweglicher Elemente versucht, eine Illusion des Lebendigen herzustellen. Bei einem Jesus am Kreuz (Foto 2) Christus mit beweglichen Armen) können Kopf, Kinn und sogar die Zunge bewegt werden und das Bluten aus der Wunde in der Seite dargestellt werden. Das Karfreitagsgeschehen konnte auf diese Weise besonders realistisch nachvollzogen werden. Durch ihre ebenfalls beweglichen Arme konnte die Figur nach dem Gottesdienst sogar vom Kreuz abgenommen, Maria in den Schoß und anschließend in ein Grab gelegt werden.

Spielen mit dem neugeborenen Jesuskind

Neben beweglichen Christusfiguren sind Himmelfahrtsgruppen zu sehen: Dabei konnten Jesus oder auch Maria durch ein Loch in der Kirchendecke (das Heilig-Geist-Loch”) hochgezogen werden. Auch das kleine Christuskind ist in zahlreichen Ausführungen ausgestellt. Gezeigt werden schwangere Marienfiguren, denen zu Weihnachten das kleine Baby aus dem Bauch genommen werden konnte. (Foto 3 Maria mit Bauchkasten).

Für das Baby gab es eine ganze Reihe von Möbeln; es konnte in Wiegen gelegt oder auf Kissen, Stühle oder der Mutter Maria auf den Schoß gesetzt werden. Diese Figuren waren besonders in Frauenklöstern beliebt und wurden den zum Teil sehr jungen Novizinnen zur Pflege anvertraut.

Die Ausstellung versucht erfolgreich ein Crossover von Kunst, Brauchtum, bildendem Theater, Musik, Performance und Gebrauchsgegenständen. Und Gebrauchsgegenstände sind die gezeigten Stücke im doppelten Sinn: Zum einen wurde die Kunst teilweise intensiv genutzt (beispielsweise indem Kinder sich an Palmsonntag zu Jesus auf seinen hölzernen Esel dazusetzen durften) (Foto 4 Jesus reitet auf einem Esel) und hat auch entsprechende Gebrauchsspuren. Zum anderen wurde sie auch gebraucht, um Glauben/Religion erlebbar und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen. Die sinnlich-spielerischen Aspekte von Kunst bzw. religiösen Gegenständen und deren interaktiver Gebrauch stellen eine Verbindung her zwischen den Menschen damals und uns heute.

Perspektivwechsel

Den Ausstellungsverantwortlichen ist es ein Anliegen, durch immer wieder neue Perspektivwechsel auf (mittelalterliche) Kunst die Relevanz von Kunst für die Menschen von heute zu erhalten. Dabei verschieben die Kuratoren Michael Rief und Dagmar Preising in ihrem Beitrag Handelnd oder bewegt? im Ausstellungskatalog (S.18-20) den von Peter Jetzler seit 1983 in die kunsthistorische Literatur eingebrachten Begriff von „handelnden Bildwerken“ in „bewegte Bildwerke“. Aus unserer Sicht greift der Begriff bewegte Bildwerke  für das rituelle Nachspielen der Passionshandlung zu kurz, denn hier ist doch Christus der Handelnde. Vielleicht wird zukünftig unterschieden zwischen handelnden Bildwerken und bewegten Bildwerken. Für beides gibt es gute Argumente.

Für uns persönlich wirft die Ausstellung vor allem die Frage auf, wie die Relevanz von Religion und Glauben für die Menschen heute weiterhin erhalten bleiben und immer wieder neu vermittelt werden kann. Ähnlich wie die Kunst muss schließlich auch der Glaube immer wieder aktualisiert und mit dem eigenen (Er-)Leben verbunden sein, damit er uns Menschen im wahrsten Sinn des Wortes bewegt.

Praymobil geht es nicht um eine Zur-Schau-Stellung von Kuriositäten (auch wenn von befremdlich” über unfreiwillig komisch” bis süß” einiges zu entdecken ist). Wer sich darauf einlässt, wird zum Nachdenken über den eigenen Glauben angeregt: Was verbindet mich mit den Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Wo will ich vielleicht keinen blutenden Jesus mehr sehen; aber wo ist mir die vertraute große Krippe in der Kirche doch lieb geworden und lässt mir die frohe Weihnachtsbotschaft extra nahekommen? Spannende Anstöße, die die Ausstellung gleichzeitig spielerisch und mit Potential auf Tiefgang gibt.

