Am Heiligenschein gekratzt, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2022

Zu: Ralf Frisch: Widerstand und Versuchung, Als Bonhoeffers Theologie die Fassung verlor, Theologischer Verlag Zürich 2022, Softcover, 172 Seiten, ISBN 978-3-290-18478-0 (Print), Preis: 19,90 Euro (25,00 Schweizer Franken)

 

Vorwort zur Rezension: Der Freund, Herausgeber seiner Briefe und Biograph Dietrich Bonhoeffers, Eberhard Bethge sieht die religionskritischen Einlassungen Bonhoeffers in der Kontinuität seines Schaffens und zeigt beispielsweise in der Biographie oftmals Querverbindungen auf. Daher kann der Text der Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“) keine einmalige Versuchung sein. Möglicherweise sind Bonhoeffers Ausschläge von ökumenisch über politisch bis theologisch modern nicht einlinig zu werten. Mag sein, dass man diese letzte Lebensphase als Gefährdung einstufen kann, aber bitte nicht als Versuchung.

Dass dieser Mensch, der 1945 als evangelischer Pfarrer und Theologe und als Mitwirkender einer Verschwörung und somit als Staatsfeind hingerichtet wurde als Opfer des Nationalsozialismus, nach seinem Tod ein fragmentarisches Werk hinterlässt, wird niemand in Abrede stellen. Besonders die „Ethik“, eine Sammlung nicht vom Autor autorisierter Manuskripte, sind ein Beispiel dafür. Das gilt erst recht für die Gefängnisbriefe („Widerstand und Ergebung“).

Trotzdem ist die Beobachtung bemerkenswert, dass Bonhoeffers Ausführungen oft ins Grundsätzliche formuliert sind. Doch als persönliche Anmerkungen im Briefwechsel mit Eberhard Bethge gemeinte Ansätze atheistischer Theologie dürfen m.E. nicht überbewertet werden. Dass diese neben den Gedichten gleichwohl die Perlen dieser Schrift sind, macht es Ralf Frisch möglich, hier am Heiligenschein eines Märtyrers zu kratzen.

Rezension: Aus der vorangestellten Bemerkung ergibt sich der Verzicht auf einen inhaltlichen Abriss des Essays von Ralf Frisch, dem ich eine gründliche Beschäftigung mit dem Werk Bonhoeffers nicht absprechen möchte. Sein Gedankengang ist nachvollziehbar und stützt sich auf die selektive Wiedergabe fragmentarischer Texte. Sein Begriff der Versuchung könnte man auch als eine Entgleisung deuten. Leider bleibt die Wirkungsgeschichte der Texte Bonhoeffers weitgehend außen vor.

Die Pointe der Arbeit von Ralf Frisch sei dennoch verraten: Ralf Frisch, Theologieprofessor aus Nürnberg, findet in den Texten der Gefängnisbriefe nicht nur eine Kirchen- bzw. Religionskritik oder eine Glaubenskrise, sondern vielmehr eine auffallende Nähe zu einer der letzten Schriften Friedrich Nietzsches, des „Antichrists“, erschienen 1888. Da Bonhoeffer Nietzsche nicht im Gefängnis gelesen hat, muss er auf eine frühere Lektüre zurückgreifen, vielleicht sogar in seiner Schulzeit. Ralf Frisch ignoriert hier wiederum die Biografie Eberhard Bethges, in der Nietzsche ausdrücklich im Stichwortverzeichnis vorkommt.

Sympathisch an der Untersuchung von Ralf Frisch finde ich hingegen, dass er Friedrich Nietzsche keinesfalls als Atheist versteht, sondern in der Schrift vom Antichristen eine Hommage an den Gekreuzigten liest. Im Sinn der liberalen Theologie wird hier also Jesus gegen die Kirche ausgespielt. Der „Tod Gottes“ zielte dann auf das Ende der Konstruktion eines religiösen Heilssystems, in dem Gott instrumentalisiert wird.

Die Aussage, Bonhoeffer soll zuletzt ein religöses amor fati (Liebe zum Schicksal, d. Rez.) nach dem Muster Nietzsches gefunden haben, ist unwahrscheinlich, da er noch 1943.  „nach 10 Jahren“ ausdrücklich dagegen argumentiert. Im Gedicht „Von guten Mächten“ ist von Gott die Rede als einem Du, nicht vom Schicksal („Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittren, des Leids…“).

Das in der „Höhle des Lockdowns“ entstandene Buch schließt mit dem Satz: „Wir sollten wissen, dass Gott allein weiss, ob es Gott wirklich gibt.“ (S. 172). Das klingt nach den oft sehr bestimmend auftretenden Argumenten des Buches nun doch zu vage. Besser würde hier ein Zitat Bonhoeffers passen als seiner Habilitation „Akt und Sein“: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (aus: Dietrich Bonhoeffer: Akt und Sein, erschienen 1931, DBW“, S. 114)

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