Joachim Leberecht: Predigt, Gottesbegegnung im Traum, Herzogenrath 2025

 

Predigt Genesis 28, 10-19                                   14. Sonntag nach Trinitatis, 2025

„Und ihm träumte, und siehe eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen darauf auf und nieder.“ (V.12)

Liebe Gemeinde,

haben Sie es auch gehört? Jakob träumt und sieht eine Leiter, die von der Erde bis zur Spitze des Himmels reicht. Es ist die Himmelsleiter. So weit haben viele von uns dieses eindrückliche Bild und die sprichwörtlich gewordene Himmelsleiter vor Augen. Auch das die Engel etwas mit der Leiter zu tun haben wissen wir noch irgendwo hinten in unserem Kopf. Doch in meinem Kopfkino kommen die Engel vom Himmel zur Erde, sagen Jakob die Botschaft Gottes weiter, und steigen wieder die Leiter hoch. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Luther übersetzt das Hebräische genau: „Und siehe, die Engel Gottes stiegen darauf auf- und nieder.“ Das ist bewusst formuliert. Zuerst der Aufstieg, dann der Abstieg. Die Engel sind hier nicht Boten Gottes, sondern Boten Jakobs. Sie steigen von der untersten Leitersprosse auf zu Gott – wie es auch unsere Gebete tun. Der Traum ist eine besondere Form der Wahrnehmung, Ausdruck unseres Unbewussten oder wie hier in dem alten hebräischen Denken eine besondere Bild- und Zeichensprache, die den Menschen mit Gott verbindet. Nicht irgendein Mensch. Es ist Jakob. Er ist der direkte Nachkomme von Isaak. Und Isaak ist der direkte Nachkomme von Abraham, dem Vater des Glaubens. Hier beginnt die Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Ein Stein als Kopfkissen

In der Nacht kommen wir unseren Sehnsüchten und unseren Ängsten nah. Jakob ist allein. Ganz allein in der weiten Landschaft. Wir alle kennen Nächte, wo wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen sind. Es ist schon viel, wenn wir einschlafen und die sorgenvollen Gedanken fahren lassen können. Manchmal wälzen wir das Kopfkissen so lange hin und her, bis wir endlich einschlummern können. Jakob hat kein Kopfkissen, aber er sucht sich einen passenden Stein, wo er seinen Kopf leicht erhöht, ablegen kann. Sich hinlegen, sich ablegen, ruhig werden, still werden und in den Schlaf hineingleiten ist etwas Wunderschönes. Nicht einschlafen zu können ist eine Plage, macht nervös und unruhig.

Jakob auf Wanderschaft

Jakob kann schlafen. Er ist auf Wanderschaft. Er ist aufgebrochen in eine ungewisse Zukunft. Er hat seine Heimat und alle, die er lieb hat hinter sich gelassen. Es ist seine erste Nacht in der Fremde. Sein Traum ist besonders lebhaft. Es scheint, dass die verborgene Welt um ihn weiß. Die Engel begleiten ihn. Sie gehen die Leiter hoch und stellen die Verbindung zum Höchsten her. Jakob ist allein, aber von Gott nicht verlassen. Was für ein. tröstlicher Traum für den einsamen Wanderer Jakob, der nicht weiß, wie er leben soll – auch mit seiner Schuld. Die Engel verbinden ihn mit Gott. Hat er auch Vater und Mutter verlassen und seinen Bruder, vor dem er sich fürchtet, weil er ihn bestohlen hat, ist er doch von Mächten umgeben, die ihn schützen. Allein auf sich zurückgeworfen ist er auf Gott geworfen. Die Engel in seinem Traum sind seine Fürsprecher. Sie sorgen dafür, dass seine Verbindung zu Gott nicht abreißt. Sie nehmen ihn, der am Boden liegt, Stufe für Stufe mit, dass Jakob schlussendlich im Traum Gott zu sich reden hört: „Ich verlasse dich nicht. Du und deine Nachkommen sollen allen Geschlechtern auf Erden zum Segen werden.“

Das ist keine alltägliche Erfahrung. Jakob macht sie. Aber nicht, weil er es will. Sie wird ihm geschenkt. Sie widerfährt ihm. Sein Traum ist der Ort der Gottesbegegnung.

Der Glaube fällt nicht vom Himmel.

Wenn es ums Eingemachte in unserem Leben geht, können wir nichts machen. Wir können nur still sein und lauschen, welche Hinweise und Ahnungen unsere Seele uns vermittelt. Alles, was wir brauchen, ist in uns. Wir müssen nur vertrauen und manchmal richtiggehend lernen auf uns zu hören. Jakob sieht und hört. Es ist nichts Neues, was er hört. Denn er steht in einer Geschichte. Einer Geschichte der Verheißung Gottes für seinen Vaters Isaak und seiner Mutter Rebekka. Und zuerst für seinen Großvaters Abraham und seiner Großmutter Sarah. Der Glaube fällt nicht vom Himmel. Der Traum auch nicht. Sie sind angelegt. Sie haben Wurzeln, die tief ins Erdreich reichen und die sogar Luftwurzeln in Form einer Himmelsleiter bilden.

Wir Menschen sind Wesen zwischen Himmel und Erde. Wir sind irdisch und   zum Himmel hin aufgerichtet.

