Predigt Happy End?  Sommerkirche über Das Buch Jona, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigttext: Jona, Kapitel 4 …

Liebe Gemeinde,

jetzt blüht er wieder gelb-grün oder rot-grün der Rizinusstrauch, von August – Oktober. Genannt wird er auch Christuspalme wegen seiner handförmigen Blätter, die an Christi heilende Hände erinnern sollen. Bekannt ist der Rizinus auch unter dem Namen Wunderbaum, da er schnell in die Höhe schießt.

Schon sind wir mitten im letzten Kapitel der Jona-Erzählung. Jona hat sich einen Schauplatz außerhalb der Stadt Ninive gesucht, um zu sehen, ob Gott nicht doch sein Gericht an Ninive vollstreckt.

Der Rizinusstrauch.

Dem aus Wut und Zorn bis zur Selbstaufgabe niedergeschlagenen Jona spendet Gott auf dem Höhepunkt seines hitzigen Gemüts Schatten, Kühle und Ruhe durch einen schnellwachsenden Rizinus. Zufälle gibt´s! Das erfüllt Jona mit Freude, ja fast mit überborderden Jubel. Überhaupt könnte man denken, der Prophet Jona ist ein echter Borderliner, getrieben von seinen Ängsten und Emotionen mit einer guten Portion Narzissmus und Größenwahn. Aber damit ist er ja nicht allein auf der Welt.

Als Jona früh am Morgen mitbekommt, dass überall der Wurm drin ist, der schattenspendende Rizinus ist über Nacht verdorrt, der heiße Ostwind im Laufe des Tages lässt sein Blut brodeln, die Mittagssonne sticht ihm ins Gehirn, wünscht er sich erneut den Tod.

Da hat ihn Gott am Wickel. Er hält Jona einen Spiegel vor, aber Jona erkennt sich nicht darin. Jedenfalls hören wir nichts mehr davon. Jona gibt keine Antwort auf die Fragen Gottes. Das Jona-Buch endet mit einer Frage, die nicht beantwortet wird.

Die Jona-Erzählung hat kein Happy End!

Doch höre ich schon den Widerspruch: Der Fisch hat ihn doch ausgespuckt! Jona ist am Leben. Jona hat seine Mission ausgeführt. Jona ist gereift, er ist gewachsen, er hat sich seinen Konflikten gestellt, ist in die Tiefe seines Lebens hinabgestiegen, hat seine große und doch so kleine Angst um sich selbst überwunden, er ist über sich hinausgewachsen, hat die Grenzen seines alten Denkens überwunden, er war sich nicht zu schade Menschen zu begegnen, denen er im Traum nicht die Hände gereicht hätte, seine starke Angst ein unreines Gebiet zu betreten, hat er hinter sich gelassen, er hat die Menschen gewarnt und ihnen gesagt, dass sie ernten werden, was sie gesät haben. Sie sollen davor die Augen nicht verschließen. Ja, Jona hat ihnen mit seinen Worten die Augen geöffnet. Das, was er nicht geglaubt hat, ist passiert. Das war doch ein Höhepunkt in seiner Propheten-Karriere. Jona hat ihnen nicht nur die Augen geöffnet, er hat ihnen sogar im Namen seines Gottes gedroht: Apokalypse Now!

Das mit dem Angst machen klappt noch heute. Wir brauchen dafür in unseren Breitengraden längst nicht mehr den Namen Gottes, aber Angstschüren ist das Krebsgeschwür unserer Zeit.

Angst triggert vor allem unser Sicherheitsbedürfnis. „Kriegstüchtig“ müssen wir werden. Gefahr droht aus dem Osten. Putin will sich bis zum Ende des Jahrzehnts große Teile Europas einverleiben. „What ever it takes“ ist unsere Antwort. Aber- und Abermilliarden sollen investiert werden in Waffensysteme aller Art. Die Kriegstüchtigkeit soll mindestens so schnell wachsen wie ein Rizinusstrauch. Was für eine hirnverbrannte Ideologie, eine Investition in Todesenergien statt in Frieden, Bildung und Bewahrung der Schöpfung. Entrüstet euch!

Haben wir denn gar nichts aus den beiden Weltkriegen im letzten Jahrhundert gelernt?

Statement für universale Menschlichkeit.

Konkret geht es im Jonabuch um eine Umkehrgeschichte. Um eine Umkehr Gottes. Gott will das assyrische, heidnische Ninive vernichten, weil die Menschen in der Stadt Böses treiben. Dem Unrecht soll ein Ende gesetzt werden durch Auslöschung. Damit geht Jona d´accord. Ein neuer Anfang soll her durch Vernichtung. Die politische Pointe der hebräischen Erzählung ist aber eine Mahnung gegen Rache und Gewalt und ein starkes Statement für universale Menschlichkeit.

Wir wissen, Israel ist seit der Staatsgründung in seiner Existenz bedroht. Der terroristische Einfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit über 1000 Ermordeten und hunderten Verschleppten war ein Akt gegen Menschlichkeit und Völkerrecht. Diese Erfahrung hat die israelische Bevölkerung und Juden weltweit re-traumatisiert. Die Antwort Rache und Vergeltung. Das Ziel: die vollständige Vernichtung der Hamas. Der Zweck heiligt die Mittel aus Sicht der israelischen Regierung. Die Folge unendlich menschliches Leid der palästinensischen Bevölkerung durch die israelische Armee. Ein himmelschreiendes Unrecht, das wir mit Waffenlieferungen an Israel unterstützen.

Wann endlich kehren wir um? Wann endlich überwinden wir Rache- und Vergeltungsschläge? Das ist der einzige Weg zum Frieden.

Die jüdische Jona-Erzählung mahnt Mächtige zur Umkehr, zu einem Sinneswandel, zu einem echten Neuanfang.

Aber zurück zu unserer Geschichte. Ja, kein Happy End! Aber warum?