Wann und wo?

 

Praymobil ist im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, Wilhelmstr. 18, noch bis zum 15. März zu erleben. Neben einem normalen Museumsbesuch können auch Führungen durch die Ausstellung gebucht werden.

 

Einen besonderen Eindruck von der Wirkung der ausgestellten Kunst gibt eine musikalische Aufführung der spätmittelalterlichen Wolfenbüttler Marienklage am 22.2.26 in St. Adalbert in Aachen (https://ordovirtutum.de/marienklage/).

 

Dem reich bebilderten, informativen Katalog ist im besten Sinne anzumerken, dass die konzeptionell aufwändige Ausstellung durch eine jahrelange Vorlauf- und Planungsphase gegangen ist. Er ist im Paul Imhof Verlag erschienen und für 49,95 Euro im Museum erhältlich.

 

„Selig sind die Frieden stiften,…“, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt Buß- und Bettag 2025

 

 „… denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Mt 5,9

 Ihr Lieben,

Ihr habt wie alle Jahre wieder mit den Kindern und Eltern des Familienzentrums St. Martin gefeiert. Ein Fest, das immer noch sehr beliebt ist. Die Geschichte des Heiligen Martin berührt Kinder und Erwachsene. Mit Lichtern wird durch die Straßen gezogen, St. Martins-Lieder werden gesungen, Weckmänner werden an die Kinder verteilt. Die Geschichte, wie der Offizier St. Martin seinen Mantelumhang teilt und die Hälfte des Mantels einem frierenden Bettler vor den Stadttoren gibt, wird erzählt und vielerorts auch gespielt.

Erinnerung an St.Martin

Weniger bekannt aus dem Leben St. Martins ist, dass er als 15jähriger von seinem Vater gezwungen wurde in das römische Heer einzutreten und dort ungefähr mit vierzig Jahren, nachdem er getauft wurde, den Militärdienst quittierte. Der Erzählung nach soll Martin vor Kaiser Julian getreten sein mit den Worten „Bis heute habe ich dir gedient, gestatte mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen!“

In den ersten Jahrhunderten nach Christi war es weit verbreitet, dass Männer, wenn sie Christen wurden, sich weigerten die Waffe in die Hand zu nehmen. Für sie und für viele christliche Gemeinden war klar, es gilt Gottes Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Und auch Jesus war ihr Vorbild. Seine Gewaltlosigkeit und sein Aufruf zur Feindesliebe waren für die ersten Christen nicht naive Spinnerei, sondern der Weg in ein neues Leben, dass die Herrschaft der Mächtigen auf den Kopf stellte. Oft genug wurden sie für ihre Gewaltlosigkeit und ihre Kriegsdienstverweigerung nicht nur verlacht und verspottet, mussten Repressalien hinnehmen, sondern sie wurden von den Herrschern getötet. Sie starben als Märtyrer, weil sie Soldaten Christi waren. Dass sie ihren Überzeugungen treu waren, brachte ihnen bei den Mitmenschen viel Respekt ein. Leben und Glauben vielen nicht auseinander, sondern der gelebte Glaube war eine Kraft, die nicht zu töten war. Nachfolge Christ war gelebte Kreuzesnachfolge. Hatte Jesus nicht gesagt: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele? Wer sein Leben aber um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen. Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“(Mk 8,34ff)

„Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15)

Mit diesen Worten Jesu möchte ich uns und vor allem meine Evangelische Kirche zur Buße rufen. Kehrt um! Verlasst die Wege der propagierten Kriegstüchigkeit! Widersprecht doch endlich den Abermilliarden Investitionen in Waffensysteme, die zu einer endlosen Rüstungsspirale führen. Aber meine Kirche schweigt. Sie ist erstarrt. Oder schlimmer: Sie glaubt nicht mehr dem Evangelium. Wenn die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Annette Kurschuss zu Beginn des Ukrainekriegs sagt: „Waffenhilfe ist Nächstenliebe!“ verkehrt sie das Evangelium ins Gegenteil. Wenn die EKD ihre neueste Friedensdenkschrift (2025) herausbringt und darin den Besitz von Atomwaffen unter der Hand still legitimiert und nicht ächtet, nimmt sie die Zerstörung allen Lebens auf dem Globus in Kauf, und opfert Jesus und ihren eigenen Glauben auf dem Altar der Abschreckung. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel!

