Ein Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Joachim Leberecht
Einleitung
In meinem Erfahrungs- und Reflexionsbericht gehe ich exemplarisch auf belegte Übungen, Seminare und Vorlesungen ein. Auch fließen außeruniversitäre Erfahrungen wie der Besuch von Gottesdiensten in meinem Bericht mit ein. Andere belegte Fakultätsveranstaltungen sind nicht minder berichtenswert, jedoch würde eine ausführliche Besprechung den Rahmen des Berichts sprengen. Gleiches gilt für gelesene Literatur, Erstellung von Seminarprotokollen etc. Die belegten Veranstaltungen werden am Ende aufgezählt. Das Studium hat mich theologisch bereichert und Anregungen für meine Praxis und Grundsatzüberlegungen für gegenwärtige Prozesse auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene angestoßen.
Gottesdienst
Liturgisches Handeln
Begonnen habe ich mein Kontaktstudium mit dem dreitätigen ökumenischen Fachgespräch des Instituts für Wissenschaftliche Liturgie (IWL) der VELKD in Leipzig über das Thema Agende. Inhaltlich fortgesetzt wurde die Thematik praktisch theologisch in der im Sommersemester belegten Übung: Grundformen Liturgischen Handelns. Diese Übung mit den Studierenden hat mir methodische Impulse für die Ausbildungskurse für Lektorinnen und Lektoren im Kirchenkreis Aachen gegeben, die ich gemeinsam mit einer Prädikantin als Synodalbeauftragte durchführe. Besonders wertvoll war hier die Anregung, das Gottesdienst-Buch stärker in die Kurse miteinzubeziehen. Exemplarisch habe ich daraufhin Einheiten der Lektorenschulung überarbeitet.
KI und Liturgie
Ein weiteres Blockseminar beschäftigte sich mit KI und Liturgie. Da es als Zoom-Format konzipiert war, konnten kirchliche KI-Experten uns mit ihrer Expertise in KI-Welten und KI-Praktiken hineinnehmen. Praktische Übungen und Reflexion der Praxis haben Chancen und Grenzen der KI-Nutzung gezeigt. Auch ethische Fragestellungen, wie etwa Nutzung von Energieressourcen und Ausbeutung von Arbeitskräften im kolonialen Stil kamen zur Sprache. Die Frage um Nutzung von KI zur Vorbereitung von Gottesdiensten war für mich neu, ich merke aber, wie für viele jüngere Menschen das Werkzeug KI selbstverständlich auch zur Vorbereitung von Predigten und Gebeten gehört. Was das für die Ausbildung von Prädikant:innen und Lektor:innen bedeutet, aber auch insgesamt für die Vorbereitung von Gottesdienstfeiern und Verkündigung, sollte aufmerksam und theologisch kritisch begleitet werden. Meine eher intuitive Zurückhaltung KI als Werkzeug für die Gottesdienstvorbereitung zu nutzen, liegt an meiner eingeübten Handlungskompetenz. Ich bin gespannt, wie sich KI in Forschung und Praxis von kirchlichen Handlungsfeldern als Werkzeug entwickeln wird.
Enzyklika
Während meiner Studienzeit hat Papst Leo XIV. die Enzyklika „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Die Enzyklika pocht auf die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika bereichert das Feld der christlichen Ethik und Wahrnehmung der Welt. Der christliche Glaube hat der Welt immer noch und gerade mit seinem Menschenbild wesentliches zu sagen. Mit viel Respekt und verbunden in gemeinsamer Glaubenstradition begleite ich aufmerksam die Äußerungen des Papstes zu Frieden, Bewahrung von Schöpfung und Menschlichkeit, wie zuletzt bei seinem Besuch auf Lampedusa und sein Eintreten für Migrant:innen in einem Europa, das sich zunehmend abschottet. Für mich ist die öffentliche Stimme des Papstes zu ethischen Fragen, geprägt von einem christlichen Menschenbild und dem Evangelium Jesu Christi, eine Stärke des globalen Katholizismus in gegenwärtigen Transformationsprozessen.