Die Geschichte Abrahams, Isaaks und Jakobs geht weiter – bis heute. Sie wird erzählt und damit wird ein Erfahrungsraum für den Himmel geöffnet. Es gibt eine Leiter zum Himmel, zu der verborgenen Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

Jakob ist aufgebrochen in ein neues Leben. Sein Leben wird von Gott begleitet. Auch in unserem Leben gibt es Aufbrüche. Vielleicht mehr als wir denken – bis ins hohe Alter hinein. Wir sind unterwegs, selbst wenn sich äußerlich wenig ändert. Wir leben mit dem, was uns begegnet. Eine gute Nachricht. Eine schlechte Nachricht. Eine verrückte Welt voller Gewalt und Umbrüche. Eine wunderbare Welt voller Leben, Einsatz für den Frieden und Menschlichkeit. Zeichen der Fürsorge und Güte Gottes.

Jakob hat den Zuspruch Gottes gehört.

Jakob war auf der Flucht. Er fürchtete um sein Leben. Er war allein und doch nicht allein. Jakobs Engel haben ihn mit Gott verbunden. Jakob hat den Zuspruch Gottes gehört. Wir alle brauchen Zuspruch. Ermutigung auf unserem Weg. Und sei es, dass wir uns mit unseren kleineren und größeren Macken annehmen können, letztlich mit dem, wie wir geworden sind. Auch Schuld und Brüche gehören zu unserem Leben. Dennoch nimmt uns Gott an, kappt nicht die Verbindung. Zeigt uns den nächsten Schritt.

Hinweise für unseren Weg können Träume sein in denen Gott zu uns spricht. Du bist nicht allein. Du kannst dich mit Gott verbinden und gleichzeitig verbindet sich Gott mit dir durch Engel und Zeichen am Wegesrand. Und wir selbst können auch zu Engeln werden für andere, die wir trösten und ermutigen durch Worte und einfach, dass wir da sind. Es geht um Verbindung. Nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Jakob hat gesehen und gehört, dass er mit Gott verbunden ist. Das war eine überwältigende Erfahrung.

Hier ist mir Gott begegnet. Dafür hat er seinen Stein, auf dem er in der Nacht seinen Kopf abgelegt hat, aufgerichtet. Ein Gedenkstein. Ein heiliger Ort für ihn. Ein Stein, der seine Gotteserfahrung repräsentiert. Ein Stein aus dem später Beth-El wurde. Ein Haus des lebendigen Gottes. Bleiben wir unterwegs, ob unser Radius klein oder groß ist, das macht nichts, überall können wir uns zu Gott aufmachen und Gottes Botschaft hören, selbst im Schlaf.

Wo ist Gott im Leiden? Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt Hiob – oder die Frage: Wo ist Gott im Leiden?

Text entnommen aus https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/

1 Da reagierte Hiob und sprach: 2 »Auch heute noch besteht meine Klage im Widerspruch, meine Hand liegt schwer auf meinem Stöhnen.
3 Wer gäbe, dass ich Gott zu finden wüsste, dass ich zu Gottes Thron gelangte!
4 Ich wollte vor Gottes Antlitz den Rechtsfall vorbringen und meinen Mund mit Zurechtstellungen füllen.
5 Ich wüsste dann endlich die Worte, die Gott mir erwiderte, merkte, was Gott mir sagte.
6 Würde Gott mit großer Kraft gegen mich streiten? Nein – aber mich beachten!
7 Dort setzte sich ein Aufrechter mit Gott auseinander, und ich wäre auf immer meinem Gericht entronnen.
8 Schau: Gehe ich nach vorn, so ist Gott nicht da, und nach hinten, da bemerke ich es nicht,
9 nach links beim göttlichen Wirken, ich erblicke es nicht, lenkte Gott nach rechts, so sähe ich es nicht.
10 Ja, Gott kennt den Weg mit mir, prüfte Gott mich – da käme ich wie Gold heraus.
11 Mein Fuß hielt an Gottes Schritt fest, diesen Weg beachtete ich und wich nicht ab.
12 Das Gebot der göttlichen Lippen – ich ließ nicht ab vom mir geltenden Gesetz, ich bewahrte die Worte aus Gottes Mund.
13 Die Gottheit aber bleibt sich gleich – und wer könnte das wenden? –
sie will es tun und tut es.
14 Ja, Gott wird dem mir geltenden Gesetz Genüge tun und Ähnliches ist viel bei Gott.
15 Darum erschrecke ich vor Gottes Angesicht; ich nehme es wahr und erbebe davor.
16 Gott selbst macht mein Herz verzagt, die Gottheit, die Macht über die Macht hat, versetzt mich in Schrecken.
17 Ja, nicht von der Finsternis werde ich vernichtet und auch nicht von meinem eignen Gesicht, bedeckt von Dunkel.

Liebe Gemeinde,

mein Name ist Hiob, was übersetzt heißt: Wo ist mein Vater? In meinem Fall läge es auch nahe zu übersetzen: Wo ist mein göttlicher Vater? Um es vorwegzusagen: Ich weiß es nicht, dennoch will ich von meiner Erfahrung berichten, die mein Vertrauen in Gott gestärkt hat. Ob das ein Widerspruch ist oder ob beides nebeneinanderstehen kann, mein Nicht-Wissen über Gott und meine Erfahrung Gottes, überlasse ich Ihnen. Es wäre schon sehr viel, wenn Sie einfach zuhören und das Gehörter in sich aufnehmen. Zuhören ist nämlich gar nicht einfach. Ich sage nicht, dass mein Weg auch ihr Weg, meine Wahrheit auch ihre Wahrheit, meine Gotteserfahrung auch Ihre werden muss. Aber ich will meine Erfahrung mit Ihnen teilen.