Aber zurück zu unseren Kindern. Was sollen sie lernen? Was sollen wir sie lehren? Wie reagieren wir auf die Bundeswehrwerbung, die jungen Männern wie Frauen mit Kameradschaft und sinnvollen Einsätzen für Demokratie anwirbt? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass die Bundeswehr in die Schulen geht, um junge Frauen und Männer anzuwerben? Wie reagieren wir als Christen darauf, dass Sönke Neitzel, Carlo Masala, Rodrich Kiesewetter und andere sogenannte Militärexperten behaupten, ein Krieg mit Russland stehe kurz bevor? Das war der letzte Friedenssommer, sagen sie und schüren Angst ohne Ende. Wie stoppen wir die mentale Umerziehung zur Kriegstüchtigkeit unserer Kinder und der ganzen Gesellschaft? Wie begegnen wir der unverhohlenen Kriegstreiberei in vielen Medien?

Wenn die sich klein- und gesundschrumpfenden Kirchen überhaupt noch eine Botschaft für ein zukünftiges Europa haben, dann kann es doch nur die Botschaft: „Kehrt um!“ sein. Kehrt um von eurem einseitigen Setzen auf Waffensysteme und einer Aufrüstung ohne Ende, sucht endlich wieder Diplomatie und Versöhnung, baut Brücken der Verständigung, stoßt einen europäischen Friedensprozess an, sonst endet das Friedensprojekt Europa in ein Kriegsprojekt. Das ist Selbstzerstörung pur. Dazu kommt: Deutschland soll wieder größte Militärmacht Europas werden.  Das haben unsere Väter und Mütter nicht gewollt!

Hat dieser Stellvertreterkrieg denn nicht schon genug Menschenleben gekostet und Schaden angerichtet? Beide Seiten beharren auf ihre Maximalforderungen. Der Klügere gibt nach. Warum widersprechen so wenige?

Kehrt um!

Aber vielleicht hört uns schon längst niemand mehr. Wir Christen sind einfach – je höher es in der Institution Kirche geht, je mehr – zu angepasst. Wir wollen angesehen sein und merken nicht, dass wir schon längst nicht mehr systemrelevant sind. Das Geld ist es. Die Rüstungsindustrie soll die Retterin aus der wirtschaftlichen Krise sein. Ja, spinnt denn unsere Regierung?

Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens

Aber ich brauche gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen: Umkehr beginnt bei uns selbst. Wollen wir Jesus in seiner Gewaltlosigkeit nachfolgen? Wollen wir Soldaten Christi werden – ohne Waffengebrauch? Wollen wir unsere Kinder friedens- oder kriegstüchtig machen?

Ich wünsche mir eine Kirche und ein neues Lernen in der Kirche, wie Gewaltlosigkeit in den Konflikten unserer Zeit geht. Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wieder an ihre erste Zeit erinnert, wo Militärdienstverweigerung ein Zeugnis des Glaubens war.

Ausgerechnet ein Philosoph, nämlich Olav Müller von der Humboldt-Universität Berlin, brachte kürzlich in einen Radiointerview folgende Idee für ein verpflichtendes Jahr für junge Frauen und Männer zur Sprache. Die jungen Frauen und Männer sollten die Möglichkeit haben zu wählen, ob sie ihre Dienstzeit für die Gesellschaft in der Bundeswehr oder mit einem  intensiven Lernen von Verteidigung durch gewaltfreie Aktionen und Maßnahmen verbringen. Denn auch Friedenstüchtigkeit will gelernt sein.