Gottesdienste in Leipzig
Die Gottesdienstvielfalt in Leipzig ist atemberaubend. Besonders ist hier das wöchentliche Angebot von Motetten und Kantaten in der Nicolai- und Thomaskirche zu nennen. Die kirchenmusikalische Qualität nicht nur hier, sondern auch an den Rändern Leipzigs, ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland einzigartig. Das habe ich genossen. Allein das einwöchige Bachfest kam mit einem Tagesprogramm von Angeboten wie ein Kirchentag daher. Der Gottesdienstbesuch, nicht nur bei den überregional ausstrahlenden Innenstadtkirchen, ist sehr hoch. Nimmt der Gottesdienstbesuch in unserer Region dramatisch ab, scheint er in Leipzig stabil zu sein. Bekanntlich hat Sachsen prozentual gesehen den höchsten Gottesdienstbesuch mit 5,6% sonntäglicher Beteiligung der Kirchenmitglieder aller Landeskirchen. Auffällig waren für mich auch die vielen Erwachsenentaufen in den Gottesdiensten. Es verging kaum ein Gottesdienst, wo nicht eine Erwachsenentaufe stattfand. Trotz intensiver und sozialistisch forcierter Säkularisierung in der ehemaligen DDR, hat sich die Kirchenmitgliedschaft auf 15% – 18% (ev. u. kath.) der Bevölkerung in den östlichen Bundesländern eingependelt. Vielleicht langfristig eine Kennzahl für die Kirchenmitgliederzahlen im deutschen Sprachraum? Die erhöhten Taufbegehren führen nicht unbedingt zu einem Anstieg der Kirchenmitglieder insgesamt, aber zu bewussten und auch nachhaltigen Konversionen mit hoher Bereitschaft, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Noch nie ist mir im Westen auf die Mitteilung, dass ich Pfarrer sei, wie hier geantwortet worden: Ich bin auch Christin/Christ. Das ist nicht nur einmal geschehen. Es gibt hier eine Art der Frömmigkeit und Kirchenzugehörigkeit, die ich aus dem Rheinland nicht kenne. In einigen Gemeinden knieen sich Menschen beim Empfang des Abendmahls auf die nackten Fliesen und empfangen das Brot oral. Ein besonderer Ausdruck der Kommunion mit Gott. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden, die sich weit der Kultur und der Stadt öffnen und ihre großen alten Kirchen für Wave-Konzerte und andere Events öffnen. Bei den Theologiestudierenden gibt es neben liberalen auch ultra-konservative Einstellungen, wie zum Beispiel die Ablehnung der Frauenordination. Das hat mich irritiert. Wenn ich jedoch zurückschaue mit welchen theologischen Voreinstellungen ich begonnen habe Theologie zu studieren, lässt mich das dieses Phänomen etwas milder betrachten. Wichtig scheint mir, dass die theologische Auseinandersetzung in hermeneutischen Fragen im Studium stattfindet und nicht ein Zurückziehen in die eigene theologische Blase. Dann kann das Studium fruchtbar sein und zu Reflexionen der eigenen Überzeugung beitragen. Oder spiegeln sich in der Ablehnung der Frauenordination gesellschaftliche Strömungen, die auf ein rückwärtsgewandtes Männerbild setzen und ihrerseits ein Symptom von verunsicherten männlichen Identitäten sind?
Außer Taizé-Gottesdiensten und einem Ökumenischen Stadtgottesdienst sind mir hier keine Gottesdienste in anderer Form begegnet. Das scheint daran zu liegen, dass die klassischen lutherischen Gottesdienste mit ihrer Liturgie und der Kirchenmusik genug Kraft haben, Gottesdienstbesucher:innen zu binden. In einigen Gottesdiensten war die Anzahl von jungen Familien höher als die der älteren Generation. Es ist hier gang und gäbe, dass Kinder vor der Predigt den Kirchraum verlassen und eine eigene Katechese erhalten. Alles recht traditionell, aber hier funktioniert noch, was sich manche engagierten Gemeindemitglieder auch für unsere Gottesdienste und ihre Kinder wünschen, weil sie es so in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben oder auch in Freikirchen als Praxis kennen. Wo selbst der wöchentliche Kindergottesdienst im Rheinland kaum noch gefeiert wird, sondern sich andere Formate entwickelt haben, wird eine Praxis wie in Leipzig ins Leere laufen.