Warum oder die Frage nach Schuld

Ich war reich gesegnet. Mir fehlte es an nichts. Doch von einem zum anderen Tag ist mir alles genommen worden. Wie ist nicht entscheidend. Entscheidend war für mich, dass ich mich unendlich verlassen fühlte, sosehr, dass ich den Tag meiner Geburt verfluchte. Ich war gezeichnet am ganzen Leib und habe das als große Schmach erlebt. Drei Freunde besuchten mich. Sie hatten von meinem Unglück gehört. Die ersten sieben Tage saßen sie mit mir auf der nackten Erde und schwiegen, teilten mein großes Leid, halfen mir durch die endlos langen Tage und Nächte. Dann aber fing die Frage nach dem Warum meines bösen Schicksals an. Ich kann mich heute noch aufregen über vieles, was sie gesagt haben.

„Warum ist mir das passiert?“ Diese Frage hämmerte auch in meinem Kopf. Und ich fand keine Antwort. Was meine Freunde aber sagten, entfremdete sie mir, machten den Schmerz nur noch größer. Ich war völlig allein. Sie sagten, dass es mich böse erwischt habe, läge an mir selbst. Ich hätte Schuld auf mich geladen. Dass mir alles genommen wurde und ich so elend darniederläge, hätte ich selbst zu verantworten. Anders sei es nicht zu erklären. Gott ist gerecht, nur der Frevler wird bestraft. Der Gerechte aber wird fröhlich leben. Einer dichtete mir gar schlimme Verbrechen an. Ich erforschte mein Gewissen, aber da war nichts, was mich belastete, jedenfalls nichts, was mein Schicksal gerechtfertigt hätte. Derselbe meinte sogar, ich müsste mich nur vor Gottes Gericht demütig beugen, dann würde alles wieder gut werden. Er unterstellte mir praktisch, dass ich nicht mehr an Gott glauben würde. Um Gottes willen, damit er Recht bekommt, müsste ich klein beigeben.

Gott handelt nicht

Rückblickend sehe ich, meine Freunde wollten das damals allgemein gültige Gottesbild retten. Es waren viele gute, richtige Sätze über Gott, aber es waren Menschensätze. Diese Sätze halfen mir in meinem Leiden nicht weiter. Sie quälten mich. Sie waren absurd. Was meine Freunde nicht sahen. Ich suchte in meinem Leiden verzweifelt nach Gott, aber da war kein Gott, der mir antwortete. Gott sprach nicht zu mir. Gott hörte mich nicht. Gott sah mich nicht. Gott rettete mich nicht.

Mit Gott streiten

Auch ich glaubte an Gerechtigkeit. Ich hatte Lust mit Gott zu rechten. Ja, in meiner Fantasie habe ich Gott alle Beweise meiner Unschuld vor die Füße geworfen und sah genüsslich, wie Gott gezwungen war, meine Unschuld anzuerkennen und seine Schuld mir gegenüber einzugestehen.

Erst viel später habe ich erkannt, dass mein Streiten mit Gott auf derselben Ebene lag, wie die Reden meiner Freunde. Ich war verunsichert, ich habe geklagt, Gott angeklagt, ja. Und wisst Ihr was? Das tat gut! Ich würde es immer wieder tun.

Solange Menschen auf dieser Erde Unrecht erleiden, ist bittere Klage Ausdruck empathischen Glaubens: Aufruf Gottes rettende Energien zu aktivieren und Aufruf zur Menschlichkeit: Mahnung Recht einzuhalten.

Gott spricht

Lange, lange, lange hat Gott nicht zu mir geredet. Er hat geschwiegen. In der Regel schweigt Gott. Auch ich stand fragend, klagend und anklagend vor dem „schweigenden Geheimnis“ (Karl Rahner). Gott hat sich mir entzogen. Gott war fern. Gott war dunkel und das hat mir schrecklich Angst gemacht. Meine alte Gottesgewissheit ist zerbrochen. Ganz langsam ist etwas Neues in mir gewachsen. Eine zarte Pflanze. Ich weiß gar nicht, wie sie dahingekommen ist. Wie konnte auf dem Boden, der mir entzogen wurde, etwas Neues wachsen und reifen. Ich erwarte nicht mehr, dass Gott von außen eingreift in mein kleines Leben oder in die Welt. Aber Gott hat zu mir gesprochen und ich habe ihn geschaut (Kontemplation). Gott ist in mir gewachsen, nachdem ich meine Vorstellungen über ihn ad acta gelegt habe. Ich weiß nicht, ob Gott Leiden verhindern kann, ich glaube auch nicht, dass Gott uns durch das Leiden auf die Probe stellt oder erziehen will, ich weiß auch nicht, ob Gott im Leiden dabei ist und mitleidet, ich weiß nur, dass Gott, „Macht über die Macht hat“ (Hiob 23,16b) und) ein „schweigendes Geheimnis“ (Karl Rahner) ist. Vor diesem „schweigenden Geheimnis“ beuge ich mich.