Lasst uns umkehren, dazu ist es nie zu spät, und unseren Glauben an das Evangelium festigen mit Jesu Seligpreisung: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

 

 

Feindesliebe: verrückt, unsinnig, unmöglich!?, Dr. Vera Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 

 9. November 2025, Evangelische Lydia-Gemeinde Herzogenrath, Lukas-Gemeindezentrum, Herzogenrath-Kohlscheid

 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

(Amen)

Wir hören den Predigttext aus dem Lukasevangelium im 6. Kapitel. Da spricht Jesus:

27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Was für ein Text. Was für ein Anspruch! Und: Was für eine zutiefst in uns lebende Sehnsucht berührt Jesus da.

Viele von uns haben in den letzten Wochen mitgefiebert, mitgebangt, gebetet und gehofft beim Blick auf den fragilen Prozess zurück in ein friedliches Miteinander in Gaza. Beim Hören und Lesen der Nachrichten scheint es fast täglich, dass das eine Aufgabe ist, die die menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Fast möchte man darüber verzweifeln. Aber Glauben geht anders. Da ist die Tür immer mindestens einen Spaltbreit offen für die Hoffnung.

Diese Hoffnung entgegen allen äußeren Anzeichen halten schon die alttestamentlichen Propheten immer wieder hoch, wie Micha in dem starken Stück, das wir gerade gehört haben [der alttestamentlichen Lesung aus Micha 4,1-5]. Gott wird hier als der Handelnde, als der Friedens-Initiator beschrieben. In dieser Tradition stehen wir! Das ist eine der Kraftquellen, zu der uns unser jüdisch-christlicher Glaube immer wieder einlädt. Damit wir das augenscheinlich so hoffnungslose tägliche Leben ertragen und hoffnungsfroh gestalten können.

An dieser Quelle hat auch Jesus immer wieder aufgetankt. Auf diesem Fundament stand er. Bei Gott hat er immer wieder Kraft gefunden. Vor diesem Hintergrund, auf diesem festen Boden stehend, so erfahrungsgesättigt stellt nun Jesus seinen Anspruch auf Feindesliebe. Und der klingt doch echt verrückt, eine unsinnige Zumutung, utopisch. Hören wir also noch einmal genauer hin, was Jesus uns hier als Zuspruch und Anspruch sagt.

  1. „Liebet eure Feinde“: verrückt? Auf jeden Fall! Wir Christinnen und Christen sind im wahrsten Sinne ver-rückt. Nicht von dieser Welt. Wir stehen als Gemeinde Gottes in einem anderen Referenzrahmen. So spricht Gott schon zur Zeit des AT mehrfach zu Mose: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (3Mo 11,44.45; 19,2). Und „heilig“ bedeutet hier weniger das, was wir heute vielleicht eher hören, etwa ethisch oder moralisch hochstehend und besonders brav. Nein, es heißt, abgesondert für Gott, zum exklusiven Tempelbereich gehörend. Es heißt Thomas Merton folgend, dass wir bei aller äußeren Aktion dadurch definiert sind, dass unsere Wurzeln tiefer reichen als die sichtbare Welt um uns herum. Dass wir in unserem Inneren bei Gott zur Ruhe kommen können und dass daraus unsere Kraft kommt für beherztes Handeln. Unsere Perspektive ist tiefer. Und weiter. Sie reicht über diese Welt hinaus. Das ist eine echte Verschiebung unserer Ausrichtung, da werden wir tatsächlich ver-rückt. Das gibt uns im besten Fall Um-Orientierung im Leben und lässt uns unsere Prioritäten neu ordnen.

Diese Ausrichtung auf Gott ist dem Evangelisten Lukas besonders wichtig. Er ist der Evangelist, der das mehr als seine „Kollegen“ Matthäus, Markus und Johannes in seiner Jesus-Biographie in den Mittelpunkt stellt: Es geht um Gott! Es geht um Jesu ganz besondere Beziehung zu ihm (Er spricht Gott von seinem ersten Wort als Jugendlicher (Lk 2,49) bis zu seinem letzten Wort als Sterbender (Lk 23,46 vgl. 23,34) als Vater an) — und dann auch um unsere.