Am Ende der Jona-Erzählung steht eine Frage, die beantwortet werden will durch die Jahrhunderte hindurch bis heute. Sie will beantwortet werden durch dich und mich. Das ist großes literarisches Kino!

Die Frage ist nur, ob wir die Frage an uns heranlassen. Das sie uns im Kern trifft. Das wir gar nicht mehr anders können als sie mit unserer ganzen Existenz zu beantworten.

Wie hältst du´s mit der Empathie?

Gott geht hier voran. Wie schon in der Geschichte von der großen Flut, wo es am Ende heißt, dass Gott die Erde und alles was auf ihr lebt nie mehr vernichten will, erinnert sich Gott seines Mitgefühls für Mensch und Tier. Gott erinnert sich daran, dass in Ninive Menschen und Tiere leben, „die nicht wissen, was rechts oder links ist“ (Jona 4,11b).  Wie sollte es ihm da nicht gereuen und er selbst von der Vernichtung Ninives absehen, Güte und Barmherzigkeit in ihm siegen?

Davon will Jona nichts hören. Davon wollen wir alle nichts hören. Wir alle aber leben vom Mitgefühl anderer mehr als wir ahnen.

Jona hatte gute Gründe. Wir auch. Der Zweck heiligt die Mittel. Das war schon immer so. Allerdings führt uns das nicht weiter.

Weiter führen uns Empathie und Menschlichkeit. Dazu unbedingt notwendig: die Bereitschaft zu vergeben, einen Neuanfang zu wagen, wie es Gott hier macht. Die wichtige Frage nach Recht und Gerechtigkeit braucht Empathie, ein Verstehen, die Fähigkeit sich in die anderen hineinzuversetzen und die Suche nach Ausgleich.

Ich will Jona nicht abschreiben. Auch sein Weg bleibt offen. Und er hat vieles gelernt in dieser Geschichte. Sie hat kein Happy End für den Helden Jona. Sie ist aber auch keine Tragödie.

Jona trägt etwas in sich, das größer ist al er. Seine göttliche Berufung. Sein Name heißt übersetzt Taube. Eine Taube kehrt immer wieder zurück zu ihrem Ursprung. Eine Taube mit dem Ölzweig im Schnabel steht für Frieden und für Neuanfang.

Gottes Wirklichkeit zeigt sich uns, wenn wir Menschlichkeit leben, wenn wir mit Respekt allem Leben begegnen und Leben fördern.

Wir leben in einer Welt, wo viele Menschen nicht wissen, „was rechts oder links“ ist – und wir gehören selbst dazu!

Wir dürfen aber im Glauben ein Gottesbild in uns tragen und auch nähren, dass seine Güte, Liebe, Schöpfungs- und Menschenfreundlichkeit unter uns groß macht. Das wärmt uns. Das stärkt uns. Das tröstet uns. Das mahnt und lehrt uns.

Das widerfährt uns, wie es Jona widerfahren ist.

Friede sei mit euch, Predigt Konfirmation, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Über: Johannes 20, 19-21

„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren auf Furcht vor den Juden [antisemitisch, besser: dem Pöbel], kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als der das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“ (aus: Lutherbibel 2017)

Kontext: Segensworte des neuen Papstes

Nach der Wahl des neuen Papstes Leo XIV am 8. Mai 2025 begrüßt dieser die versammelten Gläubigen auf dem Petersplatz mit den Worten:

Der Friede sei mit euch allen!

Liebe Brüder und Schwestern, dies ist der erste Gruß des auferstandenen Christus, des guten Hirten, der das Leben gegeben hat für die Herde des Herrn.

Auch ich möchte, dass dieser Friedensgruß in euer Herz eingehe, eure Familien erreiche, alle Menschen, wo immer sie seien, alle Völker, die ganze Erde. Der Friede sei mit euch!

Dies ist der Friede des auferstandenen Christus, ein entwaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beharrlich. Er kommt von Gott, Gott, der uns alle bedingungslos liebt.

 

Anmerkung: Die Predigt für die Konfirmation habe ich vor der Wahl des Papstes geschrieben. Da es ausschließlich Jungen sind, die ich konfirmiere, verwende ich in der Predigt die männliche Anrede: Konfirmanden

Liebe Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

was gibt es Schöneres in Zeiten, die uns verunsichern, wo wir innerlich unruhig sind und nicht wissen, wie es weiter geht, dass jemand zu uns kommt und sagt: Friede sei mit euch!

Jesus sieht euch Konfirmanden als Kinder Gottes an. Jesus kommt mit guten Absichten. Jesus gibt sich zu erkennen. Jesus macht euch Mut. Jesus gibt euch von seinem Geist.

Jesus sieht euch als Kinder Gottes

Vielleicht ist es das Wichtigste, was Jesus der Welt hinterlassen hat. Die Wahrnehmung eines jeden Menschen als Kind Gottes.

In der Auferstehungserzählung erscheint Jesus seinen verängstigten Jüngerinnen und Jüngern mit den Worten: Friede sei mit euch!

Als sie Jesus erkennen, wird ihr Herz froh.

Im Konfirmandenunterricht haben wir uns intensiv mit Jesus-Geschichten beschäftigt. Ihr habt ein Jesus-Buch gestaltet.

Von Jesus kann ich nicht genug kriegen. Immer wieder sprechen die Jesus-Geschichten aus den Evangelien zu mir. Die Wiederholungen langweilen mich nicht, sie führen mich zu Jesus zurück und vertiefen meine Liebe zu ihm. Ich fühle mich von Jesus gesehen und ernst genommen.

Wenn erzählt wird, dass ein Blinder am Wegrand schreit: Herr, erbarme dich und Jesus den Blinden heilt, wage auch ich zu beten: Herr, erbarme dich.

Wir können Jesu Worte hören und sie schnell wieder vergessen. Sie einfach wegwischen wie eine Nachricht auf dem Handy, die uns nicht mehr interessiert.