Wo ist mein göttlicher Vater? Ich kann ihn nicht lokalisieren. Gott ist unverfügbar. Ich weiß nur: Mein Erlöser lebt. „Vom Hörensagen hatte ich von dir [Gott] gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (Hiob 42,5) Nicht, dass ich Gott gesehen hätte, er ist mir widerfahren. Mein inneres Auge hat ihn geschaut (Mystik). Durch das Leiden hindurch hat sich Gott mir gezeigt. Ich konnte mein Leben wieder auf Gott ausrichten.

Im biblischen Buch Hiob ist meine Geschichte aufgeschrieben: Mein „Weg durch das Leid“ hin zu Gott.

Lest nach.

Literatur:

Bibel in Gerechter Sprache, Gütersloh 2006

Hiob. Die Bibel erzählt: Hg Klara Butting/Gerand Minnard, Erev-Rav, Wittingen 2003

Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte,(Hg) Alexander Deeg/Andreas Schüle, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018, S.380-386

Ein Weg durch das Leid. Das Buch Hiob: Ludger Schwienhorst-Schönberger, Verlag Herder, Freiburg i.Br., Neuausgabe 2022

73 Overtüren. Die Buchanfänge der Bibel und ihre Botschaft, (Hg) Egbert Ballhorn, u.a., Gütersloher Verlag 2020, 2. Auflage, S. 240-249

           

Predigt Happy End?  Sommerkirche über Das Buch Jona, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigttext: Jona, Kapitel 4 …

Liebe Gemeinde,

jetzt blüht er wieder gelb-grün oder rot-grün der Rizinusstrauch, von August – Oktober. Genannt wird er auch Christuspalme wegen seiner handförmigen Blätter, die an Christi heilende Hände erinnern sollen. Bekannt ist der Rizinus auch unter dem Namen Wunderbaum, da er schnell in die Höhe schießt.

Schon sind wir mitten im letzten Kapitel der Jona-Erzählung. Jona hat sich einen Schauplatz außerhalb der Stadt Ninive gesucht, um zu sehen, ob Gott nicht doch sein Gericht an Ninive vollstreckt.

Der Rizinusstrauch.

Dem aus Wut und Zorn bis zur Selbstaufgabe niedergeschlagenen Jona spendet Gott auf dem Höhepunkt seines hitzigen Gemüts Schatten, Kühle und Ruhe durch einen schnellwachsenden Rizinus. Zufälle gibt´s! Das erfüllt Jona mit Freude, ja fast mit überborderden Jubel. Überhaupt könnte man denken, der Prophet Jona ist ein echter Borderliner, getrieben von seinen Ängsten und Emotionen mit einer guten Portion Narzissmus und Größenwahn. Aber damit ist er ja nicht allein auf der Welt.

Als Jona früh am Morgen mitbekommt, dass überall der Wurm drin ist, der schattenspendende Rizinus ist über Nacht verdorrt, der heiße Ostwind im Laufe des Tages lässt sein Blut brodeln, die Mittagssonne sticht ihm ins Gehirn, wünscht er sich erneut den Tod.

Da hat ihn Gott am Wickel. Er hält Jona einen Spiegel vor, aber Jona erkennt sich nicht darin. Jedenfalls hören wir nichts mehr davon. Jona gibt keine Antwort auf die Fragen Gottes. Das Jona-Buch endet mit einer Frage, die nicht beantwortet wird.

Die Jona-Erzählung hat kein Happy End!

Doch höre ich schon den Widerspruch: Der Fisch hat ihn doch ausgespuckt! Jona ist am Leben. Jona hat seine Mission ausgeführt. Jona ist gereift, er ist gewachsen, er hat sich seinen Konflikten gestellt, ist in die Tiefe seines Lebens hinabgestiegen, hat seine große und doch so kleine Angst um sich selbst überwunden, er ist über sich hinausgewachsen, hat die Grenzen seines alten Denkens überwunden, er war sich nicht zu schade Menschen zu begegnen, denen er im Traum nicht die Hände gereicht hätte, seine starke Angst ein unreines Gebiet zu betreten, hat er hinter sich gelassen, er hat die Menschen gewarnt und ihnen gesagt, dass sie ernten werden, was sie gesät haben. Sie sollen davor die Augen nicht verschließen. Ja, Jona hat ihnen mit seinen Worten die Augen geöffnet. Das, was er nicht geglaubt hat, ist passiert. Das war doch ein Höhepunkt in seiner Propheten-Karriere. Jona hat ihnen nicht nur die Augen geöffnet, er hat ihnen sogar im Namen seines Gottes gedroht: Apokalypse Now!

Das mit dem Angst machen klappt noch heute. Wir brauchen dafür in unseren Breitengraden längst nicht mehr den Namen Gottes, aber Angstschüren ist das Krebsgeschwür unserer Zeit.

Angst triggert vor allem unser Sicherheitsbedürfnis. „Kriegstüchtig“ müssen wir werden. Gefahr droht aus dem Osten. Putin will sich bis zum Ende des Jahrzehnts große Teile Europas einverleiben. „What ever it takes“ ist unsere Antwort. Aber- und Abermilliarden sollen investiert werden in Waffensysteme aller Art. Die Kriegstüchtigkeit soll mindestens so schnell wachsen wie ein Rizinusstrauch. Was für eine hirnverbrannte Ideologie, eine Investition in Todesenergien statt in Frieden, Bildung und Bewahrung der Schöpfung. Entrüstet euch!