Auch die jüdische Gemeinde feiert regelmäßig ihre Schabbat-Feiern und Gottesdienste in einer den Krieg überstandenen, da in einer Häuserzeile integrierten, heute restaurierten Synagoge in der Innenstadt. Es war für mich eine Freude mit Kommiliton:innen an einer Schabbat-Begrüßung teilzunehmen. Der Rabbi gab uns eine Einführung in die Gemeinde und in die Liturgie. Da viele säkularisierte Juden aus Russland zur Gemeinde gehören, sieht der Rabbi seine Aufgabe darin, diesen Teil der Gemeinde in die Liturgie zu integrieren. Ein in Umschrift des Hebräischen herausgegebenes Gebets- und Gesangbuch mit vielen Psalmen und deutschen Texten ist dabei eine Hilfe. Die inbrünstige und leibbetonte Feier, das tranceartige Beten, das Umschalten von heilig zu profan während der Feier, die bewegte Gemeinde einschließlich der Kinder, waren ein lebendiges Zeugnis jüdischer Gottesdienstfeier. Kulturell beteiligt sich die Jüdische Gemeinde mit vielen Institutionen an der Jüdischen Woche, die sich unmittelbar an die Bachwoche anschloss.
Fragen an unsere Gottesdienstpraxis
Aus der Erfahrung der Schabbat-Begrüßung stellt sich mir die Frage, wie wir die liturgischen Schätze unserer Tradition weiter pflegen können, zumal der Gottesdienstbesuch abnimmt und damit auch eine mit der Liturgie vertraute Gemeinde. Bei aller Vielfalt der Zielgruppengottesdienste braucht es so etwas wie einen liturgischen Kanon und eine hohe liturgische Kompetenz, die andere Gottesdienstformate mitprägt und liturgisch gestaltet. Nur wer liturgischen Formen verinnerlicht hat, kann sie freier handhaben. Grundsätzlich müssen wir uns als Gottesdienstverantwortliche fragen: Ist die liturgische Schwelle unserer Agenden-Gottesdienste zu hoch? Produzieren unsere niedrigschwelligen Gottesdienste nicht eine Liturgievergessenheit, die schwer wieder einzufangen ist? Was ist ein Gottesdienst? Was ein Event? Was gibt es zu gewinnen? Was gibt es zu verlieren? Was verbindet? Wie werden unsere Gottesdienste emotionaler, ohne liturgisch zu verarmen? Oder anders gefragt: was hilft in der Moderne, Liturgie emotional zu erleben?
Nutzung und Rückbau von kirchlichen Gebäuden
Positiv überrascht und hoffnungsvoll für die Transformation unserer kirchlichen (Bau)-Landschaft bin ich, wenn ich sehe, wie vielfältig kirchliches Leben bei 15% des Bevölkerungsanteils in Leipzig ist. Zu bedenken ist allerdings, dass der kirchliche Gebäudebestand nicht derart überdehnt war wie bei uns. Ab den 60er bis weit in die 80er Jahre hinein musste ja jeder Pfarrer (hier bewusst männlich) in jedem Bezirk ein Gemeindehaus bauen. Es ist auch zu überdenken, wie viele Kirchen wir im Prozess des Rückbaus planen abzureißen, weil sie nicht mehr frequentiert sind oder nicht treibhausgasneutral benutzt werden können. Auch in Leipzig waren Kirchen im vierzigjährigen sozialistischen Dornröschenschlaf versunken, wurden fremdgenutzt oder von der Kirche wegen Geldmangels nur minimal in Schuss gehalten. Die Gemeinden haben sich aber diese Kirchen nach der Wende wieder als ihre Gottesdienststäten zurückgeholt. Das ist erstaunlich. Gefeiert wird auch in einer alten, kalten und nicht sanierten Kirche. Wir sind verwöhnt und haben zu hohe Ansprüche, nebst zu vieler Auflagen durch unsere Landeskirche und die staatliche Gesetzgebung. Das mindert Eigeninitiative und Neuaufbruch. Viele Kirchen in Leipzig haben einen Lost-Place-Touchund repräsentieren gerade dadurch das wandernde Gottesvolk und die Fragmentarität allen Lebens. Vor einem Abriss einer Kirche sollten wir in unserer Region und in der Landeskirche überlegen, ob der Schritt wirklich unausweichlich oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Auch für die Identität eines Quartiers oder eines Dorfes sind Kirchbauten, auch wenn sie gottesdienstlich nicht mehr genutzt werden, von hohem Wert. Sie bleiben ein Fingerzeig für die himmlische Dimension der menschlichen Existenz.