Wir können Jesu Worte hören und sie uns einprägen. Wir können ihnen Vertrauen schenken. Wir können Jesu Worte vom Bewusstsein in unser Herz aufnehmen. Dann sind sie in uns lebendig.

Ich wünsche euch, die ihr heute euren Glauben in der Gemeinde bekennt, dass euch Jesu Worte immer wieder gegenwärtig sind. Vielleicht nur das eine, aber das mit Macht: Friede sei mit euch!

Der auferstandene Jesus sieht euch – egal in welcher Lebenssituation ihr seid – immer als Kinder Gottes an – als konkrete, unverwechselbare Personen – und eröffnet euch neue Lebensräume.

Jesus kommt mit guten Absichten

Es ist gar nicht leicht zu erkennen, wer es gut mit euch meint. Das habt ihr alle schon erlebt. Ihr habt jemanden vertraut und seid enttäuscht worden. Ihr musstet und müsst lernen zu unterscheiden, wer es gut mit euch meint und wer nicht, sonst werdet ihr in eurem Leben immer wieder über den Tisch gezogen oder gar verführt von Menschen, die euch lächelnd umwerben, euch abzocken oder gar auf die dunkle Seite des Lebens ziehen. Sie oder die KI erkennen eure Schwächen und packen euch genau da. Lasst euch nicht blenden. Die Welt ist voller Blender. Sie können auch in einem religiösen Gewand auftreten. Sie manipulieren euch. Sie verdrehen euch den Kopf. Sie lassen euch Dinge glauben, die völlig irre sind. Sie lotsen euch in eine Weltsicht, die euch und andere schadet. Bleibt im Gespräch mit euren Eltern, der Familie und Freunden. Wendet euch nicht von denen ab, die es gut mit euch meinen, auch wenn sie euch kritisieren oder ihr Streit miteinander habt. Wenn jemand mit euch aus der Familie streitet, dann seid ihr ihm nicht egal. In der Regel sorgt er sich dann um euch.

Jesus hat sich auch gestritten mit denen, die schon immer alles besser wussten und die Menschen gefügig machten für ihre Interessen; einen Glauben lehrten, der sie klein machte.

Und als einmal die Jünger untereinander streiten, wer unter ihnen der Größte  ist, hat sich Jesus eingemischt und die Streitenden mussten lernen, es geht im Reich Gottes nicht um Größe, Ruhm und Ehre, sondern darum, sich einander in Liebe zuzuwenden. Jesus wendet sich euch in Liebe zu.

Jesus gibt sich zu erkennen

Da kann ja jeder kommen und sagen: Friede sei mit euch! Wem aber können wir vertrauen? Jesus gibt sich seinen Jüngerinnen und Jüngern zu erkennen. Der Auferstandene zeigt ihnen seine am Kreuz zugefügten Wunden: seine durchbohrten Hände, seine verletzte Seite. Ich bin kein anderer als der, der ich war als ich mit euch lebte. „Ich bin derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Ich war und bin gesandt, euch in ein (ewiges) Leben mit Gott zu führen, euch zu heilen und euch zu senden.

Die Gesundheitsindustrie verspricht euch ein langes Leben, manche vermeintliche Forscher sogar ein unendliches. Ihr müsst euch nur ständig selbst kontrollieren, euch ausschließlich gesund ernähren und die eine oder andere Pille schlucken.

Seit Gott für die Welt tot ist, wird Gesundheit immer mehr zur Religion. Lasst euch nicht einlullen von denen, die euren Körper beherrschen wollen, weil sie wissen, was gut für ihn ist. Wenn Jesus seinen Jüngern seine Wunden zeigt, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass zum menschlichen Leben Wunden und Verletzungen gehören, die sichtbar bleiben, die zu uns gehören. Es ist ein Irrglaube, dass jeder Makel, jede Verletzung, jede Einschränkung einfach wegzumachen sind. Da hilft auch die positivste Einstellung nicht, im Gegenteil. Ich wünsche euch, dass das, was ihr an Schwerem erlebt habt und auch erleben werdet, euch nicht aus der Bahn wirft an das Gute zu glauben. Gott kann es wenden, dass ihr darüber reden könnt und es euch mit der Zeit gelingt, das Unabänderliche in euerem Leben zu integrieren, vielleicht sogar daraus Kraft zu schöpfen. Es geht im Glauben gerade nicht um Perfektion oder gar Vollkommenheit oder um ein möglich langes Leben; es geht um Erfüllung, Sinn und Liebe. Wer euch Heil auf Erden verspricht, ist ein Lügner. Ein falscher Messias.

Jesus macht euch Mut

Angst wird immer zu uns gehören. Sie ist menschlich. Auch Menschen, die glauben, haben Ängste. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33b). Jesus hat den Tod überwunden. Die Nacht. Das Dunkle. Die Angst. Weil wir das glauben, dürfen wir hoffen über unsere Angst hinaus. Unsere Ängste sind nicht alles, allein das, macht uns immer wieder stark und mutig für das Gute und die Wahrheit zu kämpfen. Vielleicht bist du eine ängstliche Natur, aber es könnte doch sein, dass ein Moment in deinem Leben kommt, da bist du derart selbstvergessen, dass du das Richtige mutig sagst und tust. Ein Wunder. Gottes Geist wirkt in dir.

Jesus gibt euch von seinem Geist

Jesus sagt zu seinen Jüngerinnen und Jüngern ein zweites Mal: Friede sei mit euch!

Dann erteilt er ihnen und euch heute einen Auftrag. Vorher aber gibt er ihnen und euch heute das mit, was sie und ihr braucht, um ein Leben in der Nachfolge Jesu zu führen: Gottes guten Geist. Jesu Geist soll euch anwehen.

Wie der Wind Blätter bewegt, bewegt Jesu Geist die, die zu ihm gehören. Es ist Gottes Geist. Ein Geist der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Friedens: Friede sei mit euch!

Ihr Lieben, orientiert euer Bewusstsein an Jesus, lasst seinen Geist in euch leben, werdet friedenstüchtig.