Haben wir denn gar nichts aus den beiden Weltkriegen im letzten Jahrhundert gelernt?

Statement für universale Menschlichkeit.

Konkret geht es im Jonabuch um eine Umkehrgeschichte. Um eine Umkehr Gottes. Gott will das assyrische, heidnische Ninive vernichten, weil die Menschen in der Stadt Böses treiben. Dem Unrecht soll ein Ende gesetzt werden durch Auslöschung. Damit geht Jona d´accord. Ein neuer Anfang soll her durch Vernichtung. Die politische Pointe der hebräischen Erzählung ist aber eine Mahnung gegen Rache und Gewalt und ein starkes Statement für universale Menschlichkeit.

Wir wissen, Israel ist seit der Staatsgründung in seiner Existenz bedroht. Der terroristische Einfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit über 1000 Ermordeten und hunderten Verschleppten war ein Akt gegen Menschlichkeit und Völkerrecht. Diese Erfahrung hat die israelische Bevölkerung und Juden weltweit re-traumatisiert. Die Antwort Rache und Vergeltung. Das Ziel: die vollständige Vernichtung der Hamas. Der Zweck heiligt die Mittel aus Sicht der israelischen Regierung. Die Folge unendlich menschliches Leid der palästinensischen Bevölkerung durch die israelische Armee. Ein himmelschreiendes Unrecht, das wir mit Waffenlieferungen an Israel unterstützen.

Wann endlich kehren wir um? Wann endlich überwinden wir Rache- und Vergeltungsschläge? Das ist der einzige Weg zum Frieden.

Die jüdische Jona-Erzählung mahnt Mächtige zur Umkehr, zu einem Sinneswandel, zu einem echten Neuanfang.

Aber zurück zu unserer Geschichte. Ja, kein Happy End! Aber warum?

Am Ende der Jona-Erzählung steht eine Frage, die beantwortet werden will durch die Jahrhunderte hindurch bis heute. Sie will beantwortet werden durch dich und mich. Das ist großes literarisches Kino!

Die Frage ist nur, ob wir die Frage an uns heranlassen. Das sie uns im Kern trifft. Das wir gar nicht mehr anders können als sie mit unserer ganzen Existenz zu beantworten.

Wie hältst du´s mit der Empathie?

Gott geht hier voran. Wie schon in der Geschichte von der großen Flut, wo es am Ende heißt, dass Gott die Erde und alles was auf ihr lebt nie mehr vernichten will, erinnert sich Gott seines Mitgefühls für Mensch und Tier. Gott erinnert sich daran, dass in Ninive Menschen und Tiere leben, „die nicht wissen, was rechts oder links ist“ (Jona 4,11b).  Wie sollte es ihm da nicht gereuen und er selbst von der Vernichtung Ninives absehen, Güte und Barmherzigkeit in ihm siegen?

Davon will Jona nichts hören. Davon wollen wir alle nichts hören. Wir alle aber leben vom Mitgefühl anderer mehr als wir ahnen.

Jona hatte gute Gründe. Wir auch. Der Zweck heiligt die Mittel. Das war schon immer so. Allerdings führt uns das nicht weiter.

Weiter führen uns Empathie und Menschlichkeit. Dazu unbedingt notwendig: die Bereitschaft zu vergeben, einen Neuanfang zu wagen, wie es Gott hier macht. Die wichtige Frage nach Recht und Gerechtigkeit braucht Empathie, ein Verstehen, die Fähigkeit sich in die anderen hineinzuversetzen und die Suche nach Ausgleich.

Ich will Jona nicht abschreiben. Auch sein Weg bleibt offen. Und er hat vieles gelernt in dieser Geschichte. Sie hat kein Happy End für den Helden Jona. Sie ist aber auch keine Tragödie.

Jona trägt etwas in sich, das größer ist al er. Seine göttliche Berufung. Sein Name heißt übersetzt Taube. Eine Taube kehrt immer wieder zurück zu ihrem Ursprung. Eine Taube mit dem Ölzweig im Schnabel steht für Frieden und für Neuanfang.

Gottes Wirklichkeit zeigt sich uns, wenn wir Menschlichkeit leben, wenn wir mit Respekt allem Leben begegnen und Leben fördern.

Wir leben in einer Welt, wo viele Menschen nicht wissen, „was rechts oder links“ ist – und wir gehören selbst dazu!

Wir dürfen aber im Glauben ein Gottesbild in uns tragen und auch nähren, dass seine Güte, Liebe, Schöpfungs- und Menschenfreundlichkeit unter uns groß macht. Das wärmt uns. Das stärkt uns. Das tröstet uns. Das mahnt und lehrt uns.

Das widerfährt uns, wie es Jona widerfahren ist.

Friede sei mit euch, Predigt Konfirmation, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Über: Johannes 20, 19-21

„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren auf Furcht vor den Juden [antisemitisch, besser: dem Pöbel], kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als der das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“ (aus: Lutherbibel 2017)

Kontext: Segensworte des neuen Papstes

Nach der Wahl des neuen Papstes Leo XIV am 8. Mai 2025 begrüßt dieser die versammelten Gläubigen auf dem Petersplatz mit den Worten:

Der Friede sei mit euch allen!