Religionssoziologie
Außer den Berichten und Analysen zu den diversen KMU habe ich mich vor meinem Kontaktstudium noch nicht ausführlich mit Religionssoziologie beschäftigt. Neben dem Judentum ist Religionssoziologie an der Evangelischen Fakultät in Leipzig ein Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Der Besuch der Vorlesung „Religion in Deutschland und Europa“ hat eine gute Übersicht und Einführung in religionssoziologische Fragestellungen vermittelt. Die grundlegenden religionssoziologischen Modelle von Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie und Marktmodell wurden mit ihren namhaften Vertreter:innen vorgestellt und diskutiert. Laut den neuesten Zahlen ist weltweit ein Rückgang von Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu verzeichnen. Selbst in Regionen, wo das charismatische oder das evangelikale Christentum stabil sind oder leicht wachsen (wie in den USA und Brasilien), gibt es insgesamt (langfristig) weniger Gläubige. Auffallend ist der Unterschied zwischen dem europäischen, eher liberalen, und dem nordamerikanischen, eher konservativen Christentum, wobei natürlich Europa sehr heterogen ist. Bilden Tschechien und die Niederlande die Spitze der säkularisierten Staaten, liegt z.B. Deutschland (hier großer Unterschied zwischen West und Ost) eher im oberen Mittelfeld bei der Religionszugehörigkeit seiner Bevölkerung. Ferner ist zu beobachten, dass ein eher konservatives konnotiertes Christentum (wie in den USA) vielfach organisiert in selbständigen Gemeinden stabiler ist als große religiöse Institutionen wie die katholische Kirche oder die evangelischen Kirchen. Inhaltlich geht das Erstarken der politischen Rechten im Westen mit einem stabilen und wachsenden konservativen bis fundamentalistischen christlichen Glauben einher (USA, Brasilien). Das Thema ist nicht neu, aber unter Trump aktuell, wird er doch von den meisten republikanisch wählenden Christen unterstützt.
Das Christentum vor der religiösen Indifferenz
In seinem Essay aus dem Jahr 2024: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ greift der katholische Theologe Jan Loffeld die religionssoziologischen Befunde auf, nimmt sie ernst und entwirft erste Schritte für ein neues Kirchenverständnis in der Gesellschaft. Dabei geht er über reine Religionssoziologie hinaus. Das gefällt mir, da Zahlen an und für sich erst einmal wenig aussagekräftig über eine lebendige und auch zukünftige Kirche sind. Im Folgenden formuliere ich meine Erkenntnisse aus Lektüre und Austausch mit Theolog:innen des Theologischen Salons des Kirchenkreises Aachen (Arbeitskreis: Zoom-Sitzung im Sommersemester 2026).
Zukünftige Kirche
Meiner Einsicht nach fällt es uns schwer, Bilder von einer zukünftigen Kirche zu entwickeln, da wir in Deutschland über Jahrhunderten zwei große Volkskirchen waren, manchmal fast deckungsgleich mit kommunalen Gemeinden. Wir sind weiter verliebt in den Selbsterhalt der Institution Kirche, drehen uns ständig um uns selbst und sind mit vielen anderen Institutionen im Optimierungswahn gefangen. Das führt nicht weiter und frustriert. Dazu kommen die verheerenden Auswirkungen der Missbrauchsskandale für das Vertrauen in die Institution Kirche und ihr Umgang mit Macht.
Das gesellschaftliche Christentum wurde trotz Aufklärung, atheistischen Strömungen, zwei Weltkriegen und Säkularisation von der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit nicht hinterfragt. Auch wenn das private und kirchliche Christentum vom gesellschaftlichen Christentum (D. Rösler) zu unterscheiden ist, war es doch Garant der Weitergabe von christlichen Werten und Kultur an die nächste Generation. Die lange selbstverständliche Weitergabe des Glaubens (und der Kirchenzugehörigkeit) bricht in der Generation der Kinder und erst recht der Enkelkinder der Boomer-Generation ab. Das habe ich in meiner über 35jährigen Berufsbiographie in den Gemeinden hautnah erlebt. Hier entlastet Religionssoziologie, da sie nachvollziehbar aufzeigt, dass leere Kirchen und Kirchenausstritte nicht an der Pfarrperson oder an der Gemeinde liegen, sondern in einer sich verändernden Gesellschaft (Megatrend: Säkularisierung, Individualisierung, Modernisierung). Was also in