„Und der Friede Gottes sei mit Euch .“

Ein anderer Papst-Nachruf, Eine Predigt, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Foto: Annett Klingner (C)

Predigt über 1. Petrus 1,1 am Sonntag nach Ostern, Quasimodogeneti 2025

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

 

Liebe Gemeinde,

die Kirche und die Welt gedenken des Todes von Papst Franziskus und nehmen von ihm Abschied. Es geht mir heute nicht darum, die große Aufmerksamkeit, die Papst Franziskus zurecht bekommt zu ergänzen oder gar mir anzumaßen, sein Pontifikat zu beurteilen. Mir geht dieser Papst nicht aus dem Sinn, wenn ich den Wochenspruch von Quasimodogeneti lese (siehe Predigttext), komme ich auf sein zeichenhaftes Wirken und die damit verbundene Hoffnung für die Verlorenen dieser Welt zurück. Ja, Papst Franziskus hat mich beeindruckt, weil er ein Protestmensch gegen die Mächte des Todes war. Laut und deutlich hat er seine Stimme erhoben, zuletzt sicherlich eine gebrochene Stimme, von Krankheit gezeichnet, als er zwei Tage vor seinem Tod J.D. Vance, dem katholischen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, die Leviten las in Hinblick auf die menschenverachtende Trump-Praxis der Abschiebung von Migranten und Illegalen. Eine verlogene Praxis, da diese Menschen mit ihrer Arbeitskraft einen Teil des Wohlstands der Amerikaner produzieren.

Unsere Welt braucht nichts so sehr wie Menschen, die sich gegen die Todesenergien der Zerstörung von (sozialen) Werten stellen. Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist und bleibt ein Widerstandshort gegen Ideologien, einem Kapitalismus und einer Politik, die alle sozialen Werte auffrisst und den Menschen zur Sache degradiert. Wenn wir eine lebendige Hoffnung haben, dann lassen wir uns unseren Glauben nicht nehmen, dann treten wir für das Leben ein.

Entkirchlichung

Wir spüren deutlich als Gemeinde, dass wir in entkirchlichten Zeiten leben. Ein Beispiel:

Wenn jüngst von allen angeschriebenen Eltern zur Anmeldung ihrer Kinder zum Konfirmandenunterricht nur ein drittel der Eltern ihre Kinder anmeldet, erleben wir den Abbruch von einer noch vor 25 – 30 Jahren stabilen evangelischen Tradition. Es war selbstverständlich, dass evangelische Kinder zum Konfiunterricht geschickt wurden. Heute werden die Jugendlichen selbst gefragt, ob sie konfirmiert werden wollen. Das muss nicht schlecht sein, aber es braucht doch eine positive Haltung der Eltern zur Konfirmation und dem Kennenlernen von Gemeinde.  Diese Haltung ist weitgehend verschwunden. Dem größten Teil der Eltern ist es scheinbar egal, obgleich sie bei der Taufe versprochen haben, ihr Kind christlich zu erziehen. Aber das ist lange her. Alles, was mit Glauben zu tun hat, ist für die meisten unserer Mitmenschen völlig bedeutungslos geworden. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch hat in unseren drei Predigtstätten ebenfalls im letzten Jahrzehnt stark nachgelassen. Längst nicht mehr lassen sich alle Evangelischen kirchlich bestatten. Es ist ihnen und ihren Familien nicht mehr wichtig. Sie sehen darin keinen Mehrwert. Auch einer Kirche anzugehören gilt für immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft als obsolet. Das soll keine Bewertung sein, einfach eine nüchterne Beschreibung, was wir als Lydia-Gemeinde erleben.

Glaubens- und Nachfrageschwund

Der schwindende Glaube und die Nachfrage nach unseren Angeboten sind die eigentlichen Probleme, die wir als Kirche haben, nicht wie wir unsere Gebäude und anderen Aufgaben bezahlen können. Das ist sekundär. Der Abbau, Rückbau und Umnutzung von Gebäuden werden uns als Lydia-Gemeinde noch lange beschäftigen. Die Kirche ist aber mehr als eine Ansammlung von Gebäuden und Veranstaltungen. Sie ist eine Hoffnungsgemeinschaft, eine Erzählgemeinschaft, welche Sinn stiftet und einen Schatz hat, den die Welt nicht bieten kann. Von daher stellt sich die Frage, wie wir Hoffnung vermitteln, verkündigen und leben. Wie kommen wir aus einer zunehmend depressiven und erstarrten Haltung heraus?

Zeichenhaftes Wirken von Franziskus

Hier hat der Papst zeichenhaft für alle christliche Kirchen gewirkt. Trotz seines Eingehegt-Seins in einer Weltkirche durch die katholische (Dogmen-)Tradition und gegensätzlichen Strömungen einer Weltkirche, in die Kurie und eine schwerfällige Verwaltung ist es ihm gelungen den wesentlichen Auftrag der Kirche in der Nachfolge Jesu Christi zu leben und die Kirche in Bewegung zu bringen: Barmherzigkeit und Solidarität

Barmherzigkeit ist Solidarität mit den Vergessenen

Wenn wir auch nur ein dunkler Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sind, so strahlen wir doch, wenn Barmherzigkeit von Herzen kommt, Hoffnung in die Kirche und in die Welt aus. Wenige Tage vor seinem Tod ermutigte Papst Franziskus Missionare eines Ordens mit den Worten: „Barmherzigkeit ist die größte Umarmung Gottes.“  Das können wir wahrhaft von diesem Papst als Gemeinde lernen. Barmherzigkeit zu leben, nicht weil wir das so gut können, sondern weil wir Gottes Barmherzigkeit in unserem Leben in der Gemeinschaft erfahren und auch gegen den Augenschein glauben, auch, weil der Geist der Barmherzigkeit uns die Augen öffnet über die eigene Befindlichkeit hinaus, hin zu denen, die nicht gesehen werden.