Liebe Brüder und Schwestern, dies ist der erste Gruß des auferstandenen Christus, des guten Hirten, der das Leben gegeben hat für die Herde des Herrn.

Auch ich möchte, dass dieser Friedensgruß in euer Herz eingehe, eure Familien erreiche, alle Menschen, wo immer sie seien, alle Völker, die ganze Erde. Der Friede sei mit euch!

Dies ist der Friede des auferstandenen Christus, ein entwaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beharrlich. Er kommt von Gott, Gott, der uns alle bedingungslos liebt.

 

Anmerkung: Die Predigt für die Konfirmation habe ich vor der Wahl des Papstes geschrieben. Da es ausschließlich Jungen sind, die ich konfirmiere, verwende ich in der Predigt die männliche Anrede: Konfirmanden

Liebe Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

was gibt es Schöneres in Zeiten, die uns verunsichern, wo wir innerlich unruhig sind und nicht wissen, wie es weiter geht, dass jemand zu uns kommt und sagt: Friede sei mit euch!

Jesus sieht euch Konfirmanden als Kinder Gottes an. Jesus kommt mit guten Absichten. Jesus gibt sich zu erkennen. Jesus macht euch Mut. Jesus gibt euch von seinem Geist.

Jesus sieht euch als Kinder Gottes

Vielleicht ist es das Wichtigste, was Jesus der Welt hinterlassen hat. Die Wahrnehmung eines jeden Menschen als Kind Gottes.

In der Auferstehungserzählung erscheint Jesus seinen verängstigten Jüngerinnen und Jüngern mit den Worten: Friede sei mit euch!

Als sie Jesus erkennen, wird ihr Herz froh.

Im Konfirmandenunterricht haben wir uns intensiv mit Jesus-Geschichten beschäftigt. Ihr habt ein Jesus-Buch gestaltet.

Von Jesus kann ich nicht genug kriegen. Immer wieder sprechen die Jesus-Geschichten aus den Evangelien zu mir. Die Wiederholungen langweilen mich nicht, sie führen mich zu Jesus zurück und vertiefen meine Liebe zu ihm. Ich fühle mich von Jesus gesehen und ernst genommen.

Wenn erzählt wird, dass ein Blinder am Wegrand schreit: Herr, erbarme dich und Jesus den Blinden heilt, wage auch ich zu beten: Herr, erbarme dich.

Wir können Jesu Worte hören und sie schnell wieder vergessen. Sie einfach wegwischen wie eine Nachricht auf dem Handy, die uns nicht mehr interessiert.

Wir können Jesu Worte hören und sie uns einprägen. Wir können ihnen Vertrauen schenken. Wir können Jesu Worte vom Bewusstsein in unser Herz aufnehmen. Dann sind sie in uns lebendig.

Ich wünsche euch, die ihr heute euren Glauben in der Gemeinde bekennt, dass euch Jesu Worte immer wieder gegenwärtig sind. Vielleicht nur das eine, aber das mit Macht: Friede sei mit euch!

Der auferstandene Jesus sieht euch – egal in welcher Lebenssituation ihr seid – immer als Kinder Gottes an – als konkrete, unverwechselbare Personen – und eröffnet euch neue Lebensräume.

Jesus kommt mit guten Absichten

Es ist gar nicht leicht zu erkennen, wer es gut mit euch meint. Das habt ihr alle schon erlebt. Ihr habt jemanden vertraut und seid enttäuscht worden. Ihr musstet und müsst lernen zu unterscheiden, wer es gut mit euch meint und wer nicht, sonst werdet ihr in eurem Leben immer wieder über den Tisch gezogen oder gar verführt von Menschen, die euch lächelnd umwerben, euch abzocken oder gar auf die dunkle Seite des Lebens ziehen. Sie oder die KI erkennen eure Schwächen und packen euch genau da. Lasst euch nicht blenden. Die Welt ist voller Blender. Sie können auch in einem religiösen Gewand auftreten. Sie manipulieren euch. Sie verdrehen euch den Kopf. Sie lassen euch Dinge glauben, die völlig irre sind. Sie lotsen euch in eine Weltsicht, die euch und andere schadet. Bleibt im Gespräch mit euren Eltern, der Familie und Freunden. Wendet euch nicht von denen ab, die es gut mit euch meinen, auch wenn sie euch kritisieren oder ihr Streit miteinander habt. Wenn jemand mit euch aus der Familie streitet, dann seid ihr ihm nicht egal. In der Regel sorgt er sich dann um euch.

Jesus hat sich auch gestritten mit denen, die schon immer alles besser wussten und die Menschen gefügig machten für ihre Interessen; einen Glauben lehrten, der sie klein machte.

Und als einmal die Jünger untereinander streiten, wer unter ihnen der Größte  ist, hat sich Jesus eingemischt und die Streitenden mussten lernen, es geht im Reich Gottes nicht um Größe, Ruhm und Ehre, sondern darum, sich einander in Liebe zuzuwenden. Jesus wendet sich euch in Liebe zu.