Was heißt das denn nun konkret für uns? Was erwarten wir denn tatsächlich (noch) von Gott? In unserem eigenen Leben, in der Gemeinde, gar für das, was derzeit bei uns gesellschaftlich passiert? Was ist möglich, wenn wir die Bibel lesen als ein Wort „wie Feuer,… und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“ (Jer 23,29)? Wer, wenn nicht wir, kann denn so manchem gesellschaftlichen Diskurs eine weitere Perspektive vielleicht nicht entgegen-halten, aber sie wenigstens offen-halten? Was könnten wir mit Gottes Hilfe sowohl als Individuen als auch als Kirche bewegen, wenn wir uns etwas mehr von Gott ver-rückt machen ließen?!

Da geht doch noch was! Wir glauben an einen mächtigen Gott! Da ist doch noch so viel mehr „drin“ als ein lascher Gott, in dessen Wort wir uns nur noch bei dem bedienen, was sich wohltuend und gefühlsstreichelnd für im besten Fall lieb gewordene, aber nicht wirklich aufrüttelnde Zeremonien am Sonntagmorgen oder Heiligabend eignet. Ein GOTT, dessen manchmal unbequeme Ansprüche wir lieber unter den Tisch fallen lassen, weil er in unseren aufgeklärten und verteidigungspragmatischen Zeiten doch sowieso als überholt angesehen wird.

Wie soll so ein zur Bedeutungslosigkeit eingehegtes Überbleibsel christlicher Tradition denn noch jemandem, der ganz verschluckt wird von der Dauerbelustigung am Handy oder der allgegenwärtigen Drohnenangst, in den Gottesdienst locken? — Und was erwarte ich persönlich denn tatsächlich (noch) von Gott? Vielleicht können wir ja versuchen, etwas weniger angepasst und etwas mehr ver-rückt zu sein?!

  1. Denn ja, es ist verrückt: Liebet eure Feinde! Außerdem ist es auch noch unsinnig, eine Zumutung. Es ist keine sinnlose (!) Challenge, die Jesus hier seinen Zuhörer_innen aufgibt. Wohl ist es eine Zu-Mut-ung im besten Sinn.

Jemandem, der mich schlägt, auch noch die andere Wange hinhalten? Jemandem, der mir meinen Mantel nimmt, auch noch den Pulli geben? Genau darin besteht die Zumutung. Dass Jesus uns herausfordert: Überdenkt die Norm. Dreht das Normale um. Dreht den Spieß um?! Im menschlichen System von Geben und Nehmen gilt „Wie du mir, so ich dir“. Du produzierst Waffen, also kurble ich meine Wirtschaft an und mache noch mehr. Dann bekommst du sicher ganz viel Angst und streckst mir die Hand zum Frieden entgegen. Oder?!

Diejenigen von uns, die Geschwister haben oder mit anderen Kindern irgendwann in unserem Leben mal Streitigkeiten hatten, wissen: Wenn dich der oder die andere haut, dann hau am besten zurück so fest du kannst. Dann hört das Gegenüber direkt auf. Oder?!

Seltsam eigentlich, dass sich etwas, das sich doch weder im Kleinen noch im Großen jemals wirklich bewährt hat, plötzlich wieder als sinnvoll, als zielführend gilt. Dass es sich in den letzten Monaten gar nicht heimlich, gar nicht still und leise seinen Weg zurück in unseren gesellschaftlichen Konsens gebahnt hat. Während Jesu Aufforderung als „unrealistisch“, als „naiv“ weggewischt wird.

Was passiert, wenn wir unser Verhalten verschieben von „Wie du mir, so ich dir“ nach „Wie Gott mir, so ich dir“? Vielleicht würden wir ja erleben, dass wir, wenn wir aus dem scheinbar unausweichlichen Spiel der sich hochschaukelnden Drohungen und Gegendrohungen aussteigen, gar nicht schwächer werden, sondern im Gegenteil freier und stärker?!