Barmherzigkeit stiftet Hoffnung, investiert in Menschen trotz Enttäuschungen. Barmherzigkeit sucht den Frieden, weil töten unbarmherzig ist. Barmherzigkeit sucht das Lebensrecht aller Kreatur, damit Unterdrückung, Ausbeutung und Zerstörung ein Ende haben.

Lebendige Hoffnung

Wir brauchen eine neue Geburt, eine Wieder-Geburt des Geistes Jesu in uns, dass die Hoffnung wieder in uns lebt und neu entfacht wird. Das ist Auferstehung. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist unser Hoffnungskern gegen Verzweiflung, Alternativlosigkeit, Einsamkeit, Gewalt und Krieg, und gegen einen totalitären Kapitalismus, der keine Freiheit bringt, sondern am laufenden Band Verlierer produziert. Wir aber sind Gewinner, weil wir zu Jesus gehören. Wir sind wie neugeborene Kinder, neugierig auf eine Welt, die Gott uns verheißt: sein Reich. Wir sind verliebt in gelingendes Leben. Das gilt auch für uns als Gemeinde. Mag vieles sterben. Mag vieles nicht mehr funktionieren. Mag vieles sich verändern. Mögen wir darunter leiden, aber das ist nicht das Ende. Gott ist verliebt in Neuanfänge. Auch mit uns oder mit denen, die nach uns kommen.

Predigt Gefangene befreien, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Liebe Gemeinde,

das öffentliche Wirken Jesu beginnt nach dem Evangelisten Lukas mit seiner Predigt im Synagogengottesdienst seines Heimatdorf Nazareth. Jesus liest aus der Schriftrolle des Propheten Jesaja. Es ist ein messianischer Text, der die Verheißung enthält, dass der kommende Messias die Gefangenen befreien wird. Wir hören die Worte in der Lutherübersetzung 2017:

„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, das sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Und als er das Buch zutat, gab´s er dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“  Lukas 4, 18-20

 

Messianische Verheißung

Umwälzung liegt in der Luft. Die Verhältnisse kehren sich um. Die Gefangenen werden befreit und die Unterdrücker werden zur Rechenschaft gezogen. Die Zerschlagenen werden geheilt. Jesus erinnert uns heute, die messianische Zeit ist erst dann vollendet, wenn alle Eingekerkerten befreit werden. Der jüdische Glaube weiß davon ein leidvolles Lied zu singen und wie ein piependes Ohrgeräusch ist es mahnend in das Christentum eingeschrieben: Erst wenn alle, die in Gefängnissen ihrer Würde beraubt wurden – heute, gestern oder zukünftig – befreit werden, ist die Sendung des Messias Jesus abgeschlossen. Wenn Jesus als Weltenrichter aus den Himmeln wiederkommt, werden alle Gefangenen freikommen und das Recht wird aufgerichtet. Das wird ein Auszug aus der Knechtschaft und physischen Unterdrückung sein, wie es noch kein Mensch gesehen hat. Der Kommende ist der Richter, der die Schafe von den Böcken scheiden wird (Matthäus 25, 31). Es ist der Weltenrichter an dem die Welt ihr Gericht durch Tod am Kreuz vollzog und den Gott mit der Auferstehung ins Recht gesetzt hat. Jesus ist ein Richter, der selbst Unrecht erlitten hat.

 

A Better Place

Menschlich gesehen sollten wir einen solchen Richter fürchten. Wer ist schon von Rachegedanken frei? Wenn wir richten könnten, wie würden wir die Menschen, die getötet und vergewaltigt haben, vielleicht sogar unser eigenes Kind, richten?

In der achtteiligen Drama-Serie „A Better Place“ ( ARD 2024/2025) wünscht eine über die Freilassung des Mörders ihres Sohnes zornentbrannte Mutter, dass der Mörder zeitlebens weggesperrt bleibt. Zu einer Mediation mit dem Täter ist sie nicht bereit. Verständlich! Oder? Das Experiment Gefangene eines Gefängnisses in der fiktiven Stadt Rheinstadt unter strengen Auflagen, aber mit einem Vertrauensvorschuss in die Freiheit zu entlassen, dass sie wieder Fuß fassen können, scheitert auf ganzer Linie.

Es ist die Angst Verurteilte frei zu lassen, weil wir ihr kriminelles Gewaltpotential fürchten. Dabei zeigen Studien, dass eine Täter-Opfer-Mediation und eine aktive Wiedergutmachung durch Täter zu einer stabileren und viel höheren Resozialisierungsrate führt und auch zu einem höheren Gerechtigkeitsempfinden auf Seiten der Opfer. Aber es ist einfacher und in der Gesellschaft akzeptierter Täter, zu isolieren. Eine aktive Wiedergutmachung durch Täter ist nicht gewollt. Dazu kommt unsere Vorstellung von Sühne, die von alters her unser Denken und Empfinden bestimmt. Der Täter soll für seine Tat büßen. Die Bußübung ist der Freiheitsentzug, das Wegsperren hinter Mauern und Gittern (Wegsperren, Thomas Galli). Das verhindert Täter als Teil der Gesellschaft zu sehen. Sie haben es verwirkt.

 

Der Weltenrichter Jesus

Jesus, der Weltenrichter, kehrt es um. Nicht Rache bestimmt sein Richten, sondern seine göttliche Empathie und seine göttliche Gerechtigkeit. Tätern und Opfern soll Gerechtigkeit widerfahren. In Jesu Rede über das Endgericht (Matthäus 25) gibt es einen Rollentausch. Jesus lässt sich selbst gefangen nehmen. Wo gibt es einen weltlichen Richter, der sich mit einem physisch Gefangenen und den damit verbundenen Freiheitsentzug identifiziert? Wo gibt es einen himmlischen Richter, der beim Jüngsten Gericht sagt: Wenn du einen Gefangenen aufgesucht hast, hast du mich aufgesucht? Gehe ein in das ewige Leben!