Jesus gibt sich zu erkennen

Da kann ja jeder kommen und sagen: Friede sei mit euch! Wem aber können wir vertrauen? Jesus gibt sich seinen Jüngerinnen und Jüngern zu erkennen. Der Auferstandene zeigt ihnen seine am Kreuz zugefügten Wunden: seine durchbohrten Hände, seine verletzte Seite. Ich bin kein anderer als der, der ich war als ich mit euch lebte. „Ich bin derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Ich war und bin gesandt, euch in ein (ewiges) Leben mit Gott zu führen, euch zu heilen und euch zu senden.

Die Gesundheitsindustrie verspricht euch ein langes Leben, manche vermeintliche Forscher sogar ein unendliches. Ihr müsst euch nur ständig selbst kontrollieren, euch ausschließlich gesund ernähren und die eine oder andere Pille schlucken.

Seit Gott für die Welt tot ist, wird Gesundheit immer mehr zur Religion. Lasst euch nicht einlullen von denen, die euren Körper beherrschen wollen, weil sie wissen, was gut für ihn ist. Wenn Jesus seinen Jüngern seine Wunden zeigt, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass zum menschlichen Leben Wunden und Verletzungen gehören, die sichtbar bleiben, die zu uns gehören. Es ist ein Irrglaube, dass jeder Makel, jede Verletzung, jede Einschränkung einfach wegzumachen sind. Da hilft auch die positivste Einstellung nicht, im Gegenteil. Ich wünsche euch, dass das, was ihr an Schwerem erlebt habt und auch erleben werdet, euch nicht aus der Bahn wirft an das Gute zu glauben. Gott kann es wenden, dass ihr darüber reden könnt und es euch mit der Zeit gelingt, das Unabänderliche in euerem Leben zu integrieren, vielleicht sogar daraus Kraft zu schöpfen. Es geht im Glauben gerade nicht um Perfektion oder gar Vollkommenheit oder um ein möglich langes Leben; es geht um Erfüllung, Sinn und Liebe. Wer euch Heil auf Erden verspricht, ist ein Lügner. Ein falscher Messias.

Jesus macht euch Mut

Angst wird immer zu uns gehören. Sie ist menschlich. Auch Menschen, die glauben, haben Ängste. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33b). Jesus hat den Tod überwunden. Die Nacht. Das Dunkle. Die Angst. Weil wir das glauben, dürfen wir hoffen über unsere Angst hinaus. Unsere Ängste sind nicht alles, allein das, macht uns immer wieder stark und mutig für das Gute und die Wahrheit zu kämpfen. Vielleicht bist du eine ängstliche Natur, aber es könnte doch sein, dass ein Moment in deinem Leben kommt, da bist du derart selbstvergessen, dass du das Richtige mutig sagst und tust. Ein Wunder. Gottes Geist wirkt in dir.

Jesus gibt euch von seinem Geist

Jesus sagt zu seinen Jüngerinnen und Jüngern ein zweites Mal: Friede sei mit euch!

Dann erteilt er ihnen und euch heute einen Auftrag. Vorher aber gibt er ihnen und euch heute das mit, was sie und ihr braucht, um ein Leben in der Nachfolge Jesu zu führen: Gottes guten Geist. Jesu Geist soll euch anwehen.

Wie der Wind Blätter bewegt, bewegt Jesu Geist die, die zu ihm gehören. Es ist Gottes Geist. Ein Geist der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Friedens: Friede sei mit euch!

Ihr Lieben, orientiert euer Bewusstsein an Jesus, lasst seinen Geist in euch leben, werdet friedenstüchtig.

„Und der Friede Gottes sei mit Euch .“

Ein anderer Papst-Nachruf, Eine Predigt, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto: Annett Klingner (C)

Predigt über 1. Petrus 1,1 am Sonntag nach Ostern, Quasimodogeneti 2025

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

 

Liebe Gemeinde,

die Kirche und die Welt gedenken des Todes von Papst Franziskus und nehmen von ihm Abschied. Es geht mir heute nicht darum, die große Aufmerksamkeit, die Papst Franziskus zurecht bekommt zu ergänzen oder gar mir anzumaßen, sein Pontifikat zu beurteilen. Mir geht dieser Papst nicht aus dem Sinn, wenn ich den Wochenspruch von Quasimodogeneti lese (siehe Predigttext), komme ich auf sein zeichenhaftes Wirken und die damit verbundene Hoffnung für die Verlorenen dieser Welt zurück. Ja, Papst Franziskus hat mich beeindruckt, weil er ein Protestmensch gegen die Mächte des Todes war. Laut und deutlich hat er seine Stimme erhoben, zuletzt sicherlich eine gebrochene Stimme, von Krankheit gezeichnet, als er zwei Tage vor seinem Tod J.D. Vance, dem katholischen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, die Leviten las in Hinblick auf die menschenverachtende Trump-Praxis der Abschiebung von Migranten und Illegalen. Eine verlogene Praxis, da diese Menschen mit ihrer Arbeitskraft einen Teil des Wohlstands der Amerikaner produzieren.

Unsere Welt braucht nichts so sehr wie Menschen, die sich gegen die Todesenergien der Zerstörung von (sozialen) Werten stellen. Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist und bleibt ein Widerstandshort gegen Ideologien, einem Kapitalismus und einer Politik, die alle sozialen Werte auffrisst und den Menschen zur Sache degradiert. Wenn wir eine lebendige Hoffnung haben, dann lassen wir uns unseren Glauben nicht nehmen, dann treten wir für das Leben ein.

