Sommerkirche am 9. August 2026
in der Markuskirche Herzogenrath
Predigttext: Ex 14, 21-31
Liebe Gemeinde,
wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden frage, was ihr Ziel im Leben ist, sagen immer einige: „Die Welt ein wenig besser machen.“ Das finde ich gut. Dahinter steht die Erkenntnis und auch die Erfahrung, dass wir in dieser einen Welt anders leben müssten: gerechter und auch friedlicher. Das „ein wenig“ zeigt an, dass die Jugendlichen ahnen, dass das gar nicht einfach ist. Aber sie tragen noch ein Stück Hoffnung in sich. Hoffnung, dass Veränderungen zum Besseren, zu einer menschlicheren Welt, möglich sind.
Exodus als Hoffnungsgeschichte
Die biblische Hoffnungsgeschichte schlechthin ist die Exodusgeschichte. Gott befreit sein Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Aus dem Land der Knechtschaft soll das Volk in das Land der verheißenen Freiheit aufbrechen. Das ist nicht nur eine Geschichte unter vielen. Es ist die Geschichte. Die Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt. Das ist das Geschenk des Judentums an die Welt. Wo immer ein Volk und Menschen unterdrückt werden: Brecht aus diesen Verhältnissen aus. Wir können uns die Moderne gar nicht anders vorstellen, ohne die Energie und den Glauben an Veränderungen, die aus diesem Stoff kommt. Das die westliche Welt auf Zukunft ausgerichtet ist, steckt im Exodus des Volkes Israel und in seinem Glauben an den einen Gott, der geschichtlich handelnd gedacht und geglaubt wird, der mitgeht und begleitet.
Durch die wechselvolle Geschichte von Verlierern und Gewinnern, von Wissen und Erkenntnis, von Macht und Kriegen, bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen lebendig – gerade bei den Armen und Leidenden. Sie bleibt auch im Volk Gottes lebendig, wenn im Passahmahl an die Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung durch Gottes rettende Tat erinnert wird. Auch wenn wir gemeinsam Brot und Wein teilen im Gedenken an die Rettungstat Gottes durch die Hingabe seines Sohnes. Wir haben kraft seiner Auferstehung Anteil am Exodus und können uns mit einer ungerechten Welt nicht abfinden.
Beschleunigung durch Digitalisierung und KI
Zum ersten Mal erlebt die Welt einen Modernisierungsschub durch Digitalisierung und KI, der rasanter verläuft als alle bisherigen technischen Entwicklungen, wie etwa
die Industrialisierung mit ihren Verwerfungen im 18./19. Jahrhundert. Das durch KI beschleunigte globale Finanz- und Wirtschaftssystem wirbelt mehr Staub auf als eine Wüste an Sandkörnern hat. Lang geglaubte stabile Systeme wie die liberalen Demokratien geraten ins Wanken.Da wird nach starker Führung gerufen. Das Recht, besonders das internationale, wird untergraben. Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander. Die meisten Länder sind von ein paar wenigen abhängig. Eine neue Art von Kolonisierung. Schon jetzt gibt es Abgehängte und Millionen Verlierer. Der Verbrauch von Ressourcen übersteigt unsere Vorstellungskraft.
Die wenigen KI-Chefs lenken nicht nur Entwicklung und Datenströme, sondern konzentrieren Macht und Einfluss auf sich, gebären sich als Feudalherren einer neuen Weltordnung, wo sich der Mensch ganz der Maschine und ihren Interessen zu unterwerfen hat. Die Tec-Mogule erinnern mich an den Pharao, der seine Sklaven weiter unterdrücken und ausnutzen will. Das darf nicht so bleiben.
Zweierlei geschieht mit unseren Empfindungen. Auf der einen Seite spüren und ahnen wir die ungeheure Macht der KI selbst und auf der anderen Seite sehen und wissen wir um unsere eigene Abhängigkeit von sozialen Medien, und wir erleben von Tag zu Tag, wie KI unseren Alltag und unsere Kommunikation verändert. Die KI sitzt uns im Nacken – wie einst die Ägypter den Israeliten – und gleichzeitig haben wir noch keinen Weg als Menschheit gefunden, wie wir durch das Meer der Herausforderungen einigermaßen trockenen Fußes hindurchgehen können. Die Angst verschlungen zu werden, einfach nicht mehr mitzuhalten mit den Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren, die Gefahren der Manipulation, besonders unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen, die hundertfach erzeugten Narrative, die die Frage nach Wahrheit relativieren, sind ja keine Hirngespinste, sondern Realität.