Es geht in Matthäus 25 noch nicht einmal um Befreiung, sondern bei diesem Werk der Barmherzigkeit um das Aufsuchen von Gefangenen: um Kommunikation, um Gespräch, um Gemeinschaft, um Würdigung. Jesus setzt sich der Entwürdigung aus, dem Ausgeliefertsein der Wächter, dem Verstummen, dem lauten und stillen Leiden der Gefangenen, der Folter und Isolationshaft. Jesus teilt die Scham und die Stigmatisierung der Gefangenen, ihre Sehnsucht dazu zu gehören, wieder ein Teil der Familie, wieder ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Ein freier Mensch auf Gottes Erde und unter Gottes Himmel. Der Weltenrichter hat für alle gesühnt, ist an unserer Stelle leiblich gebrochen worden und hat die Tiefen der Hölle durchschritten. Mit Sühne sollte Schluss sein!

„Herr, du bist Richter, du nur kannst befreien, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit sie gilt für Menschen, Völker, [Ethnien], so weit wie deine Liebe uns ergreift (Eg 663,4).“

Gefängnishölle

Gefängnis ist in den meisten Ländern der Welt: Die Hölle. Und das nicht nur in den Autokratien und Diktaturen unserer Welt. Das hat uns nicht zuletzt das Drama der Gefangenschaft von Julian Assange gelehrt. Der in einen Hochsicherheitstrakt Eingekerkerte Whistleblower, der schlimmste Kriegsverbrechen aufgedeckt hatte, wurde wegen Staatsverrat angeklagt. Ein politisch Verfolgter, wie so viele, die in Gefängnissen drangsaliert und psychisch gebrochen werden. Ihre Zahl ist Legion.

 

 

Freiheit im Gefängnis?

Es ist die staatliche Willkür, die Menschen in Gefängnissen weltweit zerbrechen lässt, aber auch suchen lässt nach einem göttlichen Halt. Zurückgeworfen auf sich selbst, öffnen sich Menschen für geistige Wahrheiten, für die spirituelle Dimension ihres Lebens. Robert Rother, dem ich vor einem Jahr persönlich begegnet bin, erzählt in seinem Buch Drachenjahre, wie er 7 Jahre und 7 Monate in der chinesischen Gefängnishölle in Dongguan überlebt hat. Er fand zu Gott und Mithilfe seines Glaubens entwickelte er eine Überlebensstrategie. So paradox es klingt. Im Gefängnis erfährt er sich – immer wieder – als frei, wie nie zuvor in seinem Leben. Er schreibt: „Der Glaube half mir, meinen Absturz als etwas Relatives zu begreifen und meinen Bedeutungsverlust zu akzeptieren. Es war letztlich das Einzige, was mir blieb. Nicht einmal die im Knast allmächtige Staatsmacht konnte mir den Glauben nehmen – nicht den an Gott und nicht den an mich selbst. So bewahrte ich mir meine Würde (Drachenjahre S.134/135).“

Geschichten von Gefängnis und Befreiung

Auch wenn wir in die Bibel schauen, lesen wir von Geschichten, wie Gott rettend seine Kinder aus Gefangenschaft befreit oder wie Zeiten der Gefangenschaft zum einen zur Erfahrung der Abwesenheit Gottes, zum anderen zur Gotteserfahrung werden. Das Volk Israel und sein Gottesverhältnis ist entscheidend durch Gefangenschaft und Unterdrückung geprägt. Die wichtigste jüdische Hoffnungs- und Zukunftserzählung ist der Exodus aus der Sklaverei Ägyptens. Gott führ sein Volk in die Freiheit.

Da ist aber auch die Geschichte von Josef, der zu Unrecht ins Gefängnis verbannt wird. Gott steht ihm bei, segnet ihn mit Träumen und der Fähigkeit, Träume zu deuten. Der Pharao lässt ihn aus dem Gefängnis kommen und er wird der zweite Mann im Staat Ägypten. Die Geschichte von Josef hat mich schon als Kind beeindruckt. Ich habe als Kind mit Josef gelitten und mich über die wunderbaren Fügungen in seinem Leben gefreut: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen (Genesis 50,20).“ 

Als Zäsur der biblischen Geschichte Israels gilt die Gefangenschaft großer Teile der Elite Israels, ihre Deportation nach Babylon. Während der babylonischen Gefangenschaft hat Gott zu Israel geredet durch die Propheten. Nach der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung hielt ein kleiner Rest in der Fremde an Gott fest. Rückblickend lässt sich sagen, dass der jüdische Glaube auch ohne Tempelkult in Jerusalem weitergelebt hat. Der Glaube an den einen Gott hat der Krise standgehalten, mehr noch: Die babylonische Gefangenschaft war eine produktive Zeit für die schriftliche Fixierung des jüdischen Glaubens und für die messianische Hoffnung, dass Gott sein Volk befreien wird. In der Krise sind Psalmen und biblische Schriften entstanden, die uns heute in einer gottvergessenen Welt Wegzehrung und Weisung sind.

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan. (Psalm 126, 1-3)

Gefangenschaft und Recht

Aber auch das Neue Testament erzählt von wunderbaren Befreiungsgeschichten aus Gefängnissen. Als Paulus und Silas buchstäblich im innersten Bunker eines Gefängnislochs in Thessaloniki die eisernen Ketten von den Fesseln fallen, kommt der Gefängniswächter zum Glauben und will den zugefügten Schaden wieder gut machen „Und er [der Gefängniswärter] nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen (Apg 16,33)“

Das ist nicht das einzig Interessante an dieser Geschichte. Nachdem die Stadtrichter nichts gegen Paulus und Silas in der Hand hatten, aber vor ihrer Untersuchungshaft Stockschläge durch die Gerichtsdiener anordneten, waren sie furchtbar erschreckt, da sie erfuhren, dass Paulus und Silas das römische Bürgerrecht besaßen. Paulus und Silas beschwerten sich bei ihnen, dass sie als römische Bürger nicht hätten körperlich gezüchtigt werden dürfen. Sie traten selbstbewusst für ihr Recht ein.