Entkirchlichung

Wir spüren deutlich als Gemeinde, dass wir in entkirchlichten Zeiten leben. Ein Beispiel:

Wenn jüngst von allen angeschriebenen Eltern zur Anmeldung ihrer Kinder zum Konfirmandenunterricht nur ein drittel der Eltern ihre Kinder anmeldet, erleben wir den Abbruch von einer noch vor 25 – 30 Jahren stabilen evangelischen Tradition. Es war selbstverständlich, dass evangelische Kinder zum Konfiunterricht geschickt wurden. Heute werden die Jugendlichen selbst gefragt, ob sie konfirmiert werden wollen. Das muss nicht schlecht sein, aber es braucht doch eine positive Haltung der Eltern zur Konfirmation und dem Kennenlernen von Gemeinde.  Diese Haltung ist weitgehend verschwunden. Dem größten Teil der Eltern ist es scheinbar egal, obgleich sie bei der Taufe versprochen haben, ihr Kind christlich zu erziehen. Aber das ist lange her. Alles, was mit Glauben zu tun hat, ist für die meisten unserer Mitmenschen völlig bedeutungslos geworden. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch hat in unseren drei Predigtstätten ebenfalls im letzten Jahrzehnt stark nachgelassen. Längst nicht mehr lassen sich alle Evangelischen kirchlich bestatten. Es ist ihnen und ihren Familien nicht mehr wichtig. Sie sehen darin keinen Mehrwert. Auch einer Kirche anzugehören gilt für immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft als obsolet. Das soll keine Bewertung sein, einfach eine nüchterne Beschreibung, was wir als Lydia-Gemeinde erleben.

Glaubens- und Nachfrageschwund

Der schwindende Glaube und die Nachfrage nach unseren Angeboten sind die eigentlichen Probleme, die wir als Kirche haben, nicht wie wir unsere Gebäude und anderen Aufgaben bezahlen können. Das ist sekundär. Der Abbau, Rückbau und Umnutzung von Gebäuden werden uns als Lydia-Gemeinde noch lange beschäftigen. Die Kirche ist aber mehr als eine Ansammlung von Gebäuden und Veranstaltungen. Sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft, eine Erzählgemeinschaft, welche Sinn stiftet und einen Schatz hat, den die Welt nicht bieten kann. Von daher stellt sich die Frage, wie wir Hoffnung vermitteln, verkündigen und leben. Wie kommen wir aus einer zunehmend depressiven und erstarrten Haltung heraus?

Zeichenhaftes Wirken von Franziskus

Hier hat der Papst zeichenhaft für alle christliche Kirchen gewirkt. Trotz seines Eingehegt-Seins in einer Weltkirche durch die katholische (Dogmen-)Tradition und gegensätzlichen Strömungen einer Weltkirche, in die Kurie und eine schwerfällige Verwaltung ist es ihm gelungen den wesentlichen Auftrag der Kirche in der Nachfolge Jesu Christi zu leben und die Kirche in Bewegung zu bringen: Barmherzigkeit und Solidarität

Barmherzigkeit ist Solidarität mit den Vergessenen

Wenn wir auch nur ein dunkler Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sind, so strahlen wir doch, wenn Barmherzigkeit von Herzen kommt, Hoffnung in die Kirche und in die Welt aus. Wenige Tage vor seinem Tod ermutigte Papst Franziskus Missionare eines Ordens mit den Worten: „Barmherzigkeit ist die größte Umarmung Gottes.“  Das können wir wahrhaft von diesem Papst als Gemeinde lernen. Barmherzigkeit zu leben, nicht weil wir das so gut können, sondern weil wir Gottes Barmherzigkeit in unserem Leben in der Gemeinschaft erfahren und auch gegen den Augenschein glauben, auch, weil der Geist der Barmherzigkeit uns die Augen öffnet über die eigene Befindlichkeit hinaus, hin zu denen, die nicht gesehen werden.

Barmherzigkeit stiftet Hoffnung, investiert in Menschen trotz Enttäuschungen. Barmherzigkeit sucht den Frieden, weil töten unbarmherzig ist. Barmherzigkeit sucht das Lebensrecht aller Kreatur, damit Unterdrückung, Ausbeutung und Zerstörung ein Ende haben.

Lebendige Hoffnung

Wir brauchen eine neue Geburt, eine Wieder-Geburt des Geistes Jesu in uns, dass die Hoffnung wieder in uns lebt und neu entfacht wird. Das ist Auferstehung. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist unser Hoffnungskern gegen Verzweiflung, Alternativlosigkeit, Einsamkeit, Gewalt und Krieg, und gegen einen totalitären Kapitalismus, der keine Freiheit bringt, sondern am laufenden Band Verlierer produziert. Wir aber sind Gewinner, weil wir zu Jesus gehören. Wir sind wie neugeborene Kinder, neugierig auf eine Welt, die Gott uns verheißt: sein Reich. Wir sind verliebt in gelingendes Leben. Das gilt auch für uns als Gemeinde. Mag vieles sterben. Mag vieles nicht mehr funktionieren. Mag vieles sich verändern. Mögen wir darunter leiden, aber das ist nicht das Ende. Gott ist verliebt in Neuanfänge. Auch mit uns oder mit denen, die nach uns kommen.