Gut, sagt ihr jetzt. Die Theorie klingt prima. Und ja, wir wollen alle versuchen, etwas netter zu sein, wenn wir heute beim Nachhausekommen der unmöglichen Nachbarin über den Weg laufen. Aber im großen Rahmen muss man doch auch vernünftig sein. Denn wie soll das funktionieren:

  1. „Liebet eure Feinde!“ Letztlich bleibt das doch utopisch. —Oder vielleicht nicht?! Liebet eure Feinde, ist das wirklich so weltfremd? Jesus selbst kann man diesen Vorwurf jedenfalls nicht machen. Ihm geht es hier um viel mehr als eine schöne fromme Idee. Es geht ihm um die direkte praktische Umsetzung. Unser Bibeltext ist eingebettet in die sog. Feldrede (quasi Lukas’ Version der Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium). Und direkt im Anschluss an diese Rede schildert Lukas, wie Jesus in Kapernaum den Knecht eines Hauptmanns der römischen Besatzungsmacht heilt. Moment mal: Die Römer, das waren doch die Feinde Israels? Und was macht Jesus? Er heilt einen von ihnen. Und zeigt uns so, ganz ohne Worte: Es lohnt sich, immer wieder mal zu hinterfragen: Wer ist denn überhaupt mein Feind? Und wer ist mein Mitmensch, der mein Verständnis, meine Hilfe, meine Zuwendung braucht? Populistische Parteien schüren ja oft Ängste, indem sie Feindbilder an die Wand malen, Stereotype über „uns“ und „die anderen“ heraufbeschwören. Sobald wir jedoch jemanden von „denen da“ persönlich kennen lernen, wird oft unsere Wahrnehmung viel differenzierter. Selbst will ich schließlich auch nicht auf meine Nationalität oder Hautfarbe reduziert werden — ich bin doch viel mehr als das.

Okay, sagen wir vielleicht, aber Jesus war ja auch Gottes Sohn. Und das ist ja alles sehr lange her. Wie soll das denn funktionieren, so ein radikales Aussteigen aus der Logik von „Wie du mir, so ich dir“? Heute, in unserer Gesellschaft? Nun ja, ein Blick in die Geschichte zeigt: Er ist nicht der Einzige geblieben!

  • In Pennsylvania hat der Quäker Benjamin Lay als einzelner Privatmann (!) jegliche durch Sklavenarbeit entstandene Waren boykottiert und Gastgeber, die Sklav_innen hatten, gemieden. Ein Vierteljahrhundert individuellen Boykotts und Agitation haben dann 1758 dazu geführt, dass die Quäker in Philadelphia die Sklavenhaltung geächtet haben. Die Quäker und auch andere christliche Gruppen haben durch ihr anhaltendes gewaltfreies Handeln entscheidend dazu beigetragen, dass Sklavenhandel und Sklaverei in immer mehr Ländern gesetzlich verboten wurden.
  • Im Jahr 1955/56 fand in Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, der berühmt gewordene Busboykott statt, ausgelöst von Rosa Parks und mit organisiert von Martin Luther King jr.: Ganz ohne Gewalt war das ein entscheidender Protest gegen die Politik der Rassentrennung in den USA.
  • In Deutschland wurde nach dem 2. Weltkrieg das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als Grundrecht im Grundgesetz verankert.
  • Seit 1983 gibt es das Kirchenasyl, mit dem Schutzsuchende vor einer Abschiebung bewahrt werden können.
  • Die Montagsdemonstrationen in der DDR haben 1989/90 zur Friedlichen Revolution, zur Wende, geführt. Genau heute vor 36 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer, lasst uns daran denken: Was für ein — ganz reales — Wunder!

Bei all diesen friedlichen, gewaltfreien Aktionen haben Christinnen und Christen eine entscheidende Rolle gespielt. Sie waren ver-rückt genug, um über bestehende Rahmen hinaus zu denken und zu handeln. Sie haben sich von Gott herausfordern lassen, haben sich etwas zumuten lassen und anderen etwas zugemutet. Haben genug von Gott erwartet, der unseren Verstand übersteigt, um etwas zu wagen.

So wünsche ich mir auch für uns Glauben und Leben als Kirche Jesu in dieser Welt. Glauben, der tiefer verwurzelt ist als auf der Oberfläche unseres Alltags. Eine Kirche von Menschen, die mehr erwarten als das, was wir logisch fassen können. Und die darum auch mutig handeln.

Die sich nicht gemütlich einrichten, sondern als lebendige Fische gegen den Strom schwimmen. Die hoffen, wo nach menschlichem Ermessen kein Grund zur Hoffnung mehr ist. Darum: „Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.