Noch in den schlimmsten menschenverachtenden Systemen gibt es ein Rechtssystem. Auch Roland Rother hat die chinesischen Gesetzte und Gefängnisverordnungen studiert, um sich gegen Übergriffe zu wehren. Das hat die Willkür – selbst in einem korrupten System – begrenzt.

Die allgemeinen Menschenrechte der UNO helfen sehr, sich für Gefangene einzusetzen, deren Menschenrechte verletzt werden. Es gibt weltliche und christliche Organisationen, die sich für politisch und religiös Verfolgte und Inhaftierte einsetzen. Immer wieder führt die Schaffung von Öffentlichkeit zu Haftverbesserungen, manchmal auch zur Haftentlassung (Nelson Mandela).

Auch in unserem Land gibt es Forderungen, das Gefängniswesen zu reformieren (Wie wir das Verbrechen… Thomas Galli). Die Ziele der Resozialisierung werden mit Wegsperren nicht erreicht, im Gegenteil. Viele Inhaftierte werden in unseren Gefängnissen erst recht kriminalisiert. Diese Reformen scheitern bisher an einem rigiden Justizsystem und an der Angst der politisch Verantwortlichen vor dem Volk. Der Sühnegedanke ist zu tief in uns allen verankert. Christinnen und Christen sollten sich für eine Gefängnisreform, die Opfern und Tätern hilft, einsetzen. Es gilt nicht nur ein Werk der Barmherzigkeit an Gefangenen zu tun, sondern das Recht dahingehend zu verändern, dass Menschenwürde für Opfer und Täter angestrebt wird.

 

Gott befreit

Wenn Gott befreit, dann ist es eine echte Befreiung. Die größte Befreiung ist die Auferstehung Jesu von den Toten. Auferstehung ist die Befreiung vom Tod. Seitdem läuft zukünftig (eschatologisch) alles auf die Befreiung der physisch und psychisch Gefangenen heraus. Auf diese große Befreiung warten wir. Sie ist uns verheißen, wenn Jesus mit Macht und Herrlichkeit wieder kommt. Die Unterdrücker werden nicht das letzte Wort über ihre Opfer haben. Wir sind Kinder der Freiheit und stehen mit einem Fuß im Reich Gottes. Lasst uns unsere Berufung leben, Gefangene aufsuchen (Gefängnisseelsorge), und mit unseren Gebeten, unserer Haltung und unserer Kraft Gefangene aus der Isolation befreien.

Amen.

Anmerkung: Mit der Predigt will ich die Hoffnung und den Glauben stärken, dass Gott am Ende der Zeit die Gefangenen endgültig befreien wird. Die Unterdrücker werden nicht das letzte Wort haben.

 

Vom Schlechten des Guten, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2025

Predigt über Prediger 7,15-18 zum Sonntag Septuagesimae 2025   

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen. (Luther 2017)                 

Liebe Gemeinde,

„Nur die besten sterben jung“ dröhnt es aus den Lautsprechern. Es scheint, als hätten die Böhsen Onkelz, eine Kultband um die Jahrtausendwende, die auf wummernde Rockmusik mit dumpfen Texten daherkam, beim Prediger Salomo abgeschrieben. Beobachtet der Prediger doch, dass gute, gerechte Menschen oft früher sterben als die bösen, die sich nicht an Gottes Gebote halten.

Die Böhsen Onkelz schreien es heraus, Zeile für Zeile, dass das Leben nicht gerecht ist. Es ist sinnlos darüber nachzudenken, warum es so ist.

Das Leben ist absurd, zufällig, unberechenbar. Mit diesem Lebensgefühl drücken die Böhsen Onkelz das aus, was im Prediger Salomo schon über 2000 Jahre vorher als Weisheit aufgeschrieben ist.

Alles ist eitel

„Alles ist eitel“ – übersetzt es Luther. Alles ist ein Nichts, ein Windhauch könnte man auch übersetzen. Diese Erkenntnis des Prediger Salomos ist verstörend und grenzt an Nihilismus, der Verneinung des Lebens und der Hoffnung, dass es sich lohnt, sich für das Gute einzusetzen. Da bleibt dann nur noch Resignation, oder?

Ist das Leben gerecht?

Es gibt keine Garantie, dass aus guten Handlungen ein gutes Leben folgen wird. Es gibt aber auch keine Garantie, dass aus bösen Taten ein schlechtes Leben folgt. Und wenn wir ehrlich sind: Ist das nicht auch unsere Erfahrung? Wieviel Menschen gibt es, die sich abrackern, die sich ehrlich bemühen, die wirklich Gutes wollen und doch auf keinen grünen Zweig kommen? Immer geht das Glück eine Tür weiter.

Von der Weisheit, des Guten nicht zu viel zu tun

Der Prediger Salomo geht sogar in seiner Analyse noch einen Schritt weiter. Er rät den Guten nicht zu viel des Guten zu machen. Der Prediger steht einem Aufstand der Anständigen skeptisch gegenüber. Wer sich auf der richtigen Seite wähnt, neigt dazu, andere radikal abzuwerten.

