Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro
Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben. (vgl. Link am Ende des Textes)
Dieses Buch jedoch ist bemerkenswert. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).
Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.
Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam. Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und wies diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.
Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).
Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)
Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suzid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.
Im letzten Artikel „Huhediblu“ – Versuch einer Deutung (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.
Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019hamacher/ und andere