dieser Lage tun? Der Versuch mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert (EKD 2006) mit marktkonformem Denken und Jargon den Druck auf kirchliche Mitarbeiter:innen zu erhöhen und „Wachstum gegen den Trend“ zu postulieren ist krachend gescheitert. Ungeschönt gilt es die gesellschaftliche Situation zu realisieren. Wir leben in Europa und auch in Deutschland in einer zunehmend religiös indifferenten Gesellschaft. Das ist für Westeuropa relativ neu. Das heißt, die Menschen brauchen um glücklich zu sein keine Religion. Sie brauchen keine Religion, um ein sinnvolles Leben zu führen. In aller Kontingenzbewältigung ist für die Mehrheitsgesellschaft Religion keine Ressource mehr. Sie fehlt auch nicht. Das dritte Jahrtausend ist für Westeuropa das erste Jahrtausend ohne Gott (Glauben an Gott). Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wie etwa in der Zeit des Urchristentums oder auch in der Renaissance, fällt jeglicher transzendente Bezug der Mehrheitsgesellschaft weg. Es scheint so, dass die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lucács), die schon im 19. Jahrhundert die Philosophie und erst recht Anfang des 20. Jahrhunderts weite Teile des Bürgertums erfasst hat, gegenwärtig nicht einmal mehr gespürt und betrauert wird. Kontingenzerfahrungen werden nicht mehr religiös bewältigt Das heißt nicht, dass der Glaube und die Kirchen verschwinden werden, aber es heißt, dass wir uns ganz neu auf die veränderte gesellschaftliche Situation und die Rolle der Kirche in ihr einstellen müssen. Das betrifft unser lang eingeübtes Selbstverständnis, Gottes- und auch Menschenbild. Wir sind nicht die, die den Sinn des Lebens kennen, während die Nichtgläubigen ihn nicht kennen. Ein sinnvolles Leben kommt zunehmend ohne Religion aus Religiöse Indifferenz mag uns stören und wir mögen gar auf die „areligiösen Banausen“ herabblicken. Allerdings hilft eine solche Einstellung der Kirche und ihrem Bodenpersonal nicht weiter: Sie hindert uns eher, unseren neuen Platz einzunehmen, einfach unseren Glauben selbstbewusst zu leben nicht jenseits, sondern mitten in einer religiös indifferenten Gesellschaft. Dazu müssen wir sprachfähig werden. Der Vorgang der Entkirchlichung und das Finden einer neuen kirchlichen Identität sind hoch komplex, oft widersprüchlich, aber eine äußerst spannende Angelegenheit für Theologie und Kirche. Dazu gehört auch konversionssensibel zu werden. Wir müssen als Kirche in einer komplexen und pluralen Gesellschaft neu lernen, Menschen für den Glauben in der Nachfolge Jesu zu begeistern und sie zu einer evangelischen Freiheit in der Gemeinschaft befähigen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Davon bin ich überzeugt. Daran möchte ich weiter mitwirken mit den mir verliehenen Gaben.
Als Kirche sollten wir unbedingt Wert auf Qualität in den Kernbereichen Theologie, (Seelen)-Bildung, Kirchenmusik und Diakonie legen, um in einer religiös indifferenten Gesellschaft das Zeugnis Jesu hoffnungsfroh zu leben.
Fazit
In diesem Sinn würde ich mich freuen, wenn die segensreiche Institution Kontaktstudium trotz Verdichtung von pastoralen Diensten weiter ermöglicht und gefördert wird. Auch Pfarrpersonen brauchen Zeit für Theologie jenseits ihrer Wirkungsstätte. In einer solchen Studienauszeit bleibt auch genügend Zeit für Kultur, Begegnungen und andere Interessen, was ich in aller Freiheit in Leipzig genießen durfte. Dafür bin ich dankbar.
Belegte Veranstaltungen
Seminar: Die Seele der modernen Gesellschaft – Die Kultursoziologie von Eva Illouz
Prof. Dr. Roderich A. Barth
Seminar: Die Erzählungen und Fabeln des Talmuds
Nimrod Baratz
Vorlesung: Religion und Gesellschaft in Deutschland und Europa
Prof. Dr. Gert Pickel
Blockseminar/Übung: Liturgisches Handeln
PD Dr. Simone Ziermann
Blockseminar: KI und Liturgie. Ökumenische Fragestellungen, Erkundungen und Perspektiven
Prof. Dr. Alexander Deeg; PD Simone Ziermann
Blockseminar: Kommt mein Hund in den Himmel?
Daniel Walther
Vortrag PaulinerFORUM 2026: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne
Prof. Dr. Andreas Reckwitz
Vortrag und Gespräch: Zwischen Friedensethik und Kriegspädagogik
Generalmajor a.D. Michael Hochwart
Leipzig, den 5. Juli 2026