Ach, wäre doch da einer wie Mose, der seinen Stab hebt und ein Weg für die Menschheit tut sich auf, noch einmal der Gefahr entrinnen und sich ans andere Ufer retten, nicht ersäuft werden von der Flut der Informationen, von den Algorithmen, die wie Seeungeheuer unser begrenztes, fehlerhaftes und schönes Menschsein bedrohen.
Die Zeit der Helden ist vorbei
Liebe Gemeinde,
die Zeit der Helden ist endgültig vorbei, selbst wo die Heldengeschichte des Odysseus zur Zeit in den Kinos schon über eine Milliarde Doller eingespielt hat. Es braucht keine Helden. Es braucht uns alle. Es ist ja das Volk Israel, das hier durch das rote Meer zieht. Nicht ein Einzelner, sondern die Vielen – auf Gottes Verheißung hin.
Ja, bevor sich eine Menge in Bewegung setzt, braucht es viel Ermutigung, Zuspruch und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Glauben, dass Veränderungen möglich sind. Veränderungen, die wir vorher nicht für möglich gehalten haben.Mose resigniert nicht. Er vertraut Gottes Weisung. Darum lesen und hören wir heute die Exodusgeschichte. Der Blick in die biblische Geschichte und das Hören und immer wieder Hören, dass Gott Befreiung seines Volkes will und schenkt, soll uns doch selbst auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führen. Für das glaubende Volk Gottes ist der Blick in die biblische Geschichte ein Blick in Gottes Zukunft mit der Welt. Diese Zukunft wird Gott aber nicht per Mausklick oder durch Wunder schaffen, sondern durch uns. Wir sind gefragt. Wir tragen Verantwortung. Wir sind als Christinnen und Christen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes neuer Weltordnung, die sich nicht an Machtherrschaft und Gewalt orientiert, sondern an das Gemeinwohl, an Gerechtigkeit und Frieden für alles Lebende. Dafür gilt es die Schutzlosen zu schützen, Übergriffe und Gewalt abzuwehren, um das Recht zu erhalten. Wir wissen, dass die Vollendung der Schöpfung nicht durch uns geschieht, aber wir dürfen in einer noch unerlösten Welt, in einer selbstsüchtigen, wo sich wieder einmal die Macht des Stärkeren durchsetzen will, dem Recht aufhelfen, wo immer wir können. Es gilt die Würde allen Lebens zu bewahren. Die Sünde mag mächtig sein und der Teufel mag wüten, die Gnade aber und unser Gott sind mächtiger. Die technisch aufpolierten Streitwagen der Ägypter, großartige Waffenkunst auf der Höhe der Zeit, wurden ausgebremst. Sie konnten nichts mehr anrichten. Wir sollten die Kriege und die Rüstungsindustrien ausbremsen, statt sie zu füttern. Sie sind unersättlich. Es ist ein Irrglaube, Sicherheit durch immer mehr und immer tödlichere Waffen herstellen zu können. Lernen wir stattdessen wieder die Sprache der Diplomatie und des Ausgleichs. Ohne Vertrauen und aufeinander zugehen, wird kein Rechtsbruch geheilt, wird es keine Friedensverträge geben.
Universalistische Rechtsentwicklung
Wir erinnern uns: Nach der Katastrophe von zwei Weltkriegen mit Millionen Toten wurden im 20. Jahrhundert die modernen Menschenrechte (1948) verabschiedet, das Völkerrecht (1945) neu gefasst mit dem Verbot von Angriffskriegen, die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) verabschiedet, Abrüstungsvereinbarungen getroffen und vieles andere. Manche Theologen glauben und ich neige dem zu, dass Gottes Weltherrschaft, sein Regiment, wie früher gesagt wurde, sich in der Rechtsentwicklung zum Schutz aller Völker und Menschen abbildet. Einem Recht, das allen gilt, Freiheit ermöglicht, Grenzen der Macht entwickelt und vor allem die Würde des Menschen – und ich ergänze allen Lebens – schützt.