Wir alle kennen Menschen, die voller Überzeugung und mit gutem Beispiel vorangehen und entsprechend ihren ethischen Erkenntnissen moralisch „sauber“ leben. Sie trinken keinen Alkohol. Sie essen kein Fleisch. Sie fahren kein Auto. Sie fliegen nicht mit dem Flugzeug. Sie leben bewusst und gesund. Sie treiben viel Sport. Sie setzen sich für Minderheiten ein. Sie gendern, wie es gerade angesagt ist. Mit einem Wort. Sie sind perfekt und auf der Höhe eines fortschrittlichen Zeitgeistes. Sie wollen auf der richtigen Seite stehen, unbedingt, koste es, was es wolle. Dabei merken Sie nicht, wie sie sich und andere mit ihrer rigiden Moral schaden. Sie wollen oft gute Veränderungen, nehmen Minderheiten in den Blick, stellen sich auf die Seite der Ausgegrenzten, kritisieren Machtstrukturen und legen dunkle Kapitel der eigenen Geschichte offen und gleichzeitig sehen sie sich selbst als die besseren Menschen. Sie gehen in einen permanenten Klage- und Angriffsmodus über, canceln öffentlich Andersdenkende, werden zu Moral- und Sprachpolizisten. Ganze gesellschaftliche Schichten werden manchmal von einem Gerechtigkeitswahndiskurs erfasst, der bar aller Lebenspraxis ist. Da kann es schon einmal passieren, dass aus Friedensaktivisten über Nacht glühende Befürworter von Waffengattungen aller Art werden. Aus „Frieden schaffen ohne Waffen“ wird kurzerhand: „Frieden schaffen mit Waffen“. Jetzt zählt nur noch Stärke und Aufrüsten. Wer bestimmt eigentlich, was gut ist und was nicht?

Selbstgewählte Askese

Selbstgewählte Askese kann etwas Gutes sein. Sie kann sich aber auch schnell zu einer überheblichen Selbstgerechtigkeit entwickeln, die das Verhalten der anderen nur als schädlich und defizitär wahrnimmt. Dann wird aus einer vitalen Moral ein starrer Moralismus. Das kennen wir aus jeder Gemeinschaft und Gruppe, sei es in der Kirche, in politischen Parteien oder in Vereinen.

Dann ist man als Dieselfahrer der Sünder schlechthin; der Genussmensch, der gern ein gutes Stück Fleisch isst oder eine Zigarre qualmt und dem Wein zugeneigt ist: Ein unbeherrschter Fresser und Säufer. Vor allem, ein schlechtes Vorbild für Kinder, und jemand, der mit seiner Gesundheit fahrlässig umgeht. Gutsein sein heißt auf der richtigen Seite stehen, auf der anderen Seite sind die Bösen.

Gott als höchstes Gut?

Es gibt keinen Gott mehr als höchstes Gut, da muss der Mensch schon der bessere Gott sein (Homo Deus, Noah Harari) und mit gutem Beispiel vorangehen. Welch eine Überforderung, wenn der Mensch sich nicht mehr von Gott rechtfertigen und erlösen lassen will.

Der Prediger Salomo kritisiert das überhebliche Gutsein der Gutmenschen. Es schadet mehr als es nützt. 

Ethik statt Moralismus

Gleichzeitig brandmarkt der Prediger Menschen, die jegliches Maß einer guten Ethik und einer regelbasierten (Welt)ordnung hinter sich gelassen haben und leben, als gebe es nur sie selbst und ihre Bedürfnisse (oder die ihrer Gruppe). Sie achten nicht den Besitz und die Würde des anderen, sie übertreten Grenzen und Gebote, sie freuen sich diebisch, wenn ihr böses Treiben Angst und Schrecken verbreitet, sie achten nicht die Wahrheit und schließen jeden Pakt mit dem Teufel, solange es sich für sie rechnet. Kommen sie an die Macht, spielen sie mit Recht und Ordnung und Lüge wird in Wahrheit verkehrt.

Das rechnet sich aber nicht, hält ihnen der der Prediger vor. Sie bauen sich die Grube, in die sie fallen, selbst. Sie zerstören das Leben anderer und damit auch ihr Leben. Selbst wenn sie lang leben – und viele von ihnen leben länger als die Gerechten – sind sie doch Sklaven ihrer Bosheit, letztlich sind sie ein lebendiger Spiegel ihrer Gottlosigkeit.

Aber wenn alles im Leben eitel und ein Nichts ist, das Gute wie das Böse, und wenn dem Guten nicht zwangsläufig Gutes und dem Bösen nicht zwangsläufig Böses folgt – und wenn auch mit allem Einsatz für das Gute der Mensch das Ziel verfehlt und sogar verkehren kann, wenn also das Leben (dir) zeigt, es scheint egal zu sein, was du machst, es kommt sowieso anders als du denkst, woran soll sich der Mensch denn dann noch halten? Es ist dann doch alles egal – oder?

Ehrfurcht Gottes als Lebenshaltung

Der Prediger verfällt nicht in Resignation. Er nimmt das Leben wie es ist und kommt mit einer Antwort daher, die abständig erscheint angesichts seiner Erkenntnis: „alles ist eitel“. Seine Antwort ist so einfältig wie genial, weil sie trotz aller Vergänglichkeit und dem drohenden Nichts eine Orientierung bietet. Das Leben, das eine Mal schön und gut, das andere Mal bitter und böse, will gelebt sein in der „Ehrfurcht vor Gott.“  Selbst das Nichts, die Vergänglichkeit und der Tod werden dann in der „Ehrfurcht vor Gott“ gelebt. Die Furcht Gottes ist keine Furcht, die den Menschen erstarren lässt, sondern eine, die allem Irdischen Würde verleiht. Wir können nicht – und auch das ist Ehrfurcht vor Gott – hinter die Rätselhaftigkeit eines Planes Gottes (Vorsehung)) oder des Zufalls schauen. Die wahre Ehrfurcht Gottes verleiht Demut. Eine Demut, die sich in das Leiden der anderen und der gesamten Schöpfung einfühlt und das eigene oder fremde Schicksal nicht verurteilt oder gar unter Gottes Gericht stellt. Auch wenn es keine Garantie gibt, dass du empfängst, was du tust, hört ein Mensch, der sein Leben in Ehrfurcht vor Gott lebt, nicht auf das Gute zu suchen und zu tun. Der Mensch, der darum weiß, dass alles eitel ist und der gleichzeitig Gott die letzte Wirklichkeit sein lässt, achtet den anderen und sich selbst.

Ich schließe mit einem Gebet und Eduard Mörike:

„Herr, schicke was du willst. Ein Liebes oder Leides! Ich bin vergnügt, dass beides aus deinen Händen quillt. Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitte liegt holdes Bescheiden.“