Ein anderes Beispiel: Die Sklaverei war über Jahrtausende ein ehernes Gesetz. Es war ein langes Ringen, dass die Sklaverei gesetzlich weltweit abgeschafft wurde. Oft standen dem wirtschaftliche Interessen entgegen. Die Mächtigen wollten es nicht. Es
kam aber der Punkt, wo es zu einem gleichen Stand aller Menschen vor dem Gesetz kam. Für die Abschaffung der Sklaverei haben auch viele Christinnen und Christen beharrlich gekämpft. Sie wollten dieses Unrecht aus der Welt schaffen. Sie wollten, um es mit den Konfirmand:innen zu sagen, die Welt „etwas besser“ machen.
Doch richten wir den Blick wieder auf die skizzierte Herausforderung, wie wir als Menschheit und wir als Kirche einen Weg finden durch die rasante technische Entwicklung.
Enzyklika Magnificat humanitas
Ein Christ von heute schreibt über die Herausforderung mit der KI: „Wir sind aufgerufen, um über die große Baustelle unseres Zeitalters nachzudenken: Was bauen wir? Während die technologische Entwicklung Sprachen, Beziehungen, Institutionen und Machtformen rasch verändern, müssen und können wir Gläubigen…das großartige Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde, bewahren und zur Geltung bringen.“ (MH 90)
Sie haben es sicherlich gemerkt. Diese Worte hat Papst Leo der IV in seiner ersten Enzyklika (Mai 2026): Magnifica humanitas aufgeschrieben. In seiner Enzyklika setzt sich der Papst im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz mit den globalen sozialen Verwerfungen, die Ausgrenzung der Armen und der Migrantinnen und Migranten und vor allem mit die Bewahrung der menschlichen Würde auseinander.
Er fordert Teilhabe, Transparenz und Kontrolle über die Entwicklung der KI-Systeme. Papst Leo unterscheidet Künstliche Intelligenz von menschlicher Intelligenz, generische Zahlen und Texte versus Erfahrungswissen. Er legt eine geistliche Beurteilung der KI vor, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder naiv zu meinen, wir könnten das Rad zurückdrehen oder aufhalten. Der Papst ruft aber alle Menschen guten Willens auf, nicht nur die Gläubigen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, nicht zu resignieren trotz vieler Gefahren, sondern zu Handeln. Das Heft des Handelns als Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt.
Ist er damit der heutige Mose für uns? Also doch wieder ein Held, der sagt, wo es lang geht? Alle ihm hinterher? Nein.
Nein, hier spricht nicht einer mit einem Wahrheitsanspruch für die Wissenschaft- Finanz- und Wirtschaftswelt, obgleich der Papst wirtschaftlich mehr Gerechtigkeit für alle Völker einfordert, er geht sogar an die Heilige Kuh des Eigentums und stellt Gemeinwohl über Privatbesitz.Hier spricht ein gläubiger Mensch, der für eine menschlichere Welt wirbt. Die Enzyklika wirbt für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.
Das steht uns auch als evangelische Kirche gut zu Gesicht. Das entspricht der biblischen Exodus-Tradition. Das entspricht all dem, wie sich Gott gezeigt und offenbart hat, zuletzt in seinem Sohn. Statt der Kultur der Macht (Ägypten) sollen wir gemeinsam eine Kultur der Liebe Gottes leben. Voller vertrauen auf den Gott, der nicht aufhört seine Menschen und seine Schöpfung zu lieben, zu retten und zu befreien.
Aufbrechen und Verantwortung übernehmen
Um etwas zu ändern und zu bewirken braucht es Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das ganze Volk Israel ging durch das rote Meer. Die Geschichte lehrt, dass es immer wieder vieler Menschen bedurfte, um Rechte zu erkämpfen und die Welt ein wenig besser zu machen.
Wir modernen Individualisten müssen auch wieder lernen, dass Gemeinschaft nicht vom Himmel fällt, sondern gelebt werden will. Sie entsteht, wenn jede und jeder sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Auch wir Christinnen und Christen müssen wieder lernen zusammen zu rücken, dass wir uns als Volk Gottes erleben in einem säkularen Umfeld. Nur wenn wir gemeinsam aufbrechen, werden wir eine neue Gestalt unserer Gemeinden finden. Die Sommerkirche ist ein Teil davon. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir wollen einander wahrnehmen, stärken und Gemeinschaft erfahren. Dazu gebe Gott seinen Segen.
Joachim Leberecht
Literatur:
Papst Leo der XIV: Die großartige Menschheit. Die Enzyklika »Magnifica humanitas« über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Mit einer Einführung von Godehard Brüntrup SJ, Patmos Verlag, 2026

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